Die Schwester, wie hinter Glas - Irena Vrkljan - E-Book

Die Schwester, wie hinter Glas E-Book

Irena Vrkljan

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Beschreibung

Wie das Leben der Autorin bewegt sich die Handlung des Romans zwischen den Kulturen. MIRA, eine kunstinteressierte junge Frau, verlässt nach dem Studium ihre Heimatstadt Zagreb und geht nach Deutschland – nach Wuppertal, um die Spuren ihrer Lieblingsdichterin Else Lasker-Schüler zu erkunden. Sie heiratet dort einen deutschen Fotografen, gerät jedoch während des Besuchs der Ausstellung von Mark Rothko in London, in einen Terroranschlag, der für sie tödlich endet. Die ältere Schwester in Zagreb übermittelt uns, aus ihrer Erinnerung, die Einzelheiten dieses jungen Lebens und schildert die Situation in der sich Künstler und Intellektuelle Europas nach wie vor befinden und begegnen. Das Buch ist die erste Annäherung an das Werk Else Lasker-Schülers und ihr künstlerisches Umfeld für das kroatische Lesepublikum. Der modernen Entwicklung – Globalisierung, Wechsel politischer Systeme, Migration – als Ursache für große Veränderungen und den Umbau der alten Städte in Europa wird die Bedeutung der Kultur, künstlerischer Arbeit sowie internationaler Solidarität und Freundschaft als die einzige Form gegen die Vergänglichkeit – "dem Rieseln des feinen Sandes der Zeit" – entgegengehalten.

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Seitenzahl: 158

Veröffentlichungsjahr: 2015

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Die Lektoren waren:

Hans-Jürgen Anderle (†)

Benno Meyer-Wehlack (†)

Immer sehe ich in jener Ferne, irgendwo dort, weit weg von Zagreb – in der ganzen Zeit habe ich Mira nicht einmal besucht – ihr Gesicht wie hinter einem sonnengeblendeten Glas, sie war die schönste Puppe in diesem Schaufenster meines Lebens und für immer mein zweites ich.

Jetzt ist das Glas zerbrochen, überall liegen die Splitter, scharf, gefährlich, das Glas ist verstreut über die Straße, den Fluren, den Zimmern und über uns, über unsere Erinnerung. Das Schaufenster ist zerschellt, alle unsere alten Spielzeuge, die Wärme der Hände, an denen wir uns immer gehalten, unsere Kindheit, zerstreut.

Dies Bild ist jetzt völlig stumm, ohne einen Tropfen Blut, doch Blut muss es gegeben haben.

Das Schicksal kam auf als ein kräftiger Schlag, ohne Ankündigung, ohne meine Ahnung, dass so etwas passieren könnte und dass diese Zeiten kommen werden, schwarz und rau.

Obwohl, vielleicht wusste Mira mehr als ich, in den letzten Jahren wurde sie immer melancholischer – und sehr nervös, unruhig, ja, nervös wie einst, als wir so panisch durch die kleinen Räume der Dreizimmer-Wohnung in der Nazor-Strasse rannten.

Die Wohnung hatten die Eltern renoviert, später. Nur die Küche blieb so wie sie war, als meine Schwester noch mit mir zusammen war, weil wir kein Beispiel all jener Geschichten über den Schwesternhass, der Konkurrenz untereinander, ironischer Überheblichkeit, gar des Verrats waren.

Natürlich, schon früh willigte ich ein, mochte es so, die Person in ihrem Schatten zu sein.

Und so waren wir einer Person ähnlich und nur die Welt um uns herum war ein fremdes Wesen, das wir nicht immer begriffen und uns deshalb oft unwillig, vielleicht erschrocken in unser Zimmer, am Ende des Flurs verkrochen.

Glas, scharfe Bruchstücke, als hätten sie sich in meinen Körper eingebohrt.

Doch auch hier sieht man nirgendwo Blut, der Schmerz ist weiß wie meine Haut und wie meine Erinnerung.

Stille. Bestürzung. Nein, Entsetzen.

