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Winter 1868 in einem unwegsamen Gebirgstal. Im Frühjahr schickt die arme Bauernfamilie Meser ihren neunjährigen Sohn Kaspanaze auf den Kindermarkt nach Ravensburg, wo er von einem grausamen Bauern ersteigert wird. Doch schon bald erträgt er dieses Leben nicht mehr und läuft davon. Eine abenteuerliche Flucht beginnt. Jahrhundertelang zogen wie Kaspanaze viele "Schwabenkinder" - meist nur dürftig bekleidet - in Zügen über die oftmals noch schneebedeckten Alpen nach Oberschwaben, um dem Hunger zu entkommen und für die Familien daheim ein wenig Geld zu verdienen. Dieses Buch erzählt anhand eines bewegenden Einzelschicksals vom Leben jener Kinder und enthüllt zugleich ein Stück Zeitgeschichte
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Seitenzahl: 609
Veröffentlichungsjahr: 2016
Das so genannte »Schwabengehen« der Kinder ist ein sehr dunkles Kapitel, das unsere Länder verbindet. Die Tatsache der Kinderarbeit stellte auch in unserer zivilisierten Welt bis ins 20. Jahrhundert bedauerlicherweise nichts Besonderes dar. Die frühzeitige, lange Trennung vom Elternhaus und die Form der Verdingung auf eigenen Kindergesindemärkten dokumentieren aber die besonderen Härten im Schicksal eines »Schwabenkindes«.
Diese »Wanderungen« über Jahrhunderte hinweg nach Oberschwaben und ins Allgäu sorgten für eine Entlastung der oftmals bitterarmen kinderreichen Familien in den Alpentälern: Ein halbes Jahr war man der Sorge um die Ernährung eines oder mehrerer Kinder enthoben. Dazu kamen ein paar Gulden und vielleicht Schuhe, Kleidung sowie Lebensmittel als Lohn für die sieben- bis fünfzehn jährigen bäuerlichen Dienstboten. Außerdem konnten sich gerade in der Fremde viele Kinder erstmals satt essen, eine Möglichkeit, die daheim nicht immer gegeben war.
Wer dieses gesellschaftliche und politische Phänomen aus unserer »modernen« Sichtweise betrachtet, macht es sich bestimmt zu einfach, da es einer Reihe von Faktoren bedurfte, die nur aus dem Einblick in die damaligen Lebensbedingungen verständlich werden. Industrialisierung, weitgehende Technisierung der Landwirtschaft, Tourismus und gesetzliche soziale Absicherungen haben einen hohen Lebensstandard geschaffen, der unserer Jugend ein unbeschwertes Heranwachsen ermöglicht und ihr viele Perspektiven eröffnet. Die letzten Zeugen, die als »Schwabenkinder« verdingt wurden, sind inzwischen hoch betagt, und wir können nicht mehr lange auf ihre persönlichen Erinnerungen zurückgreifen. Wir wünschen diesem Buch von Elmar Bereuter viel Erfolg und hoffen, dass es viele historisch interessierte Leser – über unsere Regionen hinaus – erreicht.
Erwin Teufel, Ministerpräsident Baden-Württemberg, Deutschland
Claudio Lardi, Regierungspräsident Graubünden, Schweiz
Wendelin Weingartner, Landeshauptmann Tirol, Österreich
Herbert Sausgruber, Landeshauptmann Vorarlberg, Österreich
Luis Durnwalder, Landeshauptmann Südtirol, Italien
Kaspanaze schwitzte. So sehr er auch an den großen Hörnern zog und riss, die rechts und links von ihm aufragten – der verflixte Schlitten bewegte sich höchstens zentimeterweise von der Stelle. Jetzt hast du den Dreck, dachte er mit zunehmender Wut. Und dabei weißt du ganz genau, dass der Pappschnee sofort an den Kufen festklebt, wenn du stehen bleibst. Kaspanaze drehte sich um und versuchte den Schlitten zum Gleiten zu bringen, indem er die Absätze seiner Holzschuhe fest in den Schnee rammte und sich ruckartig mit seinem Körpergewicht nach hinten fallen ließ.
Der Schlitten machte einen kurzen Satz nach vorne, und Kaspanazes Morgen wäre wieder in Ordnung gewesen, wenn er nicht seinen linken Schuh verloren hätte, als er sich umdrehen und wieder die normale Zugposition einnehmen wollte. Da stand er nun wieder, der Schlitten, der gottverd … – aber nein, so ein Wort darf man nicht einmal denken. Selbst das Denken ist schon eine Sünde, fuhr es ihm scharf durch den Kopf. Ihm war zum Heulen zumute. Er unterdrückte den Drang, schluckte ein paar Mal und fixierte mit verkniffenem Blick die an einem Holzgestell festgebundene Milchkanne auf dem Schlitten.
Ein grünlich schimmernder Rotzbollen hing aus seinem rechten Nasenloch, und so fest er auch schniefte und sich mühte, ihn wieder in die Nase zurückzuziehen – nach kürzester Zeit war er wieder außerhalb seines Geruchsorganes. Kaspanaze wollte ihn am Ärmel seiner Jacke abwischen, brachte aber nicht mehr als einen schmalen Streifen zu Wege, der sich in der Dämmerung weiß vom Stoff abhob. Er beschloss, einen anderen Entsorgungsweg zu wählen, drückte Zeige- und Mittelfinger der linken Hand gegen den linken Nasenflügel, holte tief Luft und jagte mit einem lauten Schnauben den Bollen in den Schnee, wo er ein kleines Loch hinterließ. Die Sonne schlief noch hinter den Bergen des Bregenzerwaldes, als Kaspanaze einen neuen Anlauf unternahm, den vermaledeiten Schlitten, dem es gleichgültig war, dass die Milch spätestens um sieben Uhr in der Sennerei sein musste, wieder in Bewegung zu bringen.
So breitbeinig, wie es ihm seine achteinhalb Jahre erlaubten, stellte er sich erneut rücklings zwischen die Schlittenhörner, umfasste diese so weit unten wie möglich und versuchte, durch Hin- und Herrücken und gleichzeitiges Ziehen den Widerstand des pappigen Schnees zu überwinden. Nach dem fünften Ruck war der Schlitten frei. Kaspanaze drehte sich um, hielt den linken Hörnerschnabel im Ziehen fest, warf sich nach vorne und griff im Laufen mit der weit ausgestreckten Rechten nach dem rechten Schnabel. Jetzt nur nicht stehen bleiben, bis du auf der Straße bist … lieber Schutzengel hilf mir, dass ich es bis zur Straße schaffe …
Keuchend wühlte er sich durch den Schnee, der über die Ränder seiner Holzschuhe ins Innere eindrang und nach und nach seine Strümpfe durchnässte. Aber er spürte nichts davon.
»… gleich bin ich beim Holunderbusch, und dann sind es nur noch ein paar Meter bis zur Straße …«
Die nicht ganz festgezurrte Milchkanne schabte am Gestell und gab dumpfe, polternde Geräusche von sich. Mit einem Holperer glitt der Schlitten auf den etwas tieferen und festeren Untergrund der Straße, die Schneiders Hermann mit dem Schneepflug und seinen beiden Pferden noch im Dunkeln gebahnt hatte. Unter Ausnutzung des restlichen Schwunges drehte Kaspanaze seinen Schlitten in eine schon von einem anderen Schlitten gezogene Spur und ließ sich auf die Ladefläche vor der Milchkanne fallen.
»Gott sei Dank, du hast es geschafft, aber du bist spät dran«, dachte er erleichtert. Nachdem sein Atem wieder etwas ruhiger ging, stand er auf, umfasste wieder die beiden Hörner und zog den Schlitten der Dorfmitte zu, wobei er darauf achtete, in einer bereits ausgefahrenen Spur zu bleiben. Vom Kirchturm hatte es schon sieben Uhr geschlagen, als Kaspanaze auf dem festgetrampelten Platz vor der Sennerei anlangte.
Kührs Kilian war um die fünfzig, hager und trug einen kleinen Schnauzbart, der an den Ecken schon grau war. Genau besehen war nur eine Seite ganz grau, denn auf der rechten Seite wiesen seine Barthaare im unteren Bereich eine dunkelbraune, schon fast schwarze Färbung auf und seine Zähne hatten eine ähnliche Tönung. Nicht dass seine Zähne schlecht oder gar faul gewesen wären. Bei einem Käsesenner wie dem Kilian waren gute Zähne zur Berufsausübung fast unerlässlich. Seine Zähne waren sozusagen seine dritte Hand, die er brauchte, um das große Käsetuch im Mund festzuklemmen, während er mit beiden Händen die geronnene und mit einer Art Harfe zerkleinerte Masse mit dem Tuch im Sennkessel zu einem großen Ballen zusammenfischte. Kilians Zahn- und Bartfärbung kam vom Tabakkauen. Tabakkauen war ein weit verbreitetes Männervergnügen und hatte den Vorteil, dass es billig war. Die etwa fingerdick gerollten Tabakblätter hatten Ähnlichkeit mit zu stark geräucherten Würstchen. Verkauft wurden sie aus Steinguttöpfen, in denen sie in Essenzen eingelegt waren. Von dieser Tabakwurst wurde ein mundgerechtes Stück abgebissen, mit den Zähnen zerkleinert, mit dem Speichel vermischt und über längere Zeit durchgekaut.
