Die Schwarze Harfe - Gravity Assist - E-Book

Die Schwarze Harfe E-Book

Gravity Assist

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Beschreibung

An einem entfernten Punkt des Rings der Sterne treffen der junge Prinz Ja'en und die fremdweltliche Shikani aufeinander: er der Thronfolger von Endo, dessen Grossvater ermordet worden und dessen Zukunft angesichts der zerbrechenden Monarchie unabsehbar ist; sie, die einzige des Volkes der Senjasantii, die als Laar ein Königliches Kriegsschiff befehligt. Die beiden verbindet der unbeirrbare Bromen Cossan, geheimnisvoller Vrakaan-Jäger, brillanter Taktiker und Held aus Ja'ens Kindheit; ihm ist Shikani gefolgt, nachdem er die Seuche, an dem ihr Volk so grauenvoll litt, besiegt hatte. Doch noch etwas anderes verbindet Ja'en und Shikani: Es ist der Traum der Schwarzen Harfe, ein metaphysisches Phänomen, in dem sich die Jahrtausende alte Kultur der Senjasantii ausdrückt. Dies ist Ja'ens und Shikanis Geschichte, von beiden erzählt: ihre Reise durch die Welten des Rings, ihr Kampf in den Weiten des Alls, die politischen Ränkespiele der verschiedenen Endo-Fraktionen, die Gefahren im Vakuum, auf glühend heissen Welten und im Rumpf eisiger Sternenschiffe. Es ist ihre Auseinandersetzung mit aristokratischen Handelshäusern, räuberischen Vrakaanen, Kolonisten aller Couleur und geheimnisvollen Temb'ran-Meistern, ihre Verwirrung darüber, dass Freund und Feind die Rollen tauschen, ihr Versuch zu erkennen, wie der Einzelne einen Unterschied machen kann - wenn er bereit ist, über sich hinauszuwachsen.

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Seitenzahl: 1114

Veröffentlichungsjahr: 2017

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E-Book-Version 1.0 Alle Rechte vorbehalten Copyright © 2017 by Gravity Assist: Stefan Bommeli, Tobias Bangerter, Berenice Bommeli, Sven Hirsch-Hoffmann, Matea Zosakwww.dieschwarzeharfe.ch ISBN 978-3-9524766-0-4 (E-Book)

E-Book-Gestaltung und technische Umsetzung: Clara Cendrós

Erstellt auf der Grundlage: Erste Auflage Buch Frühjahr 2017 Alle Rechte vorbehalten Copyright © 2017 by Gravity Assist ISBN 978-3-9524287-6-4 (Buch)

Inhalt

Zeitverlauf

Prolog

Erster Teil

Feuer über RonwalDie zweite ExpansionBromens BlockadeDie äussere WeltTod in der Elawaia

Zweiter Teil

Begegnung in der Stadt der FarbenDie TräumendenKrieg der VrakaaneFlucht nach AimoAn Bord der Geshi-hiaDas Wissen des PrinzenDas TribunalDie Gescheiterte Konferenz

Dritter Teil

Neue Fronten im RingDer erste LaarIm ZwielichtDer Fall der VehazziDer Schrei des KupranDie blauen PfeileEine neue ZeitDer letzte TraumTochter der SenjasantiiSprung über den HorizontBromens Blut

Epilog

Nachtrag

Glossar

Dank

Biografien

ZEITTAFEL

678*Geburt Bromen Cossan

679Geburt Se’en Linnt

686Geburt Habun Illban Etani

697Geburt Shikani, Tochter der Senjasantii

702Eskalation bei Ronwal

702Bromen Cossan wird zum Laar ernannt

703Strafmission gegen Kontan

704Blockade bei Basteron

705Se’en Linnt wird zum Laar ernannt

706Geburt Habun Illban Ja’en

706Gründung der Fraktion der 1000 Messer

708Eskalation im Harodin-Nebel

710Bromen Cossan bringt Heilmittel nach Senjasantii

710Königliches Attentat

711Se’en Linnt wird Konsul der RHF

712Shikani wird Besatzungsmitglied von Gelb-07

714Prinzessin Etani bringt Prinz Ja’en nach Cantori

714Shikani wird Laar von Schwarz-04

716Übereinkunft der Vrakaane auf Fankontan

717Se’en Linnt und Prinz Ja’en besuchen das Matriarchat

717Eskalation bei Talkahalas

718Das Tribunal von Aimo

718Die erste Konferenz, auf Lentan

724Prinz Ja’en im diplomatischen Dienst von Cantori

726Große Konfrontation über Drial-Vehazzi

726Prinz Ja’en auf Fankontan

727Krönungszeremonie

728Die zweite Konferenz, auf Sarrakadan

729Grundlegung des Ring-Bundes

* Jahr nach der ersten Krönung

Illban-Almanach [Auszug]

Habun Illban Ja’en: Genannt Prinz Ja’en; Königliche Hoheit; Thronfolger des → Königreichs Endo; Sohn von → Habun Illban Etani, Enkel von → König Habun IllbanEto; Vaterschaft unbekannt; geboren in der → Residenz der Könige auf Sarrakadan im Jahr 706; Gelehrter der Gegenwartswissenschaften, Mitwirkender am → Illban- Almanach (Erstausgabe 744). Bekannteste Werke: → Das Mausoleum, → Genealogie der Ringhandelsföderation, → Auslegung der Scheiben aller Ursprünge, → Anthologie der Ringwelten, → Studien über den Temb’ran-Zirkel, → Mythen der roten Wüste.

Shikani: Tochter der → Senjasantii; geboren auf dem → Planeten Senjasantii im Jahr 697; erstes fremdweltliches Besatzungsmitglied in der → Königlichen Flotte von Endo; Vertraute von → Bromen Cossan; Ernennung zum Laar des Endo-Kreuzers → Schwarz-04 der Königlichen Flotte im Jahr 714.

PROLOG

• Shikani, Tochter der Senjasantii | Ich sehe den warmen Regen, wie er auf Senjasantii niedergeht: in weiten Schlieren in der Atmosphäre, in chaotischen Musterungen auf dem graugrünen Meer, in Wellen über der flachen Graslandschaft. Unsere Welt ist eine Welt des Wassers, das unter den weiß leuchtenden Wolken voller Farben ist. An besonders hellen Tagen glitzern die Tropfen im Gegenlicht wie Tausende von schwebenden Kristallen. Es ist ein seltenes Ereignis, wenn der Himmel aufreißt, in kurzen Momenten transparent wird und gleißendes Licht in langen Bändern durch die feuchte Luft ins tiefe Wasser fällt. Als sich Bromens Fähre herabsenkte, klarte der Himmel auf, als wollten die Wolken sich vor ihm verneigen. So träumten es die Spielenden.

In der Zeitrechnung der Endoer war ich dreizehn Jahre alt: für eine Senjasantii eine Erwachsene, anders als die Kinder der Endoer, die erst mit 20 Jahren als gleichwertig gelten. Wir hatten von Bromen Cossan gehört, der in der Elawaia die gefürchteten Vrakaane jagte. Seit Jahrhunderten beobachten wir die Endoer, ihre Entwicklung in der inneren wie in der äußeren Welt, ihre Könige, ihre Expansion in die Elawaia, die sie den Ring der Sterne nennen. Die Spielenden haben Bromen in ihren Träumen gesehen, und unsere Schiffsführer sind ihm fern von Senjasantii bereits begegnet. Von ihnen wusste er: Wer Wasser oder Grund berührt, muss für immer auf Senjasantii bleiben. Den Planeten überhaupt zu betreten war eine Missachtung unserer Bräuche, eine Verletzung unserer äußeren und inneren Welt. Durch die Ausbreitung der Seuche war gewiss Eile geboten, und Bromen Cossan war im Besitz des Heilmittels. Seine Unbeirrbarkeit, mit der er die Koordinaten seiner Landung übermittelte, war dennoch verstörend für mein Volk.

Die Gesandten der Senjasantii hatten sich versammelt und erwarteten Bromens Ankunft. Die fernen Gebäude der Stadt, die vom Meeresgrund bis in die Wolken reichen, waren im Dunst nur schemenhaft zu erkennen. Ich hatte meinen Vater angefleht, mich mitzunehmen, und er hatte schließlich erschöpft den Widerstand gegen meine Bitte aufgegeben. Nun stand ich dicht neben ihm und betrachtete im Sonnenlicht die sinkende Fähre.

Einige Meter über der Oberfläche schalteten sich die weiß glühenden Triebwerke aus, und das Fahrzeug wechselte in den Schwebezustand. Das Dröhnen wich einem dumpfen Summen. Die Fähre verharrte schließlich über der Erde, ohne die Spitzen der Gräser zu berühren. Ich sah, wie sich eine Luke öffnete. Er alleine stieg heraus und balancierte mit vorsichtigen Schritten zum Rand des Stabilisators. Sein Blick schweifte über die Waffenträger, die sich in einem weiten Kreis um das schwebende Schiff positionierten. Er kniete nieder, schaute auf die feuchte Erde unserer Welt herab und streckte dann langsam eine kleine Ampulle vor sich hin. Geduldig wartete Bromen Cossan und blickte schweigend zu meinem Vater. Die Atmosphäre war zum Zerreißen gespannt. Bis auf das Summen der Fähre und das Rauschen des Windes herrschte Stille.

Endlich hob mein Vater sanft die Hände und berührte zum Gruß mit den Fingerspitzen seine Schläfen. Langsam schritt er zwischen den Waffenträgern hindurch auf Bromen zu. Ich folgte meinem Vater, blieb jedoch einige Meter hinter ihm stehen, als er sich der schwebenden Fähre näherte. Mit nach oben ausgestreckten Armen nahm er den metallenen Behälter entgegen. Er verneigte sich, und sogleich eilte einer der Waffenträger herbei, um die Ampulle zu übernehmen und zu den Gelehrten zu bringen. Bromen Cossan erhob sich. Für zwei Sekunden schaute er mich an. Seine blau schimmernden Augen blickten durchdringend, als ob er mich eindeutig erkennen würde. Dann wandte er sich ab und stieg durch die Luke. Das Schiff gewann an Höhe, die Triebwerke brausten über unseren Köpfen, und wir schauten der Fähre nach, die immer schneller aufstieg und in den zuziehenden Wolken verschwand. Nur wenig später setzte der Regen wieder ein. Ich spürte das warme Wasser auf meiner Haut, während ich noch immer in den Himmel blickte

Nie hatte eine Senjasantii unsere Heimatwelt dauerhaft verlassen. Es war unvorstellbar. Niemand hatte voraussehen können, dass ich Bromen Cossan folgen und seine Kriegsgefährtin werden würde. Niemand außer den Spielenden.

