Die schöne Diva von Saint-Jacques - Fred Vargas - E-Book
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Die schöne Diva von Saint-Jacques E-Book

Fred Vargas

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Beschreibung

Drei arbeitslose Historiker, eine verschwundene Sängerin und zwei Morde … Der erste Fall für die drei Evangelisten von SPIEGEL-Bestsellerautorin Fred Vargas!

Die drei Evangelisten, so nennen sich die jungen, arbeitslosen Historiker Mathias, Marc und Lucien, die im Pariser Viertel Faubourg Saint-Jacques gemeinsam ein baufälliges Haus gemietet haben. Als ihre Nachbarin, die Sängerin Sophia, spurlos verschwindet, beginnt Marc auf eigene Faust zu ermitteln. Er weiß, dass sich Sophia bedroht fühlte, als in ihrem Garten eines Morgens ein Baum stand, der vorher nicht da war. Ohne es zu ahnen, sticht Marc in ein Wespennest. Zwei Morde sind die Folge, und auch sein Leben gerät in Gefahr. Die Evangelisten brauchen Hilfe. Und die bekommen sie von einem in Ungnade gefallenen Ex-Kommissar ...

Die Romane von Fred Vargas sind einzigartig. Wie kaum eine andere Autorin vereint sie außergewöhnliche Protagonisten, spannende Fälle und humorvolle Dialoge mit ganz viel französischem Flair.

Lesen Sie auch die legendären Kommissar-Adamsberg-Romane!

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Seitenzahl: 364

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Buch

Die drei Evangelisten, so nennen sich die jungen, arbeitslosen Historiker Mathias, Marc und Lucien, die im Pariser Viertel Faubourg Saint-Jacques gemeinsam ein baufälliges Haus gemietet haben. Als ihre Nachbarin, die Sängerin Sophia, spurlos verschwindet, beginnt Marc auf eigene Faust zu ermitteln. Er weiß, dass sich Sophia bedroht fühlte, als in ihrem Garten eines Morgens ein Baum stand, der vorher nicht da war. Ohne es zu ahnen, sticht Marc in ein Wespennest. Zwei Morde sind die Folge, und auch sein Leben gerät in Gefahr. Die Evangelisten brauchen Hilfe. Und die bekommen sie von einem in Ungnade gefallenen Ex-Kommissar …

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Autorin

Fred Vargas, geboren 1957, ist ausgebildete Archäologin und hat Geschichte studiert. Sie ist heute die bedeutendste französische Kriminalautorin mit internationalem Renommee. 2004 erhielt sie für »Fliehe weit und schnell« den Deutschen Krimipreis, 2012 den Europäischen Krimipreis für ihr Gesamtwerk und 2016 den Deutschen Krimipreis in der Kategorie International für »Das barmherzige Fallbeil«.

Von Fred Vargas bei Blanvalet bereits erschienen

Fliehe weit und schnell · Bei Einbruch der Nacht · Es geht noch ein Zug von der Gare du Nord · Die Nacht des Zorns · Das barmherzige Fallbeil · Der Zorn der Einsiedlerin

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Fred Vargas

Die schöne Diva von Saint-Jacques

Kriminalroman

Aus dem Französischen von Tobias Scheffel

Die Originalausgabe erschien 1995 unter dem Titel »Debout les morts« bei Viviane Hamy, Paris.

Der Inhalt dieses E-Books ist urheberrechtlich geschützt und enthält technische Sicherungsmaßnahmen gegen unbefugte Nutzung. Die Entfernung dieser Sicherung sowie die Nutzung durch unbefugte Verarbeitung, Vervielfältigung, Verbreitung oder öffentliche Zugänglichmachung, insbesondere in elektronischer Form, ist untersagt und kann straf- und zivilrechtliche Sanktionen nach sich ziehen.

Sollte diese Publikation Links auf Webseiten Dritter enthalten, so übernehmen wir für deren Inhalte keine Haftung, da wir uns diese nicht zu eigen machen, sondern lediglich auf deren Stand zum Zeitpunkt der Erstveröffentlichung verweisen.

© Copyright der Originalausgabe Fred Vargas and Viviane

Hamy, Paris, 1995.

Taschenbuchausgabe 2023 bei Blanvalet,

einem Unternehmen der Penguin Random House Verlagsgruppe GmbH,

Neumarkter Straße 28, 81673 München

Copyright der deutschsprachigen Ausgabe

© Deutsche Erstveröffentlichung Aufbau Verlage GmbH & Co. KG, Berlin 1999, 2008.

Übersetzung: Tobias Scheffel

Covergestaltung: www.buerosued.de

Covermotiv: Julian Elliott Photography / Stone / Getty Images

JaB · Herstellung: sam

Satz und E-Book-Konvertierung: GGP Media GmbH, Pößneck

ISBN 978-3-641-28948-5V001

www.blanvalet.de

Für meinen Bruder

1

»Pierre, im Garten stimmt was nicht«, sagte Sophia.

Sie öffnete das Fenster und musterte das Fleckchen Erde, auf dem sie jeden Grashalm kannte. Was sie sah, ließ sie frösteln. Pierre las die Zeitung beim Frühstück. Vielleicht sah Sophia deshalb so häufig aus dem Fenster. Um zu sehen, was für Wetter war. Das macht man ja oft, wenn man aufsteht. Und jedes Mal, wenn es draußen hässlich war, musste sie natürlich an Griechenland denken. Bei diesen Betrachtungen stiegen mit den Jahren immer häufiger nostalgische Erinnerungen in ihr hoch, die sich an manchen Morgen bis zu Groll steigerten. Dann war es wieder vorbei. Aber heute Morgen stimmte etwas nicht im Garten.

»Pierre, im Garten steht ein Baum.«

Sie setzte sich neben ihn.

»Pierre, sieh mich an.«

Pierre hob den Kopf und sah seine Frau gelangweilt an. Sophia legte ihren Schal ordentlich um den Hals, eine Gewohnheit, die sie aus ihrer Zeit als Sängerin bewahrt hatte. Die Stimme warm halten. Zwanzig Jahre zuvor hatte Pierre auf den steinernen Sitzreihen des römischen Theaters in Orange ein gewaltiges Gebirge aus Liebesschwüren und Beteuerungen errichtet. Unmittelbar vor einer Vorstellung.

Sophia streckte die Hand aus und zog das freudlose Gesicht des Zeitungslesers zu sich.

»Was ist mit dir, Sophia?«

»Ich habe etwas gesagt.«

»Ja?«

»Ich habe gesagt: ›Im Garten steht ein Baum.‹«

»Das habe ich gehört. Das scheint mir normal, oder?«

»Da steht ein Baum im Garten, der gestern noch nicht da stand.«

»Und weiter? Was geht mich das an?«

Sophia war beunruhigt. Sie wusste nicht, ob es die Zeitung war oder der gelangweilte Blick oder der Baum, aber es war klar, dass irgendetwas nicht stimmte.

»Pierre, erklär mir, wie ein Baum es anstellt, ganz allein in einen Garten zu kommen.«

Pierre zuckte mit den Schultern. Es war ihm vollständig egal.

