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Das Besondere im Alltäglichen zeigen diese 16 Kurzgeschichten auf. In ihnen geht es unter anderem um große Liebe, Verrat, moralische Entscheidungen - und auch Kriminelles darf nicht ganz fehlen. Das größte Thema aber bleibt: die Sehnsucht. Eine Einweihungsfeier wird zur Beziehungsprobe; der Blick auf den See lässt gefühlvolle Erinnerungen aufkommen; eine Witwe wird bestohlen und findet so neu ins Leben; eine Flaschenpost sorgt für unerwartete Liebe; eine Frau muss sich entscheiden - für oder gegen die Beziehung mit ihrem einstigen Seerosen-Kavalier; ein Mann entdeckt einen Halbtoten und weiß nicht, wie er handeln soll; eine junge Frau erlebt ihre erste Geschäftsreise und wird erwachsen; eine Münze, ein Stein und eine Blume steuern ganz eigene Perspektiven aufs Leben bei - und lassen dabei tief ins Allgemeinmenschliche blicken. Dazu gibt's eine stimmungsvolle Weihnachtsgeschichte, Panik wegen eines verschwundenen Kindes, einen Traumurlaub mit viel Stress, Gedanken übers Schreiben und eine literarische Liebe.
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Seitenzahl: 140
Veröffentlichungsjahr: 2019
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Helga Lüsebrink, geboren 1938 in Lüdenscheid, einer kleinen Stadt im Sauerland in Nordrhein-Westfalen, lebt und schreibt heute in Berlin. Der Krieg bis 1945 und vor allem die Nachkriegszeit brachten Armut auf allen Ebenen. Soweit als möglich besuchte sie von 1944 bis 1953, mit verschiedenen Jahrgängen in einer Klasse, die Pestalozzi-Schule.
Rund 40 Jahre Büro- und Vertriebsarbeit in den unterschiedlichen Bereichen der Metall- und Chemieindustrie folgten, und daneben sowie dazwischen von der Parfümvertreterin über Putzen und Lampenschirmbespannen bis hin zur selbständigen Lebensmittelladenbetreiberin allerlei weitere Dinge. Mehrere Ehen und wichtige Lebensgefährten prägten aber ihr Leben noch mehr als alles Berufliche. Durch sie lernte sie aufregende neue Welten kennen, etwa die Griechenlands, jene des Wohlstands und der Kultur oder die der beruflichen Selbständigkeit.
Seit Beginn ihres Ruhestands widmet sie sich dem Schreiben. 2017 veröffentlichte sie ihre Autobiografie »Mein Leben – erzählt anhand der Männer, die es prägten«.
Schreiben lernen
Der Stein Adalbert
Die schwarze Schatulle
Die Münze
Die Flaschenpost
Die Schiffsreise
Blick auf den See
Frühlingsgedanken
Lauras Seerosen und Lavendel
Sommerblumenstrauß
Die Einweihungsfeier
Panik am Geburtstag
Auf der falschen Spur
Connys neues Leben
Neue Welt
Heiligabend in der alten Scheune
Als leidenschaftlicher Leser bin ich immer wieder erstaunt, wenn eine scheinbar völlig unbedeutende Situation über Seiten hinweg beschrieben wird – und Bedeutung erlangt. Und ich wundere mich immer wieder, dass dies bereits seit alters her geschieht, wie unzählbare Bücher zeigen.
»Warum gelingt mir das nicht auch?«, frage ich mich.
Viele Möglichkeiten, um das Schreiben zu erlernen, Schreibanregungen zu erhalten und den eigenen Stil zu verbessern, habe ich bereits ausgeschöpft, indem ich an verschiedenen Kursen in Schreibwerkstätten teilgenommen habe und Schreibratgeber gelesen und mich mit Autoren ausgetauscht.
Aber meine Angst vor dem weißen Blatt ist stets stärker als der Impuls, selbst etwas sinnvoll zu beschreiben, was nicht nur kleinteilig und direkt aus meinem Leben geschöpft ist und letztlich nicht nur für mich gedacht, sondern auch und vor allem für Wildfremde, das ihnen etwas sagt, etwas bedeutet, ihnen vielleicht sogar nahe geht.
Bis ich Sarah kennen lerne. Sie schreibt tagein, tagaus ihre Gedanken über irgendwelche Dinge, die ihr gerade in den Sinn kommen, in ihr Notizheft oder tippt sie direkt in den Computer – und formt schließlich all diese Bruchstücke zu Geschichten.