In vielen Häusern stand eine Spucktruhe. Das war eine mit Sägemehl gefüllte hölzerne Kiste mit einem langen, senkrecht stehenden Griff. Kilian hatte sich angewöhnt, seinen überschüssigen Pfriem aus dem rechten Mundwinkel mit scharfem, gezieltem Strahl fast punktgenau darin zu platzieren. Durch diese über lange Jahre praktizierte Übung hatte Kilians rechte untere Bartseite ihren dunklen Farbton erhalten.
Kilian Kühr war ein seelenguter Mensch, den so schnell nichts aus der Ruhe bringen konnte. Fuchtig konnte er nur werden, wenn jemand nicht zur festgelegten Zeit mit der Milch in der Sennerei war und so sein Tagesablauf durcheinander gebracht wurde. Dann zählte er schon im Geiste die Holzscheite, die unnötigerweise nachgelegt werden mussten, bis die gesamte angelieferte Milch im kupfernen Sennkessel auf Verarbeitungstemperatur gebracht war.
»Na, kommst du heute auch noch?«, grummelte er unter der Tür stehend und jagte seine bis zur Mittagszeit letzte Ladung Pfriem in einem dünnen Strahl auf den festgetretenen Schnee, während Kaspanaze die Milchkanne vom Gestell losband. Gemeinsam fassten sie die seitlichen Griffe und trugen die Kanne in den weiß gestrichenen Raum zur großen Balkenwaage, an der ein großer Kübel hing, in den sie die Milch zum Wiegen leerten.
Während Kilian an der Waage hantierte, fragte er beiläufig, ohne den Blick vom Gewicht zu nehmen:
»Wo ist denn die Mariann?«
»Die ist krank und hat Bauchweh. Seit gestern Abend kotzt sie schon.«
Dass es bei denen überhaupt noch etwas zum Kotzen gibt, dachte Kilian nicht ohne Mitgefühl. Zwei kleine Montafoner Kühe und eine Sau im Stall, aber drei kleine Kinder und das Vierte ist unterwegs. Mariann war Kaspanazes Schwester und anderthalb Jahre jünger. Normalerweise brachten sie am Morgen die Milch gemeinsam ins Sennhaus, da beide schon schulpflichtig waren und sowieso hätten ins Dorf müssen. Mariann war ein eher schüchternes Mädchen mit blauen Augen und langen schwarzen Zöpfen, an denen sie Kaspanaze zog, wenn sie wieder einmal nicht zur Kenntnis nehmen wollte, dass er der Ältere und Stärkere war.
Zusammen mit Stenzels Peter, Larchenmüllers Buben und Meltzers Kindern lieferte er noch eine Schneeballschlacht, bis es sie alle an die Finger fror. Auch wurde es mit der Zeit langweilig, da sie das fast jeden Morgen zwischen der Milchablieferung und der Schülermesse machten. Kaspanaze schlupfte wieder in seine gestrickten Handschuhe, die über eine Schnur verbunden waren, die über den Nacken und durch die Jackenärmel verlief. Die Kirchenglocke bimmelte, und von allen Seiten kamen aus der morgendlichen Dämmerung die schulpflichtigen Kinder nach und nach zum Kirchenportal, was nicht ohne Geknuffe und Schubsereien abging. Dies dauerte immer so lange, bis der Lehrer auftauchte. »Der Lehrer kommt …« Diese drei Worte genügten, dass die Kinder hastig in die Bänke rutschten.
Hinter ihnen nahm Georg Tortscher Platz, der ihnen seit einigen Jahren als Dorfschullehrer nicht nur das Einmaleins und etwas Lesen beibrachte, sondern auch während der Gottesdienste dafür sorgte, dass in der Kirche gebührliche Ruhe herrschte. Die Folgen für störendes Verhalten waren allen bekannt, hatten sie doch Larchenmüllers Franz erst letztes Jahr voll getroffen.
Neben der Bank, in der Franz während des Fronleichnam-Gottesdienstes saß, war eine Prozessionsfahne in die Halterung eingesteckt. Ob nun die Predigt für den Franz nicht sehr erbauend war oder ob er sie nicht verstand, wurde nie geklärt. Fest steht nur, dass dem Franz langweilig wurde. Sein Pech war, dass die Fahnenstange direkt neben ihm nach oben zur Kirchendecke ragte und dadurch sein Vorhaben erleichtert, wenn nicht sogar gefördert wurde.
So stand er mitten in der festlichen Predigt auf, stieg auf die Armlehne der Kirchenbank und begann an der Stange hinaufzuklettern. Das am oberen Ende befestigte Fahnentuch begann heftig zu schwenken und zog so zwangsläufig die Blicke aller Kirchenbesucher auf sich. Ein leises Raunen und Tuscheln ging durch das Kirchenschiff, der Pfarrer hielt einen Moment verdutzt in der Predigt inne, um dann mit deutlich lauterer und eindringlicherer Stimme fortzufahren.
Franz aber war so damit beschäftigt, an dem dünnen Schaft Halt zu finden und Höhe zu gewinnen, dass er von allem gar nichts wahrnahm. Sobald der in andächtiges Lauschen vertiefte Lehrer mitbekam, was sich da abspielte, schritt er, so schnell es die Würde des Ortes erlaubte, durch den Mittelgang, wobei alle Augen auf ihn gerichtet waren.
Als er bei der Fahne angekommen war, an der Franz immer noch weltvergessen herumturnte, ließ er ein kurzes Räuspern vernehmen. Gleichzeitig versuchte er, ihn an einem Fuß zu erwischen und herabzuziehen. Franz sah von oben den hochroten Kopf des Lehrers und rutschte so schnell es ging herunter, wobei er mit dem rechten Knie schmerzhaft an der Kante der Armlehne aufschlug. Kaum dass er wieder auf dem Boden stand, erhielt er rechts und links je eine kräftige Ohrfeige, und als er in die Bank zurückwollte, zog ihn der Lehrer am linken Ohr wieder heraus auf den Gang und bedeutete ihm, hier stehen zu bleiben, damit alle auch sehen konnten, wer der Übeltäter war. Zornig flüsterte er ihm zu: »Du wirst schon noch sehen!«
Franzens Mutter schämte sich in Grund und Boden und wagte keinen Blick zur Seite, während sich der Vater mit verkniffenen Lippen vornahm, seinen Stammhalter daheim durchzuwalken. Auch Franz dämmerte, dass das alles noch ein Nachspiel haben würde. Nach der Prozession versuchte er Zeit zu gewinnen und den Zeitpunkt des elterlichen Strafgerichtes hinauszuschieben. Länger als sonst blieb er am sicheren Ort des Familiengrabes stehen, und daheim versuchte er, über den Stall und den Holzschopf unbemerkt in seine Kammer zu gelangen, um sein Sonntagsgewand zu wechseln. Da fiel ihm ein, dass die zu erwartenden Hiebe vielleicht weniger heftig ausfallen könnten, wenn er das bessere Gewand anließe, weil die Mutter immer großen Wert darauf legte, dass er darauf aufpasste, damit es auch noch sein jüngerer Bruder tragen könne. Im Holzschopf machte er wieder kehrt und bog gerade um das Stalleck, als er unvermittelt seiner Mutter in die Hände lief. Zum Davonrennen war es zu spät. Diesmal kam die Ohrfeigenfolge von rechts nach links.
»Eine Schande ist es mit dir … im ganzen Ort redet man von uns … dass du dich überhaupt nicht schämst …«, und nochmals zischte es kräftig auf Franzens Backen.
»Schau, dass du hineinkommst und zieh dich um und dann holst du im Holzschopf ein Scheit, du weißt schon wofür. Und dann kommst du zu mir in die Küche.«
Franz war klar, dass alles nur noch ärger würde, wenn er sich jetzt bockig stellte. Mit brennenden Wangen holte er ein dreieckig gespaltenes Holzscheit im Schopf und entgratete es vorsichtshalber noch ein wenig mit der Hacke. In der Küche nahm die Mutter das Scheit in die Hand, überprüfte es und befahl ihm, sich an der Wand auf das Scheit zu knieen.
»Da bleibst du jetzt und rührst dich nicht, bis der Vater heimkommt!«
Der scharfe Grat des Holzscheites grub sich ihm in die Knie. Besonders das rechte schmerzte ungemein, weil er damit ja schon auf die Kirchenbank geprallt war. Durch ständiges Gewichtsverlagern versuchte er die Schmerzen in erträglichen Grenzen zu halten. Die Zeit schein stehen geblieben zu sein, fast schon inständig hoffte Franz, dass endlich der Vater heimkommen möge, um ihm endlich den Hintern zu versohlen.
Die Erlösung erschien mit einer Weidenrute in der Hand, die der Vater auf dem Heimweg abgeschnitten hatte und unter der Küchentüre ein paar Mal kurz aus dem Handgelenk durch die Luft pfeifen ließ.
»Von mir hat er schon Ohrfeigen bekommen«, sagte die Mutter besänftigend, da ihr Franz inzwischen schon ein wenig Leid tat.
»Hosen runter«, befahl der Vater und legte den Buben übers Knie. Hinterher hatte Franz beim Sitzen nicht unerhebliche Schwierigkeiten, und auch das Mittagessen wollte ihm nicht so recht schmecken.
