Die schmutzigen Füße - Edem Awumey - E-Book

Die schmutzigen Füße E-Book

Edem Awumey

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Beschreibung

Askia fährt Taxi in Paris, vornehmlich nachts. Er ist illegal, sein Taxischein gefälscht, sein Zimmer mit dem ewig tropfenden Wasserhahn schwer zu ertragen. Eines Abends steigt eine Frau in seinen Wagen. Sie mustert sein Gesicht im Rückspiegel und sagt: »Sie erinnern mich an jemand. Einen Mann mit Turban, der mir vor ein paar Jahren Modell gestanden hat ...« Die Frau heißt Olia, stammt aus Sofia und ist Fotografin. Und der Mann mit dem Turban muß Askias Vater sein, den er auf dem langen Weg aus Mali verloren hat. Kurz vor ihrem Tod hat seine Mutter ihm noch erzählt, der Vater sei nach Paris gegangen. Askia sucht ihn. Nun hat er eine erste Spur. Immer wieder begegnet er Hinweisen auf einen geheimnisvollen Mann mit blütenweißem Turban. Ist das der verlorene Vater? Die Familie mußte aus Mali flüchten, weil kein Regen mehr fiel, die Felder verdorrten und das Vieh verdurstete. Unterwegs wurden sie verspottet als »die schmutzigen Füße«. Mutter und Sohn blieben an der Küste Togos, der Vater zog weiter. Askia folgt ihm Jahre später, ständig begleitet von der schmerzhaften Erinnerung an den Hund Pontos auf der Müllhalde von Trois-Collines. Dieser mythische Roman über die Suche nach einem Vater klingt lange nach, weil die Zeitebenen und die Orte sich durchdringen und vermischen. Und weil durch Edem Awumeys Sprachkunst ein Gebilde entsteht, das zwar nur in Worten existiert, mitunter aber wirklicher erscheint als die sogenannte Wirklichkeit.

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Seitenzahl: 153

Veröffentlichungsjahr: 2025

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Über das Buch

Askia fährt Taxi in Paris, vornehmlich nachts. Er ist illegal, sein Taxischein gefälscht, sein Zimmer mit dem ewig tropfenden Wasserhahn schwer zu ertragen. Eines Abends steigt eine Frau in seinen Wagen. Sie mustert sein Gesicht im Rückspiegel und sagt: »Sie erinnern mich an jemand. Einen Mann mit Turban, der mir vor ein paar Jahren Modell gestanden hat ...«

Die Frau heißt Olia, stammt aus Sofia und ist Fotografin. Und der Mann mit dem Turban muß Askias Vater sein, den er auf dem langen Weg aus Mali verloren hat. Kurz vor ihrem Tod hat seine Mutter ihm noch erzählt, der Vater sei nach Paris gegangen. Askia sucht ihn. Nun hat er eine erste Spur. Immer wieder begegnet er Hinweisen auf einen geheimnisvollen Mann mit blütenweißem Turban. Ist das der verlorene Vater?

Die Familie mußte aus Mali flüchten, weil kein Regen mehr fiel, die Felder verdorrten und das Vieh verdurstete. Unterwegs wurden sie verspottet als »die schmutzigen Füße«. Mutter und Sohn blieben an der Küste Togos, der Vater zog weiter. Askia folgt ihm Jahre später, ständig begleitet von der schmerzhaften Erinnerung an den Hund Pontos auf der Müllhalde von Trois-Collines.

Dieser mythische Roman über die Suche nach einem Vater klingt lange nach, weil die Zeitebenen und die Orte sich durchdringen und vermischen. Und weil durch Edem Awumeys Sprachkunst ein Gebilde entsteht, das zwar nur in Worten existiert, mitunter aber wirklicher erscheint als die sogenannte Wirklichkeit.

Über den Autor

Edem Awumey wurde 1975 in Lomé, Togo, geboren. Les pieds sales, so der Originaltitel, erschien zuerst 2009 und kam sofort auf die Shortlist für den Prix Goncourt. Edem Awumey lebt in Vieux-Hull bei Ottawa. 2020 erschien sein Roman Nächtliche Erklärungen.