In unserer Wohnung, obwohl wir im oberen Stockwerk wohnen, brennt, wegen der schweren Vorhänge – Angst vor den fremden Blicken – immer irgendwo Licht. Nur in der Küche ist es nie dunkel. Ich erhebe mich vom Stuhl und stehe in der Mitte, allein, so viele Jahre später. Ich zünde mir eine Zigarette an.

Auf dem Tisch liegen zerstreut Blätter, Zettel, Briefe. Bilder.

Ich setze mich wieder auf den Stuhl, drehe den Kopf und schaue dem Rauch nach, der in der Küche schwebt, dem Gift, auf die Andenken und auf die Papiere vor meinen Augen.

Denn was weiss ich noch, nach all dieser vergangenen Zeit, über uns damals und über unsere familiäre Vergangenheit? Alles sind immer nur dieselben, unzuverlässigen Bilder: sie liegen in der Tiefe des Gedächtnisses, wie hinter einem dicken Glas, wie Mira, hinter dem Glas.

Und alle unsere damaligen Gespräche sind wie ein schwaches Echo, einige Worte sind vergessen. Vielleicht absichtlich?

So bleiben in uns lange nur die Szenen: unbewegliche Figuren wie auf einer schwach erleuchteten staubigen Bühne. Verschwundene Figuren, verschwundene Lieben – all das ist nur noch ein alter Film, schon ein wenig vergilbt, unklar und in ihm keine Spur von Hollywood.

Denn auch wir würden gerne lügen, um in diesem vergangenen Alltag spannende leidenschaftliche und ungewöhnliche Ereignisse zu finden, so dachte auch ich lange selbst, bis …

Ich dachte, dieses Leben könnte doch wenigstens wie ein unterhaltsamer Roman sein, eine Erzählung, die alle hören möchten, die Kollegen in der Arbeit, Bekannte, und über uns könnten dann ständig die glitzernden Sterne flackern auf dem Abendhimmel der lauten und lebhaften Stadt. Die Erzählung könnte verhängnisvoll sein, oder auch voll von Glück.

Ich konnte nicht gut die Buchstaben der Zukunft lesen und so blieben die Fragen unverändert.

Was ist denn mit all den grauen Mitreisenden, die auch oft unsere Schicksale umgeben? Was ist mit den unbekannten, grauen Menschen, deren Karrieren schnell in Vergessenheit endeten? Weil auch ich, sitzend in dieser Küche, in dieser Küche in der Nazor-Strasse in Zagreb denke, eigentlich bin auch ich auf ewig, ein solches kleines, uninteressantes Geschöpf und so klein sind auch die ehemaligen Leidenschaften, Lieben und Kinderträume.

Ängstliches Geschöpf. Oh, wie ich das hasse.

Meine Schwester Mira war das nie.

Und ich hatte mich vielleicht zu früh mit der Existenz in ihrem Schatten eingerichtet, hatte vor allem Angst und überließ ihr so den Mut und die Entscheidungen.

Und jetzt ist es zu spät, um das eigene Schicksal umzuschneidern, und ich würde so gerne lügen, mir verschiedene Abenteuer ausdenken, lauter wunderschöne Gegenden in betörenden Farben von irgendwelchen fernen Lagunen und unbekannten Archipels. Kräftige Farben, und nicht nur solche langweiligen, verblassten. Nur wozu überhaupt diese sogenannte Wahrheit, meine Wahrheit? Das fragte ich mich schon als Kind, fragte Mira. Wen interessiert überhaupt die Wahrheit, wenn sie nicht ein wenig blutig ist, wen interessieren meine Geschichten, wer hört noch, was ich sage, jetzt wo Mira nicht mehr hier ist?

Mira, meine verlorene Schwester?

Wer hört noch meine Fragen, die naiv waren und die mit sicheren Antworten rechneten, denn auch die Abenteuer haben ihren Preis, manchmal einen schrecklichen. Und so verwandelt sich eines Tages auch ein unbemerktes Leben in den Schrecken schwarzer Stürme.

