Die Seelen von London - A. K. Benedict - E-Book

Die Seelen von London E-Book

A. K. Benedict

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Beschreibung

Glauben Sie an Geister? Nein? Dann geht es Ihnen wie Detective Inspector Jonathan Dark, der in London einen Frauenmörder jagt. Gerade erst hat die blinde Maria bei einer ihrer »Schatzsuchen« im Schlamm der Themse einen menschlichen Finger gefunden, darauf ein gelber Diamantring und eine Botschaft in Braille-Schrift: "Willst du mich heiraten, Maria?" Wenn Jonathan Dark Maria retten will, muss er lernen, seiner Intuition zu vertrauen. Und den Seelen, die unsichtbar zwischen den Lebenden wandeln und ihre ganz eigenen Rachepläne hegen. Eine unwiderstehliche Mischung aus Krimi, Grusel und Fantasy - für alle, denen Ben Aaronovitch nicht unheimlich genug ist.

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Seitenzahl: 487

Veröffentlichungsjahr: 2017

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A. K. Benedict

Die Seelen von London

Roman

Aus dem Englischen von Alice Jakubeit

Verlagsgruppe Droemer Knaur GmbH & Co. KG.

Über dieses Buch

Glauben Sie an Geister?

Nein? Dann geht es Ihnen wie Detective Inspector Jonathan Dark, der in London einen Frauenmörder jagt. Gerade erst hat das potentielle Opfer, die blinde Maria, bei einer ihrer »Schatzsuchen« im Schlamm der Themse einen menschlichen Finger gefunden. Darauf ein gelber Diamantring und eine Botschaft in Braille-Schrift: »Willst du mich heiraten, Maria?«

Wenn Jonathan Dark Maria retten will, muss er lernen, seiner Intuition zu vertrauen. Und den Seelen, die unsichtbar zwischen den Lebenden wandeln und ihre ganz eigenen Rachepläne hegen.

Inhaltsübersicht

Widmung

Prolog

TAG EINS

1. Kapitel

2. Kapitel

3. Kapitel

4. Kapitel

5. Kapitel

6. Kapitel

7. Kapitel

8. Kapitel

TAG ZWEI

9. Kapitel

10. Kapitel

11. Kapitel

12. Kapitel

13. Kapitel

TAG DREI

14. Kapitel

TAG VIER

15. Kapitel

16. Kapitel

TAG FÜNF

17. Kapitel

18. Kapitel

19. Kapitel

20. Kapitel

21. Kapitel

22. Kapitel

TAG SECHS

23. Kapitel

24. Kapitel

TAG SIEBEN

25. Kapitel

26. Kapitel

27. Kapitel

28. Kapitel

29. Kapitel

30. Kapitel

Epilog

Dank

Für David,

meinen wunderbaren Bruder

 

Und zum Gedenken an Mumrah und Liono,

Tastaturwächter und innig geliebte Weggefährten

1995–2014

Prolog

Als er die Telefonzelle betritt, geraten die Prostituierten auf den Plakaten in Aufruhr und tuscheln wie nackte Jurorinnen. Finnegan sucht die Straße ab. Soho umspült ihn mit einer Flut von Touristen und Pendlern. Sonnenbrillen verwandeln Gesichter in undurchdringliche Spiegel. Er sieht auf die Uhr: eins. Sie kommen ihn holen, ob er bereit ist oder nicht.

Mit zitternden Fingern wählt er Rosas Nummer. »Nimm ab, Baby.«

»Sie haben die Nummer von Rosa Finch gewählt. Im Moment bin ich beschäftigt. Bitte versuchen Sie es später noch einmal …« Der Anrufbeantworter – sie haben sie schon. Er schließt die Augen und sieht Rosa vor sich, den Mund zugehalten, die Hände hinter dem Rücken gefesselt. So läuft das, wenn jemand nicht pariert.

London zu verlassen wird nahezu unmöglich sein. Niemand ist ihnen je entkommen. Bisher. Sie haben ihm alles abgenommen, ihm nur seine Oyster-Card, die Armbanduhr, eine Zigarette, das Kleingeld in seiner Tasche und eine Stunde Vorsprung gelassen. Jede Fahrt, bei der er seine Oyster-Card – die aufladbare Karte für den Nahverkehr – benutzt, würde innerhalb von Sekunden registriert, und wenn die Stunde um ist, stoßen sie auf ihn herab wie die Tauben auf den Trafalgar Square.

Delaney ist seine einzige Hoffnung. Er ist bestimmt im Doggett’s Coat und sieht sich das Spiel an. Finnegans letzte Münze verschwindet ratternd im Telefon. »Alles klar, Kumpel?«, meldet sich Delaney. Im Hintergrund brüllen die Fans.

»Am Treffpunkt«, sagt Finnegan. »In einer Viertelstunde.«

Er lässt den Hörer fallen und stürmt hinaus. Ein Plakat segelt mit der Vorderseite voran zu Boden, kehrt ihm gewissermaßen den Rücken zu. Er rennt: die Greek Street runter, die Dean Street rauf, mitten durch eine Insel aus Touristen vor dem Dominion Theatre, vorbei an einem liegenden Oscar Wilde, über The Strand hinweg, zwischen Autos hindurch und die Villiers Street entlang in die U-Bahn-Station Embankment.

An den Automaten füttert ein Typ mit einer Baseballkappe seine Oyster-Card mit einem Fünfer. Mit Beklemmung in der Brust geht Finnegan zu ihm. »Ich tausche mit Ihnen«, sagt er und hält dem Typen seine eigene Fahrkarte hin. Er wischt sich über die Stirn – Schweiß lässt einen schuldig wirken. »Da sind fünfzig Mäuse drauf.«

»Auf meiner ist nicht mal ein Zehner«, erwidert der Mann und hält seine Fahrkarte gut fest.

»Das reicht mir. Ich bitte Sie nur, eine Stunde lang kreuz und quer durch die Stadt zu fahren: Steigen Sie immer wieder um, fahren Sie mal ein Stück zurück, wenn’s geht, nehmen Sie auch mal einen Bus.«

»Ich weiß nicht, Mann«, sagt der Typ und steckt die Hand in die Tasche.

Finnegan drückt seine Karte auf das Lesegerät: 50 £ verfügbar. In den Augen des Mannes blitzt Gier auf. Finnegan erkennt sie sofort: Er sieht sie jeden Tag im Spiegel.

Sie tauschen die Fahrkarten, und einen Augenblick lang ist Finnegan versucht, den Mann um Hilfe zu bitten. Aber was sollte er sagen? Dass er ein Mörder ist und es nicht mehr sein möchte? Der Augenblick geht vorüber. »Sie würden mir nicht zufällig auch Ihre Kappe geben?«

Finnegan sprintet durch die U-Bahn-Station und die Treppe hinauf zur Brücke; im Laufen setzt er die Baseballkappe auf. Noch zehn Minuten, dann sitzt er in Delaneys Auto und ist unterwegs nach Ramsgate zur Fähre. Er wird irgendwie herausfinden, wo Rosa ist, und sie nachholen. Falls sie noch am Leben ist. Sie ist diejenige, die er im Stich gelassen hat. Er sieht auf den gelben Diamantring an seiner rechten Hand. Für diesen Ring hat er gekämpft, getötet und gelogen. Er war ihm mehr wert als der, den sie ihm gab.

Er wird ihn irgendwie loswerden, ihn in den Fluss werfen und den Gezeiten überlassen. Er ruckelt an dem Ring, doch der rührt sich nicht. Sein Finger ist dicker geworden, und der Ring ist regelrecht im Fleisch versunken. Der Diamant funkelt.

Über ihm hat das London Eye alles im Blick. Er schickt ihm ein Gebet – bei jeder Gondel wünscht er sich etwas, wie beim Rosenkranzbeten: »Lass nicht zu, dass sie mich finden.« – »Beschütze Rosa, dann werde ich … ich …« Ja, was? Seine Versprechungen sind so leer wie manche der Särge, die er einäschert.

In South Bank herrscht reges Treiben. Skateboarder rollen in der Sonne vorbei, und überall stoßen die Leute miteinander an, als hätten sie alle Zeit der Welt. Bisher hatte er nie jemand anders sein wollen, doch jetzt würde er alles dafür geben, mit dem Mann zu tauschen, der da auf der Bank den Evening Standard liest: Er sieht aus, als würde er die nächsten Tage überleben. Finnegan hatte immer gedacht, er sei der Typ, der dem Tod ungerührt ins Auge blickt, der einfach zielstrebig eine Flasche leert, bis er am Boden liegt wie ein Tequilawurm, und der dann, wenn die Waffe entsichert wird, seinen Killer angrinst und den letzten Schluck kippt. Irrtum. Der Schweiß, der ihm über den Rücken rinnt, verrät ihn.

Wahrzeichen säumen seinen Weg: St. Paul’s am anderen Ufer, der Oxo Tower vor ihm. Seine Lunge brennt, und seine Beine sind so schwer, als steckten sie schon in dem Betonblock, den sie ihm verpassen werden, wenn sie ihn erwischen.

Die Tate Modern kommt in Sicht. Finnegan hätte nie gedacht, dass er einmal so froh über den Anblick sein würde. Er schleicht um das Gebäude herum zum Treffpunkt und lässt sich gegen die niedrige Mauer sacken. In wenigen Minuten wird Delaney hier sein. Er versucht, tief durchzuatmen. Es gerät ihm zu einem Röcheln. Er sucht in der Tasche nach der Zigarette. Sie hat eine Macke, aber wer hätte die nicht?

