Die Schere - Irmgard Höchsmann-Maly - E-Book

Die Schere E-Book

Irmgard Höchsmann-Maly

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Beschreibung

Vorliegender Band ist eine Festschrift zum 100. Geburtstag von Frau Irmgard Höchsmann-Maly (1920-2003). Die Sequenzen beschreiben ihr bewegtes Leben zwischen Krieg und Frieden, Kunst und Familie, schließlich zwischen Ost und West, Europa und Amerika. Sie verdeutlichen die tiefe Verwurzelung mit der Heimat Siebenbürgen und die Herausforderungen eines Neustarts in Deutschland oder die Abenteuer in Südamerika. Die Lebendigkeit ihrer Texte entspringt der Fähigkeit, die Geschehnisse im historischen Kontext darzustellen, Dialoge mit längst vergangenen Persönlichkeiten in der Gegenwart zu verorten.

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Seitenzahl: 150

Veröffentlichungsjahr: 2020

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Vorwort

Liebe Leserinnen und Leser,

vorliegender Band ist eine Festschrift zu Ehren unserer Mutter, Großmutter und Schwiegermutter, Frau Irmgard Höchsmann-Maly, deren Geburtstag sich 2020 zum 100. Mal jährt.

Ihre Schriften sind zeitlebens im Buch „Windbruch“, in der KK (Kulturpolitische Korrespondenz) und in diversen Anthologien erschienen. Sprechtexte und Interviews waren im WDR zu hören. Unzählige Vorträge wurden begeistert aufgenommen.

Aus dem Gesamtwerk haben wir (die Enkel*innen Susi, Kathi, Roxy, Philipp und Benny, Schwiegertochter Martha, die Söhne Lothar, Frank und Heinrich) repräsentative Texte ausgewählt und in drei Themenkomplexe gegliedert:

MUTTER COURAGE

ZWISCHEN OST UND WEST

EL DORADO GESCHICHTEN

Erster Teil: Mutter Courage

Der Begriff „MUTTER COURAGE“ taucht schon bei Grimmelshausen und Brecht auf. Anders als in der Literatur nimmt Mami es eher wörtlich, sie fühlt sich als eine mutige Mutter, die nicht nur vier Männer versorgt, sondern sie auch vor dem Sozialismus des Ceausescu-Regimes bewahrt und ins „gelobte“ Land führt. Mit einer roten Rose bewaffnet entwaffnet sie die Securitate und erwirkt nach 15 Jahren unsere Umsiedlung nach Deutschland.

Genetisch belastet, beide Eltern sind Schriftsteller, beginnt Irmgard Maly früh zu schreiben und gewinnt in der Tertia (7. Klasse) „Die Prämie aus Deutschland“, einen Schreibwettbewerb vom Verein der Auslandsdeutschen mit einem Beitrag über einen Familienausflug in die Kirschblüte nach Michelsberg. Stolz marschiert sie mit dem gewonnenen Buch durch die Heltauergasse.

Stellvertretend für viele Siebenbürgische Schicksale steht „Die Schere“. Sie wird deportiert, aus der trauten Umgebung in den Donbass (Ukraine) zur Zwangsarbeit, wechselt den Besitzer, kommt frei, geht auf Weltreise. Trotz ihrer Verdienste bleibt die Schere bescheiden, sie lehnt eine Vergoldung ab, denn: „Mir welle bleiiwen, wat mir sen“. Der Kreis schließt sich, alle sind zu Tränen gerührt, als sie dem ursprünglichen Besitzer übergeben wird.

Der Schlüsseltext dieser Sammlung ist „Maitage 1945“. Er zeigt, wie Mami, geschunden an Körper und Seele, mit eisernem Willen Überlebenstechniken entwickelt und über Umwege in die siebenbürgische Heimat, nach Hermannstadt, zurückfindet. Die Überlegung ins Nachkriegsdeutschland zu gehen verwirft sie. „Wo in Freiheit leben?“ Das Dilemma setzt sich auch nach der Hochzeit mit Hein, unserem Vater, fort. Er sagte, wir bleiben, die Amerikaner kommen. Sie kamen nicht und wir erst knapp 30 Jahre danach in die Freiheit.

