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Heliana Grove ist eine Antiquitätenhändlerin und ausgewiesene Expertin für antike Stichwaffen aller Art. Ihre Vorfahren waren sogenannte Schwertmagier, deren Gabe es war, die Schwerter ihrer Krieger so zu besingen, dass sie im Kampf nicht fehlschlugen. Im 21. Jahrhundert geht Heliana ihrer Berufung in veränderter Form nach. Sie reinigt alte Stichwaffen von negativer Energie, setzt so auch festgehaltene Seelenteile der Getöteten frei. Gelegentlich kann sie auch den Geistern der Ermordeten den Weg auf die andere Seite weisen. Ihr größter Wunsch ist es, ihre Geliebte Ban von einem Fluch zu befreien, der diese in die Gestalt eines Hundes zwingt.
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Seitenzahl: 303
Veröffentlichungsjahr: 2024
Henriette Abrigo
Die Schwertmagierin
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Inhaltsverzeichnis
Titel
Das Schwert der silbernen Schlangengöttin – im Jahre 1488
Die Luraneer – im Jahre 2014
Auf der Suche nach dem Schwert
Vorbereitung für das Abschlußritual
Abschluß
Rich
Helmut
Beginn einer Freundschaft ?
Impressum neobooks
Auf einer Insel in der Philippinensee wurde zu Ehren der silbernen Schlangengöttin ein Schwert geschmiedet. Der Schamane des Stammes begleitete jeden Schritt in der Herstellung des Schwertes, segnete jedes Werkzeug, jedes Stück Eisen und den Schmied mit dem Blut der silbernen Schlange. Er überwachte die Ziselierung der Klinge ganz genau. Mit jeder Punze wurde das Blut in das Metall hinein gearbeitet. Nach vielen Tagen war das Werk vollendet. Das Schwert wurde in einem feierlichen Ritual der silbernen Schlangengöttin zum Geschenk gemacht. Die Göttin war zufrieden, schenkte dem Stamm über mehrere Generationen Wohlstand und Glück im Kampf.
Eines Tages landete ein fremdes Schiff auf der Insel. Die merkwürdig gekleideten Männer brachten viele Geschenke und blieben einige Tage. Zum Abschied überreichte das Oberhaupt des Stammes das silberne Schwert der Schlangengöttin dem Anführer der Fremden. Auf die Warnungen des Schamanen hörte er nicht.
Die Schlangengöttin richtete von da an ihren wohlwollenden Blick auf einen anderen Stamm.
Das Schiff der Fremden geriet in einen Sturm und strandete auf einer der Inseln der Luraneer. Diese betrachteten erstaunt das Wrack und die angespülten Leichen, Kisten und Fässer. Die Leichen wurden zu Ehren der Götter verbrannt. Die Kisten und Fässer nahmen sie in ihren Besitz.
Das Schwert mochte es nicht, für das gemeine Kämpfen verwendet zu werden. Sobald der Schamane der Luraneer in seine Nähe kam, schimmerte es silbern. Das machte den Männern Angst. Sie baten den Schamanen sich des Schwertes anzunehmen. Das Schwert frohlockte. Es zeigte dem Schamanen woher es kam und wozu es erschaffen worden war. Der Schamane hielt es in Ehren und verwendete es nur für Rituale zur Heilung und Segnung. Jedem Nachfolger wurde das Schwert in einer besonderen Zeremonie mit dem Auftrag übergeben, kein Blut möge über die Klinge fließen.
Das Schwert hielt sein Versprechen und beschützte seinen Stamm.
Irgendwann übernahmen die Japaner die Herrschaft über die kleine Inselgruppe. Ihnen mißfiel die Eigenständigkeit der Luraneer. Diese waren in der Gegenwehr nicht sonderlich geübt, sie nahmen es hin, dass es in der Natur schwache und starke Wesen gab. Sie beharrten nicht auf ihre Eigenständigkeit. Auf diese Weise konnten sie noch ein paar Generationen überleben.
Das silberne Schwert der Schlangengöttin hatte sich zu dem Stamm der Reispflücker zurückgezogen. Dort wurde es weiter für Rituale verwendet, die das Schwert erfreuten.
Kurn-lo, einer der Söhne der japanischen Herrscherfamilie auf der Hauptinsel der Luraneer, besuchte den Stamm der Reispflücker. Er wurde ehrenvoll begrüßt, er bekam die beste Hütte und das beste Essen. Kurn-lo bemerkte das Schimmern der Klinge während der Begrüßungszeremonie. Das machte ihn neugierig. Er verlangte nach dem Schwert. Meister Honshu zeigte es ihm und erklärte, wofür es verwendet wurde, wollte es aber nicht aus der Hand geben. Mürrisch gestattet Kurn-lo, dass er
das Schwert auf seinen Platz im Tempel zurücklegte. Mißtrauisch geworden beauftragte Meister Honshu seinen Schüler Toran in der Nacht Wache zu halten.
Wolken verbargen das schwache Mondlicht. Kurn-lo schlich sich an dem schlafenden Toran vorbei und nahm das silberne Schwert an sich. Das Schwert spürte die Fremdheit, es wollte sich widersetzen und rief nach seinem Schamanen. Vergebens.
Die Hufe der Pferde waren mit Lappen umwickelt, so konnten Kurn-lo und seine Männer fast lautlos das Gebiet des Stammes verlassen.
Erst bei Sonnenaufgang erwachte Meister Honshu mit großen Schmerzen in seinem Körper. Er hatte eine pelzige Zunge und sein Atem roch faulig. Er war betäubt worden, das wurde ihm sofort klar. Er eilte so schnell es seine alten Knochen zuließen zum Tempel. Toran lag immer noch auf den Stufen. Meister Honshu roch an seinem Atem. Er ließ den Jungen zu seiner Mutter bringen. Dem Ältestenrat gestand er den Diebstahl und bot an, sich sofort auf die Suche zu machen. Der Rat stimmte zu und bestand darauf, dass das Schwert in den Besitz des Stammes zurückkehrte.