»Was hat das für eine Bedeutung? Bäume pflanzen sich fort. Ein Samenkorn, ein Trieb, ein Wurzelschössling, und das war’s schon. Später werden in unseren Breiten große Wälder draus. Ich vermute mal, das weißt du.«

»Es ist kein Trieb. Es ist ein Baum! Ein junger, gerader Baum mit Ästen und allem, was dazugehört. Ganz von selbst einen Meter vor die hintere Mauer gepflanzt. Also?«

»Also hat der Gärtner ihn gepflanzt.«

»Der Gärtner ist für zehn Tage in Ferien, und ich habe ihm auch keinen Auftrag gegeben. Es war nicht der Gärtner.«

»Das ist mir egal. Glaub ja nicht, dass ich mich wegen eines kleinen, geraden Baums vor der hinteren Mauer aufregen werde.«

»Willst du nicht wenigstens aufstehen und ihn dir ansehen? Wenigstens das?«

Pierre stand schwerfällig auf. Mit der Lektüre war es sowieso vorbei.

»Siehst du ihn?«

»Natürlich sehe ich ihn. Es ist ein Baum.«

»Gestern stand er noch nicht hier.«

»Vielleicht.«

»Ganz sicher. Was sollen wir tun? Hast du eine Idee?«

»Warum eine Idee?«

»Dieser Baum macht mir Angst.«

Pierre lachte. Er deutete sogar eine zärtliche Geste an. Aber nur flüchtig.

»Es stimmt, Pierre. Er macht mir Angst.«

»Mir nicht«, sagte er und setzte sich wieder. »Ich finde den Besuch dieses Baums eher sympathisch. Man sollte ihn in Ruhe lassen, und Schluss damit. Und du solltest mich damit in Ruhe lassen. Wenn sich jemand im Garten geirrt hat, hat er halt Pech gehabt.«

»Aber er ist nachts gepflanzt worden, Pierre!«

»Umso wahrscheinlicher, dass sich jemand im Garten geirrt hat. Oder es ist ein Geschenk. Hast du das schon in Erwägung gezogen? Einer deiner Bewunderer wollte dich diskret zu deinem fünfzigsten Geburtstag ehren. Bewunderer  neigen zu derlei Skurrilitäten, vor allem die hartnäckigen mausartigen Bewunderer, die nicht erkannt sein wollen. Geh und sieh nach, ob vielleicht eine Nachricht dranhängt.«

Sophia dachte nach. Die Idee war nicht ganz abwegig. Pierre hatte die Bewunderer in zwei große Kategorien unterteilt. Es gab die mausartigen Bewunderer: Sie waren ängstlich, hektisch, stumm und nicht zu vertreiben. Pierre hatte einmal eine Maus erlebt, die im Laufe eines Winters einen kompletten Reisbeutel in einen Gummistiefel befördert hatte. Korn für Korn. Auf die gleiche Weise gingen auch die mausartigen Bewunderer vor. Und es gab die rhinozerosartigen Bewunderer, in ihrer Art ebenfalls furchtbar: lärmig, brüllend und sehr von sich überzeugt. Innerhalb dieser beiden Kategorien hatte Pierre einen Haufen von Unterkategorien aufgestellt. Sophia erinnerte sich nicht mehr genau. Pierre verachtete die Bewunderer, die es vor ihm gegeben hatte, und jene, die nach ihm gekommen waren, mit anderen Worten: alle. Mit dem Baum konnte er aber recht haben. Vielleicht, aber nicht sicher. Sie hörte Pierre, wie er »Auf Wiedersehen – bis heute Abend – mach dir keine Sorgen« sagte, und blieb allein zurück.

Mit dem Baum.

Sie ging zu ihm hin, um ihn sich anzusehen. Aber vorsichtig, als ob er explodieren könnte.

Natürlich hing keine Nachricht dran. Am Fuß des jungen Baums war eine runde Fläche frisch umgegrabener Erde. Was war das eigentlich für ein Baum? Sophia umkreiste ihn mehrmals schmollend und mit feindseligem Blick. Sie tendierte zu einer Buche. Sie tendierte auch dazu, ihn wieder brutal herauszureißen, aber sie war ein bisschen abergläubisch und wagte es nicht, sich an einem lebenden Wesen zu vergreifen, und sei es eine Pflanze. Tatsächlich reißen nur wenige Menschen gerne einen Baum aus, der ihnen nichts getan hat.

Sie brauchte lange, bis sie ein Buch zu diesem Thema gefunden hatte. Neben der Oper, der Beschäftigung mit dem Leben der Esel und den Mythen hatte Sophia nicht die Zeit gehabt, viel zu lernen. Eine Buche? Schwer zu sagen ohne Blätter. Sie durchsuchte das Stichwortverzeichnis des Buches, um zu sehen, ob ein Baum vielleicht Sophia irgendwas hieß. Als eine versteckte Ehrung, genau auf der Linie eines verkrampften mausartigen Bewunderers. Das wäre beruhigend. Nein, es gab nichts über Sophia. Oder eine Art Stelyos irgendwas? Das wäre alles andere als angenehm. Stelyos hatte nichts Mausartiges, auch nichts Rhinozerosartiges. Und er verehrte Bäume. Nachdem Pierre sein Gebirge von Schwüren auf den steinernen Rängen von Orange errichtet hatte, hatte Sophia sich gefragt, auf welche Weise sie Stelyos verlassen sollte, und sie hatte weniger gut gesungen als sonst. Und diesem verrückten Griechen war nichts Besseres eingefallen, als kurzerhand ins Wasser zu gehen. Man hatte ihn, keuchend auf dem Wasser treibend wie ein Idiot, wieder aus dem Mittelmeer gezogen. Als Jugendliche hatten Sophia und Stelyos es geliebt, mit Eseln, Ziegen und all dem Kram Delphi zu verlassen und die Pfade entlangzuziehen. Sie nannten das »die alten Griechen spielen«. Und dieser Idiot wollte sich ertränken. Zum Glück gab es das Gebirge von Pierres Gefühlen. Heute kam es bisweilen vor, dass Sophia unwillkürlich ein paar vereinzelte Brocken davon suchte. Stelyos? Eine Drohung? Würde Stelyos so etwas tun? Ja, dazu wäre er fähig. Das Mittelmeer hatte wie ein Peitschenhieb auf ihn gewirkt. Als er wieder an Land war, hatte er wie ein Verrückter herumgeschrien. Sophias Herz schlug zu schnell, sie musste sich anstrengen, um aufzustehen, ein Glas Wasser zu trinken, einen Blick aus dem Fenster zu werfen.

Dieser Blick beruhigte sie sofort. Was war nur in sie gefahren? Sie holte tief Luft. Ihre Manie, die sie manchmal überkam, sich aus einem Nichts heraus eine Welt logisch aufeinanderfolgender Schrecken aufzubauen, war belastend. Es war – sie war fast sicher – eine Buche, eine junge Buche ohne jede Bedeutung. Aber wo war der Pflanzer letzte Nacht mit dieser verdammten Buche hergekommen? Sophia zog sich rasch an, verließ das Haus, prüfte das Schloss am Gittertor. Nichts zu bemerken. Allerdings war es ein so einfaches Schloss, dass man es mit einem Schraubenzieher sicherlich in null Komma nichts öffnen konnte, ohne Spuren zu hinterlassen.

