Die Schwestern - Jonas Hassen Khemiri - E-Book
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Die Schwestern E-Book

Jonas Hassen Khemiri

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Beschreibung

"Ein mächtiger Roman, den man mit denen von Jonathan Franzen vergleichen darf." Der Spiegel In seinem weltenumspannenden, lebensprallen Roman erzählt Jonas Hassen Khemiri über drei Schwestern und einen Mann, Jonas, dessen Leben mit ihnen eng verflochten ist – über Herkunft, Zugehörigkeit, Erinnerung und über den Fluch der Zeit. Für Jonas ändert sich alles, als Ina, Evelyn und Anastasia in seine Nachbarschaft ziehen. Ihre Mutter kommt aus Tunesien, wer ihr Vater ist, weiß niemand. Die ernsthafte Ina, die verträumte Evelyn und die chaotische Anastasia faszinieren den Erzähler, nichts will er mehr, als in ihrer Nähe zu sein. Ihm wird klar, dass die Schwestern mit seiner Familie und der Vergangenheit seines Vaters eng verflochten sind. Über dreißig Jahre kreuzen sich ihre Leben immer wieder, in Tunesien, Schweden, den USA, sie erleben Liebesgeschichten und Lebenskrisen. Vor allem aber verbindet sie ein Fluch: dass man alles, was man liebt, verlieren wird. «Ich bin Jonas so oft schon an unglaublichsten Orten zufällig begegnet. Saß mit ihm Rücken an Rücken in der New York Public Library. Lief ihm in einem Techno-Club in Berlin auf der Tanzfläche in die Arme. Verfolgte ihn unbemerkt eine halbe Stunde lang in Stockholm, warf mit ihm einen Stein in einen Vulkan auf Island. Und jedes Mal sagte ich zu ihm: ‹Jonas, Mann, du bist der Größte!› Und genau das beweist er auch mit den ‹Schwestern›. Bis auf bald, lieber Jonas, du bist der Größte!» Saša Stanišić

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Seitenzahl: 928

Veröffentlichungsjahr: 2025

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Jonas Hassen Khemiri

Die Schwestern

Roman

 

 

 

Über dieses Buch

«Ich bin Jonas so oft schon an unglaublichsten Orten zufällig begegnet. Saß mit ihm Rücken an Rücken in der New York Public Library. Lief ihm in einem Techno-Club in Berlin auf der Tanzfläche in die Arme. Verfolgte ihn unbemerkt eine halbe Stunde lang in Stockholm, warf mit ihm einen Stein in einen Vulkan auf Island. Und jedes Mal sagte ich zu ihm: ‹Jonas, Mann, du bist der Größte!› Und genau das beweist er auch mit den Schwestern. Bis auf bald, lieber Jonas, du bist der Größte!» Saša Stanišić

Für Jonas ändert sich alles, als Ina, Evelyn und Anastasia in seine Nachbarschaft ziehen. Die ernsthafte Ina, die verträumte Evelyn und die chaotische Anastasia faszinieren ihn, nichts will er mehr, als in ihrer Nähe zu sein. Über dreißig Jahre kreuzen sich ihre Leben immer wieder, vor allem aber verbindet sie ein Fluch: dass man alles, was man liebt, verlieren wird. Ein mitreißender, weltenumspannender Roman über den Lauf der Zeit, über das, was vergeht, und das, was bleibt, wenn man aneinander festhält.

Vita

Jonas Hassen Khemiri, geb. 1978 in Stockholm, ist einer der renommiertesten Autoren Skandinaviens. Seine sechs Romane wurden in über dreißig Sprachen übersetzt, und seine Dramen werden in der ganzen Welt inszeniert. Er wurde mit zahlreichen schwedischen und internationalen Preisen ausgezeichnet, darunter der Per-Olov-Enquist-Preis, der Augustpreis und der Prix Médicis Étranger. Sein Roman Die Vaterklausel war für den National Book Award nominiert. Seit 2021 lebt Khemiri in New York, wo er Kreatives Schreiben unterrichtet.

Impressum

Die Originalausgabe erschien 2023 unter dem Titel «Systrarna» bei Albert Bonniers Förlag, Stockholm.

Der Verlag dankt dem Swedish Arts Council für die finanzielle Unterstützung der Übersetzung.

 

Veröffentlicht im Rowohlt Verlag, Hamburg, Juli 2025

Copyright © 2025 by Rowohlt Verlag GmbH, Hamburg

«Systrarna» Copyright © 2023 by Jonas Hassen Khemiri

Covergestaltung Anzinger und Rasp, München, nach dem Original von Farrar, Straus & Giroux

Coverabbildung Rodrigo Corral Design, Inc

ISBN 978-3-644-01954-6

 

Schrift Droid Serif Copyright © 2007 by Google Corporation

Schrift Open Sans Copyright © by Steve Matteson, Ascender Corp

 

Dieses Werk ist urheberrechtlich geschützt, jede Verwertung bedarf der Genehmigung des Verlages.

 

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Hinweise des Verlags

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Alle angegebenen Seitenzahlen beziehen sich auf die Printausgabe.

 

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www.rowohlt.de

Buch 1: 2000 (ein Jahr)

Buch 2: 2003 (sechs Monate)

Buch 3: 2009 (drei Monate)

Buch 4: 2013 (ein Monat)

Buch 5: 2020 (eine Woche)

Buch 6: 2022 (ein Tag)

Buch 7: 2035 (eine Minute)

Wer sich der Luft hingibt, vermag auf ihr zu reiten.

Toni Morrison,Solomons Lied

Ich bin wie eine Uhr, die richtig geht,

wenn sie nur in Ruhe schlägt.

Selma Lagerlöf

Buch I: 2000

(ein Jahr)

TEIL I

Kapitel 1

And so it was told: Die Geschichte der Mikkola-Schwestern begann am 31. Dezember, am letzten Tag des Millenniums, als sie mit dem Fahrstuhl unterwegs in den vierten Stock waren, zu einer Silvesterparty bei Mossutställningar, einer Pop-up-Freelance-Büroetage Slash Kunstgalerie, betrieben von Hella d’Ailly, ehemals Künstlerin, jetzt eher Kuratorin Slash Partyveranstalterin. Hella war es gelungen, irgendeinen Bürokraten auf Stadsholmen von der Idee zu überzeugen, diesen prunkvollen leeren Ort mit über tausend Quadratmeter Fläche, intarsienverzierten Holzböden und drei Meter hohen Decken (inklusive zweier nicht funktionstüchtiger, aber äußerst beeindruckender Kachelöfen) an eine Gruppe Künstlerinnen, freiberuflicher Journalisten, Web- und Textildesignerinnen zu vermieten. Der Vertrag war befristet, nach den ersten sechs Monaten aber um ein Jahr verlängert worden und dann um ein weiteres, und anlässlich der dritten oder vierten Verlängerung gab es jetzt eine große Party für alle, die dort arbeiteten, und für deren Freunde und Freunde von Freunden von Freunden.

Zwei zornige Türsteher bewachten den Eingang, und die Mikkola-Schwestern mussten an einer langen Schlange vorbei, um hineinzukommen, Anastasia führte das Wort, sie behauptete, sie müsse «in less than 20 minutes» zu ihrem «DJset» und ihre Schwestern seien «backup dancers», und der eine Türsteher warf einen Blick auf seine Liste und ließ sie durch, obwohl Evelyn sich nur schwer das Kichern verkneifen konnte und Ina knallrot anlief.

Jetzt standen die drei im Fahrstuhl in den aufdringlichen Parfümwolken anderer Gäste. Eine nervöse Schwester, eine ruhige Schwester und eine, die immer wieder auf den Knopf mit der Vier hämmerte, um schon mal ein bisschen von der Energie loszuwerden, die sie während der Hinfahrt im Taxi angestaut hatte und gleich auf einer der Tanzflächen freisetzen wollte.

«Whatever happens, we stay together», sagte Ina, als der Aufzug stoppte. «Right?»

Evelyn schob die Tür auf, der tiefe Bass des Soundsystems dröhnte durchs Treppenhaus.

«Of course», antwortete sie lachend.

«Don’t worry, we’ve got you», sagte Anastasia und folgte Evelyn ins Innere der Party. Zwanzig Sekunden später waren die beiden verschwunden. Oder was heißt verschwunden, Ina konnte sie in den verschiedenen Räumen sehen, während sie versuchte, den Aufbau dieser riesigen Etage zu durchschauen; da war Evelyn, in eine Ecke gezwängt, permanent von drei bis fünf Personen umringt, allesamt hypnotisiert von irgendeiner Geschichte, die sie gerade erzählte. Und da Anastasia, erst auf der einen Tanzfläche, dann auf der anderen, mal oben auf einem Tresen, mal auf einem Fensterbrett, die Arme in der Luft, die Hände zu Klammern geformt, die Handflächen nach vorne gestreckt, als würde sie ständig eine unsichtbare Wand vor sich herschieben.

Ina gab alles, um zu ihnen vorzudringen, sie entschuldigte sich, sie machte größere Schritte, doch sie musste ein Meer aus schwitzenden Körpern durchdringen, es war dunkel, der mit verstreutem Konfetti und verschütteten Drinks bedeckte Boden klebte unter ihren Halbschuhen, das Stroboskoplicht blendete sie, die Musik zweier Tanzflächen kollidierte und machte jede Unterhaltung unmöglich, und trotzdem schienen alle jemanden zum Reden zu haben, und immer wenn sie Leute sah, die niemanden zum Reden hatten, taten sie ihr leid, denn sie sahen so verloren und einsam aus, aber Ina hatte wenigstens ein Back-up, sie wusste, irgendwo hier waren ihre Schwestern.

