Die Schnapskarte - Sami Hilvo - E-Book

Die Schnapskarte E-Book

Sami Hilvo

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Beschreibung

Urho und Toivo sind frisch ineinander verliebt, als der Zweite Weltkrieg Finnland erreicht. Beim Militär treffen sie sich wieder und verbringen inmitten des Infernos eine idyllische Zeit. Doch dann wird Toivo verwundet und kehrt in die Heimat zurück. Er heiratet, aber als seine Verletzungen ihn zum Krüppel machen, verlässt ihn seine Frau. Auch Urho heiratet und führt eine kalte Ehe, die er nur mit sehr viel Alkohol übersteht. Als Toivo auf schreckliche Weise stirbt, verliert er vollends den Boden unter den Füßen. Viele Jahre später entdeckt sein Enkel Mikael die Tagebücher, in denen Urho die Geschichte von Liebe, Krieg und Elend aufgeschrieben hat. Auch er ist schwul und hat mit einer bornierten Umgebung zu tun, doch verglichen mit den großen Gefühlen, die das Leben seines Großvaters geprägt haben, ist sein Leben ziemlich öde verlaufen. Mikael verbringt den ganzen Sommer mit den Tagebüchern, und zugleich bringt er den Garten der Großeltern wieder zum Blühen. So steuert der Roman auf ein sehr poetisches Ende zu.

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Seitenzahl: 205

Veröffentlichungsjahr: 2012

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SAMI HILVO

DIE SCHNAPSKARTE

ROMAN

Aus dem Finnischen vonAngela Plöger

Männerschwarm VerlagHamburg 2012

DEM ANDENKEN MEINES GROSSVATERS

Bei der Aufzucht von Obstbäumen müssen wir darauf

achten, dass wir sie niemals zwingen, sich entgegen ihrer

Veranlagung zu entwickeln, vielmehr müssen wir sie in

jeder Weise unterstützen und ihnen helfen. Zwar lässt

sich ein sicheres Ergebnis auch dann erzielen, wenn

man entgegengesetzt verfährt, aber zumeist folgt

darauf früher oder später die Strafe.

Erik Lindgren: GARTENBUCH. 1903

MIKAEL

Am Bahnhof wird mir eine Mitfahrgelegenheit angeboten, aber ich lehne ab. Die Frau spricht mich mit Vornamen an, aber ich erinnere mich nur dunkel an sie. Ihr Mann sitzt im Auto und wartet. Auch sein Name fällt mir nicht ein. Als das Auto aus meinem Gesichtsfeld entschwindet, stütze ich mich gegen die verwitterte Holzwand des Bahnhofsgebäudes und übergebe mich.

Mich umgibt eine stagnierende Dorflandschaft. Ich sehe, wie sich im Haus jenseits der Gleise – einer ehemaligen Molkerei – die Vorhänge bewegen, als ich mich aufrichte und hinüberschaue. Aus mir ist ein Unbekannter geworden, und deshalb wirkt mein Verhalten verdächtig.

Der Tag ist klar und der Weg trocken und gut begehbar. Schmutzig verfärbter Schnee liegt nur noch in den Gräben und in den kühlsten Schatten der Bäume. Der Streusand auf der Straße knirscht unter den Schritten, aber ein lauer Windhauch trocknet mir den Schweiß von der Stirn, und meine Stimmung steigt.

Ich habe mich verspätet. Ein paar Leute sind schon vor mir eingetroffen. Ich stelle meine Tasche in der Diele auf den Boden, neben die Tür zu Großvaters Arbeitszimmer. Sie ist verschlossen. Die Klinke ist aus kaltem Metall, und ihre Kühle beruhigt mich.

Mein Großvater war der Polizeichef des Ortes, und in diesem Zimmer versah er sein Amt. Wenn er nicht da war, öffnete ich manchmal die Tür und spähte hinein, wagte aber nicht, den Raum zu betreten. Dann bekam ich Angst und zog die Tür wieder zu. Es war nicht das Zimmer selbst, das mich erschreckte, sondern die Vorstellung, wie ich dort eintrat, Schubladen öffnete, Papiere durcheinanderbrachte, versehentlich die glänzende Oberfläche des Tisches beschädigte, in Respekt gebietende Bücher schaute und das schwarz und stumm dastehende Sofa berührte. Der Lederbezug war auch im Sommer kühl. Ob es wohl geknarrt hätte und ob wohl eine Vertiefung zurückgeblieben wäre, wenn ich mich darauf gesetzt hätte? Ob sie dem Großvater verraten hätte, was ich getan hatte? In meiner Kindheit war die Tür zu, wenn Großvater draußen zu tun hatte, aber niemals verschlossen.

Ich nehme den Kulturbeutel aus meiner Reisetasche und begebe ich mich in das WC in der Diele, um mich frischzumachen. In meinem Kopf wummert immer noch die Musik des Nachtklubs, und ich höre das Bett gegen die Wand krachen, während der Unbekannte sich keuchend auf mir abrackert. Als ich ihn am Morgen endlich aus dem Hotelzimmer hinausbekam, hatte ich den Zug schon verpasst. Ich putze mir noch einmal die Zähne, trinke zwei Glas Wasser, zerknülle den Zettel mit der Telefonnummer, den ich in meinem Kulturbeutel gefunden habe, werfe ihn in die Kloschüssel und spüle ihn hinunter.

Im Wohnzimmer sitzen Menschen, die sich leise unterhalten. Alle erkennen mich, verstummen für einen Moment, setzen aber ihre Gespräche fort, nachdem ich einen Gruß genickt habe. Meine Tante ist da. Wir sprechen nicht miteinander. Sie meint, nicht der Sohn ihres Bruders habe gerade das Zimmer betreten, sondern der Teufel selbst. Tonlos murmeln ihre Lippen entweder Gebete oder Verwünschungen. Sie ist im Besitz der Wahrheit. Alles außerhalb dieser Wahrheit ist des Teufels.

Ich stelle mich ans Fenster und schaue hinaus in den Garten. Das Dorf hat seine Stille bewahrt, aber der Garten hat sich verändert. Die Frühlingssonne hat die Halme und Stängel, die unter dem Schnee zum Vorschein kommen, bereits getrocknet; sie sehen so aus, als wären sie schon im Herbst, zur Zeit des ersten Schnees, tot gewesen. Der Garten, Stolz meiner Großmutter und Neidobjekt der anderen, hat seit Jahren keine Frucht getragen.

Mikael, im Garten gibt es alles, sagte Großmutter oft.

In der Küche werden Vorbereitungen getroffen, aber der Rhythmus ist anders, vorsichtiger als bei Großmutter, die heute neben ihrem Mann begraben wurde.

Dieses Haus ist mir in weit größerem Maß ein Zuhause gewesen als die Wohnung, in der ich mit Vater und Mutter gelebt habe. Obwohl Großmutter, die Geist und Wärme ins Haus brachte, jetzt tot ist, habe ich das Gefühl, dorthin zurückgekehrt zu sein, wo ich hingehöre. Auch das von Vater errichtete Haus, das ich mein Zuhause nennen musste, löst bei mir Erinnerungen aus, aber diese Erinnerungen sind blutlos und kalt.

Jetzt wird von mir nichts mehr erwartet. Ich kann die Dinge nennen, wie ich will. Ich kann hier oder dort sein oder fortgehen, und niemand hätte eine Veranlassung oder das Bedürfnis, es zu kommentieren.

Ein Blick folgt mir, als ich durch das Wohnzimmer in die Küche gehe. Ich glaube, sie heißt Hertta.

In der Küche werkelt Tuulikki, Großvaters Schwester. Sie bemerkt mich, trocknet sich die Hände an der Schürze ab und kommt mir entgegen, um mich zu umarmen. Mich überrascht die Geste, an die ich im Kreis meiner Verwandten oder auch nur meiner Familie nicht gewöhnt bin. Ich hatte einen Händedruck oder ein paar teilnahmsvolle Worte erwartet, aber jetzt muss ich die Arme um diese zerbrechliche alte Frau legen. Tuulikki löst sich von mir, nimmt ihr Taschentuch aus der Schürzentasche und wischt sich die Augen. Aus derselben Tasche holt sie einen Schlüssel hervor und übergibt ihn mir.

«Deine Mutter hat mich schon nach dem Schlüssel gefragt, aber Aili hat mich noch im Krankenhaus schwören lassen, dass ich ihn nur dir gebe. Im Zimmer ist alles unverändert.»