Dann tastet er seine Taschen ab. Verdammt! Sie haben ihm das Feuerzeug ja abgenommen, die Scheißkerle. Mit diesen Arschlöchern hat er zusammengearbeitet – mit Leuten, die einem eine Zigarette geben und einem zugleich das Feuerzeug wegnehmen. Aus dem Laden an der Ecke kommt eine Frau heraus. Sie ist dünn und wirkt beschäftigt. »Haben Sie Feuer?«, fragt er.

Sie durchsucht ihre Handtasche und holt eine Schachtel Streichhölzer hervor.

»Sie sind meine Rettung«, sagt er. Sie kommt zu ihm und reißt ein Streichholz an. Mit der Zigarette im Mund beugt er sich zu ihr vor. Sie wölbt die Hand um die Flamme, und das Feuer beleuchtet den Diamanten an ihrem Ringfinger.

Als er sich umdreht, bekommt er einen Schlag auf den Kopf. Wuchtig. Seine Knie geben nach. Sein Sehvermögen schwindet. Er spürt noch, dass ihm ein Laut entweicht, doch er hört ihn schon nicht mehr.

 

Im Souterrain eines Hauses in Hackney sieht ein Mann seine Digitalfotos durch. Bei seinem Lieblingsfoto hält er inne. Da ist sie, da ist sein Mädchen, die eine, die ihn für alle diese Schlampen entschädigen wird. Das Foto gelang ihm, als sie gerade das Krankenhaus verließ: Mit der einen Hand drückt sie auf ihre Augenbinde, während sie mit der anderen eine Haarklammer neu feststeckt. Zwei Schnappschüsse weiter hat die frisch befestigte hennarote Locke sich erneut gelöst und federt im Wind.

In der Küche fällt etwas zu Boden. Er legt sein Tablet auf den Tisch und geht nach hinten. Hier ist es das ganze Jahr über kühl, selbst wenn die Fußbodenheizung aufgedreht ist, doch im Moment ist es noch kälter als sonst; es fühlt sich an, als packte eine eiskalte Hand ihn im Nacken. Eine Bechertasse ist vom Abtropfbrett zu Boden gefallen und an den Kühlschrank gerollt. Jetzt hat sie einen Riss. Wie ist das passiert? Das Fenster ist abgedichtet. Es kann also kein Windstoß gewesen sein, und außerdem stehen noch ein Glas und eine Schale auf dem Abtropfbrett, die nicht heruntergefallen sind. Es ist nicht das erste Mal, dass so etwas passiert: Immer wieder fallen Gegenstände herunter oder bewegen sich. Letzte Nacht erwachte er von einem lauten Krachen und Splittern, und als er aus dem Bett stolperte, eine eisige Faust ums Herz, stellte er fest, dass die Jalousie am Boden lag. Die Lamellen waren gebrochen wie die Knochen seiner letzten Freundin.

Wenn sie erst hier bei ihm ist, wenn Maria erst die seine ist, wird es besser werden. Dann wird er solche Vorfälle als das sehen können, was sie sind: harmlose Unfälle, verursacht von vorbeifahrenden Bussen, Straßenbauarbeiten, dem Rumpeln der oberirdischen Stadtschnellbahn. Es findet sich garantiert eine logische Erklärung. So etwas wie Gespenster gibt es schließlich nicht.

TAG EINS

1

Drei Mädchen gehen an Maria vorüber und kichern. Vermutlich sieht es ziemlich komisch aus, wie sie sich da in Wathose, Gummistiefeln und mit Augenbinde die Jamaica Street entlangtastet. Und ein Eimer ist wohl auch kaum der letzte Schrei bei Handtaschen. »Nächste Woche lauft ihr alle so rum«, ruft sie ihnen hinterher.

In den King’s Stairs Gardens fährt sie mit den Fingerspitzen über das Treppengeländer, bis sie die Stelle findet, wo »I ♥ M« in den Lack geritzt ist. Glücklicher M. Unglückliches Ich. Sie packt das Geländer, steigt die Stufen hinab und läuft mit knirschenden Schritten über den Strand von Bermondsey. Möwen fliegen zeternd auf. »Hallo?«, ruft sie. Keine Antwort. Dieser Strandabschnitt gehört ihr.

Sie setzt sich auf ihren Felsen und lässt die Finger über den Sand wandern: Kieselsteine, alte Tonpfeifen, Flaschendeckel. Die Themse hat ihre Bettdecke zurückgeschlagen und erzählt die Geschichten vergangener Nächte. Bald wird sie den Strand wieder zudecken, doch an der Art, wie das Wasser gegen die Steine schlägt, wird Maria rechtzeitig hören, wenn die Flut kommt. Unterdessen tastet sie nach regelmäßigen Formen, nach Quadraten und Kreisen – die Natur erschafft die Dinge nicht perfekt.

Sie ertastet etwas Glattes, Kühles und befreit es mit ihrer Traufel – ihrer Archäologenkelle – behutsam aus dem Schlamm. Ein Stück Porzellan. Sehr dünn, an den Kanten gewölbt. Eine Tellerscherbe? Sie legt ihren Fund in den Eimer und atmet tief durch. Inneren Frieden verspürt sie nur in Augenblicken wie diesem, wenn sie der Erde Geheimnisse entlockt.

Metall klappert auf Stein: Jemand kommt die Treppe herab, langsam und mit schweren Schritten, ein bisschen wacklig, als er den Strand betritt; schwere Atmung.

»Morgen, Martin«, sagt sie. Der Geruch seines Aftershaves, Kiefernzapfen und Patschuli, wälzt sich über den Strand auf sie zu.

Sein Metalldetektor surrt auf der Suche nach Münzen. »Kein Billy heute?«, fragt er.

»Er hat sich neulich hier unten am Bein verletzt«, erwidert sie. »Ich habe ihn zu Hause gelassen, wo er mir jetzt die Haustür zerkratzt. Hab dich seit der Konferenz nicht mehr gesehen.«

»Ich war beschäftigt.« Martin versucht, geheimnisvoll zu klingen – vergeblich. »Hat der Arzt dir nicht gesagt, du sollst hier am Ufer die Augenbinde abnehmen? Dann wäre es weniger gefährlich für dich. Und ich müsste mir nicht so viele Sorgen um dich machen.«

Maria hofft, dass er nicht sieht, wie sie errötet. Ehe sie ihre Blindheit einbüßte, machte sie sich keine Gedanken darüber, ob jemand sie womöglich anstarrte, aber jetzt spürt sie ständig Blicke auf sich ruhen. Die Stadt ist voller Fenster und voller Menschen, die aus diesen Fenstern schauen. Die Augenbinde ist ihre Idee. Iain, der Psychologe, der ihr helfen soll, ihr neugewonnenes Sehvermögen zu »bewältigen«, hat ihr gesagt, sie solle sie mindestens für ein paar Stunden am Tag abnehmen. Sie weigert sich. Ihre Welt ist vollständig; sie braucht nicht zu sehen: Ihr London funkelt wie die Klänge eines Glockenspiels; die Farbe ihrer Themse ist der Geschmack von Pflaumen, und sie will, dass das so bleibt. Eines Tages wird sie die Augenbinde abnehmen und den Fluss betrachten. Nicht heute. »Die Einzige, die sich Sorgen um mich machen muss, bin ich«, entgegnet sie.

Martin murmelt etwas und scharrt mit den Füßen. Jetzt ist er verlegen. Sie sollte etwas sagen, was ihm seine Verlegenheit nimmt, doch dann wird er sie bloß fragen, ob sie mit ihm ausgeht, und dann muss sie wieder nein sagen. Sein Metalldetektor fiept, als wollte er die befangene Stille füllen.

Maria rutscht auf ihrem Stein weiter nach hinten, und als sie die Beine übereinanderschlägt, stößt sie etwas hinunter. Sie streckt die Hand danach aus; ihre Finger huschen taschendiebschnell über den Sand und finden eine rechteckige Schachtel. Maria öffnet sie und ertastet einen großen Edelstein, kalt und mit Facettenschliff, an einem Metallreifen. Der Ring ruht auf einem Polster. Sofort treiben die Geschichten an die Oberfläche: Der Ring ist jemandem aus der Tasche gefallen, und nun kann er ihr keinen Antrag machen, und beide werden sie durchs Leben gehen, ohne zu wissen, was der andere gesagt haben würde; oder vielleicht wurde sein Antrag auch abgelehnt, und der Abend endete mit einem Wurf im hohen Bogen vom Ufer ins Wasser.

Dann erstarrt Maria. Der Ring ist nicht auf ein Polster gebettet. Ein Polster wäre nicht so hart. Oder so kalt. Und hätte keinen Fingernagel. Sie schreit auf.

»Was ist denn?«, fragt Martin mit Sorgenfalten in der Stimme. Er nimmt ihr die Schachtel ab und stößt gleich darauf einen Laut aus, der klingt, als hätte er einen Schlag in die Magengrube erhalten. »Ich rufe die Polizei«, sagt er und durchsucht seine Jackentaschen. Maria greift nach seinem Arm: Er zittert. »Innen im Deckel ist was in Braille«, sagt Martin. Er drückt ihr ein Kärtchen in die Hand. Einmal, als er sturzbetrunken war, bat er sie in der Unikneipe, ihn so zu berühren, wie sie über die Erhöhungen auf dem Papier streicht. Sie lachte darüber, schloss in jener Nacht aber ihre Tür ab. Bescheuert, jetzt daran zu denken.