Sie ging weiter von Raum zu Raum, da, wieder Evelyn, im dritten Raum rechts, sie winkte von der anderen Seite des Chaos zu ihr herüber, gab ein Zeichen, dass sie dort feststeckte, deutete zur Bar und formte die Hände zu einem unsichtbaren Glas, von Ina gedeutet als: Wenn du zur Bar gehst und Drinks für uns besorgst, warte ich hier auf dich. Ina hatte keine große Lust, für ihre kleine Schwester die Kellnerin zu spielen, aber es war fast elf, und wenn sie Evelyn jetzt verlor, stand sie um Mitternacht womöglich allein in irgendeiner Ecke, wo sie ihr Glas heben und verkrampft mit einem zufälligen Fremden anstoßen müsste, also schluckte sie ihren Stolz herunter, kämpfte sich wie eine Kriegerin zur überfüllten Bar vor, wurde eine Viertelstunde vom Barkeeper ignoriert, ehe sie endlich zwei Plastikbecher bekam, schnell einen Schluck von beiden abtrank, um sie leichter transportieren zu können, und als sie dort eintraf, wo Evelyn gestanden hatte, war Evelyn verschwunden.

Allein auf einer großen Party herumzulaufen, war anstrengend genug, aber mit zwei vollen Bechern war es noch schlimmer. Vor allem für Ina, die so groß war, dass betrunkene Männer bei ihrem Anblick immer zwanghaft so taten, als fürchteten sie sich. Klar hätte sie Alternativen gehabt, sie hätte das eine Glas runterkippen und auf die Tanzfläche gehen und versuchsweise tanzen können, in ihrem speziellen selbst entwickelten Stil, mit dauergebeugten Knien, um kleiner zu wirken. Oder beide Gläser auf einer der Marmorfensterbänke zum Innenhof abstellen und nach Hause fahren und noch vor Mitternacht einschlafen. Wäre sie in richtig verrückter Stimmung gewesen, hätte sie jemanden ansprechen, ihm einen Drink anbieten und ein Gespräch anfangen können, es musste doch gar nicht so schwer sein, schon während der Taxifahrt hatte sie sich gute Themen überlegt, der Millennium-Bug, der alle Computer zum Absturz bringen würde, wenn das Datum vom einunddreißigsten Dezember 1999 auf den ersten Januar 2000 umsprang, sie könnte auch den viktorianischen Brauch erwähnen, am Neujahrsabend einen Roman auf einer zufälligen Seite aufzuschlagen und sich vom ersten Satz das neue Jahr vorhersagen zu lassen, aber nein, das waren die falschen Themen, sie würden hier nicht ankommen, besser wäre eine lustige Geschichte über etwas, was auf dem «Weg hierher» passiert war, so wie Evelyn haufenweise Geschichten von «vorhin» oder «gestern» oder «neulich» auf Lager hatte, und obwohl Ina direkt neben ihr stand und genau wusste, dass diese Geschichte vor zweieinhalb Jahren passiert war und nicht einmal Evelyn selbst, sondern einer Freundin, hielt sie den Mund, denn sie sah, wie viel Leben Evelyn versprühte, und wenn es eines gab, wovon Ina mehr brauchte, genau in diesem Moment, war es mehr Leben. Aber Ina war nicht Evelyn. Und sie war nicht Anastasia. Deshalb stand sie einfach nur mit ihren beiden Gläsern herum, anstatt jemanden anzusprechen oder die Tanzfläche zu stürmen, und wusste nicht, was sie mit sich selbst oder der dahinschleichenden Zeit anfangen sollte. Sie nippte an einem der beiden Drinks, sie tat ihr Äußerstes, um so auszusehen wie jemand, der einen Drink hielt für jemand anders, der gerade auf dem Klo war, sie fing sogar an, zu den Toiletten hinüberzuspähen und dann auf die Uhr zu gucken, um allen, die sie sahen, weiszumachen, dass sie beileibe nicht so allein war, wie sie aussah, sie hatte Schwestern, sie hatte Freundinnen. Die waren nur gerade nicht da.

Als es nur noch dreißig Minuten bis Mitternacht waren, nahm Ina eines der Gläser und begann wieder, ihre Runden zu drehen, sie nutzte dieselbe Strategie, ihre Einsamkeit zu tarnen, wie schon als Teenager, und betrat jeden Raum und jeden Flur mit übertriebenem Adlerblick, sie versuchte so auszusehen wie jemand, der jemanden suchte, und im Grunde stimmte es ja auch, sie suchte nach ihren Schwestern, doch anstatt wirklich zu suchen, konzentrierte sie sich nur darauf, so auszusehen wie jemand, der jemanden suchte, und sie betrachtete sich selbst von außen und sah jemanden, der aussah wie jemand, der sich krampfhaft bemühte, wie jemand auszusehen, der jemanden suchte, und dem es niemand abkaufte. Sie kam durch einen Raum mit einer Tischtennisplatte, sie kam durch ein Büro, wo die Leute kiffend und knutschend auf einem grauen Sofa hockten, sie kam durch eine Küche, in der eine Parallelparty mit schlechten Lautsprechern stattfand, vielleicht, weil den Leuten die Musik auf den Tanzflächen nicht gefiel, und dann, auf einem Gang, sah sie ihn, seinen Bart, sein Gesicht, seine Sommersprossen, die wie Streumunition auf seiner Nase explodiert waren. Er stand dicht an der Wand, und obwohl seine Größe es den anderen Menschen nicht gerade leicht machte, sich an ihm vorbeizudrängen, schien es ihm nicht unangenehm zu sein, im Weg zu stehen. Er sah sie an und sah wieder weg, und sie ging zu ihm und fragte ihn, ob er wisse, welches Anastasias Zimmer sei.

«Who?»

«Anastasia», sagte Ina. «She rents a studio here.»

«Is she about this tall, with red hair?»

«No.»

«Good, because that person’s in there right now puking her lungs out.» Er deutete mit dem Kopf auf etwas, das wie ein Konferenzraum aussah. Irgendetwas an seiner Stimme sorgte dafür, dass alles, was er sagte, wie ein Kompliment klang.

«This place is huge», sagte Ina, um irgendetwas zu sagen.

«Yes, it took me an hour to realize that it actually covers the whole … what’s it called. Våningsplan.»

«Floor», sagte Ina.

«Moment mal, du kannst Schwedisch?», fragte er. «Warum sprechen wir dann Englisch?»

«I came here with my sisters», sagte Ina, was streng genommen nichts erklärte, aber ihr war nicht danach, die ganze Geschichte zu erzählen, oder jedenfalls nicht jetzt, vielleicht später, vielleicht morgen, wenn sie nebeneinander aufwachten, vielleicht in ein paar Jahren, wenn sie Kinder hatten, ein paar schwarz gelockte, sommersprossige Kinder, die seine Größe und ihre Nase hatten. Sie schwiegen ein paar Augenblicke, während sich die Leute weiter im Flur vorbeizwängten.

«This place is really huge», sagte Ina und merkte, dass sie gerade zweimal hintereinander dasselbe gesagt hatte. Er lächelte sie an.

«Brauchst du Hilfe bei der Suche nach Anastasias Zimmer?», fragte er.

«Ich weiß nicht mal, ob sie wirklich da ist. Meine Schwestern sind beide verschwunden.»

«Ich kann dir helfen, sie zu finden.»

«Musst du denn nicht hierbleiben?», fragte Ina und hasste sich selbst dafür.

«Tja, ich bin mir nicht sicher, ob die Wand ohne mich stehen bleibt», sagte er. «Aber ich teste es mal.»

Langsam löste er sich von der Wand, drehte sich zu Ina um, nahm ihre Hand und pflügte sich mit ihr durch die überfüllte Party. Sie dachte, dass er bestimmt sein ganzes Leben lang irgendeinen Sport gemacht hatte, vielleicht Handball, oder eher Rugby, er fand ständig neue Lücken, bahnte ihnen einen Weg durch den engen Flur, überquerte eine knallvolle Tanzfläche, obwohl sie mehrere Leute sah, die versuchten, auf die andere Seite zu gelangen und wieder kehrtmachten, es war viel zu gedrängt, zu dunkel, der Bass vibrierte zu stark, die Wand aus tanzenden Körpern war zu dicht, aber er gab nicht auf, er suchte weiter nach ihren Schwestern, obwohl er keine Ahnung hatte, wie sie aussahen. Er zeigte auf einen Typen, dessen Hosen so tief hingen, dass seine weißen Pobacken im fluoreszierenden Licht leuchteten.

«Ist das Anastasia?»

Ina schüttelte den Kopf. Er hob einen Plastikbecher vom Boden auf, roch daran und zeigte Ina die Lippenstiftspuren am Rand, sie müssten ein Zeichen dafür sein, dass ihre Schwestern hier gewesen waren. Ina lächelte. Er ging auf zufällige Menschen zu und fragte sie, ob sie Anastasia begegnet seien, und sie sahen ihn nur an, als wäre er verrückt, und Ina sah ihn an und dachte dasselbe, aber sie hatte sich schon nach fünf Minuten an diese Verrücktheit gewöhnt.

