Die Schuld himmelblauer Erdbeeren - Sabine Sommer - E-Book

Die Schuld himmelblauer Erdbeeren E-Book

Sabine Sommer

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Beschreibung

"Wieso ist meine Beziehung bloss so kompliziert, wo doch eigentlich alles gut ist?" …..fragte sich Alex schon zu jenen Zeiten, als schlaflose Nächte und die Kämpfe mit dem Supermutti-Teufelchen noch ihr grösstes Problem waren. Doch als sie entdeckt, dass ihr Mann und ihre Freundin nicht die Menschen sind, für die sie sie gehalten hat, übernimmt eine alte Angst das Kommando über Alex' Leben und dirigiert sie in ein aufregendes Doppelleben. Dieses gibt ihr zwar die verlorene Lebendigkeit zurück, stellt aber das Leben aller Beteiligten gehörig auf den Kopf. Werden ihre Beziehungen daran zerbrechen? Und warum lügen hier eigentlich alle, dass sich die Balken biegen? Ein Seelenkrimi - so tief wie leicht, so witzig wie traurig – ein Mutmacher, sich aufzumachen zum grössten Abenteuer des Lebens: Der Reise zu sich selbst.

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EPUB
MOBI

Seitenzahl: 582

Veröffentlichungsjahr: 2021

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Es ist vorbei, sagt die Vernunft

Es ist übertrieben, sagt die Scham

Es ist lächerlich, sagt der Stolz

Es ist nichts, sagt die Verdrängung

Ich bin, wer ich bin, sagt das Trauma

Für mich gibt es kein gestern und kein heute,

nur das jetzt

Aber nicht ich, bin dein Problem

Dein Problem ist, dass du dein Leben darauf

ausgerichtet hast, dass dich nichts mehr

an mich erinnern soll

Sabine Sommer, geboren 1972, lebt in Zürich.

Sabine Sommer

Die Schuld himmelblauer Erdbeeren

Roman

© 2021 Sabine Sommer

Verlag und Druck:

tredition GmbH, Halenreie 40-44, 22359 Hamburg

ISBN

 

Paperback:

978-3-347-14677-8

Hardcover:

978-3-347-14678-5

e-Book:

978-3-347-14679-2

Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlages und des Autors unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung

Prolog

Ich bin keine Frau, die mit leichtem Gepäck reist.

Zu ernst ist es mir mit jedem Ort, den ich besuche. Zu professionell arbeitet mein Radar mit dem Seismographen zusammen, um mir zuverlässig all jene Gefahren zu melden, die mein fein austariertes Gleichgewicht ins Kippen bringen könnten. Ich brauche Sichtbarkeit, wo keine ist und beruhige mich erst, wenn meine Zukunft zu einer Erinnerung wird, dank der ich meine Postkarten bereits Wochen vor der eigentlichen Abreise verschicken könnte.

Allerdings währt die Ruhe auch dann nur kurz. Denn nun gilt es, die Gegenmittel der erurierten Gefahren in meine riesige Tasche zu packen. Jene Tasche, über die mein Orthopäde kürzlich sogar meinte, sie würde mir eines Tages eine schiefe Hüfte bescheren. Doch das ist mir egal. Denn mal ehrlich - was ist schon solch ein kleines, deformiertes Körperteil gegen das Glück, das Leben unter Kontrolle zu haben? Der Hüftdoktor braucht ja schliesslich nicht zu wissen, dass mein zwanghaftes Ich auch dann zentnerschweren, portablen Nestbau betreibt, wenn es nur mal schnell den örtlichen Spielplatz oder das Pass-Büro aufsucht.

Nun kann man sich ja leicht vorstellen, was mit mir geschieht, wenn es sich bei den fremden Gefilden eben nicht einfach um den Spielplatz, sondern um eine Flugreise handelt. Richtig! Meine Angst, etwas Wichtiges übersehen zu haben, schellt so in die Höhe, dass ich erst wieder richtig atme, wenn ich auf einen der harten, kleinen Hocker in der Transitzone des Flughafens sinke.

Ach, ich liebe Transitzonen!

Nirgendwo strahlen Menschen mehr von dieser lässigen Gleichgültigkeit aus, die mir so fremd ist. Nur an diesem Ort blinkt auf jeder Stirn das Prädikat: „Führt ein aufregendes Leben!“, weil die Blackbox des Transits, alle Arten von Herkunft, Geschichte und Ziele verschluckt, sodass alles möglich ist. In dieser Zone ist Identität keine feste Größe mehr, sondern ein Spiel der unbegrenzten Möglichkeiten.

Mit verstohlenem Neid beobachte ich, wie unaufgeregt sich das Warten der Anderen gestaltet.

Wie winzig ihr Handgepäck ist, in dem mit Sicherheit nur ein halber Kaugummi Platz haben kann. Keinen außer mir, scheint es nervös zu machen, auf dem Weg ins Ungewisse zu sein. Stoisch lesen sie irgendwelche komplexe Zeitungen, während ich in dieser Extremsituation höchstens zur Lektüre einer großzügig bebilderten Illustrierten fähig bin.

Während auf der sorgfältig gepuderten Haut der Anderen kein einziger Schweißtropfen glänzt und ihre Kleidung auch nach stundenlangem Warten frisch gebügelt scheint, durchwühle ich schweissgebadet alle paar Minuten mein Handgepäck – so hektisch wie ein pubertierender Maulwurf seinen Erdhaufen. Jedes Mal fliegt dabei etwas zu Boden. Natürlich nie das, wonach ich suche. Nur erneut das Buch „Abnehmen in drei Wochen“, dass ich noch schnell zum halben Preis am Kiosk ergattert hatte. Sodass ich immer mehr ins Schwitzen komme, noch mehr pubertierenden Maulwurf spiele, bis ich verblüfft feststelle, dass das Gesuchte zuoberst auf dem Haufen liegt.

Elegant? Kosmopolitisch? Sexy? Nein. Nicht wirklich. Aber ich.

Doch das Erstaunliche ist: Sobald all die geheimnisumworbenen Menschen im Flugzeug sitzen und es keine Frage mehr ist, wo ihr Ziel liegt, sobald sie alle die gleiche in Plastik eingeschweißte, scheußlich schmeckende Mahlzeit verschlingen und ihre perfekt gepuderte Haut zu glänzen beginnt, fällt der ganze Glamour von ihnen ab.

Plötzlich sind das nur noch stinknormale Menschen, mit genau einem Ziel: Ankommen. Landen. Wieder sicheren Boden unter den Füssen haben. Nicht länger der Willkür eines fremden Piloten ausgesetzt zu sein.

Und genau dieses Phänomen ist es, das mir in meinem echten Leben auch widerfahren ist.

Das meine Beziehungen zu meiner ganz persönlichen Transitzone haben werden lassen.

In meiner Ehe mit Tom, meiner Freundschaft mit Mareike und – vor allem - mit mir selbst.

Teil Eins

 

Alex und Tom

Ich:

„Das ist jetzt ein Scherz, oder?“

Er:

„Was?“

Ich:

„Du bringst mir aus Florenz eine Probepackung von Armani aus dem Dutyfree Shop?“

Er:

„Genau. Du magst doch Parfums?“

Ich:

„Tom. Hallo. DutyFree, ich bitte dich! Sowas Ordinäres ist doch unter deiner Würde. DU schwörst auf Originalität und Persönlichkeit. Was Kurliges, Unbrauchbares aus einem florentinischen Antiquitätenlade - eine Salatschleuder aus dem 17. Jahrhundert zum Beispiel – DAS ist Tom! “

Er:

„Oh, Entschuldigung. Madam ist mein Geschenk nicht originell genug! Ich bitte ergeben um Vergebung! Ich vergaß: Der Mann, das Wunderwesen, soll speziell sein. Phantasievoll, in allem, was er tut.“

Ich:

„Na, ist ja wohl das Mindeste!“

Er:

„Und genau das ist das Problem heutiger Männer, Alex. Ihr Frauen gebt einem dauernd das Gefühl, nicht zu genügen.“

Ich:

„Ach du meine Güte, Tom. Hast du im Flugzeug zu viel ‚Psychologie heute‘ gelesen oder bist du neben dem Vorsitzenden der italienischen Männergruppe gesessen?“

Er:

„Alex, du bist so was von selbstgefällig und zynisch. Und weißt du was, ich wollte dir echt eine Freude machen.“

Ich:

„Tja, das hat wohl nicht geklappt.“ (zischend)

Er:

„Danke für das schöne Nachhausekommen!“(brüllend)

Und dann krachte die Küchentüre ins Schloss. Mit einer Wucht, die unsere Kristallgläser im Regal zittern und Tina im Schlafzimmer weinend erwachen ließ. Rasch ging ich zu ihr, hob sie mit einem: „Alles gut, mein Schatz!», hoch, ohne meinen Worten selbst zu glauben. Zu aufdringlich flüsterte mir meine Enttäuschung ihre Berechtigung ins Ohr. Wie anders hatte ich mir das Wiedersehen mit meinem Mann vorgestellt. Liebevoll, dankbar, freudig. Ich sollte unbedingt aufhören, mir Dinge vorzustellen. Hinter jedem hübsch drapierten Bild lauerte stets die Enttäuschung.

Tom war eben von einer Woche, einer GANZEN Woche Ferien in Florenz heimgekommen. Sieben Tage ohne: „Stehst du auf oder ich?“. Sieben Tage ohne wickeln, Schlaflieder singen und - schon wieder zu spät - in die Kita und danach zur Arbeit zu hechten. Eine ganze Woche ohne Tina und mich. Sieben Tage nur für ihn. Dolce far niente à gogo. Haufenweise Museen besuchen. Berge kulinarischer Köstlichkeiten verschlingen. Ausschlafen. DURCH-SCHLAFEN. Sieben lange Tage kein bisschen pädagogisch wertvoll sein müssen, sondern Dinge tun, wie, sich Fellini Filme in der Originalversion anschauen.