Edem Awumey

Die schmutzigen Füße

Roman

Aus dem Französischen von Stefan Weidle

Weidle Verlag

Impressum

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese

Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie;

detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über

http://dnb.d-nb.de abrufbar.

© Weidle Verlag, Göttingen 2025

Wallstein Verlag GmbH

Geiststr. 11, 37073 Göttingen

www.wallstein-verlag.de

[email protected]

Der Weidle Verlag ist ein Imprint der Wallstein Verlag GmbH.

Die Originalausgabe, Les pieds sales, erschien 2009 in Québec, Kanada

© 2009 Les Éditions du Boréal

Die Verse von Mahmoud Darwisch in Kapitel 43 wurden von Larissa Bender für diese Publikation aus dem Arabischen übertragen.

Mit Dank an Sébastien Lefebvre, Friederike von Criegern, Larissa Bender, Madeline Bause

Die Übersetzung wurde von der Kunststiftung NRW gefördert

Lektorat: Benoît Tremsal

Korrektur: Kim Lüftner, Christiane Krause

Gestaltung und Satz: Friedrich Forssman

Einband unter Verwendung einer Zeichnung von Benoît Tremsal

ISBN (Print) 978-3-8353-7508-6

ISBN (E-Book, epub) 978-3-8353-7716-5

Inhaltsverzeichnis

Umschlag
Titel
Impressum
Inhalt
Edem Awumey: Die schmutzigen Füße

Für Nado und Kéli, die Heimat Für Martine Verguet,

Einst sprach mein Vater, als er auf dem Felsen betete: Wende dich ab vom Mond, hüte dich vor dem Meer und der Reise.

1

Askia erzählte, daß seine sterbende Mutter im Delirium dauernd von Briefen geredet hatte, die sein Vater, Sidi Ben Sylla Mohammed, ihr aus Paris geschickt habe. Auch Fotos. Die Askia nie gesehen hatte. Gleichwohl folgte er eines Tages den Spuren des Abwesenden, seines Vaters. Er brach aber nicht auf, um den Abwesenden wiederzufinden, nein, mit Löchern in seinem Stammbaum konnte er durchaus leben. Er machte sich auf den Weg wegen dieser seltsamen Worte aus dem Mund seiner Mutter: »Wir sind sehr lange unterwegs gewesen, mein Sohn. Und überall hat man uns ›die schmutzigen Füße‹ genannt. Wenn du selbst aufbrechen würdest, könntest du das verstehen. Weshalb sie uns die schmutzigen Füße genannt haben.«

Paris. An diesem Nachmittag befand er sich vor dem Haus Rue Auguste-Comte 102, weil drei Tage zuvor eine Kundin in seinem Taxi ihm offenbart hatte, sie habe Sidi Ben Sylla Mohammed fotografiert. Als sie sein Gesicht im Rückspiegel musterte, sagte sie plötzlich: »Sie erinnern mich an jemand. Einen Mann mit Turban, der mir vor ein paar Jahren Modell gestanden hat ...« Es geschah nicht zum erstenmal, daß eine Passagierin die Ähnlichkeit mit irgendwem als Anknüpfungspunkt für ein Gespräch nutzte. Dieser Austausch von Sätzen konnte sich oft genug in den Austausch von Körpern verwandeln, um der Langeweile zu entgehen. Der Leere am Grunde der Haut und der schwarzen Nacht. An diesem Abend aber erwähnte die junge Frau den Turban, ein Detail, das in lange verklungenen Worten seiner Mutter Widerhall fand. Seine Erzeugerin nämlich sang stets dasselbe Lied: »Du ähnelst ihm, Askia ! Wenn du jetzt noch einen Turban trügest, könnte man dich glatt mit ihm verwechseln. Dann käme es mir so vor, als wäre er zurückgekehrt. Aber es käme mir nur so vor. Tatsächlich wird er nie zurückkehren.« Da war er noch ein Junge gewesen. Seither waren über dreißig Jahre verstrichen, und Askia hatte sich nicht deshalb auf den Weg gemacht, um seine Ähnlichkeit mit dem Abwesenden zu verifizieren. Gleichwohl wollte er die Fotos sehen, und die junge Frau willigte ein, sie ihm zu zeigen, später allerdings, denn sie mußte ein oder zwei Wochen verreisen – irgendein Job außerhalb von Paris.