Wann war das alles, und wann begann unsere gemeinsame Zeit in dieser Wohnung, in der sich ewig nur die Wiederholungen ereigneten – zuerst im ehemaligen Sozialismus, dann im schrecklichen Krieg und jetzt, nach alledem, in den neuen Zeiten?

Das letzte Mal, als sie Zagreb besuchte, trug sie ein schönes blaues Kleid, blaue Schuhe mit hohen Absätzen – allein das höre ich noch, ihre Schritte auf dem gekachelten Boden der Küche, auf den Stufen, auf unserer Straße, bergab.

Ja, bergab. Alles ist unwiederbringlich irgendwo hinweggerollt, weitweg, auf den Grund meines Lebens von damals, so auch die Mama und der Papa, Boris und seine Geliebte, auch Mira, unsere Schultage, unsere merkwürdigen Stimmungen, unsere Abschiede. Irgendwo dort im Dunkeln, im Haufen der abgetragener Wintermäntel, Mützen, Handschuhe, in dem Haufen zerrissener Tage, die ich wie alte Briefe zerriss, irgendwo dort liegt jetzt auch mein kleines Leben, ewig ängstlich, ewig unsicher und immer voll von irgendwelcher blöden Nervosität. Deswegen hasse ich alle diese Fotografien im Album, Zöpfe mit Schleifen, Kniestrümpfe, weiße Blusen und diesen meinen ewig erschreckten Blick, die Augen weit geöffnet wie vor einem Unglück.

… Warum und weshalb war ich damals immer so in Eile? Wohin denn?

… Und wozu diese ewige Sehnsucht nach der Dunkelheit des anonymen Lebens, diese Angst vor dem Licht und, natürlich, vor den Menschen? Wer und welch teuflische Erziehung hat in die Kinder, die wir waren, dieses tapsige Leisetreten durch das Leben eingepflanzt, schnell, nur schnell, damit alles bald vergeht? Nein, damals brauchte man nicht daran denken, ob der alte Briefträger, der jeden Tag eine Bohnensuppe im Restaurant auf dem Britanski aß, irgendwie doch überleben würde, oder wird sich denn jenes Geschäft mit Heften und Radiergummis, das immer leerer wurde, halten, und dann, wird Ivanka, nachdem sie in der NaMa gekündigt wurde, mit dem Putzen soviel dazuverdienen können, dass es für den Ehemann, auch arbeitslos, und die Tochter, die studieren wollte, reicht. Auch nicht, ob die alte Frau Lekić, jetzt wo sie allein ist, in das vierte Stockwerk, das über uns liegt, steigen kann. Nein, man brauchte keine Zeit vergeuden an alle diese und solche Sorgen, Mira brauchte das damals auch nicht. Aber sie hat sich als junge Frau vielleicht sehr viel früher als ich von alledem verabschiedet? Doch mein Leben war lange, zu lange unfähig für irgendeine andere Geschichte, außer dieser. In ihm herrschten nie die Schönheiten aus den Frauenmagazinen, interessante Männer, heisse Betten, die hinreißende, raue Stimme von Bob Dylan. Nichts von alledem gab es in meiner Jugend, man hörte Radio, das ja, aber irgendwelche dummen Schlager, die die Mutter liebte, und später schaute man Serien im Fernsehen. Der Vater allerdings hasste alles, was aus diesen Schachteln kam, sowohl Nachrichten, als auch die Quizsendungen und so drückte er, wenn er heim kam, schnell alle diese Knöpfe der Zerstreuung aus. Deswegen verbrachten wir die meisten Abende in Stille. Oder wir gingen ins Kino, ins Theater und versuchten so die Nazor-Strasse zu vergessen. Mira gelang das besser als mir.

Meine Fehler häuften sich einer auf den anderen, stapelten sich ordentlich in diese Schachtel, diese uninteressante Schatzkammer der vergangenen Tage, Jahre, und mein Gesicht, schon bald mit ersten sichtbaren Falten, blieb noch lange vor den anderen Gesichtern unverzeihlich höflich, ein freundliches Lächeln flimmerte stets in ihm.

Doch auch dies hätte so nicht mehr sein sollen, nein, auf keinen Fall!

