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“Wegen mir liegt unser Glück in Scherben.”
Als Rebecca zum ersten Mal seit Beginn ihres Studiums in ihre Heimatstadt Brokenville zurückkehrt, rechnet sie nicht damit, direkt am ersten Tag mit ihrer Vergangenheit konfrontiert zu werden. Die Begegnung mit Ray reißt die alten Wunden ihrer schmerzhaften Trennung wieder auf, lässt aber auch verdrängte Gefühle wieder aufleben.
Dabei hätten die letzten drei Jahre für Ray und Bec nicht unterschiedlicher verlaufen können. Während Bec ihr Leben in New York in vollen Zügen auskostete und sich voller Vorfreude auf jedes neue Abenteuer einließ, geriet Ray nach dem Beziehungsende in einen Strudel aus Schuldgefühlen und schlechten Entscheidungen.
Doch obwohl ihr einstiges Glück in Scherben liegt, kann Bec nicht anders, als sich zu fragen, ob ein Neuanfang genau das ist, was sie beide brauchen. Ihr Herz weiß, was sie will. Doch wie soll sie ihren Kopf davon überzeugen, ihrer Liebe eine neue Chance zu geben?
Der Auftakt der New Adult Romance-Reihe “Brokenville” zeigt, zu was die Liebe fähig sein kann, wenn sie eine zweite Chance erhält.
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Veröffentlichungsjahr: 2024
Verlag:
Zeilenfluss Verlagsgesellschaft mbH
Werinherstr. 3
81541 München
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Texte: Klara Juli
Cover: Zeilenfluss
Korrektorat: TE Language Services – Tanja Eggerth
Satz: Zeilenfluss
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Alle Rechte vorbehalten.
Jede Verwertung oder Vervielfältigung dieses Buches – auch auszugsweise – sowie die Übersetzung dieses Werkes ist nur mit schriftlicher Genehmigung des Verlags gestattet. Handlungen und Personen im Roman sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen sind rein zufällig und nicht beabsichtigt.
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ISBN: 978-3-96714-406-2
Für alle, die täglich gegen ihre inneren Dämonen kämpfen.
Ihr seid Helden!
Another Love – Tom Odell
Leave a light on – Tom Walker
Someone you loved – Lewis Capaldi
Love the way you lie – Eminem, Rihanna
Bruises – Lewis Capaldi
2002 – Anne-Marie
Control – Zoe Wees
Liebe Leser*innen,
ich möchte euch darauf aufmerksam machen, dass dieses Buch einige Elemente enthält, die unter Umständen triggern können.
Die Themen, die angesprochen werden, sind facettenreich und äußern sich bei jedem und jeder anders. Auch der Umgang damit ist ganz unterschiedlich.
Die Triggerthemen findet ihr unter zeilenfluss.de/product/die-scherben-unseres-gluecks/, da sie Spoiler fürs ganze Buch enthalten.
Bitte achtet beim Lesen auf euch und eure Gefühle!
Ich wünsche euch schöne Lesestunden mit Ray und Bec.
Unzählige Tränen rinnen über ihre rundlichen Wangen. Ihre Sommersprossen schimmern unter der Feuchtigkeit, bevor sie mit ihrem Handrücken darüberwischt. Ihre karamellbraunen Augen sind rot unterlaufen, die tiefen Augenringe verraten mir, wie wenig sie in den letzten Tagen geschlafen hat. Sie spiegeln mir nicht nur Schmerz, sondern vor allem Hass wider.
Becs Anblick lässt mir das Blut in den Adern gefrieren. Sie so leiden zu sehen, macht mich fertig. Mein Herz zieht sich mit jeder Träne, die über ihre Wangen läuft, noch mehr zusammen. Die Wut über mich selbst klammert sich wie eine Klaue um meinen Brustkorb und schnürt mir die Kehle zu.
»Wieso?« Im Gegensatz zu ihrem Erscheinungsbild ist Becs Stimme laut und kräftig. »Warum hast du es jeden anhören lassen?« Sie steht dicht vor mir, hat die Arme um sich geschlungen.
»Ich …« Räuspernd versuche ich, den Knoten in meinem Hals hinunterzuschlucken, um besser atmen zu können. Was soll ich ihr schon sagen? Wie leid es mir tut? Oder lieber, was für ein Arschloch ich bin? Dass ich ihr Herz in tausend Scherben zerbrochen habe? Dass ich uns zerstört und ihr Vertrauen missbraucht habe?
»Es tut mir leid«, flüstere ich schließlich. Ganz leise, um von meiner Unsicherheit abzulenken.
Fassungslos starrt sie mich an. »Mehr hast du nicht zu sagen?« Ein Sturm aus Hass, Wut und Enttäuschung tobt in ihr. Sie zieht die Schultern hoch, ballt die Hände zu Fäusten.
Mit einem Mal fühle ich mich wie ein Häufchen Elend neben ihr. Mir ist unbegreiflich, wie ich nur so dumm sein konnte. Ich habe nicht nur unsere Beziehung zerstört, sondern auch sie.
»Nein«, erwidere ich ehrlich. Mir ist bewusst, dass sie etwas anderes erwartet hätte, aber was kann ich ihr schon sagen?
In diesen Sekunden ist es, als könnte ich ihr Herz zerbersten hören. Wie Porzellan, das auf den Boden fällt und in tausend Scherben zerspringt. Die Anspannung aus ihren Schultern schwindet, als hätte ich ihr bewiesen, wie scheiße ich bin. Als hätte ich ihr mein wahres Gesicht gezeigt.
Vorsichtig hebe ich die Hand und strecke sie nach ihr aus. Ich wünsche mir nichts sehnlicher, als sie zu berühren. Mir wäre nichts lieber, als sie zu trösten und mein dummes Verhalten wiedergutzumachen. Sie in den Arm zu nehmen und ihre Tränen wegzuwischen. Ihr übers Haar zu streicheln und sie auf den Scheitel zu küssen. Für sie da zu sein und sie nicht mehr loszulassen. Viel zu sehr quält es mich, sie so leiden zu sehen.
Sobald meine Hand in ihrer Reichweite ist, weicht sie angewidert zurück.