Leicht lädiert hinkte er zur nachmittäglichen Andacht, wo er mit zusammengebissenen Zähnen die harte Kirchenbank erdulden musste und betete, dass der Herrgott ein Einsehen haben und den Gottesdienst kurz machen möge.
Beim Verlassen der Kirche sagte der Lehrer kein Wort, als er sich vor der Kirchentür an ihm vorbeidrückte, aber sein Blick verhieß nichts Gutes. Am nächsten Morgen wollte der Lehrer Tortscher vor versammelter Klasse ein Exempel statuieren, wie es einem erging, der sich in der Kirche nicht benehmen konnte. Nach dem gemeinsamen Vaterunser griff er nach dem vierkantigen Zollstock, der wie immer auf der oberen Einfassung der Schultafel lag, und sagte in normalem Unterrichtston: »Franz, komm einmal nach vorne!«
Zögernd trat dieser zur Tafel.
»Du weißt schon, was dir jetzt blüht, und du weißt auch warum. Fünf Tatzen sind das Mindeste!«
Zur Klasse, die eigentlich aus vier Schulzügen bestand, fuhr er fort: »Nur damit ihr seht, dass man sich auch in der Kirche benehmen muss.«
Und zu Franz: »Du weißt, was passiert, wenn du die Hand zurückziehst. Für jedes Mal Zurückziehen gibt es einen Schlag mehr auf die Hand.«
Franz streckte die Hand mit der Innenseite nach oben aus, drehte sich leicht von der Klasse weg, damit man die Tränen nicht sehen konnte, die es ihm gleich aus den Augen drücken würde. Er schloss die Augen und wartete auf den ersten Schlag.
Der Schmerz des dritten Hiebes trieb ihm das Wasser durch die geschlossenen Lider. Aber eisern hielt er die Augen geschlossen.
Der Lehrer Tortscher war wegen seiner Tatzen gefürchtet, denn wenn er richtig in Rage war, drehte er den Vierkantstock so, dass eine Kante auf die Hand traf, was besonders schmerzhaft war. Franz glaubte, auf eine glühende Herdplatte gefasst zu haben, so sehr brannte die Handfläche.
Mit Grausen dachte er daran, dass heute auch noch Religionsunterricht war. Als nach der Pause der Pfarrer ins Klassenzimmer kam, klopfte sein Herz bis zum Hals.
Der hochwürdige Pfarrer Rauch konnte zwar sehr streng sein und auch ganz böse durch die Gläser seines Zwickers auf der Nase schauen. Aber das war mehr Selbstschutz, um sich die Tratschweiber und bigotten alten Schachteln vom Leib zu halten.
Nach dem Gebet trat er zu Franz an die Bank, zog ihn leicht am Haaransatz an den Schläfen nach oben und fragte, von wem er schon alles bestraft worden sei. Franz zählte die Stationen seines Leidensweges auf und konnte ein plötzliches Schluchzen nicht mehr unterdrücken, da er auch vom Pfarrer eine saftige Tracht Prügel erwartete.
Hochwürden Rauch legte die Hand um seine Schulter, zog ihn leicht an sich und sagte so leise, dass es nur Franz verstehen konnte: »Büble, so einen Blödsinn machst nimmer!«
Dann ging er vor zur Tafel und drehte sich zu den Schülern um:
»Wer nicht hören will, muss fühlen. Wer glaubt, dass er tun und lassen kann, was ihm gerade einfällt, dem wird das Leben das Gegenteil zeigen. Ein jeder muss sich irgendwo ein- oder unterordnen und auf andere Rücksicht nehmen. Heute lasse ich noch einmal Gnade vor Recht ergehen! Ich hoffe, ihr habt das alle kapiert!«
Dabei funkelte er, so grimmig er nur konnte, durch seine Brillengläser in den mucksmäuschenstillen Schulraum.
Franz aber war, als sei Weihnachten und Ostern gleichzeitig. Die Hand, Wangen, Ohren, Knie und Hintern taten ihm plötzlich nicht mehr weh. Ausgerechnet der Pfarrer, von dem er die härteste Bestrafung erwartet hatte, zeigte Verständnis oder Mitleid oder beides zusammen. Diese kleine tröstende Geste von Hochwürden Rauch würde Franz sein ganzes Leben lang nicht mehr vergessen, da war er sich ganz sicher. Tief verstand er mit einem Mal, dass Verzeihen ein größerer Wert sein kann als Strafe um der so genannten Gerechtigkeit willen.
Kaspanaze kniete in der dritten Kirchenbankreihe. Um seine nassklammen Strümpfe zu trocknen, war er trotz der auch in der Kirche herrschenden Kälte halb aus seinen Holzschuhen geschlüpft. Wenn seine Zehen zu kalt wurden, rutschte er wieder in die Schuhe zurück, um sie ein wenig aufzuwärmen. Um dem Lehrer Tortscher keinen Anlass zu einer Bestrafung wegen Unruhestiftung zu geben, tat er dies ohne hastige Bewegungen.
In der Bank hinter ihm kniete Müllers Loisl, der vor allem von den Kleineren gefürchtet wurde, da er kaum eine Gelegenheit ausließ, um sie zu sekkieren und zu ärgern. Aber auch größere Kinder gingen ihm aus dem Weg, da er nicht nur rauflustig, sondern auch grob war. Loisl beobachtete schon länger Kaspanazes Bewegungen und wartete nur auf einen günstigen Moment, um ihm einen Possen zu spielen.
Als während der Wandlung alle, einschließlich des Lehrers, die Köpfe gesenkt hielten, stellte er schnell ein Bein unter die vor ihm liegende Sitzbank und trat gegen einen von Kaspanazes Holzschuhen, der mit halblauten Rumpeln eine Bankreihe nach vorne flog. Noch mit durchgestrecktem Bein machte er mit Unschuldsmiene drei Kreuzzeichen auf Stirn, Mund und Brust.
Kaspanaze konnte nur so tun, als sei nichts geschehen. Schon nach wenigen Minuten fror es ihn ganz elend an den Zehen.
Während der Lehrer zur Kommunion ging und in der Reihe stand, kroch er schnell unter die Bank und angelte nach seinem Hölzler, was von einigen älteren Frauen mit strengen, ermahnenden Blicken quittiert wurde.
Militärisch ausgerichtet und in Zweiherreihen marschierte der Zug nach der Messe zum Schulhaus. Dabei durfte weder geredet noch gelacht werden, was der Lehrer Tortscher scharf überwachte.
Das Schulgebäude war ein älteres Holzhaus und stand einen guten Steinwurf von der Kirche entfernt. Gehört hatte es vor Jahren einem alten Hagestolz namens Franz Döhringer, der es testamentarisch der Gemeinde vermacht hatte. Der Bau wurde von der Gemeinde erhalten, soweit es die spärlichen finanziellen Mittel zuließen.
Die Meinungen über Sinn und Nutzen eines regelmäßigen Schulbesuches gingen nicht nur in der örtlichen Bevölkerung, sondern landesweit sehr stark auseinander, und es gab nicht wenige, die das Erlernen von unnützem Zeug nicht auch noch unterstützen wollten und dagegen wetterten. Besonderen Unmut erregte ein geplantes Gesetz, das für ganz Österreich eine allgemeine Schulpflicht nunmehr auch im Sommer vorsah und ab 1870 in Kraft treten sollte. Darüber hinaus würde es die Schulpflicht vom 6. bis zum 14. Lebensjahr festlegen. Zuvor war der Schulbesuch eine Beschäftigung für die Wintermonate gewesen, in denen die fehlenden Arbeitskräfte nicht so sehr ins Gewicht fielen.
Es war freilich vorgesehen, dass Kinder, die in Fabriken, Gewerben, Bergwerken oder Torfstichen beschäftigt und in einer Fabrikschule unterrichtet wurden, vom Sommerschulbesuch befreit werden konnten. Eine Befreiung vom Schulbesuch im Sommer konnte auch bei der Landesschulbehörde mit »Angabe von örtlichen oder anderen Verhältnissen« beantragt werden.
Der Fabrikant und Landtagsabgeordnete Dr. Josef Oelz forderte, es den Eltern zu überlassen, ob die Kinder länger als sechs Jahre in die Schule gehen müssten, und meinte, dass »ein Knabe, der sich in der Schule verhockt, zum Bauern unbrauchbar« wird.
Erreicht wurde jedenfalls, dass Berggemeinden das Recht hatten, Kinder vom Schulbesuch in den Sommermonaten freizustellen – mit dem Erfolg, dass in vielen Dörfern während dieser Zeit überhaupt kein Unterricht mehr stattfand. Daher war auch verständlich, dass die Gemeinde nicht mehr als unbedingt nötig in die Schule investierte und sich nur einen Lehrer leisten konnte. Denn die Anstellung einer zweiten Lehrkraft hätte nur böses Blut gegeben.
Das Schulgebäude hatte zwei Klassenräume, wobei der etwas kleinere im ersten Stock lag. Die Heizung erfolgte über einen altersschwachen gusseisernen Ofen, dessen Ofenrohr über eine Deckenöffnung in den oberen Raum und erst von dort in den Kamin geführt wurde. Diese Anordnung hatte den Vorteil, dass erstens Heizkosten gespart wurden und zweitens der Lehrer die Kinder im jeweils anderen Schulraum besser überwachen konnte. Die ersten vier Klassen der zweiklassigen Volksschule waren im unteren Raum untergebracht, da dieser dank des Ofens wärmer war.
