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Der Psychotherapeut Martin Baumann denkt und handelt stets nüchtern und sachlich. Er portioniert und rationalisiert regelrecht sein Leben, darauf hoffend, auf diese Weise für seine Patienten die Stimme der Vernunft sein zu können. Als jedoch seine Großmutter Emma stirbt und eine junge Frau in sein Leben tritt, schlägt Martins Unterbewusstsein hohe Wellen, und längst verdrängt geglaubte Erinnerungen spülen an die Oberfläche. Doch mehr noch: Mit einem Mal geschehen befremdliche und unerklärliche Dinge, so dass sich Martin fragen muss, ob hier eine fremde Macht wirkt oder aber er die Kontrolle über seine Vernunft verloren hat ...
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Seitenzahl: 260
Veröffentlichungsjahr: 2018
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Über den Autor:
Joschka Jasper, 1986 in Flensburg geboren, arbeitet als Gymnasiallehrer für die Fächer Deutsch und evangelische Religion mit der Zusatzqualifikation als Lerncoach. Schon früh entdeckte er seine Liebe zur Literatur und übte sich bereits im Kindesalter an eigenen literarischen Texten, ehe 2007 sein Debütroman ›Ein x-beliebiger Schüler‹ erschien.
Abschied nehmen
Jenseits des Möglichen
Gängige Grundmuster
Ein wohlig grauer Schleier
Der letzte Pfeil im Köcher
Aufkeimende Erinnerungen
Ein unerklärliches Ereignis?
Alles ist erklärbar!
Eine besondere Bindung
Alte und neue Farben
Versalzene Kekse
Von Bauern und Damen
Kraftvolle Bilder
Barfuß nach Hause
Fallende Blätter
Fünf Finger, fünf Wahrheiten
Ein kräftiger Stoß
Kein Naturphänomen!
Jenseits der Vernunft
Farbtupfer im Winter
Emma lag im Sterben. Und sie fürchtete sich nicht vor dem Tod, denn sie hatte ein langes und glückliches Leben geführt. Daran konnte es nicht auch nur den geringsten Zweifel geben, welchen Maßstab man auch immer an ihr Leben anlegen mochte.
Nichtsdestotrotz ließen wir, ihre Familie, nichts unversucht, um ihr die doch längst durchgekaute Welt wieder schmackhaft zu machen. Emmas Kinder und wir Kindeskinder hatten ihr immer wieder Dinge aufgezählt, die ein jeder angeblich einmal erlebt haben sollte. Und Emma hatte hinter nahezu all diesem Erlebenswerten in Gedanken einen Haken setzen können.
Sie hatte sich mit ihrem vor sieben Jahren verstorbenen Ehemann innig im Regen geliebt, hatte die großen Städte dieser Welt besucht, war nachts im Mondschein baden und hatte sich trotz Höhenangst am Bergsteigen versucht. Die fernsten und exotischsten Orte hatte sie gesehen, sie hatte in der Südsee zwischen Korallenriffen getaucht und in Indien war sie auf einem Elefanten geritten. So viele Dinge gab es, von denen sie erzählen konnte.
Emma hatte immer ohne Reue und falsche Scheu gelebt und was ihr in den Sinn kam, das hatte sie auch gewagt. Und heute Nacht war es eben Zeit zu gehen. Sicher, alles wird man nie gesehen haben, jedes verrückte Hirngespinst wird man niemals ausleben können. Aber irgendwann in seinem Leben ist man an einem Punkt angelangt, an dem man schlichtweg satt ist. Viele gestehen sich dieses Gefühl dann nicht ein und jagen weiter nach Trophäen, immer das nächste Ziel vor Augen. Aber ihre innere Leere können sie irgendwann mit keiner Weltumsegelung, mit keiner blutjungen Freundin, mit keiner Botoxspritze und mit keinem sündhaft teuren Sportwagen mehr füllen. Es bleibt ihnen dann nichts weiter als das verzweifelte Schwimmen gegen den Strom.
Meine Großmutter hingegen wollte nicht mehr gegen diesen Strom ankämpfen. Und sie spürte, dass ihr Herz jeden Moment aufhören würde zu schlagen. Wahrscheinlich zum letzten Mal sah sie sich in ihrem Zimmer um, das so trist und leblos schien, wie man es von einem Raum in einem Krankenhaus befürchtete.
Die Infusionslösung im Tropf, an dem sie hing, träufelte monoton vor sich hin, die farblosen Gardinen baumelten schlaff von der Decke herunter. Eine Lampe an der Decke tauchte den Raum in ein stechendes Weiß. Alles in allem erschien mir Emmas Krankenhauszimmer nicht als ein Ort der Genesung, sondern als ein Ort des Abschieds. Und so schien selbst das Elektrokardiogramm nur wider Willen ihren stetig schwächer werdenden Herzschlag aufzuzeichnen.
Einzig Emmas kleiner Nachttisch rechts von ihr versprühte etwas Lebensmut. Die Kommode war überfüllt mit Genesungskarten, kleinen Stofftieren, allerhand Blumensträußen und Pralinenschachteln, die aus Platzmangel auch schon auf dem Fußboden abgelegt worden waren.
