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Ein einziger Augenblick verändert radikal und unwiderruflich das Leben des Architekten Michael, das bis dahin wohlgeordnet und gradlinig verlaufen ist. Er vernachlässigt seine Familie, stößt Freunde vor den Kopf und droht auch beruflich ins Abseits zu geraten. Eine Gruppentherapie soll Abhilfe schaffen. Michael gibt seine quälenden Albträume als Grund an, diese zu beginnen. Es ist noch ein weiter Weg, bis er sich endlich mit seinem wirklichen Problem zu konfrontieren wagt.
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Seitenzahl: 470
Veröffentlichungsjahr: 2018
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Reinhold Neef
Die Schuld
Dieses ebook wurde erstellt bei
Inhaltsverzeichnis
Titel
Reinhold Neef
Die Schuld
Roman
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Kapitel 16
Kapitel 17
Kapitel 18
Kapitel 19
Kapitel 20
Kapitel 21
Kapitel 22
Kapitel 23
Kapitel 24
Kapitel 25
Kapitel 26
Kapitel 27
Kapitel 28
Kapitel 30
Kapitel 31
Kapitel 32
Kapitel 33
Kapitel 34
Kapitel 35
Kapitel 36
Teil 3
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Danksagung
Teil 1
Teil 2
Impressum neobooks
Buch
Mit einer feinen Wahrnehmung für menschliche Empfindungen und Beweggründe schildert Reinhold Neef in diesem psychologisch-philosophischen Roman die Konfrontation des Protagonisten mit einem singulären existenziellen Ereignis, das jeden Bewältigungsversuch zum Scheitern zu verurteilen scheint.
Autor
Reinhold Neef, Jahrgang 1949 lebt und arbeitet in Frankfurt.
Nach Fachveröffentlichungen und Kurzgeschichten legt er nunmehr seinen ersten Roman Die Schuld vor.
Auf dem Weg vom Theologiestudenten zum Lehrer, vom Lehrer zum Berater und Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeuten begleitete ihn das Thema seines ersten Werkes. Berufliche und persönliche Auseinandersetzungen mit existenziellen Themen ließen in ihm den Plan zum vorliegenden Buch reifen.
Frankfurt am Main, September 2009
Umschlagentwurf: Iris Rosebrock, Frankfurt am Main
Architektonische Visualisierung: Ulrich Domnick, Frankfurt am Main, www.udomnick.de
Die Luft, es war einfach zu wenig Luft drin. Da er sich aber nicht ganz sicher war, warf er den Ball noch einmal mit aller Wucht auf den Boden und er prallte unzweifelhaft nicht so zurück, wie Mischa es kannte. Er presste ihn abermals gegen seinen Körper, um sich des genügenden Innendrucks zu vergewissern, aber der Ball gab einfach zu sehr nach. Nun gut, dieses Problem war einfach zu lösen. Er schloss die Haustür auf, ging durch den Flur zur Kellertür, die Treppen hinunter, schaltete noch schnell im Vorübergehen das Licht ein und blieb vor dem Regal stehen, in dem seine Fußballsachen lagen. Aber es war wie immer, er musste einige Zeit suchen, bevor er die Pumpe fand. Sie hatte sich wieder einmal unter seiner schwarz-silbernen Sporttasche versteckt, deren Säume mit neongelbem Kunststoff ummantelt waren. Er war ungemein stolz auf seine Tasche; sie war ein Geschenk seiner Eltern zu seinem zwölften Geburtstag vor zwei Monaten. Nicht nur, dass sie auffällig war und bisher noch jeden aus seiner Mannschaft zu einem schmeichelhaften und neidischen Kommentar herausgefordert hatte, sie trug auch noch in großen nicht zu übersehenden Lettern den Namen des Spielers, der sein Idol war und dem er, seitdem er Fußball spielte, nachzueifern trachtete. Doch da fiel ihm ein, was sein Vater immer sagte: »Die Pumpe versteckt sich nicht von selbst, du bist einfach schludrig!« Und natürlich hatte sein Vater wie so oft recht, er hatte sie in einem großzügigen Bogen vor geraumer Zeit ins Regal geworfen und dann einfach seine Trikots, die Hosen und etliche andere Utensilien darüber gelegt.
Er nahm die Pumpe zur Hand, setzte sie an dem Ventil auf dem Ball an und füllte ihn kräftig mit Luft, bis ihm vor Anstrengung die Puste ausging und sich die Pumpe kaum noch bewegen ließ. Er legte sie zurück auf das hölzerne Regal, dieses Mal neben die Sporttasche, und warf den Ball erneut fest auf den Boden. Dieser prallte fast bis zur Decke hoch, haarscharf an der nackten Glühbirne vorbei, prallte noch mehrmals auf dem Boden auf und Mischa nahm mit Zufriedenheit zur Kenntnis, dass dieses Problem gelöst war – mit einem schlaffen Ball konnte man einfach nicht trainieren. Immerhin war er der Kapitän seiner Mannschaft und für die Pflege und Instandhaltung des Balles zuständig; eine Aufgabe, die er mit seinen zwölf Jahren in einem Maße ernst nahm, die ganz im Gegensatz zu der von seinem Vater permanent bemängelten Unordnung stand. Manchmal hatte er das Gefühl, dass sein Vater möglicherweise Befriedigung daraus erlangte, dass sein Sohn ihm ständigen Anlass zur Kritik gab und er eigentlich gar nicht wollte, dass Mischa sich die väterlichen Ermahnungen zu Herzen nahm. Dennoch ging ihm die ständige Nörgelei zunehmend auf die Nerven.
Wenigstens beim Fußball, auf dem Platz mit dem Trainer und seinen Mitspielern, hatte er seine Ruhe; folglich war dies neben der Lust am Spiel und am Training ein weiterer Grund, so oft, wie es nur ging, das elterliche Haus hinter sich zu lassen und zum nahe gelegenen Stadion zu eilen.
Doch war sein Vergnügen seit einiger Zeit nicht mehr ungetrübt, und er wollte die Erkenntnis beiseiteschieben, dass er auch beim Fußballspielen und im Verein ein größeres Problem hatte, als er wahrhaben wollte.
Mischa überlegte, wie der ganze Wirrwarr eigentlich angefangen hatte. Er war häufig auf dem Platz gewesen und hatte seine spielerischen Fertigkeiten in einem Maße verbessern können, dass es dem Trainer einfach auffallen musste. Jede freie Minute hatte er dort verbracht, sommers wie winters, sogar bei Regen drehte er mit einem wasserdichten Umhang seine Runden, kämpfte dabei gegen den Wind, der gegen den zu großen und zu weiten Überwurf blies und ihn wie ein Segel aufblähte. Trotz des Regens freute er sich über solche Gelegenheiten, da er gegen ein Hindernis anlaufen und im Spiel mit dem Wind seine Kräfte messen konnte. Oft hatte seine Mutter ihn danach gescholten, weil er triefend vor Nässe nach Hause kam und des Öfteren mit einem Schnupfen im Bett landete.
Doch es trieb ihn immer wieder zum Spielfeld, er wollte einfach der Beste sein. Stundenlang dribbelte er um lediglich gedachte Hindernisse auf dem Rasen, die seine reichhaltige Fantasie dort hingestellt hatte. Keines davon durfte er berühren, geschweige denn den Ball verlieren. Er hob ihn dann auf, ging wieder an den Anfang seiner unsichtbaren Hinderniskette zurück, begann erneut seinen Lauf und gab sich erst dann zufrieden, wenn er mit großem Geschick und unter dem Beifall der ebenfalls unsichtbaren Zuschauer den Parcours perfekt absolviert hatte.
Oft ging er zum Abschluss seines persönlichen Trainingsprogramms zu der am Spielfeldrand abgestellten Torwand und versuchte, mit dem Ball durch das kleinere der beiden Löcher hindurch zu schießen. Er nahm sich vor, dass ihm das mindestens fünfmal in Serie gelingen müsse, bevor er zur nächsten Übung übergehen konnte. Nach einem dreiviertel Jahr gelang es ihm endlich und das sogar mehrere Tage hintereinander. So konnte er zum nächsten Schritt übergehen, einen Treffer ins untere Loch der Torwand und einen ins obere, immer abwechselnd. Ein Schuss gegen die Wand ließ ihn von vorne anfangen – solange bis es ihm ebenfalls fünfmal hintereinander glückte. Durch seine Vorübungen gelang ihm das schon nach dreieinhalb Monaten.