Kurn-lo und seine Männer hatten am Hafen ein Gasthaus gefunden, wo sie sich von dem strammen Ritt erholten. Einem seiner Männer hatte er befohlen, eine passende Scheide für das kurze Schwert zu finden. Dann trug er es an seinem Gürtel. Das Schwert war Dunkelheit nicht gewohnt. Es wollte aus seinem engen Gefängnis befreit werden.
Kurn-lo fühlte eine ungewöhnliche Wärme auf seinem Bauch. Durch die Lederscheide schimmerte es silbern. Kurn-lo zog es heraus, genoß die Verwunderung, die es im Schankraum hervorrief. Das Schwert genoß die Bewunderung auch. Kurn-lo warf die Würfel und gewann.
Meister Honshu folgte dem Schmerz. Sein Körper sagte ihm, wohin er gehen musste. Ab und an verstärkte sich der Schmerz explosionsartig, dann lag Honshu am Straßenrand und konnte sich nicht mehr bewegen.
Nach einigen Tagen fand er Kurn-lo betrunken am Spieltisch, immer noch in derselben Hafenstadt. Das Glück des Japaners mit dem lebendigen Schwert hatte sich herumgesprochen. Zwei Gauner hatten schon versucht, das Schwert gewaltsam an sich zu nehmen, aber Kurn-lo hatte keine Mühe gehabt, diese abzuwehren. Er hatte auch keine Scheu gehabt, diese mit dem silbernen Schwert der Schlangengöttin zu ermorden. Das Schwert hatte beide Male nach dem Schamanen gerufen, empört darüber, dass es so viel Blut erdulden musste.
Meister Honshu schob sich durch die Reihen zum Spieltisch. Er sprach Kurn-lo offen auf den Diebstahl an. Verlangte die Rückgabe des Schwertes. Das Schwert antwortete mit seinem silbernen Schimmern. Das erzürnte Kurn-lo. Er befahl seinen Männern Meister Honshu aus dem Gasthaus zu werfen. Um Ruhe zu haben, banden sie ihn im Stall an einen Pfosten an.
Meister Honshu rief lange um Hilfe, aber niemand wagte es, dem mit Glück gesegneten Krieger in die Quere zu kommen.
Kurn-lo kam in der Nacht in den Stall. Er zeigte Honshu das Schwert, dieses begrüßte den Schamanen mit seinem silbernen Glanz.
„Es gehört nicht Dir“, wiederholte Honshu.
Kurn-lo grunzte nur und erschlug ihn dann damit. Honshu spürte überall Schmerzen, das Aufschreien des Schwertes hallte in seinem Geist wider. Er schwor das Schwert nicht aus den Augen zu lassen. Er bat seine Ahnen um Hilfe. Er bat die Götter um Hilfe.
Das Schwert lauschte dem Schwur. Es war nicht genug. Es rief danach, geehrt und bewundert zu werden.
Kurn-lo sah noch zu, wie seine Männer den Leichnam aus dem Stall zu einem nahegelegenen kleinen Fluß brachten. Dort ließen sie ihn liegen. Die Flußkrebse hatten das außergewöhnliche Festmahl bald entdeckt.
Auf dem Rückweg vom Fluß fiel Kurn-lo lang gestreckt hin. Die lange Zeit des Saufens und der Untätigkeit hatten ihn schwerfällig werden lassen. Er konnte sich nicht mehr fangen. Jetzt wollte er sich eigentlich nur kurz ausruhen.
Die Männer überlegten, was sie tun sollten. Sie langweilten sich, Kurn-lo gab wenig von seinem erspielten Reichtum ab, die Stadt war klein. Sie wollten mehr, sie wollten weiter. Einer holte den Stein aus dem Erdboden, über den er gestolpert war. Er legte ihn neben den Kopf von Kurn-lo. Er sah seinen Kameraden einmal ins Gesicht, dann hieb er den Kopf kräftig auf den Stein. Sie nahmen das Geld und das Schwert an sich. Gleich im Morgengrauen verließen sie die Hafenstadt mit dem ersten Boot.
Das Schwert lag eng in ein Tuch eingebunden in einem Deckenbündel. Es empörte sich über die Dunkelheit. Die Männer hatten in der folgenden Nacht Alpträume. Kurn-lo erschien ihnen, verfluchte sie, verlangte das Schwert. So entschieden sie sich, das Schwert an den nächsten Händler zu verkaufen.
Die Alarmsirene war laut. In den umgebenden Häusern waren Lichter angegangen, Fenster waren geöffnet worden.
Toran kniete neben dem toten Mann nieder. Er ignorierte den Lärm. Aus der klaffenden Brustwunde quoll noch das Blut. Leise murmelte er das Totengebet. Er wiederholte es so lange, bis das Blut gerann. Er verbeugte sich tief, die Stirn berührte den ausgestreckten Arm des Toten.
Er seufzte, als er die Sirenen der kleinen, rollenden Häuser hörte. Schon bald würden viele Menschen die Totenruhe des Mannes stören. Er tippte seinen Zeigefinger in die Blutlache und drückte ihn auf das Innenfutter seines Ledermantels. Er war froh, dass er im Dunkeln nicht sehen konnte, wie viele Fingerabdrücke er schon auf dem Futter hinterlassen hatte. Er wusste, dass er achtundneunzig Tote auf seinem Gewissen hatte. Die Scham über seine Nachlässigkeit, die so vielen Menschen den Tod gebracht hatte, glühte tief in seinem Herzen. DerSchmerz darüber war sein treuester Begleiter.
Während Toran noch in Gedanken versunken da saß, hatte eine Frau vorsichtig den Antiquitätenladen betreten. Eine Hündin stand wachsam neben ihr. Ihren leisen Aufschrei nahm Toran nicht wahr.
„Wer sind Sie? Ist er tot?“
Toran verstand die Worte nicht, aber so nah hatte er niemanden vermutet. Er schrak herum.