♦ Habun Illban Ja’en | Shikani legte den kleinen, silbernen Würfel in meine Hand. Sanft schloss sie meine Finger um das warme, kantige Instrument. Ich blickte verwirrt in ihre grünen, mit dem Alter dunkler gewordenen Augen. Der Anzug ihres Volkes, dessen dunkelblaue, mit feinem Wabenmuster überzogene Oberfläche im gedämpften Licht meines Arbeitszimmers schimmerte, umschloss ihren filigranen Körper; das repolymerisierende Material ließ nur Hände und Kopf unbedeckt. Ihre kupferfarbene Haut wirkte blass.

»Was ist das?«, fragte ich.

Sie legte ihre Hände ineinander. »Nach meinem Besuch im Schrein der Harfe habe ich mit Aufzeichnungen begonnen.« Ihre zwei Stimmen klangen nicht ganz so synchron, wie ich das von ihr kannte.

»Aufzeichnungen?«

»Über die Ereignisse in der Elawaia. Für dich, Ja’en. Aber nicht nur. Und du wirst sie ergänzen müssen.«

Ich wandte mich ab, setzte mich auf einen silbernen Stuhl und deaktivierte die Hologramme über meinem Tisch aus Hornbaumholz. Mein Arbeitsraum wirkte ohne die blauweißen Projektionen ein wenig düster; die Säulen warfen im Licht der Dämmerung lange Schatten. Vorsichtig legte ich den erhaltenen Hologrammwürfel vor mich hin. »Shikani, als Gelehrter lernt man früh, nicht sich selbst zum Thema zu machen.«

»In jungen Jahren auf Cantori hast du anders gedacht, Prinz Ja’en.«

Ich lächelte müde. »Ach Shikani – für wen soll das sein?«

»Für das Sternenkönigreich.«

»Für das Sternenkönigreich?«, wiederholte ich mit unüberhörbarem Spott. Ich deutete einladend auf einen Sessel, doch die Senjasantii blieb stehen. »Shikani, das Sternenkönigreich ist eine Fantasie einiger weniger privilegierter Endoer – zulasten der großen Mehrheit aller Ringwelten.«

Shikani antwortete nicht.

»Für wen also, Shikani, Tochter der Senjasantii?« Meine Frage klang nun ohne Absicht ärgerlich; ich erhob mich, schritt zu den offenen Fenstern und schaute auf den Kratersee weit unter uns, auf dem das letzte violette Licht des Abends reflektierte. »Für wen, wenn nicht für dich und für mich allein soll ein solches Werk sein! Das Sternenkönigreich ist tot, Shikani, und tot ist alles, was aus ihm hätte werden können. Tot ist mein Großvater; und meine Mutter habe ich nicht mehr als lebendig empfunden, seit sie mich als Kind auf Cantori zurückgelassen hat. Ihre Krönung hat nichts zu bedeuten.«

»Es ist deine Blutlinie, Prinz Ja’en«, antwortete Shikani streng.

»Nie werde ich König sein. Nie mehr soll jemand im Ring eine Krone tragen.« Ich stützte mich mit beiden Händen trotzig auf das steinerne Fenstersims. »Die Monarchie ist gescheitert, Shikani«, fügte ich heiser hinzu, »mehrfach und vollständig.« Ich drehte mich um und sah sie an. »Der Friede ist ein zerbrechlicher Kompromiss und«, ich zögerte, »allein dein Verdienst. Die Senjasantii hatten recht, sich von uns Endoern fernzuhalten.«

Sie trat neben mich und berührte meinen Arm. »Dann schreib für Bromen.«

»Für welchen Bromen?«, müde schloss ich die Augen. »Den größten Taktiker aller Zeiten? Den berühmtesten Laar im Ring der Sterne? Den skrupellosen Kriegstreiber? Den geheimnisvollen Träumer?«

»Für ihn, ja.«

Shikanis vertraute Züge waren tatsächlich alt geworden. »Du bewunderst ihn immer noch, nicht wahr? Nach all dem, was geschehen ist.« Ich legte meine Hand kurz auf die ihre, ihre Haut fühlte sich kühl an. »Du, Shikani, bist der bessere Laar, als er jemals war.«

Sie schwieg und betrachtete mich aufmerksam, das leicht faltige Gesicht eines 47-Jährigen.

»Ja’en«, sagte sie schließlich, und ihre zweitonige Stimme erschien mir plötzlich so kraftvoll wie vor so langer Zeit an Bord ihres Schiffs. »Die äußere Welt ist nur aus der Perspektive der inneren zu verstehen.«

Ich seufzte und lächelte: »Ich habe dieses Konzept der Senjasantii wohl noch immer nicht verstanden.«

Shikani fixierte mich vorwurfsvoll, doch ich spürte, dass ihre Worte mich auf eine seltsame, lange vermisste Weise trösteten.

Sie wandte sich ab: »Ich werde meine Aufgaben Asesiitar übergeben.«

Ihre Worte trafen mich wie ein Blitz aus heiterem Himmel. Auch wenn ich schon seit Jahren keine offiziellen Aufgaben im Ring mehr erfüllte, schien mir undenkbar, auf Shikani verzichten zu müssen.

»Wo wirst du hingehen?«

»Nach Senjasantii. Zu meinem Volk. Es ist an der Zeit.« Ein Schatten fiel über ihr Gesicht, das Grün ihrer Augen leuchtete. »Ich habe lange genug unter den Endoern gelebt.« Sie versuchte ein Lächeln.

»Nein«, flüsterte ich hilflos.

Shikani legte die Fingerspitzen beider Hände an ihre Schläfen. »Meine innere Welt«, begann sie die Formel ihrer Vorfahren, »ist berührt von unserer Begegnung in der äußeren, Habun Illban Ja’en, Prinz des Sternenkönigreichs.«

Ein leichter Schwindel befiel mich. Tausend Erinnerungen unserer gemeinsamen Reise durch die äußere und auch die innere Welt streiften mich.

Shikani verneigte sich. »Königliche Hoheit«, grüßte sie förmlich und verließ den Raum – verließ mich –, ohne sich noch einmal umzudrehen. Ich starrte auf die Tür, die sich geräuschlos hinter ihr schloss.

Minutenlang stand ich wie betäubt da.

Dann trat ich auf die lang gezogene Terrasse hinaus, die an meinen Arbeitsraum im Ostflügel der Residenz angrenzt. Über der Kaldera und den schwarzen Konturen des ehemaligen Regierungssitzes der Könige von Endo erschienen die ersten Sterne. Alles beginnt mit der Elawaia, so sagen die Senjasantii, der Brücke aus Licht, wie sie den Ring der Sterne nennen. Das Meer war inzwischen so schwarz wie der Himmel. Nur einige hohe Wolken reflektierten schwach Endos Licht. Ein warmer, salziger Wind wehte in mein Gesicht. Mir war klar, dass ich Shikanis Aufzeichnungen lesen würde; dass ihre Worte die großartigsten Momente meines Lebens und ebenso den Schmerz mit voller Wucht zurückbringen würden.

Ich dachte an Bromen. Lange hatte ich mir eingeredet, er wäre der Schlüssel; würde ich ihn und seine Geheimnisse verstehen, würde ich alles verstehen, was sich seit dem Endo-Cantori-Krieg ereignet hatte. Seine Unbeirrbarkeit war seine Stärke, doch sie hat ihn von uns allen entfremdet. Seine Rätsel erfuhren nie eine Auflösung, und dafür habe ich ihn verflucht. Er hat uns gerettet, und zugleich alleine gelassen. »Bromen«, wisperte ich zu mir selber und seufzte. Ich blinzelte in den Nachthimmel und gestand mir ein, dass auch ich ihn – trotz allem – mein ganzes Leben lang bewundert habe.

Von der Plattform nahe dem Thronsaal erhob sich Shikanis Fähre. Ich sah die hellen Triebwerke aufleuchten, und in einem weiten Bogen zog der grelle Lichtpunkt über die Lagunen hinaus, hinauf in den Orbit und zu einem Schiff, das sie ein letztes Mal nach Senjasantii tragen würde, 72 Lichtjahre von Endo entfernt am anderen Ende des Rings.

Illban-Almanach [Auszug]

Lentan: Planet des Endo-Systems mit Zentralgestirn → Endo; Monarchie. Heimatwelt aller Endoer: Ausgangspunkt der → ersten sowie der → zweiten Expansion in den → Ring der Sterne. Klimatisch eine Kaltwelt; zwei Großkontinente; Population 3,31 Milliarden Endoer; Ursprungsort der berühmten → Hornbäume; Hauptstadt → Kemmarilla.

Sarrakadan: Planet des Endo-Systems mit Zentralgestirn → Endo; Planet der Könige von Endo; zentrales Bauwerk ist die → Residenz über den Lagunen. Klimatisch eine Warmwelt; 95 Prozent der Oberfläche von seichten Meeren bedeckt; Population liegt unter einer Million Endoer.

Cantori: Planet des Cantori-Systems mit Zentralgestirn → Stern von Cantori; erste und größte Kolonie der Endoer; Sitz der → Ringhandelsföderation (RHF); Herrschaftsform ist aristokratisch (→ Häuser von Cantori). Klimatisch eine Warmwelt; intensive Landwirtschaft in den gemäßigten Zonen, Halbwüsten und Industrie in der Äquatorregion; Population 1,42 Milliarden Endoer.

Senjasantii: Einzige nicht-endoische Welt im Ring mit Zentralgestirn → Shiksoo; Heimat der → Senjasantii, einer hoch entwickelten, uralten Zivilisation, die sich vollständig unabhängig von den Endoern entwickelt hat. Klimatisch eine Warmwelt; hohe Niederschlagswerte; 91 Prozent der Oberfläche von Meeren bedeckt; Population liegt bei 823 Millionen Senjasantii.

FEUER ÜBER RONWAL

• Shikani, Tochter der Senjasantii | Der Stern Endo ging in gleißender Helligkeit über dem gewölbten Horizont von Lentan auf. Das polare Eis reflektierte die ins rote Spektrum verschobenen Strahlen, und die Schiffe im Orbit hoben sich von der Dunkelheit des Alls ab. Das harte Licht im Vakuum zeichnete die Konturen von 139 interstellaren Frachtern, zwischen denen zahllose Transporter zirkulierten, scharf. In der Vielzahl der Schiffe konnte nur ein geübtes Auge den 120 Meter langen Endo-Kreuzer erkennen: den dunkel gewölbten Rissschild am Bug, die modulare Struktur, die leuchtenden Antriebsgondeln. Das Kriegsschiff hatte soeben sein Bremsmanöver nach dem Raumzeitsprung beendet und dockte an der orbitalen Rotunda an. Sein Laar hatte den Auftrag, nicht nur Treibstoff und Versorgung, sondern auch zwei Absolventen der Akademie der Tausend Hornbäume zu übernehmen. Bromen Cossan gelangte am gleichen Tag an Bord von Gelb-07, da ich auf Senjasantii die äußere Welt betrat. Im Alter von 19 Jahren wurde er Besatzungsmitglied des Kreuzers. Er würde es bis zu seinem Tod bleiben.