Es war fast Mitternacht, als Ina klar wurde, dass sie ihre Schwestern eigentlich gar nicht finden wollte. Nicht jetzt. Denn sie wusste genau, was dann passieren würde, Hector würde Anastasia sehen und verstehen, dass es von Ina noch eine andere Version gab, die nicht so absurd groß war, nicht solche Angst vor dem Leben hatte, nicht erst auf Silvesterpartys ging, nachdem sie den Nachtbusfahrplan auswendig gelernt hatte, damit sie sich einfach aus dem Staub machen konnte, und Hector wäre hin und weg von Anastasia, der lustigen Schwester, der wilden Schwester, die immer irgendetwas Geheimes im Strumpf versteckt hatte, das man auf dem Klo konsumieren konnte, er würde sich darauf einlassen und für zehn Minuten mit ihr verschwinden und als ein anderer Mann zurückkehren, während Ina draußen wartete, und sie sah bereits seine enttäuschten Augen vor sich, als ihm klar wurde, dass sie nicht mitkommen würde, und wenn er dann mit tränenden Augen und weißem Pulver an der Oberlippe vom Klo zurückkehrte, würde er Evelyn entdecken und Anastasias Hand loslassen, verzaubert von Evelyns Augen, ihren Grübchen, ihrem Talent, dieselbe Geschichte zum vierten Mal an diesem Abend zu erzählen und trotzdem glaubhaft zu vermitteln, dass sie nach Worten suchte und dass es für jeden ihrer Zuhörer eine große Ehre war, genau diese Geschichte zu hören, in genau diesem Moment, und Evelyn würde ihn am Ende abschleppen, während Ina allein im Nachtbus nach Hause fuhr, Evelyn, die dann später entschied, dass er doch nicht ihr Typ war, und Ina würde sich damit abfinden, sie war es gewohnt, sie hatte es schon so oft erlebt, als Kind, als Teenager, und jetzt war Ina vierundzwanzig und Evelyn einundzwanzig und Anastasia neunzehn, sie würde Hector keinen Vorwurf machen, denn wenn sie selbst zwischen sich und ihren Schwestern wählen müsste, würde sie sich auch für die Schwestern entscheiden, aber jetzt wollte sie einfach nur, dass die Zeit möglichst langsam verging, damit sie noch ein paar Minuten mehr mit ihm hatte.

Um zehn vor zwölf fanden sie Anastasia und Evelyn in dem großen Raum mit den nicht funktionierenden Kachelöfen.

«There you are», rief Evelyn und winkte sie zu sich.

«We have been looking all over for you», sagte Anastasia und reichte Ina einen leeren Plastikbecher. Widerwillig stellte sie Hector ihren Schwestern vor.

«Das ist Evelyn.»

Er gab Evelyn die Hand, sie lächelte und funkelte ihn mit ihren großen grünen Augen an.

«Und das ist Anastasia.»

Anastasia nickte ihm zu, ohne seine ausgestreckte Hand zu ergreifen, sie war viel zu sehr damit beschäftigt, den störrischen Korken aus einer Prosecco-Flasche zu ziehen. Evelyn beugte sich vor und fing an, Hector die Geschichte von der Flasche zu erzählen, sie hatten sie im Taxi fallen lassen und hier reingeschmuggelt, sie war nonstop geschüttelt worden und würde jetzt garantiert explodieren und dabei jemanden ausknocken, und Ina merkte, wie sie sich zurückzog, sie wusste, dass jetzt alles vorbei war, für ein paar Sekunden war eine andere Welt möglich erschienen, aber jetzt hatte Evelyn Hector hypnotisiert, und Ina war trotzdem dankbar für die Zeit, die ihr mit ihm vergönnt gewesen war, fünfzehn wunderbare Minuten, sie konnte jetzt genauso gut einfach gehen, niemand würde es merken, doch je mehr Evelyn auf Hector einredete, desto rastloser wirkte er, und schließlich fiel er ihr ins Wort.

«Nimm’s mir bitte nicht übel», sagte er, «aber ich war gerade mitten in so einem interessanten Gespräch mit Ina, das mir nicht mehr aus dem Kopf geht, ich hoffe, es ist okay, wenn wir uns ein andermal unterhalten?»

Er kam wieder zu Ina herüber, und Evelyn guckte wie ein staunender Fisch, und eine Minute vor Mitternacht bekam Anastasia endlich die Flasche auf, und der Korken schoss heraus und flog zum Auge eines Typen, der aber Gott sei Dank eine Brille trug, und Anastasia füllte alle Gläser mit Sekt und reichte ihr eigenes dem Typen, der fast blind geworden wäre, und behielt stattdessen die Flasche für sich, und dann fingen alle an, von zehn neun acht sieben herunterzuzählen, und als sie «Frohes neues Jahr» riefen, streckte der Mensch, den Ina auf dem Gang getroffen hatte, der Mann mit dem Riesenbart und den dermaßen breiten Schultern, dass er seitwärts durch Türen gehen musste, er, der klang, als würde er singen, selbst wenn er bloß redete, seine Hand aus und streifte ihre Handfläche, sie küssten sich nicht, das wäre zu viel gewesen, außerdem gehörte Ina nicht zu den Leuten, die jemanden auf einer Neujahrsparty treffen und eine Viertelstunde später rumknutschen, das war nicht ihr Stil, aber sie sahen sich an und prosteten sich zu, und sie spürte seinen Finger an ihrer Handfläche, und erst, nachdem alle sich umarmt und auf die Wangen geküsst und ein frohes neues Jahr gewünscht hatten, warf jemand einen Blick auf die Uhr und stellte fest, dass sie mindestens eine Minute zu früh gewesen waren, eigentlich war Mitternacht erst – wann? In zehn Sekunden! Da fingen sie von vorn an, zehn neun acht sieben, und diesmal beugte er sich vor und küsste sie.

Kapitel 2

Ich war fünf oder sechs, als ich zum ersten Mal von den Mikkola-Schwestern hörte, und saß auf dem Wohnzimmerfußboden in unserer alten Dreizimmerwohnung in der Drakenbergsgatan 8, im fünften Stock. Meine Brüder waren noch nicht geboren, deshalb schliefen meine Eltern nach wie vor im Schlafzimmer, und ohne ihr Bett im Wohnzimmer konnte man zwischen dem Sofa und dem Fenster zum Hof perfekt spielen. Ich baute die gelbe Lego-Burg um, die ich von meiner Halbschwester geerbt hatte, sie war mehrere Jahre älter als ich und gerade kurz zu Besuch gewesen, sie übte eine seltsame Anziehungskraft auf mich aus, äußerlich ähnelten wir uns sehr, ich wurde oft für ein Mädchen gehalten, und mein Vater sagte immer, ich solle mir die Haare schneiden lassen, doch mich kümmerte das nicht, oder doch, aber ich wollte meine Haare behalten, trotz meiner Haare fühlte ich mich wie ein Junge, insbesondere, wenn ich meine Schwester sah, während ihrer Besuche hatte ich komische feuchte Träume von ihr, die wiederkehrten und mich verfolgten, als ich über zwanzig war und verzweifelt versuchte, jemanden zu finden, in den ich mich verlieben könnte, und meine ältere Schwester, die zu dieser Zeit schon ein Drogenwrack war und den Kontakt zur Familie abgebrochen hatte, wurde zu meiner Idealvorstellung einer Freundin, nicht so, wie sie zu der Zeit aussah (fürchterlich, laut meinem Vater, der hingefahren war und versucht hatte, sie zu retten, doch es war zu spät, sie war auf Heroin und, wie wir später erfuhren, auch HIV-positiv), nein, meine ideale potenzielle Freundin war meine Schwester, wie sie als Jugendliche ausgesehen hatte, was mit einem Haufen Schuldgefühlen verbunden war, denn irgendwie wusste ich, dass sie mir ähnelte, und wenn das kein schlimmer Fall von Narzissmus ist, weiß ich auch nicht, ein Typ Mitte zwanzig, der verzweifelt nach einer Freundin sucht, die so aussehen soll wie er selbst als Jugendlicher; doch das kommt alles später, jetzt bin ich fünf oder sechs, ich sitze auf dem Wohnzimmerfußboden, das Muster der Sonne auf dem Parkett, der Geruch von Papas Spezial-Briks, die im Ofen buken, mit Kapern für die Erwachsenen, ohne Kapern für mich, ich baue ein besonderes graues Tor, das auf ungebetene Angreifer herabfallen und ihre Hirne zertrümmern soll, falls es ihnen gelingt, den Wallgraben zu überwinden, und ich höre meine Eltern in der Küche reden, auf Französisch, wie damals immer, vor allem, wenn es so ernst war, dass sie laut wurden; eigentlich nur, wenn es um Geld ging. Diesmal schien es aber nicht um Geld zu gehen, denn es fielen keine Wörter wie dix milles oder c’est trop cher oder je ne peux plus, stattdessen sprachen sie über eine Familie, die in unsere Siedlung ziehen würde, meine Mutter schien wenig begeistert darüber und mein Vater vielleicht auch nicht direkt glücklich, aber er hatte eher diese Was-kann-man-da-schon-tun-Einstellung, wie bei fast allen komplizierten Angelegenheiten; wenn du etwas nichts ändern kannst, solltest du dich nicht darauf versteifen; und das gehörte zu den Eigenschaften, in die sich meine Mutter damals verliebt hatte, als er in einer Bar jobbte und in einer Wohnung ohne Tapete, Heizung, Klo und Herd hauste, und die sie jetzt in den Wahnsinn trieben, wo sie seit sechs Jahren verheiratet waren und er sich immer noch nicht zusammenreißen konnte. Er hatte immer noch nicht dieses Buch zu Ende geschrieben, von dem er seit jeher redete, hatte immer noch nicht aufgehört, als U-Bahn-Fahrer zu arbeiten, hatte sich immer noch nicht für ein Medizinstudium eingeschrieben, obwohl er nach wie vor behauptete, Medizin zu studieren sei sein Schicksal, weil sein Vater Apotheker gewesen war, und in seinem Land, in dieser Provinz, sei ein Apotheker im Grunde dasselbe wie ein Arzt. Mein Vater behauptete, er könne auf magische Weise Fieber messen, er bräuchte nur jemandem seine Hand auf die Stirn zu legen, und einmal habe er in seinem Heimatdorf ein Mädchen gekannt, das als eine Art Hexe bekannt war; doch mein Vater studierte nie Medizin, er ließ sich einfach nur treiben und vom Leben an zufällige Orte verschlagen, und jetzt war es wieder passiert, zufällig war er «jemandem von früher in die Arme gelaufen» (wie?), der «nach Schweden geflüchtet» war (von wo?) und dann hatte er «ihr» (ihr??!) von dieser Siedlung erzählt, die prima für Kinder war und wo man leicht eine Wohnung fand, weil die meisten Leute nicht in achtstöckigen braunen Mietblöcken nahe der Hornsgatan wohnen wollten, und aus irgendeinem Grund hatte sich seine «alte Freundin» für den Rat bedankt und gesagt, sie werde es sich überlegen, und aus irgendeinem Grund war meine Mutter darüber sehr aufgebracht. Ich verstand es nicht. Mir war nicht einmal klar gewesen, dass mein Vater ebenfalls Freundinnen hatte. Wir hatten immer nur mit den Freundinnen meiner Mutter zu tun, und den Männern der Freundinnen meiner Mutter, und ich verstand nicht, warum meine Mutter sich nicht darüber freute, dass mein Vater auch endlich eine Freundin gefunden hatte, noch dazu eine, die aus demselben Land kam wie er. Sie sagten wieder und wieder das Wort Mikkola, und ich erinnere mich, dass ich mich fragte, was es bedeutete, Mikkola, das klang nicht französisch und auf keinen Fall schwedisch oder arabisch, ich hörte auf zu spielen und schlich in Richtung Küche, während mein Vater erklärte, die Familie Mikkola sei schon mehrmals umgezogen, um «wegzukommen» (von was, sagte er nicht), und jetzt überlegten sie lediglich, ob sie herziehen sollten, aber das werde bestimmt sowieso nicht passieren, und selbst wenn, bedeute das nicht, dass er eine Menge Zeit mit seiner «amie» verbringe, das sei ein abgeschlossenes Kapitel. Anschließend schwieg er, und meine Mutter schwieg auch, und nach einer Weile hörte ich sie zischen, das sei typisch für ihn, sie nannte ihn schwach und feige, und dann sagte sie noch ein anderes französisches Wort, das ich noch nie gehört hatte. Mein Vater verließ die Küche und ging ins Bad, dann kam er wieder heraus und zog seine Schuhe an und verließ die Wohnung, meine Mutter musste die Briks aus dem Ofen nehmen, und sie waren perfekt knusprig. Wir warteten vergebens auf seine Rückkehr und aßen schließlich allein, meine Mutter legte seinen Brik auf einen Teller und bedeckte ihn mit Folie, und als ich einschlief, war er immer noch nicht wieder da. Die Mikkola-Schwestern zogen nicht in unsere Siedlung.