Natürlich vermochte kein Geschenk etwas daran zu ändern, dass Emma heute Nacht alleine und ohne ihre Familie, ohne mich, ihren Enkel, sterben würde. Aber wegen dieses kurzen Moments der Einsamkeit grämte sie sich vermutlich nicht. Letztendlich wird doch selbst der beliebteste Mensch alleine geboren und verlässt die Welt auch wieder alleine. Diese kurze Zeitspanne dazwischen jedoch, dieser Wimpernschlag auf der ewigen Zeitachse hatte ihr gehört und sie hatte das Bestmögliche aus ihm herausgeholt.
Ihre vier Kinder, wir sieben Enkelkinder und mittlerweile dreizehn Urenkelkinder hatten Emma allesamt an ihrem Krankenbett besucht. Und morgen würden wir alle den Tod unserer liebenswürdigen Mutter, Großmutter oder Urgroßmutter betrauern, einige würden gar an ihrem Grab bitterlich weinen. Sie würden Tränen vergießen, obwohl ihnen Emma immer und immer wieder versichert hatte, dass der Tod mittlerweile ihr Wunsch sei.
Und der Tod war nun endlich ganz nahe, nur noch wenige Sekunden entfernt. Emma schloss ihre Augen, die sie nie wieder brauchen würde. Noch schien sie einen Schmerz in der Brust zu spüren, zu fühlen, wie sich ihr Körper in Krämpfen dagegen wehrte, sie loszulassen. Warum nur ließ das nutzlose alte Fleisch sie nicht endlich frei?
Doch eine letzte Frage stand für Emma, oder vielmehr für mich noch im Raum, ehe Gevatter Tod seinen Gewinn einstreichen konnte. Es war die Frage, die sich jeder irgendwann einmal, spätestens in seinen letzten Atemzügen, stellte, gleichwohl es müßig war, sie überhaupt zu durchdenken: Was erwartet uns nach dem Tod? Gibt es einen Gott, der barmherzig die Arme ausbreitet und uns in das Paradies führt? Meine Großmutter vertraute schon immer auf diesen aus ihrer Sicht wärmenden Gedanken. Zwar mochte man sie wohl wahrlich nicht als gute Christin bezeichnen, hatte sie sich doch nie zu einer geflissentlichen Kirchengängerin entwickeln können und die Bibel bereits nach wenigen Seiten Kopf schüttelnd wieder zugeschlagen. Wenn schon keine kirchentreue Christin, so war Emma aber wohl gottesfürchtig. Zeit ihres Lebens hatte sie sich in der schützenden Hand des Allmächtigen geborgen gefühlt. Für dieses blinde Gottvertrauen wurde sie bewundert oder verachtet, von mir zumeist nur belächelt, ganz gleich, sie hatte an diesem Gefühl selbst in den letzten Monaten ihres langsamen Dahinsiechens festgehalten.
Leicht war dieses blinde Gottvertrauen auch ihr nicht gefallen, denn das Sterben glich, wie sie selbst einmal sagte, dem Geschmack bitterster Galle. Kein gesunder Mensch konnte sich diesen Geschmack vorstellen, wer mochte es auch schon? Einen Menschen, dessen Fleisch noch nicht die eindeutigen Brandmale des Verfalls aufwies, schreckte die Vorstellung, eines nicht allzu fernen Tages nur noch ein baldig erlöschendes Glimmen des einst so prächtig lodernden Lebensfeuers in sich zu tragen. Emma hingegen war sich wohl mittlerweile gewiss, dass dieser Schrecken unbegründet war. Der Verfall ihres Lebens schien ihr ebenso unverzichtbar wie seine Blüte, denn erst das Zusammenspiel konnte ihr den Wert des Lebens in Gottes Schöpfung aufzeigen. Emmas Lebensfaden in dieser Schöpfung war nun ausgesponnen. Der hämmernde Schmerz in ihrer Brust war abrupt verstummt, ihre Gedanken verloren sich im Nichts. Der Zeitpunkt ihres Todes war gekommen, ihr Herz hatte aufgehört zu schlagen. Das Elektrokardiogramm maß keine elektrischen Erregungen und damit keine Kontraktionen des Herzmuskels mehr. Nur noch eine unendliche Gerade flimmerte über den Bildschirm. Wenn es aller Wahrscheinlichkeiten zum Trotz einen Gott gab, würde er sie wohl jetzt empfangen. Eine allumfassende Stille umgab Emma. Und nur allzu gerne hätte ich mich an dieser Stelle aus meiner ungewollten Beobachterrolle zurückgezogen, um den Tod meiner Großmutter zu beklagen. Doch eine mir nicht erklärliche Kraft zwang mich, weiter auf der Bühne dieses Trauerspiels, in diesem trostlosen Krankenzimmer, zu verweilen. Ein zweiter, surrealer Akt sollte noch folgen.
Eine zeitlose Stille schien Emma zwar zunächst das Gefühl von Frieden zu vermitteln – doch dann ein Zischeln, noch weit entfernt. Wieder kehrte vermeintlich friedliche Stille ein. Und dann erneut dieses Zischeln, lauter werdend und aus allen Ecken kommend. Zu dem Zischeln mischten sich binnen weniger Sekunden Krabbelgeräusche, als ob tausende und abertausende kleiner Beinchen über den Boden tappelten.