Bromen begann seinen Dienst in der Flotte gemeinsam mit Se’en Linnt. Beide stammten vom Planeten Lentan, der Ursprungswelt der Endoer. Während über Bromens Herkunft kaum etwas bekannt ist, ist Se’en Linnt ein Abkömmling der Linnt-Reederei, die damals die größte Handelsflotte außerhalb von Cantori kontrollierte. Bromen und Se’en waren auf Lentan zu Raumfahrern ausgebildet worden. Se’en arbeitete danach zwei Jahre im Orbit von Cantori als Frachtkoordinator der familieneigenen Reederei und verkehrte früh in den aristokratischen Häusern, die den exponentiell wachsenden Ringhandel dominierten. Dass sich der Sohn der Linnts schließlich freiwillig zur Kriegsflotte des Königs von Endo meldete, hatte seinen Vater vermutlich ähnlich bestürzt wie später meinen, als ich es tat. Bromen blieb in der Zwischenzeit auf Lentan zurück und übernahm in der orbitalen Rotunda die monotone Einweisung interstellarer Frachtschiffe. Er hatte sich schon nach der Akademie freiwillig in die Königliche Flotte gemeldet, wurde jedoch erst 697 eingezogen.

Aufzeichnungsfragment

[Transkription der Königlichen Flotte, Jahr 697]

Renta Jaro | Mir ist nicht klar, was Sie an Bord meines Schiffs suchen, Linnt.

Se’en Linnt | Ich will meinen Beitrag leisten, die Handelsrouten im Ring sicher zu machen, Laar.

Renta Jaro | Schwafeln Sie nicht, Linnt. Für Sie ist doch Besseres bestimmt als der Dienst an Bord eines Endo-Kreuzers. Wozu ängstigen Sie Ihren Vater unnötig, den ältesten Nachfolger zu verlieren.

Se’en Linnt | Meine Ausbildung habe ich nicht bei der Ringhandelsföderation, sondern an der Königlichen Militärakademie in Kemmarilla absolviert, Laar. Ich gehöre ebenso zur Kriegsflotte, wie er [Verweis auf den anwesenden Bromen Cossan].

Renta Jaro | Sie weichen meiner Frage aus.

Se’en Linnt | Die Linnt-Reederei verliert in steigender Zahl Frachtschiffe an Vrakaane. Vor sechs Monaten lag der Verlust erstmals in einem zweistelligen Prozentbereich. Mein Vater mag der Ansicht sein, dass dies finanziell zu verschmerzen sei. Ich sehe es anders. Ich habe in den Frachtterminals über Cantori die Geschichten gehört, die man sich über die Überfälle der Vrakaane erzählt.

Renta Jaro | Werden Sie jetzt sentimental, Linnt?

Se’en Linnt | [3 Sekunden Pause] Mein jüngerer Bruder ist von seiner ersten Tour nach Snrial nicht zurückgekehrt. Das interstellare Frachtschiff, auf dem er reiste, gilt inzwischen als verloren.

Renta Jaro | Ich bedaure, das zu hören.

Se’en Linnt | Danke, Laar. Meine Schwester entlastet meinen Vater von seinen Geschäften. Und meine Eltern sind Monarchisten, sie glauben an die Überlegenheit der Flotte von Endo.

Renta Jaro | Fragt sich, ob Ihre Eltern recht behalten werden.

Se’en Linnt | Mein Vater sagte mir, dass Sie der beste Laar der Flotte sind.

Renta Jaro | Hat Ihnen schon einmal jemand gesagt, dass Sie zu viel reden, Linnt?

Se’en Linnt | Ja, Laar.

♦ Habun Illban Ja’en | Als »Vrakaan« wird jedes bewaffnete Schiff unbekannter Herkunft bezeichnet, das interstellare Frachtschiffe auf ihren langen Handelsrouten überfällt. Der Begriff geht ursprünglich auf einen Raubfisch zurück, der in den flachen Küstengewässern von Cantori jagt. Zwischen nahezu allen Ringwelten hatte es irgendwann Vrakaane gegeben, die aus politischer Überzeugung oder Gier Frachtschiffe überfielen. Zur Zeit, da Bromen Cossan und Se’en Linnt auf Gelb-07 ihren Dienst antraten, häuften sich jedoch die Überfälle. Man verdächtigte die Vehazzi, die Maluken, verschiedene Welten im Harodin-Nebel, die Stationsverbunde und sogar einzelne Häuser von Cantori, Vrakaan-Schiffe zu finanzieren.

Gewiss waren nicht die vereinzelten Überfälle der Grund, warum die Monarchie von Endo ihren Einfluss eingebüßt hatte und Cantori den Ringhandel nahezu vollkommen kontrollierte. (Der Ringhandelsföderation kamen sogar weit mehr Frachter abhanden als Endo, was das Versicherungsgeschäft zum Blühen brachte.) Die Könige von Endo hatten ihren wirtschaftlichen Niedergang vielmehr selbst verschuldet. In ihrem Wahn, den Ring zu kolonisieren, hatten sie die Bevölkerung von Lentan derart ausgebeutet, dass die erste Expansion im Kern einer Flucht gleichkam; sie hatten ihren Hofstaat, die Monarchisten, privilegiert, sodass diese in ihrer isolierten Sphäre aus Luxus und Intrigen die Bedeutung des wachsenden Ringhandels völlig verkannten. Die Spannungen zwischen dem Königreich Endo und Cantori akzentuierten sich, auch wenn mit diplomatischen Bemühungen vermeintliche Stabilität beteuert wurde. Meinem Großvater, dem König, ging es jedoch weder um Frieden noch um Handelsabkommen mit fernen Ringwelten, sondern um die Wiederherstellung der alten Vormacht des Königshauses.

Als sich die Meldungen von Vrakaan-Angriffen häuften – und ebenso die Spekulationen über die Herkunft der Marodeure und ihre tatsächlichen Auftraggeber –, ergriff Habun Illban Eto die Initiative. Im Jahr 698, ein Jahr nachdem Bromen Cossan und Se’en Linnt ihren Dienst an Bord von Gelb-07 aufgenommen hatten, beorderte er alle Laare nach Sarrakadan und veranlasste die Jagd auf die Vrakaane, gleich welcher Herkunft, und zwar mit allen Mitteln. Tatsächlich wünschte König Eto eine Demonstration der militärischen Überlegenheit der Königlichen Flotte gegenüber den zunehmend mächtigen Häusern von Cantori. Mit gutem Grund bezeichnen Gegenwartsgelehrte das Treffen der Laare in der Königlichen Residenz über den Lagunen als Auftakt zum Krieg.

• Shikani, Tochter der Senjasantii | Gelb-07 war der Ort, an dem Bromen Cossan fortan lebte: 120 Meter Stahl und Keramik sowie die Enge des fensterlosen Besatzungsmoduls können tatsächlich Raum für ein Leben bieten. Als er einmal von einem hohen Funktionär des Temb’ran-Zirkels gefragt wurde, ob er sich nicht ein größeres Schiff wünsche, antwortete er: »Draußen ist das All, das ist groß genug.« Sein Gegenüber hat dies offensichtlich als Bescheidenheit gedeutet. Doch ich weiß, dass er mit diesem außen auch ein innen gemeint hat.

Ich habe Bromen so funktional in Erinnerung wie sein Schiff. Ein Endo-Kreuzer der Sarrakadan-Klasse ist vor allem eine Waffe. Für maximale Manövrierfähigkeit im Normalraum ist es massearm, für hohe Verfügbarkeit mehrfach redundant und im Hinblick auf Beschleunigungswerte jenseits von 60 Metern pro Sekunde im Quadrat hoch belastbar konstruiert. Zwölf Besatzungsmitglieder lenken auf engstem Raum eine hoch technisierte Maschine. Man schläft in hermetisch verschlossenen Ruhekapseln, die zugleich als Rettungssysteme genutzt werden können. Das Besatzungsmodul ist um die dreidimensional strukturierte Kommandokugel angeordnet. Es gibt eine medizinische Station, den Hologrammraum des Laars, sonst nur lange Tunnel, technische Zugänge und atmosphärefreie Zwischenräume. Nichts an einem Endo-Kreuzer ist unnötig oder überflüssig. So war auch Bromen: Seine Worte, seine Bewegungen, seine Gedanken waren stets auf das Wesentliche gerichtet. Sogar äußerlich schien er zur Infrastruktur von Gelb-07 zu passen: Die violette Beleuchtung an Bord ließ ihn noch blasser erscheinen, seine Haare waren so dunkel wie die anthrazitfarbene Uniform mit den gelben Streifen, und seine Augen hatten die Färbung eines taktischen Hologramms: ein leuchtendes Blau.

♦ Habun Illban Ja’en | Bromen Cossan wurde dem Taktikpentaar zugeteilt, Se’en Linnt dem Führungspentaar. Bromen wie Se’en kannten fraglos alle Verfahren und Technologien aus Theorie und Simulation, wie sie an Bord des Kreuzers installiert waren. Wer jedoch eine Vorstellung vom beengenden, schwindelerregend komplizierten Inneren eines Kriegsschiffs hat, der weiß, dass Wissen und Können zweierlei sind. Renta Jaro und ihre Pentaare unterzogen die beiden an Bord von Gelb-07 einem erbarmungslosen Training. Sie mussten lange Beschleunigungs- und Abfangmanöver in der kugelförmigen Zentrale absolvieren, eingeklemmt in den schalenförmigen, hydraulisch aufgehängten Drucksitzen und umgeben von Hologramm-Darstellungen mit Daten und modularen Befehlssequenzen. Und sie mussten sich in den Schächten der normalerweise versiegelten Infrastruktur des Schiffs zurechtfinden. Denn das Besatzungsmodul mit der Kommandokugel nimmt lediglich 20 Meter in der Schiffskonstruktion ein. Es liegt hinter der wuchtigen Spitze des Raumzeitantriebs mit dem Singularitätsgenerator. An das Besatzungsmodul wiederum schließt das kubische Waffenmodul mit zwei Fährdocks an. Ein Netz von Röhren und Kanälen führt bis ans Heck, rund 100 Meter vom Singularitätsgenerator entfernt, wo sich der Elementarantrieb, die Wasserstofftanks sowie die zwei mächtigen Gondeln für Beschleunigung und Bremsmanöver befinden.