 

Nicht ehe sieben Jahre vergangen waren.

Kapitel 3

Das neue Jahrtausend war schon ein paar Wochen alt, als Anastasia endlich beschloss, Hella d’Aillys Anruf anzunehmen. Sie wusste ungefähr, was auf sie zukam, sie war bereits gemahnt worden und jetzt anscheinend zu weit gegangen, Hella erklärte, Anastasia müsse ihr Atelier mit sofortiger Wirkung räumen, sie sagte, als Künstlerkollektiv hätten sie großes Verständnis für komplexe kreative Prozesse, womöglich sogar ZU großes, aber jetzt habe Anastasia das Fass zum Überlaufen gebracht, alle sollten sich hier sicher fühlen können, sie seien sehr geduldig gewesen und hätten Anastasia vorgewarnt, sogar mehrmals, aber sie verstoße nach wie vor gegen die Regeln, zahle die Miete zu spät und nutze das Atelier weiterhin als Wohnung, obwohl im Vertrag schwarz auf weiß stehe, dass es ein Arbeitsplatz sei, sie verunsichere die Leute, wenn sie in der Küche mit ihrem Butterflymesser Brötchen aufschnitt, sie verärgere ihre Künstlernachbarn, wenn sie drinnen rauche, sie sei immer wieder (es war nur zweimal vorgekommen, doch Anastasia wusste, dass jeder Einwand zwecklos war) mit Drogen erwischt worden und lade diesen «Irren» zu den gemeinsamen Partys ein (Anastasia merkte, wie sie lachen musste, als Hella ihren Freund Mathias als «Irren» bezeichnete, war sich aber nicht sicher, warum.)

Es werde ein Vermögen kosten, das Chaos zu beheben, das er bei der Silvesterparty angerichtet hatte, sagte Hella. Chaos? Anastasia wusste nicht genau, was Mathias getan hatte, ihre Erinnerungen an diese Nacht waren ziemlich lückenhaft.

Erst hatten sie sich in der Wohnung auf Kungsholmen getroffen, in der Evelyn zur Untermiete wohnte, einem frei stehenden Altbau mit Blick auf den Park, Jugendstilelementen und hohen Decken, die drei Schwestern hatten Sekt getrunken und sich bemüht, die alten Konfliktthemen zu meiden, Ina hatte den Geruch nicht kommentiert, als Anastasia und Evelyn vom Rauchen auf dem Balkon zurückkamen, Evelyn war nicht wütend geworden, als Ina ungebeten ihr Gewürzregal in alphabetischer Reihenfolge ordnete, Anastasia hatte verschwiegen, dass Mathias zur Party kommen wollte, wenn sie das ankündigte, gäbe es nur Probleme. Ihre Schwestern begriffen nicht, dass er ein verkanntes Genie war, ein bisschen übergriffig, das schon, und ja, er neigte auch dazu, sich Ärger einzuhandeln, vor allem, wenn Alkohol im Spiel war, aber er hatte ein gutes Herz und gute Kontakte.

Alle Schwestern schienen darauf bedacht zu sein, diese Nacht nicht so enden zu lassen wie ihre letzte gemeinsame Silvesterfeier; damals hatte Ina in Anastasias Jackentasche Gras gefunden und geschrien, ihre kleine Schwester sei eine Drogendealerin, worauf Anastasia ruhig und beherrscht gefragt hatte, mit welchem Recht Ina ihre Taschen durchwühle. Am Ende landeten sie auf einer seltsamen After-Party im Bofills Båge, wo Evelyn in der Küche mit irgendeinem Typen knutschte, und auf dem Rückweg im Taxi murmelte Ina, sie sei im Gymnasium in diesen Typen verknallt gewesen, und Evelyn lachte und sagte, Ina wäre im Gymnasium in alle Typen verknallt gewesen, und alle Mädchen und Lehrer und Haustiere, und Ina, die wegen ihrer langen Beine immer vorn saß, murmelte «Schlampe», und Evelyn sagte: «besser Schlampe als feige Sau», und dann hatte der Taxifahrer anhalten müssen, weil die beiden Schwestern in einen Boxkampf gerieten, der für alle Fahrgäste lebensgefährlich wurde.

Doch dieses Jahr sollte anders werden, es war die Millenniumsfeier, sie würden das alte Jahrtausend verabschieden und das neue begrüßen, die Party begann um neun, Ina schlug vor, ein Taxi für halb neun vorzubestellen, Anastasia lachte, verstummte jedoch, als ihr klar wurde, dass ihre Schwester es ernst meinte.

«Warten wir erst mal ab», sagte Evelyn und schenkte sich nach.

«Wenn sie um neun die Türen öffnen, werden alle um zehn kommen, und wir könnten elf anpeilen», sagte Anastasia.

«Halb zwölf», sagte Evelyn.

Als sie dann eintrafen, war die Schlange länger als erwartet, aber Anastasia bequatschte den Türsteher, und dreißig Sekunden, nachdem Ina das Taxi bezahlt (und den Fahrer um eine Quittung gebeten) hatte, fuhren sie im Aufzug zur Party.

«Let’s stay together», sagte Ina. «And if we lose sight of each other we can meet up there. Unless there’s a fire, then we meet up outside on the curb. Okay?»