Neben seinen einsam auf dem Platz verbrachten Stunden gab es natürlich auch noch die Zeiten mit der Mannschaft und mit dem Trainer, den er grenzenlos bewunderte. Das war ein Mann, wie er sich seinen Vater gerne vorstellte. Nie nörgelte er an Mischa herum, er glaubte an ihn und er traute ihm etwas zu, er spornte ihn an, führte ihn an seine Grenzen. Sein Standardspruch beim Training mit Mischa lautete: »Das kannst du noch besser!« Und tatsächlich ließen das Zutrauen und die Zuversicht des Trainers ihn zunehmend besser werden.
Dabei war es keineswegs einfach gewesen, Mitglied im Fußballverein zu werden; seine Eltern waren strikt dagegen gewesen. Sein Vater brummelte etwas von der vordringlichen Wichtigkeit der Hausaufgaben und den schlechten Schulnoten. Das wiederum fand Mischa gemein, hatte er doch im letzten Halbjahreszeugnis lauter Dreien vorweisen können. Seine Mutter stimmte – wie so oft und sehr zu Mischas Verärgerung – seinem Vater zu und enttäuschte ihn damit immer wieder aufs Neue; hatte er doch gehofft, dass sie die Strenge des Vaters etwas abmildern würde. Dennoch ließ er nicht locker. Er wollte unbedingt – einem inneren starken Impuls gehorchend – Fußball spielen. Und so versuchte er mit seinen Eltern ein Abkommen zu treffen. Er sei bereit, so schlug er ihnen nach etlichen Auseinandersetzungen, nach Tränen und zugeschlagenen Zimmertüren vor, einen Großteil seines Taschengeldes für den Mitgliedsbeitrag abzuzweigen und einen privaten Stundenplan vorzulegen, in dem genauestens geregelt sei, wie viel Zeit er seinen aus dem Schulbesuch resultierenden Verpflichtungen und wie viel Zeit er seinem Hobby einräumen wolle. Überraschenderweise stimmten seine Eltern – und dieses Mal sogar sein Vater – seinem Plan zu; er glaubte, es seiner Hartnäckigkeit zu verdanken. Gleichwohl war es durchaus auch möglich, dass beide den wochenlangen Streit satt hatten und endlich ihre Ruhe haben wollten. Nicht nur, dass sie in sein Vorhaben einwilligten, sie boten ihm sogar an, dass sie den Beitrag entrichten würden.
Mischa traute dem ganzen Frieden noch nicht wirklich, aber am nächsten Tag lief er sofort nach Schulschluss zum nahegelegenen Vereinshaus und wollte sich dort anmelden. Kaum hatte er voller Aufregung und vom schnellen Laufen atemlos geworden das Vereinsbüro betreten, wurde er auch schon abrupt in seinem Vorhaben gebremst. Der Mann hinter dem Schreibtisch klärte ihn nämlich erst einmal auf, dass er lediglich seine Daten auf einem Anmeldeformular eintragen könne, zur Rechtsgültigkeit des ganzen Vorgangs jedoch die Unterschrift mindestens eines Erziehungsberechtigten erforderlich sei. Mischa verstand kein einziges Wort, nicht nur, weil der Mann Vokabeln gebrauchte, die er noch nie zuvor gehört hatte, sondern eher, weil es ihm vor Enttäuschung kaum möglich war, auf das zu achten, was sein Gegenüber ihm mitteilen wollte. Ihm wäre es am liebsten gewesen, er hätte sein Geld über den Tisch gereicht und der Mann hätte ihm auf der Stelle seinen Mitgliedsausweis ausgehändigt, so drängend war sein Wunsch. So aber fühlte er sich jäh aus seiner guten Laune gerissen, es rauschte ihm in den Ohren, er verwendete seine ganze Energie darauf, die in ihm aufsteigenden Tränen zu unterdrücken, nein, er wollte nicht, dass dieser ihm fremde Mann sehen konnte, was in ihm vorging. Nachdem er seine Fassung wiedergefunden hatte, fragte er erneut nach, brachte sein Unverständnis zum Ausdruck und erhielt dieses Mal eine Auskunft, die aus in seinem Vokabular vorkommenden Worten bestand.
Er griff sich das Formular, rannte einen kurzen Abschiedsgruß über die Schulter werfend zur Tür hinaus und so schnell er konnte nach Hause. Dort präsentierte er voller Stolz den Bogen, füllte ihn zusammen mit seiner Mutter aus. Es geschah in einem ernsthaften Akt voller Bedeutsamkeit und Erhabenheit. Er hatte das Formular sorgfältig auf den Tisch gelegt, kein Knick, kein Fleck durfte seine Schönheit schmälern. Obenauf prangte das weiß-gold-rote Wappen des Vereins und darunter stand in verschnörkelter Fraktur dessen Name. Er holte seinen Füller aus seinem Zimmer, kam zurück in die Küche und probierte auf einem neutralen Blatt Papier aus, ob der Füller einen sauberen Strich hinterließ und auf keinen Fall kleckste. Er schrieb in jede Zeile das Erforderliche. Bei Angaben, die er nicht verstand, half ihm seine Mutter, die zum Schluss den Aufnahmebogen unterschrieb. Er schaute noch einmal darüber, um ganz sicher zu gehen, dass der Bogen sowohl sorgfältig als auch vollständig ausgefüllt war. Als er wieder losgehen wollte, hielt seine Mutter ihn kurz zurück, drückte ihm einen Geldschein in die Hand: »Für deinen ersten Beitrag, der Rest ist für dich.« Überglücklich steckte er den Schein tief in seine Hosentasche und eilte zum Vereinshaus zurück.
Der Mann vom Verein wollte eigentlich schon gehen, hatte den Schlüssel schon ins Schloss gesteckt, konnte jedoch Mischas flehentlichem Blick nicht widerstehen – er hatte trotz dessen vorherigen Versuchs, seine Traurigkeit zu unterdrücken, die Enttäuschung in seinen Augen gesehen – und schloss wieder auf. Mischa folgte ihm in das Büro, der Mann schaltete den Computer an, wartete, bis dieser gestartet war, und gab dann die Daten von Mischas Formular in das Verwaltungsprogramm ein. Dabei hielt er den Bogen auf eine Art und Weise, die Mischa vermuten ließ, dass er um die Besonderheit des Papiers wisse. Zum Schluss druckte er einen einer Scheckkarte nicht unähnlichen Mitgliedsausweis aus, übergab diesen Mischa nahezu feierlich, nahm den Mitgliedsbeitrag entgegen, gab das Wechselgeld heraus und sagte freundlich: »Jetzt aber raus hier!«
Als Mischa auf der Straße stand, nahm er den Ausweis in die Hand, hielt ihn hoch vor die Augen und besah ihn sich von allen Seiten – jetzt war er am Ziel seiner Wünsche, er war Mitglied der D-Jugend des örtlichen Fußballvereins und die Karte war ein sichtbarer Beweis – er konnte sie jetzt allen zeigen, seinen Eltern, seinen Klassenkameraden, seinen Großeltern – kurz aller Welt. Er war so stolz, dass er sie am liebsten für jeden sichtbar vor sich hergetragen hätte – ja am liebsten hätte er jedem, der ihm auf dem Weg nach Hause begegnete, zugerufen: »Schaut her, ich bin jetzt Fußballer!« Er wusste natürlich noch nicht, dass er damit lediglich den Wunsch zum Ausdruck gebracht hatte, es seinem Idol gleichzutun, doch in seiner Vorstellung war er jetzt schon auf dem Spielfeld und sah sich schon am Ende eines Spiels bei der Überreichung des Siegerpokals. Doch mit seinen zwölf Jahren störte er sich nicht an seiner übersteigerten Phantasie, Vorstellung oder Wirklichkeit, wo war da schon der Unterschied? Er roch an der Karte, beäugte sie von allen Seiten, wollte sie mit allen Sinnen erfassen, solange, dass er mit geschlossenen Augen jedes Detail hätte beschreiben können: das Emblem und den Schriftzug des Vereins auf leicht bläulichem Grund. Und – und das war die Hauptsache – auf der Mitte in großen Lettern seine Mitgliedschaft verkündend: Mischa Hilbart, Mitglied des Turn- und Sportvereins, Abteilung Fußball. Er war so begeistert und so berauscht, dass er jeden an seinem Glück hatte teilhaben lassen wollen; jeden Passanten auf dem Rückweg lachte er offenherzig an, sie lachten zurück, nicht wissend, was der Grund für seine Freundlichkeit war, doch der kleine glückliche Junge ließ jeden Fußgänger aus seinen Gedanken oder aber seiner Monotonie auftauchen.