Schon als Kind faszinierte mich die Konstruktion der Endo-Kreuzer der Sarrakadan-Klasse. Über meinem Bett hing ein fast metergroßes Modell von Gelb-07. Wenn es von der dunkelroten Abendstimmung auf Sarrakadan beleuchtet wurde, träumte ich davon, wie es – mit Bromen und Se’en – durch die Feuer des Gasplaneten Ronwal jagte. Heute, so viele Jahrzehnte später, ist für mich kaum mehr vorstellbar, dass ich mich als junger Prinz selbst durch die engen, verstörend unheimlichen Gänge eines Endo-Kreuzers gezwängt habe.

Die Karrieren der meisten hoffnungsvollen Pentaar-Anwärter enden in der peripheren Infrastruktur. Auch Bromen schien die dunklen, entweder eisig kalten oder glühend heißen Tunnel gefürchtet zu haben; wann immer er konnte, beschäftigte er sich mit dem taktischen System in der Kommandokugel. Se’en dagegen absolvierte alle Teile der Ausbildung mühelos. Zweifellos brachte er einige Erfahrung mit, die er in der Handelsflotte seiner Eltern hatte sammeln können; und Se’en war nicht nur wissbegierig, sondern fand mit allen Besatzungsmitgliedern rasch einen routinierten Umgang. Renta Jaro erweiterte kontinuierlich seinen Verantwortungsbereich, und als nach knapp zwei Jahren ihr Führungspentaar ausfiel – vielleicht, weil dieser schon zu lange im All und physisch wie psychisch zermürbt war –, beförderte sie Se’en Linnt zum jüngsten Führungspentaar in der Flotte.

• Shikani, Tochter der Senjasantii | Renta Jaro erkannte die Qualitäten von Bromens innerer Welt. Sie betraute ihn mit der Analyse von zunehmend komplexen Entscheidungspfaden, die er auch unter hohem Beschleunigungsdruck fehlerfrei durchführte. Enge Kanäle und Röhren waren ihm zuwider, doch Beschleunigungswerte jenseits von 60 Metern pro Sekunde im Quadrat, hochfrequente Vibrationen und Drehungen über drei Achsen machten ihm kaum etwas aus. Er saß in seiner Druckliege, umgeben von den holografischen Projektionen seiner Simulationen. Selbst bei taktischen Situationen, die keine eindeutige Lösung erlaubten, entwickelte Bromen unter Zeitdruck alternative Handlungsvarianten mit nachvollziehbaren Prioritäten. Bromen übertraf schließlich die Erwartungen seines Laars bei Weitem, sodass Renta Jaro begann, sich blind auf ihn zu verlassen. Als bei einem Zwischenfall über dem Metanmeer von Belangani der Taktikpentaar die äußere Welt verließ, besetzte sie dessen Position ohne Zögern mit Bromen Cossan.

Ich habe Bromens Laar aufgrund der Ereignisse bei Ronwal nie kennengelernt. Sie war in der Lage, so berichtete er mir, als Laar zugleich Fürsorge und Strenge zu vermitteln. Da ein Endo-Kreuzer meist allein operiert und nur punktuell Verbindung zur Flotte aufnehmen oder mit Verzögerung herstellen kann, ist der Laar eine machtvolle Gestalt. Die Senjasantii haben das damit verbundene Problem nahezu unbeschränkter Verantwortung schon vor langer Zeit erkannt und ihre Schiffsführer in der inneren wie äußeren Welt dafür vorbereitet. Nicht so die Endoer: Der Laar bestimmt im Rahmen der zugewiesenen Mission alles in der äußeren Welt des Kreuzers. Als Befehlshaber steht er ohne Einschränkung über den vier Pentaaren für Führung, Taktik und die Antriebssysteme. Und seine Position ist gegenüber den sieben Besatzungsmitgliedern, die in den Stäben der Pentaare dienen, hierarchisch unantastbar.

Aufzeichnungsfragment

[Transkription der Königlichen Flotte, Jahr 701]

Renta Jaro | Was sehen Sie eigentlich, Bromen, wenn Sie auf diese Projektionen starren? [Geringe Lautstärke] Sie sehen da drin etwas, was wir alle nicht sehen, nicht wahr?

Bromen Cossan | Ich verstehe Ihre Frage nicht, Laar. Es sind immer nur die bisherigen Bewegungen in Raum und Zeit, die das komplexe Muster der taktischen Gegenwart bilden.

Renta Jaro | Die Vergangenheit interessiert mich nicht, Bromen. Nur die Zukunft.

Bromen Cossan | Das taktische Muster wird sich mit gewissen Wahrscheinlichkeiten entwickeln. Das ist die Zukunft. Mehr wird sie nie sein.

Renta Jaro | Wahrscheinlichkeiten interessieren mich ebenso wenig, das sind nur endlose Zahlenreihen. Wichtig ist einzig Ihre Interpretation. Ihre Vermutungen, Bromen.

Bromen Cossan | Ich dachte, Vermutungen haben an Bord eines Kriegsschiffs nichts zu suchen, Laar.

Renta Jaro | Vollkommen falsch, Bromen Cossan. Auf Kriegsschiffen wimmelt es geradezu von Vermutungen.

Bromen Cossan | Sie haben eine Frage an mich, Laar, aber ich weiß nicht welche.

Renta Jaro | Meine Frage, ja. [3 Sekunden Pause] Taktikpentaar, wie interpretieren Sie das Muster, das die Vrakaane hinterlassen?

Bromen Cossan | Es verändert sich. Die Tendenz der Veränderung liegt jedoch noch im Bereich des Zufälligen.

Renta Jaro | Inwiefern verändert es sich?

Bromen Cossan | Die Angriffe im Drial-System und bei den zwei Kontan-Welten sind rückläufig, Laar.

Renta Jaro | Das sehe ich selber, aber warum, Taktikpentaar? Gehen den Vrakaanen die Schiffe aus?

Bromen Cossan | Nein, Laar.

Renta Jaro | Was denn dann?

Bromen Cossan | Ich kann nur [1,5 Sekunden Pause] Vermutungen äußern, Laar.

Renta Jaro | Eben, Bromen. Also?

Bromen Cossan | Sie koordinieren ihre Kräfte. Auf etwas Bevorstehendes.

Renta Jaro | [3 Sekunden Pause] Das wäre vollkommen neu!

Bromen Cossan | Ja, Laar, das wäre es.

♦ Habun Illban Ja’en | Bromen Cossan, neu ernannter Taktikpentaar auf Gelb-07, und Se’en Linnt, Führungspentaar unter Laar Renta Jaro, kreuzten vor der Konfrontation über Ronwal zwischen Sternsystemen und Versorgungsstationen. Der große Teil der Arbeit bestand aus Datenerfassung und -abgleich. Wiederholt traf der Endo-Kreuzer auf Spuren der Verwüstung, die die Vrakaane hinterlassen hatten; es war jedoch unmöglich, deren Herkunft zu identifizieren. Weder die technisch versierten Drial-Vehazzi, die Maluken von Kontan noch die kleineren Fraktionen im Ring verwendeten einheitliche Schiffstypen. Nur selten wurde ein weit entferntes Vrakaan-Schiff von den Sensoren erfasst, stets gelang ihm die Flucht, bevor man in Schussweite gelangte. Oft verschwanden Frachtschiffe spurlos, wenn die Vrakaane ausgeschlachtete Schiffe auf Planeten ohne feste Oberfläche zum Absturz brachten. Über den Verbleib der Besatzungen konnte man nur spekulieren.

In den Jahren 699 bis 702 transferierte Gelb-07 neunmal zwischen Cantori und Talkahalas, dem grünen Waldplaneten, 16,7 Lichtjahre von der Heimatwelt der Senjasantii entfernt. Man begegnete den Kriegsschiffen Rot-02, Indigo-05, Silber-03 und Grau-08, mit denen taktische Daten und Nachrichten der Königlichen Verwaltung ausgetauscht wurden. (Wer nicht im All reist, vergisst bisweilen, dass Sternenschiffe zwar interstellar springen, Nachrichten jedoch nur lichtschnell und innerhalb eines Sternsystems ausgetauscht werden können.) Die Endo-Kreuzer verstärkten ihre Präsenz, ohne dass es zu Zusammenstößen mit den Vrakaanen kam. Bromen spürte diese Spannung in den taktischen Analysen. Hamander Gira, die seit 701 zu Bromens Stab zählte, hatte ihn gewiss ausgelacht, er sehe Gespenster; doch genau das schien Bromen zu können. Er als Einziger war nicht überrascht, dass die Vrakaane schließlich ihre Strategie über dem Planeten Ronwal fundamental änderten.

Mitte des Jahres 702 hatte Renta Jaro den Kurs von Gelb-07 entgegen der Planung geändert. Vielleicht entsprach dies Se’en Linnts Vorschlag, weil über Ronwal jene interstellaren Frachtschiffe der RHF dockten, die wertvolle Güter von Talkahalas nach Cantori oder Lentan beförderten. Wahrscheinlicher ist jedoch, dass Bromen Cossan in den taktischen Daten bei Ronwal eine Auffälligkeit entdeckte. Im Rückblick wissen wir, dass sich zwei Maluken-Clans von Kontan mit der kriegerischen Zetana-Fraktion des Matriarchats der Drial-Vehazzi verbündet hatten, um die Königliche Station über Ronwal unter ihre Kontrolle zu bringen. Die Drial-Vehazzi, deren Welt fast 22 Lichtjahre entfernt liegt, lieferten die Kriegstechnologie, die nur etwa drei Lichtjahre entfernte Doppelwelt Kontan die Logistik (wobei deren offizielle Stellen dies nie zugaben) – es war die erste und einzige Großoperation aus Vrakaanen. 13 Schiffe sprangen nach Ronwal und zerstörten die Verteidigungsanlagen der riesigen Versorgungsstation. Sie beschädigten zwei Frachter, die im Begriff waren, das System zu verlassen, und sie lancierten mit vereinten Kräften einen Angriff auf den gedockten Endo-Kreuzer Silber-03, an dem Wartungsarbeiten vorgenommen wurden; dessen Laar konnte immerhin seine Waffensysteme aktivieren und zwei Kriegsschiffe der Vrakaane ausschalten, bevor er und seine Besatzung zusammen mit dem äußeren Versorgungsmodul der Station in Stücke gerissen wurden.