Die Hündin knurrte ihn böse an. Schien ihn direkt anzuschauen. Er wusste, dass niemand den Laden betreten hatte. Der Mörder hatte kurz zuvor den Tatort verlassen.
„Wer sind Sie?", wiederholte die Frau eindringlich. Sie sah immer wieder zur Straße hinaus.
'Sie spricht meine Sprache', schoß es ihm durch den Kopf. 'Wie kann das sein?' Toran stand langsam auf, konnte nicht glauben, was gerade passierte. Der Hund duckte sich knurrend zum Sprung. Die Frau wich einen Schritt zurück, ihre rechte Hand verschwand unter der linken Achsel.
„Nicht weiter. Wer sind Sie? Ich frag nicht noch einmal.“
Toran schüttelte den Kopf. „Du siehst mich, Frau?“, fragte er leise.
Die Sirenen klangen nun ganz nah.
Die Frau stieß ihren Atem aus. Sie schwankte und der Hund drückte sich an sie.
„Du hörst mich nicht. Natürlich nicht. Ich weiß nicht, warum du mich sehen kannst, aber hier ist nicht der Ort das zu ergründen“, sprach Toran weiter und wandte sich zur Tür. Sie überraschte ihn erneut.
„Du hast recht, Magier. Das hier ist nicht der geeignete Ort dafür. Ich bitte dich zu mir zu kommen. Ich wohne am Ende der langen Straße, im grünen Haus. Mein Name ist Heliana Grove.“ Sie eilte durch den Laden an ihm vorbei.
Toran konnte nicht mehr antworten. Motoren brüllten, Reifen quietschten um die Ecke und das Scheinwerferlicht ließ ihn verschwinden. Die Polizei stürmte den Laden.
Toran irrte durch die Straßen. Immer wieder hörte er die Stimme dieser Frau, konnte nicht fassen, dass sie seine Sprache konnte. Überwältigt fiel er auf die Knie und weinte. Seit über zweihundert Jahren hatte er seine Sprache nicht mehr von einem direkten Gegenüber gehört. Seinen Oberkörper wiegend, kauerte er am Boden, bis der Schwächeanfall vorüber war. Er musste überlegen, musste nachdenken. Er begann schnell zu laufen, bis in den großen Park. Dort hatten die Menschen eine Steinskulptur errichtet. Sein Wächterstein hatte ihn bei seiner Ankunft dorthin geführt. Die Skulptur war aus einer Granitart geschlagen worden, welche das Sonnen- und Mondlicht zu bestimmten Tageszeiten in farbiges Licht verwandelte. Was die Menschen hier offenbar nicht wussten, zu diesen Zeitpunkten konnte man über den lichtgefüllten Stein über weite Strecken kommunizieren. In besonders klaren Erzeinschlüssen konnte man sogar das Gesicht des Gesprächspartners erkennen.
Die Stammesältesten besaßen auch so einen Block und hatten sich damals um ihn versammelt, als Torans Schandtat entdeckt worden war. Toran hatte schon lange keinen Kontakt mehr zu ihnen gehabt. Jetzt war es an der Zeit.
Er erreichte die Skulptur als sie schon halb von der Morgensonne beschienen wurde. Die Frühlingssonne hatte die letzten Schneefetzen schmelzen lassen, ein Meer an Krokussen bedeckte die Wiesen. Er breitete das Gebetstuch aus und kniete sich nieder. Den Wächterstein holte er unter seinem Hemd hervor, hob ihn ins Sonnenlicht, dann an seine Stirn. Er legte den Stein auf seine Brust und sprach die Grußformel. Sie hatten auf ihn gewartet. Natürlich. Sofort hatte die Skulptur viele Augen, die ihn ernst anblickten. Das Oberhaupt grüßte knapp. „Du hast lange gebraucht. Was ist geschehen?“
Toran empfand es schon als Trost, keinen Vorwurf in der Stimme gehört zu haben. Er musste sich räuspern, wieder hatte er das Bedürfnis zu weinen. „Erhabener Alter, ich war dem Schwert ganz nah. Ich konnte es fühlen. Ich habe ihn nur ganz knapp verfehlt. Er musste wieder einen Menschen töten. Es war wieder einer dieser Händler. Aber...“ Er stockte. Sie hatten nicht auf seine Aufregung reagiert. Warum auch. Er hatte ihnen ähnliche Geschichten schon siebenundneunzig mal erzählt. Die Begebenheiten, in denen er ihm entwischt war, ohne zu töten, hatte er gar nicht berichtet.
Das Oberhaupt schien genickt zu haben, kurz waren die Augen aus dem Erzfleck verschwunden.
„Eine Frau hat mich gesehen. Sie konnte sogar meine Sprache sprechen. Sie will, dass ich sie aufsuche. Was soll ich tun?“
Die Augen aller verengten sich. Er hörte unverständliches Gemurmel. Wieder sprach das Oberhaupt. „Geh zu ihr, Toran. Sprich mit ihr. Wir wollen auch wissen, was sie zu sagen hat.“
Toran sprang auf. „Aber wie kann es sein? Sie hat mich gesehen!“
„Es gibt viele Menschen und Geister, die nach ihm suchen, die auch das Schwert suchen, Toran. Und wir sind nicht die Einzigen, die außergewöhnliche Fähigkeiten haben. Vermutungen helfen uns nicht weiter, Toran. Wir müssen wissen, was sie von dir will. Erst dann können wir überlegen, was wir, was du tun kannst. Sei vorsichtig, junger Magier. Wir beten für dich.“
Toran wollte widersprechen, aber die Blicke hießen ihn schweigen. Er verbeugte sich, bis die Stirn den Boden berührte. Als er wieder auf sah, war er allein. Er sprach die Abschiedsformel und verbarg den Wächterstein unter seinem Hemd. Während er das Gebetstuch ausschüttelte und im Beutel verstaute, lauschte er in sich hinein. Gefühle stiegen in ihm auf. So lange hatte er außer Schmerz, Trauer und Wut nichts anderes mehr gefühlt. Er hatte seit einhundertneunzig Jahren nicht mehr geweint. Die Sonne wärmte ihn oberflächlich, im Innern war ihm kalt. Er suchte nach Namen für die Gefühle. Endlich erinnerte er sich. Hoffnung. Erleichterung. Die Begegnung mit der Frau hatte ihm Hoffnung gegeben. Er war erleichtert, weil sich endlich etwas an seiner Suche veränderte.