Anastasia und Evelyn nickten und gingen hinein. Die Party war genau wie alle anderen, die Hella und ihre Leute in den letzten Jahren organisiert hatten, ein Überfluss an pseudo-kreativen Mittelklassemenschen, auf der Tanzfläche wimmelte es nur so vor Werbern aus Örnskoldsvik, die über ihre letzten Berlinbesuche redeten, die DJs spielten Hits, einmal beobachtete Anastasia, wie ein paar blonde Tussis zu einer DJane gingen, die ihnen wahrscheinlich erklärte, das sei hier kein verdammter Abiball, sie lachte und sagte bestimmt, leider könne sie nicht «Sommartider hej hej» spielen oder wonach auch immer sie gefragt hatten. Weil Mathias nicht da war, beschloss Anastasia, sich richtig die Kante zu geben, um zu überleben, sie klaute an einer der Bars eine Flasche, und an alles andere erinnerte sie sich nur noch schemenhaft und fragmentarisch, Mitternacht, eine Flasche explodierte, Mathias tauchte auf, er hatte sich die Haare selbst abrasiert, hinten ziemlich ungleichmäßig, er blutete hinter einem Ohr, ein Klo, Pulver, metallische Küsse, alles wurde schärfer, endlich war die Welt so, wie sie schon immer hätte sein sollen, die Musik wurde erträglicher, die Luft ließ sich leichter atmen, die Menschen sahen besser aus, ihre Körper wirkten harmonischer, sie stürmten die Tanzfläche, Mathias zog irgendwelche Stecker, woraufhin die Tanzfläche im Dunkeln versank, Mathias sprang hoch und hängte sich an eine der Lichtanlagen, die aus der Decke brach, Mathias blutete hinter dem Ohr und aus der Nase, jemand wollte sich mit ihm prügeln, jemand anders wollte ihn rauswerfen, Evelyn zog an Anastasias Arm, Evelyn versuchte etwas zu sagen, es war wichtig, es ging um Ina, Ina war mit jemandem nach Hause gefahren, Anastasia nickte, sie hatte ihn gesehen, Ina war ihm den ganzen Abend hinterhergelaufen wie ein Hundewelpe, und um Punkt zwölf hatte sie ihre Zunge in seinen Hals gesteckt, traurig für ihn, toll für Ina, aber Evelyn konnte es nicht fassen.

«She didn’t say goodbye», sagte sie wieder und wieder. «We came together, then we leave together, right?»

Anastasia wollte sagen, dass Evelyn sich nie verabschiedete, wenn sie mit irgendjemandem nach Hause ging, sie verschwand einfach spurlos, aber ihr Mund gehorchte ihr nicht und ihr Körper wollte einfach nur zurück auf die Tanzfläche. Evelyn entdeckte Mathias.

«Don’t tell me you’re back together again», sagte Evelyn.

Anastasia lachte.

«After what he did to you, you’re inviting him back into your life?»

Anastasia riss sich los.

«You’re fucking unbelievable», sagte Evelyn.

Und Anastasia musste ihr zustimmen, sie war unglaublich, unvergleichlich, die perfekteste Person, die diesen Erdball je mit ihrer magnetischen Energie bereichert hatte, sie tanzte und trank und verschwand wieder und wieder auf die Toilette, und dann fand Mathias zufällig eine Tüte mit Feuerwerksraketen, oder vielleicht hatte er sie schon im Rucksack gehabt, die Treppen runter zum Innenhof, Mathias zündete eine, zwei, drei Raketen und sah, wie sie in den Himmel sausten, es begann zu regnen, und erst als die Türsteher herbeirannten und sie gegen die Wand drückten, erinnerte Anastasia sich, dass der Innenhof ja überdacht war, deshalb kamen die Raketen immer wieder zurück und gingen am Boden los, und das hatte die Sprinkleranlage ausgelöst, Mathias flog raus, die Türsteher sagten, er müsse ein anderes Mal wiederkommen und seine Jacke holen, es gab noch mehr Prügel, Mathias’ Ohr, Nase und Unterlippe bluteten, Anastasia schlich sich wieder zurück auf die Party, die Tanzflächen waren halb leer, ihre Schwestern waren verschwunden, sie drehte ein paar Runden, bis sie ihr Atelier fand, beim vierten Versuch gelang es ihr, die Tür aufzuschließen, und dann fiel ihr auf, dass sie gar nicht abgeschlossen gewesen war, sie sank auf das weinrote Sofa, sie hatte mehrere verpasste Anrufe und Nachrichten von Evelyn, aber nicht von Ina, und sie dachte, sie müsste antworten, nur ein paar Worte schreiben, dass es ihr okay ging, besser als okay, sie war so glücklich wie seit Jahren nicht mehr, sie war endlich frei, sie hatte sich schon seit mehreren Stunden keine Sorgen mehr um ihre Mutter gemacht, sie hielt das Telefon in die Luft, kniff die Augen zusammen, um die richtigen Tasten zu treffen, doch dann gab sie auf, ließ das Handy auf den Boden fallen und sank in einen traumlosen Schlaf.

«Bist du noch da?», fragte Hella.

«Ja», sagte Anastasia.

«Die Entscheidung ist mir nicht leichtgefallen.»

Anastasia entschuldigte sich, sie versicherte, ihren Raum so schnell wie möglich zu räumen, sie bedankte sich sogar für Hellas Anruf, und nachdem sie aufgelegt hatte, fragte sie sich, warum sie so erleichtert war. Dann warf sie einen Blick aus dem Fenster und sah Hella auf der anderen Seite des Innenhofs, ihre Blicke trafen sich, Hella winkte lächelnd, Anastasia winkte zurück.

Anastasia fand ein paar Umzugskartons im Tischtennisraum und fing an, ihre Sachen durchzugehen, zwei Haufen, ausmisten und aufheben. Der Wegwerfhaufen wuchs und wuchs, sie stopfte alle Skizzen und alles Material für die Bewerbung an der Kunstschule in einen großen schwarzen Sack und trug ihn runter in den Müll. Sie überredete die Webdesigner auf der anderen Seite des Flurs, ihr Sofa zu adoptieren, und die neu eingezogene Modedesignerin direkt neben dem Eingang nahm Anastasias Schreibtisch und -stuhl dankend so lange, bis Anastasia sie wieder wiederhaben wollte. Denn sie wollte sie doch wieder wiederhaben? Sie hätte nicht zufällig vor, den Schreibtisch zu verkaufen? Anastasia überlegte ein paar Sekunden, sie war knapp bei Kasse, beschloss jedoch, die Möbel trotzdem zu behalten, sie würde sie noch brauchen, wenn sie ein eigenes Atelier gefunden hatte, wenn sie an der Kunstschule angenommen worden war, wenn sich Galerien wie Index und Nordenhake darum schlugen, ihre Bilder ausstellen zu dürfen.

«Viel Glück», sagte die Designerin und schien es wirklich ernst zu meinen, obwohl alle wussten, wie unglaublich schwer (lies: unmöglich) es war, in Stockholm günstige Ateliers zu finden, vor allem welche, in denen man auch übernachten konnte, ohne dass es jemand merkte.

Nachdem Anastasia ihr Zimmer geräumt hatte, hinterließ sie die Schlüssel auf dem Fensterbrett. Jetzt war sie fertig, jetzt war sie bereit für das nächste Kapitel im Leben, jetzt würde sie sich und dem Rest der Welt beweisen, dass sie allein klarkam, aber erst musste sie irgendeine Bleibe finden, und ihr Vater war tot und ihre Mutter war keine Alternative, also blieb nur noch Ina.

«Of course», sagte ihre älteste Schwester, als Anastasia anrief und fragte, ob sie ein paar Wochen bei ihr einziehen könne. «Wann kommst du? Im Kühlschrank ist Bolognese. Brauchst du Geld für ein Taxi?» Inas Stimme war erfüllt von dieser besonderen Freude, die ältere Geschwister empfinden, wenn sie die Möglichkeit haben, ihren jüngeren Geschwistern das zu geben, wozu die Eltern nie in der Lage gewesen waren.

Der Taxifahrer musste nicht mal die Rückbank umklappen, um Anastasias gesamten Besitz in Inas Wohnung zu transportieren, die im Süden der Stadt an der roten U-Bahn-Linie lag. Während der Fahrt fragte Anastasia sich immer wieder, warum sie nicht traurig war. Lag es daran, dass sie keine Ausreden mehr zu erfinden brauchte, warum sie die nächste Miete nicht zahlen konnte? War sie erleichtert darüber, dass sie jetzt, wo sie kein Atelier mehr hatte, unmöglich an ihrer Mappe für die Kunstschule arbeiten konnte und ihr gar nichts anderes übrigblieb, als zu scheitern? War es die Einsicht, dass sie keine andere Wahl hatte, als sich zu verändern? Sie war ja längst dabei, hielt sich seit Silvester von Drogen fern und reagierte nicht auf Mathias’ Anrufe oder Nachrichten, und während sie dort im Taxi saß, das an Industriegebieten, Messehallen, Tankstellen vorbeifuhr, die Rückbank voll mit geliehenen Umzugskartons, deren Beschriftung nichts mit dem Inhalt zu tun hatte («Leere Aktenordner», «Buchführung 1996–1998»), beschloss sie, dass sie Mathias loslassen musste, natürlich brauchte er Hilfe, aber nicht von ihr, nicht jetzt, nicht später, niemals.

Kapitel 4

1990 hörte ich zum zweiten Mal von den Mikkola-Schwestern, ich fuhr gerade mit meinem Vater in die Stadt, inzwischen waren meine beiden jüngeren Brüder geboren, und mein Vater und ich waren jetzt die Männer in der Familie, ich war elf, und er wurde bald vierzig. An den Wochenenden putzten wir gemeinsam ein Lokal namens Tre Backar, ich saugte den Boden mit einem Industriestaubsauger, erst das Obergeschoss, dann den Keller, er übernahm die Toiletten. Wenn wir fertig waren, wurde ich cash und mit Cashewkernen bezahlt, dann verabschiedeten wir uns, weil mein Vater abends noch als Barkeeper im Keller arbeitete. Doch an diesem Tag wollten wir nicht zu unserem Wochenendjob, wir wollten in die Stadt, aber wir fuhren nicht wie normale Menschen in die Stadt, wir hatten eigene Regeln und eigene Schlüssel. Als U-Bahn-Fahrer besaß mein Vater ein magisches Schlüsselbund, und wenn irgendein Idiot den Nothalteknopf der Rolltreppe gedrückt hatte, zog mein Vater es hervor, öffnete eine Metallklappe an der Seite, brachte die Rolltreppe wieder zum Laufen und lächelte dankbaren alten Damen zu, die den nach Pisse stinkenden Aufzug mieden. Wenn wir in die Stadt fuhren, schloss mein Vater immer die Tür zu einer der Fahrerkabinen zwischen den Wagen auf. Ob es erlaubt war, mit seinem elfjährigen Sohn dort zu sitzen? Tja, was heißt schon erlaubt, es gibt Regeln, die respektiert werden müssen, und dann gibt es dehnbare Regeln, aber wenn ich jetzt darüber nachdenke, sind wohl die meisten Regeln dehnbar, das war das Credo meines Vaters; die meisten Regeln, aber nicht alle.