Askia war weggegangen wegen dieses anderen rätselhaften Ausspruchs seiner Mutter: »Der Fluch unserer Familie ist, immer wieder aufbrechen zu müssen, zahllose Wege zu gehen bis zur Erschöpfung oder zum Tod. Schau dich an, mein Sohn, du fährst mit deinem Taxi doch auch ständig in die Nacht ...« Nicht leicht, die Mutter und ihre Sätze zu verstehen. Askia wußte nur, daß er in seinem Beruf keine andere Wahl hatte, als den Straßen zu folgen. Zugleich wollte er rauskriegen, ob die Mechanik seiner Flucht über das Pflaster des Nordens sich anhalten ließe ... Auf dem Bürgersteig vor ihm ging ein Hund mit seiner Besitzerin vorbei.

Er erinnerte sich, wie er als Kind seine Tage auf der Müllhalde in Trois-Collines verbrachte, in diesem gottverlassenen Winkel der Tropen, wo er mit seiner Mutter gestrandet war, mit Hunden, die er nicht ausstehen konnte. Speziell den von Vater Lem, der Pontos hieß.

2

Rue Auguste-Comte 102. Ein viergeschossiges Gebäude, frisch verputzt. Askia klingelte. Ein kleines Fenster im Erdgeschoß links von der Tür öffnete sich. Wohl die Hausmeisterwohnung, sagte er sich. Das mußte ein alter Mann, eher noch eine alte Frau in der Einsamkeit ihrer kahlen Insel einer Portiersloge sein, dort abgestellt, um den Besuchern tausend Fragen zu stellen und die lästigen wegzuschicken. Doch es war keine alte Frau, die ihn da musterte, sondern ein Mann in seinen Fünfzigern streckte den Kopf raus.

»Ich bin mit Mademoiselle Olia verabredet«, erklärte Askia.

»Wie heißt sie mit vollem Namen?«

»Olia.«

»Das ist nur ein Vorname, damit kann ich nichts anfangen.«

»Sie ist brünett.«

»Das sagt mir noch weniger. In welcher Etage wohnt sie? Sie sind angemeldet? Mir hat man nichts davon gesagt. Tut mir leid, aber da kann ich nichts für Sie tun.«

Damit schloß der Mann seine Luke wieder. Askia blieb noch einen Moment auf dem Trottoir stehen. Er war nicht einmal wütend, dachte nur, daß diese Fotografin, die Kundin, die versprochen hatte, ihm Bilder seines Vaters zu zeigen, sich über ihn lustig gemacht hatte. Er ging über die Straße zu dem Gitter am Jardin du Luxembourg. An dem Gitter hingen Bilder, eine Ausstellung. Bilder am Himmel einer anderen Welt. Standfotos eines Films: Himalaya – Die Kindheit eines Karawanenführers. Bilder einer weit entfernten Welt am Gitter des Parks. Großformate, die Menschen unterwegs in mehreren Jahreszeiten zeigten ... Wie er selbst. Der eisige Wind pfiff ihm um den Hals. Er schlug den Kragen seines Jacketts hoch und ging ein paarmal an den Gittern und Fotos entlang. Die Passanten verschwanden allmählich, die Nacht ertränkte die Landschaften auf den Bildern. Die Nacht überfiel ihn. Er beschloß, nach Hause zu gehen.