»Ist das dein Ernst?« Ihre Stimme bebt. Ihre Arme hängen kraftlos an ihr herab, als würde eine schwere Bürde auf ihr liegen, die sie nicht mehr tragen kann.
Und diese Last bin ich.
Zu spät merke ich, wie sich meine Fingernägel in meine Handflächen bohren. Für wenige Sekunden verschafft mir dieser stechende Schmerz Erleichterung. Er lenkt mich von meiner belasteten Seele ab und erinnert mich daran, dass ich nicht nur eine gefühllose Hülle bin.
»Ich …«, setze ich erneut an. Doch sobald ich etwas sagen möchte, verpuffen meine Gedanken. Es erscheint mir unmöglich, auch nur ein klares Wort in meinem Kopf einzufangen.
Was kann ich schon sagen? Es war ein riesiger Fehler, der sich nicht wieder rückgängig machen lässt.
»Ich … habe Mist gebaut.« Die Hände vergrabe ich in den Hosentaschen, wobei mir ein Pochen deutlich zeigt, wie fest sich meine Nägel in meine Haut gebohrt haben. »Es … war ein Fehler, dass ich mich darauf eingelassen habe.«
»Da kommst du aber früh drauf.« Ihre Stimme trieft vor Ironie. »Du Arschloch hast mir das Herz gebrochen! Ich habe dir vertraut! Mit dir die schönsten Momente meines Lebens verbracht! Und du? Ja, du hast mein Vertrauen einfach mit Füßen getreten und es ausgenutzt, wie es dir eben gerade gepasst hat!«
»Was willst du von mir hören?« Verzweifelt raufe ich mir die Haare, wohl wissend, dass ich mich nicht mehr retten kann. Dass ich uns nicht mehr retten kann.
»Tja.« Sie runzelt die Stirn. »Da gibt es so vieles und doch würde ich am liebsten nie wieder mit dir sprechen.« In ihren Augen blitzt Wut auf. »Du hast es gar nicht verdient, dass ich dich überhaupt noch anschaue! Geh mir gefälligst aus dem Weg und lass mich in Ruhe! Du bist es nicht wert!«
Ihre Worte treffen mich. Zorn überkommt mich. Sie hat so verdammt recht! Ich bin es nicht wert, dass sie mich noch ansieht. Ich bin es nicht wert, dass sie überhaupt noch mit mir spricht. Ich bin es nicht wert, dass sie jemals an meiner Seite war oder es wieder ist.
Und trotzdem stehe ich hier und flehe sie an. »Bitte, lass es mich erklären.« Erneut möchte ich nach ihr greifen, aber sie zuckt zurück.
»Fass. Mich. Nicht. An.«, zischt sie.
Mit dem Ärmel ihres Pullis wischt sie sich die Tränen von den Wangen. Anschließend richtet sie sich auf und starrt mich aus kalten, leeren Augen an.
Unwillkürlich fröstle ich.
»Das kannst du dir sparen«, hallt ihre Stimme durch den Flur. »Ich bin fertig mit dir.«
Ohne mich erneut anzusehen, dreht sie sich um. Schnellen Schrittes läuft sie den Gang entlang zur Tür. Als Letztes erkenne ich, wie sie die große Flügeltür der Schule öffnet und ins Freie hinaustritt.
Der Druck um meine Brust wird unendlich, als ich sie nicht mehr sehe. Es fühlt sich an, als hätte sie mein Herz mitgenommen. Als würde sie mich allein lassen, dabei habe ich es nicht anders verdient.
Noch immer stehe ich im Flur, die Hände wieder zu Fäusten geballt.
Du hast es gar nicht verdient, dass ich dich überhaupt noch anschaue! Ihre Worte wiederholen sich in Dauerschleife in meinem Kopf. Unaufhörlich muss ich an das Pulsieren in ihren Iriden denken. Diesen Hass, den sie mir deutlich gezeigt hat. Diese Abweisung. Diese Kälte.
Wie ein Knoten liegt die Wut in meinem Magen. Wieso? Warum habe ich ihr das nur angetan und uns zerstört?
Mit der Faust schlage ich gegen die körnige Wand. Augenblicklich platzen meine Fingerknöchel auf. Das Blut tropft über meine Finger, während ich erneut auf sie eindresche. Ein Knirschen zerreißt die Stille, doch das ist mir egal. Mir ist vollkommen gleichgültig, dass hier das Blut meiner Hand über die Betonwand rinnt. Der Schmerz, den ich dank der Wunde verspüre, ist bedeutungslos.
Ich bin schuld daran, dass das Mädchen meines Herzens leidet.
Allein ich bin dafür verantwortlich, dass sie über meinen Verrat hinwegkommen muss.
Wegen mir liegt unser Glück in Scherben.
»Musst du wirklich gehen?« Ted hat seinen nackten Körper eng an meinen geschmiegt, so dass seine Erregung an meinen Oberschenkel drückt.
»Ja«, flüstere ich und sehe ihn an. Seine braunen Augen zeigen mir deutlich, dass er sich wünscht, ich würde bleiben. Kurz verhaken sich unsere Blicke, bevor ich ihn sanft von mir schiebe und aufstehe. Ich sammle meine Kleidung vom Boden auf, schlüpfe hinein und binde mein Haar zu einem Zopf.
Ted steht ebenfalls auf. Nackt wie er ist, kommt er auf mich zu und legt mir seine Arme um die Schultern. Seine Hand in meinem Nacken zieht er mich zu sich und drückt seine Lippen auf meine.
»Okay«, haucht er.
Sanft schiebe ich ihn von mir und lächle ihn schmal an. »Wir telefonieren, sobald ich angekommen bin.« Ihm zuzwinkernd, greife ich nach meiner Tasche.
»Fahr vorsichtig.« Er begleitet mich zu seiner Wohnungstür, und ich trete in den Flur des Altbaus.
»Mache ich.« Ehe ich die Treppe mit eiligen Schritten hinunterlaufe, schenke ich ihm ein letztes Lächeln.
Ob ich weiß, dass Ted mehr für mich empfindet?
Ja!
Ob ich das erwidere?
Nein.