Georg Tortscher hatte im oberen Raum den einzelnen Klassen schon die Aufgaben für die kommende Stunde an die Tafel geschrieben und unterrichtete im unteren Schulzimmer die Siebenjährigen in den Anfängen des Lesens, während die Einschüler mehr oder wenig eifrig das Malen des Buchstabens »E« übten. In der dritten Klasse versuchte Kaspanaze das Malnehmen einer Zahlenreihe, während in der hinteren dritten Reihe die vierte Klasse Zahlen teilte.
Tortscher schrieb für die Zweitklässler einige Wörter an die Tafel und gab die Anweisung, diese möglichst schön auf der Schiefertafel zu wiederholen. Über die knarzende Treppe stieg er anschließend in den oberen Stock, um dort den Unterricht fortzusetzen, wobei er nicht vergaß, den Zollstock mitzunehmen.
Um halb zwölf Uhr war die Schule aus. Die vom Schnee durchweichten Strümpfe an der umlaufenden Holzstange über dem Ofen waren nun wieder trocken, und und unter Getöse fuhren die kleinen Füße in die klobigen Holzschuhe. Viele der Kinder hatten einen langen Schulweg, den längsten aber hatten Meltzers Kinder. Ins Dorf brauchten sie bei zügiger Gangart und ohne Trödeln eine gute Stunde. Im Winter ging es aber mit dem Milchschlitten schneller, weil es bis zum Sennhaus, abgesehen von einer kürzeren Steigung, bis zu deren Höhe der Vater am Morgen den Schlitten zog, immer bergab ging. Dafür war der Heimweg umso beschwerlicher, weil sie den Milchhorner mit der Molke, die an die Schweine verfüttert wurde, wieder bergauf ziehen mussten. Da konnte es dann schon passieren, dass zwei Stunden nicht reichten, vor allem dann, wenn es schneite und der Weg fast spurenlos und zugeweht war.
Kaspanaze ging wie fast alle Bauernkinder von der Schule zum Sennhaus, um die Molke, zu der man im Bregenzerwald »Schotten« sagt, aufzuladen.
Kührs Kilian streckte seinen hageren Schädel mit dem dreifärbigen Schnurrbart aus der Tür: »Kaspanaze, wenn du fertig bist, komm einmal schnell herein!«
Der Bub band die Kanne am Gestell fest, indem er den Kälberstrick durch die Tragegriffe führte und auf der Rückseite des Holzgerüstes verknotete. Anschließend schob er den Horner rückwärts so weit zur Seite, dass er niemandem im Weg umging.
In der dämpfigen Sennküche wusch Kilian am großen Brunnentrog Käsetücher. Mit einem Ruck zog er eines der schweren Tücher aus dem Wasser, drückte es kurz aus und klatschte es auf das große Brett neben dem Trog. Dann kreuzte er seine Unterarme vor der Brust und fuhr zum Trocknen mit den Händen unter die Achseln, wobei er die Oberarme an den Körper presste und die Hände wieder flach nach außen zog. Das war Kilians ganz persönliche Methode, und jedem, der ihn auf diese sonderbar wirkende Bewegung ansprach, erklärte er den Vorteil, der unwiderlegbar darin lag, dass beide Handflächen gleichzeitig abgetrocknet würden. Darüber hinaus gebe der Oberkörper mehr Wärme ab – schließlich wisse das jeder – als die Außenschenkel und Hinterbacken, wo die meisten ihre nassen Hände zu trocknen pflegen. Dadurch habe er immer eine trockene Jacke, brauche nicht in nassen Hosen herumzulaufen und im Übrigen seien viele in die Jahre gekommenen Käser selbst schuld, wenn sie das Rheumatische bekämen.
Er sah an Kaspanaze herunter, wie er so vor ihm stand in seiner dünnen, vielfach geflickten Joppe und deutete mit einer Kopfbewegung zu einem Stehpult, auf dem das Milchbuch lag, in dem die Menge und der Fettgehalt der abgelieferten Milch der einzelnen Bauern festgehalten wurde.
Neben dem Buch lag eine etwa faustgroße, in einem Tuch eingewickelte Kugel. »Komm mit!«, grummelte er, »das ist ein Stück Sieg für die Mariann, damit sie wieder auf die Füße kommt.«
Schon das bloße Wort »Sieg« reichte aus, um das Wasser im Mund zusammenlaufen zu lassen. Sieg, richtiger, echter Sieg war eine Köstlichkeit, die es nur an Feiertagen oder zu Weihnachten gab. Diese braune, knetbare Masse war pures Karamell und wurde durch das Einkochen der Molke gewonnen. Für alle Kinder des Bregenzerwaldes war der »Sieg« der Inbegriff aller Köstlichkeiten, und es gab wahrscheinlich keinen, der sich etwas Schöneres vorstellen konnte, als ein Stückchen dieser Kostbarkeit langsam, ganz, ganz langsam auf der Zunge zergehen zu lassen.
Kilian war klar, dass nur ein Kind mit übermenschlichem Willen und enormer Charakterstärke in der Lage war, diese kleine braune Kugel unversehrt nach Hause zu bringen. Klar war ihm auch, dass es selbst im Bregenzerwald kaum ein Kind gab, das diese Voraussetzungen zum unbeaufsichtigten Sieg-Transport mitbrachte. Wahrscheinlich hätte man es schon zu Lebzeiten heilig sprechen müssen.
»Dass du mir das aber auch der Mariann gibst und nicht selber verputzt«, mahnte der Kilian. »Sie hat es nötiger wie du. Wenn du es ihr nicht gibst, musst du halt den Schlitten noch länger allein ziehen. Na ja, ein kleines Stückchen darfst schon abbeißen, damit es nicht heißt, der Kilian macht schon kleine Kinder zu Märtyrern«, milderte er ab.
»Vergelt’s Gott, vergelt’s Gott«, sagte Kaspanaze gleich zwei Mal, steckte die eingewickelte Kugel vorsichtig in die Jackentasche und hatte es plötzlich sehr pressant, aus der Sennküche hinauszukommen.
Draußen drehte er seinen Schlitten im rechten Winkel herum und rannte mit der am Gestell auf- und niederhüpfenden Kanne heimwärts.
Kaum war er aber außer Sichtweite der Sennerei, hielt er es nicht mehr länger aus. Er fingerte den Siegballen aus der Jacke und setzte sich auf den Schlitten. Schließlich hatte der Kilian ja gesagt, dass er auch ein Stückchen davon haben könne. Mit dem Zeigefinger grub er eine kleine Rinne heraus, steckte das unbeschreiblich duftende Karamell in den Mund, schleckte schmatzend den Finger ab und ließ die Süßigkeit ganz, ganz langsam auf der Zunge zergehen.
Noch zwei Mal fuhr er mit dem Finger in den Ballen, immer noch Kilians Wort vom »kleinen Stückchen« im Ohr. Dann packte er den Sieg wieder ins Tuch, steckte ihn in die Jacke und trottete mit dem süßen Geschmack im Mund weiter.
Während er mit hin- und herschlenzenden Bewegungen den Schlitten hinter sich herzog, überlegte er, wie sie wohl den Siegballen, von dem noch fast nichts fehlte, zu Hause aufteilen würden.
Sicher, der Mariann würde er bestimmt gut tun. Andererseits kann sie so viel gar nicht vertragen, wenn sie eh’ schon dauernd Bauchweh hat, überlegte er. Und der Jodok, der würde bestimmt um immer noch mehr schreien, solange noch ein kleines Stückchen da war.
Je mehr er über die Verteilung nachdachte und je mehr der süße Geschmack nachließ, desto fester wurde sein Entschluss, dass es für alle eigentlich das Beste wäre, wenn er keinen so großen Bollen heimbrächte. Am Holderbusch war ihm dann endgültig klar, dass er, wenn auch leichten Herzens, das Opfer bringen und den Siegbatzen noch etwas verkleinern würde. Auf dem hinteren Hornerholm sitzend, betäubte er sein schlechtes Gewissen mit karamellisiertem Schotten.
Als der Ballen die Hälfte der ursprünglichen Größe erreicht hatte, beschloss er, dass dieser nun genau richtig für seine beiden Geschwister sei.
Zwischen beiden Handflächen rollte er den Rest wieder zu einer Kugel, und kein Mensch konnte mehr sagen, wie groß diese ursprünglich gewesen war.
Ein paar Meter vor dem Haus nahm er mit dem Schlitten einen Anlauf und zog diesen mit Schwung durch das offen stehende Tennentor so weit es ging unter das Dach.
Katharina Meser war Mitte dreißig, von knochiger Gestalt und hatte ein klares, offenes Gesicht, in dem zu lesen stand, dass ihr im bisherigen Leben nicht viel geschenkt worden war. Heute war Waschtag, und auf dem Herd dampfte der große Eisenkessel mit heißem Wasser, vor dem Hausgang stand der alte Holzzuber im Freien. Mit breiten Händen, denen man die Gewöhnung an harte Arbeit ansah, wuchtete sie den wohl einen Zentner wiegenden Kessel mit dem wallenden Wasser nach draußen.