Ich stecke den Schlüssel von Großvaters Arbeitszimmer in die Tasche. Tuulikki bückt sich, um den Kuchen aus dem Ofen zu nehmen. Die Küche ist von einem vertrauten und sicheren Duft erfüllt.

Der Kognak steht an seinem üblichen Platz im Geschirrschrank. Sowohl Großmutter als auch Großvater haben sich daraus bedient, aber immer für sich allein, niemals zusammen. Als Arznei, sagten sie beide. Ich schenke mir ein wenig von der Arznei ein, kehre ins Wohnzimmer zurück und setze mich auf Großvaters Stuhl.

URHO

In meiner Heimatgemeinde und an der Grenze kursierten verschiedene Gerüchte, aber ich wollte nicht darauf hören. Ich wollte ihnen keine Macht über meinen Seelenfrieden einräumen.

Wir verbrachten den Tag auf der Felseninsel. Ich sollte am nächsten Morgen an die Grenze zurückkehren. Die Arbeit als Grenzsoldat hatte ich gleich nach dem Wehrdienst begonnen. An der Grenze diente ich seit einem Jahr.

Der Wind wurde kühler, und deine Fragen wärmten mich nicht.

«Kommt sie?», fragtest du.

«Was?», fragte ich zurück, obwohl ich wusste, was du meintest.

«Die Mobilmachung», antwortetest du.

«Meinst du außerplanmäßige Manöver? Das sind nur Gerüchte, auf die solltest du nichts geben.»

Du klapptest dein elegantes Zigarettenetui auf. Das Silber blinkte in der Sonne.

Deine Worte hätte ich am liebsten gar nicht gehört, wohl aber das tiefe Vibrieren deiner Stimme. Es beruhigte mich. Ich setzte mich auf und wischte mir die Schenkel ab, denn an meiner verschwitzten Haut klebten Fichtennadeln. Du lagst auf dem Rücken, und deine nackte Brust hob und senkte sich.

«Wohin gehen wir, wenn ein Krieg ausbricht?»

Der Duft des Tabaks stieg mir in die Nase.

Ich wusste es nicht. Ich betrachtete die weite Wasserfläche des Sees und die glitzernden Wellen. Ihre Farbe war jetzt tiefer als zu Beginn des Sommers. Auch mit dir war während des Sommers etwas vor sich gegangen, aber ich wusste nicht, was.

Ich schaute dich an und wunderte mich, wie weich dein fester Körper die Herbstsonne reflektierte. Ich roch deine schweißbedeckte Brust. Der Wind spielte in deinen Haaren, die gleichfalls im Licht schimmerten. Ein leichtes Lächeln lag auf deinen Lippen. Ich erinnerte mich an ihre Weichheit und an deine kratzenden Bartstoppeln, aber dann öffnetest du den Mund, und die Erinnerung verschwand. Du wolltest mich absichtlich ärgern.

«Würden sie von dort kommen?», fragtest du, den Blick auf den dunkelnden See gerichtet.

Die Felseninsel war unbewohnt, frei und voller Licht. Wir waren ein Teil von ihr geworden, aber bald würden wir fortmüssen. Du wurdest ernst, wandtest dich mir zu und sahst mir direkt in die Augen.

«Was wird aus der Olympiade?», fragtest du mehr dich selbst als mich.

Ich kam zu dir und kitzelte dich. Du musstest laut lachen.

Wir wuschen uns im See, der noch etwas von der Wärme des Sommers bewahrt hatte. Blieben im flachen Uferwasser stehen. Ein Elch schwamm quer über den See. Seine Geweihkrone hob sich hoch der Sonne entgegen.

«Warte hier!», sagtest du, ranntest ans Ufer und holtest deine Kamera. «Darf ich vorstellen … Herr Carl Zeiss!», fuhrst du fort in einer Sprache, die ich nicht verstand.

«Blas mich!», antwortete ich, wie du es mir beigebracht hattest. Du hattest gemeint, das sage man zur Begrüßung, aber nur unter Freunden. Ich hatte meine Zweifel daran, denn deine Miene war verräterisch, jedes Mal, wenn ich es zu dir sagte.

Herr Carl Zeiss war eine Zeiss Super Ikonta 6x6. Insgesamt eine eigene Produktion von Zeiss. Die Kamera verfügte über einen Entfernungs- und einen Belichtungsmesser. Ihr Objektiv war ein Tessar und der Verschluss ein Compur-Rapid. Ein teurer Apparat. Vorsichtig stelltest du ihn auf einen Stein.

Der Verschluss der Kamera klickte. Du schöpftest Wasser aus dem See und spritztest mich wieder nass. Das Wasser um mich herum funkelte wie der Kristallkronleuchter in der Aula des Stadthotels. Wir hatten ihn uns heimlich angesehen.

Nun versuchte ich, dich nasszuspritzen, aber du wichst geschickt aus, brachtest den feinen Herrn Zeiss in Sicherheit, und wir stiegen ans Ufer.

Ich öffnete eine Milchflasche, und du holtest die Brote aus deinem Rucksack. Auch dein Rucksack war elegant. Er war aus genauso dickem und festem Leder wie die Kameratasche. Du hattest eine Menge erstaunlicher Dinge aus Berlin mitgebracht. Obwohl ich den Gleichgültigen spielte, beneidete ich dich insgeheim und wollte mehr hören über das, was du im Sommer bei deiner Tante Selma und ihrem Mann gesehen und erlebt hattest.

Alle wussten, dass ihr, du und deine Familie, euch diese Dinge und auch die ganze Reise nicht leisten konntet. Beim Anblick der Kamera sahen die anderen nicht dich, sondern deine Tante, die in die große Welt gegangen war. Sie brauchte nicht mehr die Mühen einer langen Reise auf sich zu nehmen oder sich ihre feinen Schuhe auf der steinigen Straße ihres Heimatdorfs zu verderben, nur um vorzuführen, was sie besaß. Das tatest du für sie.

«Erzähl mir von Berlin, Toivo», bat ich.

«Siehst du die Halbinsel dort?», fragtest du, ohne dich um meine Bitte zu kümmern. «Dort in der Bucht liegt ein Bauernhof, in schöner Umgebung. Die Sauna direkt am Ufer. Ringsherum Wald und etwas weiter entfernt die Felder. Ich kenne eine andere, ähnliche Halbinsel und einen Hof, der unbewohnt ist und renoviert werden müsste. Er liegt im Kirchspiel Miesvaara und gehört meiner Tante.»

«Und Berlin?»

«Berlin war … meine Tante, ihr Mann und deren Freunde, lauter Künstler und Musiker und feine Menschen. Alle sagten, schön, schön, sehr schön. Sie ließen mich durch meine Tante fragen, ob ich Deutscher werden wolle? Ich würde besseres Training bekommen und den Speer weiter werfen können als irgendein Finne jemals zuvor. Alle lachten, und einer von ihnen schnäuzte sich die Nase in einem Tuch, das genauso aussah wie die Hakenkreuzfahne vor dem Stadthotel. Nur kleiner. Ich verstand nicht alles. Ich möchte das Haus in Ordnung bringen, die Felder pflügen und bestellen. Wann sehen wir es uns an?»

«Amanda würde dir eine gute Frau sein. Warum gehst du nicht mit ihr dorthin?», foppte ich dich.

Am Morgen in aller Frühe, als du zu Hause noch in tiefem Schlaf lagst, packte ich Proviant zusammen und ging zum Bahnhof. Aili begleitete mich. Einen Augenblick lang hielt ich ihre Hand, weiter war ich mit ihr noch nicht gekommen. Und du? Mit deiner Amanda?

Langsam wandelte sich die Landschaft vor den Fenstern des Zuges. Am Tag zuvor hattest du dich auf der Felseninsel ohne Sehnsucht nach Vergangenem und ohne Sorge um das Morgen gesonnt. Als ich aber nach Einbruch der Nacht das Ohr an deine Brust gelegt und auf dein Herz gehorcht hatte, war mir angst geworden.

Die Sonne stand schon hoch, vielleicht warst du schon erwacht. Bald würdest du wieder Amanda treffen. Vielleicht würde dann deine Sehnsucht nach mir endgültig verfliegen und mein Bild in deinen Gedanken verblassen, falls du mich überhaupt vermisst hattest. Bald würdest du Kopf und Hände voll haben von anderen Dingen. Du würdest eine Antwort auf deine Fragen bekommen, weil die Gerüchte sich bewahrheiten sollten: Dein Deutschland überschritt seine Ostgrenze und griff Polen an.

MIKAEL

Das Licht draußen ist hart. Es dringt herein und bringt weitere Trauergäste mit. Sie alle sind alt. Ihre Reihen haben sich gelichtet. Es sind weniger als bei Großvaters Begräbnis.