Frühlingsanfang. Es war feucht, und sie begann zu frieren, während sie dort stand und misstrauisch der Buche die Stirn bot. Eine Buche. Ein Wesen? Sophia schob diesen Gedanken beiseite. Sie hasste es, wenn ihre griechische Seele mit ihr durchging, und dann gleich zweimal an einem Morgen. Und Pierre würde sich nie für den Baum interessieren. Warum auch? War es normal, dass er derart gleichgültig war?

Sophia hatte keine Lust, den ganzen Tag mit dem Baum allein zu bleiben. Sie nahm ihre Handtasche und verließ das Haus. Auf der schmalen Straße stand ein junger Typ, Anfang dreißig oder älter, und spähte durch den Zaun des Nachbarhauses. »Haus« war ein vornehmes Wort. Pierre sagte immer »die Bruchbude«. Er fand, dass diese Bruchbude, in der seit Jahren niemand mehr wohnte, in ihrer vornehmen Straße mit den gepflegten Häusern einen schmuddeligen Eindruck machte. Bis zu diesem Moment hatte Sophia nie daran gedacht, Pierre könne mit zunehmendem Alter vielleicht zum Kretin werden. Diese Vorstellung setzte sich jetzt in ihr fest. Die erste unselige Wirkung des Baums, dachte sie böswillig. Pierre hatte sogar die Mauer zwischen den Grundstücken höher machen lassen, um sich vor der Bruchbude zu schützen. Jetzt konnte man sie nur noch von den Fenstern des zweiten Stocks aus sehen. Der junge Typ schien die Fassade mit den kaputten Fenstern eher zu bewundern. Er war schlank, hatte schwarze Haare und war schwarz gekleidet, eine Hand starrte vor breiten Silberringen. Er hatte ein eckiges Gesicht, das er zwischen zwei Stäbe des rostigen Zauns klemmte.

Exakt die Sorte Mensch, die Pierre nicht mochte. Pierre war ein Verfechter des Maßvollen und der Zurückhaltung. Und dieser junge Typ war elegant, ein bisschen prosaisch und ein bisschen protzig. Schöne Hände, die um die Gitterstäbe griffen. Sophia beobachtete ihn und empfand dabei einen gewissen Trost. Sicher war das auch der Grund, weshalb sie ihn fragte, was das dort hinten seiner Ansicht nach für ein Baum sei. Der junge Typ löste seine Stirn vom Gitter, das ein wenig Rost in seinem glatten schwarzen Haar zurückließ. Er musste schon ein Weilchen dort an das Gitter gelehnt gestanden haben. Ohne Erstaunen, ohne Fragen zu stellen, folgte er Sophia, die ihm den jungen Baum zeigte, den man von der Straße aus recht gut erkennen konnte.

»Das ist eine Buche, Madame«, sagte der junge Typ.

»Sind Sie sicher? Entschuldigen Sie, aber das ist sehr wichtig.«

Der junge Typ sah noch einmal genau hin. Mit seinen dunklen, noch nicht freudlosen Augen.

»Da gibt es keinerlei Zweifel, Madame.«

»Ich danke Ihnen, Monsieur. Sehr freundlich von Ihnen.«

Sie lächelte ihn an und ließ ihn stehen. Der junge Typ ging, mit der Fußspitze einen kleinen Stein vor sich her kickend, nun ebenfalls seiner Wege.

Sie hatte also recht. Es war eine Buche. Nur eine Buche.

Mist.

2

Na bitte.

Genau das heißt in der Scheiße stecken. Wie lange schon? Sagen wir mal zwei Jahre.

Und dann, nach zwei Jahren Scheiße, plötzlich die Sache mit dem Licht am Ende des Tunnels. Marc kickte mit der Fußspitze einen Stein vor sich her und beförderte ihn sechs Meter vorwärts. Es ist nicht leicht, auf den Bürgersteigen von Paris einen Stein zu finden, den man vor sich herkicken kann. Auf dem Land schon. Aber auf dem Land ist einem der Stein egal. Während man es in Paris ab und zu braucht, einen ordentlichen Stein vor sich herkicken zu können. So ist das. Gerade vor einer Stunde hatte Marc das Glück gehabt, einen absolut korrekten Stein zu finden, kurzer Lichtblick in der Scheiße. Also kickte er ihn vor sich her und folgte ihm.

Das hatte ihn bis in die Rue Saint-Jacques geführt – nicht ohne einige Schwierigkeiten. Den Stein mit den Händen zu berühren, war verboten, nur der Fuß war erlaubt. Also sagen wir zwei Jahre. Keine Stelle mehr, keine Kohle, keine Frau. Keine Besserung in Aussicht. Höchstens vielleicht diese Baracke. Gestern Morgen hatte er sie entdeckt. Vier Stockwerke, wenn man den Dachstuhl mitzählte, ein kleines Gärtchen, in einer völlig abgelegenen Straße und in elendem Zustand. Überall Löcher, keine Heizung und das Klo im Garten, mit Holzriegel. Wenn man die Augen zusammenkniff, etwas Wunderbares. Wenn man sie wieder öffnete, ein Desaster. Allerdings wollte ihr Besitzer nur eine lächerlich geringe Miete dafür – unter der Bedingung, dass Marc das Ganze herrichtete. Mit der Baracke könnte er aus der Scheiße rauskommen. Und den Paten könnte er auch unterbringen. In der Nähe der Baracke hatte eine Frau ihn was Merkwürdiges gefragt. Was war das noch gleich? Ach ja. Nach einem Baum. Komisch, wie wenig die Leute von den Bäumen wissen, obwohl sie nicht ohne sie auskommen können. Im Grunde haben sie vielleicht recht. Er kannte sich zwar in Bäumen aus – aber wohin hatte ihn das gebracht?

In der Rue Saint-Jacques kam der Stein aus der Bahn. Steine mögen keine ansteigenden Straßen. Er hatte sich in den Rinnstein verzogen, und das auch noch direkt hinter der Sorbonne. Schluss mit dem Mittelalter, adieu. Adieu Klerus, Adel und Bauern. Adieu. Marc ballte die Hände in den Taschen. Keine Stelle mehr, keine Kohle, keine Frau und kein Mittelalter. So was Fieses. Geschickt beförderte Marc den Stein aus dem Rinnstein wieder auf den Bürgersteig. Es gibt einen Trick, um einen Stein wieder auf den Bürgersteig springen zu lassen. Marc kannte ihn gut, so gut wie das Mittelalter, schien ihm. Bloß nicht mehr ans Mittelalter denken. Auf dem Land steht man nie vor der Herausforderung, einen Stein wieder auf den Bürgersteig befördern zu müssen. Deswegen hat man auf dem Land auch nie das Bedürfnis, Steine vor sich herzukicken, wo es sie doch tonnenweise gibt. Mit Bravour überquerte Marcs Stein die Rue Soufflot und nahm nun ohne allzu große Probleme den schmaleren Teil der Rue Saint-Jacques in Angriff.