Die Umsiedlung 1975 war für die ganze Familie ein Kulturschock. Wir mussten lernen, mit den Vor- und Nachteilen der deutschen Erfolgsgesellschaft umzugehen. Besondere Mühe gaben sich die Eltern, Mutter forcierte ihre Integration mit einem Nebenjob als Spülerin in einer Hotelküche. Mit Humor beschreibt sie in „Krabbencocktail zwischen Türken und Tattern“ das fleißig-schweißige Anpacken aller Beteiligten.

Nach den Maitagen sind „Die Füße“ eine Hommage an ebendiese. Sie trugen sie ein Leben lang, über den „Windbruch“ hinaus und fordern nun, in Ruhe verweilen zu dürfen, sie empfehlen ihr: „Setz dich und schreib!“

In „Fluchtgedanken“ zieht Mutter eine Parallele zwischen einer Mainacht ‘45 und einer Mainacht ‘85, es kommt zur Flucht; paradox, zurück aufs böhmische Schloss, denn tief sitzen die Erinnerungen, ohne die sie ein „Taugenichts“ ist.

Zweiter Teil: Zwischen Ost und West

Fort, nichts wie fort. Nach 15 Jahren klappt es, wir landen in „Deutschland, das harte Paradies“. Die Angst, doch noch dort bleiben zu müssen, macht Energie frei. In kürzester Zeit lösen wir einen 30-jährigen Haushalt auf und erwachen in dem Land, in dem Deutsch gesprochen wird, das wir nicht verstehen und wir selbst auch nicht verstanden werden. In Rumänien waren wir die Deutschen, in Deutschland sind wir die Rumänen, vorübergehend. Am Anfang ist es hart, das Paradies, aber weil wir es wollen und weil wir dazugehören, schaffen wir die Integration.

Parallelen zwischen Heines Zeit und unserer Zeit lassen sich unschwer im Text: „Heinrich Heine begegnet in Düsseldorf einem Spätaussiedler…“ feststellen; sie diskutieren Vergangenes und Aktuelles.

Der Traum, auf Martin Luthers Spuren zu wandeln, nimmt ein jähes Ende. Im „Ablass Zettel an der deutsch-deutschen Grenze“ versuchen Vater und Mutter Brücken im deutsch-deutschen Umgang zu schlagen und werden von diesen erschlagen. Nur weil Proviant und Mitbringsel in Zeitungen (Druckerzeugnisse) eingewickelt waren, wurden friedliche Luther-Pilger fünf Stunden lang in einer nasskalten Halle gepiesackt und mit 300 Westmark bestraft. Wegen des „Possenstücks à la Honecker“ hatten die Freunde und die eigene Freude das Nachsehen.

Im Dezember 1989 findet die sogenannte „Revolution“ in Rumänien mit der Erschießung Ceausescus ihren Höhepunkt. Mit Hoffnung und Neugierde blicken die Bürger in die neue Zeit. Die Deutschen werden gebeten zu bleiben. Keiner bleibt, außer den Kirchen und ihren Würdenträgern. Die neuen Machthaber sind die alten und verfahren weiterhin autoritär und antidemokratisch.

„Putty und die Revolution“ liest sich wie ein Auszug aus einem Schelmenroman. Cousine Putty aus der Negoi wird wegen eines Pfeffersprays verhaftet, mit gezückten Bajonetten durch die Heltauergasse abgeführt und zwei Tage lang verhört. Mit stolzgeschwellter Brust und erhobenen Hauptes passiert sie das Spalier und hört, wie geflüstert wird: „Noch eine Terroristin…“

„Neues aus Marmatien“ (Maramuresch) ist die Geschichte eines Besuchs bei Mea, der 90-jährigen Tante/Cousine in Baia Mare. Mit von der Partie sind Mami, Dagmar, noch eine Cousine und Mucki, der Fahrer. Mea lässt nicht mit sich reden, sie will dortbleiben, zwischen den blühenden Kastanien, Platanen und duftendem Jasmin. Zur Sicherheit hat sie ihren Namen schon eingravieren lassen, auf Martins Grabstein. Sie sieht voraus, dass sie 100 Jahre leben wird, geht dann doch ins Heim nach Hermannstadt und stirbt dort mit 105 Jahren.