Als Ausgangspunkt nimmt sie oft Beobachtungen aus ihrem Alltag, sie schreibt beispielsweise über irgendeine Person, die an einem Tischchen sitzt und vielleicht auf jemanden wartet, oder über ihren Urlaub mit einer Freundin, der nicht gut gelaufen ist. Doch sie bleibt nicht im Erlebten stehen, von dort aus schweift sie weit ab, entwickelt spannende Geschichten, lebendige Figuren und inspirierende Gedanken. Ja, Sarah schreibt allerschönste Geschichten!
Mit viel Geduld und Ausdauer hat sie mich letztlich davon überzeugen können, es genauso zu machen wie sie, es zumindest zu versuchen: Von Details aus dem Leben auszugehen und von hier aus die eigenen Gedanken immer weiter auszuspinnen. Zunächst ganz zwanglos, mit der Zeit dann immer weiter ausgeformt, bis echte Geschichten entstehen.
In ein Café oder an den kleinen See in der Nähe sollte ich mich dazu erst einmal setzen, hier Inspiration finden, meinen Gedanken freien Lauf lassen und anschließend aufschreiben, was mich bewegt hat. Die leeren weißen Blätter im Notizbuch würden sich so praktisch von ganz alleine füllen. Und das zunächst wohl entstehende Chaos von Worten und Satz- und Gedankenfetzen lasse sich im Nachhinein in Form bringen. Erst einmal gehe es nur darum: immerzu schreiben, schreiben und nochmals schreiben!
Ein hübsches schwarzes Notizbuch von Moleskine begleitet mich inzwischen durch mein Leben. All meine Beobachtungen, Gedanken und Empfindungen geben darin plötzlich den Blick auf verschiedene Figuren und Orte frei, schaffen neue Perspektiven auf das Fremde und Neue und zum Teil auch auf das eigene Leben, befruchten sich gegenseitig, ziehen immer weitere Kreise. Meine Schreibenergie schreitet zuverlässig voran: Der Impuls, Ereignisse, Beobachtungen und Gedanken zu Papier zu bringen, treibt mich jetzt auch regelmäßig in der Frühe an meinen Schreibtisch vor dem Fenster; das ist geradezu der ideale Platz zum Schreiben. Ob ich hier nun weiter im Notizbuch herumkritzele oder Gedanken geordnet in den Computer übertrage – ganz gleich.
Der Schreibtisch und die Morgenstunden – die ungeordneten Gedanken, die unaufhörlich durch meinen Kopf wirbeln und sich im Notizbuch tummeln, sie verbinden, verdichten sich hier allmählich zu Ideen, die ich weiterspinne, und es entwickeln sich Strukturen, Themen, Figuren – und schließlich kleine Geschichten. Lesbar für mich selbst, vielleicht gar auch schon zur Unterhaltung anderer geeignet.
Mein Hauptaugenmerk gilt derzeit zwar immer noch dem eigenen Leben. Dieses interessant und verständlich zu erzählen, das ist keine leichte Aufgabe! Doch es sind auch schon Geschichten und Gedichte, die unabhängig sind von ihm oder es nur als Ausgangspunkt benutzen, entstanden.
Was ist am Ende wirklich wichtiger, und was die größere Kunst? Das ist nicht leicht zu beantworten, zu unterschiedlich sind diese Bereiche.
Aber für mich steht fest, was zuerst kommen muss: Vor allem für meine Familie möchte ich meine Lebenserinnerungen festhalten, außerdem dient mir das autobiographische Schreiben zur Selbstverständigung, also dazu, etwas Neues über mich selbst zu erfahren.
Das autobiographische Schreiben ist also zunächst am wichtigsten; doch es soll über meinen privaten Kreis hinaus von Bedeutung sein können, es soll auch für ganz Fremde von Interesse sein. Es soll sie berühren und ihnen etwas sagen, wie das Erzählen eines jeden Lebens es kann, wenn man das Leben nur gut und schlüssig genug darstellt. Bald traue ich mich endlich an mein Großprojekt, meine Autobiographie im Ganzen und nicht nur in einzelnen Bruchstücken und Splittern, heran. Das ist allerdings, wie ich schnell feststellen muss, viel schwieriger, als ich gedacht hatte: Lange Texte sind um ein Vielfaches komplexer als kurze (und nur mit solchen habe ich bislang im Erfundenen und im Autobiographischen Erfahrung), dazu ist das Auswählen, was wichtig ist und was nicht, was erzählt wird, was unerzählt bleibt und wo die wichtigen Erzählfäden zu finden sind, wenn es so unmittelbar einen selbst betrifft und ja das wirklich Gewesene im richtigen Umfang und Zusammenhang abgebildet werden soll, sehr schwierig.