Sie war die zweitjüngste Tochter von Merburgers Peteranton aus Andelsbach. Zu Hause waren sie neun Kinder gewesen, von denen eines bald nach der Geburt gestorben war und ein anderes das vierte Lebensjahr nicht erreicht hatte. Merburgers waren arm wie die Kirchenmäuse, aber man war zufrieden und froh darüber, dass es doch noch immer irgendwie zum Leben langte und die Kinder nicht zum Betteln gehen mussten. Die Buben wurden sommers als Pfister auf die Alpen verdingt, die Mädchen mussten in Lohnarbeit sticken, was zwar immer schlechter bezahlt wurde, weil es in den Fabriken mit den neumodischen Stickmaschinen billiger ging, aber ein paar Kreuzer blieben halt doch übrig. Diejenigen von den Buben aber, die keinen Pfisterplatz erhielten, wurden zum Viehhüten ins Schwabenland geschickt.
Kaspar Meser war der älteste Sohn von Gottfried Meser. Die Mutter war bei der Geburt des vierten Kindes gestorben und hatte auch das Kind mit ins Grab genommen.
Kaspar war damals zehn Jahre alt. Die Mutter war im Schlafzimmer, dem »Gaden« aufgebahrt, das tote Geschwisterchen ruhte wie im Schlaf in ihrem rechten Arm, und die schrundigen Hände hielten einen Rosenkranz. Am Kopf- und Fußende brannten Kerzen, und es waren ein paar Sträuße mit Feldblumen aufgestellt.
Aus dem ganzen Dorf kamen die Leute und beteten im Gaden fünf Vaterunser und Ehre und den Glauben zur Ehre der fünf Wunden Christi. In der Küche wurden die Beter bewirtet. Das machten die Nachbarn, damit der Vater bei der Toten bleiben und denen danken konnte, die gekommen waren, für ihr Seelenheil zu beten. Manche standen dann bei ihm und lobten die Verstorbene über den Schellenkönig in der Hoffnung, ein »Seelenalmosen« zu bekommen. Das war ein Bekleidungsstück der Hingeschiedenen, für das diese sowieso keine Verwendung mehr hatte, und einige derer, die zum Beten kamen, waren der Ansicht, dass ihnen ein solches für ihre Mühen zustand.
Am Tag vor der Beerdigung wurde die »Totentür«, die zwischen Schlafzimmer und Küche lag, geöffnet, damit die Seele der Mutter hinauskonnte. Es war der dunkelste Tag im Leben des kleinen Kaspar, als er an der Seite seines vor Schmerz tränenlos gewordenen Vaters neben seinen plärrenden Geschwistern hinter dem holpernden Leichenwagen hertrappelte, auf dem seine Mutter mit dem toten Geschwisterchen im Sarg durchgeschüttelt wurde. Immer wieder kam ihm verzweifelt in den Sinn, dass er sie nie, nie, nie, nie mehr sehen und sie nie mehr mit ihm schimpfen würde. Er hätte jetzt alles und noch mehr dafür gegeben, wenn sie aus dem Holzkasten aufgestanden wäre und ihn so richtig an den Ohren gezogen hätte. Ohne Mucks hätte er das erduldet – nein, nicht erduldet, Purzelbäume hätte er geschlagen vor lauter Freude …
Der Pfarrer Rauch hatte ihnen fest versprochen, dass sie die Frau Mutter im Himmel wieder sehen würden, aber für Kaspar war das ein schwacher Trost. »Ich bin ja erst zehn Jahre alt«, dachte er, »und wenn ich sie dann wieder sehe, kennt sie mich vielleicht nicht einmal mehr.«
Nach der Totenfeier nahm ihn daheim sein Vater beiseite:
»Bub, du bist der Älteste. Es wird nicht leicht werden. Aber wir sind das Schaffen gewöhnt. Eine Frau nimmt mich keine mehr. Wer will schon auf eine so kleine Heimat, wo es kaum zum Leben langt und noch drei Kinder da sind. Wir müssen das schon allein packen.«
Gottverlassen saß er so hinter dem Küchentisch und goss sich einen Schnaps ein.
»Magst auch einen?«, fragte er und schob Kaspar sein halb ausgetrunkenes Glas hinüber. Kaspar spürte, dass die Zeit des kleinen Kaspar vorbei war. Er trank den ersten Schnaps seines Lebens und beendete damit seine Kindheit.
Vor elf Jahren hatte Kaspar seine Katharina geheiratet. Sie war zwar keine ausgesprochene Schönheit, aber schaffig und anspruchslos. Sonst wäre es auch nicht gegangen, denn das kleine Höfchen warf, wenn alles gut ging, gerade so viel ab, dass drei Leute ein dürftiges Auskommen hatten.
Sicher war es nicht die große Liebe, die die beiden zusammenführte. Aber sie mochten sich und hatten ihre verschiedenartigen Temperamente aneinander in den Jahren abgeschliffen, wobei der jähzornige Kaspar mehr zum Abschleifen hatte als die eher sanftmütige Katharina. Aber »was sich schleckt, das schlägt sich auch«, pflegte Katharinas Mutter zu sagen.
Kaspars Vater Gottfried hatte im oberen Stock eine kleine Kammer. Er war jetzt schon gut über siebzig, aber noch rüstig. Der alte Gottfried half bei der Arbeit mit und konnte dem Kaspar mit seinen Ratschlägen, wie man es früher gemacht habe und wie er es machen würde, wenn man ihn nur ließe, gehörig auf die Nerven gehen.
Vor Kaspars Hochzeit hatte er diesem die Heimat übergeben, auch wenn es ihm schwer gefallen war. Er wusste, dass er damit auf dem Höfle nicht mehr viel zu sagen und gar nichts mehr anzuschaffen haben würde. Andererseits wollte er den Jungen nicht im Wege stehen und alles im Frieden regeln. Von den Viehhändlern hatte er gehört, dass sie im Montafon, aber auch im Tirolischen die Höfe in der Erbteilung immer gleichmäßig aufteilten, und zwar so lange, bis jedem nur noch ein kleiner Zipfel übrig blieb. Zum Leben war es dann zu wenig und zum Sterben zu viel.
Solche Teilungen gab es auch im Bregenzerwald, und erst vor ein paar Jahren hatte Hansajosefs Hanspeter seine ganzen Liegenschaften unter seinen Kindern so aufgeteilt, sodass der älteste Bub, der die Heimat übernehmen sollte, mit dem Hof keine Familie mehr ernähren konnte und sommers als Hilfsarbeiter ins Ausland musste.
Es gab viel Armut im Bregenzerwald, und gerade die überschuldeten kleinen Höfe wurden durch die Aufteilung des Grundes immer noch kleiner und mussten sich immer noch höher verschulden, da sie nunmehr für die bisher zum Hof gehörenden Grundstücke an die Geschwister Pacht zahlen oder die Pacht in Naturalien abgelten mussten. Es gab nicht allzu viel Hofstätten, die eine größere Familie vom Ertrag der Landwirtschaft ernähren konnten, und Gottfried hatte gehört, dass in der Gemeinde Buch der größte Bauer gerade noch vier Kühe hatte.
Zwar versuchten die Behörden, dieser Entwicklung entgegenzuwirken, etwa durch das 1835 erlassene Patent des »Verbotes der willkürlichen Grundzerstückelung«. Aber solche Anordnungen hatten keine große Wirkung, und so wurde auch dieses Gesetz von allen österreichischen Landtagen mit Ausnahme Tirols 1868 wieder aufgehoben. Denn was blieb einem armen Teufel, der oftmals keinen einzigen Kreuzer an barem Vermögen besaß, anderes übrig, als den Grund mit seinen Geschwistern zu teilen, damit diese wenigstens einen kleinen Kartoffelacker anlegen konnten oder das Land an ihn zurückverpachten konnten?
Der Geschmack der Armut war den Menschen in den Vorarlberger und Tiroler Bergtälern schon von Kindheit an vertraut, und sie hatten in Generationen gelernt, damit zu leben und die Not als gottgewollt hinzunehmen. Auf den kargen Böden konnte nur Milchwirtschaft betrieben werden, und Versuche, wenigstens auf einem kleinen Bletz Roggen anzubauen, schlugen fehl oder wurden wegen der miserablen Erträge bald wieder aufgegeben.
Teuerungen, vor allem beim Getreide, trafen die von der Hand in den Mund lebenden Familien in voller Härte und trieben den Armenanteil in den Gemeinden in die Höhe. Diese sahen es natürlich lieber, wenn die hungrigen Mäuler sich selbst irgendwie durchfretteten und nicht der Gemeinde auf der Tasche lagen. Und so bestand auch vielfach kein Interesse, die Zersplitterung der Höfe aufzuhalten.
Gottfried Meser hatte immer wieder gesehen, dass solche Erbteilungen selbst einen gesunden Hof mit einem Schlag an den Rand des Bettels bringen konnten. Deshalb stand für ihn fest, dass keine Daumenbreite von der Heimat wegkommen würde. Seine Kinder wuchsen heran, und er verkopfte sich immer öfter, wie er es anstellen könnte, dass beim Teilen alles gerecht zugehen und keines bevorteilt oder benachteiligt würde. Viele Male stand er am Grab seiner Frau und seines toten Kindes und hielt stille Zwiesprache mit ihnen, wobei er immer das Gefühl hatte, dass sie in seiner Nähe war und ihn verstand. Sie riet ihm zu, sie riet ihm ab, und er war sich stets gewiss, das Richtige zu tun, wenn er mit ihr gesprochen hatte.