Dritter Teil: El Dorado Geschichten

El Dorado ist der Legende nach ein sagenhaftes Goldland im nördlichen Südamerika, etwa im heutigen Kolumbien gelegen. Es ist ein mythologisches Gebiet, in dem riesige Goldschätze zu finden seien, so wie sie Cortez und Pizarro kurz zuvor bei der Eroberung des Azteken- und des Inkareiches in die Hände fielen. Die Suche nach diesem nie gefundenen Goldland spornte seit den 20iger Jahren des 16. Jahrhunderts auch deutsche Abenteurer an, deren Expeditionen von den Ausburger Kaufmannsfamilien der Fugger und Welser finanziert wurden. Angefangen mit von Eichendorff über Edgar Allan Poe, bis Isabel Allende wurde El Dorado besungen und in Spielfilmen idealisiert. Der Mythos von El Dorado lebt bis heute weiter.

Und nun, 460 Jahre später, war es Frank, der mittlere Sohn, der aufbrach, sein Lebensglück in Kolumbien zu finden, Spuren zu folgen, die unser Großvater, Anton Maly, gelegt hatte. Hiervon handelt die erste Geschichte „Apfelkuchen für El Dorado“. Mami bäckt ihm einen Apfelkuchen mit reichlich Ziweben und Rahm so, wie es von alther Sitte ist. Der entwicklungspolitische Berater Frank sieht Parallelen zum abenteuerlichen Opa mit dem Unterschied, dass er einen von der Bundesregierung finanzierten Auftrag hat, der seine Existenz sichert. Dies ermöglicht ihm, eine kolumbianisch-siebenbürgische Familie zu gründen, aus der zwei Töchter hervorgehen. Frank hat sein privates „El Dorado“ gefunden, an dem Mutter bei den diversen Besuchen in Kolumbien und später in Uruguay partizipieren und sich literarisch inspirieren konnte.

Gleich im nächsten Beitrag „Blei liegt in der Luft“ wird dem Leser klar, dass im kolumbianischen Alltag das Abenteuer mitschwingt. Mutter unterhält sich mit dem Schlesier Otremba, der weit und breit die besten Würste und Selchwaren herstellt. Das Familienunternehmen liefert das frische Gemüse dazu. Qualität und Organisation bringen sie an den Rand des Machbaren; sie werden buchstäblich überrannt mit Aufträgen und Kundenwünschen. Auf die Frage, ob er nach Deutschland zurückwollte: „Och, da ist es so langweilig“! Er konnte damals noch nicht wissen, dass Deutschland nach der Wiedervereinigung viele Jahre Probleme hat, die keine Langeweile zulassen.

Wer den europäischen Winter kennt, der sucht „Einen Winter lang in Kolumbien“ vergebens nach dem Gewohnten, nach Schnee, Eis und Kälte. Denn das gibt es nur auf den Gipfeln der Kordilleren (Anden). Weil das Klima so mild und die Menschen so freundlich entgegenkommend, die Natur einladend, vergeht die Zeit wie im Fluge, schnell wird es März. Die Tickets mahnen den Rückflug an, „Hasta la Vista, Deutschland hat uns wieder.“

„Mir ware alle Deitsch“ sagt Frau Adamovici, die aus Slowenien stammt und nun mit Familie in Kolumbien lebt. Sie preist ihre alte Heimat in höchsten Tönen, überzeugt damit Mami, eine Reise dorthin zu unternehmen. Tochter Stephanie nimmt Mutter das Versprechen ab, die Reiseimpressionen im „Brief an Frau Adamovici“ festzuhalten und zu übersenden. Die Reise findet statt, es ist wunderschön, bleibend sind die Eindrücke und entsprechend auch der Brief, der zum großen Bedauern aller Beteiligter erst nach ihrem Tode eintrifft.

Den Schluss machen Reime „Misch und Tren fliegen nach Südamerika“, eine Persiflage auf den eigenen Flug (Hein und Irm), zwei Siebenbürger Sachsen machen sich auf den Weg, die Welt zu erobern. Sie geben sich gegenseitig Tipps und packen zur Sicherheit Grammeln ein. Denn … man weiß ja nicht, ob es was zu essen gibt.

So, und nun liebe Leser*innen, tauchen Sie ein in das ereignisreiche Leben der Irmgard Höchsmann-Maly, ein Leben zwischen Krieg und Frieden, zwischen Familie und Literatur, zwischen Ost und West. Es ist das Leben einer großartigen Frau, die 2020 einhundert Jahre alt geworden wäre und die wir mit folgendem Zusammenschnitt würdigen.