Schlagartig kehrte Emmas Bewusstsein zurück. Oder war es mein Bewusstsein? Klare Grenzen waren hier nicht mehr zu erkennen.
Mühelos hob Emma ihre doch sonst so müden Augenlider. Fort war der graue Schleier, durch den sie die Welt zu betrachten gewohnt war, und Emma erschrak über ihre längst vergessene Sehkraft. Was ihre Augen an Stärke gewonnen hatten, schien ihr restlicher Körper jedoch verloren zu haben, sodass sie sich nicht auch nur ihren kleinen Finger zu heben imstande sah. Zeit verging, ohne dass man genau sagen konnte, ob es Minuten oder Stunden waren. Emma – oder ich – oder wir beide vernahmen, wie sich das noch weit entfernte Zischeln und Tappeln langsam zu einem bedrohlich wirkenden Klangteppich verwob.
Bang blickte sich die alte Frau um, soweit sie es ohne ihren Kopf zu drehen vermochte. Weniger enttäuscht, vielmehr erleichtert stellte sie fest, dass sie sich nach wie vor im Krankenzimmer befand. Meine Großmutter schien die Schwelle zu einem Leben danach folglich noch nicht überschritten zu haben, war die Fassade doch schließlich noch dieselbe. Womöglich, mutmaßte ich, befand sich Emma jetzt in einer Art Wachkoma, ausgelöst durch einen Schlaganfall oder dergleichen. Sicher war jedenfalls, dass es eine Erklärung für all das hier geben würde, denn es gab schließlich immer eine Erklärung.
Doch dieses Mal irrte ich mich. Jedwede Erklärungen waren mit einem Mal hinfällig.
Was selbst nach Emmas Tod noch ihr unverändertes Krankenhauszimmer zu sein schien, bekam nun nämlich unverhofft einen Anstrich des Grauens.
Mattgraue Spinnenwesen krochen unter der verschlossenen Tür und den verschlossenen Fenstern hervor. Die Krabbeltiere kamen aus den Steckdosen und aus dem Waschbecken, strömten sogar unter Emmas Krankenbett und hinter den Schränken hervor. Waren die Stimmen der Spinnen alleine und weit entfernt noch ein unverständliches Zischeln gewesen, so verwoben sie sich gemeinsam zu einer einzigen Stimme: »Er ist da! Der Tod kommt, der Tod kommt, der Tod kommt! Wir kündigen den Tod an! Er ist da!«
Emma blickte an ihrem Körper herunter und erschrak, wie er aschfahl und erschlafft auf dem Bett lag. Meine Großmutter und ich erkannten in diesem Moment gleichermaßen: Wo auch immer wir uns gerade befanden, es konnte kein uns bekannter Ort sein.
Was wir sahen, war ein trügerisches, von Gewohnheit und Lethargie geprägtes Bild, das uns Emmas Geist, beschwert von jahrelanger Monotonie, vermittelte. Das Sterben erwies sich als ein vernebelnder Prozess. Über Monate und Jahre hinweg war meine Oma mit zunehmendem Lärm gestorben, sodass der auf Samtpfoten nahende Tod schließlich nicht mehr wahrzunehmen war. Und jetzt war es zu spät.
Eine gewaltige Schar Spinnenwesen verteilte sich im Raum, krabbelte auf den Kleiderschrank, auf ihr Bett und auf ihre Nachtkommode. Und allesamt starrten sie mit ihren kleinen Kohlenaugen die alte Frau an, sodass ihr unweigerlich ein kalter Schauer über den Rücken lief.
»Was wollt ihr von mir«, wollte meine Oma sicherlich rufen, doch ihre Stimme war für alle Zeiten verebbt und ihr Mund blieb halb geöffnet, wie er es seit ihren letzten Atemzügen gewesen war.
Die Spinnen hatten das eben noch strahlend weiße Krankenzimmer überschwemmt und den Raum jeglicher Farbe beraubt. Allesamt starrten sie Emma regungslos an und zischelten wie mit einer einzigen Stimme immer und immer wieder: »Er ist da! Der Tod kommt, der Tod kommt, der Tod kommt! Wir kündigen den Tod an! Er ist da!«
Wahrscheinlich wollte Emma aufspringen, mit den Händen fuchteln, den Nachttisch umstoßen, ja, am liebsten jedes einzelne dieser Spinnenwesen unter ihren Füßen zerquetschen. Aber ihr Körper war tot, ihre Hände runzlig und nutzlos, ihr Mund ausgetrocknet.
Und ich? Ich wollte mir vor Augen führen, dass das, was ich sah, nur ein Traum sein konnte – doch es ging nicht. Meine panische Angst, die ich schon seit meiner frühesten Kindheit vor diesen achtbeinigen, achtäugigen Gliederfüßern verspürte, ließ mich keinen klaren Gedanken mehr fassen. Auch Emma starrte die Tiere derart panisch an, dass ihre Augen zu schmerzen begannen. Und doch war unsere Furcht vor diesen hinlänglich bekannten Krabbeltieren nur der letzte verzweifelte Wurf eines Rettungsankers Richtung Diesseits. Schon im nächsten Moment erwies sich die Scheu vor den Spinnen als absolut nachrangig, waren diese doch lediglich grausige Vorboten eines wesentlich schlimmeren Übels. Sie kündigten den großen Unbekannten an, und ich meine damit kein einfaches unausweichliches Naturphänomen, nein, vielmehr ein Wesen böser Natur, den Schwarzen Tod. In was für einem Albtraum war ich gefangen? »Wach auf«, wollte ich mir selbst zubrüllen, doch ich blieb bei Emma und unsere Schicksale blieben miteinander verwoben. Was auch immer passieren würde, ich würde es mit ansehen müssen.