Vor fast einem Jahr haben wir uns am College kennengelernt. Ein paar gemeinsame Freunde haben uns einander vorgestellt, und irgendwie haben wir zueinander gepasst. Ich mag ihn unheimlich gern und konnte mich erstaunlich schnell auf ihn einlassen. Hin und wieder habe ich sogar mit dem Gedanken gespielt, eine Beziehung mit ihm einzugehen. Aber das kann ich nicht. Auch wenn ich anfangs dachte, es läge an meiner Vergangenheit, habe ich mit der Zeit festgestellt, dass es noch einen anderen Grund gibt: Ich will mich nicht binden. Ich fühle mich nicht bereit dazu, etwas Festes mit Ted zu haben. Ob es an ihm liegt oder an mir, kann ich nicht genau sagen.
Durch eine hölzerne Eingangstür trete ich in das hektische Geschehen New Yorks. Hier reihen sich die Hochhäuser dicht aneinander. Eins größer als das andere, als gäbe
es einen Wettbewerb, welches Haus am höchsten ist. Eigentlich verrückt, wie größenwahnsinnig die Stadt ist.
Neben den riesigen Gebäuden findet man zahlreiche Autos, die sich wie Blechkisten aneinanderreihen und von einem Stau in den nächsten gelangen. Mir graut es davor, mich gleich in meinen Wagen zu setzen, gemeinsam mit Lizzy Einkäufe für Ms Warren zu tätigen und diese anschließend bei ihr vorbeizubringen. Danach werden wir den Heimweg antreten. Den Weg zu unseren Eltern in den kleinen Ort Brokenville, der sich mitten im Nirgendwo verbirgt und eng mit meiner Vergangenheit verknüpft ist. Ein Lebensabschnitt, den ich am liebsten vergessen würde, weil er mir so viel genommen hat.
Zu Fuß laufe ich zu der Wohnung, die ich mir mit meiner besten Freundin Lizzy teile. Schon in der Highschool haben wir uns geschworen, gemeinsam das College in New York zu besuchen. Koste es, was es wolle.
Jetzt wohnen wir seit bald drei Jahren hier und ich kann mich noch immer nicht damit anfreunden. Die Stadt ist mir zu groß, zu laut und vor allem zu hektisch. An manchen Tagen fühle ich mich erdrückt von all den Reizen, die auf mich einprasseln. Hier und dort Werbeplakate. Die vielen Autos auf den Straßen. Die Abgase, die in die Luft steigen. Die Massen an Passanten, die täglich über die Fußwege laufen.
Noch ein Jahr, sage ich mir selbst, dann hast du es geschafft!
Schon bald werde ich mein Studium beenden, und anschließend mischen sich die Karten neu. Was dann kommt? Keine Ahnung.
Vor unserem Wohnhaus angekommen, gehe ich hinein und nehme die Treppe in den fünften Stock. Wir sind damals durch Zufall auf diese Wohnung gestoßen, als wir die Anzeigen durchgingen. Erst hatten wir geplant, in ein Wohnheimzimmer zu ziehen. Nachdem die Räume schnell weg waren, mussten wir uns nach einer Alternative umsehen. Auf einem Internet-Portal haben wir gesehen, dass Studenten ihr Apartment aufgaben, weil sie ihr Studium beendet hatten. Wir sahen das als unsere Chance und bewarben uns. Bei einem Besichtigungstermin stellte sich heraus, dass die Wohnung sogar einer Bekannten von Lizzys Eltern gehört. Wir bekamen sie zugesprochen und konnten keine zwei Monate später einziehen.
Es tat wirklich gut, Brokenville und damit der Vergangenheit den Rücken zu kehren.
»Da bist du ja endlich«, ertönt die Stimme meiner besten Freundin, als ich die Wohnungstür öffne, »wir wollten um drei Uhr los.« Sie sieht mich böse an und deutet mit einem Nicken auf die Uhr, die in unserem schmalen Flur hängt. »Das war vor fünfzehn Minuten.«
»Sorry.« Ich laufe augenblicklich rot an. »Ted ist wirklich anhänglich.« Beschämt zucke ich mit den Achseln und gehe direkt in mein Zimmer. Dort lasse ich die Tasche mit dem Unikram auf den Stuhl am Schreibtisch sinken und atme tief durch.
»Ich habe sogar den Einkauf für Ms Warren erledigt.« Lizzy steht hinter mir im Türrahmen und beäugt mich kritisch. »Die Sachen habe ich in dein Auto gebracht, damit wir es nur bei ihr abliefern müssen.«
Ich drehe mich um. »Danke«, hauche ich. »Ich …« Mit den Händen fahre ich mir durchs Haar, während mein Herz in einem aufgeregten Galopp schlägt.
»Ist es so schlimm?« Meine Freundin kommt zu mir und legt mir ihre Hand auf die Schulter. Seit ich weiß, dass wir nach Hause fahren, verspüre ich ein Kribbeln in meinem Bauch. Lizzy, der das nicht entgangen ist, hat mich oft darauf angesprochen und mich versucht zu beruhigen. Meistens kam es nur kurz und verging wieder, aber jetzt, da unsere Rückkehr kurz bevorsteht, wird es schlimmer.
»Ja.« Ich seufze. »Irgendwie bin ich unglaublich nervös.«
»Hey«, flüstert meine beste Freundin, »das ist vollkommen in Ordnung. Ich denke, es ist normal, weil wir zum ersten Mal seit drei Jahren wieder nach Hause fahren. Hier in New York gibt es nichts, was dich an ihn erinnert.« Sie legt mir eine Hand um die Schultern. »Trotzdem solltest du versuchen, an die schönen Dinge zu denken, die dich in Brokenville erwarten. Deine Eltern, meine Eltern, unsere Freunde.« Lizzy lächelt mich aufmunternd an.
»Du hast recht.« Ich versuche, die Mundwinkel zu heben. »Dann mal los.« Sanft löse ich mich aus unserer Umarmung und greife nach der Reisetasche, die bereits gepackt in der Ecke steht.
»Ich hole schnell meine Sachen.« Sie eilt aus meinem Zimmer, wobei ihre roten Locken wippen.
