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Seelenfresser sind seltsame Wesen mit Körpern wie lange schwarze Schlangen und Flügeln wie die einer Libelle. Diese Dämonen sind unverwundbar, und nur eine magische Barriere, der Heilige Zorn, hält sie in Schach. Doch dieser Schutz wird zerstört, und nun bedrohen die Unwesen Kamalas Welt. Einziger Ausweg ist die Erweckung der Lyr, doch diese schlafen noch tief und fest … Für alle Freunde düsterer Geschichten um Magie und den Preis, den die Menschen dafür zahlen müssen.
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Veröffentlichungsjahr: 2014
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Für Betsy Wollheim Meine phantastische Lektorin. Meine unersetzliche Muse. Meine geliebte Freundin
Übersetzung aus dem Amerikanischen von Irene Holicki
ISBN 978-3-492-98035-7
© für diese Ausgabe: Fahrenheitbooks, ein Imprint der Piper Verlag GmbH, München 2013 © 2009 Celia Friedman © der deutschsprachigen Ausgabe: Piper Verlag GmbH, München 2010 Covergestaltung: FAVORITBUERO, München Covermotiv: © Anastasia Smanyuk / Shutterstock.com Datenkonvertierung: CPI books GmbH, Leck
Vollständige E-Book-Ausgabe der im Piper Verlag erschienenen Buchausgabe
1. Auflage 2010
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Die Götter waren unterwegs.
Der Junge presste sich an den heißen Boden und krallte seine rußgeschwärzten Finger in den Berg. Lavastückchen und Ascheklumpen lösten sich unter seinen Händen und verbrannten ihm die Haut wie glühende Kohlen, aber das nahm er kaum wahr. Seine Aufmerksamkeit war nur nach oben gerichtet, besonders auf die wenigen Stellen, wo sich die dichten Wolken teilten und der Himmel sichtbar wurde.
Sie würden bald hier sein. Ganz bestimmt.
Sie würden das Opfer nicht ablehnen.
Weiter unten lagen ein halbes Dutzend Mädchen im weiten grauen Kessel des Vulkans und wimmerten vor Angst und vor Schmerzen. Sie waren ziemlich jung, zum Teil noch jünger als er, und allen strömte das Blut aus Schnitten an der Rückseite der Beine. Die Priester hatten verfügt, dass man ihnen die Kniesehnen durchtrennte, bevor sie in den Kessel gestoßen wurden. So wollte man verhindern, dass sie sich ein Beispiel an den letzten Opfern nahmen: Diese waren, anstatt sich in ihr Schicksal zu fügen, auf die andere Seite der Kaldera geflüchtet und hatten sich dort in die Lavagrube gestürzt. Wenn die Opfer allzu schnell starben, waren die Götter unzufrieden und schickten den Schwarzen Schlaf. Dann starben die Kinder, und das Getreide verfaulte auf den Feldern, weil keine gesunden Männer mehr da waren, die es hätten ernten können.
Verständlicherweise litten die Mädchen Todesängste, und als eine von ihnen aufschrie, zuckte der Junge zusammen. Er konnte nicht sehen, wer es war, und verbot sich auch, darüber nachzudenken. Das Land der Sonne war klein, und er kannte jeden Bewohner mit Namen … aber wenn ein Mädchen zum Opfer erwählt wurde, gab sie ihren Namen und ihre Identität auf und hieß fortan nur noch Tawa, Göttermagd. Sie anders zu sehen, sich bewusst zu machen, dass dieselben jungen Dinger, die nun wie Lämmer auf der Schlachtbank lagen und auf die Götter warteten, einst im Schatten des großen Berges mit ihm herumgelaufen waren, mit ihm gescherzt und »Zeigst du mir deins, zeig ich dir meins« gespielt hatten, wäre zu schrecklich gewesen.