Und tatsächlich hielt er die ganze Zeit den Ausweis an fast ausgestrecktem Arm vor sich in die Höhe, stolperte ein paar Mal, weil er die Bürgersteigkante übersehen hatte, wäre fast in ein Auto gelaufen, da er den Blick nicht von seiner Karte wenden konnte, stolperte ebenso die Treppe zum Wohnhaus hinauf. Seine Mutter öffnete ihm die Tür, nachdem er - so schien es ihm jedenfalls - stundenlang auf den Klingelknopf gedrückt hatte und musste auf der Schwelle noch Notiz von seiner neuen »Existenz« nehmen. Ganz aufgeregt hielt er ihr die Karte vor die Nase und drängte sie: »Nun schau doch mal genau hin, schau ganz genau hin, hier steht mein Name, mein Name und mein Nachname, stell‘ dir das mal vor! Ich bin jetzt Mitglied im Fußballverein und ich kann jetzt mit den anderen Jungs spielen und bei den Spielen mitmachen und…..« Und hier versagten ihm vor Aufgeregtheit und Atemlosigkeit die Worte. Ihr blieb nichts anderes übrig, als ihren überglücklichen und übersprudelnden Jungen in den Arm zu nehmen und ihn fest an sich zu drücken und ihm auf diese Weise ihre Anteilnahme zu versichern, denn auch ihr fehlten die Worte für ihre Gefühle – sie hatte nicht gelernt, wie man einem anderen Menschen sagte, dass man sich über ihn oder mit ihm freue.
Mischa hielt sich in diesem Augenblick für den glücklichsten Menschen auf Erden.
Der Trainer konnte tatsächlich nicht umhin, Mischas Fortschritte zu bemerken. Dieser auf den ersten Blick unscheinbare Junge mit seinen dünnen hellbraunen Haaren, den ungelenken Armen und dem lauerndem Blick hatte sich in den letzten zwei Jahren zu einem seiner besten Spieler gemausert. Eigentlich dachte er, Mischa sei sein bester Spieler, doch da er es sich zum Anspruch gesetzt hatte, keinen seiner »Jungs« zu bevorzugen, scheute er sich, ihn auch so zu bezeichnen. Aus dem ehemals kümmerlich anzusehenden Jungen war ein zuverlässiger und ausdauernder, zielstrebiger Stürmer geworden. Auch die anfängliche Ängstlichkeit hatte sich gelegt; Mischa und er waren sich näher gekommen. In den Trainingsstunden hatte er oft Gelegenheit ihn zu beobachten, freute sich über jeden erzielten Fortschritt, lobte Mischa oft und ausgiebig. Gelegentlich ertappte er sich dabei, dass er für ihn väterliche Empfindungen entwickelt hatte. Er wusste um seinen Hintergrund, um den strengen Vater und die willfährige Mutter. Er ahnte, dass Mischa sich bei ihm die Zuwendung und die Anerkennung zu bekommen erhoffte, die er doch so schmerzlich bei seinen Eltern vermisste.
Er seufzte bei diesen Gedanken, war Mischa doch kein Einzelfall; in diesem östlichen Vorort von Hanau gab es viele strenge Väter, denen die Mütter keinen Einhalt gebieten konnten. Dennoch gab es etwas in Mischa, das ihn von den anderen unterschied: sein fester Wille und seine Beharrlichkeit. Er wunderte sich oft, auf welchem Boden diese beiden Eigenschaften gediehen waren, hatte aber bislang noch keine Antwort finden können.
Plötzlich zog das Geschehen auf dem Rasen seine Aufmerksamkeit auf sich; er schritt zum Mittelkreis, in dem seine Jungs gerade Manndeckung trainierten. Einer der Spieler lag auf dem Boden und hatte sich verletzt, nichts Ernsthaftes; ein anderer hatte ihn beim Umspielen unabsichtlich an die Wade getreten – sie durften schon Schuhe mit Stollen tragen – und ihm eine leichte Schürfwunde zugefügt. Mischa half dem auf dem Boden liegenden Jungen auf, legte dessen Arm um seine Schulter und ging mit ihm zum Mannschaftsraum. Dort befand sich der Sanitätskasten und die Wunde musste mit einem Pflaster versehen werden. Der Trainer ging hinterher, setzte sich neben die beiden und sah Mischa bei der Wundversorgung zu. Das gehörte mittlerweile zu Mischas Aufgaben, die ihm vor einiger Zeit übertragen worden war. Nachdem der verletzte Spieler den Raum verlassen hatte, bat der Trainer Mischa noch eine Weile sitzen zu bleiben: »Ich möchte etwas Wichtiges mit dir besprechen.«
Mischa nickte und war gespannt, was ihn jetzt erwartete.
»Du weißt doch, dass wir ein Problem haben, nicht wahr?«
Mischa nickte erneut, obwohl ihm nicht ganz deutlich war, worauf der Trainer anspielte.
»Also, der Arndt ist ja jetzt in die C-Jugend übergewechselt und jetzt haben wir keinen Mannschaftskapitän mehr, nicht wahr?«
Wiederum nickte Mischa; er ahnte nun langsam, was der Trainer im Sinn hatte. Aber eigentlich konnte das doch gar nicht sein, er war doch nur Mischa, zugegeben ein ganz passabler Spieler, aber mehr auch nicht. Trotzdem gab es eine wenn auch fast unhörbare Stimme in ihm, die sich gegen diese Entwertung zur Wehr setzte. Es könnte doch sein, dass er wirklich gefragt würde, ob er in Zukunft der Kapitän sein wolle, auch wenn er dies für sehr unwahrscheinlich hielt.
»Möchtest du in Zukunft unser Mannschaftskapitän sein? « fragte ihn verblüffender weise und eben doch nicht ganz unerwartet der Trainer.
Mischa blieb die Sprache weg, er konnte nur nicken.
»Ich meine…«, setzte der Trainer fort, »ich meine, du bist doch einer meiner..., ääh,…, besten Spieler.« Mischas Aufmerksamkeit entging, dass der Trainer zu stottern begonnen hatte, ihm entging das innere Ringen des Trainers, der mit diesem Vorschlag gegen seinen Grundsatz der Gleichbehandlung verstieß, ja verstoßen musste, in ihm hallte nur noch die Frage nach, nichts anderes hatte Platz daneben. Und er nickte erneut und ständig, die Frage mehrmals bejahend, als würde die wiederholte Bestätigung die Gewissheit schaffen, dass die Frage tatsächlich gestellt und dass er tatsächlich gemeint war. Und als er es endlich alles für wahr hielt, sprang er auf, nickte noch einmal und streckte dem Trainer seine Hand entgegen.
Der wurde durch diese Geste sowohl in seinem Wortfindungsprozess als auch in seiner Erregung unterbrochen, nahm die ihm entgegengestreckte Hand wortlos und dankbar an und schüttelte sie derart heftig, dass einem unbeteiligten Zuschauer die Idee hätte kommen können, er wolle dem Jungen den Arm ausreißen. Mischa zog sie deshalb wieder zurück, stieß noch ein gurgelndes »Ja, danke« hervor, eilte vor Verlegenheit und vor Freude zur Tür und wollte den Raum verlassen.
Nur das »Halt, stehen bleiben« hielt ihn zurück und er drehte sich um.
»Ist das jetzt ganz offiziell, Mischa?« fragte ihn der Trainer, der mittlerweile seine Sprache wieder gefunden hatte.
Dieses Mal rief Mischa ganz laut und deutlich: »Ja, das ist ganz offiziell und noch einmal, danke!« und rannte auf den Platz hinaus.
Dies war der zweite Moment, in dem sich Mischa für den glücklichsten Menschen auf Erden hielt.
Er konnte es kaum glauben, schaute noch ein zweites und auch noch ein drittes Mal hin, schaute noch einmal weg und wieder zurück, um wirklich ganz sicher zu sein. Aber sie hing tatsächlich dort. An einem großen Nagel aufgehängt, der gestern ganz sicher noch nicht an dieser Stelle war. Aber er nahm sie nicht gleich herunter, obwohl er sich im Zaum halten musste, weil er genau das sofort und gleich tun wollte. Jedoch beherrschte er sich, er schaute sie sich von allen Seiten an, sie war einfach wunderschön, es war natürlich ein Geschenk seiner Eltern, wer sonst hätte sie an den Nagel hängen können. Sie war noch ganz neu, roch noch nach frischem Stoff, und sie war die Krönung seines neuen Status. Ehrfürchtig und vorsichtig nahm er sie von der Wand, zog sie langsam zu sich heran und konnte sie in all ihren Details bewundern. Sie war aus schwarzem und silbernem Stoff, an den jeweils farblich aneinanderstoßenden Teilen mit einem neongelben Kunststoffstreifen versehen, sozusagen eine farbliche und gestalterische Fortsetzung seiner Sporttasche. Und vorne auf der Stirnseite prangte groß eine weiß-gold-rote wappenartige Form silberfarben umsäumt, jedoch ohne das Emblem des Vereins, und mitten drin befand sich eine neongelbe »8« in der gleichen Schrift wie die auf seinem Ausweis. Er setzte sich die Kappe auf, sie passte perfekt, und er wollte sich sofort im Spiegel ansehen. Er nahm sie noch einmal vom Kopf, drückte den Schirm zusammen, um die Rundung herzustellen, mit der man solche Kappen heute trug, dieser gab zwar nach, nahm aber sofort seine ursprüngliche Form wieder an. Das würde noch eine Weile dauern, bis der Schirm sich wie bei allen anderen Jungs über seiner Stirn wölbte. Er setzte sie erneut auf und sprang die Treppe hinauf, lief außer Atem gekommen ohne Zögern vor den großen Spiegel, der im Flur an der Wand befestigt war. Doch zunächst musste er die ganzen Mäntel, Jacken und was sich sonst noch so dort anstatt in den Kleiderschränken angesammelt hatte, beiseiteschieben, um sein Spiegelbild sehen zu können.