Sein Schritte waren leichter. Er würde bis zum Abend meditieren und dann das grüne Haus aufsuchen. Sein Stein würde ihn führen.
Toran hatte das grüne Haus schon eine Weile durch den Zaun betrachtet. Niemand hatte den Garten betreten oder das Haus verlassen. Der Stein pulsierte auf seiner Brust. Toran drückte ihn fest, gab ihm so zu verstehen, dass er am Ziel war. Es war eine sehr ruhige Wohngegend, das Haus stand auf dem letzten Grundstück am Rande der Stadt, dahinter begann der Wald. Toran spürte eine kraftvolle Energie, die aus dem Haus zu kommen schien.
Seine Nackenhaare stellten sich auf, als hinter ihm ein Hund knurrte. Langsam drehte er sich um. Es war die Hündin aus dem Laden. „Du siehst mich also immer noch. Kommst du mich abholen?“
Zu Torans Überraschung nickte die Hündin. Toran lachte auf. „Wenn du jetzt noch meine Sprache sprechen kannst, werd ich zu Stein.“
„Das glaube ich nicht. Kommst du mit rein?“, antwortete die Hündin. Sie schüttelte sich und ohne den jungen Magier eines weiteren Blickes zu würdigen, trabte sie durch das Tor den Weg hinauf.
Toran konnte seine Verblüffung erst überwinden, als sich die Haustür öffnete. Im Licht stand eine schlanke Gestalt, die der Hündin durchs Fell wuschelte, als diese sich an ihr vorbei drückte. Die Tür blieb einen Spalt offen, die Gestalt und das Tier waren verschwunden.
Toran näherte sich zögernd, immer wieder zur Tür lauschend, die Hände abwehrbereit aufgestellt. Er musste wachsam sein, dass wusste er. Aber sein Instinkt sagte ihm, dass die Frau und auch die sprechende Hündin keine Bedrohung für ihn waren.
Er hatte gerade die Tür berührt.
„Komm herein, junger Magier. So lange habe ich auf dich gewartet “, sprach eine sehr alte, brüchige Stimme, in seiner Sprache.
Toran drückte die schwere Holztür weiter auf, betrat eine große Halle und schloss die Tür hinter sich. Vor ihm erstreckte sich eine breite Treppe, die sich nach vielen Stufen nach rechts und links verzweigte. Obwohl er schon oft in solchen Häusern war, faszinierte ihn die Bauweise aus Stein und Holz immer noch. Er hätte auch gerne in so einem Haus gewohnt. Gleichzeitig bekam er bald beklemmende Gefühle, wenn er sich zu lange in Räumen aufhalten musste. Er liebte es unter freiem Himmel zu schlafen.
Er fuhr herum, als er Schritte hörte. Ein älterer Mann betrat die Eingangshalle, hielt ein Tablett in den Händen. Die Hündin saß auf der anderen Seite in der offenen Tür, die von zwei riesigen Pflanzen flankiert wurde. "Hier entlang, Magier." Toran nahm zur Kenntnis, dass der Mann überhaupt nicht überrascht war, dass die Hündin sprechen konnte. Er sagte etwas, neigte sogar dankend den Kopf und betrat das Zimmer. Die Hündin erhob sich würdevoll und folgte dem Mann.
Toran sah sich noch einmal um und ging dann durch die Tür. Als er den Raum ganz sehen konnte, blieb er wie angewurzelt stehen. Der Raum bildete ein langgezogenes Rechteck. Die Bücherregale, die bis unter die Decke reichten, beachtete er kaum. Die Vorhänge vor den Fenstern waren bodenlang und mit Mustern verziert, die er aus seiner Heimat kannte. In Glasquadern hingen Kleidungsstücke, alle reich gemustert. Er umklammerte mit festem Griff seinen Wächterstein und bat um Kraft. Er erschrak maßlos, als sich jemand hinter einem großen Tisch, auf der ein vielarmiger Kerzenleuchter ruhiges Kerzenlicht in die nähere Umgebung verstreute, erhob.
„Ich heiße dich willkommen, junger Magier. Ich freue mich sehr, dass wir uns endlich begegnen. Ich hatte zu den Göttern gebetet, dass sie uns eines Tages zusammenführen mögen. Bitte, setz dich.“
Toran starrte die Frau mit großen Augen an. Sie war einen guten Kopf kleiner als er. Ihr runzliges Gesicht und die schlohweißen Haare zeugten von ihrem hohen Alter. Sie trug ein beiges, einfaches Kleid, darunter weiße Hosen. Die weiten Ärmel gaben die Sicht auf dunkle Flecken auf ihren Armen frei. Er keuchte auf, als er sie als Tätowierungen erkannte. „Wer seid Ihr, Großmutter?“, krächzte er.
Sie lächelte sanft. Ihre Augen leuchteten, als sie antwortete: „So hat mich schon sehr lange niemand mehr genannt. Großmutter.“ Sie nickte ihm zu. „Du erkennst mich nicht. Nun ja, es ist ja auch schon sehr lange her und ich war mir damals schon nicht sicher, ob du mich überhaupt wahrgenommen hast. Ich bin die Großmutter der kleinen Ini-noke.“
Als Toran den Namen hörte, schrie er leise auf. Die alte Frau nickte traurig. „Du hast sie nicht vergessen. Das freut mich. Das freut mich sogar sehr.“
Toran wankte, suchte Halt an einem der Regale. Die alte Frau wartete geduldig, bis Toran sich gefangen hatte. „Was wollt Ihr von mir, Großmutter Ini-noke?“ Er wisperte den Namen.