In der Zwischenzeit kontrolliere ich nochmal, ob alle Fenster geschlossen und sämtliche Elektrogeräte vom Strom genommen sind. Auch wenn Ted jeden Tag die Post leert und unsere Blumen gießt, möchte ich einfach auf Nummer sicher gehen.
»Wir können«, ruft Lizzy aus dem Flur. An das Treppengeländer gelehnt wartet sie im Hausgang.
Ich atme noch einmal tief durch, bevor ich die Wohnungstür hinter mir absperre und Lizzy folge, die bereits die Stufen hinunterläuft.
Unser erster Stopp ist bei Ms Warren. Ich stelle den Wagen auf einem Seitenstreifen ab, damit wir die Papiertüten in ihre Wohnung bringen können. Als wir bei ihr ankommen, freut sie sich riesig darüber, uns zu sehen.
»Danke, meine Mädchen.« Sie schenkt uns ein fröhliches Lächeln und nimmt die Einkäufe entgegen. »Ich bin wirklich froh, dass ich euch habe.«
»Ach, das ist doch keine große Sache«, wiegle ich ab.
Ms Warren neigt dazu, sehr überschwänglich zu reagieren. So war es auch bei unserer ersten Begegnung im Supermarkt, als ich ihr half, ein Gurkenglas aus dem obersten Regal zu holen. Sie bedankte sich tausendmal bei mir und wollte mir gleich ein Stück Kuchen als Dankeschön kaufen. Obwohl ich ihr oft sagte, dass das wirklich keine große Sache sei, bestellte sie mir schließlich ein Stück Torte.
Wir trafen uns noch ein paarmal im Supermarkt und jedes Mal holte ich ihr dieses Glas aus dem Regal. Irgendwann erzählte mir Ms Warren, dass sie eigentlich eine Haushaltshilfe für Einkäufe einstellen wollte, aber bisher nie eine geeignete Person dafür fand. Sie fragte mich, ob ich das übernehmen möchte. Nachdem ich zu diesem Zeitpunkt gerade neu in der Stadt war und Lizzy und ich von jeglichen Einnahmen abhängig waren, stimmte ich sofort zu. Immerhin hatte ich fast mein komplettes finanzielles Polster aufgebraucht und brauchte langsam einen Job.
Seitdem versorge ich Ms Warren zweimal in der Woche mit Lebensmitteln und helfe ihr einmal wöchentlich im Haushalt. Im Laufe der Zeit hat sich dabei sogar eine Art Freundschaft entwickelt.
»Doch, das bedeutet mir viel!« Sie strahlt. »Deswegen habe ich eine Kleinigkeit für euch.« Ms Warren holt eine kleine Tasche aus ihrer Kammer im Flur. »Da ihr eine lange Autofahrt vor euch habt, habe ich mir gedacht, dass ein Proviant nicht schaden könnte.« Grinsend drückt sie mir die Tasche in die Hand.
Kurz werfe ich einen Blick hinein und erkenne allerlei Kuchen, Sandwiches und Süßigkeiten. Während der dreistündigen Autofahrt werden wir kaum die ganzen Lebensmittel aufessen.
»Ach!« Lizzy schaut ebenfalls in die Tasche. »Das wäre doch nicht nötig gewesen.«
»Doch! Ich kann nicht dulden, dass ihr vom Fleisch fallt«, widerspricht die ältere Dame. »Und jetzt halte ich euch nicht länger auf und lasse euch fahren. Ich wünsche euch eine tolle Zeit.« Zum Abschied nimmt sie uns kurz in den Arm. »Fahrt mir bloß vorsichtig.«
»Danke, das werden wir«, verspreche ich ihr. »Und Sie passen gut auf sich auf!«
Wir verabschieden uns von Ms Warren und steigen wieder in meinen Toyota Corolla.
»Die Frau ist doch verrückt!« Lizzy hat sich auf den Beifahrersitz gesetzt und schnallt sich an, während ich das Auto aus der Parklücke lenke. »Sie hat uns alles Mögliche zum Essen mitgegeben! Sandwiches, Cupcakes, Gummibärchen –«
»So ist sie eben«, erwidere ich. »Was meinst du, wie viel sie mir zum Essen anbietet, wenn ich ihr im Haushalt helfe? Ich komme kaum drum herum, dass ich mich mit ihr hinsetze und zu Mittag esse.«
»Tja, dir schadet es auch nicht.« Sie lacht.
»Pff! Was soll das denn heißen?«, frage ich sie empört. In ihren Augen bin ich viel zu dünn. Dabei bringe ich mit meinen einen Meter siebzig knapp achtundfünfzig Kilo auf die Waage und bin damit wirklich zufrieden.
Lizzy zuckt mit den Achseln und greift beherzt in die Tüte von Ms Warren. Sie holt in Folie gewickelte Sandwiches hervor und packt sie aus. Anschließend beißt sie davon ab.
»Mhhhh«, macht sie, »die schmecken so lecker.«
Ich schüttle nur grinsend den Kopf über meine Freundin.
Langsam reihe ich mich in eine Schlange aus Autos ein. Um auf den Highway zu gelangen, müssen wir durch die dicht befahrenen Straßen New Yorks. Es ist so viel Verkehr, dass ich wirklich froh bin, die meisten Strecken zu Fuß oder mit meinem Fahrrad zurücklegen zu können.
»Boah«, fluche ich, als das Fahrzeug vor mir abrupt abbremst, »wieso lassen die Leute ihr Auto nicht einfach stehen, wenn sie nicht fahren können?« Ich beobachte durch die Frontscheibe, wie der Fahrer vor mir fies grinst.
»Hey«, meint Lizzy, »er fährt immerhin einen Sportwagen und muss ihn zur Schau stellen.«
»Schön«, brumme ich. »Dann soll er aber auch aufs Gas gehen, wenn’s grün wird.« Ich deute mit dem Kinn auf die Ampel, die rot leuchtet.
Genervt rolle ich mit den Augen, als das Lichtsignal auf Grün umschaltet und der Fahrer in seinem Sportwagen nicht losfährt.
»Wird’s heut noch?« Mit der flachen Hand drücke ich auf die Hupe, was mir den Mittelfinger des Autofahrers vor mir beschert.