Ich hätte wenigstens mir selbst schon lange gestehen müssen, dass ich missgelaunt bin, dass ich die Nase von allem voll habe, dass ich nicht mit jeder Nachbarin im Haus reden will, mit den Kolleginnen im Archäologischen Museum, mit den Alten auf den Parkbänken und dass ich nur eins erfahren will: was das überhaupt soll, warum wollte ich dieses kleine, ängstliche Wesen sein?

Und warum geschah plötzlich – oh, wie ist das ungerecht – dieses schreckliche Unglück?

Mira war nämlich schon früh, seit ihrem dreizehnten Lebensjahr, anders. Und ich, ich hörte nicht auf ihre Worte und Vorschläge. Sie war sehr begabt, entschlossen, sie konnte alles werden, Malerin, Ballerina und Architektin, Ärztin. Schon als Kind, im Sozialismus, wollte sie nur in die Welt wegfliegen, die dunklen Straßen hinter sich lassen, die grauen, verfallenen Häuser der vernachlässigten Stadt, die faden Mädchen in der Schule, die sich für alles interessierten, wofür sie sich nicht interessierte. Sie wusste schon früh, obwohl sie jünger war als ich, wo und an welcher Stelle, in welcher Zeit sie sich befindet und was sie hier, zusammen mit mir und unseren Alten erwartet.

Ich schaue in den Rauch der Zigarette. Und ich fühle, jetzt sind alle Zeiten ehemalige Zeiten, auch diese jetzige, in mir, es gibt keine Hoffnung mehr, dass ich vor allen Fragen, die sich aufdrängen, wegrennen könnte, auch nicht vor mir selbst.

Damals, gegen 1978, als Mira mit achtzehn ihr erstes Drama geschrieben hatte, und als sie entdeckte, nachdem sie das Manuskript einem Freund, einem Dramaturgen, gezeigt hatte, dass die Theater etwas ganz Anderes suchten über unsere schöne Gegenwart oder den Untergang, dann warf sie sich auf das Schreiben eines Tagebuchs und studierte Sprachen, Englisch und Deutsch, damit sie einmal schnell abreisen könnte – irgendwohin, nur in die Ferne, ins Unbekannte. Ich weiß, ich habe sie ermutigt, und mich sah ich weiterhin in diesen Zimmern und in dieser Küche.

Es waren Jahre großer Völkerwanderungen, viele gingen wegen der Arbeit ins Ausland, das Land leerte und leerte sich (diese Wüste werden wir einmal bezahlen müssen) und Mira wartete nur auf eine Gelegenheit wegzugehen. Irgendwo dort, in einem unbekannten Land, wird alles anders sein. Darüber sprachen nur wir beide, Mama und Papa wussten von nichts, ahnten nichts. Sie arbeiteten und hatten Sorgen, waren immer müde, immer nervös. Heute noch sehe ich ihr strahlendes Gesicht, als sie mit dem kleinen Koffer in der Hand die Treppe hinunterstürzte, in einem Frühling, und endlich auf die Reise gehen konnte. Sie war schon fertig mit dem Studium und in der Universitätsbibliothek und danach in den Briefen, hatte sie das Drama der Dichterin Else Lasker-Schüler gelesen und ein Zitat gefunden, das sie mir zu Hause gleich vorlas: „In meiner Seele bin ich gebrochen, zerrissen wie mein Kleid“. Und sie fügte noch hinzu, einmal fahre ich nach Wuppertal, in dieser Stadt ist Else geboren, 1869, als Enkelin eines Rabbiners und Tochter eines Bankiers, schon früh schrieb sie das Drama „Die Wupper“, genannt nach dem Fluss, der durch diese Stadt fließt. Und stell dir vor, nach dem Personenverzeichnis des Dramas steht noch etwas – Fabrikarbeiterinnen, Arbeiter und jugendliche Kroaten … Else lebte auch in Berlin, 1933 musste sie emigrieren, starb 1945 in Jerusalem.