Sagen wir zwei Jahre. Und nach zwei Jahren bleibt als einziger Reflex eines Mannes, der in der Scheiße sitzt, sich auf die Suche nach einem anderen Mann zu machen, der in der Scheiße sitzt.

Denn mit denen Kontakt zu pflegen, die es geschafft haben, wenn man selbst mit fünfunddreißig vollkommen gescheitert ist, das verbittert. Sicher, anfangs ist es noch unterhaltsam, es lässt einen träumen und macht Mut. Dann fängt es an zu nerven, und schließlich verbittert es. Man kennt das ja. Und Marc wollte vor allem nicht verbittert werden. So was ist hässlich und riskant, vor allem für einen Mediävisten. Nach einem kräftigen Tritt erreichte der Stein das Val-de-Grâce.

Es gab da jemanden, von dem er gehört hatte, dass er ebenfalls in der Scheiße saß. Und nach neuesten Informationen schien Mathias Delamarre schon geraume Zeit so richtig authentisch in der Scheiße zu sitzen. Marc mochte ihn, ja sogar sehr. Aber er hatte ihn in den besagten zwei Jahren nicht mehr gesehen. Vielleicht machte Mathias ja bei dem Vorhaben mit, die Baracke zu mieten. Denn die lächerliche Miete konnte Marc im Augenblick nur zu einem Drittel beschaffen. Und man musste schnell zusagen.

Seufzend kickte Marc den Stein bis zu einer Telefonzelle. Wenn Mathias mitmachen würde, könnte er sich das Geschäft vielleicht sichern. Mit Mathias gab es nur ein großes Problem. Er war Prähistoriker. Für Marc war damit alles gesagt. Aber war das jetzt der Moment, sektiererisch zu werden? Trotz des gewaltigen Grabens, der sie trennte, mochten sie sich. Das war merkwürdig. Er sollte lieber an diese Merkwürdigkeit denken und weniger an Mathias’ absurde Entscheidung für die abstoßende Epoche der Jäger und Sammler mit den Feuersteinen. Marc fiel seine Telefonnummer wieder ein. Jemand antwortete ihm, dass Mathias nicht mehr dort wohne, und gab ihm eine neue Nummer. Entschlossen wählte er erneut. Mathias war zu Hause. Als Marc seine Stimme hörte, atmete er auf. Dass ein Typ von fünfunddreißig Jahren an einem Mittwoch um fünfzehn Uhr zwanzig zu Hause ist, ist der fassbare Beweis dafür, dass er in einer erstklassigen Scheiße sitzt. Schon mal eine gute Nachricht. Und wenn der Typ ohne weitere Erklärung einwilligt, dich in einer halben Stunde in einem trostlosen Café in der Rue du Faubourg-Saint-Jacques zu treffen, ist er bereit, alles zu akzeptieren.

Obwohl …

3

Obwohl … Man konnte mit dem Typ nicht machen, was man wollte. Mathias war eigensinnig und stolz. Genauso stolz wie er selbst? Womöglich noch schlimmer. Jedenfalls der Prototyp eines Jägers und Sammlers, der seinen Auerochsen bis zur Erschöpfung verfolgt und eher seinen Stamm verlässt, als ohne Beute zurückzukehren. Nein. Das war das Porträt eines Blöden, und Mathias war fein und gewandt. Aber er war fähig, zwei Tage lang nichts zu sagen, wenn das Leben einer seiner Ideen widersprach, wahrscheinlich zu kompakten Ideen oder vielleicht nicht anpassungsfähigen Wünschen. Marc, der das Reden bis zur Kunst der Haarspalterei trieb und sein Publikum damit häufig ermüdete, hatte angesichts dieses blonden Riesen mehr als einmal schweigen müssen, angesichts dieses großen Jägers und Sammlers mit den blauen Augen, der verloren seiner Jagd nach dem Auerochsen nachging und dem man in den Gängen der Universität begegnete, wo er schweigsam auf einer Bank saß und langsam seine großen Hände aneinanderrieb, als ob er die widrigen Geschicke zermalmen wollte. Vielleicht war er ja Normanne? Marc fiel auf, dass er ihn in den vier Jahren, die sie nebeneinander verbracht hatten, nie gefragt hatte, wo er herkomme. Was sollte das auch für eine Rolle spielen? Es hatte Zeit.

In dem Café gab es nichts zu tun, und so wartete Marc. Mit dem Finger skizzierte er Ansichten einer Statue auf den kleinen Tisch. Seine Hände waren mager und lang. Er mochte ihren klaren Knochenbau mit den deutlich hervortretenden Venen. Ansonsten hatte er ernsthafte Zweifel. Warum daran denken? Weil er den großen blonden Jäger wiedersehen würde? Na und? Er selbst, Marc, von mittlerer Größe, extrem schmal, mit eckigem Körper und Gesicht, wäre natürlich nicht der ideale Typ für die Jagd nach dem Auerochsen gewesen. Man hätte ihn eher losgeschickt, um auf Bäume zu klettern und das Obst herunterzuschütteln. Sammler halt. Nervös und feinfühlig. Und was weiter? Feinfühligkeit brauchte man. Keine Kohle mehr. Es blieben ihm seine Ringe, vier breite Silberringe, von denen zwei mit ein paar Goldfäden durchzogen waren, auffallende und komplizierte Ringe, halb afrikanisch, halb karolingisch, die die Finger seiner linken Hand umschlossen. Sicher hatte ihn seine Frau wegen eines Typen mit breiteren Schultern verlassen, ganz sicher. Und sicher war der auch dümmer. Sie würde es eines Tages merken, damit rechnete Marc. Aber dann wäre es zu spät.

Mit einer raschen Handbewegung löschte Marc seine gesamte Zeichnung aus. Er hatte seine Statue vermurkst. Ein Anfall von Wut. Immer wieder diese plötzliche Wut und jähzornige Ohnmacht. Es war leicht, sich über Mathias lustig zu machen. Aber er selbst? Was war er anderes als einer dieser dekadenten Mediävisten, dieser eleganten, grazilen und zähen kleinen Braunhaarigen, ein Prototyp dieser Erforscher des Unnützen, ein Luxusprodukt mit zerschlagenen Hoffnungen, das seine vermurksten Träume an ein paar Silberringen aufhängte, an Visionen aus dem Jahr Tausend, an Bauern, die den Pflug führten und seit Jahrhunderten tot waren, an einer vergessenen romanischen Sprache, für die sich niemand interessierte, an einer Frau, die ihn sitzen gelassen hatte? Marc hob den Kopf. Auf der anderen Straßenseite sah er eine riesige Autowerkstatt. Marc mochte keine Autowerkstätten. Sie stimmten ihn trübsinnig. Von dort, an der Mauer der Autowerkstatt entlang, kam mit ruhigen, großen Schritten der Jäger und Sammler auf ihn zu. Marc lächelte. Mathias erschien zu der Verabredung. Noch immer blond, das Haar zu widerspenstig, um ordentlich gekämmt zu sein, mit seinen ewigen Ledersandalen, die Marc hasste. Noch immer nackt unter seiner Kleidung. Niemand wusste, wie Mathias es schaffte, den Eindruck zu erwecken, dass er nackt war unter seiner Kleidung. Pulli auf der bloßen Haut, Hose über den bloßen Schenkeln, Sandalen an den bloßen Füßen.