Futter. Die Priester gebrauchten das Wort nie, aber nichts anderes waren sie jetzt. Jeder im Land der Sonne wusste das, aber niemand sprach es laut aus. Wenn ein Mann seine Tochter als Braut den Göttern opferte, mochte er noch das Gefühl haben, eine ehrenvolle Tat zu vollbringen, doch sobald er sich eingestand, dass sie nur wie ein Schaf den Wölfen zum Fraß vorgeworfen würde, erkaltete die Ehre und starb eines kläglichen Todes. Die Blumen, die man den Mädchen ins Haar flocht, waren kein Brautkranz, keine Krone der Gemeinschaft mehr, sondern makabre Dekoration; ihre Schreie waren kein Lied, mit dem die jungfräuliche Braut ihren erhabenen und strahlenden Bräutigam begrüßte, sondern lediglich Ausdruck einer primitiven Urangst, die alles andere erstickte.
Kein Wunder, dass niemand aus dem Dorf zurückblieb, um zu sehen, ob das Opfer angenommen wurde, dachte der Junge. Die Illusion eines heiligen Rituals wäre bei näherem Hinsehen womöglich nicht aufrechtzuerhalten gewesen.
Plötzlich kam Bewegung in die Wolken am Himmel. Der Junge zog rasch den Atem ein, der Schwefelrauch brannte ihm in der Nase und reizte zum Husten. Ein Krampf erfasste seine Atemwege, er schloss fest die Augen, und die Tränen liefen ihm über die rußverschmierten Wangen, doch er gestattete sich keinen Laut, um die Götter, die bestimmt schon ganz nahe waren, nicht auf sich aufmerksam zu machen, bevor er bereit war. Am Ende hielten sie auch ihn noch für ein Opfer.
Dann war der Anfall vorüber, er unterdrückte einen letzten Hustenreiz und schlug die Augen wieder auf.
Und da waren sie.
Makellos rein waren sie – o diese Reinheit! Kühl und klar hoben sie sich vor dem hellen Himmel ab, Eis gegen Feuer. Ihre Schwingen waren fein geädert wie Insektenflügel, aber unglaublich breit und so stark, sodass sie mit jeder Bewegung Staub- und Aschewirbel erzeugten. Die Körper glänzten wie ein Ozean beim Aufgang des Mondes, und über die Haut tanzten Lichter, blau, violett und in vielen anderen Farben, die der Junge nicht einmal dem Namen nach kannte. Die Schwingen glichen bläulichen Eisflächen, die mit jedem Schlag den verräucherten Wind kühlten. Mit ihrer Hilfe glitten die Götter durch die schwefelverpestete Luft wie Seehunde durch das Wasser. Hinter ihnen blieben brodelnde Giftwolken zurück.
Die Priester lehrten, jeder Sterbliche sei des Todes, wenn er die Götter schaue. Der Junge starrte sie ungeachtet dieser Warnung wie gebannt an, zu groß war seine Sehnsucht, Zeuge ihrer ungeheuren Macht zu werden, sie zu begreifen und schließlich zu besitzen.
Eines der Flugwesen nach dem anderen ließ sich aus den Wolken fallen, schwenkte ein, bis es unter dem ätzenden Rauch war, und flog auf die Kaldera zu. Das Geschrei im Kessel war verstummt. Die Mädchen zitterten immer noch vor Angst, und eine wimmerte leise vor Schmerz, als die mächtigen Schwingen dicht über ihr die rauchige Luft zu Wirbeln und Strudeln peitschten, doch sonst waren sie vor lauter Schock ganz still, eine jede wie gelähmt beim Anblick ihres geflügelten Bräutigams. Selbst der Junge hoch über ihnen konnte sich der Wirkung der Götterpräsenz nicht entziehen. Die Angst ließ ihm das Blut in den Adern gefrieren … doch zugleich spürte er eine seltsame, beklemmende Erregung, so als beobachtete er dieselben Mädchen, wie sie nackt in einer heißen Quelle badeten. Schweigend und wie erstarrt sah er zu, wie ein Wesen nach dem anderen auf die jungen Bräute hinabstieß. Diese schienen ihre Schmerzen vergessen zu haben. Sie sanken zurück auf die heiße Erde und streckten den Kreaturen die Arme entgegen, als wollten sie einen Geliebten empfangen. Die Szene war natürlich grotesk, aber auch faszinierend, und der Junge konnte den Blick nicht davon wenden.