Wobei, mochte Tom eigentlich Fellini Filme? Ich zum Beispiel mochte sie nicht. Zu viel Schwarz-Weiß. Zu viel: «Oh-Gott-wie-unvorteilhaft-aber-irgendwie-mag-ich—die-Filme-mit-Hugh-Grant-lieber!“. Und doch erinnere ich mich an spät jugendliche Jahre, in denen ich den Namen „Fellini” und sein Werk “La strada“ ganz gerne erwähnte, wenn mich jemand nach meinem Lieblingsfilm fragte. Als würde Fellini in einen anständigen Lebenslauf gehören, stand ich auch Tom gegenüber nicht dazu, dass nicht „La strada“ sondern „Notting Hill“ mein Lieblingsfilm war, was ich bis heute eigentlich nicht revidiert hatte. Warum eigentlich nicht? Fehlte uns wirklich so jeglicher Raum für persönliche Gespräche, seit vor achtzehn Monaten Tina zur Welt gekommen war?

Tatsächlich hatte sich seit ihrem ersten Schrei ein Kokon aus Fürsorge und Liebe in einer Dichte um mich gelegt, die ich bisher nicht gekannt hatte. Nie zuvor hat mein Leben sich so rund angefühlt. Nie zuvor war mir bewusst gewesen, wie simpel sein innerster Kern eigentlich war. Doch auch noch nie war mein Leben so anstrengend und atemlos gewesen. Der Wahnsinn, an dessen Rand mich Tinas vieles Schreien manchmal brachte, war ein unwirtlicher Ort und das ständige Einfühlen in ihre Bedürfnisse forderte eine Kraft, die mir oft fehlte. Meine stetige, bleierne Müdigkeit ließ mich so seltsame Dinge tun, wie frisch gekaufte Lebensmittel direkt in den Müll zu werfen. Stundenlang hatte ich nach ihnen gesucht und als ich sie schlussendlich in der Tonne fand, wusste ich, dass mein einst so gut funktionierendes Hirn zu Matschbrei mutiert war. Die Alex von früher deutete vorwurfsvoll auf den prima organisierten Menschen in sich, der einfach die Stopptaste seiner Fernbedienung drückte, wenn ihm etwas zu viel wurde. Doch mir, Alex im Mutteruniversum, wollte dies nicht mehr gelingen. Die Fernbedienung war aus meinem Leben verschwunden. Der einst ausbalancierte Mensch in mir hatte einer wirren, müden Frau Platz gemacht, die unkontrolliert in einer schlecht verschweißten Hülle herumzappelte.

Tina hingegen war voll im Saft. Diametral zu meinem Saft, sozusagen. Nacht für Nacht erwachte sie alle zwei Stunden und wir mit ihr. Naja, ehrlich gesagt, meistens ich. Tom hatte einen wirklich gesegneten Schlaf. Wie konnte es mich rasend machen, wenn Tina schon wieder schrie und Tom daneben tief und fest schlummerte. Regelmäßig überhörte er dieses Schreien, neben dem eine Feuerwehrsirene wie die zarten Klänge einer Ukulele klingen würde. Klar, ich hätte ihn wecken können, das sagte er mir jeden Tag. „Weck mich doch einfach, Alex. Dann übernehme ich!“ Doch von wegen. Tom wach zu kriegen, war schlicht unmöglich. Ich glaube, das Haus hätte über uns zusammenbrechen können, Tom hätte sich erst mal ordentlich ausgeschlafen, bevor er am Morgen gähnend die Trümmer des Daches von seiner Bettdecke gehoben hätte. Das Fieseste aber war, dass er im Halbschlaf stets behauptete, er schlafe ja gar nicht. Er würde jetzt dann gleich zu Tina gehen. Bevor er sich umdrehte und wieder fröhlich zu schnarchen begann. All das machte mich um einiges wacher, als mich im Halbschlaf zu Tina umzudrehen und sie zu stillen. Jawohl, jetzt ist es raus. Das Kind wird noch gestillt. Dieser wunderbaren Sache habe ich es zu verdanken, dass ich nicht längst vom Stuhl gefallen und erst nach zwanzig Jahren wieder aufgewacht bin, wenn Tina zu einer jungen Frau herangewachsen wäre. Nie hätte ich ihre ersten Pickel gesehen. Nie hätte ich ihr bei ihrem ersten Liebeskummer beistehen können. Das wäre furchtbar gewesen. Das wollte ich nicht. Also stillte ich weiter. Und wurde so von zwanzig Jahren pickelfreiem Schlaf verschont.

Tina hatte nicht immer schlecht geschlafen. Die ersten Monate war sie sogar ein regelrechtes Schlaf-Vorzeigemodell gewesen. Immer wieder hatte ich mich dabei ertappt, wie ich mit hochgezogenen Augenbrauen Eltern zu hörte, deren Kinder einfach nicht schlafen wollten. Wenn sie mir erzählten, der Schlafentzug treibe sie bald in den Wahnsinn, dachte ich: „Die machen etwas falsch, die machen ganz bestimmt etwas falsch“, bevor ich mich wieder selig lächelnd meinem friedlich schlummernden Kind zuwandte. Ich, die Heilige aller schlafenden Kinder, glaubte, die diesbezügliche Wahrheit mit riesigen Löffeln gefressen zu haben.

„Los, fragt mich doch, es ist ganz einfach“, dachte ich und war leicht enttäuscht, dass es keiner tat. Nun - Hochmut kommt bekanntlich vor dem Fall und Tina war etwa acht Monate alt, als sie einfach nicht mehr schlafen wollte und alle zwei Stunden wach wurde. Wir versuchten alles, um das zu ändern. Osteopathie, Homöopathie und das Lesen von Büchern, von denen wir nicht mal geahnt hatten, dass irgendjemand sowas überhaupt schreibt. Doch nichts half. Nacht für Nacht ertönte alle zwei Stunden empörtes Gebrüll, unbeirrbar und zuverlässiger als jede Schweizer Uhr. Und leider hat sich dieser Zustand bis zum heutigen Tag nicht geändert. Der einzige Weg, um in diesem erholungsfreien Zustand nicht unterzugehen, war, Tina bei mir im Bett zu haben und sie zu stillen, wenn sie schrie. Dann war Ruhe. Sofort. Und ich konnte weiterschlafen.

Mein Mann sagte: „Hör auf mit dem Stillen, sonst kann ich sie nicht beruhigen!“

Der Kinderarzt meinte: „Das Kind hat sich an das nächtliche Stillen gewöhnt, hören sie auf damit, sonst wird das nie was mit dem Schlafen!“

Und meine kinderlosen Freunde hielten mich sowieso alle für ein ekliges Muttertierchen, das sich von seinem Kind aussaugen ließ. Doch all das war mir egal. Ich hatte keine Kraft, etwas zu ändern. Ich wollte bloß überleben.

Müdigkeit war also zum ständigen Begleiter unseres Lebens geworden. Tom arbeitete Vollzeit und auch ich hechtete an zwei Tagen ins Büro, nebst meinem Nebenjob, der mich abends Steuer-Erklärungen von Bekannten ausfüllen und Zahl um Zahl in endlose Formulare füllen ließ, die unter meinem müden Blick meist zu grauem Brei verschwammen und mich fast einschlafen ließen. „Ich sollte aufhören damit. Dringend. Ich habe keine Kapazität dafür! Sollen die ihre Steuer-Erklärungen doch selber machen“, beschloss ich jeden Abend. „Morgen. Morgen gehe ich das an. Morgen gebe ich alles zurück!“ Doch am nächsten Tag tat ich es wieder nicht. Ich war zu müde, um dieses Vorhaben in die Tat umzusetzen.

„Und Tom glaubte also immer noch, dass ich Fellini-Filme mag!“, schweiften meine Gedanken zum Tagesgeschehen zurück. Wie konnte ich also sicher sein, dass ER sie mochte? Vielleicht verdrehte er die Wahrheit ja genauso wie ich? Gab es überhaupt so etwas wie Sicherheit? Und was erlaubte sich Tom, mich nach einer Woche Freiheit anzukeifen und mir ein solch liebloses Verlegenheitsgeschenk mitzubringen?

Meine Woche während seiner Abwesenheit war alles andere als erholsam gewesen. Tina war krank geworden. Irgendein fieser Käfer hatte sich in ihr eingenistet und ihren kleinen Körper vor Bauchschmerzen krümmen lassen. Im Halbstundentakt putzte ich nachts ihr Erbrochenes auf, wusch sie, wechselte Pyjamas und wiegte das wimmernde Mädchen in den Armen. Legte mich wieder hin, um eine halbe Stunde später wieder von ihrem Schluchzen geweckt zu werden. Auch mich hatte der Käfer gestreift und er ließ mich richtig elend fühlen. Ich hätte nur eines gebraucht, um wieder auf die Beine zu kommen: Schlaf. Doch je länger dieser mit Abwesenheit glänzte, desto schneller vermehrten sich die Viren in mir und führten mich in einen kräftezerrenden Teufelskreis, im Härtegrad der Fremdenlegion. Eine Mutter-Legion sozusagen.

Was also bitte sollte Toms schlechte Laune nach so viel Freiheit für ihn und einem Überlebenscamp für mich? Dürfte ich dafür nicht mit einer kleinen bisschen Dankbarkeit rechnen?