Jedenfalls trafen sie – der eine bäurisch, der andere elegant, der eine breit, der andere schmal – in einem dreckigen Café an einem Tisch zusammen. Was besagt, dass das gar nichts miteinander zu tun hat.

»Du hast deinen Bart abgenommen?«, fragte Marc. »Machst du keine Ur- und Frühgeschichte mehr?«

»Doch«, erwiderte Mathias.

»Wo?«

»Im Kopf.«

Marc nickte bedächtig. Man hatte ihn nicht belogen, Mathias saß in der Scheiße.

»Was hast du mit deinen Händen gemacht?«

Mathias betrachtete seine schwarzen Fingernägel.

»Ich habe als Mechaniker gearbeitet. Man hat mich rausgeschmissen. Sie haben gesagt, ich hätte kein Gefühl für Motoren. Ich hab in einer einzigen Woche drei Stück schrottreif gemacht. Motoren sind kompliziert. Vor allem, wenn man sie reparieren muss.«

»Und jetzt?«

»Jetzt verkaufe ich allen möglichen Ramsch, Plakate, an der Metrostation Châtelet.«

»Bringt das was ein?«

»Nein. Und du?«

»Nichts. Ich war Schreiber in einem Verlag.«

»Mittelalter?«

»Liebesromane auf achtzig Seiten. Der Mann ist ein Raubtier und sehr erfahren, die Frau strahlend und unverdorben. Am Ende lieben sie sich wie verrückt, und man findet’s zum Kotzen langweilig. Die Geschichte sagt nichts darüber, wann sie sich trennen.«

»Klar …«, sagte Mathias. »Hast du aufgehört?«

»Ich bin entlassen worden. Ich hab in den letzten Korrekturabzügen noch Sätze geändert. Aus Verbitterung und weil es mich nervte. Sie haben es gemerkt … Bist du verheiratet? Gibt’s bei dir eine Frau? Hast du Kinder?«

»Nichts«, sagte Mathias.

Die beiden Männer lehnten sich zurück und sahen sich an.

»Wie alt sind wir jetzt?«, fragte Mathias.

»Mitte dreißig. Normalerweise ist man in dem Alter ein Mann.«

»Angeblich ja. Hast du’s immer noch mit dem verdammten Mittelalter?«

Marc nickte.

»Bescheuert«, bemerkte Mathias. »Was das angeht, warst du nie vernünftig.«

»Red nicht davon, Mathias, das bringt jetzt nichts mehr. Wo wohnst du?«

»In einem Zimmer, das ich in zehn Tagen aufgebe. Mit den Plakaten kann ich meine zwanzig Quadratmeter nicht mehr behalten. Sagen wir mal, ich steige ab.«

Mathias presste seine Hände gegeneinander.

»Ich zeig dir eine Baracke«, sagte Marc. »Wenn du mitmachst, überwinden wir vielleicht die dreißigtausend Jahre, die uns trennen.«

»Und der Haken an der Sache?«

»Weiß ich noch nicht. Kommst du mit?«

Obwohl Mathias allem, was sich nach 10 000 vor Christus hatte ereignen können, gleichgültig und eher feindselig gegenüberstand, hatte er bei dem schlanken, stets schwarzgekleideten Mediävisten mit dem silbernen Gürtel immer eine unbegreifliche Ausnahme gemacht. Um die Wahrheit zu sagen: Er sah diese freundschaftliche Schwäche eher als eine Geschmacksverirrung. Aber seine Zuneigung zu Marc, seine Wertschätzung für den wendigen und scharfen Geist dieses Typen hatten ihn gezwungen, die Augen vor der empörenden Entscheidung zu verschließen, die sein Freund zugunsten dieser degenerierten Epoche der Menschheitsgeschichte getroffen hatte. Trotz dieses schockierenden Fehlers neigte er dazu, Marc zu vertrauen, und hatte sich sogar häufig dazu hinreißen lassen, ihm in seine albernen Fantasien eines verarmten Feudalherrn zu folgen. Selbst heute, wo klar war, dass dieser verarmte Feudalherr eindeutig vom Pferd geworfen war und nichts mehr besaß als den Pilgerstab, kurz, dass er in einer der seinen völlig gleichwertigen Scheiße saß (was ihm übrigens Vergnügen bereitete), selbst in diesem Zustand hatte Marc jenen Anflug von liebenswürdiger und überzeugender Majestät nicht verloren. Gewiss, ein bisschen Bitterkeit in den Augenwinkeln, auch etwas Kummer, Erschütterungen und Kräche, die er sicherlich lieber nicht erlebt hätte, das alles ja. Aber trotzdem noch Charme und Reste von Träumen, die er, Mathias, längst in den Metrogängen der Station Châtelet verloren hatte.

Sicher, Marc erweckte nicht den Eindruck, als hätte er das Mittelalter aufgegeben. Trotzdem würde Mathias ihn bis zu der Baracke begleiten, von der Marc ihm auf dem Weg erzählte, während er mit seiner beringten Hand durch die graue Luft fuchtelte. Also, eine runtergekommene Baracke mit vier Stockwerken, wenn man den Dachstuhl mitzählte, und einem Garten. Mathias war nicht abgeneigt. Versuchen, die Miete zusammenzubringen. Feuer im Kamin machen. Den Patenonkel von Marc mit dort unterbringen. Was war das für eine Geschichte mit dem alten Paten? Unmöglich, ihn allein zu lassen, entweder mit ihm oder gar nicht. Aha, gut. Unwichtig. Das war Mathias schnurz. Langsam verblasste die Station Châtelet. Er folgte Marc durch die Straßen, zufrieden, dass auch Marc in der Scheiße saß, zufrieden mit der betrüblichen Nutzlosigkeit dieses arbeitslosen Mediävisten, zufrieden mit der Manieriertheit der Kleidung seines Freundes, zufrieden mit der Baracke, in der sie sicher vor Kälte umkommen würden, denn es war erst März. So zufrieden, dass er, als sie schließlich in einer dieser unauffindbaren Straßen von Paris an dem verrotteten Gitter angekommen waren, durch das man die Baracke inmitten von hohem Gras sah, nicht in der Lage war, die Baufälligkeit des Gebäudes objektiv zu beurteilen. Er fand das alles tadellos. Er wandte sich wieder Marc zu und schüttelte ihm die Hand. Der Handel war perfekt. Aber das, was er mit dem Verkaufen von Ramsch verdiente, würde nicht ausreichen. Marc, der am Gitter lehnte, stimmte mit ihm überein. Beide wurden wieder ernst. Lange Stille. Sie überlegten. Noch ein Verrückter in der Scheiße? Mathias schlug einen Namen vor. Lucien Devernois. Marc schrie auf.