Noch hatte ihn keiner der Götter bemerkt, oder wenn doch, dann hielten sie ihn ihrer Aufmerksamkeit nicht für würdig. Hatte sie jemals einer von seinen Landsleuten so gesehen, war ihnen so nahe gewesen, ohne geopfert worden zu sein? Zum ersten Mal, seit er von zu Hause fortgelaufen war, hielt er es für möglich, so lange am Leben zu bleiben, dass er seinen Plan zu Ende führen konnte.
Und wenn es klappte … wenn es klappte …
Er wagte nicht einmal, daran zu denken.
Eines der Mädchen war offenbar bereits tot, aber er konnte nicht sagen, woran sie gestorben war. Ein riesiger Gott mit kobaltblau und violett schillernden Schwingen war auf sie zugeschossen, als wollte er sie angreifen, nur um sofort wieder hochzuziehen und zu seinen Kameraden zurückzukehren. Dabei hatte er einen Schrei ausgestoßen, der die ganze Kaldera erfüllte. Der Junge war sicher, dass er das Mädchen nicht berührt hatte. Dennoch lag sie so seltsam still und reglos da, wie es nur tote Dinge sein können, als hätte man ihr alle Lebenskraft aus den Gliedern gesogen. Ihr Sterben war so geräuschlos vonstatten gegangen, dass die anderen nichts davon bemerkt hatten. Vielleicht waren sie auch so sehr bemüht, sich ihren Bräutigamen willfährig zu zeigen, dass sie sich einfach nicht darum kümmerten.
Und dann entdeckte der Junge, worauf er gewartet hatte.
Auf dem Rücken eines Gottes saß ein Reiter. Auf den ersten Blick sah er fast aus wie ein Insekt. Arme und Beine steckten in einer blauschwarzen Hülle, die der Haut des großen Wesens so ähnlich war, dass man nur mit Mühe unterscheiden konnte, wo das Tier aufhörte und der Mensch anfing. Zwei kleinere Schwingen, die aus dem Leib des Gottes wuchsen, waren nach hinten um den Reiter gelegt wie der glänzende Panzer einer Insektenpuppe. Genau in diesem Augenblick teilte sich der Kokon, und sein Inhalt kam zum Vorschein: ein Vorgang wie beim Schlüpfen einer Heuschreckenlarve.
Dem Jungen blieb fast das Herz stehen. Für einen kurzen Moment schien die Welt zu erstarren.
Die Mythen sind also wahr, dachte er aufgeregt.
Das Wesen auf dem Rücken des Gottes war ein Mensch. Keiner von seinen Landsleuten, nein, aber doch einem Menschen so ähnlich, dass keine Verwechslung möglich war. Die Haut des Reiters war sehr viel heller als seine eigene, fahl und kränklich wie geronnene Milch. Sein langes Haar war ölig und mit Schmutz verklebt, auch der eng anliegende Harnisch schien in Öl getaucht zu sein, sodass mit jedem Lichtstrahl, der darauf fiel, schillernde Regenbogen über die dunkle Oberfläche tanzten. Der Anblick ließ einen frösteln, aber die Gestalt war ohne jeden Zweifel menschlich. Und das war wichtiger als alles andere.
Der Junge nahm seinen Mut zusammen und holte tief Luft. Jetzt, dachte er. Jetzt ist es so weit.
Er stand auf.
Seine Beine zitterten stärker, als es selbst der anstrengende Aufstieg rechtfertigen konnte. Er fürchtete schon, sich nicht aufrecht halten zu können, und die Landschaft drehte sich schwindelerregend um ihn; doch dann zwang er allein mit seinem Willen die Welt, wieder still zu stehen, und seine zitternden Beine, sein Gewicht zu tragen. Was hatte er denn für eine andere Wahl? Die Götter beobachteten ihn, und wenn er vor ihnen Schwäche zeigte, konnte er sich auch gleich zu den anderen Opfern in den Vulkankessel stürzen und sich verschlingen lassen.