Ich selbst hatte Tom diese Woche vorgeschlagen. Tag und Nacht hatte er an jenem Warenhausprojekt gearbeitet und als dieses fertig war, war er es auch. Nudelfertig. Dauernd war er krank, ungeduldig, schnell gereizt und schlief noch demonstrativer, während ich schon wieder wach war. Zumindest kam es mir so vor. Immer öfter stritten wir uns über Kleinigkeiten und darüber, wer was zu erledigen hatte. Immer häufiger fühlte sich jeder von uns benachteiligt und irgendwann, nach einer prickelnden Diskussion über die auffällige Konsistenz von Tinas Windelinhalt, murmelte Tom:

„Eine Woche Florenz, ich alleine in den Uffizien, das wär’s.“

Was mich provoziert zurückkeifen ließe: „So - du alleine in den Uffizien! Du weißt aber schon, dass du sie mit geschätzten sechstausend anderen Besuchern teilen müsstest?“

Worauf Tom oberlehrerhaft losdozierte: „Genau darum besucht man die Uffizien frühmorgens, wenn alle noch beim Frühstück sitzen. Und überhaupt, du weißt genau, wie ich das meine, mit dem alleine in den Uffizien sein.“

Er schoss vom Stuhl auf und begann hektisch das Geschirr abzuräumen. Verwundert schaute ich ihm dabei zu. „Nein, ehrlich gesagt weiß ich nicht, wie du das meinst.“

Mein Blick schweifte aus dem Fenster, suchte nach einem Punkt, an dem er sich festkrallen konnte. Irgendetwas an diesem Gespräch gefiel mir nicht. Irgendetwas an diesem Gespräch gefiel mir ganz und gar nicht. Tom blieb mit einem abgewaschenen Teller in der einen und dem Geschirrtuch in der anderen Hand vor mir stehen.

„Ich möchte einfach mal zur Ruhe kommen, Alex. Auftanken. Mich selber sein. Keine Pflichten haben. Diesem ganzen Hamsterrad für eine Zeit den Rücken zudrehen.“

In meinem Innern begann es zu rumpeln. Ich fühlte mich angegriffen. Und obwohl mir bewusst war, dass es gerade nicht um mich ging und ich Tom jetzt einfach mal zuhören sollte, polterte ich los: „Klar, das würde ich auch gerne. Falls es dir noch nicht aufgefallen ist: Ich versorge vierundzwanzig Stunden am Tag ein forderndes Kleinkind, hetze ins Büro, wo mich Berge von Arbeit erwarten und muss am Abend noch diese bescheuerten Steuer-Erklärungen ausfüllen. Mein Müdigkeitspegel gleicht dem eines Murmeltiers im Winter, bloß dass ich mich nicht einbuddeln darf. Aber selbstverständlich ist das alles gar nichts, verglichen mit deinem Stress!“

Und natürlich polterte Tom zurück. „Verdammt, Alex, warum nimmst du das jetzt schon wieder persönlich? Ich habe mit keinem Wort von dir oder deiner Arbeit geredet. Ich habe einzig gesagt, dass ich davon träume, eine Woche in Florenz zu verbringen.“

In diesem Moment wusste ich, dass es eine gute Idee war. Dass ihm, uns und vielleicht auch mir eine Pause guttun würde. „Gut. Tu’s! “

Mein Blick verlor sich in den bunten Blättern der Linde vor dem Fenster. Nur noch wenige Tage und sie würde ihren Schmuck verlieren. Bald würde ihre Kahlheit den Blick auf die befahrene Straße wieder freigeben. Bald würde nichts mehr darauf hinweisen, wie sehr sie uns seit dem Frühling von dem Verkehr unter uns abgeschottet hatte.

„Was?“, fragte Tom verdutzt.

„Verbringe eine Woche alleine in Florenz“, antwortete ich ruhig, mein Blick noch immer in den Zweigen der Baumkrone verhakt.

„Meinst du das jetzt ernst?“, fragte Tom und sein an verblüfftes Gesicht verriet, dass er keinesfalls mit diesem Vorschlag gerechnet hatte. Nun war ich wieder da. Voll und ganz. Ich wusste, dass es die richtige Entscheidung war.

„Ja, ich meine es ernst. Wir brauchen dich, Tom. Aber wir brauchen dich ganz und nicht deinen ‚Ich-schaffe-alles-Schatten‘. Also zieh los nach Firenze und sei danach wieder der Vorzeige-Familienvater aus der Mercedes-Werbung.“

„Ich will keinen Mercedes.“, grinste Tom mich versöhnlich an. Ich grinste versöhnlich zurück.

„Warum eigentlich ausgerechnet Florenz, Tom?“

Ich erwartete eine Antwort über Kunst, Kultur und hervorragendes Essen und schaute überrascht auf, als Tom schlicht antwortete:

„Weil ich dort einst sehr glücklich war.“

Irgendwie war das nicht, was ich hören wollte.

„Und mit uns bist du das nicht, glücklich?“

„Alex, bitte…“, Auch bei Tom schien sich die nächste Explosion anzubahnen. Es war wirklich Zeit für eine Pause.

„Ist gut, Tom. Ich hab‘s kapiert. Du hast recht. Du brauchst Zeit für dich. Geh nach Florenz. Das ist in Ordnung.“

Und so geschah es. Ich ließ Tom ziehen und übertraf mich selbst an Grosszügig- und Selbstlosigkeit. Eigentlich fehlte nur noch, dass ich Toms Köfferchen packte. Mutter Theresa wäre sehr, sehr stolz auf mich gewesen.

Und jetzt, nach einer Woche Ferien, kam Tom mit drei Mustern von Armani angetrabt? Mit einer Aktionspackung, kurz vor Abflug erstanden und noch immer im zugeklebten Duty Free Sack verpackt? War das seine Antwort auf meine so anstrengende Woche? Die ich auf mich genommen hatte, damit er an dem Ort sein konnte, an welchem er einst sehr glücklich gewesen war? Seine Anrufe aus Italien waren auch äußerst spärlich ausgefallen. Seine Dankbarkeit schien sich wirklich in Grenzen zu halten, was dieser motzende Tom in der Wohnung gleich nochmals unter Beweis stellte. Mir reichte es. Mir reichte es wirklich.

„Und du nennst MICH egoistisch?“, schrie ich quer durch die Wohnung meinem uffiziengetränkten Ehemann zu. Und dann wurde es sehr, sehr still.

Mareike

Ich mag keinen Käse. Ich mochte ihn noch nie. Und doch ist in meinem Kühlschrank immer ein Stück Käse zu finden. Aus irgendeinem Grund vergesse ich immer wieder, dass ich keinen Käse mag. Käse ist auf meinem inneren Einkaufszettel eingeritzt, unauslöschlich, wie die Pflicht, vor dem Essen die Hände zu waschen oder alten Damen im Bus meinen Platz anzubieten. Käse gehört einfach in ein Leben, ob mir das nun passte oder nicht.

Doch ich hasste seinen Blick, mit dem er mich jedes Mal so erwartungsvoll fixiert, wenn ich den Kühlschrank öffnete. Wie verlogen seine Art war, neben dem Nagellack zu liegen und so zu tun, als würde er bei einem Menschen leben, der ganz verrückt nach ihm ist.

Doch heute war alles anders. Heute erkannte ich sein Potential. Denn außer ihm und einem trockenen Laib Brot war in meiner Küche gerade rein gar nichts Essbares zu finden. Seufzend griff ich nach dem bleichen Klotz, schnippelte ein Stück ab, schob es mir in den Mund und begann langsam zu kauen. Fest entschlossen, ihm ein liebenswürdiges Geheimnis zu entlocken. Doch wie immer schmeckte er einfach nur schal, abweisend und beißend. Zurück in den Kühlschrank. Wieder neben dem Nagellack. Nude. Die Trendfarbe der Saison. Oder der letzten? Der vorletzten? Ich wusste es nicht mehr. Das einzige, was ich wusste, war, dass mein Käse ein Leben vortäuschte, das nicht seines war.

Doch tat ich das nicht auch? Ein Leben Vorgaukeln, das nicht meines ist?

Wann hatte ich eigentlich angefangen, meiner Freundin Alex nicht immer die ganze Wahrheit zu erzählen? Welcher meiner Bekannten im Internet war der Hauptdarsteller meiner ersten erfundenen Geschichte gewesen? In welcher Zeit war es zur Gewohnheit geworden, Alex von Begegnungen mit Männern zu berichten, die ich nie getroffen hatte? Und was zum Teufel machte es mir so unmöglich, ihr zu gestehen, dass sich ein Kandidat nach dem anderen nach ein paar vielversprechenden E-Mails einfach nicht mehr bei mir meldete? Der Käse war mir zuwider. Ich bestellte eine Pizza.

Es ist nicht so, dass ich eine dieser verlorenen Restposten-Frauen bin. Keine dieser ausdruckstanzenden, freche Halsketten tragenden Ü-30 Party-Besucherinnen, die so tun, als wären sie wegen des Tanzens da, in Tat und Wahrheit aber einzig dem Traum des Märchenprinzen hinterherjagen. Und schlussendlich ohne ihn und mit einem schalen Gefühl im Bauch nach Hause gehen. Sich vornehmend, nicht mehr auszugehen, um der Hoffnung und der unausweichlichen Enttäuschung zu entgehen, die sich mit jedem Mal noch bitterer anfühlt.

Ich bin keine jener Frauen, die sich am Wochenende Mut antrinken, um dann draußen in strahlender Aufgesetztheit zu sein, wer sie nicht sind. In der Hoffnung, als eine Andere, Mutigere, Selbstsicherere von der Einsamkeit erlöst zu werden.

Ich bin auch kein Mauerblümchen, das vor lauter Schüchterheit den Mund nicht aufkriegt. Kein welkes Pflänzchen, das nie aus dem Haus kommt, außer wenn es seine Großtante im Pflegeheim besucht, die Lottozahlen am Kiosk abgibt oder die Katze zum Tierarzt bringt.

All das bin ich nicht. Ich bin eine witzige, intelligente, gutaussehende Frau im besten Alter. Eine Traumfrau. Eigentlich.