»Das ist doch nicht dein Ernst, Mathias? Devernois? Weißt du noch, was der Typ macht? Was er ist?«

»Ja«, seufzte Mathias. »Weltkriegshistoriker. 14 – 18.«

»Na also! Du drehst ja wohl völlig ab … Uns bleibt nicht mehr viel, wir müssen über Kleinigkeiten hinwegsehen, ich weiß. Aber es bleibt uns ein bisschen Vergangenheit, um noch von der Zukunft zu träumen. Und was schlägst du vor? Den Ersten Weltkrieg? Einen Zeitgeschichtler? Was denn noch alles? Ist dir eigentlich klar, was du sagst?«

»Schon gut«, erwiderte Mathias, »aber der Typ ist wirklich kein Arschloch.«

»Mag sein. Trotzdem. Daran ist nicht zu denken. Alles hat seine Grenzen, Mathias.«

»Es schmerzt mich genauso wie dich. Obwohl Mittelalter und Zeitgeschichte für mich eigentlich keinen großen Unterschied machen.«

»Pass auf, was du sagst.«

»Ja, ja. Aber ich glaube, dass Devernois zwar ein kleines Gehalt hat, aber trotzdem in der Scheiße sitzt.«

Marc kniff die Augen zusammen.

»In der Scheiße?«, fragte er.

»Genau das. Er hat seine Stelle an einem staatlichen Gymnasium im Departement Nord-Pas-de-Calais aufgegeben. Jetzt hat er eine jämmerliche halbe Stelle in einer kirchlichen Privatschule in Paris. Überdruss, Enttäuschung, Schreiben und Einsamkeit.«

»Dann sitzt er also echt in der Scheiße … Hättest du das nicht gleich sagen können?«

Marc blieb ein paar Sekunden stehen. Er überlegte rasch.

»Nun, das ändert alles!«, begann er wieder. »Beeilung, Mathias. Erster Weltkrieg hin oder her, Augen zu und durch, treib ihn auf und überzeug ihn. Wir treffen uns alle zusammen mit dem Besitzer hier um sieben. Das muss heute Abend unterschrieben werden. Beeilung, und streng dich an. Zu dritt in der Scheiße – warum sollten wir da kein vollständiges Desaster hinkriegen.«

Sie nickten einander zu und trennten sich, Marc rannte, Mathias entfernte sich mit großen Schritten.

4

Es war ihr erster Abend in der Baracke der Rue Chasle. Der Weltkriegshistoriker war aufgetaucht, hatte rasch Hände geschüttelt, war in den vier Stockwerken herumgewirbelt und dann wieder verschwunden.

Nachdem die ersten Augenblicke der Erleichterung nach Unterzeichnung des Mietvertrages vorüber waren, spürte Marc wieder schlimmste Befürchtungen in sich aufsteigen. Dieser nervöse, bleichgesichtige Zeitgeschichtler, der da aufgetaucht war, mit braunen Haaren und einer Strähne, die ihm unaufhörlich über die Augen fiel, mit seiner eng gebundenen Krawatte, dem grauen Sakko und seinen abgelaufenen, aber englischen Schuhen machte ihm schwer Sorgen. Dieser Typ war – von der Katastrophe, die seine Spezialisierung auf den Weltkrieg bedeutete, mal ganz abgesehen – nicht zu fassen, er oszillierte zwischen Steifheit und großer Nachgiebigkeit, zwischen Schaumschlägerei und Ernsthaftigkeit, zwischen jovialer Ironie und hartnäckigem Zynismus und schien sich mit kurzen Anfällen von Wut und guter Laune abwechselnd von einem Extrem zum anderen zu bewegen. Besorgniserregend. Unmöglich zu wissen, wie sich das entwickeln würde. Mit einem Zeitgeschichtler in Krawatte zusammenzuleben, war absolutes Neuland. Marc beobachtete Mathias, der mit besorgter Miene in einem leeren Raum herumlief.

»Hast du ihn leicht überreden können?«

»Ganz schnell. Er ist aufgestanden, hat seine Krawatte gerichtet, hat mir die Hand auf die Schulter gelegt und gesagt: ›Verbrüderung über den Gräben, da gibt’s keine Diskussion. Ich bin dein Mann.‹ Ein bisschen theatralisch. Auf dem Weg hat er mich gefragt, wer wir sind, was wir machen. Ich habe ein bisschen erzählt, von Ur- und Frühgeschichte, Plakaten, Mittelalter, Liebesromanen und Automotoren. Er hat ein Gesicht gezogen, vielleicht wegen dem Mittelalter. Aber er hat sich wieder gefangen, hat was über die soziale Verschmelzung im Schützengraben oder so gemurmelt, und das war’s.«

»Und jetzt ist er verschwunden.«

»Er hat seine Tasche dagelassen. Das ist kein schlechtes Zeichen.«

Dann war der Erste-Weltkrieg-Typ mit einer Kiste voll Brennholz auf der Schulter wieder aufgetaucht. Marc hätte ihn nicht für so kräftig gehalten. Immerhin war er offenbar zu etwas nutze.

So drängten sich die drei in der Scheiße sitzenden Forscher nach einem kurzen Abendessen, das sie auf den Knien eingenommen hatten, gemeinsam um ein großes Feuer. Der vor Dreck starrende Kamin war beeindruckend. »Das Feuer«, dozierte Lucien Devernois lächelnd, »ist ein gemeinsamer Ausgangspunkt. Ein bescheidener, aber doch gemeinsamer Ausgangspunkt. Oder eine mögliche Zufluchtsstätte, ganz nach Belieben. Abgesehen von der Scheiße ist das bislang unser einziger bekannter Bündnispunkt. Bündnisse dürfen nie vernachlässigt werden.«

Lucien machte eine emphatische Geste. Marc und Mathias sahen ihn an, sie versuchten gar nicht erst, ihn zu verstehen, und wärmten ihre Hände am Feuer.

»Ganz einfach«, fuhr Lucien lauter fort. »Unserem robusten Prähistoriker Mathias Delamarre ist das Feuer sowieso vertraut … Kleine Gruppen behaarter Menschen, die fröstelnd am Rand der Grotte um die wohltuende Flamme vereint sind, die die wilden Tiere fernhält, kurz, der Krieg um das Feuer.«

»Der Krieg des Feuers«, bemerkte Mathias, »ist ein Titel …«

»Völlig unwichtig!«, unterbrach ihn Lucien. »Lass deine Bildung beiseite, die mir, was die Höhlen angeht, vollkommen egal ist, und lass dem prähistorischen Feuer seinen Ehrenplatz. Gehen wir weiter. Ich komme zu Marc Vandoosler, der sich damit abmüht, die mittelalterliche Bevölkerung nach ›Feuerstellen‹ zu zählen … Ein ganz schönes Problem für die Mediävisten. Man verstrickt sich leicht darin … Weiter. Wenn man die Leiter der Zeit hinaufklettert, so gelangt man schließlich zu mir, zu mir und zum Feuersturm des Weltkriegs. Krieg um das Feuer, Feuer des Krieges. Bewegend, nicht wahr?«

Lucien lachte, zog geräuschvoll die Nase hoch und legte Holz nach, indem er mit dem Fuß ein großes Scheit in den Kamin schob. Marc und Mathias lächelten kurz. Mit diesem unmöglichen, aber für das fehlende Drittel der Miete unentbehrlichen Typen würde man sich abfinden müssen.