Die Tür zu Emmas vermeintlichem Krankenzimmer wurde aus den Angeln gesprengt und die monströse Gestalt des Todes, zwei Meter hoch und noch höher, füllte den Licht durchfluteten Gang. Sein noch einmal um ein Vielfaches monströserer Schatten kroch wie ein Geschwür langsam in den Raum hinein und ließ die Spinnen in helle Aufregung geraten. Sie türmten sich übereinander, zuckten mit ihren dünngliedrigen Beinen, zischelten und versuchten aufgeregt, nicht vom Schatten verschlungen zu werden.
In lächerlich unwahrscheinlicher Genauigkeit glich der Tod dem Abbild des Sensenmannes. Sein Körper war von einem ausgefransten, pechschwarzen Umhang umschlungen und sein Gesicht wurde von einer tief hängenden Kapuze verdunkelt. Einzig seine modrigen, knochigen Hände waren zu erkennen, wie sie eine Sense fest umklammert hielten. Rational betrachtet erschien mir die Gestalt des Sensenmannes als grotesk, ja geradezu als naivkindlich, doch was war dieses Flüstern meiner Vernunft schon gegen die in meinen Ohren klingenden Schreie der Angst vor dem bösen Unbekannten? Sicherlich: Weder ein Gott, an den meine Großmutter so entschieden glaubte, noch der Tod, der ja irgendwo eine Art Gegenspieler Gottes darstellte, konnte logisch betrachtet als eine konkrete Person in Erscheinung treten. Aber andererseits sah ich eben, was ich sah. Und obwohl die Augen meiner Großmutter lichterloh zu brennen schienen, blinzelte sie nicht, sondern starrte den Tod regungslos an, in der Hoffnung, sie könnte so furchtlos erscheinen.
Ohne Hast, sich seiner Beute nur allzu gewiss, betrat der Tod den Raum. Die Spinnen scharten sich dicht um ihn, sodass der Eindruck entstand, er würde auf ihnen schweben. Abermals verschmolzen die Stimmen der Spinnen zu einer einzigen: »Der Tod schreitet voran. Wir kündigen den Tod an. Der Tod schreitet voran.«
Ich sah, wie sich Emmas Augen verkrampften und regelrecht hervorquollen, als wollten sie ihren Augenhöhlen entfliehen. Panisch sprangen ihre Blicke im Raum umher, auf der Suche nach einer Waffe, nach einer Fluchtmöglichkeit, auf der Suche nach irgendwem oder irgendetwas, das ihr aus dieser nicht für möglich gehaltenen Hölle hinaus helfen könnte. Emmas Blick blieb bei ihrem Nachttisch ruhen. Zwischen den aufgeregt zischelnden und knisternden Spinnen lugten noch immer einzelne Genesungskarten hervor. Auf einer war ein freundlich die Arme ausbreitender Bär zu erkennen, über ihm prangte die Aufschrift ›Es wird alles wieder gut‹. Daran mochte Emma in diesem Moment nicht mehr glauben.
Der Tod befand sich direkt über der Wehrlosen und beugte sich zu ihrem Gesicht herunter. Emmas Augen brannten, quollen, wollten weinen, doch Emma entsagte sich jeglicher Gefühlsregung. Sie würde nicht die Augen vor dem Unvermeidlichen verschließen, sie würde keine Schwäche zeigen, sondern im Glauben an Gott der kommenden Grausamkeiten verharren.
Das Antlitz des Todes war wie zu erwarten einigermaßen abstoßend. Er besaß ein langgezogenes, deformiertes Gesicht, das kaum einem Menschen einmal gehört haben konnte. Der Tod besaß dieselben kleinen Kohlenaugen wie die Spinnenwesen, zudem waren seine Lippen dünn und spröde. Seine Haut war kreidebleich und an den Wangen eingerissen oder fehlte komplett, sodass man durch die Muskelstränge hindurch in den Rachen schauen konnte. In eben diesen gierigen Schlund blickte Emma zuallerletzt, wie er sich über ihren Augen schloss. Alles, was ich noch hörte, war ihr letzter Schrei. Ein Schrei, der von diesem unfassbaren Albtraum zeugte. Ein Schrei, der so schrill war, dass er Welten zu durchdringen fähig schien.