Und doch passiert immer wieder dieselbe Geschichte. Seit ich bei twohearts.com das große Jahresabo gelöst habe, welches mir ermöglicht, mit dreißig Männern pro Monat online Kontakt aufzunehmen, nahm jenes Gesetz seinen Lauf, das mein Schicksal immer rasanter zu bestimmen droht: Ich suche mir den Mann meiner Wünsche aus, schreibe ihm, sofort schreibt er zurück und lässt sich auf einen lebendigen Kontakt mit mir ein. Wir mailen hin und her, bis das Starten meines Computers, das Surren des verbindenden Modems, zu einem freudigen Heimatgefühl für mich wird. Ich weiß, kein Mensch außer mir und vielleicht ein, zwei Bewohner des hiesigen Altersheims besitzen noch ein solch altertümliches Ding. Mein bayrischer Freund Harry versucht mich bei jedem Besuch von dieser Antiquität abzubringen und mir ein modernes Gerät aufzuschwatzen, womit „du dann sofort drin bischt.“

Aber ich will nicht sofort drin sein. Ich liebe diese fünf Minuten, die mein Computer braucht, bis er das Internet gestartet hat. Diese Atempausen sind die Freuden meines Lebens, die ich jedes Mal aufs Neue gierig einsauge. Auskosten will ich sie, diese Momente prickelnder Erwartung, die sich bis zu dem Moment steigern, in dem mein Posteingang erscheint und fett kennzeichnet, dass ich eine neue Nachricht erhalten habe. Mein Herz schlägt noch schneller, wenn es sich dabei weder um eine Werbung für Potenzmittel noch um die Nachricht, dass ich in Aserbaidschan eben eine halbe Million Dollar gewonnen habe, handelt. Sondern um eine E-Mail von IHM, meinem potentiellen Ehemann. Mit dem ich Kinder haben werde. Zwei. Ein Junge und ein Mädchen, bitteschön. Blond, wenn's denn geht.

Wenn mich das Surren des Modems zu der erhofften Nachricht führt, quittiere ich es als ein gutes Surren. Doch es bleibt nie gut. Bei jeder neuen Onlinebekanntschaft verwandelt sich das begehrte Geräusch zu einem bösen Geräusch. Nach ungefähr zehn Mails beginnt der Genuss zu bröckeln und einer kalten, nervösen Angst Platz zu machen. Denn zehn E-Mails ist erfahrungsgemäß die Zeitspanne, nach der die Nachrichten spärlich werden, bis sie schlussendlich ganz ausbleiben. Ab dann ist die surrende Lücke kein Luftholen vor der Verbindung mehr, sondern eine höhnisch grinsende Fratze, die ich verachte und die mir mit jedem Mal einen neuen Knoten in den Bauch knüpft. Ein Ultraschallbild meines Magens würde mit Sicherheit ein einziges verknotetes Labyrinth aufzeigen.

Auch heute Nachmittag wartete ich mit klopfendem Herzen, ob sich meine Angst bestätigen würde. Die Angst vor dem leeren Postfach, die Angst vor einer gewonnenen Million in Aserbaidschan. Eine neue Nachrichtanzeige, die keine echte neue Nachricht ist, ist nämlich noch fieser als ein leeres Postfach. Das ist Spielen mit meinen Gefühlen. Bescheuerter Computer, hast du sonst keine Hobbies? Es ist geradezu grausam, auf eine dieser dummen Werbungen zu treffen, um dann nervös in den Spam-Bereich zu wechseln, in der Hoffnung, die Post des begehrten Mannes hätte sich dorthin verirrt. Doch dort nur Werbung. Dann Leere. Dann noch mehr Leere. Viel mehr Leere. In mir drin.

So läuft es eigentlich jedes Mal ab. Jeder vielversprechende Kontakt endet damit, dass nichts mehr kommt. Ich schreibe witzig, ich frage interessiert nach, ich befolge alle verfluchten E-Mail-Regeln, die ich kenne. Beim dritten Mail schicke ich immer mein Foto. Das allerschönste Bild von mir, dass in den Tiefen meines Rechners zu finden war, aufgenommen auf Mallorca. Braun gebrannt, zufrieden, vor einem Oleanderbusch sitzend, bildet es mich ab und das weiche Abendlicht auf meinem Gesicht lässt einen das Meer regelrecht riechen. An meinem Aussehen kann es nicht liegen, dass das Interesse immer wieder abbricht. Der potentielle Vater meiner Kinder taucht nie nach Erhalt des Fotos unter. Immerhin das beruhigt mich jedes Mal aufs Neue. Oder ist es doch mein Aussehen, das abschreckt und die Mails nach dem Erhalt des Fotos erfolgen nur noch aus purem Anstand? Aber ich bin doch schön. Es kann nicht am Foto liegen. Doch woran dann? Ich verstehe es nicht. Ich verstehe es einfach nicht.

Einmal habe ich bei einem nachgefragt. Warum er mir denn nicht mehr schreibe. Ich musste es einfach wissen. Ich wollte mich der Wahrheit stellen. Die Antwort kam sachlich und nüchtern, als hätte ich ein Kreditinstitut um eine zu hohe Anleihe angefragt. Er habe jemanden mit mehr Übereinstimmung, mit mehr gemeinsamen Präferenzen gefunden, schrieb er. Es sei aber sehr nett gewesen, mit mir zu korrespondieren und er wünsche mir alles Gute.

So war das also. Es besseres Angebot kam ins Haus geflogen und schwupp, war ich weg vom Fenster. Angebot und Nachfrage, auch in der Liebe. Die Gesetze der Marktwirtschaft auf das Privateste herunter gebrochen. Bloß, dass einem bei einer Bewerbung auf dem Arbeitsmarkt so viel Anstand entgegengebracht wird, das Ende des Bewerbungsverfahrens und den erfolgten negativen Entscheid mitzuteilen. In der digitalen Welt der Liebessuche scheint das vergessen zu gehen. Die Anonymität bietet so viel Schutz, dass die reale Existenz des Anderen letztendlich unwirklich bleibt. Das Risiko von Verletzung und Irritation, die Existenz eines lebendigen Menschen auf der anderen Seite, scheinen nicht bewusst zu sein. Es kostet genau zwei Klicks, dauert drei schmerzlose Sekunden, um auf twohearts.com ein Freundschaftsprofil zu löschen. Klick. Klick. Tschüss. Ich habe was Besseres gefunden. Jemanden mit mehr gemeinsamen Präferenzen. Und weg ist es. Und weg bin ich. So oft. Ohne Worte. Was mich mit jedem Mal mehr verletzt. Wie ein spitzzahniger Maulwurf nagt es an meinem stetig schrumpfenden Selbstwertgefühl und füttert mich mit einer Portion Angst, dass dieser schlechte Film nie enden wird.

Was zum Teufel war falsch an mir? Warum waren all diese Männer nicht ganz wild darauf, mit mir in Kontakt zu bleiben? Mich in echt kennenzulernen? Ich war klug, witzig und hübsch. Was musste ich denn noch bieten, verdammt noch mal? WAS DENN NOCH?

Ich weiß wirklich nicht mehr, wann ich angefangen habe, Alex anzulügen. Vielleicht um die Zeit von Tinas Geburt, vielleicht auch später. Auf jeden Fall wäre es zu einfach, zu behaupten, es sei aus bloßem Neid geschehen. Vielmehr geschah es aus einem Drang, Alex etwas zu bieten. Mit jeder Internet-Bekanntschaft, die sang- und klanglos meinen Namen löschte, fühlte es sich an, als würde auch ein Teil von mir ausgelöscht. Erst nur ein Haar, dann ein Zehennagel, dann ein Stück Haut, bis die Lücken an mir so groß wurden, dass es immer schwieriger wurde, mein Gerüst zusammenzuhalten. Mit jedem unbeantworteten Mail wurde ich weniger und hilflos schaute ich mir dabei zu, wie ich schrumpfte.

„Die wollen mich nicht, weil ich nicht viel zu bieten habe!“ Davon war ich überzeugt.

Und genau das sollte Alex nicht wissen. Für meine Alex mit dem perfekten Leben sollte ich sichtbar bleiben.

Meine Alex, die einfach aus unserem bunt bemalten Boot ausgestiegen war. Sie sollte glauben, dass ich dieses noch immer über die wilden Wellen der hohen See navigierte. Sie sollte ruhig sehen, was sie verpasste - und es bedauern. Alex hatte uns einfach hinter sich gelassen und sich alles mit Leichtigkeit geangelt, wovon wir immer zusammen geträumt hatten. Einen tollen Kerl, ein süßes Kind. Eine Heimat. Und ich hatte Käse im Kühlschrank, den ich nicht mochte. Okay, es war wohl doch auch Neid im Spiel, der mich dazu brachte, die Wahrheit zu verdrehen. Es war die Liebe zu Alex und der Neid in einem. Alex sollte mich toll finden. Schillernd. Aufregend. Wie früher. Ich liebte ihr Glänzen in den Augen, wenn ich ihr ein vermeintliches Date bis ins kleinste Detail schilderte und ich vergötterte ihre Art, mir dabei aufgeregt und konzentriert zuzuhören. Wenn ich ihr genau beschrieb, welche Kleider ich an jenem Abend getragen hatte, was der aktuelle Bewerber sich für ein Programm ausgedacht hatte, welche Komplimente er mir gemacht hatte und warum ich ihn trotzdem nicht als Lebensgefährten wollte, begann ich, an das Erzählte in einem Masse zu glauben, bis es eine Erinnerung war, die ich aus meinem echten Leben zu kennen glaubte. Im Raum der Lüge wurde Ungelebtes gelebt. Wenn ich meiner Phantasie freien Lauf ließ, glaubte ich für einen kurzen Moment daran, begehrt zu werden und einen Bewerber nach dem anderen abzuservieren. Wenn ich die blumigsten Geschichten von nie statt gefundenen Treffen erschwindelte, wurde aus dem kleinen, sich auflösenden Punkt wieder der strahlende Mensch, den ich so sehr zu sein wünschte. Wie eine Glücksdusche rieselte es auf mich herab und umhüllte mich mit einer Wärme und Liebe, die mich glücklich machte. Ich war süchtig nach diesem Gefühl. Dem Glück, in Alex' Augen zu dem Menschen zu werden, in dessen Hülle ich so gerne gesteckt hätte.