In den darauf folgenden Stunden brachten die Vrakaane weitere Schiffe nach Ronwal, errichteten einen Verteidigungsraum um die beschädigte Station und kappten deren Energiezufuhr, sodass sich die Raffinerien, die weitläufigen Docks und der bewohnbare Zentralbereich wie ein dunkles Skelett von der in Orange und Rosa glühenden Planetenoberfläche abhoben. Sämtliche gedockten und geparkten Frachtschiffe wurden zum Besitz der Vrakaane erklärt. Anders als früher wurde jedoch nicht nur die jeweilige Fracht geplündert, sondern die Vrakaane begannen, ganze Schiffe zur nahen Welt Serokontan zu verschieben. Im hektischen Treiben über Ronwal war eindeutig eine ordnende Hand erkennbar. (Manchmal denke ich, es könnte schon Zenotron A’zoli gewesen sein, die sich nachweislich als Novizin des Zetana-Tempels an Bord eines der angreifenden Schiffe befand; 702 war sie jedoch noch eine Halbwüchsige.) Die Vrakaane waren kaum mehr als 24 Stunden im System, als Gelb-07 außerplanmäßig in der südlichen Hemisphäre in den Normalraum eintrat und die Bremsphase vorbereitete.

• Shikani, Tochter der Senjasantii | Auch wenn es im Orbit eines Planeten von Schiffen wimmelt, ist dies nicht sofort erkennbar. Die Distanzen sind einfach zu groß, und die Systeme eines Schiffs müssen nach dem Strahlengewitter eines Raumzeitsprungs zuerst kalibriert werden. Bei Ronwal war außerdem mit einer Vielzahl von Frachtschiffen zu rechnen, sodass zahlreiche elektromagnetische Quellen nicht überraschend waren. Bromen hat jedoch immer von einem bestimmten Muster gesprochen, das eine taktische Situation zeigt: ein Muster, in dem ein geübter Taktikpentaar sogleich Normalität oder Auffälligkeiten entdeckt. Während Renta Jaro vorerst nur das 4500 Kilometer entfernte, unbekannte Kriegsschiff erfasste, erkannte Bromen weit alarmierendere Zeichen: Waffensignaturen, militärische Wärmequellen, Verformungen auf der Station sowie Sprungechos von unbekannten Schiffstypen. Vrakaane in großer Zahl, übermittelte der Taktikpentaar über seine Transkriptionssonde. Mit einer Restgeschwindigkeit nach dem Sprung von 593 Kilometern pro Sekunde gelangte Gelb-07 unmittelbar in Schussweite. Reflexartig wandte sich Renta Jaro an Bromen, der ein Schussfenster bestätigte, und der Laar autorisierte den Angriff. Zwei Raketen kollidierten nur Sekundenbruchteile später mit der Antriebseinheit des Vrakaans. Sie lösten eine subatomare Explosion aus, deren Strahlungswelle sich hinter dem Endo-Kreuzer wie das Bild einer blaugrünen Blume entfaltete.

Wenig später wurde das Ausmaß der Bedrohung auf allen Hologrammen in der Kommandokugel angezeigt. Laar Renta Jaro musste eine folgenschwere Entscheidung treffen: Sofort zum Sprung ansetzen und die Flucht ergreifen, dafür waren Wasserstoff und Alinierung des Sprunggenerators ausreichend. Oder Erkundung und Angriff. Nur 13 Minuten nach der Ankunft im System befahl sie: Annäherungsvektor, maximale Verzögerung. Gelb-07 korrigierte den Kurs in Richtung Ronwal und intensivierte das Bremsmanöver. In der Kommandokugel wendeten sich die Sitze gegen die Fahrtrichtung, und die Antriebsgondeln bauten unter Höchstlast kinetische Energie ab: 62 Meter pro Sekunde im Quadrat, ein Wert im roten Bereich. Der Gasplanet füllte auf den holografischen Projektoren bereits das vordere Sichtfeld aus, die Station selber war jedoch nur von den Navigationssystemen zu orten. Die Geschwindigkeit von Gelb-07 war nach wie vor so hoch, dass das Schiff bei weiterer Annäherung in den oberen Schichten des Gasplaneten sofort verglüht wäre.

2800 Sekunden später war die Geschwindigkeit von Gelb-07 auf 425 Kilometer pro Sekunde gefallen. Die Besatzung hatte die taktische Lage erfasst: Fünf Vrakaan-Schiffe befanden sich zwischen der aktuellen Position und dem Planeten. Die unidentifizierten Kriegsschiffe wählten einen Angriffskurs auf einen Punkt in der voraussichtlichen Bahn des Endo-Kreuzers. Renta Jaro befahl eine Kurskorrektur, die Gelb-07 näher an drei übergroße, im Orbit geparkte Frachter brachte. Die Beschleunigungsliegen drehten sich in der Kommandokugel. Die Gondeln des Elementarantriebs veränderten den Flugvektor drastisch, zwei der jüngeren Besatzungsmitglieder verloren kurz das Bewusstsein. Renta Jaro und Se’en Linnt wichen den anfliegenden Raketen auf stark parabolischem Kurs aus, die Antriebspentaare hielten die Triebwerksparameter knapp im vertretbaren Bereich. In dieser Zeit arbeitete Bromen Cossan bereits an einer taktischen Lösung. Für ein ausreichendes Bremsmanöver fehlten Zeit und Treibstoff. Ein taktischer Vorteil war nur durch ein unkonventionelles Manöver zu erreichen: Fallen alle naheliegenden Optionen aus, müssen neue Optionen gefunden werden, so lehrte mich Bromen, als ich sein Führungspentaar wurde. Er entwickelte einen Plan, der die Verfolger zunächst abschütteln, mit einer riskant engen Route um den Gasplaneten verwirren und nach der Umrundung mit einem gegenläufigen Angriffsvektor überraschen sollte. An einer Stelle wies sein Plan jedoch eine Lücke auf, die mit der nach wie vor zu großen Geschwindigkeit von Gelb-07 zusammenhing. Ein Plan mit einer Lücke ist im Gefecht wertlos. 68 alternative Lösungsvarianten zeigten in Bromens Simulation jedoch weniger als zehn Prozent Überlebenschance: Die Umrundung war die einzige Erfolg versprechende Möglichkeit.

♦ Habun Illban Ja’en | Tatsächlich entwarf Bromen in dieser prekären Situation eine Kursvariante; Renta Jaro folgte ihm, obschon Bromen auf das physikalische Problem mit der zu hohen Geschwindigkeit hinwies. »Es ist mir egal, ob Sie ein Problem in Ihrer Taktik haben«, ihre Stimme war gepresst, ihre Atmung ging schwer – die Folge der bereits seit Stunden andauernden, hohen Beschleunigung. »Laden Sie den Ablauf unverzüglich in die Systeme, Taktikpentaar. Halten Sie bloß die Feindkontakte auf Distanz, für alles andere finden wir eine Lösung.«

Bromen bestätigte. Se’en korrigierte den Kurs noch dichter an einem Cantori-Frachter vorbei – das war bei der nach wie vor immensen Geschwindigkeit Präzisionsarbeit. Bange Minuten verstrichen. Gelb-07 verzögerte weiterhin stark, sodass sich die Besatzung nur noch über neuronale Sensoren verständigen konnte, die direkt mit dem Transkriptionsgenerator verbunden waren. Die Vrakaane starteten in rund 4000 Kilometern Entfernung ihre ersten Raketen. Renta Jaro gab ebenfalls den Start der Waffen frei, Bromen feuerte, und Se’en rollte das Schiff über zwei Achsen auf eine Bahn zwischen die Frachter. Kurz darauf detonierten zwei abgelenkte Raketen in schneller Folge an der 700 Meter langen Seite eines Frachters der Bero-Reederei, an dem Gelb-07 vorbeijagte, und der im vorderen Drittel auseinanderbrach. Drei weitere feindliche Raketen wurden von den defensiven Lasern des Endo-Kreuzers zur Explosion gebracht. Hamander Gira, die Bromen mit der Koordination der Waffensysteme betraute, steuerte die eigenen Raketen mit letzten Korrekturen in die Rissschilde zweier Vrakaan–Schiffe; die Druckwelle der Explosion lenkte die Bahn eines dritten Schiffs so stark ab, dass es die Trümmerwolke des zerstörten Frachters streifte und von der Energie der eigenen Geschwindigkeit zerrissen wurde. Die zwei verbleibenden Schiffe kreuzten die Flugbahn von Gelb-07 nur Sekunden später mit rasendem Tempo. Bei dieser Gelegenheit unterzog Hamander Gira die Vrakaan-Schiffe einer genaueren Analyse und entdeckte, dass es sich um Schiffe der Vehazzi handeln musste.

Se’en indes stellte den Kreuzer quer, um auf den Planeten zuzusteuern – gemäß Bromens Kurs eine enge Schleife um Ronwal. Dem Führungspentaar war jedoch klar, dass die Geschwindigkeit dafür nach wie vor viel zu hoch war. Gelb-07 hätte sich dazu derart nahe an Ronwal heranwagen müssen, dass das Schiff am Rand der Gasatmosphäre verglüht wäre. »Zu schnell«, krächzte Se’en ins Kommunikationssystem. Bestätigt. Mehr Bremsleistung ist systembedingt nicht möglich, transkribierte der Antriebspentaar. Das Problem muss –

In diesem Moment detonierte eine letzte Rakete, die ein bereits zerstörter Vrakaan abgesetzt hatte, kaum 40 Meter hinter den Antriebsgondeln, vermutlich knapp getroffen von Hamanders Abwehrlaser. Gelb-07 machte einen Satz. Die Wucht der Explosion tötete vier Besatzungsmitglieder, ließ Hamander Gira erblinden, da die Blutgefäße ihrer Augen platzten, und brach Renta Jaro zwei Halswirbel. Die Verschalung des Elementarantriebs wurde teilweise weggerissen, der Kreuzer schlingerte stark und stürzte gegen die schillernden Verwirbelungen des Gasriesen.

• Shikani, Tochter der Senjasantii | Bromen Cossan und Se’en Linnt mussten, nachdem sie ihre Sinne wiedergewonnen hatten, die Prioritätsnachricht des Systems sofort erfasst haben: Der Laar war ausgefallen. In diesem Fall geht die Befehlsautorität an den Führungspentaar über, die Codierungen ändern automatisch. Bromen wies den stellvertretenden Laar auf die für eine Umrundung des Gasplaneten zu hohe Geschwindigkeit sowie zwei Kontakte auf Abfangkurs hin. Se’en bestätigte, dann transkribierte er: Bromen, ich habe eine Idee. Wir verfolgen den vorgeschlagenen Kurs. Ich bremse mit dem Generator.