Erstaunt stieß er die Luft aus, dort war er zu sehen, Mischa, der Kapitän seiner Mannschaft, jetzt auch noch mit einer seine Nummer verkündenden Kappe. Die Acht darauf gefiel ihm besonders, hielt er sie doch für seine Glückszahl, er hatte am achten März Geburtstag, er wohnte im Haus Nummer acht, er musste mit der Buslinie acht zum Stadion fahren. Niemand wusste von seiner Vorliebe für diese Zahl, sie war sein Geheimnis, auch wenn er schon des Öfteren den Impuls verspürt hatte, es mit seinen Freunden zu teilen.
Er sah vorteilhaft aus. Er gefiel sich ausnehmend gut. Er setzte die Kappe wieder ab, schaute sich dabei zu, wie er einem imaginären Publikum zuwinkte, stellte sich vor, wie er den anderen Jungs kurz vor dem Spiel auf dem Rasen stehend noch ein paar kämpferische, aufmunternde Worte zurief und wie die Kappe seiner Autorität den richtigen Schliff gab, er sah sich nach dem Sieg aus dem Stadion laufend, die Kappe im Freudentaumel wieder und wieder in die Luft werfend. Halt – das ging natürlich nicht, sie könnte dann zu Boden und in den Staub fallen. Er setzte sie erneut auf, drehte sich langsam um die eigene Achse, den Kopf immer Richtung Spiegel gewendet, um sich von allen Seiten in seiner Pracht sehen zu können. Er nahm verschieden Haltungen ein, drückte die Brust heraus, hob die Hand, um den imaginierten Beifall winkend entgegenzunehmen. Kurz: Jetzt erst sah er wie ein richtiger Fußballer aus und ihm stiegen die Freudentränen in die Augen.
»Na, die gefällt dir wohl?«
Mischa hatte gar nicht bemerkt, dass seine Mutter ihn an der Wohnzimmertür lehnend wohl schon längere Zeit beobachtet haben musste und er drehte sich erschrocken um. Es war ihm peinlich, nicht nur, dass seine ganze Tanzerei vor dem Spiegel ihm plötzlich wie ein unangemessenes Imponiergehabe erschien, auch die Tränen waren seiner Mutter offensichtlich nicht entgangen. Er versuchte, sie sich unbemerkt mit dem Ärmel aus dem Gesicht zu wischen, doch seine Mutter lachte ihn nur an: »Na, ist es meinem Großen nicht recht, wenn ich ihn mit feuchten Augen sehe. Aber weißt du, ich finde das gar nicht so schlimm. Schlimm finde ich lediglich, dass du mich schon so schnell bemerkt hast. Dabei habe ich dir doch so gerne zugeschaut. Das war richtig schön, mal mit zu bekommen, dass du dich auch einmal bewunderst. Das hat mich sehr gefreut!«
»Ach, Mama, ich weiß gar nicht, was du meinst. Ich finde mich einfach nur albern damit, richtig lächerlich.«
»Komm mal her, Mischa«, forderte sie ihn auf, »komm mal her und lass dich mal in den Arm nehmen.«
Mischa war das gar nicht so recht, er war immerhin schon zwölf Jahre alt und nur Muttersöhnchen ließen sich dann noch von ihren Müttern umarmen. Doch da ihm niemand zuschaute, ging er auf sie zu und schlang seine Arme auch um sie.
»Du bist halt mein Großer, und ich habe doch nur dich. Und ich freue mich, dass dir die Kappe so gut gefällt.«
»Wieso, du hast doch nicht nur mich, du hast auch noch Papa!«
»Ach, Mischa, du weißt, wie ich’s meine. Ich habe doch nur dich als Kind, meinen Großen, das wollte ich damit sagen. Und ich freue mich für dich, und ich bin stolz auf dich. Du bist der Kapitän deiner Mannschaft und der Trainer hält große Stücke auf dich.«
»Ach, der Trainer, was weiß der denn schon?« wollte Mischa abwiegeln.
»Ich weiß gar nicht, von wem du das hast, dieses ständige Zurückweisen, ich habe das Gefühl, du willst es gar nicht wirklich hören, wenn man dich lobt.«
»Loben, wer lobt mich denn schon? Du vielleicht, aber Papa, der meckert doch ständig nur an mir rum.«
»Ja, das stimmt. Ich kann es ja auch nicht ändern. Du weißt doch, wie er ist. Er hat immer Stress auf der Arbeit, der Schichtdienst« – Mischas Vater war Busfahrer bei den städtischen Verkehrswerken – »da ist er halt immer müde und genervt.«
»Aber das muss er ja nicht an mir auslassen. Ich kann ja schließlich nichts dafür, aber immer meckert er rum, er findet nichts gut. Noch nicht einmal, dass ich jetzt Fußball spiele und zwar recht gut!«
»Na, wenn du dich da mal nicht täuschst. Immerhin war die Mütze seine Idee. Er hat sie ausgesucht. Er hat so lange gesucht, bis er die passende gefunden hat. Eine, die zu deiner Tasche passt. Und eine, die einen langen Schirm hat, das war ihm besonders wichtig. Und er ist in der Stadt rumgelaufen, bis er einen Laden gefunden hat, in dem er die ‘8‘ rein gestickt bekam. Also, bitte. Wenn das nicht zeigt, das er dich lieb hat, dann weiß ich nicht.«
Für Mischa hörte sich das Ganze wie aus einem Film an. Er konnte es kaum glauben, dass sein Vater liebevolle Seiten besaß, dass sein Vater sich Zeit für ihn nahm, wenn auch für ihn unbemerkt. Sein Vater, der genau wusste, welche Art von Kappe er sich immer wieder ausgemalt hatte. Mischa konnte sich das kaum vorstellen. Er schluckte, weil er wohl oder übel zur Kenntnis nehmen musste, dass seine Mutter ihn nicht beschwindelte.
Aber sein Vater war für ihn ein Buch mit sieben Siegeln. Er wusste nie genau, was er von ihm halten sollte. Meistens war er brummig, tadelte Mischa sehr oft. Mischa hatte mehr schlecht als recht gelernt, es hinzunehmen, dass sein Vater anders war, als er die Väter seiner Freunde erlebte.
Und dann war er wieder für Überraschungen gut. Manches Mal, vor allem, wenn er Spätschicht hatte und Mischa schon aus der Schule gekommen war, lud er ihn ein, mit ihm auf Tour zu gehen, wie er es nannte. Er ging dann mit ihm zum Depot und bestieg den Bus. Aus dem Kasten neben der Kasse holte er eine Kurbel, steckte sie in ein Loch ganz oben über der Windschutzscheibe und drehte die hinter der Verdeckung liegende Rolle solange, bis von außen in großen Buchstaben Linie 1 Schwimmbad – Kastanienviertel zu sehen war. Diese Strecke war Mischas Lieblingsstrecke, durchmaß sie doch die Stadt von einem zum anderen Ende und war nicht so langweilig wie die Linie 6, die nur den Innenstadtring fuhr und schon nach zwanzig Minuten wieder am Ausgangspunkt angelangt war. Aber die Linie 1 brauchte über eineinhalb Stunden, und sie führte an den lebhaftesten Plätzen der Stadt vorbei. Es gab immer etwas Spannendes zu sehen.