Doch wenn Alex ging und die Türe hinter ihr zufiel, kam der Kater. Kalt, beschämt und elend schlich er mir die Knochen rauf und verwandelte meine Hochgefühle in dunkle, kalte Schluchten.

Ich wollte so nicht leben. Ich wollte keinen Käse im Kühlschrank. Ich wollte keine Lügen. Doch ich schaffte es einfach nicht, sie zu stoppen und dem Magnet ihrer Anziehung, Gewicht entgegenzustemmen.

Alex und ich hatten einander an der Uni kennengelernt. Heute haben wir beide ein abgebrochenes Studium vorzuweisen. Aber damals meinten wir es richtig ernst. Naja, halbwegs ernst. Die Tatsache, dass es sehr viel gab, was uns immer wieder von den Vorlesungen fernhielt, hätte uns schon damals misstrauisch machen müssen. Doch wir schleusten uns irgendwie durch. Ich studierte im Hauptfach Germanistik, Alex Geschichte. Als ich für meine schöne, aber viel zu teure Zwei-Zimmer-Wohnung eine Mitbewohnerin suchte, war gleich klar, dass es Alex sein soll. Und sie sagte ja. Übermütig nisteten wir uns in der Wohnung am Stadtrand ein und waren bald so viel mehr als zwei Menschen, die eine Wohnung teilten. Alex und ich wurden zu einem eingeschworenen Team und unsere Küche zum „Lass uns Keith Jarrett hören und einen Schluck Rotwein trinken“-Treffpunkt. Immer musste es Keith Jarrett sein. Denn wie kein anderer verstanden er und sein Klavier es, unsere Gefühle zu unterstreichen, statt sie zu übertönen. Wenn der Keith Jarrett-Satz fiel, und er fiel oft, wusste die Andere, es gibt etwas zu bereden. Oder eben auch nicht. Zum Beispiel, wenn das Problem wieder mal war, dass ER nicht anrief. Oder zu oft anrief. Unsere Nummer nicht hatte. Oder gar nicht wusste, dass es uns gab. Eine von uns hatte immer irgendwelchen Liebeskummer. Oder war frisch verliebt und hatte nach kurzer Zeit irgendwelchen Liebeskummer. Und all dies musste bis ins kleinste Detail analysiert, beweint, belacht und behofft werden.

Es war eine tolle Zeit gewesen. Wir waren unseren Sehnsüchten so nah. Auch wenn wir glaubten, meilenweit von ihnen entfernt zu sein, waren sie so greifbar, wie sie es danach nie mehr sein sollten. Zumindest für mich.

Vor Lebendigkeit berstend, füllten wir ein inneres Fotoalbum mit Tausenden von Bildern, die so betörend schön waren, weil sie aus unserer übermütigen Offenheit entstanden waren. Allem im Leben begegneten wir mit ihr. Jedes Mal waren wir erneut von diesem unerschütterlichen Glauben begleitet, dass genau dieser Tag unser Leben beeinflussen, genau dieses Erlebnis uns an den richtigen Ort führen würde. Jede gemeinsame Unternehmung hatte diese fast mystische Grenzenlosigkeit, von der wir uns wegtragen ließen, um schlussendlich wieder mit Keith Jarrett am Küchentisch zu landen und das Erlebte von allen Seiten zu betrachten.

Doch dann lernte Alex Tom kennen.

Beim Einkaufen. Einfach so. Wie in einem ZDF-Montagabend-Film. Und schnell war klar, dass es diesmal anders war. Denn nach den ersten aufregenden: „Nun-erzähl-mal-Alex!“-Sessions in der Küche, sagte Alex immer öfters: „Alles bestens bei mir. Und bei dir, Mare? Erzähl du!“

Denn Alex hatte nichts zu erzählen. Alex war glücklich. Bei Tom gab es nichts zu analysieren und nichts zu behoffen. Er rief an. Er stellte Alex seinen Freunden vor. Er brachte Alex Blumen. Er überraschte sie mit einem Wochenende in Paris. Tom machte alles richtig und meine Alex froh.

Immer öfter ruhte Keith Jarrett in seiner Hülle. Konnte sich erholen von der vielen Arbeit, die er all die Jahre geleistet hatte. Denn Alex hatte nicht mehr viel Zeit für mich. Und wenn wir doch mal etwas zusammen machten, war eine gemeinsame Unternehmung nun eben einfach eine gemeinsame Unternehmung. Als würde man die Schwiegermutter zum Sonntagsbraten ausführen, weil sie sich doch so sehr darüber freut.

Keine unberechenbare Reise ohne Grenzen, keine Ausflüge zu fernen Planeten mehr. Denn Alex hatte ihren Planeten. Alex hatte Tom.

Alex

Nach dem lautstarken Wiedersehen mit meinem Mann wurde es still. Tagelang. Das ist bei uns immer so. Wenn Tom und ich uns gestritten haben, folgt darauf die Sahara. Jene gruslige Stimmung also, in welcher der Konflikt zwar nicht mehr richtig zu greifen ist, aber noch immer als finstere Wolke über uns schwebt. Jene Phase, in der es zwischen uns so totenstill ist, wie zur Mittagszeit in der Wüste. Doch wenn man genau hinhört, das rauschende Flirren der Hitze zu hören ist. Ganz leise, kaum erkennbar und doch so laut und durchdringend, wie des Nachbars Rasenmäher am frühen Samstagmorgen. Unangenehm. Richtig unangenehm. Und dann, wenn man schon denkt, das geht nun endlos und Milliarden von Sandkörner so weiter, taucht irgendwo am Horizont ein Kamel auf. Irgendetwas, das von außen auf uns zukommt und unser Beider Aufmerksamkeit bündelt. Was es ist, ist egal. Wichtig ist einzig und allein, dass uns das Kamel signalisiert, dass es hinter dem Horizont weitergeht und wir vor lauter Sand die Endlosigkeit der Wüste nicht mehr gesehen haben. Sie aber da ist. Groß, unendlich und in solch größeren Dimensionen, als das Loch, in dem wir uns gerade verloren haben. Wichtig ist einzig, dass uns das Kamel signalisiert, dass uns nur Zusammenarbeit wieder aus unserer düsteren Grube herausbringen kann.

Im heutigen Fall erschien uns das Kamel in Form der Zeugen Jehovas. Es war Nachmittag und ich saß mit Tina in ihrem Zimmer und malte ein Bild mit ihr. Okay, ICH malte. Tina musste ich vor allem davon abhalten, mit den Stiften den Fußboden, den Teppich und den Schrank einzufärben. Ich zeichnete also unzählige Sonnen, Häuser, Kühe und Blumen aufs Papier („Schau Tina! So! Aufs PA-PIER!“), und ließ mich nach jeder Sonne-auf-Papier von Tinas jubelndem: „Nok eine, nok eine!“, anfeuern, als das Klingeln der Haustür unsere Idylle durchbrach.

Wer konnte das sein? Der Postbote? Ich hörte Tom die Türe öffnen und darauf eine weibliche Stimme sagen: „Guten Tag. Mein Name ist Seeholzer. Und das ist mein Begleiter, Herr Kunz. Haben sie Interesse an einem religiösen Gespräch?“

Okay, das war wohl nicht der Postbote. Ich hörte Tom zu Frau Seeholzer murmeln: „Eigentlich wollte ich gerade…“

„Lesen Sie die Bibel, glauben Sie an Gott?“, schaltete sich nun resolut Herr Kunz ein. Und stattdass Tom die beiden einfach mit einem: „Danke für das nette Gespräch, aber ich habe kein Interesse!“, verabschiedete, hörte ich ihn erneut unverständlich nuscheln: „Nun, wissen sie, eigentlich wollte ich gerade…“

„Jehovas ist auch für sie da!“, brachte sich nun Frau Seeholzer wieder ein. Sie schien gemerkt zu haben, dass dieser Herr da etwas wacklig in der Verteidigung war und das Rascheln von Papier verriet, dass sie dem wehrlosen Opfer jetzt offensichtlich ihre berühmten Zeitschriften unter die Nase hielt.

Die beiden Retter der Menschheit schienen Tom darin die bunten Bilder seiner potentiellen Erlösung zu zeigen. Wenn dieser nur endlich kapieren würde, dass er sich nach ihren Weisungen zu benehmen hatte, damit Jehovas auch ihn retten konnte. Es war aber auch ein Kreuz, dass kaum einer einsehen wollte, wie einfach das war. Doch dafür waren sie ja nun da. Frau Seeholzer und Herr Kunz. Um auch dieses nasse Schaf ins Trockene zu bringen. Wieder hörte ich Tom mit gequälter Stimme irgendetwas Unverständliches murmeln. Seine Wehrlosigkeit anzuhören machte mich am ganzen Körper kribbelig.