Sie liest, was auf dem Kärtchen steht: »HEIRATE MICH, MARIA.«

 

Im 24-Stunden-Lokal auf der anderen Seite der Themse wird sein Cappuccino allmählich kalt. Von hier aus sehen die Schlammgründler wie Äffchen aus, die am Strand herumstochern und den Schlamm durchkämmen. Er verstaut das Fernglas wieder in seiner Tasche, hält das Telefon hoch und filmt durch das offene Fenster. Auf dem Display sind Maria und ihr Kumpan nur Strandgut, doch er braucht sie nicht genauer zu sehen. Er könnte ihr Gesicht aus dem Gedächtnis malen. Nein, es genügt ihm, gesehen zu haben, wie sie den Ring in der Hand hielt, und zu wissen, dass sie sich geliebt weiß. Bald wird sie erkennen, dass er die ganze Zeit über sie wacht und ihr überall in London Liebesbotschaften hinterlässt. Sie wird das Verlobungsgeschenk verstehen, und sie wird ihn verstehen wie bisher keine andere Frau. Und sie wird ihn lieben. Es wird nicht sein wie bei den früheren Malen, wie bei den anderen. Er hat gelernt.

Doch er wird sich nicht zu erkennen geben. Noch nicht.

Marias gelbes Pünktchen verschwindet aus dem Blickfeld. Dann wird das Display schwarz – der Akku ist leer. Er knallt das Handy auf den Tisch. Die Kaffeetasse macht einen Satz.

Die Kellnerin hinter der Theke sieht zu ihm her. Braune Make-up-Flecken umringen ihre Augen. Ihre Schicht ist beinahe zu Ende; die ganze Nacht über hat sie Nachtschwärmern Burger und Losern Latte serviert. Ohne den Blick von ihr zu lassen, fährt er mit dem Finger über den Cappuccinoschaum, steckt ihn sich in den Mund und saugt daran. Sie errötet, wendet sich hastig ab und konzentriert sich darauf, die Ketchupflaschen aufzureihen. Verklemmte Schlampe. Ihre Schürze ist in Hüfthöhe, wo sie sich immer die Hände abwischt, voller Flecken. Manchmal folgt er ihr bis zu ihrer schäbigen Wohnung in Pimlico. Aber nie mehr als das. Sein Mädchen ist Maria. Und sie ist perfekt. Oder wird es jedenfalls schon bald sein.

2

Der Wecker schrillt. Jonathan hebt den Kopf vom Boden: sechs Uhr morgens. Noch zehn Minuten, bis die Putzfrauen kommen und so tun, als hätte er nicht wieder hier übernachtet. Er schält sich aus dem Schlafsack, holt sich ein frisches Hemd aus dem Aktenschrank und leckt an der Zahnpastatube. Ein Kater hämmert an seine Schläfen.

Sein Telefon klingelt. Er schnappt es sich und hofft, es sei Natalie, hofft, sie habe daran gedacht. Doch sie ist es nicht. Natürlich ist sie es nicht. Es ist der Empfang. Mit etwas Glück geben sie ihm einen Fall, der ihn von der Bedeutung dieses Tages ablenkt.

»DI Dark«, meldet er sich.

 

Der Fluss wirkt abgelebt. An manchen Tagen ist er frisch und blau, wie brandneu. Heute Morgen ist er so braun wie die Hose eines Geschichtslehrers. Jonathan fegt den Mantel nach hinten und geht in seinen Einwegüberziehschuhen die Treppe hinab. Es gab eine Zeit, da wäre ihm dieser Aufzug peinlich gewesen. Jetzt nicht mehr – Liebeskummer relativiert die Dinge. Ein Urlaub tut das allerdings auch, und den würde er eindeutig vorziehen.

Die Kollegen von der Spurensicherung suchen bereits den abgesperrten Strand ab. Detective Sergeant Keisha Baxter winkt; dann rennt sie auf einen Kormoran zu, der an einer Coladose pickt. »Hau ab!«, schreit sie. »Das könnte ein Beweisstück sein.«

Tony Rodgers von der Kripo Southwark sitzt mit den Händen in den Taschen auf einem Stein und starrt auf den Fluss, der wenige Meter vor seinen Füßen ans Ufer plätschert. Jonathan geht neben ihm in die Hocke. Tony ist in den letzten sechs Monaten um zehn Jahre gealtert. Er hat im Gesicht ab- und am Bauch zugenommen. »Ich hoffe, das ist nicht nur Zeitverschwendung für dich«, sagt er.

»Und ich hoffe, es ist genau das, eine Vergeudung von Zeit und Mitteln«, entgegnet Jonathan. »Denn sonst …«

»Ich meine bloß …« Tony bricht ab. Er liest einen Stein auf und dreht ihn um. »Als ich davon hörte, musste ich gleich an Tanya denken. Ich wollte kein Risiko eingehen.« Das unausgesprochene Wort »diesmal« hängt in der Luft wie eine Möwe. Der mit Kränen und Zügen instrumentierte Soundtrack wird lauter.

»Womöglich machen wir uns ganz umsonst Sorgen.«

Tony nickt, wie man es tut, wenn man etwas nicht glaubt.

»Tanya war nicht deine Schuld«, sagt Jonathan. »Dir waren die Hände gebunden.«

Seine Wortwahl ist unangemessen, und ihr Schweigen bezeugt es.

»Deine Schuld war es auch nicht«, sagt Tony schließlich. »Damals waren die Stalking-Gesetze zahnlos.«

»Ich hätte früher auf dich hören können.«

Tony reibt sich über die Stirn. »Wieder was gelernt, was?« Mit hochgezogenen Schultern schlurft er davon.

Keisha kommt herüber. »Sie sollten sich den Ring ansehen, bevor er weggebracht wird«, sagt sie und winkt den Spurensicherer heran. Behutsam kommt er zu ihnen und hält Jonathan das Schmuckkästchen hin.

Jonathan zieht Einmalhandschuhe über und betrachtet dann den Inhalt der Schachtel. Der Ring steckt an einem langen dünnen Finger mit abgeplatztem roten Nagellack. Am Knochen haftet ausgetrocknete Haut.

»Und das hier heißt ›Heirate mich, Maria‹?«, fragt er.

Keisha nickt. Mehr müssen sie dazu nicht sagen. Vor elf Monaten fand Tanya Baker einen gelben Ring bei sich vor der Tür. Die Botschaft auf der Schachtel lautete: »HEIRATE MICH, TANYA.« Sie meldete es der Polizei und berichtete außerdem, sie werde verfolgt, doch die Polizei hätte nur dann etwas unternehmen können, wenn Anlass zu der Annahme bestanden hätte, dass Tanyas Leben in Gefahr war. Einen Monat später war sie tot, und ihr rot lackierter Ringfinger fehlte.

»Schaffen Sie den sofort zu Richard Agnarsson. Wir müssen wissen, ob es Tanyas ist«, sagt Jonathan. Er lässt den Blick über den Fluss nach Westminster und hinunter nach Wapping schweifen, denn er weiß, dass derjenige, der den Ring hier plaziert hat, sie hinter irgendeinem blitzenden Fenster, von einem Balkon oder einer Brücke aus beobachtet. Falls es Tanyas Mörder ist, und sein Instinkt sagt ihm, dass er es ist, dann beobachtet er sie garantiert. Mit Genuss. Mit wachsendem Genuss. Er würde sich das nicht entgehen lassen. Ein Bild steigt an die Oberfläche wie eine Leiche, die von Gewichten unter Wasser gehalten wurde und nun freigekommen ist: Tanya auf ihrem Bett, die Hand auf dem Messer, das ihr in den Brustkorb gerammt worden war, der Blick bereits leer. Zweifel und fehlende Klarheit hatten ihm damals in den Ermittlungen den Blick vernebelt, und seither ist es eher schlimmer geworden. Wenn er könnte, würde er Leute losschicken, die in Teams die Themseufer absuchen nach einem Mann mit einem Fernglas in der einen und seinem Schwanz in der anderen Hand.

In dieser Stadt bleibt Beobachtung unbeachtet. Tagtäglich fangen Kameras Menschen ein, die sich als undeutliche Flecke ruckartig durch die Straßen bewegen. Tausende gläserner Augen helfen Jonathan dabei, Verbrecher zu fassen, doch ihm ist noch immer nicht wohl dabei. Eigentlich sollte man sich dadurch behütet und weniger allein fühlen. Aber dem ist nicht so.

Jonathan hebt den Mittelfinger und dreht sich langsam um die eigene Achse. Das müsste der Scheißkerl eigentlich sehen, egal wo er ist.

Keisha deutet zur Treppe, wo seine Mitarbeiter mit schlammverkrusteten Menschen sprechen und sich dabei Notizen machen. »Da oben sind sämtliche potenziellen Augenzeugen«, sagt sie. »Hauptsächlich Schlammgründler plus der eine oder andere Gassigänger.«

Jonathan sieht die Schlammgründler – die mudlarks, wie sie traditionell in London heißen – bei frühmorgendlichen Einsätzen oder Überwachungen sowie an langen Abenden, die bis in die frühen Morgenstunden dauern: Es ist ein eigenartiger Menschenschlag, der freiwillig mitten in der Nacht sein warmes Bett verlässt, um durch Leptospiren zu waten. »Wer von denen ist Maria King?«, fragt er.