Das sagte er eines Sonntagabends auch zu seinen drei Kindern, nachdem das Vieh versorgt und der Stall gemistet war. Nach dem Gottesdienst hatte er noch lange auf dem Gottesacker gestanden, und sie hatte ihm versprochen, dass er schon die richtigen Worte finden würde.
Sie saßen alle um den Tisch in der Stube unter dem Herrgottswinkel. Hinter der wassergefüllten Schusterkugel blakte ein Kienspan. Das durch die Kugel verstärkte Licht des Spanes waberte gelbsanft über den Tischrand und wurde dann von der Dunkelheit aufgesogen.
»Wir müssen einmal darüber reden«, fing Gottfried schwer an. »Es geht darum, wie es bei uns auf der Heimat weitergehen soll. Ich habe auch mit euerer Mutter in den letzten Jahren viel darüber gesprochen. Ihr wisst, ich habe euch alle gleich gern, und ich möchte nicht, dass es unter euch einen Streit oder Zwist gibt, weil sich eines übervorteilt glaubt. Aber wir müssen es halt so nehmen, wie es ist. Alles wird teurer, aber für die Milch bekommen wir immer noch gleich viel wie vor vier Jahren. Wenn ich den Winter über noch als Tüchelbohrer schaffe, langt es halt so grad das Jahr über, wenn auch im Stall alles recht tut. Wenn wir einmal das Höfle aufteilen würden, bliebe keinem auch nur so viel, dass es halbwegs davon leben könnte. Es haben dann alle drei zwar einen kleinen Bletz, aber eigentlich haben alle nichts mehr. Ich habe die letzten Jahre viel darüber nachsinniert, wie man das machen könnte, und ich glaube, dass es für uns alle das Beste ist, wenn wir den Hof beieinander lassen. Kaspar macht sowie schon die meiste Arbeit im Feld und im Stall und soll den Hof einmal übernehmen.«
Der Kienspan war schon ein Stück herabgebrannt, und das Licht verschob sich durch die Glaskugel zur Seite. Gottfried hielt kurz inne und schupfte mit den Fingerspitzen den Spanhalter hinter die rückseitige Wölbung. Dann sah er Margret und Josef an. »Wenn ihr ein Stückchen vom Feld bekommen würdet, was könntet ihr machen? Ein paar Kartoffel anbauen oder ein paar Obstbäume darauf stellen oder es für ein paar Kreuzer verpachten. Wenn ihr es verkaufen wollt, kriegt ihr so gut wie nichts dafür, weil es halt ein kleiner Zipfel ist, für den es sich kaum lohnt, einen Hütebuben hinzustellen, um eine Kuh ein paar Tage fressen zu lassen. Wenn ihr aber aus dem Haus seid, seid ihr vielleicht einmal froh, wenn ihr wisst, von wo ihr etwas zum Essen herbekommt.
Ich habe mir ausgerechnet, dass Kaspar jedes Jahr eine Sau aufziehen könnte. Ein Jahr gehört diese Margret und das andere Jahr dir, Josef. Jedes bekommt zehn Sauen. Das ist mehr wert als ein kleines Stück vom Feld. Das gilt natürlich nur, wenn ihr nicht mehr auf der Heimat seid.
Ich sage euch das jetzt schon so früh, damit ihr euch das miteinander überlegen könnt und damit ihr wisst, wie ich es gemacht hätte, falls mir etwas zustößt.«
Gottfried schwieg und blickte seinen Kindern einem nach dem anderen ins lichtbeflackerte Gesicht. Diese wussten nicht, was sie darauf sagen sollten, und das war dem Vater nur recht.
»Morgen ist wieder ein Tag«, meinte er. »Schauen wir, dass wir ins Bett kommen.«
Gemeinsam beteten sie noch ein Vaterunser und das Abendgebet mit der Bitte für die Verstorbenen.
Als sie fertig waren, zündete er am Kienspan eine Talgkerze an, die in einem gewundenen Drahtgestell auf einem Blechteller befestigt und mit einem Schieber verstellbar war. Dann blies er den Span aus, spuckte zwischen Daumen und Zeigefinger und löschte die verbliebene Glut sorgfältig ab. Langsam schob er sich von der Bank und schlapfte zum Weihwasserkessel an der Wand neben der Stubentür, über dem ein rundgesichtiger Engel mit roten Backen seinen Kopf in die Hände stützte und zuversichtlich lächelte. Gottfried tauchte seine Finger in das geweihte Wasser und zeichnete jedem seiner Kinder bedächtig ein Kreuz auf Stirn, Mund und Brust.
Wie von einem Schlag getroffen, klappte Kaspanazes Oberkörper nach oben. Benommen saß er im Bett, und es dauerte eine Weile, bis er begriff. Nochmals fetzte es den Laden so gewaltig gegen den Fensterstock, dass die doppelscheibigen Winterfenster schepperten und der Laden laut knallend zurückgeschleudert wurde. Obwohl die Fensterritzen mit Moos abgedichtet waren, fuhr ein kalter, mit eisigem Flugschnee vermischter Lufthauch über sein Gesicht. Er tastete nach dem Rand der Bettstatt, wo sich schon ein kleiner Schneehaufen angesammelt haben musste, soweit er das in der Dunkelheit feststellen konnte.
Das Jaulen des Sturmes fiel abrupt zu einem Winseln ab, um dann wieder ebenso plötzlich zu einem alles übertönenden Fauchen anzuschwellen. Das ganze Haus schien sich den anstürmenden Gewalten entgegenstemmen zu wollen. Schwer stöhnte es in den Balken und Tromen, und mit kurz anschlagendem Klappern wichen lose Dachschindeln den Windhieben aus. Draußen tobte der Sturm wogend durch die Bäume, und von der Brüge her konnte Kaspanaze zwischendurch ein gleichmäßiges hohles Pumpern hören, von dem er aber nicht wusste, von was es herrührte. Langsam wurde ihm angst und es ging ihm durch den Kopf, was wäre, wenn das Haus umgeblasen würde. Mit seinen beiden Geschwistern schlief er noch in einer gemeinsamen Kammer, da Mariann Angst hatte, allein zu schlafen. Zudem war so die Luft im Winter wärmer, auch wenn sich Wände und Betten mit einer dicken, weißen Reifschicht überzogen.
»Seid ihr wach?«, flüsterte Kaspanaze in die Dunkelheit der Kammer und stellte die Frage nochmals etwas lauter, als er keine Antwort erhielt. Mariann und Jodok aber schliefen tief und fest wie Murmeltiere im Bau.
Kaspanaze wäre es zwar lieber gewesen, wenn sie auch wach gewesen wären, aber er wollte sie dann doch nicht wecken. Er rutschte aus dem Bett, tapste barfuß zur Kammertüre und tastete sich am Stiegengeländer nach unten und bis zum Gaden vor. Von oben hörte er, wie der Fensterladen wieder zweimal heftig an den Fensterstock krachte.
Er drückte die Klinke der Schlafzimmertür und rief im Türrahmen stehend laut nach seinen Eltern. Doch im Gaden blieb es still. Nur draußen zerrte und riss der Sturm am Haus und schwang den Fensterladen wie eine Peitsche hin und her. Kaspanaze rief noch einmal und tastete sich mit ausgestreckten Händen zur Bettseite der Mutter. Aber dort, wo er die Mutter vermutete, war – nichts. Schreckerstarrt blieb er kerzengerade stehen, und alles in seinem Inneren begann sich zu überschlagen.
Er fuhr mit den Händen nochmals in das leere, kalte Bett und begann mit der ganzen Alleingelassenheit seiner achteinhalb Jahre nach den Eltern zu schreien. Immer mehr verdichtete sich in ihm die Gewissheit, dass das eingetreten war, was das Bäsle Marieros ihnen erzählt hatte. S’Wuotas, das wilde Heer, das in den Winternächten durch die Lüfte zieht und auf den Fluhen und in den Höhlen hoch oben in den Bergen haust, hatte seine Eltern mitgenommen. Es stimmte alles zusammen, was das Bäsle gesagt hatte: Es war Winter, es war stockdunkle Nacht, und die Heerscharen brausten über die Bäume durch die Luft und nahmen jeden mit, der sich nicht sofort auf den Boden warf.
Kurz überlegte er, ob es nicht auch Bütze oder Venedigermännle gewesen sein könnten, verwarf aber den Gedanken wieder, da diese ja nicht brausten. Ihm kam in den Sinn, sich auch auf den Boden zu legen, dann fielen ihm seine beiden Geschwister ein, die nichts ahnend oben in der Kammer schliefen und die dann s’Wuotas sowieso auch mitnehmen würde, und er wäre dann ganz allein auf der Welt. Trotzig beschloss er, dass wenn s’Wuotas schon seine Eltern und Geschwister holte, auch er nicht verschont bleiben wollte. Mit tränenüberströmtem Gesicht stolperte er durch die Stube in den Hausgang, als er mehr zufällig einen sich hin und her bewegenden Lichtfleck im Schnee sah, der nur aus dem Stall kommen konnte.
Seine Verzweiflung wich der langsam aufsteigenden Hoffnung, dass die Eltern dort sein könnten. Immer noch unsicher, fragte er sich, was diese wohl mitten in der Nacht und bei dem Sturm im Stall machen könnten.