Ihnen wünschen wir viel Vergnügen bei der Lektüre und sind gespannt auf Ihre Rückmeldungen.

Im Namen der Familie

Heinrich Höchsmann, am Bodensee,

im November 2020

Inhalt

Vorwort

Erster Teil: Mutter Courage

Zweiter Teil: Zwischen Ost und West

Dritter Teil: El Dorado Geschichten

Mutter Courage

Vorwort aus dem Windbruch Buch

Die Prämie aus Deutschland

Die Schere

Maitage 1945

Krabbencocktail zwischen Türken u. Tattern

Die Füße

Fluchtgedanken

Zwischen Ost und West

Deutschland, das harte Paradies

Guten Abend, mein Herr

Ablass Zettel

Martin Luther auf der Veste Coburg

Putty und die Revolution

Neues aus Marmatien

Jeder weiß wo ESSEX liegt, keiner wo AGNETHELN

El Dorado Geschichten

Apfelkuchen für El Dorado

Blei liegt in der Luft

Einen Winter lang in Kolumbien

Brief an Frau Adamovic

Der Misch und die Tren

Die Schriftstellerin Irmgard Höchsmann-Maly

Lebenslauf

Zu guter Letzt: Mami

Mutter Courage

Vorwort aus dem Windbruch Buch

Viel gesagt und gedacht, auf Wolkenhöhen, bei Tannenrauschen und an der Ströme Silberband. Vom Gipfel der Karpaten in das weite hügelige Land gesehen, wo die Kirchenburgen bröckeln wie die Freiheit im Lande und der Eintracht Band zerreißt, in wechselvoller Geschichte schwerer Wenden und kaum berechenbarer Folgen. Großflächiger Windbruch in Herz und Seele.

Geboren bin ich 1920 im siebenbürgischen Hermannstadt, im Haus Brukenthalgasse 3. Es gehörte meinem Großvater. Das „Haus der Generationen“ mit dicken Mauern, festem kleinen Tor und Löwenkopf-Klopfer, kühlem, gewölbtem Gang zum Innenhof, steht heute noch stockhoch neben dem ehemaligen Korpskommando.

Vertraute Kindheitswege – wie aus einer anderen Welt. Vom Großen Ring auf den Kleinen Ring, auf den Huetplatz, zum Brukenthal-Gymnasium, zum Bischof-Teutsch-Denkmal, zur hochaufragenden gotischen evangelischen Stadtpfarrkirche im historischen Kern der Stadt.

Die Turmuhr schlägt die Stunde. Unabänderlich. Sie mahnt, sie drängt zu Entscheidung. Aufbruch, man geht, verlässt die geliebte Stadt aufgrund einer simplen Postkarte der Miliz. Sie teilt mit, wir dürfen das Land verlassen, ausreisen, für immer. Alles Schöne, Heimatliche wiegt leichter als die Hoffnung auf eine freie Zukunft in einem freien Land. Dort will man sich einfügen.

Die Holztruhe mit den Familienschicksalen bleibt auf dem Gang des alten Hauses. Kompositionen meiner Mutter, von ihr verfasste Mundartgedichte und humorvolle Schilderungen aus dem siebenbürgisch-sächsischen Volksleben; Manuskripte, Bücher, Gedanken meines Vaters, der mehr Schriftsteller als Kaufmann war. Löwenmäulchen lugen aus der Dachrinne, Kapuzinerkresse blüht in den Hof hinab. Zeit und Raum sprechen eine unbarmherzige Sprache.

Dieses Buch ist meine Erfahrungswelt, geschrieben in einer Zeit, da sich unsere Welt mit atemberaubender Geschwindigkeit politisch und technisch verändert hat. Die Sommertage in Rumänien, auch sie sind anders geworden, und die euphorische Stimmung, wie sie nach der unvollendeten Revolution aufflackerte, ist dahin, einer undurchdringlichen Verwirrung gewichen.

Viele Wege muss man gehen, vielleicht noch einmal nach Michelsberg in die Kirschblüte? Vom Kirschbaum Erinnerungen pflücken?

Aber es blüht ja schon Herbstzeitlose.