Im Erfundenen ist es viel einfacher, sich nur auf einen Erzählfaden zu konzentrieren, auch kann hier etwas nicht in die Erzählung Passendes einfach weggewischt werden. Und wenn man nur einzelne Anekdoten oder Begebenheiten aus seinem Leben erzählt, dann macht es auch nicht so viel, wenn etwas, was hier nicht mit hineinpasst, gestrichen wird: Man kann es dann ja an anderer Stelle, in einem anderen Text noch unterbringen.
Doch bei einer vollständigen Autobiographie, da kann nichts einfach weggelassen werden, da muss der ganze Stoff eines Lebens so geglättet, so in Form gebracht werden … Doch das alles ist nicht einmal das Schwierigste. Nein, denn in der Situation des Beschreibens erlebe ich den Schmerz des Verlustes, den ich einst schon nicht zu verwinden geglaubt hatte, und dies gleich mehrfach in meinem Leben, besonders aber auf den Tod meiner großen Liebe bezogen, noch einmal. Das tut weh und rüttelt unglaublich heftig an meiner Seele!
Ebenso aber, und das ist natürlich eine sehr schöne Erfahrung, beschwören meine Gedanken auch alte Gefühle des Glücklichseins wieder und wieder herauf. Ich durchlebe mein Leben noch einmal – sehr intensiv. Und am Ende, nach einem langen Schöpfungsprozess und vielen Überarbeitungen, ist sie schließlich da: meine Biografie »Mein Leben – erzählt anhand der Männer, die es prägten«. Eine sehr erfüllende Erfahrung! Das Schreiben, das Arbeiten am Text – aber ebenso, am Ende das Buch in den Händen zu halten.
Eine Erfahrung auch, die nicht wiederholbar ist. Und zugleich sicher nicht die letzte, was das Schreiben und mich angeht: Ich setze nun neue Schwerpunkte. Ich erfinde mehr. Oft ausgehend von einem realen Detail, schreibe ich, ganz wie Sarah es macht, jetzt mehr und mehr Geschichten und Gedichte. Hier lasse ich nun meine Welt und meine Emotionen einfließen, hier durchlebe ich mit meinen Figuren Szenen, die mitten aus dem Leben stammen könnten.
Schreiberisch will ich mich immer weiter entwickeln. Mit Sarah rede ich deshalb viel übers Schreiben, und auch mit anderen Autoren tausche ich mich gerne aus, unter anderem in Schreibwerkstätten, auf Autorentreffen, in einem Autorenverband.
Doch ich bin nicht nur gern mit diesen Leuten zusammen, weil ich hier Schreibtipps erhalte, ja, allgemein gilt, ich habe nicht nur viel über das Schreiben an sich sowie über mich selbst erfahren durch das Lernen des Schreibens, sondern ich habe auch, von den ersten Textwerkstätten bis heute, viele interessante und wertvolle Menschen so kennen gelernt.
Schreiben öffnet, und Schreiben verbindet. Schreiben gelingt nur, wenn man ganz Mensch ist, ganz man selbst. Und so sind dann auch die Verbindungen, die man mit anderen Schreibenden knüpft, ganz besondere.
Ich bin Adalbert, groß oder klein, rund oder eckig, schwarz oder weiß oder einfach nur natürlich, das wird verschieden gesehen. Einzigartig, unberechenbar und manchmal sogar verwandelbar bin ich nämlich.
So weit meine äußeren Merkmale. Was mich aber wirklich ausmacht, wissen die wenigsten; das ist mein Geheimnis. Selbst meine unzähligen Geschwister vermögen mein Verhalten offenbar nicht einzuschätzen. Denn manchmal loben sie mich als einen Stein der Weisen, weil ich viel weiß, und ein anderes Mal bezeichnen sie mich als einen skrupellosen Stolperstein.