„Ich möchte dir helfen, junger Magier. Damit ich meine Schuld sühnen kann und erlöst werde. Ich möchte endlich ins Totenreich eintreten können.“ Sie nickte erneut. „Ich bin auch tot. Wie du. Diese Verbrecher hatten mich damals zu schwer verwundet. Ich habe es nicht überlebt“
Sie fuhr fort, ehe Toran etwas erwidern konnte. „Ich habe viele Jahre verschwendet, herauszufinden, warum ich nicht zu meiner Familie ins Totenreich gehen konnte. Dann endlich schenkten mir die Götter eine Vision. Es war meine Schuld, dass diese schlechten Menschen Zutritt in unser Haus bekamen. Ich witterte ein gutes Geschäft.“ Sie ballte die Fäuste. „Zu spät erkannte ich, was diese jungen Krieger mir verkauft hatten. Viel zu spät. Ich schäme mich noch heute, dass ich das heilige Schwert nicht sofort erkannt habe.“
Sie forschte in Torans Gesicht nach seinen Empfindungen, lächelte dankbar, als sie sein Verstehen erkannte.
„Ich wollte es zurückgeben, hatte meinen Diener auf den Weg geschickt, zu dem Stamm der Reispflücker. Ich habe es Mo-ram nicht verkaufen wollen. Ich wollte Rat suchen, beim Dorfschamanen, als ich plötzlich einen großen Schmerz in der Brust fühlte.“ Sie schlug ihre Faust gegen ihr Herz. „Ich rannte nach Hause. Sofort. So schnell wie der Wind. Aber ich kam zu spät. Mo-ram und diese japanischen Krieger haben alle im Haus getötet. Meine beiden Hausdiener und Ini-noke.“ Nun stützte auch sie sich am Regal ab. „Ich stellte mich ihnen in den Weg. Habe um Hilfe gerufen. Aber natürlich hatte ich keine Chance. Ich habe Mo-ram verflucht, als ich starb." Sie straffte ihren Körper. "Ich habe erst später begriffen, dass es sein Vater war, der das Schwert zuerst gestohlen hat. Mich hat es sehr berührt, dass du um Ini-noke geweint hast.“
Toran fiel auf die Knie, Tränen rannen sein Gesicht hinab. „Es tut mir so leid.“
Die alte Frau setzte sich neben ihn und bettete seinen Kopf in ihren Schoß. Toran weinte und wimmerte stundenlang wie ein kleines Kind.
Bei Sonnenaufgang betraten Heliana und die große Hündin das Studierzimmer.
„Er ist es also, Ta-naipe?“
Die alte Frau nickte. „Habt ihr Neuigkeiten?“
Die Hündin antwortete. „Er hat die Stadt bereits verlassen. Er ist nach Norden unterwegs. Wir müssen bald los, um seine Spur nicht zu verlieren.“
Die alte Frau strich durch Torans schwarzes Haar. „Wir werden ihn nicht verlieren, Ban. Jetzt fügt sich alles zusammen. Ist alles bereit?“
„Ja, Ta-naipe. Dorkan wird nach unserer Abreise das Haus weiter versorgen. Um alles andere habe ich mich schon gekümmert. Vielleicht, bis wir wiederkommen“, antwortete Heliana ruhig.
Ta-naipe lächelte ihr aufmunternd zu. „Du hast dein Leben noch vor dir, Helianana. Dann sollten wir jetzt aufbrechen. Toran, steh auf.“
Der junge Magier schreckte auf. Als er Ta-naipe erkannte, entspannte er sich. Um erneut zusammenzufahren, als er angesprochen wurde. „Schön, dass du es bis hierher geschafft hast, junger Magier. Bist du bereit?“, fragte Ban kühl.
Dieses Mal wurde Toran wütend. „Was bist du für ein böser Geist? Hinweg!“, rief er aus und hielt ihr seinen Wächterstein entgegen.
Ban sträubte ihr Nackenfell.
Beruhigend legte Heliana eine Hand auf den Kopf des Tieres. „Ban ist kein böser Geist. Sie ist ein Gestaltwandlerin. Du brauchst dich nicht vor ihr zu fürchten, Toran.“
Ban nieste und trabte zur Tür hinaus.
Toran ließ verblüfft seine Hand fallen. „Gestaltwandlerin? Aber wie kann das sein? Nur Götter oder böse Geister können Tiergestalt annehmen. Man muss sich vor ihnen in Acht nehmen.“
„Ban ist weder ein Geist noch eine Göttin. Ban kann einfach nur ihre Gestalt wandeln. Es gibt keinen besonderen Grund dafür.“
„Also, kommst du?“
Toran zögerte, sah zu Ta-naipe.
„Nur gemeinsam schaffen wir es, Kurn-lo zu fangen“, sagte sie mit fester Stimme.
Torans Gesicht wurde zu einer wütenden Fratze. „Kurn-lo“, zischte er. Er sprang auf, bewegte sich schwankend hin und her, drehte sich im Kreis, vollführte anmutige Armbewegungen.
Die beiden Frauen warteten ehrfürchtig, bis er geendet hatte.
„War das ein Beschwörungstanz?“, fragte Heliana fasziniert.
Toran und Ta-naipe nickten ernst.
„Ich bin bereit“, antwortete Toran und wurde sogleich verlegen. „Aber ich muss noch dem Ältestenrat berichten.“
Ta-naipe schien durch den Raum zu schweben. „Das kannst du unterwegs tun, Toran. Wir verlieren ihn sonst.“
Toran umfasste seinen Wächterstein, verbarg in unter seinem Hemd. „Ich folge euch. Die Götter mögen mich leiten.“
Ehe Toran und Ta-naipe in den geräumigen Jeep einsteigen konnten, mussten sie den Geist des rollenden Kastens durch ein Ritual um eine gute Fahrt bitten.