»Die am Rand im gelben Regenzeug, die mit Amanda spricht. Es gibt da eine Komplikation …«

Die Frau trägt eine Augenbinde, die ein Drittel ihres Gesichts bedeckt. Sie ist zierlich und hat schulterlange rote Haare sowie helle Haut. Keine äußerliche Ähnlichkeit mit Tanya. »Trug sie die …«

»Augenbinde, als sie den Ring fand? Ja. Sie war von Geburt an blind«, fällt Keisha ihm ins Wort, »wurde aber vor kurzem operiert und kann seitdem sehen. Aus irgendeinem Grund trägt sie die Augenbinde weiterhin. Immer.«

Also kann sie nicht ohne weiteres wissen, ob sie wirklich gestalkt wird. Jonathan beobachtet Maria, die jetzt ans Geländer tritt. Warum will sie nicht sehen? Oder sollte er eher fragen, wen sie nicht sehen will?

»Sie sagt, uns bleibt höchstens noch eine Stunde bis zur Flut.«

»Dann machen wir uns lieber an die Arbeit.« Jonathan klettert auf einen Stein, hebt die Arme und ruft: »Wir haben sechzig Minuten, bis die Themse alle Spuren verdeckt. Ich will den gesamten Strand abgesucht haben. Und legen Sie bloß jeden Kiesel wieder dahin, wo Sie ihn gefunden haben – wir wollen uns doch nicht mit der Port of London Authority anlegen. Aber wir verlassen diesen Strand erst, wenn der Fluss an der Treppe ist. Wer keine nassen Socken hat, läuft zu Fuß nach Hause.« Er will schon auf den Boden springen, dreht sich dann aber nochmals um. »Und wenn hier irgendjemand Spuren vernichtet, werde ich ihn mit dem größten Vergnügen erschießen und dafür sorgen, dass die Staatsanwaltschaft einen ausführlichen Bericht bekommt. Noch Fragen? Nein? Ausgezeichnet.«

 

Der Angel Pub blickt zum Nordufer der Themse wie zu einer Geliebten, der er niemals begegnen wird. Jonathan sitzt auf dem schmalen Balkon des alten Pubs mit Blick auf die Tower Bridge und einen rosa-orange erleuchteten Himmel. Er kann verstehen, warum Turner Die letzte Fahrt der Temeraire hier malte. Aus der Pubküche steigt der Duft von Bacon zu ihm auf. Sein Magen knurrt – er hat seit vierundzwanzig Stunden nichts gegessen, doch er verspürt keinen Hunger, nur Leere.

Die Luft ist feucht; die trügerische Septembersonne hat morgens und abends keine Kraft mehr. Pendler, die spät dran sind, eilen, drängeln, schubsen, bis sie sich wie Herbstlaub in ihren Büros niederlassen. Am Ufer greift das Wasser nach der Mauer, und die Hoffnung auf weitere Spuren schwindet rasch.

Jonathan breitet die Erstaussagen auf dem Tisch aus. Alle fünf befragten Schlammgründler wussten, dass Maria jeden Tag am selben Uferabschnitt nach historischen und archäologischen Fundstücken sucht. Alle fünf stritten ab, etwas über den Ring zu wissen oder jemanden gesehen zu haben, der ihn auf den Stein gelegt haben könnte. Die beiden Überwachungskameras, die den Bereich abdecken, würden hoffentlich hilfreicher sein.

Bei Martin Crows Aussage verweilt er länger. Er war der Einzige, der auf einen potenziellen Verdächtigen hinwies: Hugh Foister, Marias Vorgesetzten im Museum of London. »Er ist nicht richtig für sie«, hatte Martin zu Keisha gesagt – eine aufschlussreich besitzergreifende Aussage. Martin und Maria sind seit der Universität befreundet, und »es ist ein alter Witz zwischen uns«, dass Martin sie alle paar Jahre fragt, ob sie mit ihm ausgeht. Mag sein; mag aber auch sein, dass es für ihn kein Witz mehr ist. Immerhin war er bei ihr, als sie den Ring fand; es wäre ihm ein Leichtes gewesen, die Schachtel so zu deponieren, dass sie sie finden musste.

Jonathan dreht sich eine Zigarette – er zupft feuchten Kirschtabak auf dem Blättchen zurecht. Dieses Ritual beruhigt ihn und hilft ihm beim Denken. Die fertige Selbstgedrehte verstaut er im Etui. Diese Zigaretten sind nicht zum Rauchen gedacht. In das silberne Etui ist eine Widmung eingraviert: »Herzlichen Glückwunsch zum 5. Hochzeitstag, Liebling. Jetzt gib auf!« Seitdem raucht er nicht mehr. Doch wie sich unterdessen herausgestellt hat, meinte sie gar nicht, er solle das Rauchen aufgeben – seine Frau war schon immer gut im Übermitteln zweideutiger Botschaften gewesen. Und sie ist immer noch seine Frau, nicht seine Ex. Noch nicht. Alles ist in der Schwebe.

Sein Telefon läutet. Unbekannte Nummer – das könnte sie sein, die von der Arbeit aus anruft.

»Hab ich dich aus dem Bett geholt, du fauler Sack?« Es ist Neil, Jonathans Cousin aus dem Zweig der Familie mit dem ganzen Geld und null Höflichkeit. Neil ist gerade in Spanien und sondiert das Terrain für eine neue Bar. Was bedeutet, er sondiert die Aussichten auf One-Night-Stands.

»Ich arbeite, Neil, kann ich dich zurück…«

»Nein, kannst du nicht. Ich muss dich um einen Gefallen bitten.« Na bitte. »Du kennst doch das Haus in Spitalfields, das ich letztes Jahr gekauft habe?«

»Nein.« Jonathan hat den Überblick über Neils florierende Geschäfte als schlechter Vermieter verloren.

»Na, jedenfalls, da ist noch einiges zu tun. Bislang habe ich drei verschiedene Handwerker beauftragt, und sie sind alle mit absurden Begründungen wieder abgesprungen. Ich brauche jemanden, der neuen Handwerkern Feuer unterm Hintern macht und nachts vor Ort ist, damit ich mir nicht einen Haufen Hausbesetzer einhandle. Und wenn du hin und wieder mal ein bisschen Farbe an die Wände klatschst, umso besser.«

»Du willst, dass ich da wohne?«

»Du würdest mir einen Gefallen tun.«

So direkt ist Neil sonst nie. Jonathans Argwohn erwacht. »Was hast du gehört? Wer hat da geplaudert?«

»Weiß nicht, wovon du redest, Mann.«

Jonathan beobachtet Maria, die am Wasser entlanggeht, gefolgt von Keisha. Er hofft, dass der Ring nur ein Streich ist, ein falscher Alarm. Doch er bezweifelt es. »Ich denke darüber nach.«

»Hast wohl ein besseres Angebot, ja? Zieh da ein. Ich konnte Natalie nie leiden – kalt und manipulativ. Du kannst was Besseres finden, Mann.«

Sofort hat Jonathan einen dicken Hals. »Such dir jemand anders, der auf dein Haus aufpasst.«

»Na, dann leb du ruhig weiter in deinem Schlafsack im Büro, werter Cousin.«

Wer hat ihm das erzählt? Weiß Jonathans Mutter auch Bescheid? Nein – sonst hätte sie darauf bestanden, dass er zu ihr nach Cardiff zieht. Schwierigkeiten hat er ihr schon immer verschwiegen, besonders seit sein Vater vor zwei Jahren starb, für den Fall, dass ihr Stent genau dann versagt. Vom Tod oder von schlechten Neuigkeiten will sie nichts wissen. Als sein bester Freund und akribischer Mitarbeiter, Detective Sergeant Jacob Coleman, letztes Jahr im Dienst starb, erzählte er es ihr nicht. Sie weiß nicht einmal, dass Natalie, nachdem sie ihm das Herz gestohlen und zu einem Papierflugzeug gefaltet hatte, dieses jetzt entzweigerissen hat. Und was ist mit Natalie? Weiß sie davon? Angesichts dieser Möglichkeit krampft sich ihm der Magen zusammen. Er hat ihr erzählt, er wohne bei einer Freundin, und hofft, dass sie jetzt ebenso eifersüchtig ist wie er, wenn er an seinem alten Haus vorbeigeht und den Wagen ihres Liebhabers davorstehen sieht. Vielleicht würde eine Adresse in Spitalfields ihr den Eindruck vermitteln, dass er über sie hinwegkommt. Beziehungsweise dass er bereits über sie hinweggekommen ist. Denn das würde sie zu ihm zurückbringen.

Er hört ein Schlürfen, so als hätte ein Strohhalm den Boden eines Glases erreicht – Neil hat also bereits den ersten Cocktail des Tages geleert. »Ich schicke einen Fahrradkurier mit dem Schlüssel vorbei, okay?«

Jonathan erwidert nichts.

»Er ist in etwa einer Stunde bei dir. Ich trinke ein Glas auf dein neues Zuhause. Vielleicht hältst du ja länger durch als die ganzen Poliere. Wer hätte gedacht, dass Bauarbeiter so abergläubisch sind?«

Jonathan nimmt eine Selbstgedrehte aus dem Etui und zündet sie sich an. Dann hält er sie in der Hand und lässt sie einfach herunterbrennen. Der Zigarettenrauch bildet einen Phantomring um seinen Finger.