Bromen schien sofort zu begreifen, was Se’en meinte: Minimal benötigte Geschwindigkeitsreduktion beträgt 90,5 Kilometer pro Sekunde.

Se’en Linnt schaltete sich auf den Kanal des zweiten Antriebspentaar, ein Endoer namens Ziter. Er veranlasste, den Singularitätsgenerator zu aktivieren, allerdings nicht für einen Sprung durch die Raumzeit. Vielmehr wolle er mit dem Generator ein superschweres Objekt erzeugen, das durch seine Masse das Schiff um 100 Kilometer pro Sekunde relativistische Geschwindigkeit bringen würde. Die Unberechenbarkeit eines so radikalen Vorhabens und die mit einem solch groben Eingriff verbundene Dealinierung des Sprungantriebs waren offensichtlich: Eine nicht standardisierte Singularität kann ein Schiff zu einem mikroskopisch kleinen Punkt eindampfen. Antriebspentaar Ziter wies auf die unüberschaubaren Risiken hin, doch Se’en insistierte und setzte sich gegen alle Einwände durch.

♦ Habun Illban Ja’en | Mit tosendem Lärm zerrte die von Sekunde zu Sekunde dichtere Atmosphäre von Ronwal an der Schiffshülle. Alle an Bord waren vor Angst und Anstrengung gezeichnet. Der Laar und weitere Besatzungsmitglieder waren mutmaßlich tot. Die erblindete Hamander Gira meldete über ihren Transkriptionssensor dem System ihren Ausfall. Und dem entsetzten Ziter mussten tausend Gründe einfallen, warum ein Singularitätsgenerator nur für präzise Raumzeitsprünge und keinesfalls für ein improvisiertes Bremsmanöver zweckentfremdet werden durfte. Doch irgendwie gelang es Se’en Linnt, auf den panischen Antriebspentaar beruhigend einzureden – ich weiß aus eigener Erfahrung, dass Se’en in solchen Momenten über sich hinauswachsen kann.

Bromen übernahm währenddessen die Stabilisierung des noch immer schlingernden Schiffs. Er hatte Se’ens Vorschlag als einzige und damit zwingende Möglichkeit erkannt und leitete eine Drehbewegung des Schiffs ein. »Danke, Bromen«, zeichnete das System Se’ens Bestätigung auf. Dieser Dank erscheint mir wie eine stillschweigende Absprache zwischen zwei ausnehmend kompetenten und doch gegensätzlichen Pentaaren. Bromen wendete das Schiff. Die Sensoren warnten bereits vor der Hitzewirkung der Atmosphäre; der dünne Gasschleier brachte die Außenhülle von Gelb-07 zum Glühen. Der Planet mit seinen Sturmzyklonen breitete sich inzwischen wie ein gewaltiger Feuerteppich unter ihnen aus. Der Antriebspentaar fuhr den nun in Fahrtrichtung zeigenden Elementarantrieb herunter und versiegelte die Gondeln, während Bromen die Waffensysteme unter der Panzerung des Waffenmoduls versenkte. Mit dem Heck voran raste der Kreuzer in einen zunehmend tieferen Orbit.

Die Atmosphäre erfasste auch die zwei Verfolger. Aus der Distanz war erkennbar, dass der atmosphärische Widerstand den technisch unterlegenen Kontanern zusetzte; glühende Teile ihrer Außenverkleidung wurden weggerissen, doch die Vrakaane behielten hartnäckig ihren Kurs bei. Unterdessen erarbeiteten Se’en Linnt und Ziter die provisorische Konfiguration des Singularitätsgenerators. Das winzige Masseobjekt sollte, so der Plan, hinter das Schiff projiziert werden und ihm zu einem dramatischen Bremsmanöver verhelfen – ohne es dabei in den entstehenden Gravitationskräften zu zerreißen. Sicher war einzig, dass nach all den manuellen Einstellungen eine ausreichende Alinierung für einen weiteren Raumzeitsprung endgültig vertan war.

»Raketen«, warnte Se’en mit keuchender Stimme.

Werden uns nicht erreichen, meldete Bromen über Transkriptionssonde. Führungspentaar, initiieren Sie das Bremsmanöver.

• Shikani, Tochter der Senjasantii | Der ungewöhnliche Einsatz des Singularitätsantriebs hatte in kurzer Sequenz mehrere Auswirkungen: Die 45 Meter hinter Gelb-07 projizierte, mit 396 Mikrometern relativ große Singularität erzeugte auf den Endo-Kreuzer einen ultrastarken Gravitationseffekt. Dies führte zu einer negativen Beschleunigung von 8400 Metern pro Sekunde im Quadrat während 11 Sekunden. Gleichzeitig zog die Singularität die feindliche Rakete auf sich und verschluckte sie samt ihrer Explosionswucht. Schließlich lenkte sie den Kurs der sich nähernden Kontaner ab: Von einem sicheren Orbit auf einen katastrophal steilen Kurs zum Gasplaneten. Zu beobachten war damit erstens: eine drastische Verlangsamung von Gelb-07 um 92 Kilometer pro Sekunde. Zweitens: der rapide eintretende Sturz der zwei Vrakaan-Schiffe sowie deren Verglühen in der tieferen Atmosphäre.

Die Tatsache, dass das gravitationale Feld Gelb-07 nicht gleichförmig erfasste, musste zu seltsamen Krümmungseffekten geführt haben, die mir Bromen später als Schlieren und Flimmern beschrieb. Die Singularität selbst destabilisierte, was seltsame Lichtphänomene am Rande eines kurz aufblitzenden Horizonts nach sich zog. Zu diesem Zeitpunkt war nur noch Bromen bei Bewusstsein. Die wenigen funktionstüchtigen Systeme des Kreuzers flackerten alle im roten Bereich. Doch der Augenblick der Angst streifte ihn nur kurz. Bromen blieb ganz in seiner inneren Welt, schaltete sämtliche Notsysteme zu und wendete das Schiff erneut in Fahrtrichtung. Gemäß Schadensbericht schmolz die reißende Atmosphäre während dieser Drehbewegung die äußere Keramikverschalung von Gelb-07 mehrheitlich weg. Als der Kreuzer schließlich mit dem Bug voran den Gasriesen umrundete, waren 68,5 Prozent aller Systeme ausgefallen. Lediglich der Taktikpentaar überwachte den immer tieferen Flug durch flirrende Gasschichten.

♦ Habun Illban Ja’en | Gelb-07 raste wie ein Meteor in langen Minuten um den übergroßen Gasplaneten herum. Für die Verfolger musste es ausgesehen haben, als tauche das Schiff unwiederbringlich in das orange glühende Plasma. Tatsächlich hielten die Struktur des Schiffs und die Schutzhülle der Kommandokugel der Belastung stand, und der Kreuzer wurde von der dichter werdenden Atmosphäre kontinuierlich abgebremst, was im Inneren einem Inferno gleichkam. Die Sensoren gaben in schneller Folge ihren Dienst auf, sodass Bromen nur aufgrund der Physik wusste, wo er sich befand. Einen langen, feurigen Schweif ließ Gelb-07 hinter sich, bevor Bromen am Ende seiner Umrundung den Kreuzer wieder in einen höheren Orbit und aus der Umklammerung des Gasriesen lenken konnte. Der eben noch ohrenbetäubende Lärm wich einer unheimlichen Stille. Es mag überraschen, dass der Elementarantrieb nach wie vor funktionierte, während der Sprungantrieb vollständig ausgefallen und komplett weggebrannt war. Noch erstaunlicher ist, dass einzelne Sensoren neu starteten, sodass über die holografischen Projektoren wieder spärliche Datenströme liefen. Bromen unterzog das Schiff einer gründlichen Systemüberprüfung – und überlegte in seiner Unerschütterlichkeit erneut, welche Angriffsmöglichkeiten ihm offenstanden.

Zu diesem Zeitpunkt kam Se’en Linnt wieder zu sich. Als das System dem Führungspentaar die Befehlsgewalt zurückschalten wollte, lehnte dieser ab. Gelb-07 war verloren; der Feuerritt durch die Atmosphäre mochte gelungen sein, doch nach wie vor befanden sich feindliche Kriegsschiffe im System, bereit zu attackieren, was vom Endo-Kreuzer noch übrig war.

Doch dazu kam es nicht. Denn hoch über der Polregion von Ronwal trat in einem kurzen Lichtblitz ein weiteres Schiff in Erscheinung, das in einem weiten Bogen sein Bremsmanöver ausführte. Aus der Distanz von rund 150 000 Kilometern zeigte es sich bei entsprechender Vergrößerung als silbern schillernder Punkt. Es war ein Senjasantii-Schiff. Ein Zufall – das war Bromen und Se’en sofort klar – konnte das nicht sein. Im selben Moment zeigte das System an, dass Renta Jaro noch am Leben und bei Bewusstsein war. Der Laar, dessen verdrehter Körper in der Umklammerung der Druckliege leblos wirkte, übermittelte eine letzte, nur geflüsterte Anweisung: »Die Senjasantii … Bromen … Feuerschutz.« In den letzten Sekunden ihres Lebens erkannte Renta Jaro, dass allein das silberne Schiff eine Überlebenschance bot. Als die Beschleunigungssitze in der Zentrale erneut ihre Position wechselten, mussten Bromen und Se’en sie gesehen haben, den Kopf unnatürlich zur Seite gekippt.