Heliana ließ sich nicht aus der Ruhe bringen, sie schaute interessiert zu, kraulte Ban immer wieder im Nacken und überprüfte den Sitz des Hundegeschirrs.
"Großmutter, ich habe noch eine Frage."
"Dann bitte, stell sie."
"Wer ist Mo-ram?"
"Das war der Erstgeborene von Kurn-lo. Ich habe ja erst einige Zeit nach meinem Tod verstanden, dass Mo-rams Vater euch das heilige Schwert gestohlen hat. Diese jungen Krieger, die es mir verkauft hatten, müssen es Kurn-lo gestohlen haben. Ich weiß nicht, wie Kurn-lo zu Tode kam. Oder warum Mo-ram dann zu mir kam. Erst nach meinem Tod habe ich gesehen, dass Mo-ram vom Geist seines Vaters begleitet wurde. Der Junge hatte keine Wahl, er musste dem Willen seines Vaters gehorchen. Ich habe meinen Fluch dann auf Kurn-lo erweitert. Ich folge Mo-ram und seinen Nachfahren seitdem, wohin sie auch gehen."
Toran bedankte sich und versank wieder in seinen Gedanken. Ta-naipe sah aus dem Fenster, bestaunte weiter die vorbeifliegende Landschaft.
Bald begann Toran jeden von Helianas Handgriffen beim Autofahren zu beobachten.
„Kannst du Autofahren?“, fragte die Frau amüsiert. Toran schüttelte energisch den Kopf.
„Wenn wir in einer weniger bevölkerten Gegend sind, lasse ich dich mal fahren.“ Sie ignorierte Bans Schnauben und Torans aufgesperrten Mund.
„Wo kommst du eigentlich her, Toran?“, fragte sie nach einer Weile.
Toran riss den Blick vom Armaturenbrett los. „Von weit weg.“
„Magst du mir nicht sagen, von wo genau?“
Toran schüttelte den Kopf.
„Schade. Wieso nicht?“
Toran starrte auf seine Knie. Blieb stumm.
„Ich nehme an, dass ihm das der Ältestenrat verboten hat. Nicht wahr, Toran? Wolltest du ihm nicht eine Nachricht zukommen lassen?“, antwortete Ta-naipe an seiner statt.
Toran machte ein schuldbewusstes Gesicht, nickte.
Ta-naipe griff in ein Seitenfach der Tür und holte ein einfaches Holzbrett mit einer quadratischen Vertiefung in der Mitte heraus. Aus einem Leinensack nahm sie einen großen Eisenquader heraus und stellte ihn in die Vertiefung. Sie reichte ihm das Brett. „Hier, nimm, bitte. Sprich mit ihnen.“
Toran nahm ehrfürchtig das Brett entgegen und stellte es auf seine Knie.
„Festhalten, dass ist jetzt für einige Zeit die letzte Kurve. Wir werden lange auf der Autobahn unterwegs sein“, rief Heliana.
Erst als sich Toran ganz sicher war, löste er die Hände von dem kühlen Stein. Mit dem Leinensack entfernte er seine Fingertapser. „Aber ich brauche Sonnenlicht. Oder Mondlicht“, flüsterte er verzagt.
Es surrte leise und Toran zuckte zusammen, als das Seitenfenster in der Tür verschwand. Der Quader wurde von der aufgehenden Morgensonne beschienen. „Bitte schön, Toran. Beeil dich, in ein paar Kilometern wird die Sonne den Stein nicht mehr erreichen“, erklärte Heliana ernst.
Toran nickte und holte seinen Wächterstein hervor , hielt ihn in die Sonne, dann an seine Stirn und sprach die Grußformel. Sofort wurde der Quader vom Gesicht des Ältesten ausgefüllt. Toran schnappte nach Luft, so nah und so deutlich hatte er den Ältesten schon sehr lange nicht mehr gesehen. Seinem Gegenüber erging es ähnlich, auch er war ein wenig zurückgewichen. „Wo bist du, Toran?“
„In einem Auto, erhabener Alter. Ich habe Euren Rat befolgt und die Frau aufgesucht. Dort habe ich eine andere Frau getroffen. Großmutter Ini-noke. Sie ist...“, Toran stockte und schaute Ta-naipe hilfesuchend an.
"Auto?", murmelte jemand im Hintergrund fragend. "Was ist das?"
„Erhabener Alter, mein Name ist Ta-naipe. Ich bin vom Stamm derer, die am Fluss Uruol wohnen und bin vor einhundertneunzig Jahren durch das heilige Schwert gestorben. Wie Ihr, habe auch ich eine Schuld zu begleichen und die Götter haben Toran und mich endlich zusammengeführt. Wir sind auf der Spur von Kurn-lo und...“, sie hielt inne, als sich das Gesicht des Ältesten verzog und im Hintergrund aufgeregtes Gemurmel anschwoll.
„Bitte, ehrenwerte Ta-naipe, sprecht diesen Namen nicht aus. Er ist ein böser Geist. Über ihn zu sprechen, gibt ihm Kraft. Wir müssen ihn vergessen“, antwortete der Älteste mit überzeugter Art.
Ta-naipe schnalzte verärgert. „Genau das hat Euch den Ärger eingebrockt. Wie auch meinem Stamm. Nichts, aber auch gar nichts vergeht, weil wir es vergessen. Im Gegenteil. Dadurch passiert solches Unglück. Wir bereiten die Jungen nicht genügend darauf vor. Verschweigen ihnen die Wahrheit über das Böse auf dieser Welt. Nur wenn wir es benennen, verliert es seine Kraft“, widersprach sie heftig. Toran wollte zornig auffahren, als Ban warnend knurrte.
„Wie könnt Ihr es wagen, so mit uns zu sprechen, Verräterin? Ich weiß, was Ihr seid. Ich weiß, wer Ihr mal wart!“, keifte eine andere Stimme, deren Gesicht sich nun neben den Ältesten drängte.