„Meine Güte, Tom, so geht das doch nicht!”, murmelte ich vor mich hin. „Mit denen musst du Tacheles reden, sonst stehst du noch nächste Woche mit Frau Seeholzer, Herr Kunz und Jehovas in der Tür!“

Ich wusste, Tom wollte dieses Gespräch nicht. Ich hörte, wie gequält er sich windete. Ich musste ihm helfen! Ich musste ihm helfen, diese zwei übergriffigen Gestalten loszuwerden! Aber wie sollte ich das tun? Wenn ich jetzt auf der Bildfläche erschien und das für ihn erledigte, würde Tom sowas wie sein Gesicht verlieren. Das wollte ich nicht. Er brauchte sein Gesicht noch. Und wir brauchten es auch. Ratlos schaute ich Tina zu, die die Buntstifte in einen Becher stapelte und zufrieden an ihrem Schnuller nuckelte. Da hatte ich die zündende Idee. Ein Notfall musste her! Ein Notfall, der dem kuscheligen Trio in der Türe signalisierte, dass der Mann im Haus gebraucht wurde.

„Verzeih mir Liebling! Du kriegst ihn gleich wieder!“, flüsterte ich Tina zu. Und tat es. Entschieden zog ich der verdutzten Tina den Schnuller aus dem Mund. Plopp! Einen Moment lang schaute sie mich voller Entsetzen an und brüllte dann in einer Lautstärke los, die selbst den guten, alten Jehovas ordentlich aus dem Konzept gebracht hätte. Nun war mein Einsatz gefragt: „Tom! Toohoom! Komm bitte ganz schnell!“, schrie ich quer und mit angemessen panischer Stimme durch die Wohnung.

Und durch Tinas Geschrei hindurch hörte ich Tom zu dem unerwünschten Besuch sagen: „Entschuldigen sie, ich muss, ein Notfall!“ Worauf endlich, endlich die Türe ins Schloss fiel.

Mein Plan war aufgegangen. Erleichtert grinste ich meine Tochter an.

„Wir haben's geschafft, Süße! Mission erfüllt!“

Irritiert starrte Tina die Irre neben sich an und ich sah es in ihrem Kopf rattern: „Total bekloppt die Alte, die Kosten meiner langjährigen Psychotherapie kann sie dann also tragen!“

„Nochmals Entschuldigung, Tina, da hast du ihn wieder!“, sagte ich angemessen schuldbewusst und stopfte meiner Tochter das Gummiteil wieder in den Mund.

„Was ist passiert?“ Aufgeregt kam Tom ins Zimmer gestürzt.

„Nichts ist passiert!“, grinste ich. „Ich dachte bloß, du möchtest vielleicht ohne Frau Seeholzer und Herrn Kunz alt werden!“ Tom lachte schallend los: „Mann Alex, du bist echt die Beste! “

Zufrieden grinsend lehnte ich mich zurück. Unser Kamel. Es hatte uns gerettet. Einmal mehr. Danke, liebes Höckertier.

Wie immer, wenn uns das Kamel erschienen war, war der Rest ein Kinderspiel. Tom und ich besannen uns auf unsere Zusammenarbeit in einer Einigkeit, die jeden Teambildung-Veranstalter vor Neid hätte erblassen lassen. Nichts schwirrte mehr bedrohlich über uns und es folgten Tage voller Freude und Leichtigkeit.

Tom hatte nach seinem Florenz-Trip noch ein paar Tage frei genommen und wir genossen die Spätsommertage, die sich trotzig und klar über uns aufbäumten. Wir unternahmen lange Spaziergänge und tobten ausgiebig auf dem Spielplatz. Und waren wir danach zuhause, kümmerte sich Tom so hingebungsvoll um Tina, dass ich endlich Zeit für mich, meine Fingernägel und das Aussortieren meines Kleiderschranks fand.

Es war Zeit, die Fähnchen aus grauer Vorzeit fortzugeben. Weg mit all jenen Kleidern, die ich seit Jahren nicht mehr getragen hatte. Weg mit den winzigen, bauchfreien Tops, ultrakurzen Miniröcken und Shirts, die eigentlich nur noch aus Fäden bestanden, da ich sie bis zur Unkenntlichkeit getragen hatte. Es handelte sich um Teile, von denen ich mich bis jetzt nicht hatte trennen mögen, da sie so viel mit mir erlebt hatten. Kleider, die einen Teil von mir verkörperten, der eingemottet war. Bauchfrei eingemottet.

Heute hasse ich es regelrecht, wenn ein Oberteil nicht weit über den Bauchnabel und bitte schön auch gleich noch über die Hüfte reicht. Nebst schwindender Eitelkeit hatte auch die tausendfache Wiederholung meiner Mutter, „Bauchfrei ist nicht gut für die Nieren und gibt Blasenentzündung, Kind!“, ihre Wirkung gezeigt.

Also, Mami hat das gesagt, nicht Mama.

Als Mama noch lebte, gab es solche Themen in meinem Leben nicht. Ich erinnere mich jedenfalls nicht an Gespräche über Kleider. Es gibt sowieso nur so wenig, an das ich mich aus der Zeit mit Mama erinnere. Gerade mal sechs Jahre alt war ich, als sie starb. Heute würde man das, was ihren Tod verursachte wohl eine „Autoimmunerkrankung“ nennen. Damals nannte man es „eine seltsame Krankheit“, die ihren Körper Stück für Stück angriff, so dass schließlich ein lebensnotwendiges Organ nach dem anderen ausstieg und sie nach langer Zeit des Leidens innert weniger Tagen im Spital starb.

Monika, die Frau, die mein Vater zwei Jahre später heiratete, nannte ich „Mami“. „Mama“ blieb die Frau, die mich in ihrem Bauch getragen hatte und von der meine Bilder nach ihrem Tod, wie ein aus der Waffel gefallenes Eis in der Sonne dahinschmolzen. Bis nur noch eine kleine Pfütze übrigblieb, die mich erst mit Wut, dann mit Trauer und schlussendlich mit Erleichterung erfüllte.

Es war ja nur ein kleiner Buchstabe Unterschied zwischen Mami und Mama, der in keinster Weise etwas daran anhaben konnte, dass Mami sich ihre Ersatzmutter-Rolle mit dem ihr eigenen, bodenständigen Pflichtbewusstheit einverleibte, sodass es mir in meiner Kindheit an nichts gemangelt hatte. Und überhaupt spielt der Tod meiner leiblichen Mutter keine Rolle mehr, hatte in meinem Leben je kaum eine Rolle gespielt und tat es immer weniger. Das ist etwas vom Wenigen, wirklich Großartigen, was das Erwachsensein mit sich bringt: Das Loslassen jener Gespenster, die einem als Kind solch eine Heidenangst einjagten und deren Existenz einen heute höchstens noch milde lächeln lässt. Froh darüber, endlich begriffen zu haben, dass alles nicht nur halb so groß, sondern auch halb so schrecklich ist, wie man damals glaubte. Und im Falle meiner verstorbenen Mutter kann ich sagen, dass ich mit ihr und mit der Verwirrung, die ihr Tod damals mit sich gebracht hatte, abgeschlossen habe.

Doch wie erwähnt ist all das hier nicht das Thema. Das Thema ist mein Bauch und die Tatsache, dass er einem Kind eine Heimat geboten hat, die auch heute noch deutlich erkennbar bist. Bereits Monate vor der Geburt hatte mein Bauch monströse Formen angenommen und mich sowohl im Aussehen als auch in den Bewegungen einem Blauwal ähneln lassen. Wie oft saß ich abends müde auf dem Sofa und starrte auf die riesige Wölbung an mir hinunte.

Wobei mich ihr Eigenleben und mein kaum vorhandener Einfluss auf ihr Wachstum stärker ängstigte, als ihre erschlagende Form.

Denn Dinge, die sich meinem Einfluss entziehen, haben mich schon immer mit grosser Angst erfüllt.

Auch heute war mein Bauch weit von dem straffen Körperteil entfernt, der einst gewesen war. War ich früher stolz gewesen, wenn mein Bauchnabel unter dem Saum hervor blitzte, zog ich den Pulli heute auf mindestens Hüftlänge herunter. Zu Tragzeiten dieser knappen Fähnchen war ich auch noch sehr damit beschäftigt gewesen, einen tollen Kerl an Land zu ziehen. Da nahm man ja gerne die eine oder andere klitzekleine Blasenentzündung in Kauf. Doch heute passte es nicht mehr zu mir, beim Freibadbesuch mit Tina als Super-Sexbombe herumzulaufen. Ich wollte dort nicht für Pamela Anderson gehalten werden, die sich im Plantsch-Becken verirrt hat, weil sie es für den neuen Drehort von „Baywatch“ hielt. Also weg mit den alten Kleidern. Ab in den Kleidersack. Auf nach Afrika, mein altes Leben!

Doch in letzter Sekunde zog ich eines der Teile wieder heraus. Ein enges, weiches Oberteil. Nachtblauer Samt. Tiefer Ausschnitt und selbstverständlich nur knapp über den Bauchnabel reichend. Könnte dieses Teil sprechen, würde es von durchtanzten Nächten, Reisen in ferne Länder und ersten Treffen mit vermeintlichen Traummännern berichten und dabei glühend rote Wangen auf seinem verblichenen Stoff abbilden. Ich drückte es an mich, roch seinen Duft, lauschte seinen Geschichten. Ich sah mich tanzen, lachen, ich sah mich, das Leben in all seinen Facetten einverleiben. Ich schaffte es nicht, diese Geschichten nach Afrika zu schicken. Ich würde es im Alter wieder tragen! Wenn ich achtzig bin, würde schließlich kein Mensch mehr von mir einen nur halbwegs präsentablen Bauch erwarten. Dann sind alle froh, wenn ich überhaupt noch einen habe. Einen Bauch. Dann würde mich der sentimentale Stoff wieder schmücken dürfen!