 

Maria kehrt dem Angel Pub den Rücken zu und geht davon, wobei sie die Finger über die Mauer tänzeln lässt. Früher befanden sich hier drei Bronzeskulpturen: Dr. Salter, der ein paar Meter weiter auf einer Bank saß und winkte, seine Tochter, die an der Mauer lehnte, und seine Katze, die über die Mauer schlich. Dr. Salters Statue besaß die Ausstrahlung eines lebendigen Mannes. Manchmal redete sie mit ihm; bei anderen Gelegenheiten saßen sie in einträchtigem Schweigen nebeneinander. Sie plaudert oft mit Statuen: dem Gärtner von Brewers’ Hall, der Jungen Tänzerin von Broad Court, Mr. George Peabody … Diese metallenen oder steinernen Skulpturen sind Londons Beichtväter und -mütter; nur der Fluss hütet mehr Geheimnisse. Auch jetzt spricht Maria noch manchmal mit Dr. Salter, obwohl der vor Jahren gestohlen wurde. Es ist, als wäre er noch immer da.

Sie geht zu seiner ehemaligen Bank und setzt sich. »Was soll ich tun, Dr. Salter?«, flüstert sie.

DS Baxter folgt ihr mit schnellen, energischen Schritten. Maria stellt sie sich mit einem peitschenden Schwanz und wulstigen Pfoten vor. Sie wünschte, Billy wäre hier und würde sich an sie lehnen, bis ihr der Fuß unter seinem Gewicht einschliefe, oder er würde ihr den großen Kopf in den Schoß legen und schnauben. Das würde sie ablenken von der Vorstellung, dass irgendwo in ihrer Stadt jemand ist, der sie stalkt.

Baxter setzt sich neben sie auf die Bank, und Maria fühlt sich beengt.

»Ich muss Ihnen noch einige Fragen stellen«, sagt Baxter. Es raschelt – sie blättert wohl Seiten in ihrem Notizbuch um. »Haben Sie in letzter Zeit etwas aus Ihrer Wohnung vermisst?«

Maria schüttelt den Kopf.

»Können Sie Ihre Beziehung zu Ihren Ex-Lebensgefährten beschreiben?«

»Nicht vorhanden.« Es ist nicht normal, wenn man mit seinem Ex befreundet ist: Entweder macht man sich was vor, oder man war nicht wirklich verliebt.

»Wer war ihr letzter fester Freund?«

»Carl. Aber ich glaube, es lohnt sich nicht, sich ihn genauer anzusehen.«

»Wie lautet sein Nachname?«

»Janus. Simon nennt ihn ›Janus, der Anus‹.«

»Und Simon ist?«

»Mein Freund. Wir sind seit Jahren befreundet. Früher sind wir immer zu viert ausgegangen: Carl und ich, Simon und Will.«

»Könnte Simon Veranlassung haben, Ihnen den Ring hinzulegen?«

»Nein – aus naheliegenden Gründen.«

»Schließen Sie nie jemanden aus, bloß weil er schwul ist«, sagt Baxter.

»Das habe ich nicht gemeint. Er liebt mich; er kann es nicht sein.«

»Hmm.« DS Baxter kritzelt etwas in ihr Notizbuch. »Und würden Sie wirklich sagen, dass Carl ein Anus ist?«

Maria seufzt. »Eigentlich nicht. Er ist bloß nicht so auf mich abgefahren. Was vermutlich der Grund dafür war, dass ich so auf ihn abgefahren bin.«

»Könnte er den Ring für Sie hinterlassen haben?«

Maria lacht. »Das Einzige, was er hinterlassen hat, war ein Wasserkessel. Carl glaubt nicht mal an die Ehe. Er hält sie für ein überholtes kapitalistisches und patriarchalisches Konstrukt.« Maria lehnt sich zu Baxter. »Aber da er meine Kreditkarte benutzt hat, um Porno-Sites zu abonnieren, weiß ich nicht, inwiefern man ihm glauben kann.«

Baxters Stift kratzt über das Papier. »Irgendjemand anders, der dafür verantwortlich sein könnte?«, fragt sie.

»Martin nicht, falls Sie das denken. Zu zimperlich. Er wollte nicht mal den toten Hund berühren, der letzte Woche angespült wurde.« Maria öffnet eine Packung Kaugummis. Wer würde ihr so etwas zukommen lassen? Als Hugh Foister, ihr Chef, am letzten Valentinstag allen im Büro eine welke Rose von der Tankstelle schenkte, sagte er »im Scherz«, er sei ihr geheimer Verehrer, doch sie kann ihn sich nicht als Stalker vorstellen. Dafür ist er viel zu träge. Sie zieht einen Kaugummistreifen aus dem Päckchen und beginnt zu kauen. »Das Problem ist, dass jeder, der meinen Blog kennt, weiß, dass ich immer eineinhalb Stunden vor der Ebbe hierherkomme«, sagt sie. »Und dass ich normalerweise am selben Uferabschnitt suche, etwa eine Stunde lang, fast jeden Tag.« Andere Schuhe nähern sich. Ein gleichmäßiger, zielstrebiger Gang. »Ist das alles nicht ein bisschen übertrieben? Könnte es nicht einfach nur ein kranker Scherz sein?«

»Möglich wäre es«, sagt eine Männerstimme aus etwa einem Meter Entfernung. Maria hat den Mann schon am Strand gehört. Der Fluss war still geworden für ihn. »Aber unwahrscheinlich. Ich bin Detective Inspector Dark.« Er berührt ihre Hand, und sie ergreift seine. »Ich hoffe, DS Baxter hier kümmert sich gut um Sie. Gibt es jemanden, den wir bitten können, bei Ihnen zu bleiben? Einen Freund? Einen Verwandten?«

»Meinen Freund Simon«, sagt Maria. »Aber der arbeitet jetzt wahrscheinlich.« Sie hört ihn auf einem Tablet oder Smartphone tippen.

»Wir müssen sowieso mit ihm sprechen«, sagt DI Dark. »Und was Ihre Frage angeht, ob das alles nicht übertrieben ist – wir sehen einen möglichen Zusammenhang zu einem anderen Fall, in dem eine junge Frau ermordet wurde.« Sagt er einfach so.

Maria umklammert die Sitzkante.

»Sie erhielt einen ähnlichen Heiratsantrag. Falls Sie wirklich von derselben Person gestalkt werden, dann müssen wir Sie schützen und zugleich jede neue Information nutzen, um ihn zu finden.«

»Es ist nicht hilfreich, dass …« DS Baxter bricht ab.

»Sagen Sie es ruhig: dass ich blind bin.« Maria lächelt sie an und berührt die Augenbinde.

»Aber Sie sind nicht blind, nicht wahr? Nicht mehr«, erwidert DS Baxter. Ihre Stimme hat einen scharfen Unterton.

»Ich hatte vor sechs Monaten eine Augenoperation zur Korrektur meiner angeborenen Sehbehinderung. Sie war ein voller Erfolg und ein Riesenfehler. Ich wusste sofort, dass ich hätte bleiben müssen, wie ich war, und decke seitdem meine Augen ab. Meine Operateurin und mein Therapeut glauben beide, dass meine Einstellung sich noch ändern wird. Entweder sie kennen mich nicht sonderlich gut, oder sie begreifen nicht, wie ich über das Sehen denke.«

»Oder beides«, wirft DI Dark ein.

»Ich an Ihrer Stelle«, sagt DS Baxter, »wäre jetzt erst mal auf Reisen. Stellen Sie sich vor, wie faszinierend es wäre, zum ersten Mal Ibiza zu sehen. Das Meer, den Strand, einen Klub, in dem der Bär tobt. Ich beneide Sie.«

Maria hebt die Augenbrauen.

»Ich denke mal, Maria stellt sich seit ihrer Geburt alles vor«, wirft DI Dark ein. »Und ihr Kopf ist voller Bilder, mit denen die Wirklichkeit nicht mithalten kann.«

Maria nickt und wendet sich ihm zu. »Genau. Wie ein Memory-Spiel, bei dem nichts zusammenpasst.«

»Aber wäre es nicht besser, sehen zu können, besonders wenn man gestalkt wird? Zumindest würde es uns helfen, Ihnen zu helfen.« DS Baxters Stimme klingt schrill und entnervt.

»Nach allem, was ich gehört habe«, entgegnet Maria, »genießen Stalker es, wenn ihre Taten Wirkung zeigen. Diesen Triumph gönne ich ihm nicht. Ich bin durch Indien, Thailand und die USA gereist, mit einem Blindenhund als einziger Hilfe. Ich werde nicht für einen Feigling mein ganzes Leben ändern.«

DI Dark tritt vor. »Haben wir den Namen Ihrer Ärztin? Die Sie operiert hat?«

DS Baxter neben ihr erschauert.

»Mögen Sie keine Ärzte?«, fragt Maria.

»Keisha seilt sich an steilen Felswänden ab, geht tauchen und hat eine Vogelspinne als Haustier, aber sobald man sie in einen Raum mit einem Mediziner sperrt, springt sie auf den nächsten Stuhl und knallt dem Mann ihren Schuh um die Ohren.«

»Ich habe nichts gegen Ärzte, solange sie mir nicht zu nahe kommen.« Jetzt klingt Baxter so verwundbar, dass Maria sie am liebsten in die Arme nehmen würde.

»Die haben mehr Angst vor Ihnen als umgekehrt, Keisha. Maria, wir lassen Sie nach Hause fahren, zusammen mit einem anderen Team, das sich Ihre Wohnung ansehen soll«, sagt DI Dark. »Die Kollegen sollen nach allem suchen, was Ihnen vielleicht entgangen ist.«

»Kommen Sie denn nicht mit mir?«, fragt Maria und steht auf. Sie klingt bedürftig; das weiß sie selbst.