Zu seiner großen Überraschung stand sie plötzlich hinter ihm und unterbrach seinen Dialog mit den Gesichtern auf den Bildern. Er folgte ihr zurück über die Straße. Sie tippte den Code für die Haustür ein, und sie gingen zur Treppe der Tür gegenüber. Im gedämpften Licht des Eingangs schimmerten das Kupfer des Geländers und der Samt eines roten Teppichbodens. Sie stiegen die Treppe hoch, sie ging vor ihm her, er folgte in dichtem Abstand. Erst in der obersten Etage blieb sie stehen und steckte ihren Schlüssel ins Schloß einer Flügeltür. Hinter ihr trat er ein. Klein, schön, neu. Die Eingangstür führte direkt in einen Raum, der zugleich Wohnzimmer und Küche war. Gegenüber der Tür stand ein Sofa, über das eine aschefarbene Decke gebreitet war. Dahinter Regale an der weißgestrichenen Wand. Er zählte vier mit Büchern und Nippes, einem Aschenbecher und einer Tonschale sowie einer quadratischen Holzschachtel. Zwischen die Bücher war eine sehr große Vogelfeder geklemmt, die sich beim leisesten Lufthauch bewegte. Die Bücher standen hinten in den Regalen, davor die anderen Sachen, meist irgendwelche Figürchen. Um diesen Bibliotheksraum herum hingen Fotos an der Wand. Er betrachtete sie und stellte fest, daß es ein Bindeglied zwischen diesen Figuren an den Wänden gab. Er hatte schon einmal eine Anthologie der Harlem-Renaissance in der Hand gehabt und erkannte daher sofort die vier Autorenfotos, die über den Bücherregalen hingen: W. E. B. Du Bois, Alain Locke, Langston Hughes, Countee Cullen. Rechts von den Bücherregalen hingen vier Porträts übereinander. Er erkannte Claude Mac Kay, Sterling Brown, James Baldwin, wußte aber nicht, wer der vierte war. Die junge Frau spürte sein Interesse und sagte:

»Ich mag die Porträts von Schwarzen sehr. Sie fangen das Licht ein und halten es.«

»Mein Vater hat aber nichts mit diesen Berühmtheiten an Ihren Wänden zu tun ... Können Sie mir bitte die Fotos zeigen, die Sie von ihm gemacht haben? Deshalb sollte ich doch herkommen?«

Dem Sofa gegenüber, links von der Eingangstür, stand eine Art Kommode, ziemlich groß, auf der sich der Fernseher und ein DVD-Player befanden. Darüber hing ein weiteres Foto, das er sehr schön fand: Ein Nachtclub mit Theke und hohen Barhockern, zwei Frauen und ein Mann standen da, alle mit Zigarette zwischen den Fingern, die Köpfe von Rauch umhüllt. Die kleine Gruppe umrahmte einige Musiker. In dem Mann am Klavier mit entsprechendem Outfit erkannte er Duke Ellington, und Louis Armstrong stützte sich mit dem Ellbogen auf den Flügel, in der Hand die Trompete. Er stellte sich vor, wie seine Gastgeberin jeden Abend beim Konzert von Louis und Duke dabei war. Sie mußte sich zeitgenau zum Beginn des Konzerts auf ihrem Sofa dem Foto gegenüber einfinden und den Tönen, die aus dem an die Wand geklebten Fotopapier drangen, mit Genuß lauschen. Aber in dieser Umgebung konnte sein Vater, Sidi Ben Sylla, nicht auftauchen. Seine Musik war nach den Worten von Askias Mutter nicht der Jazz. Sondern das Exil ...

Olia konnte offenbar seine Gedanken lesen.

»Wissen Sie, ich setze mich vor das Foto und stelle mir das Konzert vor, jede Note. Sanft und kristallklar, wie ein träge dahinfließender Bach mit gelegentlichem Plätschern, wenn sich die spitzeren Töne in die Lüfte erheben ... Duzen wir uns?«

»Diese Noten können auch traurig sein, Mademoiselle. Zeigen Sie mir jetzt die Fotos bitte?«

Weitere Bilder bedeckten die weißen Wände bis in die Ecke, wo neben der Kommode mit dem Fernseher eine Treppe in ein Zwischengeschoß führte, offenbar das Schlafzimmer, wie Askia vermutete. Diese anderen Fotos zeigten Jesse Owens und King Carl Lewis in vollem Lauf, angeschoben von den Olympischen Göttern, eine ergriffene Ella Fitzgerald mit Mikro im Scheinwerferlicht. Diese junge Frau war schon sehr besonders. Sie lebte ganz offensichtlich in einem eigenen Universum aus Bildern und Legenden. Askia dachte, daß sie die Gesichter dieser Legenden liebte. Sie liebte Owens, King Carl, Ella. Sidi aber, das Phantom, dem er in den dunklen Pariser Nächten folgte, war keine Legende.