«Es gibt eine Regel, die wir respektieren müssen», sagte mein Vater, als die U-Bahn losfuhr. «Jungs haben kurze Haare und Mädchen lange.»

«Mama hat doch auch kurze Haare», sagte ich.

«Ausnahmen bestätigen die Regel», sagte mein Vater.

«Hattest du denn keine langen Haare, als du jung warst?»

«Das ist ewig her.»

«Ich mag meine langen Haare aber.»

«Du siehst aus wie ein Mädchen.»

«Mir egal.»

«Irgendwann ist es dir nicht mehr egal», sagte er, «und dann wirst du mir böse sein, weil ich dir nicht gesagt habe, dass du wie ein Mädchen aussiehst.»

«Ich will meine langen Haare behalten.»

«Klar willst du das», sagte mein Vater.

Wir stiegen an der T-Centralen aus und fuhren die Rolltreppen hinauf zum Sergels Torg, mein Vater nickte irgendwelchen Leuten zu und umarmte jemanden, und als ich fragte, wer das gewesen sei, sagte er: «Irgend so ein Freak von früher.» Wir gingen am Coop Mega vorbei und die Sergelsgatan entlang, mein Vater sagte, ich solle mir die Haare kurz schneiden lassen, ich wiederholte, ich sei nur unter der Bedingung mitgekommen, dass er dem Friseur erkläre, ich wolle keinen Kurzhaarschnitt. Mein Vater sagte: «Du willst doch wohl nicht so enden wie die Mikkola-Schwestern», und auf meine Frage, wer das sei, antwortete er, die Töchter einer alten Freundin.

«Was für eine Freundin?», fragte ich.

Er antwortete nicht, stattdessen sagte er, die Mikkola-Schwestern würden alle aussehen wie Jungs, vor allem die jüngste, Anastasia, und damit hätten sie sich «einen Haufen unterschiedlicher Probleme eingebrockt».

«Was für Probleme?», fragte ich.

«Du lässt aber auch nicht locker», sagte er.

«Das habe ich von dir», erwiderte ich, und wir lachten, während wir die Tür zum Salon öffneten, der rechts neben dem blauen Konzerthaus lag. Wie immer war es voll, Väter, Kinder, der Hund des Besitzers und drei Friseure, die mehr palaverten, als dass sie Haare schnitten. Alle sprachen Arabisch, aber nicht das übliche Arabisch, das ich beinahe verstand, sondern ein anderes, mit einem anderen Tonfall und anderen Wörtern.

«Das liegt daran, dass sie aus Ägypten kommen», erklärte mein Vater. «Und Palästina. Und der da ist aus Jordanien.» Mein Vater nickte und klatschte Hände ab und überzeugte Mansour trotz der langen Schlange davon, dass ich als Nächster dran war. Die anderen Kunden protestierten, doch mein Vater behauptete, er wäre schon morgens da gewesen und hätte einen Termin für jetzt ausgemacht, und alle lachten über die dreiste Lüge, aber Mansour versprach, es werde schnell gehen. Ich sagte zu Mansour, ich wolle nicht, dass er oberhalb der Ohren etwas abschneide, und mein Vater sagte etwas auf Arabisch zu Mansour, der mich ansah und «fehemt?» fragte, was auf tunesischem Arabisch «verstehst du?» heißt, und ich nickte, denn genau dieses Wort verstand ich ja.

Dann musste mein Vater ein paar Geschäfte erledigen, er hatte immer irgendwas zu regeln, einer wollte Geld leihen, ein anderer schuldete ihm welches, Mansour legte die Schere beiseite und nahm seinen elektrischen Rasierer, und mit einer Hingabe, wie ich sie nie zuvor oder danach erlebt habe, rasierte er mir die Haare am ganzen Schädel auf drei Millimeter.

Als mein Vater zurückkam, lächelte er und sagte, jetzt sähe ich endlich aus wie ein richtiger Junge. Er fragte Mansour, was er ihm schulde, und Mansour nannte eine Summe, und mein Vater lachte und gab ihm die Hälfte, und Mansour lachte nicht und sagte, er wolle mindestens 50 mehr, und mein Vater lachte und sagte, die werde er auch bekommen, klar werde er die bekommen, wenn mein Vater das nächste Mal vorbeischaue, bekäme er fünfzig mehr und noch ein bisschen was obendrauf. Auf Mansours Stuhl saß bereits ein neuer Kunde, der ihn am Ärmel zupfte und ihn bat, endlich anzufangen, weil er noch ein Date hatte.

Mansour sah meinen Vater an und sagte zu ihm, er sei Tunesier durch und durch, und es klang wie eine Beleidigung, aber mein Vater reagierte, als wäre es ein Kompliment. Als wir hinausgingen und der kalte Wind über Stellen meines Schädels strich, die ich vorher nie bewusst gespürt hatte, sagte mein Vater:

«Erzähl das nicht Mama.»

Ich schwor mir selbst, kein Wort mehr mit ihm zu reden, nie wieder, und ich würde auch nie mehr in diesen Friseursalon gehen und es auf jeden Fall meiner Mutter erzählen, ich würde alles erzählen und nicht weinen, aber erst mal mussten wir ohne Tränenvergießen nach Hause kommen, denn ich wusste, wenn mein Vater mich weinen sah, würde er mich nur angucken und weggehen, denn nichts ekelte ihn so sehr, wie seinen eigenen Sohn vor allen Leuten weinen zu sehen, heulen wie eine Muschi, wegen eines Haarschnitts, nicht zu fassen, sein Sohn war elf und hatte keine Ahnung vom Leben, und in ein paar Jahren wäre sein Sohn ihm für diese Einsicht dankbar und würde zu ihm kommen und sagen: Danke, Papa, danke, dass deinetwegen niemand geglaubt hat, ich wäre ein Mädchen, danke, dass du meinen Wunsch ignoriert hast und in der Mittelstufe deshalb niemand denken konnte, ich wäre schwul, danke, dass du mich schon so früh mit der Macht der Sprache vertraut gemacht hast; wer weiß, vielleicht würde sein Sohn ja eines Tages das machen, wovon er selbst sein ganzes Leben lang träumte, man stelle sich vor, er würde Schriftsteller werden, der Name Khemiri wäre in der Bibliothek zu finden, sein Sohn würde lange Bücher über seinen fantastischen Vater schreiben, darüber, wie er seinem Sohn schon im Alter von elf Jahren wichtige Lebensweisheiten vermittelt hatte.

Wir fuhren wieder nach Hause, diesmal saßen wir auf den normalen Plätzen und nicht in der Fahrerkabine zwischen den Wagen, und ich weiß noch, dass ich mich fragte, ob er auf dem Hinweg nur dort hatte sitzen wollen, weil er sich dafür schämte, einen Sohn zu haben, der wie eine Tochter aussah. Als wir die Rolltreppe zur Varvsgatan hinauffuhren, hatte ich immer noch kein Wort gesagt, aber im Kopf eine lange Rede vorbereitet, die ich zu Hause vor meiner Mutter halten wollte, denn ich wusste, der einzige Weg, meinem Vater zu schaden, führte über meine Mutter.

Zehn Meter vor der Bahnsteigsperre hörten wir Schreie, eine Frau schrie: «Hilfe! Warum hilft mir denn keiner?», und mein Vater rannte die rollende Rolltreppe hinauf. Ein Besoffener hatte einen Stapel Boulevardzeitungen geklaut und lief damit feixend Richtung Ausgang, und die Frau im Kiosk rief um Hilfe, vor der Kasse standen zwei Männer und drei Frauen an, ohne zu reagieren. Mein Vater holte den Betrunkenen ein, nahm ihm die Zeitungen ab und gab sie der Frau zurück.

«Thank you», sagte sie. «Danke.» Dann rannte sie wieder in ihren Kiosk, damit nicht noch mehr Probleme entstanden. Der Betrunkene sah meinen Vater an.

«Du ekelhafter Kanake», sagte er. «Du verdammter Kameltreiber, du …»

Mein Vater betrachtete ihn mit einer Miene, wie ich sie noch nie gesehen hatte, mit Augen groß wie Eiern und hyänenhaft gefletschten Zähnen, und langsam, ganz langsam führte er die rechte Hand zu seiner Innentasche.

«Hast du eine Knarre?», fragte der Betrunkene. «Oder willst du ein Messer ziehen?»

Mein Vater behielt die Hand in der Innentasche.

«Ich habe keine Angst vor dir», sagte der Betrunkene und wich zurück, er wäre fast hingefallen, als er mit einem Mülleimer zusammenstieß.