»Ihre Wohnung ist ein potenzieller Tatort«, erklärt DI Dark. »Wir arbeiten mit separaten Teams, damit keine Spuren kontaminiert werden. Keine Sorge, Sie sind in besten Händen. Falls Ihnen noch etwas einfällt, was uns helfen könnte, sagen Sie es einem von meinen Leuten, oder rufen Sie mich an.« Er schiebt ihr seine Visitenkarte in die Hand. Dann nimmt er sie wieder an sich und schnalzt missbilligend wegen seiner Unbedachtheit. »Tut mir leid. Das war gedankenlos von mir. Bitte achten Sie darauf, dass Sie immer jemanden bei sich haben, und halten Sie sich auf jeden Fall von allen sozialen Medien fern. Das ist übrigens ein Rat fürs ganze Leben, nicht nur bei Stalkern.«

Er berührt flüchtig ihre Hand. Seine Finger sind kalt. Sie würde ihm ja ihre Handschuhe leihen, aber einen davon hat sie verloren.

 

Das hätte nicht passieren dürfen. Der Heiratsantrag hätte zwischen Maria und ihm bleiben sollen, ein ganz persönlicher Augenblick, an den sie immer denken würden. Er hat ihr ein wertvolles Geschenk gemacht, und sie hat es verdorben, indem sie sich von Dark hat berühren lassen. Warum hat sie diesen Trottel mit dem Metalldetektor die Polizei rufen lassen? Ihr mangelndes Vertrauen wird zu gegebener Zeit bestraft werden, und DI Dark wird feststellen, dass er, wie schon beim letzten Mal, nicht derjenige ist, der die Situation unter Kontrolle hat.

»Verzeihen Sie, dass ich Sie aus Ihren Gedanken reiße. Sind Sie ein Twitcher?«

»Was?«

Am Tisch hinter ihm sitzt ein alter Mann mit einem Kollar, der gerade sehr langsam eine Kaffeetasse zum Mund führt, so als wäre es ein Sakrament. Er wiederholt seine Frage.

»Das bin ich, ja«, erwidert er. Er schickt ein Lächeln hinterher. »Allerdings bezeichne ich mich selbst als Birder.«

»Langweilen Sie sich nie, wenn Sie immer bloß Vögel beobachten?«, fragt der Priester.

»Langweilen Sie sich denn, wenn Sie immer bloß Sündern zuhören? Nein? Tja, mir geht es genauso. Ich kann stundenlang dasitzen und ein Ziel beobachten. Ohne zu schlafen oder zu essen manchmal. Hier. Versuchen Sie’s auch mal.« Er reicht das Fernglas hinüber. »Da ist ein Kormoran, auf dem Pfahl dort.«

Der alte Mann dreht das Fernglas in seinen Händen. »Ganz schön schwer.« Er steht auf und verrenkt sich den Hals, bis er den Vogel im Visier hat. »Ich kann jede Feder sehen!«, sagt er grinsend. Dann verstummt er und beobachtet. Minuten vergehen.

»Na, was sagen Sie?«, fragt er den alten Mann. Jetzt langweilt ihn diese Begegnung. Und er verpasst Maria.

Mit gerunzelter Stirn gibt der Geistliche ihm das Fernglas zurück. »Es ist wohltuend«, sagt er. »Wie Beten.«

»Ja. In gewisser Weise ist es wie Gottesanbetung. Und am Ende töten wir alle unsere Götter.«

Sein Telefon meldet sich. Es ist die Arbeit – Zeit zu gehen. Erneut hebt er das Fernglas an die Augen. Einer der Detectives führt Maria gerade zu einem Polizeiwagen. Ihr Kopf ist DI Dark zugewandt; sie lauscht, wie er davongeht.

3

»Kommen Sie mit, meine Liebe.« Frank McNally geht voran in den Aufbahrungsraum und schaltet die Lampen ein.

Mrs. Winters folgt ihm und betrachtet alles, woran sie vorbeikommt. Er zieht die Vorhänge zu, um die Straße und ganz Spitalfields auszusperren. Das Letzte, was sie jetzt sehen möchte, ist sicherlich, dass die Welt sich unverändert weiterdreht.

Sie setzt sich in den Sessel, bleich vor dem roten Bezug.

»Tee?«

Sie nickt.

Frank schaltet den Wasserkocher ein und bereitet die Kanne vor. Sie wird ihn nicht trinken, natürlich nicht, doch er ist ein Anker. Allein schon das Ritual der Teezubereitung ist beruhigend. Er stellt eine Schachtel Papiertaschentücher neben sie. Sie streckt die Hand danach aus, nimmt sich jedoch keins, sondern starrt ihre Handfläche an, als wäre sie ihr neu, obwohl sie noch nie so alt war.

»Lassen Sie sich Zeit, meine Liebe«, sagt er. Er spricht mit leiser, beruhigender Stimme. Solide wie ein Eichensarg.

Sie öffnet den Mund, doch es kommt nichts heraus. Immerhin kann sie ihn verstehen – das ist ein gutes Zeichen, wenn man bedenkt, was sie durchgemacht hat. Manchmal bringt der Verlust die Trauernden so aus dem Gleichgewicht, dass es Monate, ja sogar Jahre dauern kann, ehe sie wirklich präsent sind.

Mrs. Winters windet sich in dem Sessel und wirkt zugleich wie ein Kind, wie eine junge und wie eine sehr alte Frau. Sie wartet darauf, dass er etwas sagt.

»Sie haben einen Schock erlitten«, sagt er und setzt den Zylinder ab. »Den größtmöglichen Schock. Lassen Sie sich Zeit, bis Sie genug Abstand haben, um zu verarbeiten, was mit Ihnen geschieht. Es ist eine überwältigende Erfahrung, und zunächst werden Ihre Gedanken und Gefühle nur um Ihren Verlust kreisen, doch im Verlauf des Trauerprozesses werden Sie sich allmählich wieder daran erinnern, was Sie hatten und was Sie jetzt haben. Als Bestatter ist es meine Aufgabe, Sie dabei so gut wie möglich zu begleiten.«

Sie sieht durch ihn hindurch. Sie ist im Land derer, die verloren haben.

»Ich würde Ihnen gern aufzeigen, welche Möglichkeiten es gibt.« Frank nimmt seine Mappe. »Sie müssen jetzt noch keine Entscheidung treffen. Lassen Sie sich Zeit. Sie können wiederkommen, wenn Sie bereit sind. Aber um Ihnen eine erste Vorstellung zu vermitteln, will ich Ihnen einen kurzen Überblick über unsere Dienstleistungen geben. Nach dem Tod …«

Die Tür öffnet sich. Barbara, Franks Frau, steht im Rahmen und ringt die Hände; ihre Finger jagen einander förmlich.

»Da ist jemand für dich, Frank. Mit mir will er nicht reden. Er ist nach oben gelaufen.«

Auf der Treppe kracht es laut. »Bitte entschuldigen Sie mich, Mrs. Winters. Ich bin gleich wieder bei Ihnen. Könntest du ihr bitte behilflich sein, Barbara? Ich wollte ihr gerade die Möglichkeiten erläutern.«

Murren und Gemurmel hallen von den Holzpaneelen der Diele im Obergeschoss wider. Mrs. Winters dreht den Kopf und horcht. Ein weiteres gutes Zeichen. Sie wird zurechtkommen, Tee, Zeit und Betreuung vorausgesetzt.

Frank saust in den Flur. Eine Vase zerschellt auf der Treppe. »Ich komme hoch«, ruft er und nimmt immer zwei Stufen auf einmal. »Kein Grund zur Aufregung; wir finden für alles eine Lösung. Es gibt nichts, was ein, zwei Pint nicht wieder in Ordnung bringen.«

Keuchend bleibt Frank am oberen Treppenabsatz stehen. Sein übergroßes Herz klopft wie wild. »Hallo?« Er sieht zuerst im Bad nach, dann im Schlafzimmer unterm Bett, im Kleiderschrank und hinter den Vorhängen. Da ist niemand, doch es riecht verräterisch nach brennenden Kerzen. »Es war richtig von Ihnen hierherzukommen. Ich kann Ihnen helfen.«

»Das will ich hoffen, Frank«, ertönt eine Stimme hinter ihm, und ein scharfes Messer wird Frank unsanft ans Rückgrat gehalten.

Langsam hebt Frank die Hände und dreht sich um.

Ein Mann mit einem Messer in der Hand steht zitternd vor ihm. Er ist bleich und dünn und sieht ganz so aus wie … »Finnegan?«

»Wo ist sie? Wo ist Rosa?«, fragt Finnegan. Seine Stimme ist schwächer als früher, wie Tee, der kaum mit dem Teebeutel in Berührung gekommen ist.

»Im Krematorium, soweit ich weiß. Ich habe vorhin noch mit ihr gesprochen. Sie arrangiert eine Einäscherung für mich.«

»Und es ging ihr gut?« Finnegans Hand zittert. Er wirkt kaum kräftig genug, um das Messer zu halten.

»Ich denke schon, aber am Telefon ist das schwer zu beurteilen. Natürlich habe ich sie seit letzter Woche nicht mehr gesehen. Seit der Bestattung. Aber ich würde sagen, unter den gegebenen Umständen geht es ihr gut. Sie hält sich tapfer, wie wir dazu sagen.«

»Du lügst.« Er drückt Frank die Messerspitze an die Brust.