»Wenn unsere Differenzen zu schwerwiegend und die zeitlichen Abgründe unüberbrückbar werden«, schloss Marc und drehte seine Ringe, »brauchen wir folglich nur ein Feuer zu machen. Ist das so?«

»Das kann helfen«, erwiderte Lucien zustimmend.

»Ein weises Programm«, fügte Mathias hinzu.

Und sie redeten nicht mehr von der Zeit und wärmten sich. Um die Wahrheit zu sagen, war das Beunruhigendste an diesem und an den kommenden Abenden das Wetter. Wind war aufgekommen, es regnete heftig, und Feuchtigkeit drang in das Haus. Die drei Männer sahen sich um und ermaßen nach und nach das Ausmaß der notwendigen Arbeiten. Noch waren die Räume leer, als Stühle hatten sie Kisten benutzt. Morgen würde jeder seine Sachen herbringen. Es musste gegipst und gezimmert werden, die elektrischen Leitungen und alle Rohre mussten erneuert werden. Und Marc würde seinen alten Paten mitbringen. Er würde ihnen die Sache später erklären. Was das für ein Typ sei? Na, eben sein alter Pate, das sei alles. Gleichzeitig auch sein Onkel. Was denn sein alter Paten-Onkel so mache? Nichts mehr, pensioniert. Wie pensioniert? Von einer Arbeit halt. Was für einer Arbeit? Lucien ging einem mit seinen Fragen auf die Nerven. Eine Arbeit als Beamter halt. Er würde ihnen das später erklären.

5

Der Baum war ein bisschen gewachsen.

Seit mehr als einem Monat stellte sich Sophia jeden Tag an das Fenster im zweiten Stock, um die neuen Nachbarn zu beobachten. Das interessierte sie. Was sollte daran schlecht sein? Drei ziemlich junge Männer, keine Frauen, keine Kinder. Nur drei Männer. Sofort hatte sie den wiedererkannt, der sich die Stirn am Gitter rostig gemacht und ihr gesagt hatte, dass es eine Buche sei. Sie hatte sich gefreut, ihn da wiederzusehen. Er hatte zwei andere, ganz unterschiedliche Typen mitgebracht. Einen großen Blonden in Sandalen und einen Hektiker in grauem Anzug. Inzwischen kannte sie die drei bereits ganz gut. Sophia fragte sich, ob es schicklich sei, so zu spionieren. Schicklich oder nicht, es zerstreute sie, es beruhigte, und es brachte sie auf eine Idee. Sie machte also weiter. Den ganzen April hatten die Typen herumgefuhrwerkt. Bretter, Eimer, Säcke voller irgendwas auf Schubkarren und Kisten auf so Dingern transportiert. Wie hießen diese Dinger aus Eisen mit Rädern drunter? Das hatte doch einen Namen. Ach, ja, Sackkarren. Kisten, die sie auf Sackkarren transportierten. Gut. Renovierungsarbeiten also. Sie waren häufig kreuz und quer durch den Garten gelaufen, und auf diese Weise hatte Sophia ihre Vornamen aufschnappen können, wenn sie das Fenster einen Spalt aufließ. Der schwarz gekleidete Schmale war Marc. Der langsame Blonde hieß Mathias. Und die Krawatte war Lucien. Selbst wenn er Löcher in die Wände bohrte, behielt er seine Krawatte um. Sophia fuhr sich mit der Hand an den Schal. Na ja, jedem sein Ding.

Durch das Seitenfenster einer kleinen Kammer im zweiten Stock konnte Sophia auch sehen, was sich im Inneren der Baracke abspielte. Die reparierten Fenster hatten keine Vorhänge, und sie dachte sich, dass wohl auch nie welche dort hinkommen würden. Jeder schien ein Stockwerk besetzt zu haben. Ein Problem war, dass der Blonde in seinem Stockwerk halb nackt arbeitete, oder fast nackt, oder eben ganz nackt, je nachdem. Vollkommen ungezwungen, so wirkte es jedenfalls. Unangenehm. Er war schön anzusehen, der Blonde, da lag das Problem nicht. Das Problem war, dass sich Sophia auf diese Weise nicht ganz im Recht fühlte, wenn sie sich in die kleine Kammer begab und ihn beobachtete. Abgesehen von den Arbeiten, die den jungen Männern bisweilen über den Kopf zu wachsen schienen, die sie aber mit Besessenheit ausführten, wurde da drüben viel gelesen und geschrieben. Regale waren mit Büchern gefüllt worden. Sophia, die auf den Steinen von Delphi geboren und allein durch ihre Stimme in die Welt getragen worden war, bewunderte jeden, der unter einer kleinen Lampe an einem Tisch saß und las.

Dann war letzte Woche noch jemand anderes gekommen. Noch ein Mann, aber sehr viel älter. Sophia hielt ihn erst für einen Besucher. Aber nein, der ältere Mann hatte sich eingerichtet. Für lange? Jedenfalls war er da, im Dachgeschoss. Das war doch merkwürdig. Er schien gar nicht übel auszusehen. Er war bei Weitem der Schönste der vier. Aber auch der Älteste. Sechzig, siebzig. Man hätte meinen können, aus diesem Mann würde eine Donnerstimme kommen, aber im Gegenteil, er hatte eine so sanfte und leise Stimme, dass Sophia noch kein einziges Wort hatte aufschnappen können von dem, was er sagte. Eine aufrechte, hohe Gestalt, ganz wie ein entthronter Feldherr, der bei den Arbeiten nicht mit Hand anlegte. Er überwachte alles und redete viel. Unmöglich, seinen Namen herauszubekommen. Einstweilen nannte Sophia ihn Alexander den Großen, oder auch die alte Nervensäge, das hing ganz von ihrer Laune ab.

Am häufigsten hörte man den Typen mit der Krawatte, Lucien. Seine erregte Stimme trug weit, und er schien Vergnügen daran zu finden, mit lauter Stimme Kommentare abzugeben und alle möglichen Ratschläge zu erteilen, die von den zwei anderen kaum befolgt wurden. Sie hatte versucht, mit Pierre darüber zu sprechen, aber er hatte sich für die Nachbarn genauso wenig interessiert wie für den Baum. Solange die Nachbarn keinen Lärm in der Bruchbude machten, das war alles, was er dazu zu sagen hatte. O. k., Pierre war sehr eingespannt mit seinen sozialen Geschichten. O. k., er hatte sich Tag für Tag durch Aktenstapel mit schrecklichen Fällen von minderjährigen Müttern unter den Brücken, rausgeworfenen, zwölfjährigen Straßenkindern und in ihrer Mansarde röchelnden Alten zu wühlen und musste das alles für den Staatssekretär ordnen. Und Pierre war schon jemand, der seine Arbeit gewissenhaft erledigte. Auch wenn Sophia es hasste, wie er manchmal von »seinen« Bedürftigen redete, die er in Typen und Untertypen unterteilte, so wie er auch ihre Bewunderer unterteilt hatte. Wo hätte Pierre wohl sie selbst eingeordnet, als sie mit zwölf Jahren den Touristen in Delphi bestickte Taschentücher feilbot? Eine Bedürftige welcher Kategorie? Na ja. Man konnte verstehen, dass ihm mit alldem am Hals ein Baum oder vier neue Nachbarn schnurzegal waren. Aber trotzdem. Warum nicht ein einziges Mal darüber reden? Nur eine Minute?