Gleichsam einem schrillen Schrei riss mich das Scheppern des Weckers aus meinem absonderlichen Traum. Aufgeschreckt gab mein Hund einen Laut. »Hund, still!«, ermahnte ich das Tier und hielt ihm als unterstützendes nonverbales Signal meine ausgestreckte Hand entgegen. Das Tier, von mir erfolgreich konditioniert, verstummte abrupt und legte sich wieder in seinen Korb. Kerzengerade richtete ich mich auf und rieb mir mit Daumen und Zeigefinger meiner rechten Hand das getrocknete Sekret aus meinen Augenlidern, während ich mir mit meinem linken Handrücken das wässrige Sekret von meiner Stirn wischte. Anschließend schwang ich mich behände von meinem Bett und griff nach meinem auf dem Nachttisch abgelegten Notizblock, auf dem ich seit mehreren Jahren ein Traumprotokoll führte. Im Gegensatz zu den meisten anderen Menschen konnte ich mich nämlich in aller Regel an meine Träume erinnern, eine Fähigkeit, die ich mir durch autogenes Training angeeignet hatte. Nicht, dass es bislang nötig gewesen wäre, die meinem Unterbewusstsein entsprungenen Bilder schriftlich festzuhalten. Bisher folgten meine Träume nämlich gängigen Grundmustern, sodass ich im Protokoll nichts Ungewöhnliches zu vermerken hatte.
Selbstverständlich hatte es dennoch Zeiten gegeben, in denen gewisse Vorstellungen in meinem Schlaf besonders präsent waren. Vor allem das Traumthema des Fallens hatte mich vor ungefähr einem Jahr über einen längeren Zeitraum intensiv beschäftigt. So hatte ich in jenen Nächten unter anderem geträumt, von einem hohen Kirchturm rücklings zu fallen, von einer in sich zusammenbrechenden Hängebrücke zu stürzen oder aber beim Balancieren auf einem Drahtseil durch einen Fehltritt das Gleichgewicht zu verlieren. Immer wieder war ich in dieser Zeit durchgeschwitzt und mit Herzrasen, ganz ähnlich wie am heutigen Morgen, aufgewacht. Doch gab es damals natürlich keinen Grund zur Beunruhigung. Träume vom Kontrollverlust waren angesichts meiner damaligen Lebenssituation zu erwarten gewesen. Man musste sich doch nur anschauen, in welcher Aufbruchstimmung ich mich vor einem Jahr befand: Gerade hatte ich meine eigene Praxis für Psychotherapie eröffnet und somit mein lange angestrebtes Ziel der Selbstständigkeit erreicht ‒ und fragte mich dabei sogleich, ob ich den mit der Selbstständigkeit einhergehenden neuen Anforderungen und der gestiegenen Verantwortung gerecht werden würde. Dass man sich solche Fragen stellt und dass man in einer Zeit des Umbruchs schlecht schläft, ist völlig normal. So, wie jeder Mensch träumt, treiben auch jeden Menschen Ängste um. Angst vor dem Neuen und dem Unbekannten zu haben ist ja auch kein Problem. Einfach gesagt: In meinem Unterbewusstsein hatte sich damals die Angst, alles von mir bis dato Erreichte zu verlieren, manifestiert. Ganz normal. Entscheidend ist, dass man seine eigenen Befürchtungen überwacht, sie analysiert und im Idealfall kanalisiert und somit produktiv zu nutzen weiß. Was tat ich als vernünftiger Mensch also vor einem Jahr? Ich zog aus meinen mir bewusst gewordenen Verlustängsten Kraft, ich motivierte mich durch sie. Jeden Tag kämpfte ich von morgens bis abends für meinen beruflichen Erfolg. Ich gab alles, denn nur so konnte ich vor dem Schlafengehen in den Spiegel schauen.
Als frisch approbierter Psychotherapeut war ich mir dementsprechend nicht zu fein, mich in den ersten Monaten bei einer Vielzahl von Hausärzten, Psychologen und Neurologen vorzustellen und bildlich gesprochen jede Menge Klinken zu putzen. Schon bald entstand eine gute Mund-zu-Mund-Propaganda und diese führte schließlich zu einem hinreichenden Patientenstamm, der bis heute stetig anwuchs und mir schon bald ein zufriedenstellendes Auskommen sicherte. Es hatte nicht lange gedauert und meine Träume vom Fallen waren verschwunden, sodass ich schließlich sagen konnte: Ich hatte meine Ängste besiegt ‒ durch Vernunft und durch rationales Vorgehen.
Ähnlich ging ich vor zwei Monaten vor, als mich im Schlaf immer wieder der Gedanke verfolgte, zu allen möglichen Terminen zu spät zu kommen. Die dahinter stehende Angst, der Vielzahl an Verpflichtungen nicht mehr gerecht werden zu können, wusste ich dank meines Traumprotokolls schnell zu identifizieren. Ich war schlichtweg überarbeitet, war dem Burnout vielleicht näher, als ich es mir eingestehen mochte. Doch war meine drohende Erschöpfung keine Schande, denn selbst eine Maschine konnte überhitzen oder musste zumindest hin und wieder gewartet werden. Also hieß die einfache Lösung: Ich benötigte Wartung! Soll heißen: Ich reduzierte einfach meine Belastung und arbeitete am Wochenende nur noch halbtags ‒ und schon bald war das Traummuster verschwunden. Meine Psyche war alsbald wieder stabil. Fehlermeldungen diagnostizieren und entsprechende Gegenmaßnahmen einleiten – mehr tat ich im Grunde nicht. Ähnlich wie bei einem Computer.