Von mir aus hätte es ewig so weitergehen können. Tina war gesund und entdeckte voller Tatendrang die Welt. Die Sonne schien und mein Mann hatte in seinen Ferien Energie getankt. Wir teilten uns die Nächte auf und so war ich es endlich auch. Ausgeruht. Zumindest ein bisschen. Die Sahara lag weit hinter uns. Sogar als Tom wieder zurück an der Arbeit war und unser Alltag von Neuem ein zerbrechliches Ausbalancieren von Bedürfnissen, Erwartungen, Pflichten und – schon wieder – zu wenig Schlaf war, hielt die gute Stimmung an. Weit davon entfernt, am Abend Kerzen anzuzünden, bei einem guten Glas Wein tiefe Gespräche über Gott und die Welt zu führen (wenn ich diesen abgelutschten Satz nur schon höre, wird mir schlecht und ich koche mir trotzig eine Tasse Tee), und danach nackt auf dem Tisch zu tanzen. Müdigkeit und Routine bestimmten weiterhin unser Leben, doch es fühlte sich richtig an. Tom schien Florenz gut getan zu haben. Er war fröhlich und ausgeglichen und ich fühlte mich nicht mehr ständig angegriffen. Wir hatten es gut.

Bis zum 21. Oktober. An diesem Tag änderte sich alles.

Alex, 21.10.2016

DAVOR

Seit Tagen war Tina anhänglich und quengelig. Nichts konnte sie begeistern. Mit nichts konnte sie sich einen Moment beschäftigen, ohne ein abwechslungsweise empörtes, trauriges oder wütendes „Mammmaaaa!“, in jenem schrillen und vorwurfsvollen Ton von sich zu geben, der mich tief in den Ohren schmerzte. Sie war offensichtlich mit kleinen Füsschen und riesigen Schritten im berüchtigten Trotzalter gelandet und kreischte ab allem los, was nicht ihrer Vorstellung entsprach. Und dies war, unter uns gesagt, zurzeit eigentlich alles.

Ich schaffte den Haushalt kaum mehr, von anderem ganz zu schweigen. Alles, was ich anpackte, musste ich nach einer Minute wieder aus der Hand legen, um es nach einem erneuten Tina-Troubleshooting zum hundertsten Mal wieder erfolglos in Angriff zu nehmen. Auf jeden Schritt, den ich vorwärts machte, folgten zwei zurück. Ich fühlte mich gefangen in einem nicht enden wollenden Stop-and-Go-Programm. Aus diesem Grund war ich heute beim Wäsche aufhängen regelrecht erstaunt darüber, dass diese so gar kein Eigenleben zeigte. Ich wäre nicht überrascht gewesen, hätte die geringelte Socke plötzlich los gebrüllt: „Nein, ich will nicht mit dem Fuß nach unten aufgehängt werden!“

Der graue Pulli: „Ich will keine rote Wäscheklammer, ich will eine grüüüüüne!“

Und der rosa Body: „Ich will neben dem grauen Pulli hängen, nicht neben der ollen, geringelten Socke!“

Ich war ehrlich verwundert, dass mich die kleine Jeans nicht plötzlich verzweifelt ansprang und sich schluchzend an mich klammerte. Nichts Derartiges geschah. Stumm und willenlos ließen sich die Teile von mir auf die Wäscheleine hängen, wofür ich sie alle am liebsten geküsst hätte und würden die Nachbarn nicht direkt auf unseren Balkon sehen, hätte ich es wohl auch getan. Ich und die Wäsche verschmolzen zu einem fast meditativen Zustand, der sogar eine Weile anhielt, da Tina endlich mal ruhig am Spielen war. Wobei - da fiel mir auf – sehr verdächtig ruhig am Spielen war. Das konnte nichts Gutes bedeuten. Alarmiert hechtete ich ins Badezimmer und sah gerade noch, wie Tina andächtig den letzten Tropfen meiner sündhaft teuren Flasche Chanel 5 in den Abfluss leerte. Und als ich gerade starr vor Schreck beschloss, nicht in Tränen auszubrechen (dieses Parfum war ein Geschenk von Tom aus einer Zeit, in der er noch nicht mit DutyFree-Probepackungen um sich geworfen hatte), bemerkte ich, dass es aus der Küche ganz fürchterlich stank.

Verflucht, ich hatte die Milch für Tinas Fläschchen überkochen lassen. Ich rannte in die Küche, zog die Pfanne vom Herd, packte meine Tochter und riss sie von den restlichen Parfumflaschen weg. Wieso mein Chanel 5, warum hatte sie sich nicht an der DutyFree-Packung von Tom vergriffen? Das hätte sie sogar dreimal gedurft und zur Belohnung noch einmal dazu! Das hatte ich jetzt davon, dass ich die unseligen Fläschchen nach unserem Streit in die hinterste Reihe meiner Parfum-Sammlung gestellt hatte. Und dann, in dem ganzen Chaos, klingelte – wie immer in solchen Momenten – das Telefon. Es war Tom.

„Na, wie läuft’s?“, begrüsste er mich in seinem üblichen: „Du-ich-kann-nicht-gut-reden-ich-bin-nicht-alleine-im-Büro“-Ton.

„Fantastisch läuft’s. Eine explodierte Kuh. Chanel statt DutyFree. Quengelige Tina. Der einzige Höhepunkt ist, dass die Wäsche sich nicht in der Trotzphase befindet!“

„Bitte was?“

„Ach, vergiss es, nicht so wichtig. Ein ganz normaler Hausfrauentag halt.“

„Dann ist ja gut.“

„Na, du bist ja ein Ausbund an Mitgefühl. Was ist denn los?“

Mein Blick fiel auf die schmutzigen Fenster. Die mussten dringend geputzt werden. Am besten heute noch.

„Ach, ich habe Druck bei der Arbeit und sollte zu einem Termin, doch ich habe mein Handy zuhause vergessen. Und die Adresse des Kunden ist drauf.“

„Kein Problem, ich schaue nach“, schlug ich meinem Mann vor.

„Ja, bitte.“

„Wo liegt es denn, dein Handy? Nein, Tina, Achtung, das ist heiss. Entschuldigung. Sie wollte sich der Kuh annehmen.“ Mein Blick schweifte wieder zu den schmutzigen Fenstern. Wenn ich sie heute putzen würde, könnte ich auch gleich noch die Badezimmerschränke reinigen. Die hatten es auch dringend nötig.

„Der was?“

Ich löste meinen Blick von den fast schon blind gewordenen Scheiben. „Ach, vergiss es. Also, wo ist es, dein Handy? Ich schaue für dich nach.“ Ich hob Tina auf den Arm, um weitere Unfälle zu vermeiden.

„Lass gut sein, Liebling, du hast genug um die Ohren. Ich rufe die Auskunft an.“

„Ist doch viel umständlicher, also sag schon: Wo ist es?“

„Schatz, ich muss, ich habe einen Anruf. Bis später. Ich liebe dich.“

Und weg war er. Die Leitung war tot. Ich starrte auf das tutende Telefon und auf meine Tochter, die urplötzlich auf meinem Arm eingeschlafen war. Eine schlafende, penetrant duftende Inkarnation von Coco Chanel.

Vorsichtig legte ich die Inkarnation in ihr Bett und stand verloren in der unordentlichen Wohnung. Eigentlich liebe ich ja diese Momente, in denen Tina unverhofft einschläft und mir auf diese Weise eine unerwartete Pause beschert. Doch gleichzeitig führten sie mich regelmässig in den nächsten Stress. Den Erholungsstress: Oh, das Kind schläft! Zeit für mich! Jetzt oder nie, weil ich es mir wert bin! Gleich, ich hänge nur noch schnell die Wäsche fertig auf.

Und da war es. Das Supermuttiteufelchen.

Jenes kleine, miese Monster, das immer dann erscheint, wenn ich zu wenig gut bin. Das jederzeit darüber wacht, ob ich alles richtigmache. Im Haushalt, mit Tina und in solchen Momenten eben mit mir selbst. Hoch oben auf dem Küchenschrank saß es und baumelte mit seinen blitzblank sauberen Füßchen. Vorwurfsvoll schaute es auf mich herunter und wetterte los. „Nein, Alex, falsch. Du tust jetzt etwas für nur dich. Du musst diese Pause mit der höchst möglichen Erholung füllen. Kein Haushalt, sondern maximale Entspannung, verstanden? Du hast es dringend nötig. Du bist ja so furchtbar gestresst. Denn denk dran: Nur eine entspannte Mutter ist eine gute Mutter!“

Ich zuckte zusammen. Das war Supermuttiteufelchens Lieblingssatz, den es mir ordentlich oft um die Ohren schlug. Drohend erhob es seinen Zeigefinger und dozierte weiter. „Du warst heute ja schon total überfordert mit dem Kind. Ein einziges Chaos hat geherrscht. Nicht auszudenken, wie der Nachmittag wird, wenn deine Batterien jetzt schon leer sind. Eine Katastrophe wird das. Eine Katastrophe! Also entspann dich und zwar dalli!“

Das leuchtete mir ein. „Du hast recht. Es war ein schrecklicher Morgen. Ich muss mich wirklich dringend ausruhen. Weisst du was, ich nehme ein schönes Entspannungsbad. Wobei…, es gibt nichts Unentspannteres als genüsslich in das warme Wasser zu gleiten, mich im Schaum zu suhlen und genau dann von Tinas Geschrei herausgerissen zu werden.“

Supermuttiteufelchen verdrehte die Augen und begann genervt auf dem Schrank rumzuzappeln. „Dann mach halt was Anderes. Aber hör um Himmels Willen auf, den schmutzigen Fußboden anzustarren. Und beeil dich, du weißt nicht, wann das Kind aufwacht! Es kann schon in ein paar Minuten soweit sein. Also entspann dich jetzt endlich! Muss man dir denn alles zehn Mal sagen?“

Ich fügte mich. Ich wusste, mit Supermuttiteufelchen war nicht zu spaßen. Ich setzte Teewasser auf und holte die Zeitung aus dem Briefkasten. Ich nannte Supermuttiteufelchen übrigens SMT. Die Verkürzung seines Namens gab mir das trügerische Gefühl, dass solch wenige Buchstaben nicht so viel Macht über mich haben konnten.