Er ließ sich aufs Sofa fallen. Sie machte sich in der Kochecke links von den Bücherregalen zu schaffen. Sie bereitete Tee, stellte Tassen, Zucker und Kanne vor ihn auf den Couchtisch und nahm ihm gegenüber im Lotossitz auf dem Boden Platz. Nach den Bildern aus dem Himalaya war dies nun schon der zweite fernöstliche Anblick, den er an diesem Abend geboten bekam. Olia im Lotossitz vor ihm, als wollte sie meditieren, als wäre er ein Altar oder eine Heiligenstatue oder sonst ein Abbild, vor dem man beten soll.

»Du siehst tatsächlich aus wie der Mann mit Turban, den ich vor ein paar Jahren fotografiert habe«, sagte sie, wobei ihre Augen lächelten und ein Fältchen in ihrem Mundwinkel entstand, was ihren Zauber noch verstärkte. Sie gestand ihm, daß sie seit ihrem zufälligen Zusammentreffen in seinem Taxi all ihre Alben nach den Fotos von dem Mann mit dem Turban durchsucht hatte. Die Porträts von Sidi mußten in einer der vielen Pappschachteln verschwunden sein. Sie bräuchte noch ein bißchen Zeit, würde sie aber sicher finden.

Askia hatte den Eindruck, nichts in diesem Zimmer zwischen den vielen Fotografien an den Wänden sei wirklich außer dem Bild des Gesichts von Olia mit den im Nacken zu einem Knoten gebundenen Haaren. Sie war weder zu klein noch zu groß. Schlank. Ihr Gesicht war original wie ein Gemälde, ihr Körper nichtssagend. Er meinte, sie müßte konsequent Schwarz tragen. Schwarz, die Grundierung der Nacht und des Mysteriums, in dem ihr Gesicht gezeichnet worden war. Er erahnte zwei kleine Birnen unter ihrem Pullover. Da hätte die Natur sich großzügiger zeigen können, sagte er sich. Doch er spürte, das Eigentliche an dieser Person, das Besondere, das war nicht ihr Aussehen, sondern ihr Charakter. Der Tee tat ihm gut. Der Tee und die Wärme in diesem kleinen Zuhause. Doch er hatte auch Angst. Angst, diese schreckliche Hand mit den scharfen Borsten, die in seinen schlimmsten Alpträumen nach ihm griff, könnte ihn durch das große Loch im Dach des Appartements packen und in die Kälte draußen schleudern. Eine Angst, die aus seiner Kindheit hochkam.

Olia stand wieder auf, vor seinen Augen entfaltete sich das gesamte Schwarz ihrer Kleidung. Sie kauerte sich vor den schmalen Kamin, der in die Wand rechts von der Tür eingelassen war. Sie entfernte Asche von den Holzscheiten, stellte sie zusammen und zündete ein Feuer an. Die Flammen erfaßten die Holzscheite, der rußgeschwärzte Kamin wurde hell, die Flammen wuchsen empor ...

3

Die Flammen und die fragenden Blicke Olias: »Wer bist du? Wer bist du?« drangen in den widerstrebenden Nebel seiner Erinnerungen ein und riefen Bilder herauf. Die Silhouette eines winzigen Dorfs, ein roter Lehmpfad, der von den Hirten dort, in der Nähe von Nioro du Sahel, begangen wurde. Die Erde, aufgeheizt von den Strahlen einer unbarmherzigen Sonne, hochgewirbelt zu feinem Staub, klebt sie auf der Haut. Nioro, wo sie aufgebrochen sind, weiter zurück reichte seine Erinnerung nicht. Er mußte fünf oder sechs gewesen sein. Nioro oder ein ausgetrockneter Ort in dieser Gegend. Die lange rote Straße, ein Esel, der von seinem Vater Sidi am Zügel geführt wurde. Er hatte seinen einzigen Sohn, Askia, auf den Rücken des Tiers gesetzt. Hinter dem Esel, dem Vater und dem Sohn ging die Mutter, Kadia Saran. Auf dem Kopf trug sie den Proviantkorb, ein Bündel, an der Schulter eine Umhängetasche voller Arzneifläschchen, Amulette und Heilwurzeln, eine Unmenge von Mitteln gegen alle Übel ihrer Zeit, deren Geheimnisse nur diese Hirten der starken Winde kannten. Alles folgte dem mählichen Trab des Esels, der ihre Flucht über die steilen Pfade nicht beschleunigen konnte.