Zurück zum heutigen Morgen: Wieder einmal galt es, aus meinem Unterbewusstsein aufgeploppte Fehlermeldungen zu diagnostizieren. Wie stand es nun also um meinen Traum aus der letzten Nacht von dem leibhaftig gewordenen Tod, der zu einem gefräßigen, Seelen verschlingenden Monster mutiert war? Kopf schüttelnd lächelte ich milde. Phantasie schien ich ja zu haben. Nun denn: Im Traumprotokoll notierte ich mir zunächst einmal als Thema ›Tod einer mir nahestehenden Person‹. Dies schien naheliegend, denn tatsächlich befand sich meine Großmutter Emma seit längerer Zeit bettlägerig im Krankenhaus und ihr Gesundheitszustand hatte sich in den letzten Tagen rapide verschlechtert. Vor drei Tagen hatte ich sie im Krankenhaus besucht und ihr Anblick war einigermaßen befremdlich gewesen, so stark hatte sich ihr Gesicht verändert. Ihre Augen lagen tief in den Höhlen, ihre Haut war kreidebleich und ihre Lippen waren dünn und spröde. In gewisser Weise erschien sie mir bereits mehr einer Leiche als einem lebenden Menschen zu ähneln. Vermutlich war es diese mir fremde, mehr tote als lebendige Emma, die mir in meinem Unterbewusstsein als Personifikation des Todes begegnet war. Ja, das klang doch logisch und überzeugend: Was in meinem Traum den Sensenmann darstellte, war in Wirklichkeit nichts weiter als das von körperlicher Schwäche gekennzeichnete Antlitz meiner Großmutter gewesen.
Dass ich für die Darstellung meiner todkranken Großmutter unbewusst ausgerechnet das klischeehafte Bild des Sensenmannes gewählt hatte, war mit Blick auf die Traumtheorie von Carl Gustav Jung ebenfalls leicht zu erklären. Jung zufolge besaßen alle Menschen dieselben unbewussten psychischen Grundstrukturen und somit gemeinsame Vorstellungsmuster. Wir wählten also stets ähnliche Bilder wie die Mutter, die Schlange, den Kreis oder das Kreuz – Bilder, die Jung mit dem Begriff des ›Archetypus‹ umschrieb. Der Sensenmann konnte womöglich als eine bildhafte Darstellung eines solchen Archetypus gedeutet werden. Klang doch einleuchtend – zumal ich mit Sicherheit nicht der einzige Mensch war, der irgendwann einmal vom Sensenmann geträumt hatte.
Die Antwort auf die Frage, warum gerade in dieser Nacht der Archetypus des Todes meinem Unterbewusstsein entstiegen war, musste mit meinem letzten Besuch Emmas zusammenhängen – eine Erinnerung, für die ich zugegebenermaßen auch etwas Scham empfand. So hatte ich mich vor wenigen Tagen noch einmal überwunden und meine Großmutter an ihrem Krankenbett besucht. Es war ein befremdlicher und unheimlicher Anblick, wie diese einst so lebensfrohe und vitale Frau mit aschfahler Haut, eingesunkenen Wangen und tieffurchigen Falten in dem weiß schimmernden Bett lag. Ich sah meine Großmutter, die mir so nahe stand wie niemand anderes es jemals konnte, angeschlossen an einer Vielzahl von Schläuchen, die sie wie eine an Fäden hängende Marionette erschienen ließen. Kein Zeichen von Lebensfreude war mehr an ihr zu erkennen. Und als ich Emma in ihrem erbärmlichen Zustand so hatte liegen sehen, war ich ehrlicherweise nicht froh gewesen, noch einmal bei ihr sein zu können. Ungeachtet der gesellschaftlichen Vorstellung, dass man geliebten Menschen in Momenten ihres Leids zur Seite stehen sollte, hatte ich stattdessen einzig den Wunsch verspürt, mich soweit es nur geht von diesem sterbenden Menschen zu distanzieren – was ich dann auch getan hatte. Ja, ich hatte mich nicht zu ihr hingekniet, nicht »Hallo« gesagt oder ihr auch nur einen zweiten Blick zugeworfen. Was war nur aus dieser einst so geistig regen Frau, mit der ich als Jugendlicher eine Woche lang durch Südfrankreich geradelt war, geworden? Warum sollte ich die Nähe einer Person suchen, die doch nur ein Abbild ihres einstigen Selbst war? Ein schlechtes Gewissen zu haben war in diesem Fall eigentlich sogar unvernünftig. Ich musste mich sicherlich nicht dafür schämen, Emma nicht noch irgendwelche Phrasen des Abschieds ins Ohr gemurmelt zu haben. Erstens lebte sie – Stand heute Morgen – ja im Grunde noch, es wäre theoretisch also noch Zeit dafür, und zweitens war es doch auch nachvollziehbar, ja sogar ganz natürlich, Abstand zu sterbenden Menschen gewinnen zu wollen. Wer wusste denn schon, was die für unentdeckte Krankheiten in sich trugen? Und ohnehin – was konnte Emma in ihrem Zustand überhaupt noch von ihrer Umgebung und ihren Mitmenschen mitbekommen? So plausibel meine Worte hier auch waren, so schienen diese Erklärungen eine ganz leise und doch hörbare Stimme im hintersten Stübchen meines Verstandes leider nicht zu interessieren. Unablässlich hatte mich diese Stimme die letzten Tage mit der Behauptung gequält, ich sei ein schlechter, gefühlskalter Enkel. Diese verflixte kleine Stimme war der Grund, weshalb der Archetypus des Sensenmannes in meinem Unterbewusstsein heranwachsen und Einzug in meinen Traum finden konnte. Der Sensenmann war mein Unbehagen vor dem bevorstehenden Tod meiner Großmutter – ein Unbehagen, das sich schon bald auflösen würde, allzu lange würde es Emma schließlich nicht mehr machen. Es gab also wie gehabt keinerlei Grund, sich um meine Psyche zu sorgen, was ich zufrieden mit der Zunge schnalzend in meinem Traumprotokoll vermerkte.