Jung. Alt.

Lebend. Tot.

Frei. Gefangen.

Alles ist relativ.

Ich erinnere mich immer noch an Großvaters Lächeln.

Großvater lächelte selten, aber wenn er es tat, war sein Lächeln frei und sorglos, wahrhaft glücklich. Wir sahen es, wenn er getrunken hatte. Er trank, wenn seine Amtsgeschäfte es erlaubten.

Wenn er trank, wusste ich, dass er in der Nähe war. Dann lag ein süßer, dunkler Duft in der Luft, den ich lieben lernte. Wenn Großvater nüchtern war, konnte ich nicht sicher sein, ob er zu Hause war oder abwesend. In nüchternem Zustand war er wie ein Geistersoldat, der kam und ging, ohne dass es jemand bemerkte, nicht einmal seine Frau. Aili missbilligte sein Trinken – wie es sich gehörte – war aber zugleich dankbar, denn sie wusste, dass er im Rausch in den eigenen vier Wänden blieb. Der Zustand der Trunkenheit machte Urho langsam.

Ich sah das Lächeln auch dann, wenn er sein Uniformhemd wusch und bügelte. Dann war er nicht betrunken. Die anderen sahen das nicht. Der Zusammenhang zwischen seinem Hemd und seinem Lächeln verzauberte mich, denn ich war ein Kind.

Was war das für ein Gefängnis, aus dem er sich befreite, indem er trank oder sein Hemd bügelte? Darüber dachte ich erst nach, als ich feststellen musste, dass auch ich selbst in einem Gefängnis lebte.

Auch ich habe das Trinken gelernt und dulde dabei keine Einmischung. Am freiesten aber bin ich dann, wenn ich schreibe. Das Schreiben ist die höchste Stufe der Freiheit. Wenn ich nicht schriebe, wäre ich sicherlich ein abgebrühter Krimineller, vielleicht im Gefängnis, vielleicht tot. Da ich schreibe, bin ich noch abgebrühter als ein Krimineller, aber zumindest scheinbar frei und absolut am Leben.

Wir haben die Welt kompliziert gemacht.

Deshalb trank Großvater und bügelte selbst sein Hemd.

Deshalb schreibe ich.

MIKAEL

Mein Vater tritt ein zusammen mit meiner Mutter. Sie sind von der Kirche aus hintereinanderher bis auf den Hof des Hauses gefahren. Trotz ihrer Scheidung halten sie es für notwendig, gemeinsam zu erscheinen und vermutlich auch gemeinsam wieder zu gehen. Nach der Trauerfeier werden sie etwa einen Kilometer weit hintereinanderherfahren, bis Mutter in den Hof des Hauses einbiegt, das sie als ihr Zuhause bezeichnet, und Vater fährt weiter bis auf die Schnellstraße, beschleunigt, wenn er sich in den Verkehr einfädelt, und kehrt zurück in die Stadt und in sein Leben.

Im Verlauf ihrer Ehe haben sie nur eine einzige gemeinsame Auslandsreise unternommen. Die damals gekauften T-Shirts trugen sie dann Sommer für Sommer, Mutter ein rotes und Vater ein blaues. Auf beiden stand derselbe fehlerhafte Text: High-school Sweathearts. Meine Eltern haben nicht das Gymnasium besucht. Mutter brachte mich zur Welt, als sie siebzehn Jahre alt war.

Nach Vater und Mutter betritt Ilari das Wohnzimmer. Vater bemerkt ihn erst jetzt, wirkt überrascht und verärgert, nimmt aber die ausgestreckte Hand und die Beileidsbekundungen entgegen. Zusammen mit Ilari ist eine Frau gekommen, an die ich nur eine vage Erinnerung habe. Sie heißt Hannele oder Helena. Es fällt mir schwer, Frauennamen zu behalten. Mutter begrüßt sie beide. Ilari, indem ihr Blick nur kurz und kühl seine Schulter streift, seine Frau dann etwas herzlicher.

Als Vater sich umdreht, um die anderen zu begrüßen, neigt Mutter sich ihm zu und flüstert eine Frage. Ich lese ihr die Frage von den Lippen ab. Vater schüttelt dreimal den Kopf. Nein, er hat Ilari nicht über die Beerdigung informiert. Nein, er weiß nicht, wer das getan hat. Nein, er wird die beiden nicht bitten, das Haus zu verlassen.

Ich weiche Mutters Blick aus, und da ich nicht sehen will, wie Vater meinem Blick ausweicht, sehe ich Ilari an. Er hat bemerkt, dass ich in Großvaters Stuhl sitze, und lächelt, erinnert sich dann an den Anlass, der uns hierher geführt hat, presst die Lippen zu einem Strich zusammen und legt die Stirn in teilnahmsvolle Falten.

Es stellt sich heraus, dass Ilaris Frau Helena heißt. Um ihren Mund herum haben sich Furchen eingegraben, und sie blickt sich nervös um, als suchte sie einen Fluchtweg. Ihrem dunkelblauen Augen-Make-up sieht man an, dass sie geweint hat.

Den Namen von Ilaris Frau hatte ich vergessen, aber nicht, was für ein ansehnlicher Mann Ilari war – sogar in diesem harten Frühlingslicht. In dem Punkt hatte meine Erinnerung mich nicht getrogen. Erinnerung ist vielleicht der falsche Ausdruck, denn mein Blickwinkel ist jetzt ein anderer. Die Bilder, die ich mir jetzt von meiner Umgebung mache, indem ich ihre Möglichkeiten und Wahrscheinlichkeiten abwäge, sind von anderer Art als diejenigen, die damals in mir entstanden, als ich noch jung und unschuldig war.

Wenn ich jetzt die Augen schließen und die Erinnerung an jenen Ilari heraufbeschwören würde, der von uns fortging, damals, vor siebenundzwanzig Jahren, als Großvaters Leiche gefunden wurde, dann würde ich das Hochglanzfoto eines schönen Helden mit eisblauem Blick vor mir sehen, der unruhig seine Umgebung beobachtet.

Ich schließe nicht die Augen, denn ich will den jetzigen Ilari sehen. In seinem ungewöhnlich dunklen, fast schwarzem Haar zeigt sich das erste Grau und in der Klarheit seines Blicks ein schwermütiger Schatten. Er ist jetzt weniger Bild, mehr Mensch. Er ist ein Mann geworden.

Ilari ist jetzt dreiundfünfzig. Ich bin vierzig. Er ist dreizehn Jahre älter als ich. Jetzt hätten diese Jahre keine Bedeutung.

Ich weiß nicht, woran er sich erinnert, was für ein Bild er von mir sehen würde, wenn er die Augen schlösse. Ich kann nicht wissen, was er sieht, wenn er mich jetzt betrachtet, aber sein entspanntes Wesen und sein Lächeln von eben wirken beruhigend auf mich.

Ich betrachte ihn wie einen Ebenbürtigen. Ich war es, der ihn von Großmutters Beerdigung in Kenntnis gesetzt hat. Ich wollte ihn treffen.

URHO

In den Dörfern waren Männer von Haus zu Haus gegangen und hatten Zeit, Ort und Ausrüstungsgegenstände genannt, die zu den außerplanmäßigen Manövern mitgebracht werden sollten. Die Liste deckte fast alles Wichtige ab, was sich in den Häusern fand. Mitgenommen wurde das Beste. Einschließlich der Söhne.

Die Nachricht über die Ankunft der Männer hatte sich die Dorfstraße und die Nebenstraßen entlang von Mund zu Mund, von Haus zu Haus, bis hinter die Häuser und in die Wälder verbreitet, hatte jedes Haus und jede Hütte schneller erreicht als die zielstrebigen Schritte ihrer Überbringer. Noch ehe sie sich vorstellen konnten, hatten der Familienvater oder die Hausfrau schon einen Namen für sie: Abholer. Es waren Abholer, und sie gingen nicht eher, als bis sie bekamen, was sie wollten.

Die Höfe gaben die Söhne im besten Alter, ihre festesten Stiefel, ihre dicksten Mäntel und ihre Schlittenpelze aus Bocksfell. Ihre weißesten Laken, umgearbeitet zu Schneeanzügen, ihre glattesten Skier und ihre zottigsten Pelzmützen. Strümpfe und Fingerhandschuhe für die Bedienung des Abzugs. Fausthandschuhe und Brot. Pferde und Gewehre.