Er war ganz sicher, was den Ausgangspunkt betraf ; sie brachen in einer undurchdringlichen Nacht auf, allein die Stille begleitete sie. Und als er versuchte, in seinem Gedächtnis den Grund für ihr Weggehen zu finden, wurde ihm klar, daß es nicht wegen Weidelands gewesen sein konnte. Denn schon lange hatten sie kein Vieh mehr besessen. Es blieb nur der Esel, einziger Überlebender der Epidemie, die ihre Herde befallen hatte. Das stand ihm nun deutlich vor Augen, und er sah ihre Expedition in einem anderen Licht. Einem düsteren Licht allerdings: Der ausbleibende Regen im Sahel, verbrannte Hirsefelder, in der Erde überall Risse, durch die Verzweiflung sickerte, leere Kornspeicher, vom Hunger ausgehöhlte Bäuche und Blicke, Gebete in die Himmelsrichtung, von wo der Regen kommen sollte.

Er nahm an, der Grund für ihr Weggehen lag im fehlenden Regen und der unter ihren Füßen verdorrenden Erde. Er sah diese tagelangen Märsche durch ausgetrocknete Gebiete vor sich, durch verwüstete Ebenen, wo noch immer ein paar schicksalsergebene Seelen hockten, tollkühn auf Wunder hoffend oder Hohn und Spott verfallen. Spottlustig, weil Vater, Mutter, Sohn und Esel, die auf dem Weg an ihren Häusern vorbeikamen, einen heftigen Geruch verströmten. Den von vielen Tagen ohne Waschgelegenheit. Am Wegrand erhoben sich die Stimmen der Spötter:

»Es stimmt schon, daß wir kein Wasser mehr haben, aber ist das ein Grund, derart schlecht zu riechen?«

»Wie kann es sein, daß die Zunge des Winds ihnen nicht den Schmutz abgeleckt hat?«

»Aber sie können doch nichts dafür ...«

»Sie haben kein Wasser.«

»Aber hat man deswegen das Recht, einen derartigen Gestank von Aussätzigen, Ungläubigen und Parias zu verbreiten?«

»Vielleicht hat sich ja der Schaum des Sands geweigert, sie baden zu lassen?«

»Kann man ja verstehen. Der Sand ist heiß. Nicht unbedingt das geeignete Mittel zur Körperpflege.«

»Kann es denn sein ...«

»Daß sie ...«

»Auf diesem langen Weg leben ...«

»Weil dieser lange Weg alles ist, was sie haben?«

»Wer bist du?« las Askia in den Augen und im Objektiv der Fotografin. Und so traten ihm diese wenigen unzusammenhängenden Sequenzen wieder ins Bewußtsein, der Uranfang all der Wege, die er sein Leben lang beschritten hatte ...

4

Paris, der monotone Verlauf eines ziemlich frischen Februars. Seine erste Begegnung mit der jungen Frau. Er hatte vergessen, die Türen seines Taxis zu verriegeln. Sie sagte: »Sie schickt ein Engel zu dieser Abendzeit, zu der es kaum Taxis gibt und schon gar nicht in so einer winzigen Straße.« Und ohne seine Antwort abzuwarten, stieg sie ein und bat ihn, sie zum Jardin du Luxembourg zu fahren, Rue Auguste-Comte. Sie sah ihn kaum an, konzentrierte sich auf Bilder, die sie in ihrer Digitalkamera löschte. Er begegnete ihrem Blick im Rückspiegel. Und als hätte er sie danach gefragt, hörte er sie antworten, die Digitalkamera sei nur für die unwichtigen Arbeiten. Eine Viertelsekunde lang fixierte sie ihn und wandte sich dann wieder den Bildern zu. Sie sprach vor sich hin, wählte Bilder aus und löschte sie. Er folgte ihr mit den Augen. Verstohlen spionierte er seinen Fahrgast aus, die aus ihrem Apparat Porträts entfernte, die ihr mißfielen. Ein bitteres Grinsen trat auf sein Gesicht. Denn auch ihm war genau dieser Einfall gekommen, nämlich so wie sie jetzt, aber vier Jahre früher, vor seiner Flucht, diese Porträts zu entfernen, indem er auf einen Knopf drückte ...