»Ich lüge nie, Finnegan, das weißt du. Ich dosiere die Wahrheit nur umsichtig.«

»In homöopathischen Dosen trifft es wohl eher.«

Frank tritt einen kleinen Schritt vor und breitet die Arme aus. »Sag mir, was los ist, und wir finden gemeinsam eine Lösung.«

Finnegans Gesicht verzerrt sich; seine Miene verwandelt sich von hoffnungsvoll in wütend. »Womöglich steckst du auch mit denen unter einer Decke. Es war jemand, den ich kannte, der ihnen erzählt hat, dass ich aussteigen wollte. Du könntest es gewesen sein. Deine Frau hat wahrscheinlich schon …« Er hält inne und runzelt verwirrt die Stirn. »Barbara war unten. Ich habe sie gesehen. Aber ich kann doch nicht …«

Frank wartet. Jetzt kommt es.

Finnegan starrt Frank an. »Es kann nicht Barbara sein. Ihre Trauerfeier war in meinem Krematorium … Was geht hier vor, verdammt noch mal?« Seine Hand zittert so stark, dass das Messer Franks Brust einritzt. Blut sickert ins Hemd. Finnegan wimmert.

»Ich bin ja hier«, sagt Frank. »Ich helfe dir, so gut ich kann.«

Finnegan sackt in sich zusammen wie ein Mantel ohne Bügel, und das Messer fällt klappernd zu Boden. Er schluchzt und schaukelt auf den Fersen. Als Frank ihn zum letzten Mal sah, war das bei einem abendlichen Streifzug durch Soho, einem Abend exzessiver Lebendigkeit für Menschen mit Berufen im Umfeld des Todes. Finnegan war sturzbetrunken in einer Ecke des Restaurants zu Boden gegangen und gab ein Arpeggio aus Schnarchern und Pfeiftönen zum Besten. Auf seiner Stirn schwankten Dim Sum, und es wurden Wetten darüber abgeschlossen, wann sie herunterfallen würden. Frank hatte gehört, dass Finnegan in Schwierigkeiten sei, dass er mit einem zwielichtigen Haufen unter einer Decke stecke. Jetzt ist er tot und zittert. Durchscheinend wie Reispapier.

Finnegan tut einen lungenlosen Atemzug. Voller Grauen starrt er seine Hand an. Sie verblasst.

»Wir können nicht alles gleichzeitig festhalten«, sagt Frank sanft.

Finnegan sieht ihn an. Er öffnet den Mund, doch dann schließt er ihn wieder. Nimmt einen neuen Anlauf. »Du hast gesagt, du hast Rosa bei einer Bestattung gesehen.«

Frank nickt. Jetzt kommt es.

»Wessen Bestattung?«, flüstert Finnegan.

Frank kniet sich neben ihn; Knie und Dielen knarzen. »Tja, da war diese Sache in …«

»Die Wahrheit, Frank. Die tödliche Dosis.«

»Es war deine Bestattung, Finnegan.«

4

Als Maria nach Hause kommt, warten zwei männliche Polizisten vor der Tür und unterhalten sich über die gestrige Episode einer Krimiserie. Billy beteiligt sich daran, indem er bellt und von innen an der Tür kratzt. Maria will sich nur noch mit ihm auf ihrem Bett zusammenrollen und sich in ein Buch hineintasten.

»Der Berater, den die sich geholt haben, taugt nichts«, sagt einer der Männer. »Das würde man bei der Staatsanwaltschaft niemals durchkriegen.« Sein Tonfall ist schneidend. Er klingt noch jung, zwischen zwanzig und dreißig, und versucht vielleicht, seine Unerfahrenheit wettzumachen. Zwischen zwanzig und dreißig erscheint Maria bereits jung; dabei lässt sie diese Altersspanne selbst gerade erst hinter sich. Nicht dass sie wieder zwanzig sein möchte. Um nichts in der Welt.

»Aber dieser Superintendent ist auf Draht, was?«, fährt er fort. »Hast du gesehen, was die für Absätze trägt? Meinst du, Allen würde so was jemals tragen? Würde ihr aber stehen, glaube ich.«

»Ich wusste gar nicht, dass der Stöckelschuh eine so wohlbekannte Maßnahme zur Verbrechensbekämpfung ist«, mischt Maria sich ein.

Keiner der beiden Männer antwortet. Vielleicht dachten sie, sie könne nicht hören. Manche Menschen glauben, da ihr Sehvermögen nicht funktioniert, müsse das auch für ihre übrigen Sinne gelten; andere wiederum glauben, dass die übrigen Sinne den Mangel kompensieren. Körperbehinderung ist ein Reich der Mythen.

»Tut mir leid«, sagt der Mann und kommt über den Weg auf sie zu. »Die Abteilung Fettnäpfchen wurde für Leute wie mich eingerichtet.« Er riecht nach einem billigen Bodyspray. »Ich bin DS Peter Rider und gehöre zu DI Darks Team. Das ist Mike Reynolds von der Spurensicherung. Er wird eine erste Durchsuchung Ihrer Wohnung vornehmen. Hoffentlich findet er nichts. Ich weiß, mittlerweile können Sie uns Polizisten bestimmt nicht mehr auseinanderhalten. Falls es hilft: Mike ist eine hässliche Nervensäge, und ich habe schwarze Haare und eine Nase, wegen der mich ein Boxer beneiden würde.«

»Um die mich ein Boxer beneiden würde«, berichtigt Mike Reynolds. »Zu Ihrer Beruhigung: Seine Polizeiarbeit ist besser als seine Grammatikkenntnisse. Wir machen so schnell wir können, keine Sorge.« Seine Aussprache verrät eine Kindheit in Schottland; seine Rs klingen, als blätterte man ein Taschenbuch um.

Maria zieht das lange Schlüsselband, das sie um den Hals hängen hat, unter ihrem Pullover hervor und nimmt den Hausschlüssel in die Hand.

Die beiden beobachten sie, das spürt sie; sie wollen abschätzen, wie gut sie zurechtkommt. Gleich werden sie mit quietschenden Einmalhandschuhen in ihrer Wohnung herumschnüffeln. Ihre Küche hat seit Jahren keine Gummihandschuhe mehr gesehen.

»Alles in Ordnung, Maria?«, ruft Mr. Amello von seinem Balkon herab.

Sie riecht feuchte Geranien. Ein Wassertropfen landet auf ihrem Kopf. Offenbar gießt er gerade die Hängekörbe – um diese Jahreszeit macht er das normalerweise nur vor dem Zubettgehen. Er benutzt es als Vorwand, um nach ihr zu sehen. Sie würde jetzt gern hinaufgehen in das feuchtwarme Wohnzimmer der Amellos, das voller Pflanzen steht und vom Geschnatter der Papageien erfüllt ist. »Ich komme nachher mal rauf. Heben Sie mir Kuchen auf«, ruft Maria.

»Sie wissen doch, dass ich keinen Kuchen esse, Maria«, entgegnet Mr. Amello.

Mrs. Amellos spöttisches Gegacker dringt in Kaskaden aus ihrer Wohnung. Mr. Amello ist Diabetiker, kann aber nicht davon ablassen, Gebäck in Familienpackungen zu kaufen und aufzuessen.

»Wenn diese Leute Ihnen Ärger machen, schicke ich Mrs. Amello runter«, droht er.

»Mit Donatella Amello wollen Sie sich nicht anlegen«, sagt Maria und droht Rider mit dem Zeigefinger.

Sie öffnet die Tür. »Nach Ihnen«, sagt Reynolds, und als sie in die Diele geht, streift er mit der Hand ihr Kreuz.

Billy springt an ihnen hoch. Sein Schwanz peitscht über den Teppich, während er an Reynolds’ Händen schnüffelt.

»Er ist ein wunderbarer Blindenhund, aber als Wachhund ist er nicht so toll«, kommt Maria den Polizisten zuvor. Sie bückt sich, schlingt die Arme um seine dicke Mitte und drückt die Wange in sein Fell. Er leckt sie ab.

»Aber Sie brauchen gar keinen Blindenhund, oder?«, sagt Reynolds. Seine Stimme hat einen scharfen Unterton. »Sie nehmen jemand anderem einen ausgebildeten Blindenhund weg.«

Maria bekämpft den Drang, ihn anzufahren. Manchmal würde sie gerne bellen können. »Billy ist fast elf. In diesem Alter kann man ihn nicht mehr anderswo unterbringen.«

»Dann bist du also ein alter Mann, ja?«, sagt Reynolds zu Billy.

Billy schnaubt. Würde Reynolds das auch zu einem Menschen sagen? Wahrscheinlich schon.

Sobald die Polizisten in ihrer Wohnung sind, werden ihre Bewegungen schnell und wichtigtuerisch. »Bleiben Sie bitte hier«, sagt Rider. Sie durchsuchen die Wohnung; ihre Schuhe wandern vom Laminat im Wohnzimmer auf das Linoleum in der kleinen Küche und schließlich auf die Fliesen im Bad.

Reynolds kommt zurück in den Flur, öffnet die Tür ihres kleinen Schlafzimmers und schließt sie hinter sich wieder. Sie verspürt den Impuls, ihm zu folgen und die Unterhose von gestern unters Bett zu treten. Und die von vorgestern auch. Hat sie irgendetwas Peinliches auf dem Nachttisch liegen lassen? Ihren Vibrator kann er nicht mehr finden – den hat Billy gefressen. Scheiße – hat sie das Piece aus ihrer Sockenschublade genommen?

»Könnten Sie bitte kontrollieren, ob irgendetwas fehlt oder umgestellt wurde?« Rider reicht ihr ein Paar Einmalhandschuhe. »Versuchen Sie, möglichst wenig zu verändern.«

Maria tastet nach dem Regal über dem Heizkörper und lässt die Finger über die Bücher wispern – alle am richtigen Ort.