6

Als Marc hörte, wie Lucien von seinem Ausguck im dritten Stock Generalalarm oder Ähnliches ausrief, hob er nicht einmal den Kopf. Im Großen und Ganzen fand sich Marc mit dem Weltkriegshistoriker ab, der zum einen einen beträchtlichen Teil Arbeit in der Baracke weggeschaufelt hatte und zum anderen zu extrem langen Phasen arbeitsamer Stille fähig war. Sehr intensiven Phasen. Wenn er sich im weiten Abgrund des Weltkrieges vergraben hatte, hörte er nichts mehr. Er hatte alle elektrischen Leitungen überholt und sich um die gesamten Installateurarbeiten gekümmert, und Marc, der davon keine Ahnung hatte, war ihm auf ewig dankbar. Er hatte auch dafür gesorgt, dass sich das Dachgeschoss in eine weiträumige Zweizimmerwohnung verwandelt hatte, die überhaupt nichts Kaltes oder Düsteres mehr an sich hatte und in der der Onkel sich wohlfühlte. Er sorgte für ein Drittel der Miete und war von überströmender Freigebigkeit, dank der die Baracke von Woche zu Woche wohnlicher wurde. Genauso großzügig war er auch mit Worten und lärmenden Reden. Ironisierende Militärtiraden, Übertreibungen aller Art, beißende Urteile im Überfluss. Er war in der Lage, eine geschlagene Stunde wegen einer winzigen Kleinigkeit herumzuschreien. Marc lernte, Luciens Tiraden an sich vorüberziehen zu lassen wie harmlose Ungeheuer. Dabei war Lucien nicht einmal Militarist. Unerbittlich und entschlossen jagte er dem Wesen des Ersten Weltkrieges hinterher, ohne es je fassen zu können. Vielleicht war das der Grund für sein Geschrei. Nein, sicher lag es an etwas anderem. An diesem Abend gegen sechs Uhr überkam es ihn jedenfalls wieder. Er stürzte sogar die Treppe herunter und trat ohne zu klopfen bei Marc ein.

»Generalalarm«, rief er. »In die Unterstände. Die Nachbarin ist im Anmarsch.«

»Welche Nachbarin?«

»Die von der Westfront. Die Nachbarin von rechts, wenn dir das lieber ist. Die reiche Frau mit dem Schal. Keinen Ton mehr. Wenn sie klingelt, bewegt sich keiner. Die Parole lautet: leeres Haus. Ich rede mit Mathias.«

Bevor Marc seine Meinung hätte sagen können, stieg Lucien bereits in die erste Etage hinunter.

»Mathias!«, rief Lucien und öffnete die Tür. »Alarm. Parole lee…«

Marc hörte, wie Lucien mitten im Wort abbrach. Er lächelte und ging hinter ihm hinunter.

»Scheiße«, sagte Lucien, »du musst dich doch nicht völlig ausziehen, um ein Regal aufzubauen! Was nützt dir das? Verdammt noch mal, ist dir denn nie kalt?«

»Ich habe mich nicht völlig ausgezogen, ich habe meine Sandalen an«, antwortete Mathias bedächtig.

»Du weißt ganz genau, dass die Sandalen nichts ändern. Und wenn es dir Vergnügen bereitet, hier auf Urmensch zu machen, solltest du dir vielleicht besser einhämmern, dass der prähistorische Mensch, was immer ich über ihn denke, sicherlich weder blöd noch primitiv genug war, um völlig nackt zu leben.«

Mathias zuckte mit den Schultern.

»Das weiß ich besser als du«, sagte er. »Es hat nichts mit dem Urmenschen zu tun.«

»Womit dann?«

»Mit mir. Kleidung engt mich ein. So fühle ich mich wohl. Was soll ich noch sagen? Ich verstehe nicht, wie dich das stören könnte, wenn ich auf meinem Stockwerk bin. Du brauchst nur zu klopfen, bevor du reinkommst. Was ist los? Etwas Dringendes?«

Der Begriff der Dringlichkeit war bei Mathias nicht vorgesehen. Marc betrat lächelnd den Raum.

»Wenn die Schlange einen nackten Menschen sieht«, sagte er, »bekommt sie Angst und flieht, so schnell sie kann; wenn sie den Menschen angekleidet sieht, wird sie ihn ohne die geringste Furcht angreifen. Zitat, 13. Jahrhundert.«

»Da sind wir ein ganzes Stück weiter«, bemerkte Lucien.

»Was ist los?«, fragte Mathias erneut.

»Nichts. Lucien hat gesehen, wie die Nachbarin von der Westfront sich in unsere Richtung auf den Weg gemacht hat. Und er hat beschlossen, nicht zu reagieren, wenn sie klingelt.«

»Die Klingel ist noch nicht repariert«, sagte Mathias.

»Schade, dass es nicht die Nachbarin von der Ostfront ist«, bemerkte Lucien. »Sie ist hübsch, die Nachbarin im Osten. Ich habe das Gefühl, dass man sich mit der Ostfront verbünden könnte.«

»Woher willst du das wissen?«

»Ich habe ein paar taktische Erkundungsoperationen durchgeführt. Der Osten ist interessanter und zugänglicher.«

»Nun, es ist aber die im Westen«, sagte Marc bestimmt, »und ich sehe keinen Grund, weshalb wir nicht öffnen sollten. Ich mag sie, wir haben mal ein paar Worte gewechselt. Jedenfalls liegt es in unserem Interesse, von der Umgebung akzeptiert zu werden. Schlicht eine Frage der Strategie.«

»Natürlich«, sagte Lucien. »Wenn du es unter diplomatischen Gesichtspunkten siehst.«

»Sagen wir lieber unter Gesichtspunkten des Umgangs. Unter menschlichen Gesichtspunkten, wenn dir das lieber ist.«

»Sie klopft«, bemerkte Mathias. »Ich geh runter und mach auf.«

»Mathias!«, rief Marc und hielt ihn zurück.

»Was denn? Du warst doch gerade einverstanden.«

Marc sah ihn an und machte eine kurze Handbewegung.

»Oh, Mist«, sagte Mathias. »Was anzuziehen, ich brauche was anzuziehen.«

»Genau das, Mathias. Du brauchst was anzuziehen.«

Er schnappte sich einen Pullover und eine Hose, während Marc und Lucien hinuntergingen.

»Ich habe ihm doch schon erklärt, dass Sandalen nicht ausreichen«, bemerkte Lucien.

»Du hältst die Klappe«, sagte Marc zu Lucien.

»Du weißt, dass es nicht leicht ist, die Klappe zu halten.«

»Das ist richtig«, erwiderte Marc zustimmend. »Aber lass mich machen. Ich kenne die Nachbarin, ich mache auf.«

»Woher kennst du sie?«

»Ich hab’s schon gesagt, wir haben uns mal unterhalten. Über einen Baum.«

»Was für einen Baum?«

»Eine junge Buche.«

7