Als er glaubte, seinen Beinen wieder vertrauen zu können, holte er so tief Luft, wie seine gemarterten Lungen es ihm erlaubten, schloss kurz die Augen, um sich zu sammeln, und stieß einen Schrei aus, den kein lebendes Wesen überhören konnte. Wortlos schallte er über die Kaldera und hinein in die brodelnden Wolken.
Die Götter kreisten unbeirrt weiter, aber er wusste, dass sie ihn gehört hatten.
Er schlug die Augen wieder auf und suchte nach dem einen Gott mit dem menschlichen Reiter. Der war als Einziger nicht heruntergeflogen, um zu fressen, sondern kreiste hoch über den anderen. Hatte er ihn gesehen? Würde er seine Worte hören, wenn er ihn anriefe? Unter ihm grollte der Vulkan, und die Bimssteinbrocken unter seinen Füßen bewegten sich leicht. Äußerten sich die Götter in Tönen wie Tiere und Menschen, oder dienten ihnen die Vulkane als Sprachrohr? Man wusste so wenig über sie!
Dann heftete sich das Auge des Reiters auf ihn – menschliche Augen, aufreizend verächtlich –, und er begriff, dass er seine Chance sofort ergreifen musste, sonst wäre sie für immer dahin.
»Nehmt mich mit!«, forderte er. »Ich will den Göttern dienen!«
Es schien zunächst, als hätten ihn weder der Reiter noch sein Tier gehört. Also wiederholte er die Bitte noch lauter.
Wieder grollte der Berg unter seinen Füßen. Ein Schwall heißen, brennenden Schwefelrauchs stieg ihm in die Nase.
»Ich bin stark!«, rief er. »Ich habe die Kälte des Eises und die glühenden Steine der Feuerprobe überlebt! Ich habe den Seelöwen gejagt und dem Schneebären die Stirn geboten! Ich bin tapfer genug, um mich dem Zorn der Erde zu stellen …«
Tapfer genug, hierherzukommen, wollte er sagen. Tapfer genug, um den Opferberg zu besteigen und mich unbewaffnet vor euch hinzustellen, ohne Harnisch, ohne jeglichen Schutz vor dem Zorn der Götter außer meiner hartnäckigen Überzeugung, dass ich ihnen nützlich sein kann.
Die Augen des Mannes waren kalt und starr. Wie Echsenaugen.
Dann wandte er sich ab.
Der Junge heulte vor Wut. Es war der Schrei eines Tieres, der da, von seiner menschlichen Seite ungerufen und ungewollt, aus den Urtiefen seiner Seele hervorbrach. Eines der Mädchen schaute auf, um zu sehen, woher der Laut kam, wandte sich aber rasch wieder den geflügelten Bräutigamen zu. Erkannte sie in ihm den Jungen, mit dem sie herumgelaufen war, mit dem sie gespielt und Geheimnisse geteilt hatte? Oder sah sie nur ein rußgeschwärztes Tier, das den Himmel anbellte wie ein sterbender Seehund unter den Zähnen eines Raubtiers?
Dann schloss einer der Götter seine Klauen um das Mädchen und riss sie vom Boden hoch. Ihr Kopf fiel mit lautem Knacken nach hinten. Offenbar hatten die Götter doch Appetit auf frisches Fleisch.
Keiner von ihnen nahm von dem Jungen Notiz.
Kein einziger.
»Nehmt mich mit!«, brüllte er enttäuscht mit heiserer Stimme. »Ich gehöre zu euch!«
Die Götter hatten abgehoben und strebten wieder den Wolken zu. Einige hielten kleine Mädchengestalten wie schlaffe Puppen in den Klauen. Das Opfer war angenommen worden.
Der Reiter sah sich noch einmal nach dem Jungen um, dann wandte er sich ab. Sein Reittier legte abermals die durchsichtigen Flügel um ihn und schraubte sich höher und höher.