Egal, meist gehe ich ihnen sowieso aus dem Wege, um nicht irgendwann in den Abgrund mitgerissen zu werden. Abgründe gibt es eine ganze Menge, sowohl in der Natur – denken Sie nur etwa an die Klüfte in den Tiefen der Meere oder in Gebirgszügen – als auch im täglichen Leben eines Menschen oder eines Steines – die seelischen Abgründe zum einen, zum anderen jene zwischen all dem Gerümpel, das die Menschen überall hinterlassen, seinen protzigen Bauten und seinen Bergen an Schutt und Müll.
Eigentlich fühle ich mich in der Natur am wohlsten. Ich erfreue mich am frischen Duft eines Waldbodens an einem See oder an jenem an einer sonnigen und abfallenden Felswand des Tramuntana-Gebirges, oder daran, mich zu tummeln in der Nordsee, umgeben von den rauschenden Wellen, im Spiel von Flut und Ebbe, zu allen Jahreszeiten; so etwas kann ich genießen. Dann kann ich auch mal ganz ruhig werden.
Die ständige Bewegung der Welt und meine Lebendigkeit lassen mich aber an sich schon nur selten zur Ruhe kommen. Und gerade in der heutigen, in dieser hektischen und modernen Welt mit ihrer fortschreitenden Technik, findet man kaum noch Ruheplätze. Auf einem Friedhof könnte ich natürlich Ruhe finden. Mit den Toten vereint, am besten irgendwo auf einem kleinen Erdhügel fest einzementiert.
Dort würde ich mich dann den jeweiligen Besuchern besonders toll präsentieren. Aber: Für immer und ewig ab da stocksteif, unbeweglich und vollkommen unfrei, ja wahrscheinlich abgeschottet mein Leben dort verbringen? Nein, diese Endstation wäre schrecklich und traurig, ganz und gar grausam! Diesen Ruheplatz würde ich also niemals auswählen.
Doch dort, wo ich gerade bin, in meinem jetzigen Zuhause, das lange recht ruhig, aber auch schön und voller Freiheit war, kann ich auch unmöglich bleiben: Hier werden wir Steine seit einiger Zeit aufgesammelt, immer mehr von uns, wir werden auf einen riesigen Lkw geworfen und anschließend auf einer Baustelle verarbeitet, für das neue Haus von Herrn Siebensohn.
Wenn ich hierbleibe, ergeht es mir also auch nicht besser, als wenn ich Teil eines Zementsockels für den Friedhof würde; es wäre sehr ähnlich, aber noch viel profaner.
Was die Menschen so alles mit uns Steinen machen, ist kaum auszudenken, und dann sagen sie oft und immer wieder, als ginge es darum, uns zu beschützen: »Wirf nie den ersten Stein!« – Das ist doch Lug und Trug!
Ich weiß ziemlich gut Bescheid, was so alles auf Gottes Erdboden passieren kann und auch passiert, habe schon so viel erlebt … und meine Geschwister, die weit und breit verteilt sind, können ebenfalls Geschichten erzählen, unglaublich, aber alle wahr, ob sie nun heiter sind oder auch sehr ernst …
Eigentlich hatte ich bisher immer Glück in meinem Leben. Vielleicht auch deshalb, weil ich mich öfter zurückhielt und meist nicht überall anhing wie eine Klette in all der langen Zeit, die ich in der Welt unterwegs bin.
Ganz anders war ich übrigens nur in meinen frühen Jahren: Da war ich sehr anhänglich und hakte mich bei einigen Stein-Geschwistern sehr oft ein, am liebsten bei Josefine; sie war besonders zackig und kantig, zum Einhaken bestens geeignet. So fühlte ich mich sicher, doch dieses Gefühl hatte auch was Trügerisches: Die Flut hat uns – also vor allem Josefine und mich, manchmal aber auch andere Steine und mich – oft stark aneinandergedrückt; manchmal ist dabei auch etwas von mir abgerieben oder gar abgesprengt worden. Das war sehr schmerzhaft, und meine Schönheit hat auch darunter gelitten. Das stimmte mich jeweils sehr traurig, wenn so etwas passierte.
Das kennen die Menschen ja auch, wenn sie sich verschiedentlich aneinander reiben: Wie es da knallen kann, wie man sich da aufreiben kann! Oder auch wie man sich einfach deshalb aufreiben kann, weil man sich zu viel auflädt, der Druck zu groß wird … sie können eben niemals genug bekommen, von allem.