21. September 1991

Irmgard Höchsmann-Maly

Die Prämie aus Deutschland

An diesem Morgen trage ich die blaue Schulkappe mit den goldenen Streifen und dem schwarzen Schild keck über ein Ohr gezogen, wie eine Schimmy-Mütze. Meine Mutter lacht und sieht kopfschüttelnd mir nach aus dem Küchenfenster. Es riecht nach frischem Kaffee und gerösteten Brot.

Ich trete aus unserem großen Haus Brukenthalgasse 3, das meinem Großvater Georg Teil gehört, und knalle das Tor mit dem schmiedeeisernen Ring kräftig zu.

Die Brückenthalgasse heißt nach Samuel von Brukenthal, Gouvernator Siebenbürgens unter Maria Theresia von 1777 - 1787 (umbenannt nach 1945).

Fröhlich und etwas neugierig sehe ich dem Schultag entgegen. Für heute hat uns die gute „Minka“, wie wir sie immer nennen, unsere Deutschlehrerin, das Resultat des großen Preisausschreibens „Erlebnisbericht“ vom deutschen Schulverein aus Deutschland in Aussicht gestellt. Die Aufforderung dazu war an die deutschen Schulen im Ausland ergangen. Ich hatte auch mitgemacht und einen - wie mir schien – schönen Aufsatz über unseren Familien-Frühlingsausflug nach Michelsberg in die Kirschblüte geschrieben. Das war das Dorado unserer Kindheit, und es gehörte zur Tradition, um die Zeit der Blüte in das kleine, rein deutsche Dorf, 12 Kilometer nur von Hermannstadt entfernt, zu wandern. Durch die paradiesischen Gärten und Wiesen voller Schlüsselblumen ging man dort die Serpentinen und Abkürzungen zur Burg hinauf, um im alten Gemäuer, vor dem Karpatenwind geschützt, den Ausblick über das Blütenmeer im Tal zu genießen.

Ich hatte genau den ganzen Tag beschrieben, auch den Besuch bei der in sächsischer Mundart redegewandten Burghüterin, die in unser „Singsang und Klingklang“ einstimmte.

Immer war die Gitarre, die unsere Mutter umgehängt hatte und spielte, unsere Begleiterin. Wir sangen und marschierten; die Bänder flatterten. Auf dem einen stand: „Blau und Rot bis in den Tod.“

Den Verein für das Deutschtum im Ausland kennen alle Schüler; er wurde 1861 als Deutscher Allgemeiner Schulverein in Berlin gegründet.

In unserer Familie wurde öfter über die Tätigkeit und Bedeutung des Vereins gesprochen. Einer unserer studierten Urgroßonkel gehörte zu den Gründungsmitgliedern in Berlin. Nach beendetem Studium wurde er in Siebenbürgen ein wichtiger Schulmann, Abgeordneter und Wortführer in der sächsischen Nationsuniversität.

Nach Jahren folgte er einer Berufung nach Deutschland, als Direktor der Höheren Töchterschule in Landau/Pfalz. Seine Schwester, unsere Lang-Großi, besuchte aufgrund eines Stipendiums vom Deutschen Schulverein eine anerkannte Fachschule in Deutschland, nach deren Abschluss sie in Siebenbürgen segensreich wirkte.

Während meine Gedanken schwirren, eile ich durch das große Durchhaus von der Brukenthalgasse in die Heltauergasse und befinde mich nun auf dem sogenannten Corso. Die morgendliche Begegnung mit den Bruckenthalschülern will ich keinesfalls verpassen. Sie tragen rote Studentenmützen und streben in entgegengesetzter Richtung zum Gymnasium. Heute begegnen mir aber nur noch Bonzo, Schatzo und Ohila, der gerade aus der Honterusgasse einbiegt. Unsere Schulfreunde haben fast alle Spitznamen, und auch ein Teil unserer Lehrer.

Endlich habe ich das Schultor erreicht. Ich besuche die dritte Klasse des Lyzeums, genannt „Tertia“. Mit Ehrfurcht bin ich seinerzeit in die erste Klasse eingezogen; ich war sehr stolz, Schülerin dieser Anstalt sein zu dürfen. Damals - in der Eröffnungsfeier - hat man uns aufmerksam gemacht, unter wie vielen Opfern unsere Schule erbaut wurde. Obwohl der Plan für den Schulbau schon 1875 gefasst worden war, gelang es erst 40 Jahre danach durch unermüdliche Tätigkeit der Frauen in verschiedenen Vereinen, im Mädchenschulbaufonds und unter Mithilfe der evangelischen Kirchengemeinde, mit dem Bau zu beginnen.