„Ich weiß auch, was ich einmal war, Ehrenwerter. Aber ich hatte viel Zeit dazuzulernen. Aus mir wurde eine mächtige Schamanin. Ich weiß jedenfalls, was ein Auto ist und wie man es benutzt. Ich sitze nicht um ein seit Jahrhunderten erkaltetes Feuer herum und lasse alle Arbeit einen unerfahrenen Magier machen. Habt Ihr jemals darüber nachgedacht, warum Euch das passiert ist?“
Alle wurde durch Torans Reaktion überrascht. Er öffnete einfach die Tür und sprang hinaus. Der Quader fiel auf die Straße und holperte über den Boden, einige Splitter sprangen ab. Das Holzbrett schlitterte einige Meter weit. Toran, der überhaupt nicht mit dem Effekt der Geschwindigkeit gerechnet hatte, wurde wie von unsichtbarer Hand umgeworfen und überschlug sich mehrmals.
Heliana fluchte lauthals, drückte den Warnblinker und bremste so schnell wie möglich ab. Sie hatten Glück. So früh am Morgen waren nur wenige Autos unterwegs. Ban war schon draußen, als Heliana die Tür öffnete. Sie sprang Toran an, der sich benommen aufgerappelt hatte. „Du Dummkopf! Was ist nur in dich gefahren? Du bringst uns alle durch dein unüberlegtes Verhalten in Gefahr“, bellte Ban wild und umfasste Torans Kehle. Sofort erstarb jede Bewegung Torans.
Heliana barg eilig den Quader und das Brett. „Kommt, sofort. Ehe die Polizei kommt. So ein Mist, Toran. Mach das nie wieder, ja? Spinnst du?“
Ban knurrte ihn böse an, als der junge Magier etwas erwidern wollte. Langsam stand er auf, wandte sich zum Gehen, aber er konnte keinen Schritt tun. Sein Wächterstein glühte auf, wechselte beständig die Farben von einem beißenden Grün zu einem schwarzen Blau. Erstaunt blickten alle auf den Stein.
Toran schloss die Augen.
„Ach verdammt, doch nicht hier!“
„Helianana, nicht solche Worte. Fahrt. Ich komme nach. Bleibst du auf dieser Straße?“, erklang Ta-naipes brüchige Stimme neben ihr.
„Entschuldige, Ta-naipe. Ich bin immer noch erschrocken. Ich fahre zum nächsten Parkplatz, ein paar Kilometer von hier. Dort warten wir auf euch.“
Die alte Frau tätschelte ihren Arm und ging zu Toran.
Heliana stieg wieder in das Auto und Ban nahm auf dem Beifahrersitz Platz.
„Schade, dass wir ihn wirklich brauchen. Auf so einen Trottel kann ich echt verzichten“, knurrte Ban.
„Ich habe Mitleid mit ihm, Ban. Er war noch ein Kind, als er diese große Verantwortung übernahm. Und sie haben ihn nicht gewarnt. Er ist so verängstigt, dass er sich an alles klammert, was er einmal gelernt hat. Jede Veränderung ist für ihn eine Bedrohung. Stell dir mal diese Einsamkeit vor. Alles, was du mal gekannt hast, stimmt nicht mehr, ist vorbei, gibt es nicht mehr. Schrecklich!“, rief Heliana aus. Das Auto geriet kurz ins Schwanken und durch das Hupen eines Autos wurde sie aus ihren Gedanken gerissen. Ban legte den Kopf auf ihren Oberschenkel und schnaufte tief durch.
„Ich bewundere Dein Mitgefühl, meine Adlerfreundin. Sobald ich mich beruhigt habe, weiß ich, dass Du recht hast. Aber wie kann man nur so dumm bleiben wollen? Ich meine, er hatte über zweihundert Jahre Zeit, dazuzulernen. Schau dir Ta-naipe an. Oder dich selbst. Auch du hast schlimme Zeiten durchgemacht und konntest dich anpassen.“
Heliana kraulte die große Hündin am Hinterkopf. „Ich hatte aber auch Hilfe. Dich zum Beispiel. Soweit ich weiß, hatte Toran niemanden auf dieser Reise. Es ist so, wie Ta-naipe gesagt hat. Niemand kam ihm zu Hilfe. Und so ganz allein auf sich gestellt, als Motivation nur die Sühne einer großen Schuld, ist es schwer, intelligent zu reagieren. Er war sechszehn, als ihm das passierte, Ban.“
Ban schnaubte und blieb stumm, bis sie auf einem Parkplatz hielten.
Ta-naipe wartete geduldig, bis der Stein zur Ruhe kam und Toran die Augen öffnete. „Hast du verstanden, was sie dir gesagt haben?“, fragte die Alte leise.
Toran zuckte nur wenig. Er starrte wütend auf den Boden.
„Es tut mir leid, wenn ich dich verärgert habe, Toran. Aber...“
„Mich? Ihr habt den Ältestenrat verärgert. Ihr habt es gewagt, ihn zu maßregeln. Ihr habt es gewagt, ihm zu widersprechen! Ich habe Euch vertraut. Ich dachte, Ihr wolltet mir helfen. Aber Ihr wollt auch nur dieses Schwert. Ihr seid auch eine Diebin oder noch schlimmer, eine machtgierige Hexe!“, schrie er aufgebracht.
Ta-naipe ließ ihn gewähren, verschränkte die Arme in den weiten Ärmeln. „Hat dir das dein Stein gesagt, junger Magier?“, war alles, was sie erwiderte. Nach einem langen Augenblick begann sie, Heliana nachzugehen. Sie schaute sich nicht mehr um.