»Du mich auch, Arschloch«, rufe ich und fahre ihm dicht auf. Der Fahrer vor mir zwinkert mir bloß zu, während meine Wut ins Unermessliche steigt. Er soll endlich seine blöde Karre fortbewegen!
Letztlich schafft er es, seinen Sportflitzer zum Fahren zu bringen. Keine Ahnung, was er für ein Problem hat, aber es nervt mich tierisch. Es kann doch wohl nicht so schwer sein, das Gaspedal zu treten!
»Bleib gelassen«, meint Lizzy mit einem Grinsen auf den Lippen, »solche Leute lieben es, jemanden wie dich auf die Palme zu bringen.«
»Na danke.« Ich schnalze mit der Zunge.
Die Reifen meines Toyota Corolla quietschen, als ich eng um die Kurve fahre. Der Autofahrer vor mir fährt betont langsam und erst auf dem Highway braust er davon.
So ein Idiot.
Mit meinem Fuß trete ich das Gaspedal komplett durch und flitze ebenfalls über die Straßen. Es ist später Nachmittag, was bedeutet, dass der gröbste Feierabendverkehr schon vorbei ist. Die meisten Leute sind zuhause und genießen ein gemeinsames Abendessen mit ihrer Familie oder gönnen sich ein Glas Wein mit ihren Freunden.
Zuhause.
Mein Herz verkrampft sich. Einerseits freue ich mich darauf, meine Eltern wiederzusehen. Andererseits habe ich Angst vor dem, was auf mich wartet. Die ganzen Erinnerungen, die in mir wachgerüttelt werden, obwohl es mir in New York gut damit geht.
In den letzten Jahren war ich nie bei meinen Eltern, weil ich in den Semesterferien gearbeitet habe, um meine Studiengebühren bezahlen zu können. Während des Semesters wollte ich mich komplett auf das Studium konzentrieren, weshalb ich die Ferien für Jobs nutzte. Über Weihnachten traf ich meine Familie bei Granny, die in der Nähe von New York lebte. Erst als sie sich vor wenigen Wochen eine Verletzung am Arm zuzog, entschieden meine Eltern, sie zu sich nach Hause zu holen, um sie im Alltag zu unterstützen. Das ist der Grund, weshalb ich jetzt zum ersten Mal wieder nach Brokenville fahre.
»Hey.« Lizzy stupst mich in den Oberarm. »Du denkst zu viel nach.«
Ich seufze.
»Es gibt gar keinen Grund dafür. Vielleicht wird es gar nicht so schlimm, immerhin ging es dir in New York wirklich gut und du hast ihn zeitweise vergessen«, versucht sie mich aufzumuntern.
In meinem Bauch bildet sich ein Knoten. Ja, ich habe ihn zeitweise vergessen. Dachte ich. Manchmal haben sich seine wunderschönen grünen Augen, die mich immer an das Schilf am Ufer eines Sees erinnert haben, in meine Gedanken und Träume geschlichen. Ein sattes Grün, das von der Sonne angestrahlt wird und leuchtet. Die gebräunte Haut bildet einen perfekten Kontrast zu seiner hervorstechenden Augenfarbe, welche durch die schwarzen Locken, die sein Gesicht umrahmen, unterstrichen wird.
»Becca.« Lizzys Stimme holt mich wieder in die Realität.
»Mh?« Ich wende den Blick für eine Sekunde zu ihr.
»Das wird schon«, spricht sie mir gut zu.
Tief atme ich ein und wieder aus, wobei ich mir vorstelle, dass ich die Gedanken an ihn weit wegpuste. »Ja.«
Nach einer dreistündigen Fahrt kommen wir endlich in Brokenville an. Dort bringe ich Lizzy direkt zu ihren Eltern, die gleich am Rand der Stadt wohnen.
»Also«, sagt sie, nachdem sie ihre Tasche aus dem Kofferraum geholt hat, »wir sehen uns morgen.«
An mein Fahrzeug gelehnt, beobachte ich meine Freundin. »Ja, genau.«
Für den morgigen Abend hat sie geplant, dass wir uns mit unserer Highschool-Clique in Taylors Pub, dem einzigen Pub des Ortes, treffen.
»Schreib mir, wenn du zuhause bist.« Sie nimmt mich in den Arm. »Ich werde dich echt vermissen.«
»Jetzt werde bloß nicht sentimental«, necke ich sie und lache.
»Hey, ich habe mich einfach an dich gewöhnt«, empört sie sich und stimmt in mein Lachen ein. »Immerhin haben wir drei Jahre beinahe Tag und Nacht zusammen verbracht.«
»Klar.« Grinsend schiebe ich sie zum Tor, das in den Vorgarten ihres Elternhauses führt.
»Ist ja gut.« Augenrollend schnappt sie sich ihre Tasche. »Bis morgen!«
»Bis morgen«, verabschiede ich mich und setze mich auf den Fahrersitz.
Ich lenke das Auto auf die Hauptstraße und mache mich auf den Weg zu meinen Eltern. Von Minute zu Minute werde ich nervöser. Es ist merkwürdig, nach all der Zeit wieder hier zu sein. Nach allem, was passiert ist, wollte ich den Ort hinter mir lassen und nie wieder zurückkehren. Umso verrückter ist es, dass ich jetzt doch hier bin – und es mir damit gut geht.
Spontan beschließe ich, einen Umweg über meinen Lieblingsplatz am nahegelegenen See von Brokenville zu machen. Dort parke ich den Wagen auf einem Parkplatz und steige aus.
Obwohl die Sonne bereits untergegangen ist, laufe ich zu der Lichtung, an der ich vor drei Jahren viel Zeit verbracht habe. Zuerst verspüre ich Angst, dass mich die Erinnerungen doch noch überwältigen. Als ich allerdings am See ankomme und mich der Duft der Natur einhüllt, fühle ich mich … gut.
Am Ufer setze ich mich auf das Gras und zupfe ein Schilfrohr ab. Zwischen Zeigefinger und Daumen zwirble ich den Halm, während ich nachdenke. Die Augen lasse ich über das Wasser schweifen. Es ist umsäumt von Bäumen und gibt einen schönen Blick auf das Ufer des Sees frei. Das Schilf bietet Sichtschutz und nur ein schmaler Pfad führt in den See. Der Ort ist so still, dass ich in mich kehren und meinen Gedanken Raum geben kann.