Später hatte mir Mira in ihren Briefen oft verschiedene Zitate genannt, natürlich auch jene von Else Lasker-Schüler geschickt: „Auch ich bin nicht ganz und gänzlich nur ein Mensch, auch nicht Tier, ewig besteht in mir dieser Bruch und wundert euch nicht, dass ich mich radikal in zwei Hälften teile, seelisch.“

Zwei Hälften – und dann nur die eine, wie ich, seit Mira nicht mehr hier ist? Sie sprach ausgezeichnet Deutsch und diesen Frühling kaufte sie ein schönes braunes Kostüm, ließ sich ihre langen blonden Haare schneiden, neue Frisur, neues Gesicht und mit dem Geld, das sie sich von Übersetzungen gespart hatte, rannte sie, also, die Treppe hinunter, nach Wuppertal. Mutter und Vater schüttelten nur stumm den Kopf – warum gerade in diese Stadt bei der ersten Reise ins Ausland?

Ich sagte nichts. Dies war unser Geheimnis, das sie sowieso nicht verstanden hätten.

Ich werde jene Treppe sehen wie sie, weißt Du. „Einsam spaziere ich durch die engen verzauberten Straßen von Wuppertal, meiner Stadt, steige auf die Hügel und stehe plötzlich vor der hohen Treppe. Von der Spitze sieht man Gärten voll Veilchen und die Wiesen sind lila. In meinem Geburtshaus wohnen jetzt andere Bewohner, aber wenn sich der Himmel in der Abenddämmerung in den Fenstern spiegelt, scheint es mir, dass es vom Engel Gabriel selbst geschützt wird .“

Mira blieb dort fünf Tage. Lief durch die Stadt, am Fluss entlang, las immer von neuem das Drama, besuchte die Ausstellungen. In der Tat, das Schicksal schickte sie in jenem Frühling genau in dieses Tal, und in der großen Fotografie-Ausstellung lernte sie Robert kennen – an der Kasse fragte sie nämlich, was die große schwarzweiße Fotografie des Flusses Wupper kostete – daneben stand in diesem Augenblick auch er – und gleich begannen sie ein Gespräch über die Stadt, über seine Bilder, ein Gespräch, das bis heute andauert.

Robert arbeitete bei einer Tageszeitung und in seiner Freizeit ging er durch seine Geburtsstadt, wusste alles über sie – und so auch alles über die Dichterin.

Über dem Fluss lag durchsichtiger Nebel, die Häuser waren irreal dunkel, der Himmel niedrig, grau – noch immer bewahre ich in meiner Schublade ein Foto von Robert, bewahre die Geschichte einer Liebe auf den ersten Blick. So würde es Mira sagen.

Als sie zurückkam, mit diesem neuen Lächeln auf dem Gesicht, wusste ich, dass wir sie verloren haben. Robert kam gleich zu Besuch. Wir zeigten ihm die Stadt: alle Plätze und die Stellen in Zagreb, die wir liebten und Robert fotografierte den Zrinjevac, die wachsblassen Platanen, die Altstadt und das Mosaik des Daches der Kirche des heiligen Markus, den Tuškanac, Mirogoj, den kleinen Friedhof in der Jurjevska- Strasse, den Cmrok, Pantovčak, Dolac, fotografierte Mira, mich, unsere Strasse. Er blieb dieses erste Mal nur drei Tage, Mama kochte aufgeregt alles „vom feinsten“, Papa mühte sich ab, nicht düster und schweigsam zu wirken. Aber Mira kümmerte sich um das alles nicht, es war ihr nicht wichtig was die anderen über ihn dachten, sie, so schien es, war bereits abgereist auf eine andere Galaxie, in eine andere Zeit.

Da ich Boris noch nicht kannte und mich gerade von Ivan aus meinem Archäologischen Institut getrennt hatte, glaubte ich nicht ganz ans Glück, an das Wunder Glück. Aber Mira glaubte daran und täuschte sich auch nicht.

Seit jenen Tagen, im Zeichen des unbekannten Flusses und des Dramas „Die Wupper“, sind sechsundzwanzig Jahre vergangen.