Auf dem Grundstein steht:

„Von Frauenherzen erschaut

mit Frauenherzen erbaut.“

Über der Eingangstür, durch die ich jetzt trete, ist weithin sichtbar zu lesen: „Evangelisches Mädchenlyzeum A.B.“ (heute weggelöscht, ersetzt durch „Liceul Agricol de Stat“).

Ich beeile mich, in die große Halle zu kommen, wo am Montagmorgen die gesamte Schulgemeinschaft versammelt ist zu einer kurzen Morgenandacht. Die Woche wird damit eingeleitet. Meine Klasse steht schon geordnet da, ich dränge mich zwischen Mia und Mausi, und sie zischen: „Höchste Zeit!“

Heute scheint es mir so feierlich; obwohl Montag ist, haben alle ein Sonntagsgesicht. Unsere verehrte Direktorin Selma v. Hannennheim, spricht über das Lernen für ein Leben, für unser Leben. Wir spüren Verständnis und Zuneigung. - Sie weiß natürlich, dass wir sie „Putty“ nennen, ebenfalls wie die nette „Zimpi“ es weiß, eine der jüngsten Lehrkräfte. Daneben steht heute unsere Lehrerin für Französisch: Groß, hager und knochig, aber gut angezogen, schließlich war sie auch in Paris. Ihr komischer Spitzname „die Spiretz“ lässt sich nicht ausmerzen. Neben ihr drei unserer „Professoren“ - unsere Lehrer werden allgemein mit Professor angesprochen, was bei Besuchern aus Deutschland Erstaunen hervorruft -. Es sind „Spitz“,“ Hansi“ und „Fels“. Der Fels ist unser Sportlehrer, bringt uns zum Lachen oder auch zum Weinen. Wir müssen parieren; wer nicht auf der Kletterstange hinaufkommt, wird tituliert; dabei ist „du Schimpungo, du Schimpanse“ noch recht mild - oder beim Bockspringen: „Du, KOZOFANT“.

Am Ende der ersten Reihe sehe ich „Minka“, um die heute meine Gedanken Kreisen. Es scheint, als wolle sie etwas verkünden, sie kneift die Augen listig zusammen wie im „Hilfsbund“, wenn sie uns belobigt. Fast alle Schülerinnen sind im „Hilfsbund“, den sie gegründet hat, und dem sie vorsteht. Wir betreuen Bedürftige, sammeln und basteln; Pflichtbewusstsein und soziale Mitarbeit haben wir als Deutsche im Ausland schon frühzeitig gelernt. In allen unseren Klassen ist der „Kranz der Nationen“, wie es in der siebenbürgischen Hymne heißt, vertreten; wir halten gut zusammen.

Da ich heute ziemlich abgelenkt bin, weil ich etwas erwarte, wird mir erst durch die plötzliche Stille bewusst: die Morgenfeier ist zu Ende. Aber jetzt scheint sich doch noch etwas zu rühren. Man will uns etwas sagen, es kann nichts Schlimmes sein, denn alle Lehrer haben noch immer ihr Sonntagsgesicht. Minka lacht freundlich und mit breitem Mund - sie hat eine besondere Lache -, und das zu meiner Klasse hin. Nun, sie ist ja auch unsere Klassenlehrerin, und jetzt kommt sie mit der Sache heraus, nämlich mit dem Resultat des Preisausschreibens aus Stuttgart. Ganz feierlich wird verkündet, dass unsere Schule bei dem Wettbewerb hervorragend abgeschnitten und zwei Preise mit Urkunden erhalten hat. Da wird schon mein Name genannt, ich trete vor; gut, dass ich heute Morgen noch meine Schuhe geputzt habe, wenn auch in Eile, denn jetzt stehe ich vor allen da. Meine Prämie ist ein schönes Buch in blauem Leinenband und mit handschriftlicher Widmung sowie Gratulationen vom Verein für das Deutschtum im Ausland. Ich bin rot geworden und bedanke mich. So ist der Montag diesmal ein Freudentag für die ganze Klasse.

Da wir in der letzten Stunde Turnen haben, laufen wir über den großen Schulhof zur Turnhalle. Sie ist noch so neu und schön mit allen Geräten, für deren Instandhaltung wir uns auch verantwortlich fühlen.