»Sind die in Braille?«, fragt Rider.

Maria schüttelt den Kopf. »Die sind alt, entweder Erstausgaben oder jedenfalls so nahe dran, wie ich es mir leisten kann. Braille-Ausgaben haben nicht den gleichen Geruch. Es ist das Alter des Papiers. Aber ich kenne sie sowieso so gut, dass ich sie nicht mehr lesen muss.« Maria spürt, wie sie knallrot wird. Wahrscheinlich stellen sie sich jetzt vor, wie sie mit der Nase im Buch steckt, und damit lägen sie nicht allzu falsch. Ihre Ausgabe von Große Erwartungen riecht nach der Marschlandschaft, in der sie aufwuchs, nach dem Salz von Romney, erinnert sie daran, wie sie auf abfallenden Stränden saß und nach Schätzen grub. Ein Gedanke wird freigelegt. »Das fällt mir jetzt erst ein: Vor ein paar Tagen habe ich bemerkt, dass jemand diese Figur umgestellt hat.« Sie geht zum Bücherregal gegenüber der Wohnungstür, stellt sich auf die Zehenspitzen und tastet nach der winzigen Tonstatuette einer Göttin ganz oben. Die Figur gerät ins Schwanken.

»Vorsicht«, warnt Rider in scharfem Ton.

Maria reißt die Hand zurück. Ein ungewohntes Gefühl von Verlegenheit durchzittert sie. »Tut mir leid.«

»Nichts passiert. Erzählen Sie weiter.«

»Ich habe sie immer da oben stehen, aber plötzlich stand sie auf dem nächsttieferen Brett. Ich schob es auf meine Geistesabwesenheit.«

»Noch etwas, was Sie auf Vergesslichkeit oder Zerstreutheit geschoben haben?«

»Ich verliere ständig etwas, deshalb ist das schwer zu sagen. Ich lasse die Sachen wohl am Strand liegen – mir gefällt der Gedanke, dass ich damit zukünftigen Schlammgründlern Fundstücke liefere. Ich vermisse einen Handschuh, ein Armband, und ich bin sicher, dass mir ein Ohrring von einem Paar fehlt, das ich letzte Woche getragen habe. Ich war sicher, dass ich beide abgenommen und in die Schmuckschatulle auf meiner Kommode getan hatte. Entweder war ich betrunken und habe es falsch in Erinnerung, oder einer ist mir über Nacht abhandengekommen.«

Sie schluckt. Jemand könnte nachts in ihrem Schlafzimmer gewesen sein. Könnte sie beobachtet haben. In diesen intimen Momenten, in denen sie sich ganz allein wähnt und sich auch so verhält. Aber sie würde es doch merken, oder? Wenn jemand bei ihr im Zimmer wäre? Sie glaubte immer, sie würde es spüren können, ebenso wie sie am elektrischen Knistern erkennt, wenn ein Fernseher läuft. Und wenn sie es nun doch nicht spüren konnte? Angst stiehlt sich zwischen ihre Schulterblätter.

»Sie werden uns eine Aufstellung aller persönlichen Gegenstände machen müssen, die Ihnen fehlen«, sagt Rider. Seine Sachlichkeit ist beruhigend. Er kommt näher und nimmt ihr die Figur ab. »Was ist das?« Sein Tonfall vermittelt den Eindruck, dass er unbeeindruckt ist.

»Eine Gottheit. Vor ein paar Jahren war ich bei einer Ausgrabung in Griechenland dabei, und da haben wir Hunderte solcher Figuren gefunden. Bei meiner Abreise haben mir die Organisatoren der Grabung eine davon geschenkt. Das hier ist Theia, sie gehört zu den Titanen. Die Göttin des Sehvermögens.« Sie erklärt zu viel. Das tut sie immer, wenn sie nervös ist.

»Verstehe.« Ganz offensichtlich interessiert es Rider nicht. Hinter ihm öffnet Reynolds die Schlafzimmertür. »Und Sie haben sie wieder zurückgestellt. Die Göttin.«

»Sie lebt dort«, sagt Maria. Es klingt lächerlich, aber das ist ihr egal.

Rider macht Fotos vom Bücherregal: Es hört sich an, als würde mit der Peitsche nach ihrer Wohnung geschlagen. »Wir müssen die Figur mitnehmen und untersuchen.«

Maria bezähmt den Drang, ihm Theia wieder abzunehmen. Sie geht ins Wohnzimmer und tastet prüfend den Zierrat auf dem Kaminsims ab. Lag dieses bogenförmige Stück Treibholz nicht ein Stückchen weiter links? Und was ist mit den Bartmannskrügen, die in Reih und Glied stehen wie bei einer polizeilichen Gegenüberstellung bärtiger Verbrecher? Wenn sie sehen könnte, könnte sie es vielleicht besser beurteilen. Womöglich ist sie doch bloß stur? Sie hebt ein Ende der Augenbinde an. Schwarze Bilder verschwimmen vor einem hellen Hintergrund wie Gespensternegative. Sie lässt die Augenbinde los.

»Maria«, ruft Rider.

Sie geht seiner Stimme nach.

Er steht in ihrem winzigen Gästezimmer. »Was ist das alles?«, fragt er. Er spricht Richtung Zimmerdecke, betrachtet vermutlich die Regale und Kartons, die sich bis zur Decke stapeln.

»Das ist meine Schatzkammer. Hier bewahre ich meine Funde auf«, erklärt sie. Sie berührt den Karton, der als Erster in ihrer Reichweite steht. Hier ist nicht genug Platz für sie beide. Sie fühlt sich bloßgestellt.

Rider zieht einen Karton im Regal näher zu sich heran. »Sind das Rubine?«

»Granate. Es gibt da eine Stelle am Ufer, die angeblich bei Ebbe und in der Abenddämmerung rot leuchtet vor lauter Granaten. Sie ist in der Nähe eines Abflussrohrs, jemand könnte sie also da abgeladen haben, Diebesgut vielleicht. Man tritt bei jedem Schritt auf Granate. Als ich davon hörte, habe ich extra einen Ausflug dorthin unternommen.«

»Wo ist das?«, fragt Rider, vergräbt die Hände in den Granaten und lässt die Steine dann klirrend durch seine Finger rieseln.

»Das kann ich Ihnen nicht sagen«, erwidert Maria. »Schlammgründlergeheimnis.« Sie zwinkert – nicht dass Rider das hinter ihrer Augenbinde sehen könnte.

»Haben Sie Ihre Sammlung in letzter Zeit mal kontrolliert?«, fragt er. Er blättert Marias Katalog durch. Sie verzeichnet all ihre Funde einmal in diesem Buch und dann noch einmal online in der Datenbank der Foreshore Records Observation Group, einem Zusammenschluss von Hobbyarchäologen, die an der Themse schlammgründeln.

»In den letzten Monaten nicht, jedenfalls nicht die ganz oben. Meine Lieblingsfunde halte ich immer in Reichweite.«

Die Metallsprossen geben ein helles Geräusch von sich: Er klettert die Leiter hinauf. Kartons gleiten mit einem leisen Raunen aus dem Regal.

Sie würde ihren ersten Kaffee an diesem Tag dafür geben, wenn sie nur endlich wieder gingen. »Ist das wirklich nötig?«, fragt sie. »Ich wüsste nicht, wie Ihnen das beim Auffinden eines Stalkers helfen sollte.«

»Ich stelle nur sicher, dass er Ihnen nicht noch etwas hinterlassen hat«, sagt Rider. »Da könnte eine Nachricht sein, ein Geschenk … Seht euch diese Pfeifen an! Sie müssen Hunderte davon haben.«

»Das sind nur die vollständig erhaltenen. Bitte fassen Sie sie nicht an. Einige davon sind dreihundert Jahre alt.« Wieder errötet sie. Wenn Rider und Reynolds endlich gehen, wird sie sich mit ihren Tonpfeifen hinsetzen und ihr Exemplar aus den 1650er Jahren in der Hand wiegen. Sie hat die Pfeife in der dunklen Schicht aus Asche und geschwärzten Steinen entdeckt, die sich in jedem Bodenprofil des Themseufers bei London findet – der Große Brand ist noch immer präsent, und die Themse legt ihn frei. Wenn sie diese Pfeife in der Hand hält, fühlt sie sich mit der Vergangenheit verbunden und bekommt eine Ahnung davon, dass nichts wirklich von Bedeutung ist, nichts sich je wirklich verändert und nichts je wirklich verlorengeht. Das Themseufer hat sie mehr gelehrt als sechs Monate Therapie.

»Wer hat sonst noch Zugang zu Ihrer Wohnung?« Rider steigt von der Leiter.

Bei dem Gedanken, dass jemand ihre Funde stiehlt, spürt sie ein Brennen in der Brust, als hätte sie Pfeifenrauch in die Luftröhre bekommen. Sie versucht, es sich nicht anmerken zu lassen. »Die Amellos«, antwortet sie, »und mein Vermieter. Carl, mein Ex, hatte einen Schlüssel, aber er hat ihn mir zurückgegeben, na ja, er hat ihn mir zurückgeworfen.« Sie berührt die Stelle an ihrer Schläfe, wo er sie getroffen hatte, und erinnert sich an den Aufprall des kalten Metalls auf ihrer Haut. »Ich bekomme Besuch von Freunden, logisch. Manchmal habe ich einen festen Freund, aber in den letzten Monaten nicht.«