Die Geschehnisse von vor drei Jahren ploppen in meinen Gedanken auf. Ich kann nicht anders, als wieder an all das zu denken. Seine Augen. Die schmalen Lippen. Sein Lächeln. Sein Lachen, das durch meinen Kopf hallt. Die Wut in seinem Gesicht, als ich ihn mit seinem Verrat konfrontiert habe. Seine Sprachlosigkeit, weil er nicht wusste, wie er sich bei mir entschuldigen soll.
Lange Zeit habe ich damit gekämpft, so verletzt worden zu sein. All der Schmerz, die Enttäuschung und auch der Hass sind noch da, das spüre ich. Aber nicht mehr so intensiv wie früher. Vielleicht bin ich endlich darüber hinweg. Nachdem ich mir die erste Zeit in New York die Augen ausgeheult habe, ist da nur noch eine kleine Flamme negativer Gefühle, die in mir lodert.
Ich seufze. Vielleicht habe ich es endlich geschafft. Vielleicht hat die Zeit meine Wunden geheilt.
Mit diesem Gedanken werfe ich den Halm ins Wasser, stehe auf und klopfe mir den Staub von meiner Jeans. Anschließend laufe ich zum Auto und fahre los. Ein immer wiederkehrendes Klacken lässt mich kurze Zeit später mitten auf der Straße innehalten.
Ein ungutes Gefühl überkommt mich, als ich aussteige und die Geräuschquelle suche. Ich sehe, dass die Luft aus meinem linken Vorderreifen komplett entwichen ist. An der Unterseite erkennt man einen Nagel, der sich im Gummi des Reifens verkeilt und einen Riss hinterlassen hat.
»Mist!«, fluche ich und klatsche mir mit der Hand gegen die Stirn.
Ich hole mein Handy hervor und wähle Dads Telefonnummer.
»Hallo mein Engel.« Bei seiner Stimme wird mir warm ums Herz.
»Hi Dad.« Ich muss lächeln. »Es gibt da ein Problem.«
»Was ist los?« Die Verwirrung ist ihm deutlich anzuhören.
»Ich bin in einen Nagel gefahren, der mir den Reifen aufgerissen hat.« Missmutig betrachte ich den Schaden an meinem Toyota.
»Wo bist du?«
»Ich habe einen kurzen Abstecher zum See gemacht.«
»Wir können erst in einer dreiviertel Stunde da sein«, meint Dad, »wir sind eben erst von Granny losgefahren.« Da fällt mir wieder ein, dass sie Granny heute Nachmittag besuchen wollten, die im Laufe der nächsten Woche auch wieder nach Hause kommt. Nach der OP ihres komplizierten Armbruchs begab sie sich direkt in eine Rehaklinik, wo sie an vielen Therapien teilnehmen muss, um den Großteil der Mobilität ihres Arms wiederzuerlangen.
Frustriert reibe ich mir über die Stirn.
»Ruf im Grays an«, schlägt Dad nach einer Weile des Schweigens vor. »Ich bin mir sicher, dass Grayson deinen Wagen abschleppt.«
Bei dem Namen setzt mein Herz für einen Moment aus. Obwohl es mir besser geht, hatte ich dennoch gehofft, nicht gleich am ersten Tag direkt mit den Grays konfrontiert zu werden.
»Ich probiere es erst noch bei Lizzy, vielleicht kann sie mir helfen«, meine ich.
Obwohl Dad protestiert, wimmle ich ihn ab und wähle sofort die Nummer meiner besten Freundin. Sie hebt nach dem dritten Läuten ab.
»Was gibt’s? Hast du schon Sehnsucht?« Das Grinsen in ihrer Stimme ist kaum zu überhören.
»Na ja, ich habe einen Platten und komm hier nicht weg«, sage ich etwas zu barsch.
»Oh …« Gleichzeitig höre ich im Hintergrund eine laute Stimme und ein Lachen. »Leider bin ich schon mit Layla losgezogen … Sie wollte meine Ankunft auf der Party ihres Mitschülers feiern.«
Brummend presse ich die Kiefer aufeinander. »Ja, ist gut.«
»Ruf doch bei –«, setzt Lizzy an, aber ich falle ihr hastig ins Wort.
»Ja, ich hab’s verstanden. Ich werde bei den Grays anrufen und nachfragen. Wir sehen uns morgen.«
Nachdem sie sich verabschiedet hat, bleibt mir nichts anderes übrig, als die Nummer der Grays rauszusuchen. Seit meiner Trennung von Ray habe ich sämtliche Kontaktdaten der Familie gelöscht. Deswegen suche ich im Internet nach der Telefonnummer und stelle fest, dass es noch immer die gleiche ist, die ich damals unzählige Male gewählt habe, wenn ich mich nach seiner Stimme gesehnt habe.
Mein Herz zieht sich zusammen.
Bevor ich auf die Nummer klicke, atme ich tief durch. Das Freizeichen ertönt und ich rechne nicht damit, dass jemand rangeht, immerhin haben wir schon nach acht Uhr abends. Es läutet fast eine Minute lang, ehe ich ein Knacken in der Leitung höre.
»Gray.« Die vertraute Stimme löst gemischte Gefühle in mir aus. Ich fühle mich plötzlich in die Vergangenheit zurückversetzt. Grayson, der Vater meiner ersten großen Liebe, ist am Telefon.
Bevor ich antworten kann, muss ich hart schlucken.
»Hier ist Rebecca. Mein … Mein Auto hat einen Platten«, stammle ich.
»Rebecca?« Die Verblüffung in der rauen Stimme ist kaum zu überhören. »Rebecca White?«
»Ja.« Emotionen wirbeln durch mich, aber keinesfalls schlechte. Vielmehr Aufregung und Vorfreude, Grayson wiederzusehen.
»Wo bist du?«, hakt er nach.
»Am See«, erwidere ich. »Ein paar hundert Meter Richtung Ortskern.«
»Okay, in fünf Minuten bin ich da.«
»Danke.« Wir verabschieden uns voneinander.