Mischa setzte sich dann immer ganz vorne auf die erste Bank, weit nach vorne gelehnt, sich auf die dort befindliche Stange aufstützend. Von dort hatte er den besten Blick, sowohl auf die Menschen ohne Fahrschein, die den Bus von vorne besteigen mussten, als auch durch die großen Fenster auf die Fahrbahn, die Menschen, die Häuser, die Autos, als auch auf seinen Vater. Häufig stellte er sich vor, er führe mit seinem Vater ganz alleine im Bus durch die Stadt und weiter über die Stadtgrenzen hinaus, immer weiter, aus Deutschland hinaus, durch die Alpen und nach Italien. Lediglich das Anfahren der Haltestellen holte ihn aus seinen Träumen zurück und plötzlich verwandelte sich dann die eben noch strahlende Sonne in eine dichte Stratuswolkendecke. Trotzdem genoss er die Fahrt, schaute gelegentlich zu seinem Vater hin, der in seiner blauen Uniform mit der Mütze, die aussah als wäre sie eine Kapitänsmütze, hinter dem riesigen Lenkrad ruhig und gelassen den Niederflur-Gelenkbus– das hatte er Mischa ausführlich erklärt – durch den ihn umtosenden Verkehr steuerte, so nahm es Mischa jedenfalls wahr. In diesen Momenten war er stolz auf seinen Vater und da durfte der Verkehr in seiner Vorstellung deutlich gefährlicher sein, als er es wirklich war.
Manches Mal setzte er sich auch hinter seinen Vater, obwohl dieser ihn oft wieder zurück auf die gegenüberliegende Bank schickte und stumm auf das Schild an der Decke wies Reden mit dem Fahrer während der Fahrt verboten. Mischa ärgerte sich jedes Mal über diese Zurückweisung, obwohl er wusste, dass sein Vater einmal eine Rüge des Fahrdienstleiters hatte einstecken müssen. Mischa hatte sich hinter den Vorhang gesetzt, der den Fahrer vor den Blicken und den Gesprächen der Mitfahrer schützen sollte, ihn etwas auf der Fensterseite beiseitegeschoben, sich nach vorne gebeugt, sodass er alle Instrumente gut vor sich sehen konnte und seinen Vater ausführlich nach der Funktion eines jeden ausgefragt. An einer Haltestelle war von beiden unbemerkt der Leiter des Fahrdienstes eingestiegen und hatte seinen Vater streng zur Rechenschaft gezogen: »Herr Hilbart, ich dulde nun schon, und das ist eigentlich gegen die Vorschriften, dass ihr Sohn immer wieder mit ihnen unterwegs ist. Aber dass sie sich auch noch während der Fahrt mit ihm unterhalten, das geht nun wirklich zu weit. Das ist erstens gegen die Dienstvorschriften und zweitens gefährlich, sie haben immerhin Fahrgäste sicher zu ihrem Ziel zu bringen. Ich weise sie deshalb ausdrücklich auf den § 3 der Fahrdienstordnung hin. Sollte ich sie noch einmal dabei erwischen, ist es aus mit Mischas Fahrten«, er ergänzte jedoch mit einem Blick auf Mischas enttäuschtes Gesicht einlenkend, »nichts für ungut, Mischa, wird alles nicht so heiß gegessen, wie es gekocht wird.« Seitdem achteten sie beide schon vor der Anfahrt einer Haltestelle darauf, ihre Unterhaltung einzustellen.
Wieder einmal saß Mischa hinter seinem Vater und wunderte sich zum wiederholten Male, dass er, ohne sich zu irren, genau wusste, welchen Hebel er umlegen, welchen Schalter er betätigen musste. Mischa sah nur eine verwirrende Fülle von Vorrichtungen und auch, wenn er wusste, dass der rechte große Knopf die vordere Tür mit einem Druckluft verkündenden Geräusch öffnete und der darunter liegende die hintere, so hatte ihn bei jeder neuen Fahrt dieses Wissen anscheinend verlassen und er musste erneut fragen. Auch die an den Knöpfen befindlichen Abkürzungen waren nicht hilfreich. Wenn Mischa zu entscheiden hätte, dann hätte unterhalb des oberen Knopfes VT – für vordere Tür – und nicht FGT – für Fahrgasttür gestanden. Es wollte ihm nicht einleuchten, warum man statt der einfachen Bezeichnungen die umständlicheren gewählt hatte.
Bei anderen Vorrichtungen wusste Mischa genau, was sie zu bedeuten hatten oder welche Funktion sie innehatten. Er wusste, dass das große Zeigerinstrument rechts vor dem Lenkrad der Drehzahlmesser war. Bei Motorrädern hatte er sich auch schon immer die verschiedenen Drehzahlmesser angeschaut, gesehen, dass bei manchen die Anzeige bis zu 13000 Umdrehungen hinaufreichte. Das Messgerät im Bus endete jedoch bei 4500 Umdrehungen und hätte jemand Mischa gefragt, warum bei dieser Marke Schluss war, so hätte er sofort und ohne nachzudenken antworten können: »Also, erstens ist das ein Dieselmotor, zweitens drehen die niedrig, drittens hat der Motor über 350 PS und viertens liegt das maximale Drehmoment bei etwa 1500 Newtonmeter, der entwickelt also schon ganz weit unten die größte Kraft.« Bisher hatte ihn allerdings noch niemand gefragt und das war vielleicht auch gut so, denn hätte der Frager wissen wollen, was denn bitteschön Newtonmeter seien, so wäre Mischas stolz vorgetragenes Wissen ganz plötzlich auf null zusammengeschrumpft, und wahrscheinlich hätte er nach Erklärungen ringend herum gestottert, um diese Peinlichkeit zu überbrücken.
»Na, Mischa« sprach ihn sein Vater an, er war gerade zur Tür hereingekommen, sah noch, wie Mischa sich aus der Umarmung seiner Frau löste und deutete auf die neue Kappe, »Du hast sie also schon entdeckt?«
Mischa nickte verlegen, er wusste nicht, was er sagen sollte.
»Und… bist du stumm geworden, gefällt sie dir denn?«
»Na klar, und wie« entgegnete Mischa mit kratzender Stimme und wiederholte, weil ihm immer noch die Worte fehlten, »na klar, und wie!«
»Da wirst du aber vor deinen Freunden angeben können, he?« entgegnete der Vater ebenso unbeholfen wie Mischa. Es fiel ihm schwer, seine Gefühle direkt auszudrücken, er hatte es nie gelernt, spürte nur immer wieder eine schwer zu benennende Hilflosigkeit und brachte dann Äußerungen hervor, die man wohlwollend jovial hätte nennen können.
»Aber es kommt noch besser, warte mal ab!«
Mischa schaute ihn fragend an, wusste nicht, was auf ihn zukam, spannte seinen Körper in einer Art Abwehrbewegung an, da die Kumpelhaftigkeit seines Vaters des Öfteren in ein Murren und Meckern umzuschlagen drohte. Dieser legte seine Mütze auf die Garderobe, stellte seine Tasche auf die Ablage, öffnete sie und griff hinein, »was glaubst du wohl, was ich jetzt hier raushole, rate doch mal. Dreimal darfst du raten.«
Mischa wusste nie, ob er bei solchen üblichen Spielereien wirklich antworten sollte oder ob sein Vater lediglich rhetorisch fragte.
»Ich weiß nicht, woher soll ich das denn wissen?«
»Nicht so vorlaut, junger Mann, also rate doch mal!«
»Aber ich weiß es doch wirklich nicht.«
»Also gut, ich zeige es dir, du kommst sowieso nicht drauf.«
Er zog eine Papiertüte aus der Tasche hervor, dessen Inhalt weder der Größe noch der Form nach zu erraten gewesen wäre.
»Achtung, gleich kommt’s, einen kleinen Moment noch, einen ganz kleinen Moment, etwas Geduld noch die Herrschaften, bitte«, und mit einer triumphierenden Geste zog er eine Kappe heraus, die bis auf eine Kleinigkeit mit Mischas identisch war – anstelle der Zahl »8« trug sie ein »V« im Wappen.
Mischa schossen die Tränen in die Augen.
Ganz so glücklich über seinen neuen Posten war Mischa allerdings nach zwei Monaten nicht – er hatte Gelegenheit bekommen, zu erfahren, was es bedeutet, Kapitän seiner Mannschaft zu sein. Hatte er sich anfangs über die Ehre gefreut und darüber, dass der Trainer ausgerechnet ihn ausgesucht hatte, so war sein anfänglicher Stolz und sein Hochgefühl jetzt nicht mehr ganz ungetrübt. Im Glauben, dass jeder ihn beglückwünschen und beneiden würde, war er vom Platz und nach Hause gelaufen, schon auf der Treppe laut rufend und seinen Aufstieg verkündend.