Die Männer, die in den Zug einstiegen, ängstlich umher oder mit glasigen Augen vor sich hin blickten, wirkten nicht wie Soldaten. Begeisterung und Mannhaftigkeit waren dahin. Es waren Jungen. Aber es war an der Zeit, sich auf den Weg zu machen.

An jenem Morgen wurde Abschied genommen. Mütter und Väter verabschiedeten sich von ihren Söhnen, die Söhne von ihren Schwestern und jüngeren Brüdern, die wenigen Männer von ihren Ehefrauen. Mancher verabschiedete sich von seiner Liebsten, oder auch nur von dem Mädchen, dem er von irgendwo dort schreiben würde. Von wo, das wagte niemand laut zu sagen. Auf jeden Fall musste ein Soldat doch eine Liebste haben, die daheim auf ihn wartete.

Auch du hast dich von deiner verabschiedet. Amanda stand auf dem Bahnsteig und sah dem Zug nach, der hinter einer Kurve verschwand.

Ich brauchte nicht zu fahren: Ich war schon dort. Den ganzen Herbst über war ich nicht zu Hause gewesen. Ich bewachte die Grenze, deren Bedeutung jetzt infrage gestellt wurde. Ich hielt Wache, und der Wahnsinn der Welt reichte bis hierher, bis an diese Grenzen. Wollen wir uns daran beteiligen? Gibt es keine Alternativen?

Ich wusste, dass du lächeltest. Heimlich. Du saßest mit deinem Rucksack auf der harten Bank des Zuges, unterwegs in ein Irgendwo, und keiner von euch wusste, wohin. Du warst ungeduldig. Die anderen hatten kaum ihre Tränen hinuntergeschluckt, da holtest du schon die Milchflasche und den Proviant aus deinem Rucksack. Als wärst du unterwegs in ein Trainingslager.

Deine Kamera hattest du nicht mitgenommen. Du hattest sie meiner Schwester Tuulikki überlassen. Du ließest sie schwören, dass sie alles Wichtige fotografieren würde, solange es noch Filme zu kaufen gab. Es kursierten Gerüchte über Warenknappheit. Es kursierten Gerüchte über Not und Mangel. Du sorgtest dich um Filme.

Ich mag das Lächeln, das du verbergen willst. Vielleicht hätten das auch die anderen lernen sollen: Wenn man die Reise freudig antritt, kehrt man sicherlich auch freudig zurück. Aber nein. Das ganze übrige Abteil, der Waggon und der ganze Zug kannten nur eine Stimmung: den Trübsinn und die Angst eines jungen Mannes.

MIKAEL

Der Tisch ist gedeckt. Reispiroggen und Schmalzgebackenes, Kohlpirogge, Viborg-Kringel, Kammgebäck, Quarkpiroggen, Löffelkekse, Zimtgebäck, Katzenzungen, Kaffee und Beerenlikör. Es gibt keinen Saft für die Kinder, denn es gibt keine Kinder.

Ich packe mir sowohl Salziges als auch Süßes auf den Teller und setze mich wieder in Großvaters Stuhl. Vater, Mutter, Ilari und seine Frau meiden einander weiterhin und wissen nicht, wohin oder wie sie sich setzen sollen. Die anderen bemerken es und setzen sich, über ihr Alter lamentierend, auf die Stühle am Fenster. Die vier, die einen nervösen Reigen vorgeführt haben, enden auf dem Sofa und auf den dazugehörenden Stühlen.

Mutter vermeidet es, näher bei Vater zu sitzen, als es die Aufrechterhaltung einer bedeutungslos gewordenen und bis zur Unkenntlichkeit verfallenen Kulisse sowie der Raummangel erfordern.

Mutter oder ihr Sitzplatz könnten Vater nicht gleichgültiger sein, aber anscheinend meidet er Ilari. Vater sieht in Ilari nicht mehr seinen Freund und nicht einmal mehr Großvaters ehemaligen Untergebenen. Nur der gemeinsame Beruf verbindet die Männer, aber eigentlich hat Vater gar nicht mehr das Recht, den Ring der Polizisten zu tragen.

Ilaris Frau Helena – ich bemühe mich, mir ihren Namen zu merken – meidet außer meiner Mutter und meinem Vater auch ihren Mann. Helena möchte nicht hier sein. Sie sitzt unbequem am äußersten Rand des Sofas, und ich weiß nicht, wie die anderen reagieren würden, wenn sie auf den Fußboden abrutschen würde.

Nicht nur Vater, sondern auch Mutter ignorieren Ilari und sein entspanntes Geplauder. Um auf seine Versuche, eine Unterhaltung anzuknüpfen, nicht reagieren zu müssen, versucht Mutter, an Ilari vorbei ein Gespräch mit dessen Frau zu führen. Die hat es satt, darüber zu spekulieren, was von Mutters abgerissenen Sätzen eine Frage und was eine Feststellung ist, und springt jäh auf. Sie schafft es nicht ganz, den kleinen Tisch zwischen uns umzustürzen, aber doch so weit, dass etwas Kognak aus meinem Glas auf die Spitzendecke des Tisches schwappt und ein gelber Fleck entsteht, und geht, entgegen der guten Sitte, noch vor den nächsten Angehörigen der Verstorbenen in die Küche, wobei sie beinahe über meine Beine stolpert.

Mutter, die sich getreu ihrer Gewohnheit die Lippen allzu orangefarben geschminkt hat, sagt nichts, tadelt nicht Ilaris Frau, die sich schon mit zitternden Fingern Piroggen auf den Teller packt, aber bedauert mit einem vielsagenden Blick den Kognakfleck, der ein gerade ihr so kostbares Erinnerungsstück beschmutzt hat.

Mich, der ich meinen Kognak trinke, ohne den anderen etwas anzubieten, meine Schweigsamkeit und Gleichgültigkeit tadelt niemand.

Die Gesetze dieser Menschen betreffen mich nicht.

«Mikael, würdest du mir ein Glas Wasser bringen», sagt Mutter überraschend. Zunächst verstehe ich nicht, was sie sagt, oder dass sie die Bitte an mich gerichtet hat. Zum ersten Mal seit vielen Jahren spricht sie mich an. Sie will meine Mutter spielen.

«Ich bring dir eins», sagt Ilari eilig. Mutter sagt nichts.

Ilari steht sicherer auf als seine Frau, sieht meinen Kognak an und hebt fragend die buschigen Brauen. «Im Geschirrschrank»,flüstere ich.

«Meine Frau fährt uns zurück, wenn sie sich beruhigt hat», sagt Ilari und belohnt mich mit einem Lächeln für die Auskunft.

Alles, was ich von dem Fasanenteller mit dem Schornsteinstempel esse, ist aufwendig und mit Geschick zubereitet. Tuulikki, die in der Küche wirtschaftet, hat eine Menge Gutes aufgetragen. Ja, die Altvorderen verstehen ihre Sache.

Mutter bekommt ihr Glas Wasser. Sie kramt in ihrer Handtasche, die neben ihr auf dem Boden steht. Als Erstes kommt ein Handy zum Vorschein. Mutter befingert es so lange, dass auch die anderen bemerken, was sie in der Hand hält. Das Handy verschwindet wieder in der Tasche. Dann öffnet sich knackend die Pillendose, und auf Mutters Handfläche erscheinen zwei weiße Tabletten, die sie in den Mund steckt. Sie leert ihr Wasserglas, wobei ihr ein paar Tropfen auf die Jacke fallen. Vater steht auf und muss über die Handtasche hinwegsteigen, um zur Toilette in der Diele zu gelangen.

Mein Kognak bekommt Gesellschaft, und Ilari setzt sich auf das Sofa, zu dem seine Frau nicht zurückgekehrt ist. Ich nicke zustimmend. Er lächelt wieder, lockert die Krawatte und öffnet den obersten Knopf seines Hemdes.

«Aili war ein feiner Mensch», sagt Ilari.

«Danke.»

«Weißt du noch, wann wir uns zuletzt gesehen haben?», fragt Ilari vorsichtig, fast flüsternd. Er beugt sich zu mir. Ich rieche ihn. Ich weiß die Antwort auf seine Frage, aber ich weiß nicht, ob er fürchtet oder hofft, dass ich es laut sage.

«War das nicht bei Urhos Beerdigung?», frage ich zurück und vermeide es, die Wahrheit zu sagen. Aus Ilaris Hemdkragen dringt dichtes Haar hervor, das auch schon stellenweise grau geworden ist.