Mit einem mulmigen Gefühl in der Magengegend lehne ich mich an mein Auto und ziehe meine Jacke enger um mich. Wie Grayson wohl reagieren wird? Wird es komisch sein, den Vater meines Ex-Freundes wiederzusehen? Ob es sich wohl so anfühlen wird wie früher, als ich beinahe meine gesamte Freizeit bei ihnen war?
Obwohl fünf Minuten später Graysons Pick-up vorfährt, scheint sich die Zeit in die Länge zu ziehen, als wäre sie ein Kaugummi. Der Strudel meiner Gedanken wird erst durchbrochen, als sich die Autotür öffnet und ein älterer Mann mit schütterem Haar aussteigt.
»Hallo Rebecca!« Freudestrahlend begrüßt mich Grayson. »Schön, dich zu sehen!« Wie selbstverständlich umarmt er mich. Der schwache Geruch nach Öl und Werkstatt erinnert mich an die vielen Stunden, die ich mit ihm in der Garage verbracht habe.
Unwillkürlich treten mir Tränen in die Augen, weil mir bewusst wird, wie sehr ich ihn vermisst habe. Neben Dad spielte Grayson immer eine sehr wichtige Rolle in meinem Leben. Nach all der Zeit stelle ich mir die Frage, ob es richtig war, nicht nur den Kontakt zu meinem Ex abzubrechen, sondern ebenfalls zu seiner Familie. Schließlich haben sie nichts mit alldem zu tun.
»Hallo Grayson.« Nachdem ich ihn noch einmal an mich gedrückt habe, löse ich mich von ihm. »Wie geht es dir?«
»Unkraut vergeht nicht.« Er zwinkert mir zu. »Wie geht es dir? Hast du genug von New York?«
»Mir geht es super«, erwidere ich. »Ich nehme mir nur eine Auszeit vom Trubel der Großstadt.«
»Genieß sie.« Grayson holt eine Taschenlampe aus seiner Tasche und beleuchtet meinen Wagen. »Wo liegt denn das Problem?«
Mit der Hand deute ich auf meinen rechten Vorderreifen. »Ich habe einen Platten und keinen Ersatzreifen.«
Grayson beleuchtet den Autoreifen, wobei ein silbernes Metallstück im Licht der Taschenlampe leuchtet. »Oh, den hast du mies erwischt«, meint er und holt die Utensilien, die er zum Abschleppen braucht aus seinem Auto. Während er von seinem Wagen zu meinem läuft, fällt mir auf, wie schwerfällig sein Gang geworden ist.
Hat er Schmerzen?, frage ich mich.
Der gequälte Ausdruck, der beim Befestigen der Abschlepphilfe über sein Gesicht huscht, bestätigt meinen Verdacht.
»Ist alles okay?« Ich kann nicht anders, als ihn zu fragen.
»Ja«, ächzt er, »alles gut.« Er versucht sich an einem Lächeln, um mich zu täuschen. Dabei bin ich mir sicher, dass etwas nicht stimmt.
»Komm, ich helfe dir«, sage ich deshalb und nehme ihm die Abschleppgurte ab.
Sichtlich dankbar nickt er und gibt mir kurze Anweisungen, wie er es früher bereits getan hat.
Anschließend bittet er mich, auf meinem Fahrersitz Platz zu nehmen. Langsam zieht er meinen Wagen hinter seinem her, wobei ich die Lenkung kontrolliere. Innerhalb weniger Minuten sind wir bei Graysons Werkstatt. Er zieht mein Fahrzeug direkt hinein, steigt aus und hält mir die Fahrertür auf.
»Danke«, sage ich zu ihm und schenke ihm ein Lächeln.
Er bittet mich, am Tresen zu warten, da er im Lager nach einem passenden Reifen schauen möchte. In der Zwischenzeit sehe ich mich in der Werkstatt um, die noch genauso aussieht wie vor drei Jahren. An den Wänden sind hohe Metallregale befestigt, in denen notwendige Werkzeuge verschlossen aufbewahrt werden. In der Mitte befindet sich eine Hebebühne, auf der bereits mein Auto steht. Der Tresen befindet sich in einem sicheren Abstand daneben und ist aus einem schlichten Metall. Darauf sind ein Computer mit entsprechender Ausstattung, ein Notizblock, ein Kalender und ein Behälter mit Stiften zu sehen.
Die Tür zum Lager wird geöffnet und Grayson kommt wieder. »Leider habe ich keinen Reifen da, den ich dir montieren könnte.« Er sieht mich entschuldigend an.
»Kein Problem.« Glücklicherweise liegt in Brokenville alles so nahe beieinander, dass ich mein Auto sowieso nur selten nutzen würde. Andernfalls könnte ich bestimmt meine Eltern fragen, ob ich ihren Wagen nehmen darf.
»Wie lange bist du in der Stadt?«, fragt mich Grayson. »Nur damit ich weiß, wie schnell du dein Auto wieder brauchst.« Dabei fährt er sich durch das schwarze Haar, das mit vielen grauen Strähnen durchzogen ist.
»Die kompletten Semesterferien.« Ich zupfe an meinem Fingernagel. »Trotzdem wäre ich ganz froh, wenn ich es so bald wie möglich wiederbekommen könnte.«
»Kein Problem. Ich gebe mein Bestes.«
Eine Tür geht auf und Schritte ertönen. Obwohl ich ihn nicht sehen kann, spüre ich seine Anwesenheit.
»Hey Dad, die Lasagne ist fer…«
Trotz dem Bewusstsein darüber, dass Ray hier ist, stolpert mein Herz beim Klang seiner Stimme.
Ich habe mit allem gerechnet, aber nicht mit ihr.
Die langen braunen Haare fallen in sanften Wellen über ihre Schultern. Die helle Haut bildet den perfekten Kontrast zu ihren karamellbraunen Augen, die mich anstarren, und lässt die Sommersprossen auf ihren Wangen noch mehr hervorstechen.
Trotzdem entgeht mir ihr kühler Gesichtsausdruck nicht. Zwar nicht so kalt, wie ich ihn von damals in Erinnerung habe, als sie alles herausfand, aber dennoch kühl genug, um mich an meine Fehler zu erinnern.
Ich balle die Hände zu Fäusten.