Im Holzschopf fädelten ein paar Lichtstreifen durch die Balkenfugen aus dem Stall. Kaspanaze versuchte sein Schluchzen zu unterdrücken und öffnete zaghaft den unteren Teil der Stalltüre einen Spalt weit. Er konnte zwar immer noch nichts erkennen, aber er hörte die Stimme seines Vaters, der halblaut vor sich hinschimpfte.
Nun öffnete er die untere Türhälfte ganz und schlüpfte hindurch. Im Stallgang saß seine Mutter mit ihrem großen, runden Bauch breitbeinig auf einem Melkschemel neben dem Streuehaufen. Das Gesicht hielt sie in ihren Händen vergraben, die mit blutiger Streu beschmiert waren, und ihr ganzer Körper wurde von Weinkrämpfen geschüttelt.
Neben ihr lag im Gang wie hingeschlenzt ein kleines Kalb, das alle viere irgendwie sonderlich von sich streckte. Der Kopf an dem unnatürlich lang wirkenden Hals sah scheinbar zur Decke. An der unteren Ecke der Stallbrücke lag schwer atmend und erschöpft Fleck. Ihre großen Kuhaugen waren ohne Glanz, und unter ihrem Schwanz hing blutiger Schleim wie ein farbiger Eiszapfen.
Kaspanaze sah das alles und sah es doch nicht. Er sah nur Vater und Mutter und dankte allen Heiligen im Himmel, dass s’Wuotas wenigstens seine Eltern verschont hatte und offensichtlich nur das Kälbchen mitnehmen wollte.
Kaspanaze rannen immer noch die Tränen über die Wangen, und vor lauter Freude und Schluchzen brauchte er einen Moment, bis er »Mutter, Vater« schreien und zu ihnen hinlaufen konnte. Er warf sich seiner Mutter so fest an die Brust, dass Katharina Meser um ein Haar mitsamt dem Melkschemel umgefallen wäre, hätte sie nicht der schräg hinter ihr stehende Kaspar noch aufgefangen. Der strich seiner Frau etwas unbeholfen mit dem Handrücken über die feuchte Wange und fuhr kurz durch Kaspanazes Schopf.
»Hier können wir sowieso nichts mehr machen«, meinte er. »Geht ihr schon hinein.« Draußen jagte der Sturm noch immer wütend um den Hof und trieb den Schnee durch die kleinen Spalten in der ins Freie führenden unteren Stalltür und lagerte sich schon handhoch an der Schwelle ab, was auch die Wärme der Tiere nicht verhindern konnte. Der Fleck äugte dumpf zum toten Kalb hinüber, und auch die andere Kuh, der Bless, war unruhig, weil sie merkte, dass etwas nicht stimmte.
Kaspar wollte das Kalb nicht gleich auf den Misthaufen werfen, damit nicht unnötige Kälte in den Stall kam. Das konnte er morgen auch noch erledigen. Er packte es an den Hinterbeinen, zog es zur Tenntüre und warf es hinaus. Dann langte er die Laterne vom Nagel, der in einen Querbalken eingeschlagen war, trat noch einmal zum Fleck und kraulte die Kuh im Weggehen zwischen den Hörnern.
Die Laterne stellte er in der Küche auf den Fergger, einen ausgetieften Waschstein, schöpfte mit der Holzkelle noch lauwarmes Wasser aus dem Schiff des erkalteten Herdes und wusch sich die Hände, so gut es ging.
Katharina saß zusammengesunken am Stubentisch und sah nur kurz auf, als Kaspar eintrat. »Die Kinder habe ich alle zu uns ins Bett gelegt. Mariann und Jodok waren auch wach, als wir aus dem Stall gekommen sind. Sie sind im Bett gesessen und haben sich im Dunkeln nicht heruntergetraut und geschrien wie närrisch.«
Kaspar gab keine Antwort, zog einen Stuhl vom Tisch weg und setzte sich schwerfällig.
»Was machen wir jetzt?«, fragte Katharina verzagt.
Kaspar kratzte sich ein paar Mal hinter dem Ohr, hielt den Kopf gesenkt und vermied es, sie anzusehen. Es war nicht seine Art, sich um irgendetwas herumzudrücken, aber er wusste im Moment auch keine Antwort.
»Ich weiß es auch nicht«, murmelte er nach einiger Zeit.
Wortlos saßen sie in der Stube und sie verstanden auch ohne darüber zu reden, dass eine harte, ja sogar sehr harte Zeit vor ihnen liegen würde. Sie wussten beide, dass sie in dieser Nacht kein Auge mehr zumachen würden, und sie wären gerne noch beieinander gesessen und hätten sich gegenseitig Trost zugeschwiegen.
Es war einer jener Augenblicke, in denen beide tief in sich spürten, dass sie der Herrgott füreinander geschaffen hatte und dass sie zusammengehörten und dass es solche Momente nicht mehr geben würde, wenn man sie zerredete. Sie hatten beide keine Ahnung, wie lange sie so gesessen hatten.
Eine eigene Uhr besaßen sie nicht, und das Schlagen vom Kirchturm konnten sie wegen des Sturmes nicht hören, aber es ging sicher schon auf den Morgen zu.
»Die Kinder können sicher auch nicht schlafen«, sagte Katharina mehr zu sich selbst.
»Ja, gehen wir ins Bett. Heute ist auch noch ein Tag und das Unglück springt uns nicht davon«, ergänzte Kaspar.
Sie lächelte, obwohl es ein schwacher Trost war.
Im Osten dämmerte es in düsterem schwarzem Grau, als Kaspar behutsam aufstand, um die Kinder nicht zu wecken.
»Ich schau nach dem Fleck«, flüsterte er in Richtung Katharina, »bleib du nur noch liegen.«
Der Sturm war über den Rest der Nacht gänzlich zum Erliegen gekommen, und zwischen den zerfetzten Wolken blinkten vereinzelt ein paar Sterne, als Kaspar die Haustüre öffnete und prüfend zum Himmel blickte. Im Stall schien so weit alles in Ordnung zu sein, der Fleck lag ruhig wiederkäuend auf der Brücke im unteren Stalleck.
Im Tenn öffnete Kaspar das Tor und hob das steifkalte Kälbchen an einem Hinterbein hoch. Der Kopf holperte ein paar Mal auf dem Bretterboden, als er es ins Freie zog und über den Schnee zum Misthaufen schleppte. Dort grub er von oben her mit der Gabel ein Loch in den dampfenden Schochen, warf den Kadaver hinein und breitete den ausgehobenen Mist wieder darüber. Er achtete darauf, dass die Schicht genügend dick war, um keine Füchse anzulocken. Bis zum Frühjahr würde noch etwas Mist dazukommen und so den Gestank des verwesenden Kalbes in Grenzen halten.
Es war schon das zweite Mal hintereinander, dass der Fleck verkälberte. Das letzte Kalb war so verquer gelegen, dass man es hatte heraussägen müssen, und dieses hatte sich mit der Nabelschnur um den Hals selber erwürgt.
Der Fleck war die bessere ihrer beiden Milchkühe, und geplant hatten sie, den Bless, die auch nicht mehr die Jüngste war und in ihrer Milchleistung nachzulassen begann, durch die Aufzucht eines Kalbes vom Fleck zu ersetzen. Nun fiel der Fleck nicht nur zum zweiten Mal für die Nachzucht, sondern dazu wieder eine Zeit lang auch als Milchkuh aus.
Während Kaspar in den Stall zurückging, überlegte er angestrengt, was sie machen könnten, aber es fiel ihm nichts Vernünftiges ein. Er wusste nur, dass es nun wieder ein Jahr länger dauern würde, bis sie zum Fleck eine gute Kuh dazu hätten und dass der Fleck auch nicht jünger würde. Er konnte es drehen, wie er wollte. Es blieb keine andere Möglichkeit, als es nochmals mit dem Fleck zu versuchen.
Im ganzen Haus fanden sich bestimmt keine zehn Münzen, die ein bisschen etwas wert waren. Wie sollte er davon ein Kalb kaufen? Hinzu kam, dass auch die Kinder immer größer wurden und besonders Kaspanaze zunehmend einen gewaltigeren Appetit entwickelte.
Mit dem rückwärtigen gebogenen Teil der Mistgabel scheuchte er die beiden liegenden Kühe auf, schorte die mit flach gewalzten grünen Kuhfladen verklebte Einstreue in den Stallgraben und streute frisch ein. Kaspar holte im Holzschopf seinen Stallkittel, der bald mehr Löcher als Stoff aufwies, aber seinen Dienst noch einigermaßen erfüllte, und setzte den vom getrockneten Kuhdreck gesteiften Hut auf.
Nachdem er den ovalen Melkkübel mitgenommen hatte, angelte er mit dem rechten Fuß den Schemel, setzte sich auf die rechte Seite der Bless und begann ohne Hast, deren Zitzen mit streifenden Bewegungen zu massieren. Dies war normalerweise Kaspanazes oder Marianns Arbeit, aber heute war er zum einen früh dran und zum anderen hätte es sich wegen der einen Kuh nicht rentiert, eines der Kinder zu wecken.