Toran nagte an seiner Unterlippe. In ihm tobte ein Gefühlschaos. Zorn, darüber, dass Großmutter Ini-noke so mit den Ältesten gesprochen hatte. Er fühlte Enttäuschung, hatte gedacht, auch sie würde die alten Traditionen respektieren und die Götter ehren. Aber er schaffte es nicht, diese Stimme auszuschalten, diese Stimme des Zweifels, die ihm schon seit langer Zeit einzuflüstern versuchte, was Ta-naipe offen ausgesprochen hatte. Wieder rüttelte der Schmerz in seinem Innern an seinen Eingeweiden. Da war sie, diese Frage. Wie hatte das nur passieren können? Wieder und wieder hatte er sich diese Frage gestellt. Auch der Rat hatte ihm diese Frage gestellt. Sie konnte nicht beantwortet werden. Nicht, wenn man die Schuld nur bei ihm suchte, bei ihm, dem jungen Magier. Er hatte vieles noch nicht gewusst, hatte keinen Lehrer mehr, der ihn einweisen konnte. Er musste sich das Wissen der Magie über Visionen aneignen. Es ist hart, die Götter gnädig zu stimmen einem eine Vision zu gewähren. Er schaute auf, staunte, wie weit weg Ta-naipe schon war. Ihr Kleid flatterte im Fahrtwind des aufkommenden Verkehrs. Als er wieder auf den Boden sah, entdeckte er einen Splitter aus dem Quader. Beschämt, dass er den heiligen Stein beschädigt hatte, sammelte er alle Splitter auf, ignorierte die drei LKWs, die durch ihn hindurchfuhren. Jetzt war Ta-naipe nur noch als ganz kleines Wesen zu erkennen. Sein Wächterstein zog ihn dorthin. Er stampfte wütend auf. Aber er wusste, er musste seinem Stein folgen. Sein Stein hatte ihn noch nie im Stich gelassen oder ihm den Weg falsch gewiesen. Wie seine Mutter es damals von ihm verlangt hatte, wie er es als ängstlicher Achtjähriger versprochen hatte, wollte er auch nun dem Wink der Götter folgen. Er würde auf seinen Stein und auf seine Mutter hören und Großmutter Ini-noke folgen.
Heliana atmete tief durch, als sie Ta-naipe endlich sehen konnte. Mit dem Fernglas konnte sie auch Toran sehen, der in einiger Entfernung hinter ihr lief. Immerhin nicht von ihr weg, sondern ihr folgte. Sie selbst wartete geduldig. Ihre Tante fiel ihr in dem Moment ein. Diese hatte sie mal ausgeschimpft und behauptet, dass Geduld das einzig Gute wäre, was sie geerbt hätte. Sie erinnerte sich noch gut daran, dass sie schon damals beleidigt war. Obwohl erst dreizehn, wusste sie, dass das nicht stimmte. Aber es traf sie trotzdem hart, das von ihrer Tante an den Kopf geworfen bekommen zu haben. Noch heute versetzte es ihr einen Stich. Sie schüttelte sich, wie sie es von Ban gelernt hatte. Verscheuchte so die Gedanken und das unangenehme Gefühl daran. Heute wusste sie es besser. Alles hatte seine Zeit, alles veränderte sich und alles musste sich irgendwie entwickeln. Seit sie diese Wahrheiten begriffen hatte, ging es ihr besser. Konnte sie mit Menschen wie Toran oder Ban, seien sie tot oder lebendig, viel besser umgehen. Und auch mit sich selbst. Das Leben wurde eben durch die Mischung Selbstbestimmung und Schicksalsbestimmung geleitet. Sie hatte ihre Entscheidungen getroffen und ihre Tante ebenfalls. Sie prüfte den Abstand der Luraneer und machte sich auf, den Acker ein neuntes Mal zu umrunden.
Als Ta-naipe auf dem Parkplatz ankam, fand sie Heliana bei ihrer Tai-Chi Übung vor. Respektvoll wartete sie, bis diese ihre Form beendet hatte.
„Er kommt. Die Götter haben zu ihm gesprochen“, sagte die Alte.
Heliana sah, dass Toran noch einige Minuten brauchen würde. „Gut. Ich hoffe, sie konnten sich verständlich ausdrücken. Ban folgt dem Schwertdieb, um sicherzustellen, dass wir seine Spur nicht verlieren.“
Sie sahen einander lange an. Helianas mitfühlendes Lächeln ließ Ta-naipe nicken. „Ich bin schon so alt, habe so viel erlebt, aber es schmerzt mich wie ein kleines Kind, Helianana. Diese Borniertheit der Alten! Ich wundere mich, wie sie so alt werden konnten, wenn sie so wichtige Aufgaben unerfahrenen Jungen überlassen.“ Sie versteckte die Hände in ihren weiten Ärmeln und fuhr mit leiser Stimme fort: „Trotzdem tat es gut, meine Sprache zu hören. Es hat so etwas wie Heimweh hervorgerufen. Ich bin müde, Helianana. Ich möchte zu meiner Familie.“
Heliana hielt ihre Hand an die Wange der Alten, wissend, bedauernd, dass sie sie nicht berühren konnte. „Ich werde dir helfen, Ta-naipe. Ich glaube, wir werden das Schwert bald haben. Die Frage ist nur, ob Toran dann weiß, was er zu tun hat.“
Die beiden Frauen sahen sich nach dem Genannten um. Der junge Magier bog gerade auf den Parkplatz ein.
„Ich werde mit ihm sprechen. Wenn wir das Schwert haben, wird er auch bereit sein.“
Toran war immer noch verwirrt, er verneigte sich und wartete verlegen.
„Schön, dass du hier bist. Dann wollen wir weiterfahren“, erklärte Heliana leichthin.
Toran nickte stumm und wartete, bis Ta-naipe Platz genommen hatte. Vorsichtig setzte er sich neben sie. Sie waren bereits eine gute halbe Stunde unterwegs, als Toran ein blinkender roter Punkt in einem kleinen Rahmen auffiel. Der Rahmen enthielt Striche und verschiedenfarbige Flächen. Schriftzeichen waren zu sehen, die er nicht lesen konnte. „Wo ist Ban?“, entfuhr es ihm lauter als gedacht.
Die beiden Frauen zuckten zusammen. „Sie ist weiter gelaufen, bleibt ihm auf der Spur“, antwortete Heliana.
"Wie kann sie ihn verfolgen?"