„Sowas in der Art meinst du, nicht wahr?“, murmelte ich zum Schrank hinauf. SMT nickte seufzend.

„Na also, geht doch. Das nächste Mal bitte einfach etwas zügiger, ja?“

Als ich das kochende Wasser in den Tee Krug leerte, blieb mein Blick am Fußboden hängen. Der ganze Boden war voller Milch! Die musste ich jetzt wirklich noch schnell aufwischen. Und, ach du meine Güte, irgendwie hatte Tina Teebeutel in die Finger gekriegt, die nun aufgerissen überall verteilt auf dem Boden klebten. Vor allem in den Milchpfützen lümmelten sie fröhlich vor sich hin. Das musste ich noch schnell wegmachen. Das ging einfach viel schneller, solange Tina schlief. Sonst würde sie mir helfen wollen und damit das Chaos noch grösser machen.

Doch da schimpfte SMT auf dem Schrank schon wieder los. „Das ist nicht entspannen, Alex. Das ist Arbeit! Lies jetzt endlich die verdammte Zeitung und ignoriere den Dreck!“

Ich war brav und gehorchte. Goss mir eine Tasse Tee ein, nahm einen heißen Schluck und überflog die Schlagzeilen der Zeitung. Doch die Entspannung blieb aus. Immer wieder schweiften meine Gedanken ab. Landeten erst beim Dreck. Dann bei Tom.

Warum hatte er sich am Telefon ebenso seltsam verhalten? Warum hatte er sich nicht von mir helfen lassen wollen? Ging gerade mal wieder sein steinzeitliches: „Ich brauche keine Hilfe, dieses Mammut erledige ich ganz alleine!“-Gen mit ihm durch? Oder war er einfach der fürsorglichste Tom aller Zeiten, der instinktiv begriffen hatte, dass ich bereits Multitasking im Hochformat betrieb, sodass er mich nicht noch zusätzlich belasten wollte?

Gerade wollte ich mich für die hübsche zweite Variante entscheiden und mich der Schlagzeile: „Immer mehr Alkoholiker in Altersheimen“ zuwenden, als vor meinem inneren Auge ein Wort zu blinken begann: „Fellini!“

Mochte Tom nun Fellini-Filme? Wusste ich das? Was wusste ich überhaupt von Tom? Und was nicht? Vielleicht ja so vieles nicht, was auf seinem Handy gespeichert war? Hatte mein Mann eben verhindern wollen, dass ich sein Telefon in die Hände nahm? Zu meinem Erschrecken deutete alles darauf hin.

In diesem Moment klingelte das Telefon erneut. Das war bestimmt Tom, der mich bitten wollte, nun doch nach der Adresse seines Kunden zu schauen. Was ich bloß immer für abstruse Ideen hatte! Tom und Geheimnisse, so ein Schwachsinn. Schon Mami hatte immer gesagt, ich hätte zu viel Phantasie. Erleichtert griff ich nach dem Hörer. Doch am anderen Ende meldete sich nicht Tom, sondern meine Freundin Mareike.

Mareike ist diese Art von Freundin, wie sie gerne im „frechen Frauenroman“ beschrieben wird.

Single, gutaussehend, erfolgreich und stets auf der Suche nach dem richtigen Mann. Bloß, dass Mareike keine Modedesignerin, Fotografin oder rasende Reporterin war, sondern als Hundecoiffeuse in ihrem eigenen Salon arbeitete. Sie übte damit einen Beruf aus, der in seiner Putzigkeit so gar nicht zu ihr, ihrer Direktheit und ihrem schwarzen Humor passte. Ich konnte mir auch nach zehn Jahren Freundschaft noch immer nicht vorstellen, wie sie einem Pudel eine rosa Schleife durch die Locken ziehen konnte, ohne einen lakonischen Spruch von sich zu geben. Und doch passte der Beruf zu ihr, denn er bediente ihre Neugier und ihre Offenheit.

Diese beiden Eigenschaften waren es auch, die sie im Internet immer wieder mit neuen Männern Kontakt aufnehmen ließen, um dann beim Hin-und-Her-Schreiben das wachsende Prickeln zu genießen. Sie liebte dieses schreibende Ping-Pong, dass sich bis zu dem Tag steigerte, an dem sie den Auserwählten zum ersten Mal traf.

Es handelte sich dabei immer um äusserst attraktive und interessante Männer, die sich alle ein Bein ausrissen, um Mareikes Herz zu erobern. Sie dachten sich die originellsten Unternehmungen für sie aus und ein Picknick im Park war dabei ein deutliches Understatement. Mareike küsste viele Frösche. Doch keiner von ihnen hatte bis jetzt das Zeugs zum Prinzen gehabt.

Bei jedem neuen Kandidaten fieberte ich mit ihr mit, in der Hoffnung, dass er es diesmal wirklich war, der Ultimative, der das Herz meiner eigenwilligen Freundin erobern würde. Mare musste mir den Inhalt ihrer E-Mails immer bis zu jedem Punkt und Komma rapportieren und vor jedem Treffen war ihr Herzklopfen auch meines. So sorgfältig wie ernsthaft überlegten wir gemeinsam, welches Kleidungsstück sie bei dem Date auf eine Art schmücken würde, die ihr Gegenüber gleich vom ersten Moment an in ihren Bann ziehen würde. Und zog Mare dann los, blieb ich zurück und wartete gespannt auf ihre Berichterstattung, ungeduldiger als auf eine Folge meiner Lieblingssoap. Denn Mares Leben WAR meine Lieblingssoap.

Ja, ich war verrückt nach Mareikes Internetgeschichten. Sie brachten Glanz in mein von Milchflecken, aufgeschlitzten Teebeuteln und kindlichen Trotzanfällen gebeuteltes Leben. Sie machten mich und mein Leben ganz.

Mein Bedürfnis nach Häuslich- und Sicherheit erfüllte mir Tom. Meine Sehnsucht nach Prickeln und Ungewissheit aber, wurde von Mareike und ihrem schillernden Leben gesättigt. Es war, als dürfte ich ihr immer wieder beim Auspacken schöner Geschenke zuschauen und mitfiebern, ob die hübsche Verpackung wohl diesmal die Erfüllung des größten Wunsches barg. Oder ob unter dem glänzenden Papier doch wieder nur ein Paar kratzige Socken oder eine abgelaupfene Schachtel Pralinen lauerten. Und genau das war leider immer der Fall. Nach jeder Bescherung verlor sich die neueste Bekanntschaft im Sand und ein einst vielgenannter Name verschwand aus unserem Leben, als wäre er nie in seinem Zentrum gestanden. Denn waren die Gigabytes entkoppelt, verwandelte sich ein aufregendes Phantom in einen Mann mit Haut und Haar, entpuppte sich dieser meist als mehr als durchschnittlich.

Und Mareike wollte keinen Durchschnitt. Mareike suchte das Besondere. Den Pudel mit der goldenen Schleife, sozusagen. Und den hatte sie auch wahrlich verdient.

So verstrich jeweils nicht viel Zeit und ihre Suche startete in die nächste Runde, was sicherstellte, dass weiterhin Aufregung in mein Leben floss. Unvorstellbar, dass Mare einmal unter Dach und Fach sein würde und wir dieses Kribbeln nicht mehr teilen würden. Aber natürlich wünschte ich ihr das auch. Nicht das Fach. Nicht das Dach. Aber die Liebe.

„Hey Süße, was gibt’s?“, rief ich jetzt erfreut ins Telefon, äußerst erleichtert über die Ablenkung von Supermuttiteufelchen und dem Chaos um mich herum. Auch Mareike schien Ablenkung nötig zu haben.

„Ach, rein gar nichts ist los. Ich habe überhaupt keine Kunden. Scheinen alle schon top frisiert zu sein da draußen. Wenn das so weitergeht, mache ich mich über die Katze her, die da vor dem Schaufenster rumschleicht. Scheint dringend einen rassigen Fellschnitt zu benötigen, die Gute. Und bei dir, was gibt's Neues?“

Mein Blick schweifte über das Chaos. „Alles beim Alten. Tina schläft, die Wohnung sieht aus wie die Sau und ich versuche, mich auf Kommando zu entspannen. Ein echtes Vergnügen, wenn man die Zerstörung unserer Wohnung in Anschein nimmt. Ich frage mich wirklich, warum so viele Leute der Familienidyll-Rama-Werbung Glauben schenken.“

„Sie glauben nicht, sie träumen.“

„Oh, apropos Träumen, Mare, was macht Dr. Brinkmann?“

Natürlich hieß Mares aktueller Kandidat nicht Dr. Brinkmannn. Doch Mare und ich fanden für jeden Bewerber den passenden Übernamen. Vor „Dr. Brinkmann“ war es ein Gärtner gewesen, der Mares Herz in Aufruhr versetzt hatte, den hatten wir „Mr. Bonsai“ getauft. Vor „Mr. Bonsai“ datete Mareike einen Mann, der beängstigend oft von seiner Mutter erzählt hatte. Das war „Mr. Mama“.

Für jeden, aber wirklich jeden, fanden wir einen treffenden Namen. Und oft bewahrheitete sich dieser auf geradezu verblüffende Art und Weise.

Der aktuelle Kandidat aber war verheißungsvoll. Sehr verheißungsvoll. Er arbeitete als Chirurg in einer Privatklinik im Schwarzwald und schrie somit geradezu nach dem Namen „Dr. Brinkmann“, in Anlehnung an jene Fernsehserie der Achtziger, von der wir damals nie eine Folge verpasst hatten.

„Oh, Dr. Brinkmann…, vielversprechend, sehr vielversprechend. Er hat mir eben geschrieben. Schon vor der Visite. Süß, nicht? Und was macht dein Super-Tom?“