Minka, die Katze, war auch schon wach, saß im Stallgang neben Kaspar und lauerte erwartungsvoll auf den Spritzer warmer Milch, den ihr dieser immer beim Melken direkt aus der Zitze zuspritzte und den sie fast ohne einen Tropfen zu verlieren mit weit aufgesperrtem Schnäuzchen aufzufangen verstand.
Meist fand er es erheiternd, wie die Katze schon bei der geringsten Bewegung einer Zitze in ihre Richtung sich angespannt aufrichtete und mit dem Kopf jede Bewegung seiner Hand ebenso ruckartig mitverfolgte. Heute aber reute ihn selbst der kleine Milchspritzer.
»Blöder Mausfresser, wozu bist du eigentlich nutz? Vielleicht sollte man doch aus dir einmal einen Braten machen«, brummelte er und drückte widerwillig einen feinen Milchstrahl zu ihr hin. Er versorgte noch den Fleck, warf beiden Kühen Heu in die Krippe und hielt ihnen kurz den Wasserkübel zum Saufen hin. Als er fürs Erste im Stall fertig war, schüttete er das bisschen Milch im Tenn in die Milchkanne und band diese auf dem Milchschlitten fest.
»Vater, du sollst zum Essen kommen«, rief Mariann aus dem Holzschopf quer durch den Stall.
Kaspar schlug mit der Faust den geschwungenen Holzdeckel fest in den oberen Rand der Kanne, hängte dann Kittel und Melkhut im Schopf an einen der dort schräg nach oben eingeschlagenen Holzzapfen, zog die Hölzler aus und schlupfte in die ausgelatschten Filzpatschen, mit denen der Jodok seine helle Freude hatte, weil der Vater immer so lustig mit den beiden herausstehenden großen Zehen wackelte, wenn er am Sonntagnachmittag auf der Ofenbank lag.
Die Kinder saßen mit ihrem Großvater schon am Tisch in der Küche, und noch während des Eintretens stimmte Kaspar ein Gebet an: »Gott, Du hast in dieser Nacht …«, worauf die klaren Kinderstimmen, unterlegt mit Gottfrieds schon leicht brüchigem Tenor und Katharinas sanft bestimmender Altstimme weiterbeteten: »… so väterlich für mich gewacht, ich lob’ und preise Dich dafür und dank’ für alles Gute Dir …«
Katharina stand am Herd und rieb zwischen ihren Handflächen den festen Mehlteig, den sie in einem Teller angerührt hatte, zu Bröseln in die auf dem Herd kochende Milch und streute noch eine Prise Salz hinein.
Kaspanaze und Mariann wussten die Wochentage von den Sonn- und Feiertagen schon an der Art der Milchsuppe zu unterscheiden. Wenn altes, trockenes Brot im Haus war, wurde dieses in die Suppe eingeweicht, aber das war selten der Fall. Wenn sich aber gelbe Fäden durch die Suppe zogen, die von einem in die Milch eingerührten Ei stammten, wussten sie, dass Sonntag war. Hatten aber auch die Mehlbrösel eine gelbliche Färbung, dann war Feiertag, dann hatte die Mutter den Mehlteig nicht mit Wasser, sondern mit einem Ei angemacht. Den Kindern wäre es zwar lieber gewesen, wenn die Mutter das Ei in die Milch geschlagen hätte, weil man es dann besser schmecken konnte, aber Katharina meinte, dass es so weniger Streit darum gäbe, wer mehr und wer weniger Ei erwischt habe, und dass man einen Feiertag nicht schon mit einem Streit anfangen dürfe.
Katharina trug die große, vom Gebrauch verbeulte und vom Feuer geschwärzte Milchpfanne zum Tisch und stellte sie auf den Pfannenknecht, dem seine Dienstjahre ebenfalls anzusehen waren. Mit der Schöpfkelle verteilte sie die Suppe in die hölzernen, gedrechselten Teller, und Kaspanaze wartete, bis der Rahm an der Oberfläche eine dicke Haut gebildet hatte, bevor er seinen Löffel eintauchte.
Noch standen die Berge schwarz vor dem grauen Himmel, als Kaspanaze und Mariann den Milchhorner gemeinsam auf dem sturmgehärteten Schnee der Dorfmitte zu zogen.
Mesers zogen im Jahr zwei Säue groß, die zum allergrößten Teil mit der aus der Milchablieferung anfallenden und anteilmäßig von Kilian verteilten Molke gefüttert wurden. Der Schotten wurde mit billigen Mehlabfällen angereichert, die aber Geld kosteten, das sie meistens nicht hatten. Es gab auch Küchenabfälle, die aber für die Schweine nicht allzu großzügig ausfielen, da Katharina selbst die Kartoffeln so dünn abschälte, dass man durch die Schalen fast hindurchschauen konnte. Kaspanaze und Mariann sammelten im Herbst Eicheln und auch Bucheckern, die im Miettrog aufbewahrt und einige Tage vor der Verfütterung handvollweise in den Schotten geworfen wurden, damit sie aufweichen und ein wenig quellen konnten.
Die läufige Sau wurde im Spätherbst oder Winter zum Deckeber gebracht, und wenn sie gut aufnahm, konnten Mesers im Frühling mit einem Wurf von sechs bis acht Ferkeln rechnen. Ein Ferkel wurde dann jeweils für Kaspars Bruder Josef oder seine Schwester Margret aufgezogen – je nachdem, wem im betreffenden Jahr ein Schlachtschwein zur Erbteil-Abzahlung zufiel. Ein weiteres Ferkel zogen sie für sich selbst groß und schlachteten es im Spätherbst, wenn die Schweine nicht mehr tagsüber im Freien gehalten werden konnten, zusammen mit der für das jeweilige Geschwisterteil bestimmten Sau. Vom Fleisch bekamen sie allerdings kaum etwas zu sehen, geschweige denn zu essen. Im Sommer schon hatte Kaspar am Sonntag auf dem Kirchplatz dem Heugeschirrmacher, dem er noch aus dem letzten Jahr Geld schuldete, als Ausgleich einen Schlegel mitsamt der Haxe zugesagt. Der andere Schlegel und ein Teil vom Rippengrat war schon wie im vorigen Jahr der Juppenmacherin versprochen, bei der Katharina für Kirchgang und Beerdigungen eine neue Tracht bestellt hatte, weil die alte schon in Fetzen hing und nur noch zur Arbeit taugte.
Der Wagner Grebner bekam die Brust für die Reparatur der beiden schweren Heuschlitten, die im letzten Winter beim Streuholen im Brännler Litten auf einer Eisplatte abgerutscht waren und an den Bäumen Kufen und Holme gebrochen hatten. Was noch übrig blieb, ging für Gewand, Holzschuhe, ein neues Waschbrett und, wenn es dann noch langte, für ein paar neue Dachschindeln drauf.
Alle paar Jahre musste eine weitere Sau über den Winter gefüttert werden, bis diese im nächsten Jahr geschlechtsreif wurde und die bisherige Muttersau ersetzen konnte, die dann auch im Herbst in verschiedenen Kochtöpfen und Selchkaminen landete. Mesers blieben meist nur die Innereien, der Kopf und die Füße übrig. Was nicht in nächster Zeit auf den Tisch kam, wurde eingekocht, in Steinguttöpfe gelegt und mit dem heißen ausgelassenen Fett aus den Abfällen übergossen. Nach dem Erkalten bildete sich eine luftdichte Fettschicht, von der vor der Fleischentnahme zu einem späteren Zeitpunkt mit dem Löffel der Staub, tote Fliegen und Insekten sorgfältig abgeschabt wurden. Die übrigen Ferkel wurden noch im Frühjahr, je nachdem, wie sich der Wurf entwickelte, nach meistens acht Wochen verkauft und brachten ein paar Kreuzer baren Geldes ins Haus.
Dem alten Gottfried oblag die Aufzucht und Pflege der Säue. Kaspar hatte ihn nicht darum gebeten oder es ihm gar angeschafft, aber es hatte sich einfach mit der Zeit so ergeben. Das war auch das Einzige, was den Gottfried ärgerte – weder Kaspar noch Katharina schafften ihm eine Arbeit an. Es gab dann Zeiten, in denen er massig und unausstehlich war, weil er sich nur noch als überflüssiger Esser vorkam.
In solchen Fällen suchte er sich am besten eine Beschäftigung, bei der er möglichst ungestört war. Eigentlich machte er daraus weder dem Kaspar noch der Katharina einen Vorwurf. Schließlich hatte er den Buben schon früh dazu angehalten, selbst um die Arbeit zu schauen, die zu tun war, und nicht darauf zu warten, bis er ihn darauf hinwies. Er war auch immer stolz gewesen, dass man den Kaspar nichts heißen musste, und hatte oftmals mit unausgesprochener Hochachtung vor dem Buben festgestellt, dass dieser manche Arbeit schon erledigt, bevor er selbst nur daran gedacht hatte. Seine Schwiegertochter aber wäre eher vor Scham im Erdboden verschwunden, ehe sie ihm eine Arbeit aufgebürdet hätte. So fing Gottfried an, sich um die Säue zu kümmern, was ihm eine gewisse Selbstbestätigung gab. Nur wenn es mit der Sau auf den Zeitpunkt des Fählens zuging und sie immer aggressiver wurde, stiegen Kaspar oder Kaspanaze zum Ausmisten in den Koben, da sie gelenkiger waren und sich die Sau leichter vom Leib halten konnten.