Mein Vater zog die Waffe in seiner Innentasche nicht, stattdessen starrte er den Betrunkenen nur an und fauchte: «Eins … zwei …»

Der Mann drehte sich um und stürzte in Richtung Varvsgatan davon, die Treppen hoch zur Högalidskyrkan. Die junge Frau an der Kasse bedankte sich noch einmal, mein Vater lächelte und winkte ihr zu, und den Leuten in der Schlange, die sich nicht vom Fleck gerührt hatten.

Zu Hause durchsuchte ich die Taschen seiner Lederjacke, aber sie waren leer bis auf ein paar Zahnstocher, eine Serviette und einen ausgefüllten Wettstar-Schein. Als meine Mutter heimkam und als ich am Montagmorgen in die Schule ging, erzählte ich nicht die Geschichte von der Frisur, sondern die andere, wie mein Vater eine schreiende Frau rettete, der man fast all ihre Zeitungen geklaut hatte, und ich genoss es, meinen Vater in eine Geschichte zu verwandeln; das gab mir irgendeine Macht über ihn, anscheinend die einzige Macht, die ich besaß.

Kapitel 5

Evelyn hatte zwei Chefs, Henrik und Fredrik, die ein Paar waren und im Februar 2000 entschieden, dass die Angestellten nicht auf ihre Handys gucken durften, solange Kunden im Laden waren. Immer wenn Evelyn eine Nachricht bekam, sagte sie zu Kattis und Anders, sie müsse etwas aus dem Lager holen, schmuggelte ihr Nokia-Telefon in die Hosentasche, öffnete die Tür zum Lager und las die Mitteilung. Das alles spielte sich zu einer Zeit ab, als es Geld kostete, SMS zu verschicken, und alle Handys anzeigten, wie viele Zeichen man noch verbrauchen durfte, wenn Anastasia schrieb, konnte Evelyn eine unendlich lange, aus mehreren Nachrichten bestehenden Tirade erwarten, wie erbärmlich irgendein neuer Gegenwartskünstler war, dessen Werk das Moderna Museet gerade eingekauft hatte (ganz besonders hasste sie den allgemein hoch angesehenen Maler Slash Multimediakünstler Ernst Billgren), wenn dagegen Ina schrieb, überschritt sie nie die höchste Zeichenzahl, sie war nicht geizig, sondern einfach nur praktisch veranlagt, sie plante die Dinge im Voraus, und selbst wenn die Länge der Nachricht genau passte, fand Ina eigene Abkürzungen, mit denen sie Zeit sparen oder ihren jüngeren Geschwistern zeigen konnte, dass sie Wichtigeres zu tun hatte, als ihnen zu schreiben, «Hallo, liebe Schwester, war nett, dich zu sehen, ich hoffe, es geht dir gut, könntest du morgen Nachmittag bitte Mama anrufen und sie daran erinnern, dass sie ihr Rezept abholen muss?» wurde in Inas Version: «Hi mrgn Mama anrfen wg Rzpt!!!» Und Evelyn wusste, selbst wenn Ina sie bat, ihre Mutter anzurufen, würde Ina sie auch selbst anrufen und daran erinnern, denn sie verließ sich nicht darauf, dass Evelyn es tat, und deshalb konnte Evelyn genauso gut darauf verzichten, ihre Mutter anzurufen und sie daran zu erinnern, ihr Rezept abzuholen.

Evelyn hatte seit Silvester, als sie innerhalb einer Stunde sieben Mal von ihrer Mutter angerufen worden war, nichts mehr von ihr gehört. Erst hatte sie es bei Anastasia versucht, dann hatte Evelyns Handy vibriert. Ina war als Einzige rangegangen. Evelyn hatte bei Inas Versuchen zugehört, sie zu beruhigen. Allen gehe es gut, keine der Schwestern sei entführt oder mit dem Messer attackiert oder angefahren worden, sie säßen zu dritt in Evelyns Küche, und bald würden sie zu einer Party in Anastasias Büroetage aufbrechen.

«Darf ich mitkommen?», fragte ihre Mutter.

«Nein, das geht nicht», sagte Ina und versuchte das Gespräch zu beenden.

«Nach allem, was ich für euch getan habe?», fragte Selima. «Allem, was ich geopfert habe?»

Ina seufzte.

«Kann ich mal mit Evelyn sprechen?», fragte ihre Mutter. Ina warf Evelyn einen flehenden Blick zu.

Evelyn schüttelte wie verrückt den Kopf.

«Oder mit Anastasia?», fragte ihre Mutter. Ina richtete den Blick auf Anastasia. Anastasia legte sich eine Hand an die Kehle und streckte die Zunge heraus, als sie die Hand wieder wegnahm, hatte sie rote Druckstellen am Hals.

«Warum gehen sie nie ans Telefon, wenn ich anrufe?»

«Ich rufe dich morgen an», sagte Ina. «Guten Rutsch, Ma …»

Selima hatte aufgelegt.

Um Mitternacht hatte Evelyn sich geschworen, den Job zu wechseln, doch jetzt war schon Februar, und irgendwie war sie immer noch da. Sie redete sich ein, dass sie sich damit nur ein bisschen die Zeit vertrieb, nach dem Abi hatte sie eine Auszeit genommen, sie würde nie wie diese Leute werden, die anfingen zu arbeiten und dann doch nie studierten, aber dann hatte sie diesen Job bekommen und sich an das monatliche Gehalt und die VIP-Einladungen in Clubs gewöhnt, und jetzt arbeitete sie hier schon seit einem, zwei, drei fucking Jahren, und es war so sterbenslangweilig, dass sie eine Reihe Strategien entwickelt hatte, um ihre Arbeitstage zu überleben. Eine davon waren richtig lange Toilettenpausen. Eine andere, sich unter dem Vorwand, die Spiegel zu polieren, in einer Umkleidekabine zu verschanzen. Eine dritte, die Milch in der Spüle auszukippen und ihren Kolleginnen und Kollegen zu sagen, sie bräuchten neue, der nächste Laden lag nur vier Minuten entfernt an der nächsten Straßenecke, doch um Milch zu kaufen, musste Evelyn Geld aus der Kasse nehmen (eine Minute), ihren Mantel holen (eine Minute), durch den Kundeneingang rausgehen (zwanzig Sekunden), beim Schneider vorbeischauen, ein paar Sachen abgeben, die geändert werden mussten, und fragen, ob er etwas fertig hatte, das sie wieder mitnehmen konnte (zwei Minuten), und wenn sie schon mal da war, konnte sie den Schneider genauso gut nach seinem Militärdienst fragen und nach dieser Geschichte, wie er für eine Ölfirma arbeitete und ohne Führerschein Jeep fuhr und sich in der Wüste verirrte (fünf Minuten), und wie es gewesen war, als der Krieg ausbrach, ob er damals einberufen wurde oder freiwillig an die Front ging, und welcher seiner Brüder gestorben war und welcher im Rollstuhl gelandet, und wer es bis hierher geschafft hatte und wer unterwegs gestorben war, und wie es seiner Schwester ging, die gerade ihr zweites Kind bekommen hatte, du hast nicht zufällig ein Foto da, oh, wie niedlich und wie heißt denn die Kleine, Leila ist total schön, ich habe eine Freundin, die Leila heißt, so ein toller Name, ja, und gleichzeitig muslimisch und westlich, deshalb ist er so fantastisch, alle meine Freundinnen mit muslimischen Eltern heißen Sara und Mona, da, wo wir aufgewachsen sind, liefen massenweise kleine Adams und Isaks und Jonasse herum, nur unsere Mutter, ja, die war anders, sie wählte eine andere Strategie, an dieser Stelle lächelte der Schneider, blickte auf seine Nähmaschine, steckte sich erneut die Nadeln zwischen die Lippen und zog sein Maßband hervor, um zu zeigen, dass er sich wieder seinen Aufgaben widmen musste, doch Evelyn blieb hartnäckig, sie erkundigte sich nach seiner anderen Tochter, nach der, die für UNICEF arbeitete, wie geht es ihr in Kambodscha, und wie geht es deiner Frau und eurem Hund, und dem Garten, wie geht es dem? (An einem guten Tag konnte das alles bis zu einer halben Stunde in Anspruch nehmen).

Als der Schneider schließlich sagte, jetzt müsse er aber wirklich weitermachen, bedankte Evelyn sich, nahm die fertigen Kleidungsstücke mit, die auf dünnen, biegsamen Metallbügeln hingen, und ging weiter die Straße entlang bis zum Eckladen. Sie kaufte Milch und hob die Quittung und das Wechselgeld auf, um sie wieder in die Kasse zu legen, sie verließ den Laden, und dann blieb sie einfach nur für ein paar Sekunden stehen, oben auf der Treppe, in einer der teuersten Fußgängerzonen Stockholms, wo die Straße dank eines speziellen integrierten Wärmesystems immer angenehm eis- und schneefrei war, sie blickte zum Himmel, sie fragte sich, ob sie eines Tages eine von denen sein würde, die eine solche Straße mit dem Gefühl entlanggingen, hierherzugehören, eines Tages könnte sie vielleicht in dem Laden shoppen, in dem sie arbeitete, Klamotten zum vollen Preis, ohne sich Gedanken über den Schlussverkauf zu machen, ohne ihr ganzes Essensbudget für einen Merinopulli auszugeben oder ihre Monatsmiete für einen Mantel, und manchmal, wenn sie den Hang hinabging, vorbei an Menschen im Pelzmantel, Frauen mit frisierten Hunden, Männern mit funkelnden Markenuhren und blanken Schuhen, fragte sie sich, ob jemand sie und ihre Klamotten wahrnahm (mit Rabatt eingekauft, weil ihre Chefs wollten, dass ihre Angestellten die im Laden vertretenen Marken trugen) und sich fragte, ob sie zu ihnen gehörte, vielleicht hatte sie reich geheiratet oder stammte aus einer ägyptischen Diplomatenfamilie oder war mit irgendwelchen Scheichs in Dubai verwandt, sie malte sich aus, sie hätte eine Dreizimmerwohnung in einer dieser Straßen, bei denen alle, die nach ihrem Wohnort fragten, für einige Sekunden verstummtem, ehe sie beeindruckt «oh!» murmelten, vielleicht wohnte sie auf dem Strandvägen, hatte beim Einkaufen die Milch vergessen, und war jetzt auf dem Weg zurück zu ihren Dielenböden und dem unverbauten Blick aufs Wasser.