«Dein Großvater war ein feiner Mann!», sagt Ilari allzu laut, als hätte sich eine Spannung entladen. «Urho hat mir hier im Ort meine erste Stellung verschafft», fährt er etwas ruhiger fort und lehnt sich entspannt zurück. Ich löse den Blick von Ilaris Brusthaaren und schaue Hertta auf der anderen Seite des Zimmers in die Augen. Sie hat ein Lächeln auf den Lippen. Vielleicht war sie eine von Großmutters Freundinnen, aber ich habe sie wohl nur ein einziges Mal gesehen, und das vor langer Zeit.

Ilari schweigt und betrachtet seinen Teller, das Fasanen- und Blumendesign, stellt ihn auf den Tisch, nimmt eine Visitenkarte aus der Manteltasche und reicht sie mir. Ilaris würziger, warmer Duft wirkt genauso beruhigend wie sein Lächeln. Absichtlich langsam greife ich nach der Karte.

«Herzlichen Glückwunsch!», sage ich vernehmlich und sehe zugleich Vater an, der uns und unser Tun beobachtet. Mutter kramt wieder in ihrer Handtasche.

«Ich bin jetzt Helenas Vater.»

«Wie bitte?»

«Der Nachfolger von Helenas Vater.»

Wir lachen kurz und schweigen wieder. Ilari ist mit seiner Karriere gut vorangekommen. Nach Urhos Tod die Stelle in der Stadt anzunehmen war ein kluger Schachzug. Klug war auch die Heirat mit der Tochter des Polizeichefs. Begann seine Karriere schon vor dem heiligen Bund, oder erst danach?

«Hast du die Kassetten noch?», frage ich ihn.

Ilari senkt den Blick auf den Teller. Das Design ist in der Brennphase verlaufen, und aus dem scharf umrissenen Garten der Fasane ist ein nächtlicher Garten geworden. Das Service ist sehr schön. Wenn man es betrachtet, meint man, den Balzruf des Fasanenhahns zu hören.

«Ich habe sie noch, aber kein Gerät mehr, mit dem ich sie abspielen könnte», antwortet Ilari.

«Die Platten hab ich auch nicht mehr. Hab sie weggegeben, als ich fortging.»

«Was gibt es Neues in der großen Welt?», fragt Ilari, dankbar für die Chance, das Thema zu wechseln.

«So allerlei», antworte ich, etwas verdrossen über die Richtung, die das Gespräch genommen hat.

«Bleibst du jetzt erst einmal hier?»

Ich hab meine Freunde getroffen, die mir in der Heimat noch verblieben sind. Sie alle haben mir dieselbe Frage gestellt: Bleibst du jetzt erst einmal hier?

Ich bin weder im Aufbruch, noch will ich irgendwohin zurückkehren, sodass ich hier bin und bei dieser Beerdigung, alles Übrige ist noch unklar.

«Wenn du kein Gerät mehr hast, was hörst du denn jetzt so?», versuche ich, das Thema Kassetten wieder aufzugreifen.

«Wir hören Kirchenmusik», erklärt Ilari.

«Hannele und du.»

«Helena und ich.»

Stille senkt sich über die Anwesenden. Die Wanduhr schlägt vier Mal. Alle blicken hinaus, in die Helligkeit des Tages, außer Mutter, die ihren leeren Teller mit der Serviette abwischt, sich zu ihrer Tasche bückt, den Teller darin verschwinden lässt, sich dann aufrichtet, die Serviette auf den Knien faltet, hörbar seufzt und die Hände im Schoß faltet.

Ich habe ein altes Hemd an, das ich bisher erst ein einziges Mal getragen habe, und zwar auf dem Weg von der Einsegnung zu meiner Konfirmationsfeier hier in diesem Haus. Mutter war auch damals zu müde gewesen, um irgendetwas zu organisieren. Zwischen Gottesdienst und Feier überreichte Großmutter mir das Erbstück von Großvater und ihr eigenes Geschenk. Aus dem braunen Packpapier kam das blaue Hemd zum Vorschein, und aus blau glänzendem Papier zwei Bücher, deren Titel schlicht und kernig Gartenbuch und Kochbuch lauteten. «Ich brauche sie nicht mehr», sagte Großmutter. Ich zog das Hemd aus dem raschelnden Papier hervor an die Sommersonne. Die Ärmel waren scharf gebügelt, und die Metallknöpfe glänzten hell.

Am Wegrand zog ich es an. Ich sah darin aus wie in einem Zelt für die halbe Fußballmannschaft; aus der Rauchabzugsöffnung ragte mein Kopf heraus. Es war heiß. Die Grillen zirpten.

Ein schönes Hemd. Ich erinnerte mich an seine Vorgänger. Ich erinnerte mich auch daran, wie ich mich immer unter dem Küchentisch versteckte. Von dort beobachtete ich Großvater in den seltenen Augenblicken, da er zu Hause und nüchtern war.

Von meinem Versteck aus hatte ich verfolgt, wie Großvater das Hemd sorgfältig wusch und später millimetergenau bügelte, und mich dabei gewundert, warum Großmutter alle anderen Kleider wusch und bügelte, Großvater aber seine blauen Uniformhemden selbst pflegte.

Mit jeder Wäsche blich die Farbe immer mehr aus und war schließlich nur noch eine Ahnung von Blau, bis unter Großvaters vor Entzücken funkelnden Augen ein neues, schimmerndes Hemd aus dem braunen Packpapier zum Vorschein kam. Jedes Mal öffnete er die Brusttasche und steckte etwas hinein, was ich nicht erkennen konnte. Er knöpfte die Tasche zu, ließ die Finger darauf verweilen, sah mich dann an und lächelte.

Ilari erkennt das Hemd, das ich trage, und die Knöpfe daran, fragt aber gleichsam der Form halber – vielleicht, um das Gespräch neu zu eröffnen –, ob das Hemd ein Erbstück von Urho sei. Ich bestätige das. Jetzt sitzt es so, wie ein Hemd sitzen soll. Ich bin hineingewachsen. Fülle es aus.

Nach der Konfirmationsfeier hatte ich allein in meinem Zimmer in dem Hemd, das Großvater gehört hatte und mir viel zu groß war, am Fußboden gesessen. Als wir nach Hause gekommen waren, hatte Vater verlangt, es solle verbrannt werden, aber Mutter schaffte es, ihn zu beruhigen. Ich saß auf dem Fußboden meines Zimmers und blätterte in dem Gartenbuch, das ich von Großmutter bekommen hatte. Das Buch war alt, auf dem Titelblatt war Porvoo und die Jahreszahl 1903 angegeben. Unter dem Vorwort stand eine Widmung der Großmutter: Mikael, im Garten gibt es alles. Deine Großmutter Aili.

Ich stellte die Bücher ins Regal neben die anderen, die Bände der Comicserien Tarzan und Mars. Als ich mir das Hemd auszog, bemerkte ich, dass da etwas in der Brusttasche war. Ich befühlte es durch den Stoff hindurch. Es war hart, aber nicht ganz unbiegsam, glatt und dünn und rechteckig. Es war das, was Großvater immer hineingesteckt hatte. Das, was ich niemals richtig gesehen hatte. Jetzt hielt ich die Lösung des Rätsels in den Händen!

Ich öffnete den Knopf der Tasche und zog eine von einer schmuddeligen Plastikhülle geschützte Karte heraus. Von dem Foto in der linken oberen Ecke blickte mein Großvater an der Kamera vorbei zur Seite und lächelte. Neben dem Foto prangte der Stempeltext ALKOHOLHANDEL AG. Unter dem bläulichen Text war mit Schreibmaschine Lh für Lahti und das Datum 7.2.1961 eingetragen.

Nach meiner Berechnung muss Großvater damals 42 Jahre alt gewesen sein. Schon damals wirkte er wie ein Großvater.

Dieses Stück unserer Kultur- und Sozialgeschichte interessierte mich damals nicht. So steckte ich die Karte zurück in die Brusttasche, zog das Hemd aus und legte es mitsamt den Manschettenknöpfen zusammengefaltet in den Schrank.

Das Hemd und die Bücher über die Früchte des Gartens und ihre Zubereitung haben mich immer begleitet. Alles andere, Dinge wie Menschen, die sich auf meinem Lebensweg als alt und unbrauchbar erwiesen hatten, musste oft Neuem und Besserem weichen. Ich reise mit leichtem Gepäck.

MIKAEL

Tuulikki wäscht in der Küche das Geschirr ab. Ich bitte sie, den Geschirrschrank abzuschließen, bevor sie geht. Sie nickt wortlos.

Als ich mir nachschenke, steht plötzlich Hertta neben mir.

«Gieß mir auch ein bisschen ein, Mikael.»

Ich schenke ihr fingerbreit ein.