• Shikani, Tochter der Senjasantii | Die Endoer mag es seltsam anmuten: Unsere Schiffe werden oft scheinbar grundlos an bestimmte Punkte in der äußeren Welt entsendet. Manchmal sehen die Spielenden etwas in der inneren Welt voraus und beauftragen einen Späher, um zu erkennen, wie weit die Wirklichkeit schon realisiert ist. Manchmal skizzieren unsere Gelehrten auch Konjunktionspunkte, die besondere Ereignisse wahrscheinlich machen. Im Fall von Ronwal hatte Hashisanii, die damals Jüngste der Spielenden, dem übergroßen Wächter Silberhorizont Anweisung übermittelt. Der Gehorsam des Schiffsführers mit Namen Ashaniistar und sein Vertrauen in die Spielenden waren unerschütterlich. Er entdeckte mit wenig Zeitverzögerung die kriegerischen Schiffe, die beschädigte Station über Ronwal und auch den angeschlagenen Endo-Kreuzer. Seine Anweisungen ermahnten ihn zur Passivität. So beobachtete er mit Widerwillen, wie das beschädigte Schiff mit der Endo-Kennung seinen Kurs an den der Silberhorizont anglich. Zwei der Gegner vergrößerten ihre Distanz, die anderen steuerten ebenfalls auf die Silberhorizont zu. Se’en Linnt, formal der stellvertretende Befehlshaber, nahm Kontakt auf und bat um Schutz. Dies hatte Ashaniistar im Namen der unparteiischen Senjasantii verweigert. Bromen korrigierte gleichwohl den Kurs von Gelb-07 zur Silberhorizont hin. Während Se’en auf Ashaniistar einredete, forderte dieser ihn wiederholt auf, Distanz zu halten. Diese ergebnislose Konversation, in die Se’en Linnt den verwirrten Schiffsführer verwickelte, zog sich über 825 Sekunden hin. Ich gestehe, dass ich inzwischen lange genug unter den Endoern gelebt habe, um in dieser Szene etwas Komisches zu finden.

Die zwei Vrakaan-Schiffe verringerten weiter die Distanz zu Gelb-07. Sie wagten allerdings keine offensiven Aktivitäten, da dies ein Angriff auf das Senjasantii-Schiff bedeutet hätte. Tatsächlich hatten nur wenige Endoer je einen Angriff auf eines der silbernen Schiffe meines Volkes gewagt und waren stets aussichtslos unterlegen. Zwar waren die Senjasantii meist einem Kampf ausgewichen, doch schon bald kursierten in den Ringwelten Gerüchte von der überwältigenden Überlegenheit meines Volkes auf Basis einer Technologie, die sich den Endoern weitgehend entzog.

Die Vrakaane zögerten. Einen solchen Ruhemoment sucht jeder Taktikpentaar in einer unterlegenen Situation. Auch Bromen musste in diesen Minuten die verfügbaren Mittel und Möglichkeiten des Schiffs mit den taktischen Zielen in Abgleich gebracht haben. Der Raumzeitantrieb, das Hauptsystem, der Hitzeschild, die Mehrzahl der defensiven Abwehrlaser und die Lebensversorgung außerhalb der Kommandokugel waren ausgefallen. Verfügbar dagegen waren: sechs Prozent verbleibende Treibstoffreserven, ein zu 63 Prozent einsatzbereiter Elementarantrieb, vier von acht Raketenwerfern sowie alle lebenswichtigen Notsysteme. Bromen leitete seinen Angriff in dem Moment ein, als die Vrakaane im Abstand von fünf Kilometern an Gelb-07 und der Silberhorizont vorbeizogen.

♦ Habun Illban Ja’en | Schmerz und Verwüstung herrschten an Bord von Gelb-07, fünf Besatzungsmitglieder, darunter der Laar, hingen tot in ihren Druckliegen. Verletzte stöhnten in die düstere Stille, bis die automatisch initiierten Schmerzmittel zu wirken begannen. Se’en beobachtete, von den Strapazen gezeichnet, wie Bromen erneut alle verfügbaren Komponenten aufrief, wie er den benommenen Antriebspentaar anwies, die Elementartriebwerke auf Notbetrieb zu schalten, und wie er die überlebenden Besatzungsmitglieder mit der Rekonfiguration der sekundären Systeme betraute. Hamander Gira hatte ihre medizinische Versorgung deaktiviert, weil sie bei vollem Bewusstsein bleiben wollte, und ballte ihre Fäuste vor die schmerzenden, blutverschmierten Augen.

Die Senjasantii ließen Gelb-07 trotz anfänglichem Widerspruch gewähren. Die Vrakaane passierten die zwei ungleichen Schiffe, die im Licht Ronwals rötlich reflektierende Silberhorizont und den havarierten Endo-Kreuzer, ohne eine weitere Waffe abzufeuern. In diesem Moment nahm Bromen Cossan die Verfolgung auf. Die Gondeln erstrahlten in grellweißem Licht, und der Elementarantrieb schob den Kreuzer mächtig voran, sodass die Silberhorizont rasch zurückfiel. Se’en übernahm auf Anweisung von Bromen die Steuerung, um Gelb-07 in eine geeignete Schussposition zu bringen. Die beiden Vrakaane trennten sich. Bromen folgte einem der beiden bange Minuten lang zurück zum Gasplaneten. Der Vrakaan feuerte unpräzise Raketen, denen Gelb-07 ausweichen konnte.

In dieser Phase der Verfolgung wandte sich Hamander Gira an Bromen; da das Haus Gira, dem sie angehörte, mit dem Matriarchat seit Jahrzehnten Handel betrieb, hatte sie einige Vrakaane als Schiffe der Vehazzi identifiziert. »Die Frequenz der Abwehrlaser und die Strahlungsvarianz ihrer Zielerfassungssysteme sind typisch.«

Der Taktikpentaar bestätigte.

»Bromen«, fügte Hamander hinzu, »die Vehazzi haben eine Schwachstelle, weil ihre seitlich positionierten Wasserstofftanks nur einfach verschalt sind.«

Darauf konfigurierte Bromen zwei Raketen so, dass sie am feindlichen Schiff vorbeizogen, auf der bezeichneten Höhe detonierten und die ungeschützten Tanks zur Explosion brachten. Eine blaue Gasfontäne riss den Vrakaan abrupt aus der Bahn, das Schiff brach mittig auseinander und implodierte im Vakuum lautlos.

Das zweite Vrakaan-Schiff hatte seinerseits die Verfolgung von Gelb-07 aufgenommen. Bromen wies Se’en an zu beschleunigen, so weit es die Triebwerke zuließen, und initiierte mit den letzten Wasserstoffreserven eine parabolische Bahn in Richtung der Versorgungsstation. Das aufholende Drial-Vehazzi-Schiff feuerte wenige Minuten später erneut, ohne dass ihm angesichts der strahlenden Oberfläche von Ronwal und der herannahenden Station eine klare Zielerfassung gelang; die Raketen schossen am Endo-Kreuzer vorbei, zwei hin zum Gasplaneten, zwei in einen Wasserstofftank der Station, der unter hohem Druck auseinanderbarst. Sekunden später raste Gelb-07 durch die expandierende Gaswolke und die entstandene Lücke im Geflecht der Struktur. Der Vrakaan leitete ein verzweifeltes Ausweichmanöver ein, streifte jedoch ein Antennensystem der Station, was das Schiff bei dieser Geschwindigkeit auf der gesamten Breitseite aufriss. Bromen brach daraufhin dem Kriegsschiff des Vehazzi-Matriarchats mit einem einzigen Treffer aus dem Heckwerfer das Rückgrat.

Während der Endo-Kreuzer Gelb-07, inzwischen ohne Treibstoff, auf ballistischer Bahn gegen Ronwal stürzte, wendete sich die Lage; die verbleibenden Vrakaan-Schiffe entschieden, dass Flucht die bessere Option war. Die Kontrolle über Ronwal war offensichtlich verloren, an ein sicheres Verschieben der zahllosen Frachter im Orbit war nicht mehr zu denken. Dieser eine Endo-Kreuzer schien – trotz offensichtlicher Schäden – unbezwingbar. Außerdem musste es beeindruckend ausgesehen haben, als schließlich die Silberhorizont ihren Kurs anpasste, um Gelb-07 vor einem lang gezogenen Absturz auf dem Gasriesen zu bewahren.

DIE ZWEITE EXPANSION

• Shikani, Tochter der Senjasantii | Im Jahr 603 entdeckten die Endoer das Prinzip des Sprungantriebs. Zuvor waren sie bereits 524 Jahre lang unterlichtschnell in die Weiten der Elawaia vorgedrungen, nun bevölkerten sie die Sterne des Rings mit ihren Sprungschiffen. Sie nannten es: die zweite Expansion.

Mein Volk beobachtete diese Entwicklung mit Sorge. Die Spielenden träumten, dass die Monarchie von Endo versuchen würde, mit der neuen Technologie die äußere Welt zu dominieren. Tatsächlich entwickelte das Königreich immer bedrohlichere Waffensysteme, zuletzt die Kreuzer der Sarrakadan-Klasse, die aufgrund prinzipieller Resonanz irgendwann zum Einsatz kommen mussten. Zugleich erkannten die Spielenden, dass eine ebenso große Störung der inneren und der äußeren Welt von den aristokratischen Häusern von Cantori verursacht werden würde. Die prunkvoll auftretenden Aristokraten mit ihren farbigen Bändern, schillernden Roben und überheblichen Gesten gaben vor, lediglich regulären Geschäften nachzugehen und wachsende Märkte zu bedienen. Die Spielenden sahen jedoch voraus, welche Folgen der Zusammenschluss der Reedereien zur Ringhandelsföderation hatte: Wachsende Warenströme schufen unauflösbare Abhängigkeiten. Ein fragiles Handelssystem wurde geschaffen, das den aristokratischen Häusern und den herrschenden Monarchisten auf Endo zu dienen schien, dessen äußere Stabilität aber einer Illusion entsprang. Bromen hatte das lange vor allen anderen erkannt. Nach der Eindämmung der großen Seuche auf meinem Heimatplaneten im Jahr 712 folgte ich ihm, die erste Senjasantii überhaupt und das jüngste Besatzungsmitglied in der Königlichen Flotte. Meine Bewunderung für Bromen, der in den Weiten des Rings Vrakaane aufspürte, Konfrontationen nicht scheute und für seine Eigenwilligkeit statt Strafe Anerkennung erhielt, entfremdete mich von meinem Volk.

Mein Leben lang habe ich versucht, die Händler des Rings zu verstehen: die aristokratischen Häuser von Cantori, die großen Reedereien, den geheimen Temb’ran-Zirkel. Doch alles, was ich über sie in Erfahrung brachte, vergrößerte mein Misstrauen gegenüber den Prinzipien, an denen sie sich orientieren. Ich musste zum Beispiel lernen, dass den Händlern klare Verhältnisse nicht dienlich sind: Der Rat der Ringhandelsföderation etwa versteckt mit Bedacht die wahren Besitzverhältnisse der verschiedenen Reedereien. Noch weniger transparent ist, welche Rahmenabkommen für lukrative Handelsgüter gelten und welche Zeitverträge für bestimmte Strecken gehandelt werden. Der Temb’ran-Zirkel schließlich kontrolliert die über ihn verfügbaren Informationen nahezu vollständig und finanziert Geschäfte im Verborgenen und durch dezentral agierende Meisteragenten. Händler profitieren von der Unwissenheit ihrer Handelspartner und verschleiern, durch welche Transaktionen ihr Reichtum zustande kommt. Unklarheit schützt sie zudem vor möglichen Neidern, da die Benachteiligten stets nur vage ahnen, was ihnen entgeht. Händler wollen uns glauben machen, Tausch sei gerecht. Doch ein Händler sucht nicht Gerechtigkeit im Tausch, er sucht Vorteil. Unklarheit, die Störung der inneren und äußeren Welt, ist eine Voraussetzung, um zu Reichtum zu gelangen.