Bald jedoch musste er bemerken, dass diese neue Aufgabe mehr Verpflichtungen als Vergnügen bereithielt. Jetzt wurde ihm nicht nachgesehen, wenn er einmal – was allerdings selten vorkam – bei einem Training fehlte. Er musste bei den Lektionen sehr genau aufpassen, denn seine Mitspieler fragten ihn in seiner Eigenschaft als Kapitän, wenn sie manche, oft sehr langatmigen Anweisungen und Anleitungen nicht verstanden hatten. Im Mannschaftsraum konnte er nicht mehr so unbedarft mit den anderen herumalbern und –tollen, das trug ihm einen zurechtweisenden Blick des Trainers ein, schließlich musste er jetzt Vorbild sein. Und gerade das fiel ihm besonders schwer. Er hatte sich immer auf die Albereien, die Konkurrenzrangeleien unter den Duschen, die Frotzeleien nach dem Training gefreut. Er spielte gerne damit, dass er im Duschraum nackt von Kabine zu Kabine stolzierte und, dabei immer noch in seiner Vorstellung das Trikot des Vereins mit der großen »8« darauf tragend, um nach dem Rechten zu sehen. Denn die Jungs des Trainers waren ja jetzt auch seine Jungs. Und jetzt sollte ihm durch die Verantwortung eine Vernunft zuwachsen, die ihm nicht behagte. Sie hatte natürlich auch ihr Gutes, immerhin galt er vor den anderen als Vorbild, immerhin verwies der Trainer immer wieder auf seinen vernünftigen Kapitän und wie gut dieser seine Aufgabe meisterte. Und doch war ihm die Kehrseite dieser von ihm eingeforderten Besonnenheit immer bewusst und spürbar und minderte wie ein Wermutstropfen sein Glücksgefühl.
Nach weiteren zwei Monaten war er jedoch so sehr in seine neue Aufgabe hineingewachsen, dass das alles keine Rolle mehr spielte. In der Rückschau fiel ihm auf, dass das Bedürfnis mit seinem Status anzugeben, deutlich geringer geworden war und dass er sich seiner Aufgabe mit der von ihm gewohnten Sorgfalt und Ausdauer widmete. Das veränderte sein Verhältnis zum Trainer; er glaubte jetzt fest daran, dass dieser genau gewusst haben musste, warum er sie Mischa übertrug. So als hätte der Trainer noch schlummernde Fähigkeiten in ihm erkannt und sie durch seine Entscheidung zum Erwachen und zur weiteren Entfaltung gebracht.
Außerdem brachte ihm seine neue Freizeitbeschäftigung etliche neue Freunde ein. Da war z. B. Tom, der rechte Verteidiger – Tom mochte er besonders, weil dieser ihm sehr ähnelte, auch er verbrachte seine Nachmittage lieber auf dem Spielfeld als zuhause. Tom war ein hagerer aber zäher Spieler, eigentlich viel zu groß für seine Spielerhose, derentwegen er oft von den anderen gehänselt wurde. Er redete sich dann immer damit heraus, dass seine Mutter dieselbe gegen seine ausdrücklich formulierte Anweisung heißer gewaschen habe, als es der Hose zuträglich gewesen sei, und diese um etwa zwei Größen geschrumpft sei. In solchen Momenten stellte Mischa sich verteidigend vor seinen neuen Freund und aufgrund seiner mittlerweile erlangten Autorität fanden die Angriffe auf diesen alsbald ein Ende.
Und es gab Hendrik – Hendrik war der lustigste Junge, den er je kennengelernt hatte; immer gut gelaunt, immer einen lockeren Spruch parat, immer in der Lage, den passenden Witz zu erzählen und immer für ein messerscharfes Bonmot gut. Und Hendrik stand einem in jeder Lage bei. Selbst wenn zehn Cent für eine am Kiosk vor dem Stadion zu kaufende Süßigkeit fehlten, war Hendrik zur Stelle und sprang ein, ohne dass er seinen Vorschuss – wie er ihn gerne nannte und ebenso gerne die Doppeldeutigkeit seines Ausspruchs mit einer fast linkischen Geste unterstreichend – je zurück verlangt hätte. Hendrik war im Gegensatz zu Tom von gedrungener Statur, fast hätte man ihn dick nennen können. Umso erstaunlicher waren Hendriks Läufe über das Mittelfeld. Er war so flink, wie es ihm niemand zutraute, tauchte plötzlich und unversehens neben einem auf, so als wäre er einem geheimen Loch im Rasen entstiegen, um zur Verblüffung vor allem der gegnerischen Spieler einen fast verloren geglaubten Pass an den Stürmer weiterzureichen. Hendrik und Mischa waren die besten Freunde geworden, und das freute Mischa besonders, glaubte er doch immer wieder von sich, dass niemand seine Freundschaft suchen würde. Er fühlte sich oft unterlegen, klein und wertlos – sein Status als Kapitän half ihm ein bisschen über seine Minderwertigkeit hinweg. Aber eben nur ein bisschen – und so war er sich nie sicher, ob die ausgerechnet von Hendrik ihm entgegen gebrachte Zuneigung seinem Status oder seiner Person galt. In der Regel machte er sich keine großen Gedanken darüber, lediglich abends, wenn er den Tag auf dem Spielfeld vor dem Einschlafen noch einmal Revue passieren ließ, kamen ihn die Zweifel erneut an. Irgendwie spürte er, und das hätte er auf Nachfrage nie so formulieren können, dass die überwiegend entwertende Atmosphäre zuhause solche Gefühle freisetzt und dass das Spielfeld wie das Eintauchen in eine andere und eindeutig bessere Welt war.
Und dann war da schließlich noch Tülay, der Torhüter. Ebenfalls klein und pummelig zu nennen, ging ihm oft bei schnellen Trainingsläufen die Puste aus. Er wurde dann rot im Gesicht, versuchte mit den anderen mitzuhalten, was ihm jedoch misslang, gab schließlich häufig vor allem wegen des zunehmend stärker werdenden Seitenstechens auf. Da ihm das fast jedes Mal passierte, entschied der Trainer, dass er zukünftig besser im Tor aufgehoben sei. Und so war es denn auch. Tülay lief zwar immer noch bei den Runden um den Platz mit, aber jetzt war es in Ordnung, wenn er der Letzte war oder aber sein eigenes von der Truppe unabhängiges Tempo lief. Dafür musste er natürlich andere Fähigkeiten trainieren – vor allem wie er ohne Angst zur Seite in die Luft springen könnte, um dann auf der linken oder rechten Seite – je nach Sprungrichtung – auf dem Boden aufzukommen und, ohne sich zu verletzen, dabei auch noch die abgefeimtesten Bälle zu halten. Zunehmend gelang es ihm fast bis zur Perfektion und so geschah es selten, dass er einen Ball durchließ. Er wurde so gut als Torhüter, dass sich in der Mannschaft der Standardspruch entwickelte und lange Zeit hielt: »Der Ball, den Tülay nicht fängt, der muss erst noch erfunden werden!« Manche nannten ihn auch »Tülay, den Fänger«. Das war natürlich eine unglaubliche Übertreibung, charakterisierte aber andererseits den Respekt, den Tülay sich bei seinen Mannschaftskameraden erworben hatte. Schließlich konnte man mit einem solchen Torwart jedem Spiel gelassen entgegen sehen.
Mischa, Tom, Hendrik und Tülay unternahmen sehr viel gemeinsam, auch nach den Trainings beziehungsweise außerhalb der Spiele. Sie schlossen sich sogar soweit zusammen, dass sie unzertrennlich wirkten und wurden und von den anderen schließlich nur noch voller Bewunderung und sicherlich auch einer gehörigen Portion Neid die »Viererbande« genannt wurden. Sie genossen diese Zuschreibung, stärkte sie doch ihr Zusammengehörigkeitsgefühl und bestätigte sie in ihrem Zusammenhalt. Die Viererbande ging gemeinsam zum Training, ging gemeinsam nach Hause und trennte sich erst dann, wenn sich ihre Wege nicht mehr deckten. War am nächsten Tag Training angesetzt, dann verabredeten sie sich an der Ecke, die den Schnittpunkt ihrer Wege von ihrem jeweiligen Zuhause zum Stadion darstellte. In der Regel war Hendrik als erster da und wartete ungeduldig auf die anderen drei, überlegte sich dabei den nächsten lockeren Spruch. Wenn dann schließlich alle da waren, hieß es: »Na, wir vier, alle hier?« oder aber, wenn ein Spiel bevor stand und alle in ihren frisch gewaschenen Trikots erschienen: »Die Viererbande in edlem Gewande!« Wenn die anderen langsam um die Ecke kamen, kommentierte er dies, wenn auch sprachlich nicht besonders gelungen: »Na, heute im Getriebe Sande bei der Viererbande?« Einmal gelang ihm sogar ein Limerick:
Es waren vier Jungs aus der Vorstadt
Die waren gemeinsam ein Kleeblatt
Jeder für sich ein As
Zusammen ein Spaß
Und machten den Gegner platt.