«Schrecklich, dass die Beerdigung gerade auf diesen Tag gefallen ist.»

«Beerdigungen sind immer schrecklich.»

«Vielleicht haben dein Vater und deine Mutter vor lauter Erschütterung deinen Geburtstag vergessen.»

«Vielleicht. Sie sind doch Hertta?»

«Wir können uns duzen. Mein verstorbener Mann kannte deinen Großvater sehr gut.»

«Sicherlich besser als ich selbst.»

«Wie geht es dir, Mikael?»

«Danke, gut.»

«Hast du vor, dich hier niederzulassen? Oder wirst du irgendwo erwartet?»

«Ich hab noch nicht entschieden, was ich mache.»

«Ich möchte dir etwas geben, was deinem Großvater gehört hat. Du bist doch morgen noch hier?»

«Ja.»

«Du bist ein guter Junge, Mikael.»

Ich nehme die Kognakflasche, gehe damit zurück ins Wohnzimmer und fülle zwei Fingerbreit in Ilaris Glas.

Mutter versucht, Hannele etwas zu erzählen. Hannele versteht nicht, was Mutter sagt. Die Zunge gehorcht Mutter nicht. Das Beruhigungsmittel wirkt. Auch ich verstehe sie nicht, habe aber von Kind auf gelernt, die Botschaft von ihren schlaffen, sabbernden Lippen abzulesen. Mutter beklagt, dass Gegenstände und Sachen heute nur noch einen Geldwert haben, je höher, des to besser, und dass niemand mehr den Erinnerungen, die sich daran knüpfen, einen Wert beimisst. Alles wird weggeworfen, sobald etwas Neues auf den Markt kommt. Bei dem Wort beimisst fliegen Spucketropfen aus ihrem Mund wie verschreckte Stare. Ilaris Frau tut mir leid.

Zum Abschied lächle ich Ilari zu, gehe an Mutter vorbei, wobei ich mich leicht bücke und ihre Handtasche mitnehme. Niemand achtet auf mich. Mutter hat ihren grellen Schal mit Großmutters Brosche drapiert. Der Amethyst darauf ist gesprungen. Zu Großmutters Lebzeiten war er heil und ganz gewesen. Ich öffne die Tür zum Arbeitszimmer, hole aus Mutters Handtasche drei Teller heraus und stelle sie vorsichtig auf den Schreibtisch. Ich hänge die Tasche an die Klinke der Haustür und nehme die Hausschlüssel aus dem Schlüsselkasten. Erstaunlicherweise sind sie noch dort und nicht bei Mutter. Ich stelle mein Gepäck ins Arbeitszimmer und verschließe hinter mir die Tür.

Das Zimmer und sein Duft sind unverändert. Links steht der große Schrank mit den Papieren, dem Bürobedarf und den Archivordnern. Dann kommt das Fenster und davor der Schreibtisch. In der gegenüberliegenden Ecke steht ein leerer Garderobenständer steif und nackt da wie der Stamm eines toten Baumes. Fast die gesamte Breite der hinteren Wand wird von einem schwarzen Ledersofa eingenommen, auf dem eine rot-grün karierte Wolldecke liegt. Über dem Sofa zeigt eine an den Rändern eingerissene, vergilbte Karte die alten Grenzen Finnlands. An der rechten Wand steht ein niedriger Schrank mit Glastüren und voll von ledergebundenen Büchern mit verblasster, schwarzer und schuppender Goldprägung auf dem Rücken.

Der Schreibtisch ist aus Kiefer und seine Oberfläche nachgedunkelt. Darauf liegt eine Schreibunterlage und daneben ein hoher Stapel sauberes, weißes Papier mit Wasserzeichen. Auch ohne hinzusehen weiß ich, dass das Wasserzeichen den finnischen Löwen zeigt. Manchmal durfte ich ein Blatt Papier gegen das Licht halten und bewundern.

Hinter der Schreibunterlage liegt ein aufgeschlagener Wochenkalender. In Fensternähe steht ein schweres, schwarzes Telefon mit Wählscheibe, neben dem Fenster an der Wand ein kleiner Schreibmaschinentisch und darauf eine grüngraue Olivetti, Modell Studio 44. Großvater hatte mir gezeigt, wie man, indem man energisch auf die schwarzen Tasten drückte, einen Hebelarm mit einem Buchstaben daran aus seinem Nest aufscheuchen konnte, der dann wie eine Kreuzotter auf das saubere Papier zuschnellte und sich sofort wieder in die Unsichtbarkeit zurückzog, um auf den Finger zu warten, der ihn erneut in die Bewegung zwang. Auf dem weißen Papier erschien ein Buchstabe, danach ein zweiter, und schließlich lagen alle möglichen Wörter und Geheimnisse vor mir. Alles Gift aller Schlangen der Welt.

Die Schreibmaschine des Polizeichefs war imstande, wenn auch nicht über Leben und Tod, so doch über viele andere, ernste Dinge zu entscheiden.

In der Schreibmaschine steckt ein neues, sauberes, schimmernd weißes Blatt Papier.

MIKAEL

Flasche und Glas stelle ich auf die Schreibunterlage und ziehe mir den Stuhl heran. Seine Rollen sind gut geölt und geräuschlos. Aus der Brusttasche hole ich Großvaters Schnapskarte und Ilaris Visitenkarte hervor und lege sie vor mich auf den Tisch. Ich fülle mein Glas und nehme einen Schluck. Als die Wärme des Kognaks sich in meinem Körper ausbreitet, falte ich die Hände auf dem Hinterkopf und lehne mich im Stuhl zurück. Er gibt angenehm nach. Essen und Kognak haben ihre Wirkung entfaltet. Ich fühle mich wohl und ruhig. Ich bin hier.

Draußen bewegt sich etwas. Mutter torkelt samt ihrer Handtasche in Richtung Hofschaukel, und Ilari folgt ihr. Er hält eine dicke Zigarre in der Hand. Ilari legt seinen Mantel über den frühlingskalten Sitz der Schaukel, und Mutter setzt sich darauf. Sie rauchen schweigend, sehen nur vor sich hin. Schließlich steht Mutter schwankend auf und macht sich auf den Rückweg zur Haustür. Auf ihrem Glockenrock ist vorn ein dunkler werdender Fleck, und, nach Ilaris Blick zu urteilen, auch hinten. Ilari steht auf, nimmt seinen Mantel vom Sitz und breitet ihn zum Trocknen über die Lehne der Schaukel.

Die Stimmen im Wohnzimmer und in der Küche werden leise, und der Schlüssel zum Geschirrschrank gleitet mit leisem Klirren unter der Tür hindurch ins Arbeitszimmer. Zuerst entfernen sich die älteren Gäste. Dann Tuulikki mit meiner Tante. Tuulikki dreht sich um und schaut zum Fenster des Arbeitszimmers und zu mir herüber, aber meine Tante treibt sie zur Eile. Dann steigt Ilari mit seiner Frau ins Auto und fährt davon. Zuletzt geht Vater, der Mutter fast auf die Rückbank seines Autos tragen muss. Als das Auto auf die Straße einbiegt, ist die Gestalt meiner Mutter aus dem Rückfenster verschwunden. Der aufgewirbelte Staub beruhigt sich und setzt sich auf dem Hof und der Windschutzscheibe des Autos ab, das Mutter zurückgelassen hat. Niemand ist gekommen, um gegen meinen Entschluss, im Haus zu übernachten, etwas einzuwenden. Eine andere Zeit und ein anderes Gesetz haben im Haus Einzug gehalten.

Der aufgeschlagene Tischkalender zeigt die erste Augustwoche des Jahres 1970. Die kurzen Eintragungen enden am Dienstag, dem 4. August. Alkohol vernichtet. Bericht schreiben. Ich stehe auf. Das Zimmer, in dem sich nun Dämmerung ausbreitet, ist wie früher, hat sich aber verändert. Die Wände sind näher aneinandergerückt, die Decke hat sich gesenkt. Der Himmel Richtung Erde. Er ist ebenso zusammengeschnurrt wie der Sandstrand meiner Kindheit.

Neben dem Archivschrank ist ein schwarz-weißes, ungerahmtes Foto mit einer Reißzwecke an der Wand befestigt. Es war mit im Krieg, ist zerfleddert und mit dunklen Flecken übersät. Auf dem Foto Männer in zwei Reihen auf einem Sandplatz, dahinter der Waldrand. Die Männer der vorderen Reihe kauern in der Hocke, die in der hinteren Reihe stehen aufrecht da. Die Männer sind jung, ihre Soldatenmützen sitzen ihnen schief auf dem Ohr. Einer in der hinteren Reihe raucht.