Abermals zeigte sich, wie die Gesellschaft mit ihren Vorstellungen von Richtig und Falsch Menschen psychisch in die Enge treiben konnten. In der Natur war die Distanzierung von kranken Artgenossen, ungeachtet der ursprünglichen Nähe zu diesen, ein normaler Vorgang, der keiner weiteren Erklärung bedurft hätte. Was ich dachte und tat, war das, was Mutter Natur uns eigentlich auch vorgab. Auch das notierte ich mir.
Um meine Traumanalyse abzuschließen, griff ich schließlich im Protokoll als letzte Besonderheit auf, dass sich Emma beim Anblick des Sensenmannes nicht hatte bewegen können.
Ja, ja, das altbekannte Traumbild der Lähmung. Ich atmete erleichtert aus. Auch hier sah ich keine Besorgnis erregenden Unregelmäßigkeiten. Lähmung konnte im Traum als Unbeweglichkeit im geistigen oder emotionalen Sinn gedeutet werden. Hiervon ausgehend war eine Übertragung auf meine Situation nahe liegend: Unterbewusst hatte ich mir vorgeworfen, von Emmas körperlichem Zerfall emotional nicht stärker berührt gewesen zu sein ‒ ich hatte mich also über meine emotionale Starre geärgert. Folglich die Starre im Traum – ganz einfach.
Zusammenfassend konnte ich also feststellen: Mein zunächst befremdlich erscheinender Traum war analysiert und hinreichend erklärt worden und somit war es mir gelungen, die Ordnung in meiner Psyche wieder herzustellen. Zufrieden legte ich den Notizblock auf den Nachttisch zurück.
Ich erinnere mich noch genau, wie ich auf die Idee, ein Traumprotokoll zu führen, gekommen war. Zu dem Zeitpunkt war ich noch Student. In einem Restaurant sitzend hatte ich einer hübschen Blondine, deren Namen ich allerdings nicht mehr weiß, gerade erzählt, dass ich Psychologie studieren würde. Dabei hatte ich einen von mir stetig mitgeführten Kugelschreiber aus meiner Jeanstasche hervorgeholt, nach einer Serviette gegriffen und so getan, als wollte ich mir etwas notieren. Währenddessen hatte ich meine Hornbrille etwas nach vorne gerückt, sodass ich der Blondine über die Brille hinweg einen gekünstelt intellektuellen Blick zuwerfen konnte. Dieses Verhaltensmuster sorgte in der Regel für Lacher und schien bei Frauen gut anzukommen, sodass ich es für erste Verabredungen ritualisiert hatte. Auch die Blondine hatte gelacht. »Nicht ernsthaft? Du willst Psychiater werden?«, hatte sie dann ausgerufen.
»Nein«, hatte ich etwas unwirsch entgegnet, »… denn dazu müsste ich Medizin studieren. Ich studiere aber Psychologie.«
»In Ordnung. Also willst du Psychologe werden?«
»Nein, aber es wird zumindest wärmer. Ich will ein Psychotherapeut werden. Das bedeutet, dass ich kranken Menschen helfen möchte, ihre psychischen Störungen zu überwinden.«
Wieder hatte die Blondine dümmlich gelacht. Was sie dann sagte, weiß ich bis heute noch im genauen Wortlaut: »Du weißt aber schon, dass man euch Psychologen nachsagt, irgendwann einmal selbst verrückt zu werden, oder? Wenn man den ganzen Tag nur mit Wahnsinnigen zu tun hat, dann fällt es einem irgendwann schwer, selbst alle Tassen im Schrank zu behalten, meinst du etwa nicht?«
Was damals von einer Frau, die nicht einmal den Unterschied zwischen Psychologen und Psychiatern kannte, im Spaß gesagt worden war, hatte mich jeden Tag bis heute beschäftigt. Die Frage, wie ich für meine leidgeplagten Patienten die Stimme der Vernunft, bildlich gesprochen der Leuchtturm im Nebel sein und bleiben konnte. Denn was war eine psychische Störung anderes, als die Abkehr von rationalem Denken und die Hinwendung zur uferlosen, die Sicht vernebelnden Fantasterei? Wie aber konnte ein sich in der Fantasterei Verlierender ohne Leuchtturm wieder in den sicheren Hafen der Vernunft zurückkehren? Mir wurde bewusst: Wenn ich ein wirklich herausragender Psychotherapeut werden wollte, wenn ich Menschen helfen wollte, wieder die Kontrolle über ihr Denken und Fühlen zu gewinnen, dann musste ich mich ganz und gar dem Primat der Vernunft unterordnen. Ich musste diesbezüglich für meine Patienten eine Vorbildfunktion einnehmen. Und dies konnte nur bedeuten, dass ich mich von allem, was meine eigene Wahrnehmung möglicherweise verzerren konnte, weitestgehend distanzieren musste.