Und ihm fiel jedes Mal etwas Neues ein, Wiederholungen gestattete er sich nicht.
Eine Tages wurden die Vier auf eine ihrem Augenmerk bislang entgangene erstaunliche Gegebenheit hingewiesen; es war wieder einmal ein Spiel gegen eine Mannschaft aus dem Nachbarort angesetzt, ein mit Spannung erwartetes Rückspiel, da sie das vorher ausgetragene Hinspiel verloren hatten und das auch noch als Heimspiel. Sie hatten sich fest vorgenommen, dass sie dieses Mal gewinnen müssten. Vor dem Gang auf das Spielfeld stellte der Trainer noch einmal seine Jungs am Rand auf, um ihnen kurz vor dem Anpfiff die Spielstrategie ein letztes Mal einzuschärfen und um sie zu ermuntern: »Jungs, ihr schafft das schon!« war in solchen Fällen seine stereotype und dennoch glaubhafte Formulierung. Plötzlich sprang Nils ganz aufgeregt von der Reservebank auf, fing zunächst an, laut unverständliche Worte auszurufen, sehr zum Missfallen des Trainers, der in solchen Momenten die volle und ungeteilte Aufmerksamkeit seiner Mannschaft verlangte. Aber auch der Nils zugeworfene strenge Blick konnte diesen nicht bremsen, entweder, weil er ihn nicht wahrnahm oder weil sein Mitteilungsbedürfnis so groß war. Nach und nach kristallisierte sich aus seiner Lautkette heraus, was er eigentlich sagen wollte: »Die Verdopplung, seht doch die Verdopplung.« Und eigentlich hatte er die ganze Zeit nichts anderes getan, als diese sechs Worte zu wiederholen – sie waren lediglich, da er schnell sprach und Silben verschluckte, nicht zu verstehen gewesen. Und noch einmal rief er: »Die Verdopplung, seht doch die Verdopplung.« Dieses Mal schaute der Trainer Nils nicht nur strafend an, sondern befahl ihm energisch, seinen Platz auf der Bank wieder einzunehmen. Nils setzte sich, der Trainer drehte sich wieder seinen Jungs zu, hob die rechte Hand mit dem ausgestreckten Zeigefinger in die Höhe, ein ihnen bekanntes Zeichen, mit dem er signalisierte, dass sie ruhig zu sein hatten und auf ihn achten sollten. Ein letztes: »Jungs, ihr schafft das schon!« und er entließ sie auf das Spielfeld.
Trotz der Irritation, die Nils Auftritt Sekunden vor dem Spiel in die Mannschaft hineingetragen hatte, spielte sie von Anfang an konzentriert und gewann das Rückspiel überlegen.
Nach der Dusche rannten natürlich alle zu Nils und wollten wissen, was denn seine kryptische Bemerkung für einen Sinn ergäbe. Dieser genoss die sich um ihn scharende Mannschaft. Das machte seinen Verweis auf die Reservebank in gewisser Weise wett. Er sagte: »Moment, ich zeige euch, was ich gemeint habe« und er forderte die Viererbande auf, ihre völlig durchgeschwitzten Trikots erneut anziehen. Mischa entgegnete: »Du spinnst wohl, wir haben doch gerade erst geduscht!« Aber Nils ließ sich nicht von seinem Vorhaben abbringen: »Nun macht schon, stellt euch doch nicht so an!« Widerwillig stellten sie sich also vor den anderen in einer Reihe auf. Dann rief Nils: »Und jetzt dreht euch um!« – auch das taten sie untermalt mit lautem Gemurre, das deutlich ihr Missbehagen zum Ausdruck brachte. Aber Nils rief wieder laut: »Aber so doch nicht, das ist falsch, ganz falsch!« Tülay entgegnete verärgerte: »Was denn noch, wir stehen doch so, wie du es haben wolltest. Was ist denn daran falsch?« »Ihr steht nicht in der richtigen Reihenfolge«, und er kommandierte solange, bis er zufrieden war, »links Mischa, dann Tom, dann Hendrik und am Ende Tülay.« Schließlich klatschte er zufrieden in die Hände: »Na, seht ihr es, die Verdopplung, wie ich es gesagt habe.« Aber die anderen verstanden nicht, worauf Nils hinauswollte und glotzten nur unverständlich auf die vier Rücken der vor ihnen stehenden Freunde. »Na, seht ihr es denn nicht?« fragte Nils erneut, »die Verdopplung, seht ihr die denn nicht?« Und als er bemerkte, dass einige nur den Kopf schüttelten, andere so taten, als wüssten sie, worum es ging, blieb ihm schließlich nichts anderes übrig, als es ihnen zu erklären.
»Mann, seid ihr blöd«, begann er, »das kann doch jedes Kind sehen, Also, ich erklär’s euch. Tülay hat die Nummer 1 auf seinem Trikot, Tom die 2, Hendrik die 4 und Mischa…« aber hier ließ er seine Erklärung enden und schaute überlegen und auffordernd in die Runde. »Und Mischa, na, na…, Checkt ihr es jetzt endlich oder seid ihr immer noch zu blöd zu sehen, was ich meine?« Und dann merkte er an ihrem erkennenden Grinsen, dass einem nach dem andern aufging, was er mit Verdopplung meinte. »Und Mischa hat die acht, na, wenn das kein Zufall ist« kommentierte er schließlich triumphierend seine Entdeckung. Die Viererbande war hocherfreut über Nils Erklärung, schweißte sie sie – und sie glaubten sofort aus unerfindlichen Gründen an die Nichtzufälligkeit der Zahlenfolge – doch noch stärker zusammen.
Sie ergingen sich in der nächsten Zeit nach Nils Entdeckung in Zahlenspielereien, die ihre mathematische Gemeinschaft in allen Variationen zum Ausdruck bringen sollte. Ihnen war bewusst, dass die Nummern auf ihren Trikots nicht ihrer Aufstellung in der Mannschaft entsprachen und hätte sie jemand aufgefordert, diese gegen die entsprechenden Zahlen einzutauschen, so hätte er mit der gemeinschaftlichen Entschlossenheit der Viererbande rechnen müssen, dieses Vorhaben um nichts in der Welt umzusetzen.
An einem sonnigen Nachmittag lagen sie nach dem Training sinnierend am Spielfeldrand auf dem Rasen, die Köpfe zueinander gewandt. Tülay begann die Runde: »Es ist wirklich erstaunlich, wie gut wir zusammenpassen, und dass das dann auch mit unseren Hemden passiert ist, findet ihr nicht auch?« Die anderen drei nickten unter zustimmendem Gemurmel. Tom sog geräuschvoll seine Limonade durch einen Strohhalm: »Es ist Wahnsinn, einmal vier ist vier und acht geteilt durch zwei macht auch vier. Und vier, das sind wir, toll nicht?« Hendrik fühlte sich bemüßigt auch etwas zum Besten zu geben, überlegte eine Weile und schloss sich dann an: »Egal wie du’s drehst, du landest immer wieder bei vier. Vier mal acht zum Beispiel ergibt zweiunddreißig, die Quersumme macht fünf, eins davon weg ergibt vier«, aber schon im Reden merkte er, dass seine Gleichung sehr konstruiert klang und von der Absicht getragen, dass man – egal welche Addition oder Multiplikation verwendet wurde – am Ende wieder bei der Vier landen sollte. Angespornt durch Hendriks Versuch, begann Tom: »Man kann’s aber auch so sehen, vier mal acht macht zweiunddreißig, das mal zwei ergibt vierundsechzig und vierundsechzig geteilt durch zwei mal acht ergibt vier, na, wie findet ihr das? Ist doch klasse, oder?« Die anderen sogen anerkennend die Luft durch ihre eng gestellten Lippen ein, keiner wagte mehr etwas zu sagen, um die Eleganz dieses mathematischen Höhenflugs auf sich wirken zu lassen. Nach einer angemessenen Weile sog Tom erneut noch geräuschvoller an seinem Strohhalm, da die mittlerweile fast leer gewordene Flasche lediglich eine stark mit Luft angereicherte Mischung den Halm emporsteigen ließ und so ein allzu bekanntes Geräusch erzeugte. Er begann: »Vier mal vier macht sechzehn, sechzehn plus acht ergibt vierundzwanzig, vierundzwanzig geteilt durch vier macht sechs weniger zwei macht vier…« Schließlich vereinbarten sie, dass – egal wie die lange die Rechenkette sein mochte – jede der vier Zahlen nur einmal oder nur in einem Vielfachen vorkommen dürfe, eine Gleichung nur mit der Zahl eins, zwei und acht war nicht erlaubt, auch wenn am Ende vier herauskam. Und so ging es die ganze Zeit weiter. Mal elegant mal gewollt, aber das war schließlich egal, die Botschaft, die sie sich immer wieder durch ihre Spielereien vorsagten, war einfach und klar: Wir vier gehören zusammen und wir vier sind tolle Kerle.