Ich nehme die Schnapskarte zur Hand und betrachte den Mann auf dem Deckblatt. Dann richte ich meinen Blick wieder auf die Wand, wo zwischen Foto und Archivschrank ein Spiegel hängt. Ich werde ihm ähnlich. Auf dem Foto ist er nur zwei Jahre älter als ich jetzt, sieht aber schon aus wie ein alter Mann.Wir alle müssen irgendwie durchkommen.

Die Schnapskarte war unabdingbar, aber in dieser Unabdingbarkeit sowohl gut als auch schlecht. Sie war die Fahrkarte für einen Zug, der ihn in einen Augenblick der Freiheit führte. Der Zug beschleunigte langsam, aber wenn er seine volle Geschwindigkeit erreicht hatte, wurde er zu einem Dutzende von Tonnen schweren Trumm aus heißem und kaltem Eisen, der nicht auswich und nirgendwo mehr anhielt.

Die Schnapskarte war der Schlüssel, der die Zellentür öffnete, zumeist aber auch die Eileinweisung zurück ins Gefängnis noch am selben Tag, in die Schuldhaftigkeit und Kälte eines spät anbrechenden Tages, der vom Alltagstrott der Ehe geprägt war.

Die Zeit war zyklisch. Ihr Verlauf bestand für Großvater aus Rausch, Kater, Nüchternheit, Rausch, Kater und Nüchternheit. Ein ums andere Mal. Diesen reinigenden Kreislauf kannte ich selbst auch.

Mit Hilfe der Schnapskarte überwachte und begrenzte die Staatsmacht die Genüsse der Menschen. Jeder Besuch in der Alkoholhandel AG wurde in die Karte eingestempelt.

Sie enthielt auch die Vorschriften, wem und wann die Karte entzogen werden konnte, nämlich: … einer berauschten Person, einer Person, die versucht, den Ausweis einer anderen zu benutzen, einer Person, die einer anderen Spirituosen verkauft oder gegen Entschädigung beschafft oder die Spirituosen auch ohne Entschädigung einer Person beschafft, die einem Verkaufsverbot unterliegt oder an die laut Gesetz keine Spirituosen verkauft werden dürfen, weil sie den Ausweis verändert hat, sowie in anderen Fällen, in denen ein Missbrauch von Spirituosen oder eine gesetzwidrige Manipulierung des Ausweises anzunehmen ist.

Auf der Karte stand nicht Schnapskarte, sondern korrekt Ladenausweis. Sie enthielt auch eine Gebrauchsanweisung. In einem Ort, in dem es mehrere Geschäfte für Spirituosen gibt, wird jedem Käufer eine Verkaufsstelle zugewiesen.

Die Schnapskarte war personenbezogen und ein wichtiges Vehikel im alltäglichen Leben. Wer eine hatte, wer sie brauchte, trug sie immer bei sich. Die Verkehrsverbindungen waren langsam, die Entfernungen groß, der Durst aber derselbe wie heute.

Pro Käufer werden jeweils höchstens zwei Liter destillierte Spirituosen, fünf Liter Wein und acht Liter Malzgetränke abgegeben. Diese Mengen darf ein Käufer ohne schriftliche Genehmigung der Polizeibehörde in seinem Besitz haben.

Die Schnapskarte trug Großvater immer bei sich, in der Brusttasche seines Uniformhemdes.

Nahe bei seinem Herzen. Der Durst des Herzens.

Die Hülle des Fotos ist verschmutzt. Ich möchte Großvater direkt in die Augen sehen. Ich kann ihn nichts fragen, ich kann seine Fragen nicht beantworten, aber ich möchte ihn ansehen. Ich möchte, dass er mich ansieht. Ich nehme die Karte aus ihrer Hülle.

Aus der Schnapskarte fällt mir ein anderes, loses Foto entgegen. Es kommt, um seine Wichtigkeit wissend, in die Welt und landet auf der Schreibunterlage.

Großvater, der auf dem Deckblatt der Schnapskarte geblieben ist, meidet meinen Blick.

Ich trete zu dem zerfledderten Gruppenbild an der Wand und vergleiche. Ich mustere die Männer auf dem größeren Bild, meinen Großvater vorn und den brünetten Mann in der hinteren Reihe.

Sie lächeln.

Ich schenke mir Kognak nach. Meine Finger tasten über die abgenutzten Stellen und Dellen in der Tischplatte. Die Oberfläche ist warm und entgegenkommend. Ich versuche es mit der ersten Schublade. Sie ist nicht verschlossen und gleitet leicht heraus. Stifte, Büroklammern, ein paar Münzen und ein glattgeschliffener Stein von der Felseninsel.

In der zweiten Schublade ein Telefonbuch. In der dritten liegen Großvaters Ehrenzeichen wild durcheinander. Die vierte, unterste Schublade ist die größte und öffnet sich knirschend. Sie enthält einen Stapel von vier Tagebüchern. Ich lege sie auf den Tisch.

Auf dem Deckel des obersten steht Kriegstagebuch sowie die Initialen U. H. Dasselbe auf dem Deckel des zweiten, dritten und vierten Bandes. Der erste umfasst den Zeitraum des Winterkriegs, die drei anderen die Jahre des Fortsetzungskriegs. Eins davon schlage ich in der Mitte auf. Die Doppelseite ist von links oben bis rechts unten eng mit Tagebucheinträgen in kleinen Druckbuchstaben beschrieben.

URHO

Kriegstagebuch / U.H.

3. Schützenkompanie

18.10.1939

Die politische Lage in Europa hat sich zugespitzt.

Wir hatten geglaubt, unser Land würde sich wegen seiner abseitigen geographischen Lage aus den Konflikten der Großmächte heraushalten können, zumal wir mit der benachbarten Großmacht einen Nichtangriffspakt geschlossen hatten, der bis zum Jahr 1945 galt.

Anfang Oktober gestalteten sich die Gebietsansprüche der Sowjetunion jedoch in einer Weise, dass zur Sicherung unserer Neutralität ein großer Teil der Reservisten zu den Waffen gerufen werden musste.

Die Regierung Finnlands hat einstimmig beschlossen, sich nicht ohne bewaffneten Widerstand einer so schändlichen und willkürlichen Macht zu beugen.

19.10.1939

Beide Züge der Kompanie waren in Zelten untergebracht. In den ersten Nächten gab es Probleme mit den qualmenden Kanonenöfen, und einige Jungs «trainierten» mit schlechtem Erfolg den Gebrauch der Gasmaske.

20.10.1939

Die Kanonenöfen gründlich gereinigt.

29.10.1939

Bei der Kompanie ging das erste Paket für den «unbekannten Soldaten» ein, das durch Auslosen an den Gefreiten Keijo Mikkola vom ersten Zug fiel.

3.11.1939

Wir bekamen genaue Instruktionen bezüglich privater Telefonate, Urlaub und Abkommandierungen.

6.11.1939

Die Kompanie erhielt telefonisch eine Nachricht, in der es um die Auszahlung der Tagegelder für Reservisten ging.

7.11.1939

Die Kompanie bekam von den Lottas aus Muurla Strümpfe und Fausthandschuhe, die gerecht unter den Zügen verteilt wurden.

13.11.1939

Der Operationszug bekam ein finnisches Zelt anstelle des zu Friedenszeiten gebrauchten schwedischen.

15.11.1939

Für den ersten Zug gab es von 7.30 – 8.30 Uhr eine Unterrichtsstunde zum Thema «Die Panzer der Roten Armee und die Panzerabwehr». Aus diesem Zug gingen zwanzig Mann zu einer Impfung.

Um 19:00 Uhr wurde im ersten Zug ein Quiz zwischen den Zelten veranstaltet. Überragender Sieger wurde dabei Zelt I und der beste Mann Soldat Vieno Loivarinta.

16.11.1939

Nach Auszahlung der Tagegelder wurde zur Unterstützung der Reservistenfamilien Geld gesammelt. Dabei kam eine Summe von etwa 1200 Mark zusammen. Mit dieser Sammlung sollten besonders solche Familien unterstützt werden, die in Schwierigkeiten geraten waren.

18.11.1939

Der Tag wurde mit einer Abendveranstaltung im Haus der Arbeiterschaft von Leipäsuo beendet. Dort herrschte leider allzu großes Gedränge.

19.11.1939

Der erste Zug besuchte den Gottesdienst. In der Freizeit gab es eine Singeprobe. Besonders übten wir das «Marschlied» von F.E. Sillanpää. Die anderen Züge genossen vollkommene «Freiheit».