♦ Habun Illban Ja’en | Die Entdeckung der überlichtschnellen Sprungtechnologie knapp hundert Jahre vor der Eskalation über Ronwal veränderte die endoische Zivilisation fundamental. Die exponentiell wachsende Nachfrage erhöhte die Produktion von Gütern auf allen Ringwelten und führte zu einem dichten Netz von Versorgungsstationen im Ring. Durch den Raumzeitantrieb waren ferne Orte plötzlich nicht mehr Jahre, sondern nur noch Tage von den Märkten von Cantori oder dem Endo-System entfernt. Weitläufige Industrieanlagen überzogen zunehmend den ganzen Planeten Lentan; in kilometertiefen Schächten wurden Singularitätsgeneratoren gefertigt; die Komponentenproduktion in den Steinwüsten des Südkontinents verschlang Abertausende von Arbeitskräften; in trüben, gläsernen Kuppeln wurden standardisierte Nahrungsmittelkonzentrate produziert, um jene Endoer zu versorgen, die in der Düsternis technischer Anlagen, in orbitalen Werften und auf Frachtschiffen ihr Leben fristeten.

Die Architekten dieser neuen Welt waren nicht in monolithischen Großstädten oder klaustrophobischen Wohnhabitaten zu finden; sie saßen auf den Terrassen prachtvoller Häuser in der Halbwüste von Cantori und wirkten als Funktionäre in der Ringhandelsföderation oder am Hofe meines Großvaters. Die Gütermenge verdoppelte sich nahezu alle zehn Jahre; ein punktueller Ausfall des Güterverkehrs hatte schwerwiegende Folgen, da alle Welten vollständig voneinander abhängig geworden waren. Ringhändler wie Monarchisten wachten entschlossen darüber, jegliche Beeinträchtigung des Handels im Ansatz zu ersticken, sei es durch räuberische Vrakaane oder durch Kritiker aus den eigenen Reihen. Nachfolgende Zeilen, die ich vor über 30 Jahren am Institut für Gegenwartswissenschaften für die Informationssphäre von Angangira verfasst habe, wurden nicht nur von der RHF zensiert, sondern trugen mir – trotz der Protektion durch Konsul Linnt – eine scharfe Verwarnung ein.

Seit Beginn der zweiten Expansion nehmen die Märkte auf Cantori, Lentan und den größeren Ringwelten neue, exotische Produkte mit Begeisterung auf. Wie diese Güter über Lichtjahre hinweg herangeschafft werden – was dafür an Entbehrungen notwendig ist –, das interessiert die wohlhabenden Abnehmer nicht. Die Monarchisten auf Lentan und die aristokratischen Familienoberhäupter auf Cantori verstecken sich hinter Reedereien, Handelsorganisationen und Finanzhäusern mit spiegelglatten Oberflächen. Sie leben in einer isolierten Welt voller Überfluss. Natürlich verachten die Monarchisten die Emporkömmlinge der »ersten endoischen Kolonie« Cantori, und die Aristokraten belächeln wiederum die Höflinge von Endo. Beide vereint aber ihr Reichtum auf Kosten der breiten Masse. Schon vor der zweiten Expansion wurden Luxusprodukte im Ring gehandelt, etwa Talkahalas-Alidium, Aromastoffe, seltene Medikamente und berauschende Substanzen. Der Transport dauerte oft Jahrzehnte, und die Preise stiegen vom Produktions- bis zum Verkaufsort auf das Hunderttausendfache an – der Handel der ersten Expansion war entsprechend kein Massenphänomen. Dank der Sprungtechnologie aber kann ein Frachtschiff in weniger als 100 Tagen von Lentan nach Talkahalas und zurück reisen. Eine Strecke von fast 56 Lichtjahren ist mit rund 20 Raumzeitsprüngen zu bewältigen. Cantori erkannte unverzüglich das Potenzial dieser neuen Möglichkeit, investierte in Transportkapazität und Versorgungsstationen und wurde zur kommerziellen Supermacht. Im Verlauf des letzten Jahrhunderts wurden zunehmend Rohstoffe, Nahrungshalbfabrikate und ganze Fertigkomponenten im Ring verschoben. Die Masse der transportierten Güter führte dazu, dass die Ringwelten gegenwärtig ohne Handel nicht mehr lebensfähig sind – ganz besonders Lentan und Cantori. Die zweite Expansion veränderte das Leben sämtlicher Endoer, aber lediglich für eine kleine Zahl zum Vorteil. Es gibt zwar keine Hungersnöte mehr, aber die Mehrheit ernährt sich von künstlichen Substraten; es gibt auf jeder Ringwelt die Erzeugnisse jeder anderen Welt zu kaufen, aber nur für Auserwählte, die es sich leisten können; und es gibt für jeden Endoer Arbeit im Ring der Sterne, aber nur, wenn er bereit ist, dafür alles aufs Spiel zu setzen.

Der Handel im Ring war schon immer geprägt von Ausbeutern, Betrügern und Räubern. Die Vrakaane waren allerdings ein Phänomen der zweiten Expansion. Auf einem Vrakaan-Schiff anzuheuern war kaum viel riskanter als auf einem Frachtschiff der RHF – im besten Fall jedoch weitaus lukrativer. Als sich die Überfälle häuften, erklärte mein Großvater die Vrakaan-Jagd zur ersten Priorität der Königlichen Flotte. Angesichts der wachsenden Zahl von Frachtschiffen im Ring war es für die damals kleine Zahl von Endo-Kreuzern allerdings unmöglich, allen Geleitschutz anzubieten. Die Kriegsschiffe des Königs, so auch Gelb-07, kreuzten den Transportrouten entlang und pendelten zwischen den Versorgungsstationen. Jenseits von Sanderwel war dies ein abenteuerliches Unterfangen, da die Mehrheit der Stationen nicht von Ringwelten verwaltet wurde, sondern eigenständige Konglomerate mit dubiosen Sozialstrukturen bildete; deren Bewohner bauten aus der Atmosphäre des jeweiligen Planeten unter prekären Bedingungen Wasserstoff ab. Stationen von der Größe von Ronwal oder Basteron wurden lebenswichtige Knotenpunkte im Ring der Sterne. Selbst die armseligste Station in den Weiten des Alls hatte noch die Wirkung eines Wasserlochs in der Wüste.

• Shikani, Tochter der Senjasantii | Die Senjasantii streben Einheit in der äußeren und ebenso in der inneren Welt an. In der äußeren Welt suchen wir sie in der Natur, in dem, was Gelehrte darüber erfahren und Techniker darin erschaffen. In der inneren Welt suchen wir diese Einheit in der Art, wie wir die Welt als Ganzes erleben, wie wir Zusammenhänge erkennen, wie wir träumen. Wir können uns nicht vorstellen, dass irgendetwas wertvoll sein kann, das auf Ganzheit verzichtet: etwas das trennt, das einzelne Teile aufwertet, andere dagegen ohne Zwang abwertet, das Ungleichgewichte nicht nur in Kauf nimmt, sondern zum eigenen Vorteil sucht. In dieser Hinsicht unterscheiden wir uns von den Endoern. Unsere Differenz in der inneren Welt bewerte ich als größer als die der äußeren, etwa die Kupferfarbe unserer Haut, das Grün unserer lang gezogenen Augen, die Haarlosigkeit unserer schlanken Körper. Ein Beispiel für diese innere Differenz stellt unsere Sprache dar: Die Endoer hören zwar akustisch, dass wir gleichzeitig mit zwei asynchronen Stimmen sprechen. Doch sie können unsere Sprache weder verstehen noch erlernen, weil wir faktische Aussagen und ästhetische Eindrücke, die beide Welten zueinander referenzieren, gleichzeitig zum Ausdruck bringen. Unsere Zweistimmigkeit reflektiert unser ganzes Denken. Bis heute fällt es mir schwer, mehr als nur die faktische Dimension zu vermitteln, wenn ich in endoischen Dialekten spreche und meine Stimmen dazu synchronisiere.

Die größte Population der Endoer lebt im System Endo: auf Lentan, ihrem Ursprungsort. Die zweitgrößte findet sich im nächstgelegenen System auf Cantori. In Folge der ersten und zweiten Expansion sind die Endoer inzwischen über die ganze Elawaia verstreut: auf zehn planetaren Ringwelten und 79 weiteren Stationen. Ich erkenne darin den Wunsch, die äußere Welt zu erkunden. Auch die Senjasantii tun das, jedoch aus gänzlich anderen Gründen und auf unterschiedliche Weise: Wir erforschen die Elawaia, um mehr über die äußere und die innere Welt und damit über uns selber zu erfahren. Wir erobern nicht, wir beobachten aus der Distanz und lernen. Die Endoer wollen jedoch nicht nur sich selbst in der Welt erfahren, sie wollen sich ausdehnen und die eigene Lebenswelt gegenüber anderen abgrenzen. Mir scheint, dass sie lieber einen schmutzigen Felsen ihr Eigen nennen, als ein blühendes Paradies zu teilen. Konkurrenz bestimmt das Verhältnis der Endoer untereinander: Dies gilt für die Rivalität zwischen Monarchie und RHF wie auch zwischen den Aristokraten selber. Trotz dem dort entstehenden Reichtum ist Cantori eine geteilte, sich selbst und die ganze Elawaia konkurrenzierende Welt. Die Oberhäupter der Häuser beäugen einander argwöhnisch und achten darauf, dass keiner zu mächtig wird. Ihr vordergründiger Zusammenschluss zur RHF war eigennützig, ihre Freundlichkeit ist berechnend. Sie handeln mit allem, was vorübergehend oder dauerhaft Wert besitzt oder Vorteile verspricht.

Auch Bromen Cossan strebte wie die Aristokraten von Cantori nach Macht in der Elawaia. Er aber hat Mittel beansprucht, um seine Zwecke zu verfolgen, während den Aristokraten die Mittel selbst zum Zweck geworden sind. Bromen suchte Macht nicht zu seinem persönlichen Vorteil: Er selbst hat diesen Beweis am Ende angetreten, so deutlich, dass alle es erkennen konnten.

♦ Habun Illban Ja’en |