Dem Trainer gefiel die Viererbande; sie brachte der von ihm betreuten Mannschaft nur Vorteile, schließlich hielten sie wie Pech und Schwefel zusammen und waren so – trotz allen Neides – für die anderen Jungs in gewisser Weise Vorbild. Dies schlug sich auch in den Tabellenergebnissen nieder. Sein Verein bewegte sich mit einer fast langweilig zu nennenden Gleichförmigkeit immer unter den ersten fünf Plätzen. Und auch hier waren natürlich die Neider wieder am Werke, mal mehr mal weniger offen. Manche munkelten die Spielergebnisse seien vorher ausgehandelt worden, andere zogen den Trainer auf: »Wieso wollt Ihr denn spielen? Man weiß ja sowieso, was herauskommen wird!«
Doch dieser ließ sich in seinem Gleichmut davon nicht beeindrucken, genoss er doch die Erfolge seiner Jungs genauso wie diese selber. Alles in allem herrschte ein guter Geist in der Mannschaft und gegen Ende der Spielsaison belegte die Mannschaft den zweiten Platz in der Gesamtwertung.
An diesem Punkt seiner Rückschau seufzte Mischa noch einmal tief, denn diese glückliche Zeit schien vorbei zu sein. Und alles fing mit Lars an.
Dieser kam im Frühjahr neu in die Mannschaft – ein von Anfang an schwieriger Junge. Lars war aggressiv gegen jeden, rücksichtslos, egoistisch, nur auf den eigenen Vorteil bedacht. Er nutzte jede Gelegenheit, einen seiner zahlreichen entwertenden Sprüche loszuwerden. Er war größer als die anderen Jungs, größer auch als alle aus der Viererbande. Er besaß eine grobschlächtige Ausstrahlung, die es schwer machte, ihn zu mögen – kurz: er war das, was innerhalb der Viererbande als Hooliganschubser bezeichnet wurde; sicherlich war das nicht seine Natur und man wusste eigentlich nicht genau, was ihn dazu gemacht hatte. Gerüchte über ihn waren im Umlauf, seine Mutter sei früh an Krebs gestorben, er lebe mit seinem Vater zusammen, der Alkoholiker sei und Ähnliches. Doch keiner wusste wirklich zuverlässig, was die Lebensumstände von Lars waren und wie sie ihn geformt hatten. Die selbstverständlich Mischa als Mannschaftskapitän zufallende Aufgabe, Lars in die Mannschaft zu integrieren und ihn in seinen temperamentvollen Ausbrüchen zu begrenzen, war zwar eine neue Herausforderung für ihn, doch glaubte er oft, damit an den Grenzen seiner Fähigkeiten angekommen zu sein. Zumal Lars ihm – wenn auch noch verdeckt – den Posten als Kapitän streitig machen wollte. Zunehmend verlor Mischa den Spaß am Spiel und an seiner Funktion.
Lars konnte oder wollte sich nicht in die Mannschaft einfügen, obwohl er – das bemerkte man schnell – ein hervorragender Spieler war. Er konnte einem gegnerischen Spieler den Ball auf eine Art und Weise abjagen, dass dieser dann z. B. dermaßen verdutzt stehen blieb, um überhaupt realisieren zu können, dass er von einer Zehntelsekunde auf die andere nicht mehr im Ballbesitz war. Oder Lars war geradezu berühmt für seine langen Pässe, mit denen er aus dem eigenen Feld bis weit hinter die Mittellinie einem Mitspieler den Ball punktgenau vor die Füße legte. Aber Lars konnte auch, besonders dann, wenn er einem Gegner keinen Ball abjagen konnte, gemein sein. Er hatte eine besondere und nur aufmerksamen Blicken wahrnehmbare Art, Spieler zu foulen. Durch seine Größe und unterstützt durch Aussprüche wie: »Hau ab, du Pisser!« gelang es ihm immer wieder, andere so zu verschrecken, dass diese einen Bogen um ihn machten oder aber ihm – wenn es sich nicht vermeiden ließ - nahezu freiwillig den Ball übergaben, bloß um seinen potenziellen Attacken während oder nach dem Spiel zu entgehen. Dennoch war er für die Mannschaft einfach ein Gewinn, und das entging natürlich auch dem Trainer nicht, der sich häufig schützend vor ihn stellte, wenn seine Jungs sich wieder einmal über dessen Ruppigkeit beschwerten. Doch das trug dazu bei, dass Lars glaubte, sich seine Extravaganzen, seine Gemeinheiten und seine Impulsivität leisten zu können. Bei jedem Spiel war sein Beitrag immer in irgendeiner Art und Weise spielentscheidend; den anderen blieb daher nichts anderes übrig, als dies zähneknirschend zur Kenntnis zu nehmen. Alle aber wunderten sich, wieso Lars mit so hervorragenden Fähigkeiten in den Verein eingestiegen war, irgendwo musste er die ja schließlich erworben haben. Nach einer Weile bekam einer der Viererbande heraus, dass Lars aus dem Verein des Nachbarortes, in dem er vorher Mitglied war, auf einstimmigen Beschluss des Vereinsvorstandes ausgeschlossen worden war. Einer der wesentlichen Gründe sei sein häufiges Foulspiel gewesen, ein weiterer der, dass er nach einem verlorenen Spiel den Spieler verprügelt hatte, der das entscheidende Tor geschossen hatte, mit dem die Mannschaft von Lars das Spiel verloren hatte.
Lars ließ es sich nicht nehmen, bei jeder sich während eines Spiels ergebenden Gelegenheit, dicht an dicht mit Mischa über den Rasen zu laufen und diesem zuzuraunen: »Noch bist du der Kapitän, aber nicht mehr lange.« Beim ersten Mal glaubte Mischa sich verhört zu haben, er konnte einfach nicht glauben, dass Lars ihm so offen seinen Rang streitig machen wollte. Bei jedem weiteren Mal musste er jedoch die Ernsthaftigkeit der Drohung für wahrscheinlicher halten und sorgte seinerseits dafür, dass er um Lars einen möglichst großen Bogen machen konnte. Während des Spiels war das natürlich kontraproduktiv und eine Tages nahm der Trainer Mischa für ein vertrauliches Gespräch zur Seite.
»Mischa, darf ich dich mal etwas fragen?«
»Aber sie wissen doch, dass sie mich alles fragen dürfen« entgegnete Micha etwas energischer als ihm lieb war, denn er ahnte, worum es ging.
»Also gut, ich habe den Eindruck, dass du Lars aus dem Weg gehst und dass euer Zusammenspiel so sehr darunter leidet, dass ich befürchte, es könnte sich auf den Mannschaftserfolg auswirken.«
»Wissen sie denn auch, warum das so ist?« fragte Micha zurück.
»Das interessiert mich nicht, das warum ist mir egal, mir ist die Mannschaft wichtig und nur die Mannschaft. Und sowohl du als auch Lars seid Teil dieser Mannschaft. Also: Ich möchte, dass das in Zukunft wieder gut läuft, sonst müsste ich mir andere Konsequenzen überlegen.«
Das war eine herbe Enttäuschung für Mischa, hatte er doch gehofft, dass der Trainer die ihm entgegen gebrachten Gefühle in gleicher Weise erwiderte und sich auf Mischas Seite stellen würde. Noch erfüllt von der gerade eben erlebten Zurückweisung lief er den anderen drei aus der Bande hinterher, um ihnen von dem kurzen Intermezzo mit dem Trainer zu berichten.
Bei den anderen gingen die Wogen der Empörung hoch. »Wenn der Trainer wüsste, was Lars für ein Arschloch ist!« rief Hendrik aus und Tülay setzte hinterher: »Ein Riesenarschloch, wie es im Buche steht.«
»Hast du denn dem Trainer nicht erzählt, was Lars dir öfters androht?« fragte Tom voller Unglauben.
»Nein, das hat ihn nicht interessiert – und das finde ich ja das Gemeine« antwortete Mischa den Tränen nahe.
So konnte das nicht weiter gehen, und so beschloss die Viererbande eine Strategie, mit der sie Lars entweder in seine Schranken verweisen oder sogar eine Situation schaffen konnten, in der Lars nichts anderes übrig blieb, als den Verein zu verlassen. Und in der sie nicht als die Drahtzieher zu identifizieren waren.