Übrigens auch nicht von uns Steinen. Ein Erlebnis ist mir hier besonders gut in Erinnerung geblieben:
Ich lag am Strand von Hawaii, genauer dort, wo Strand und Meer sich berühren. Eine frische Brise strich über mich hinweg, die sanften Ausläufer des Pazifischen Ozeans umspülten mich, ich wurde hin- und hergeschaukelt. Die warmen Sonnenstrahlen hafteten auf meinen Rundungen und verliehen meinem Äußeren einen glitzernden Schein. Ich war glücklich und lauschte dem Gleichklang der plätschernden Wellen und ließ mich von ihnen genießerisch umspielen, wohl wissend, dass so viele andere Steine in meiner Nähe waren, die das gleiche taten.
Bald schon aber wurde diese Idylle zerstört: Unzählige Hände und noch viel mehr Finger wurschtelten im Sand herum, nahmen zuerst viele offen liegenden Steine mit, vom zuckerfeinen trockenen Sand am Strand, aber auch vom feuchten Sand am Meer und gar etwas bis in den überspülten Bereich hinein. Und bald buddelten sie auch, eine Menge größerer und kleinerer Steine fiel ihnen so zum Opfer …
Diesen Räubern von Menschen wollte ich unbedingt entkommen, ich versuchte, mich allmählich von den Fluten des Meeres davontragen zu lassen. Das aber gelang mir nicht.
Schließlich landete ich, inmitten von unzähligen anderen Steinen, in einem Weidenkorb; nun war auch ich hilflos ausgeliefert. Immerhin: Wir waren alle, soweit ich das sehen konnte, wirklich schöne Steine! Ein bisschen stolz machte das schon, hier dabei zu sein … Aber dieses Ausharren in unbeschreiblicher Enge! Und diese Anspannung: Was nur würde mit uns Schönheiten geschehen?
Auch die anderen fragten sich das wohl. Wir Steine wurden ungeduldiger und ungeduldiger.
Unter heftigem Ruckeln und Schuckeln – wir rieben uns mehr und mehr aneinander – gelangten wir an einen geräuschvollen Ort. Von Menschenhänden wurden wir aus dem Korb herausgezerrt und rücksichtslos auf einer harten weißen Fläche verteilt.
Mir ging es als Erstem an den Kragen. Es wurde an mir herumgefeilt und geschliffen. Immer kleiner wurde ich. Bald fühlte ich mich wie zusammengeschrumpft. Meine schönen Ecken und Kanten, die wenigen, die mir bis dahin noch geblieben waren, hatte ich verloren, und auch meine herrlichen echten Rundungen eingebüßt. Ich wurde »in Form gebracht«, in die, die man brauchte, und dann in eine kleine Skulptur als Teil hineingefügt! Fest hineingepresst in einen künstlichen Schmuck für die künstlichen Räume des Menschen.
Mein Leben draußen, in der freien Natur war für lange Zeit vorbei. Die Menschen hatten mich meiner Ursprünglichkeit beraubt. Man hatte mich verändert, einfach verändert und verformt und hineingezwängt in … dieses grässliche Kunstwerk. So wie die Menschen immer alles verändern und verformen wollen und dies auch tun. Ich war zum Kunstwerk, zum Luxusgegenstand geworden – beziehungsweise zu einem Teil von ihm.
Doch zum Glück nicht für immer …
»Hallo, Schatz, bin wieder da – ich hoffe, du hast mich so schnell nicht vergessen«, rief Alice zu Gustav, als sie gerade von einem Arztbesuch heimkam und die Wohnungstür hinter ihr ins Schloss gefallen war. Gustav war ihr verstorbener Mann, der nun als Bild, umrandet von einem silbernen Rahmen, an der Wand hing, rechts über der kleinen weißen Kommode im Hausflur. Alice sprach immer noch mit ihrem Gustav, ganz so als wäre er noch am Leben. Immerhin waren die beiden über dreißig Jahre miteinander verheiratet gewesen, und sie hatten stets zusammengehalten, in guten wie in schlechten Zeiten – so wie sie es sich am Traualtar versprochen hatten.
Ein Leben ohne Gustav hatte sich Alice nie vorstellen können, und sie konnte es immer noch nicht. Also nahm Gustav eben auch weiterhin an Alices Leben teil – wenn auch etwas weniger aktiv.
Obwohl, sonderlich aktiv war seine Teilnahme ohnehin nicht immer ausgefallen: Er