Nach dieser Prämisse führte ich, Martin Baumann, 32 Jahre alt, mein Leben. Deshalb legte ich vor Jahren ein Traumprotokoll an und analysierte täglich mein Denken und mein Fühlen. Mein oberstes Ziel war es, stets einen kühlen, klaren Kopf zu bewahren.
Mein Gedankenfluss wurde durch das jedermann bekannte Anfangsmotiv der fünften Symphonie Beethovens unterbrochen. Dieser von mir selbst gewählte Klingelton meines Handys riss mich wieder in das Hier und Jetzt. Angesichts der gegenwärtigen Uhrzeit, halb acht Uhr morgens, war ich etwas perplex und nahm den Anruf mit einer düsteren Vorahnung an. Anrufe so früh am Morgen hatten schließlich nie etwas Gutes zu bedeuten. Es meldete sich mein langjähriger Freund Theo Berger, von Beruf Arzt der Inneren Medizin. Er sprach leise und vorsichtig, zudem versuchte er zunächst, sich nach meinem Befinden zu erkunden, ehe er dann doch endlich mit der Sprache herausrückte.
»Martin, ich muss dir leider sagen, dass Emma diese Nacht verstorben ist. Sie hatte eine akute Herzinsuffizienz, ausgelöst durch einen plötzlichen Verlust der Pumpfunktion. Soll heißen, sie erlitt einen Myokardinfarkt oder einfacher ausgedrückt …«
»… einen Herzanfall.«
»Genau. Sie hat, soweit ich das sagen kann, nicht gelitten.« Eine kurze Pause entstand, ehe er weiterredete. »Mensch, das ist doch scheiße. Wenn ich dir irgendwie helfen kann, wenn du reden möchtest, dann sollst du wissen, dass ich deine Situation vielleicht nicht nachempfinden kann, aber dass ich zuhören kann und …«
Ich unterbrach ihn. »Theo, es ist in Ordnung. Ich habe deinen Anruf schon lange erwartet, er war gewissermaßen überfällig. Und seien wir ehrlich … Emma ist doch schon die letzten Tage eher tot als lebendig gewesen. Das, was meine Großmutter ausmachte, ihre Synapsenstruktur, ihr Verstand, ihr Körper, ihre Zellstruktur, all diese Dinge waren schon in den letzten Tagen und Wochen zunehmend zerstört. Sie litt zuletzt unter neurodegenerativen Erkrankungen, das weißt du als ihr behandelnder Arzt doch besser noch als ich. Jetzt gibt es sie nicht mehr und das erscheint mir allemal besser als ewige, besinnungslose Bettlägerigkeit.«
»Sicher … obwohl du selbst aus der Sicht eines Mediziners recht unterkühlt klingst«, entgegnete Theo.
»Ich klinge so, wie man als vernünftiger Mensch in so einer Situation nur klingen kann. Jeder erleidet irgendwann Verluste, Menschen sterben eben. Doch darf ein solcher Schmerz kein Ausgangspunkt sein, sich irgendwelchen Illusionen hinzugeben. Andernfalls führt dies womöglich dazu, dass wir für das Seelenheil unserer Angehörigen Rosenkränze beten und uns bei einem auf einer Wolke schwebenden alten Mann mit Rauschebart nach dem Befinden der Verstorbenen erkundigen.«
»Aber Martin … Emma glaubte doch schließlich an Gott.«
»Und ich tue das nicht, wie du weißt. Du bist Mediziner, dann lass uns doch auch naturwissenschaftlich denken. Emma ist an keinem besseren Ort jetzt ‒ oder sie ist es allenfalls insofern, als sie nun an keinem Ort mehr ist. Was sie erreichen konnte, hier, in der Realität, das hat sie erreicht. Meine Großmutter hat ihre genetischen Fußstapfen hinterlassen und somit das höchste Maß an Unsterblichkeit, das uns Menschen zugänglich ist, erlangt. Unser biologisches Ziel ist die Fortpflanzung und sonst nichts. Wozu also trauern? Sie hatte ein langes und erfülltes Leben.«
Meine Stimme bebte leicht, was vermutlich auf das ungewohnt frühe Sprechen am Morgen zurückzuführen war. Die Stimmbänder schwangen noch nicht gleichmäßig, womöglich befand sich noch Schleim auf ihnen. Ich beendete daher das Gespräch. »Du, ich muss los, arbeiten. Meine Patienten heilen sich ja nicht von selbst – na, wem sage ich das. Wir bleiben in Kontakt.«
Erstaunt stellte ich beim Auflegen fest, dass mein Herz raste und meine Hände zitterten. Derartige körperliche Reaktionen waren vermutlich zu erwarten, da das Sprechen über den Tod, so vernünftig man das Thema auch anging, in unserer Gesellschaft tabuisiert war. Vielleicht … vielleicht musste ich mir zudem ein gewisses, wohlgemerkt begrenztes Maß an Trauer eingestehen.
M