Briefe, alte Fotos liegen überall in den Schubladen. Aber ich schaue sie jetzt nicht mehr an, ich lese sie nicht. (Vielleicht heute?) Und nicht nur wegen der Überraschung darüber, wie sich unsere Gesichter seit jenen auf den Fotos verändert haben, nein, die ersten Falten kann ich noch gut mit Schminke verdecken, nein, ich kann sie nicht mehr herausholen aus der Dunkelheit verschiedener Fächer, die nur noch Vergangenheit bedeuten, die unwiederbringliche, ihre, es fehlt mir die Kraft dazu. Bis heute hatte ich sie nicht.

Ich kochte noch einen Kaffee, zündete mir noch eine Zigarette an.

Die Esche im Garten, jetzt merke ich es, hat nach diesem starken Winter noch keine Blätter getrieben, auch die Hortensie ist verwelkt, wie in jenem März, als ich Boris verließ. Oder er mich. Wenn ich diesen Garten betrachte, vor dem Küchenbalkon und dem Balkon unseres ehemaligen Kinderzimmers, scheint es mir, dass das Leben, das in dieser Wohnung vergangen ist, auch nichts Anderes war als Tage ewiger Missvertändnisse, Abschiede.

Mira fing in Wuppertal schnell an, neben dem Schreiben, als Übersetzerin zu arbeiten, auch bei der Ausländerpolizei, Mutter und Vater sind heute schon pensioniert, und ich – ich arbeite noch im Archäologischen und bei der Scheidung war ich nicht mehr nervös, als sonst.

Boris hat eines schönen Tages, träge und langsam wie immer, mit gesenktem Kopf und hängenden Schultern, unser Zimmer verlassen, das ehemalige Kinderzimmer in der elterlichen Wohnung (oh, dieses Erbe des gemeinsamen sozialistischen Wohnens) und ging zurück zu seinen Eltern in das Neue Zagreb oder zu Elvira. Ich hatte nichts gefragt.

Heute weiß ich überhaupt nicht, warum ich ihn geheiratet habe. Mira hätte mir das sicher nicht geraten. An der Uni waren die Jungs für mich uninteressant, vielleicht war er dort von allen der am wenigstens „moderne“? Er war schweigsam, unaufdringlich, studierte Architektur, hörte nur zwei Semester Kunstgeschichte. So haben wir uns kennengelernt, und so weiter. Meine Alten erwarteten natürlich auch, dass ich nicht allein bleibe, die Kolleginnen heirateten, und der Druck der Umgebung, unsichtbar, war viel stärker als ich es bis dahin geahnt hatte.

Die Zeiger der Küchenuhr bewegen sich langsam wie im Traum, ich trinke weiter Kaffee und rauche die zehnte (verbotene) Zigarette. Ich dachte plötzlich: die Zeit ist verwelkt wie unsere blaue Hortensie. Und ich kann niemandem dienen mit einer Geschichte über den Schwesternhass.

Boris wurde ein ganz guter Architekt, aber schon in jener Studentenzeit interessierte er sich nur für urbanistische Pläne, er las keine Bücher, die ich liebte, er mochte kein Kino, mochte nicht ausgehen, keine Ausflüge auf Sljeme, keine Kinder, am liebsten saß er nach der Arbeit allein zu Hause, oder mit meinen Eltern und sah fern, in seinen ewigen Pantoffeln und seinem ewigen Schal um den Hals. Er saß und fror. Nie trank er ein Glas Wein, er mochte die Kleider nicht, die ich trug – und es war ihm immer kalt. Unsere Ehe, unser Bett, unsere seltenen Gespräche, all das langweilte ihn im Grunde und alles war ohne Wärme, ohne ein bisschen Zauber. Vielleicht war Boris schon immer alt und müde gewesen? Als Kind lebte er am Meer und starrte vermutlich ständig zum Horizont, eingehüllt in Vaters alte Jacke mit dem Schal um den Hals. Dieses Bild, wie er auf einer unbekannten Mole sitzt, setzte sich bei mir fest, als ob in ihm kein Blut floss, nein, alles war winzig, überanstrengt.