Instinktiv weiche ich ihr aus. Aus Unsicherheit, wie ich mit ihr umgehen soll, und Angst vor ihrer puren Wut, die sie mich damals hat spüren lassen.
»Die Lasagne ist fertig«, sage ich an Dad gewandt.
»Ich … ich wollte sowieso gehen.« Ihre Stimme klingt wie Musik in meinen Ohren. Beruhigend, harmonisch und wunderschön. Schon früher habe ich es geliebt, ihr stundenlang zuzuhören.
»Sollen wir dich nach Hause bringen?«, fragt Dad. »Ich kann dich fahren.«
»Nein, kein Problem.« Sie legt ihm eine Hand auf die Schulter, ehe sie zu ihrem Kofferraum hinübergeht. »Du hast heute genug für mich getan.«
»Okay.« Dad wirkt ein bisschen geknickt. »Wir melden uns, sobald der Reifen da ist.«
»Klar.« Sie holt ihre Sachen aus dem Fahrzeug und gibt Dad ihren Schlüssel. »Bis dann.«
Bevor sie zur Tür hinausgeht, schaut sie kurz zu mir. Unsere Blicke verhaken sich ineinander und die Zeit scheint stehen zu bleiben. Wärme durchströmt mich und ich stelle fest, wie sehr ich ihre Anwesenheit vermisst habe. Sie hier vor mir zu sehen, füllt mich mit Zufriedenheit aus. Zugleich rufe ich mir in Gedanken, dass ich der Grund bin, warum sie die letzten drei Jahre kein einziges Mal in Brokenville war. Dass ich schuld daran bin, was meinem Dad widerfahren ist. Dass ich mir mein Leben selbst versaut habe, weil ich einen dummen Fehler begangen habe.
Ich rechne fest damit, dass sie mir Anschuldigungen an den Kopf wirft, ihren Hass in Worten ausdrückt, sich einfach umdreht und geht.
Doch nichts davon passiert. Stattdessen weicht die Kälte aus ihren Iriden und macht einem anderen Ausdruck Platz. Gleichgültigkeit – und Neugier?
Bec durchbricht unseren Augenkontakt, verlässt die Garage durch die Tür, die sich im Garagentor befindet, und wird von der Nacht verschluckt. Trotzdem starre ich an den Fleck, an dem sie stand, und frage mich, was gerade passiert ist. Ihr Auftauchen hat mich komplett verwirrt. Ich weiß gar nicht wohin mit meinen Gefühlen, die sie aufgebrochen hat. Sie überschlagen mich wie Wellen, die am Ufer auf den Sand treffen, und brechen über mir zusammen. Bec hat all das aufgewirbelt, was ich in den letzten Jahren erfolgreich verdrängen konnte. All die Fehltritte, die ich gemacht und den Schmerz, den ich ihr und anderen zugefügt habe.
Ich schlucke hart.
»Ray.« Dad steht wie aus dem Nichts dicht vor mir. Sanft berührt er mich am Unterarm, sieht mich aus seinen grünen Augen durchdringend an. Ich bin mir sicher, dass er diese merkwürdige Atmosphäre zwischen ihr und mir gespürt hat. Trotzdem sagt er nichts dazu. »Lass uns essen.«
Langsam nicke ich und gehe wie automatisch in die Küche. Es fühlt sich so an, als hätte ein Roboter die Kontrolle über meinen Körper übernommen. Viel zu sehr hänge ich noch in dem Augenblick mit Bec fest.
Ivy, meine kleine Schwester, sitzt bereits am Tisch und befüllt die Teller mit Lasagne.
»Da seid ihr ja endlich.« Sie wirbelt herum. »Hast du einen Geist gesehen? Du bist weiß wie die Wand«, fragt sie mich.
Ohne meine Schwester zu beachten, setze ich mich neben Dad an den Tisch. Aus dem Augenwinkel bemerke ich, wie er den Kopf schüttelt, um sie vom Nachbohren abzuhalten.
Klar, er möchte mich auf keinen Fall aufregen. Er möchte nicht, dass ich an die Vergangenheit erinnert werde und einen Wutanfall kriege. Er möchte verhindern, dass Becs Name fällt und Ivy die falschen Fragen stellt.
Mit gerunzelter Stirn schiebt uns meine Schwester die befüllten Teller hin und isst. Dabei ruhen ihre Augen auf mir, als könne sie dadurch in meinen Gedanken stöbern und herausfinden, was mich so sehr beschäftigt.
Das Aufeinandertreffen mit Bec hat mir den Appetit komplett verdorben und meine Gefühlswelt vollkommen übernommen, weshalb ich lustlos in meinem Abendessen stochere. Plötzlich ist da wieder das schlechte Gewissen, das ich all die Jahre unterdrücken konnte. Sie jetzt wiederzusehen, hat die Kiste, in der ich die Erinnerungen verborgen hatte, wieder geöffnet.
Bec sieht einfach perfekt aus, noch viel hübscher als damals. Sie wirkt so unglaublich erwachsen und komplett anders als an der Highschool. Nicht mehr so hilflos, sondern selbstbewusst.
Ob sie wohl einen Freund hat? In New York, wo sie studiert? Oder ist sie single?
Ich weiß, dass ich ihr erster und einziger Freund war. Mit mir hat sie alles zum ersten Mal erlebt. Vom ersten Kuss bis hin zum ersten Sex. Und darüber hinaus wurde sie von mir hintergangen. Auf üble Weise, wofür ich mich selbst hasse.
Immer wenn ich daran denke, schnürt es mir die Kehle zu und ich hoffe, dass ich irgendwann nicht mehr atmen kann. Viel zu sehr bereue ich, was ich ihr angetan habe.
»Erde an Ray!« Meine kleine Schwester fuchtelt mit der Hand vor meinem Gesicht herum, um mich ins Hier und Jetzt zurückzuholen. All die Gedanken, die durch das Treffen mit ihr wieder da sind, entfachen meine Wut erneut. Die Wut über mein eigenes Verhalten, meine Fehler, die ich begangen habe.
»Ach leck mich!« Ich schiebe den Teller schwungvoll von mir und werfe dabei ein Glas auf den Boden.