Als sie wieder in den Laden zurückkam, fragte Kattis, ob sie die Kuh persönlich gemolken hätte, Anders blickte auf die Uhr und informierte sie darüber, dass sie eine geschlagene Dreiviertelstunde weggewesen sei, und Evelyn lächelte nur und erzählte irgendetwas wahnsinnig Faszinierendes, das Nadia in Kambodscha erlebt hatte, und Anders fragte: «Wer ist Nadia?», und Kattis sagte: «Das ist Farids Tochter», und Anders fragte: «Farid, der Schneider?», und Kattis nickte, und Evelyn fragte: «Wer möchte Kaffee?», und alle hoben die Hand.

Nach der Mittagspause bekam Evelyn eine Nachricht, und weil sie gerade erst zwei überflüssige Toilettenpausen eingelegt hatte, ließ sie unauffällig ihr Handy in die Tasche gleiten und sagte, sie müsse in den Keller, neue Kleiderbügel holen.

«Sei vor Ladenschluss wieder da», meinte Anders grinsend.

«Ich versuch’s», versprach Evelyn.

Die Nachricht war von Ina. Diesmal bat die Schwester sie weder, irgendetwas für ihre Mutter zu tun, noch empfahl sie ihr irgendeinen neuen und billigen ETF (Evelyn hatte Ina gegenüber versehentlich erwähnt, dass sie nichts gespart hatte, obwohl sie diesen verhassten Job schon seit mehreren Jahren machte). Stattdessen schrieb Ina: «Hallo liebe Schwester. Are you at work? Can we come by?»

Evelyn starrte ihr Handy an, als hätte es gerülpst.

Wir? Was hieß hier wir? Das einzig existierende WIR waren Ina, Evelyn und Anastasia. Und seit wann sprach Ina in der ersten Person Plural über sich selbst? Evelyn antwortete sofort: «Sure I’m here, come on by.» Eine halbe Stunde später kamen sie, Ina und ein bärtiger Typ in einem weiten, karierten Flanellhemd und blank polierten Docs. Ina lächelte und sagte:

«Du erinnerst dich doch noch an Hector, oder? Von Silvester?»

«Yes, of course», antwortete Evelyn und beugte sich vor, um ihn zu umarmen. Über seine Schulter hinweg schnitt sie eine Grimasse, die Ina zeigen sollte, dass sie sich kein bisschen an diesen Typen erinnere, sie hatten Silvester in Anastasias Büroetage gefeiert, wo Evelyn ein paar Freunde getroffen hatte, oder eigentlich nicht unbedingt Freunde, aber Menschen, die sie kannte, und die für einen Abend zu Freunden wurden, nach derselben Logik, mit der man zu seinen Nachbarn viel netter ist, wenn man ihnen zufällig im Ausland begegnet statt im Fahrstuhl, und Evelyn war mit ihnen weitergezogen, und hier stand dieser Typ, der die Hand ihrer älteren Schwester hielt und sie ansah, als könne er sein eigenes Glück gar nicht fassen.

«So … are you like …»

Evelyn fühlte sich merkwürdig unwohl, ohne richtig zu wissen, warum. Sie räusperte sich und wechselte Sprache und Thema.

«Sucht ihr etwas Bestimmtes?»

Es war eine dieser Phrasen, die sie auf der Arbeit mindestens achtzig Mal pro Tag aussprach, weshalb es ihr auch diesmal hätte gelingen müssen, ohne dass es falsch klang, doch sie schaffte es nicht.

«Ja, Hector braucht ein neues Hemd», antwortete Ina. «Und eine neue Hose.»

Hector nickte, und Evelyn führte die beiden in die Herrenabteilung, sie zeigte ihnen alles, was im Ausverkauf war, und holte auch ein paar andere Sachen, die noch nicht reduziert waren, auf die sie ihnen aber Rabatt geben konnte. Während sie durch den Laden streiften, erzählte Ina, dass Hectors Vater über zwanzig Jahre lang als Meeresbiologe im Wassermuseum auf Djurgården gearbeitet hatte, und zur Feier seiner Kündigung würden sie in einem Restaurant auf Östermalm essen gehen.

«Du auch?», fragte Evelyn an Ina gewandt.

Die schüttelte den Kopf. «Ich? Natürlich nicht.»

«Du bist herzlich eingeladen, wenn du möchtest», sagte Hector.

Ina wurde rot. «Das ist noch viel zu früh.»

Evelyn nickte, ohne zu wissen, warum sie ihr zustimmte.

«Sie wollen dich unbedingt kennenlernen», sagte Hector.

Er berührte Inas Gesicht, Evelyn musste den Blick abwenden.

«Ich sehe mich mal ein bisschen um», sagte er und ging zielstrebig in den einzigen Bereich, wo nichts heruntergesetzt war. Er suchte sich ein blaues Hemd und eine Hose in einer komischen dunkelgrünen Farbe aus.

«Hast du das hier noch in XL? Und die hier in 54?»

Evelyn nickte und zog ein paar unsichtbare Schubladen unter dem Merinotisch auf, um die richtige Größe zu finden. Ehe er zur Umkleidekabine ging, gab er Ina einen schnellen Kuss auf die Wange. Evelyn traute ihren Augen kaum. Ina lächelte.

«What?», flüsterte sie.

«Who is this?», zischte Evelyn.

«It’s Hector», antwortete Ina, als wäre es das Normalste auf der Welt. Als täte sie nichts anderes, als Typen auf Silvesterpartys kennenzulernen und dann zu beschließen, eine Einheit mit ihnen zu bilden und von sich selbst im Plural zu sprechen. Nicht mal Hector schien zu verstehen, wie unnormal das war, er summte in seiner Umkleidekabine vor sich hin, als wüsste er nicht, dass Ina keine Freunde hatte und niemals One-Night-Stands, Evelyn dachte immer, Ina hätte ein kurzsichtiges Verhältnis zur Liebe, denn sie verliebte sich aus der Entfernung, doch sobald die Menschen näherkamen, sah Ina sie zu deutlich und stellte fest, dass ihr die Details nicht gefielen, sie konnte niemanden daten, der nicht Tolstois gesammelte Werke in chronologischer Reihenfolge gelesen hatte, und einmal hatte sie einen Typen nicht mehr zurückgerufen, weil er erwähnt hatte, er würde einen populären französischen Film mögen, den Ina verabscheute. Doch jetzt spazierte Ina im Laden umher und suchte nach Klamotten für ihren … Freund? Mit einem Lächeln, wie Evelyn es noch nie an ihr gesehen hatte, befühlte sie das Material verschiedener Pullover, als liebte sie die Pullover genauso sehr wie ihn.

«Have you heard about Anastasia?», fragte Evelyn.

«No, what?»

«She’s back together with Mathias», antwortete Evelyn, obwohl sie genau wusste, dass Ina ausflippen würde, wenn sie das hörte. Doch sie zuckte nur mit den Schultern.

«Well, it’s her life», sagte sie. «Ich habe getan, was ich konnte.»

Evelyn merkte, dass ihr Mund offen stand, und schloss ihn wieder.

«Ina?», rief Hector. «Das musst du dir angucken!»

Ina öffnete die Tür zur Umkleidekabine, und Hector und sie lachten so laut, dass zwei andere Kunden auch lachen mussten. Evelyn fragte sich, warum sie das Gefühl hatte, sie müsste durch Polyester atmen.

«Na, wie sieht’s aus?», fragte Evelyn, ohne diesen aufgesetzten Tonfall abschütteln zu können, wenn sie wieder eine der Phrasen von sich gab, die sie immer zu ihren Kunden sagte.

«Tja, was meinst du?» Hector verließ die Umkleidekabine. «Vielleicht ein bisschen eng, was?»

Hätte das Hemd eine Stimme gehabt, es hätte vor Schmerz geschrien.

«XXL habt ihr nicht?», fragte Ina.

«Leider nein», antwortete Evelyn. «Und die Hose?» Sie sah herab und begriff, dass er sie nicht über die Oberschenkel bekommen hatte.

«Kein Problem», sagte er. «Das bin ich gewohnt.»

Hector zog sich um und kam mit den Klamotten wieder heraus, er hatte versucht, das Hemd zusammenzulegen, mit eher bescheidenem Erfolg.

«Wir gehen noch einen Kaffee trinken», sagte er. «Kommst du mit?»

«Das geht leider nicht, ich muss den Laden zumachen», antwortete Evelyn. «Und ich habe schon alle meine Pausen genommen. Außerdem kommen noch ein paar wichtige Bestellungen rein …»

«Dann unterhalten wir uns ein andermal weiter», sagte Hector.