21.11.1939

Dienst so wie gestern. Der erste Zug bekam von den Lottas aus Koski, Bezirk Turku, ein Paket mit sieben Paar Strümpfen und vier Paar Handschuhen. Das Paket traf mit dem vom Urlaub zurückkehrenden Obergefreiten Martti Nikkola hier ein. Die Sachen wurden an diejenigen verteilt, die sie unbedingt nötig hatten.

24.11.1939

Der Obergefreite H. Lehtinen schenkte dem ersten Zug ein Radio, das sofort instandgesetzt wurde, damit wir Nachrichten und Musik hören können.

27.11.1939

Spannung liegt in der Luft wegen des Vorfalls von Mainila, den die Sowjetunion inszeniert hat. Wir müssen härter arbeiten.Fähnrich Holmström: «Was soll daraus noch werden?»

28.11.1939

Schlechte Nachrichten aus dem Radio. Die sowjetische Regierung hat mit sehr scharfen Worten auf die Note unserer Regierung reagiert: «Der Nichtangriffspakt ist aufgekündigt.»

29.11.1939

Um 23:30 Uhr traf vom Bataillon die Meldung ein, dass Moskau die diplomatischen Beziehungen zu Finnland abgebrochen hat.

30.11.1939

Um 8:30 Uhr machte sich Fähnrich Holmström mit einem Melder auf den Weg nach Leipäsuo und bemerkte, dass in der Gegend des Bahnhofs sieben Bomber Richtung Viborg flogen, von denen er annahm, es seien finnische. Als er in Leipäsuo eintraf, erfuhr er, dass es russische Maschinen gewesen waren.

Um 10.00 Uhr gab es in Leipäsuo Lufalarm. Beim Regiment traf die Mitteilung ein, dass das Dorf Kanneljärvi bombardiert wird.

Um 12:00 Uhr wurde telefonisch eine Urlaubssperre bekanntgegeben. Der Regimentskommandeur samt Stab und ebenso die Bataillonskommandeure mit ihren Stäben begaben sich im Lauf des Tages ins Gelände. Aus dem Bataillon wurde mitgeteilt, dass es an vielen Stellen zu schweren Grenzverletzungen gekommen ist.

Um 16.20 Uhr kam der Befehl, dass die Bataillone Gefechtsaufstellung zu nehmen hätten. Im Radio hieß es, der Präsident der Republik habe für das Land den Kriegszustand verkündet und den Oberbefehl an Marschall Mannerheim übertragen. Im Laufe des Tages wurden vielerorts russische Bombergeschwader gesichtet, die die Truppenabschnitte überflogen. Die Jungs versuchten, sie mit Gewehrfeuer abzuschießen, jedoch ohne Erfolg.

Der Krieg hat begonnen.

EPILOG

Helena war nicht mehr verbittert. Sie lächelte im Gehen und begrüßte mich freudig schon von weitem. Wir beschlossen, uns in das nächste Café zu setzen.

Helena bestellte sich ein Glas Wein, ich begnügte mich mit einem Tee. Sie beglückwünschte uns. Ich dankte ihr für das Geschenk. Sie erzählte von ihrem Leben nach der Zeit mit Ilari, von ihrem neuen Mann, von dem Kind, das sie adoptiert hatten, und ich hörte zu.

Sie hatte etwas auf dem Herzen, vielleicht eine Frage, aber ich hörte nur zu und half ihr nicht dabei, sie zu stellen.

Wir wollten aufbrechen. Ich nahm meine Handschuhe vom Tisch, Helena wickelte sich ihren Schal um den Hals zum Schutz vor dem schon nasskalten Herbst.

Und wie wir da so standen, bereit, das Cafe zu verlassen und uns zu trennen, schaffte sie es endlich, das zu formulieren, was sie beschäftigt hatte:

«Hast du die Liebe gefunden?»

GLOSSAR

zusammengestellt von Angela Plöger

Anjutka: russisch Veilchen, Stiefmütterchen.

«auf dieser Seite die Roten, dort die Weißen»: Anspielung auf die verfeindeten Seiten im russischen Bürgerkrieg.

Fortsetzungskrieg: Dieser Krieg (vom 25.6.1941 bis 19.9.1944) diente der Rückeroberung der verlorenen Gebiete; dabei drangen die verbündeten deutschen und finnischen Truppen weit nach Osten auf sowjetisches Gebiet vor. Nach dem Großangriff der Sowjetunion mussten die Finnen sich im Wesentlichen auf die Grenzen von 1940 zurückziehen und den Friedensvertrag von 1940 anerkennen.

Frans Eemil Sillanpää (16.9.1888 – 3.6.1964): finnischer Schriftsteller, der 1939 den Nobelpreis für Literatur erhielt.

Lottas: Mitglieder der Frauenorganisation Lotta Svärd, die während des Krieges durch vielfältige Dienstleistungen wie Verpflegung der Truppe, Wasch- und Sanitätsdienste, Post-, Veterinär-, Fernmeldeund Funkdienste u.a. die kämpfende Truppe unterstützte.

Mainila: Dorf auf der Karelischen Landenge nördlich von Leningrad an der ehemaligen finnisch-sowjetischen Grenze. Bekannt durch die Schüsse von Mainila, die den Winterkrieg auslösten. Den Vorfall hatte die Sowjetunion, wie später von russischer Seite zugegeben wurde, selbst inszeniert, um Finnland als Aggressor brandmarken zu können.

«Mein Verbrechen wurde gelöscht, als ich ungefähr dreizehn war»: Hinweis darauf, dass in Finnland 1971 Homosexualität als Straftatbestand aufgehoben wurde.

Muistatko Monrepos: wörtl. Weißt du noch, Monrepos – Nostalgisches Lied über den Monrepos-Park in der ehemaligen finnischen Hafenstadt Viborg, die im Krieg an die Sowjetunion verloren ging. Die Einspielung von 1955 brachte der Sängerin Annikki Tähti die erste Goldene Schallplatte Finnlands Schornsteinstempel: Firmenstempel der Fayence- und Porzellanfabrik Arabia im Helsinkier Stadtteil Arabianranta («Arabisches Ufer»), die damit in den Jahren 1932-1949 ihre Produkte markierte.

Schwedische Krankheit: In Finnland verwendete inoffizielle Bezeichnung für Homosexualität.

Tuulensuu-Haus: Architektonisch bedeutendes Haus im Zentrum der zweitgrößten finnischen Stadt Tampere mit dem neuklassizistischen ehemaligen Saal des Kinopalastes, der heute als Musiktheater dient.

Winterkrieg: Krieg zwischen Finnland und der Sowjetunion, der 105 Tage, vom 30.11.1939 bis 12.3.1940, dauerte und von sowjetischer Seite angezettelt wurde. Er endete mit dem Frieden von Moskau und dem Verlust bedeutender finnischer Gebiete im Osten und Südosten des Landes.

IMPRESSUM

© Firma Hilvo 2010

Die Originalausgabe ist im Jahr 2010 bei Tammi Publishers, Helsinki, erschienen. Die deutsche Ausgabe wurde vermittelt von der Elina Ahlback Literary Agency, Helsinki (www.ahlbackagency.com) und der erzähl:perspektive Literary Agency, München (www.erzaehlperspektive.de). Die Übersetzung wur de gefördert von FILI – Finnish Literature Exchange. Wir danken dem Hotel- und Restaurant-Museum Helsinki für die Überlassung der Reproduktion eines Getränkeausweises für die Umschlaggestaltung.

Bibliografische Information der Deutschen Bibliothek

Die Deutsche Bibliothek verzeichnet die Publikation

in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte

bibliografische Daten sind im Internet über

http://dnb.ddb.de abrufbar.

Sami Hilvo

Die Schnapskarte. Roman

Aus dem Finnischen von Angela Plöger

© Männerschwarm Verlag, Hamburg 2012

Umschlaggestaltung: Carsten Kudlik, Bremen

ISBN der Buchausgabe 978-3-86300-104-9

ISBN der Ebookausgabe 978-3-86300-105-6

Männerschwarm Verlag

Lange Reihe 102 – 20099 Hamburg

http://www.maennerschwarm.de/verlag

ÜBER DEN AUTOR

Sami Hilvo, geboren 1967, lebt in Helsinki und Tokio. Er arbeitet derzeit als Übersetzer und Dolmetscher im internationalen Handelswesen, sein Lebenslauf weist aber auch Berufe wie Barkeeper, Diplomat, Kunstmodell, Tänzer, Pressesprecher und Produzent auf. «Die Schnapskarte» ist sein Debütroman.

INHALT

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