»NEHMT MICH MIT!!!«
Etwas traf den Jungen so hart im Rücken, dass ihm die Luft wegblieb. Beinahe wäre er in den Vulkankessel gestürzt, doch scharfe Klauen erfassten ihn, rissen ihn mit einer Schnelligkeit, die ihn schwindeln machte, von den Füßen und trugen ihn durch die Luft. Die Welt unter ihm schwebte in einzelnen Bildern durch sein Blickfeld, zusammenhanglos, unwirklich, Wirbelströme aus giftigem Rauch, blau-schwarze Schwingen, die über seinem Kopf die Luft bewegten und den Boden nach unten wegstießen, weiter und immer weiter … Hinter dem Land der Sonne erstreckte sich in der Ferne ein riesiges weißes Feld von Horizont zu Horizont. Es hatte kein Ende. Es kannte keine Gnade.
Ich werde euch dienen, gelobte er den Göttern. Besser als jeder andere. Ihr werdet schon sehen.
Doch die Götter antworteten nicht.
Und so geschah es, dass die Ersten Könige den Wunsch verspürten, allen Menschen ihre Macht und Größe kundzutun. Also ließen sie riesige Türme bauen, einen größer als den anderen. Die Türme wurden so hoch, dass sie mit der Spitze die Wolken berührten, und die Könige erklärten: »Sehet! Die Götter selbst legen Zeugnis ab für unsere Größe.« Dennoch hörten sie nicht auf zu bauen, denn jeder König wollte, dass sein Turm der größte und prächtigste von allen sei.
Und jeder Herrscher ließ aus den feinsten Seidenstoffen in seinem ganzen Reiche Fahnen nähen und an seinen Turm hängen. Die Außenmauern wurden mit Gold und Silber verkleidet und mit funkelnden Edelsteinen geschmückt, und von den oberen Balkonen sollten die besten Musikanten nicht nur von morgens bis abends, sondern auch die ganze Nacht hindurch ihre Lieder erschallen lassen, auf dass jeder Untertan, der aus dem Schlaf erwachte, die Weisen höre und an die Größe seines Königs erinnert werde.
Und die Felder der Ersten Könige lagen brach, denn es mangelte an Knechten, sie zu bestellen; und die Herden der Ersten Könige verhungerten, denn es mangelte an Hirten, sie zu füttern.
Und der Schöpfer schaute vom Himmel herab, beobachtete das Treiben der Ersten Könige und sah, wie sie in ihrer Vermessenheit das Land verwüsteten.
Und Er sprach: »Genug!«
Das Buch der Buße
Die Sünden 7:15-19
Am Nachmittag war es im Bergwald kühl gewesen, und man brauchte keine Zauberkräfte, um eine frostige Nacht vorauszusagen. Nach Westen hin brannte die Sommerhitze unerbittlich auf die weiten Ebenen nieder, über viele Morgen verdorrten die Felder, dort stiegen Staubwolken zum Abendhimmel empor und färbten ihn rostrot. Aber hier in den Bergen war man wie in einer anderen Welt: Im kühlen, würzig duftenden Schatten der Kiefern verging selbst im tiefsten Sommer kaum ein Abend ohne eine kühlende Brise, und der heutige war keine Ausnahme.
Beide Monde standen jetzt am Himmel, eine schmale Sichel im Westen und eine fast volle Scheibe dicht über dem Horizont im Osten; ihr Licht fiel durch die dichten Äste und zeichnete Schattenflecken auf den Boden. Friedlich. Zeitlos. Aethanus sammelte Canthus-Blätter. Er hielt ein paar Minuten inne und beobachtete, wie die Schatten langsam ostwärts krochen, bevor er die Suche fortsetzte. Mit wachsender Dunkelheit wurde die Sicht schlechter, und er war kurz in Versuchung, etwas Licht zu beschwören, um sich die Arbeit zu erleichtern. Doch diese Anwandlung ging rasch vorüber. Früher hätte er so etwas getan, ohne darüber nachzudenken, heute hingegen nicht mehr. Eine Lampe anzuzünden war viel weniger aufwendig, und niemand brauchte dafür zu sterben.
Der scharfe Minzgeruch der Pflanze erfüllte die Lichtung. Seltsam, wie viel Freude ein solcher Duft bereiten konnte, dachte er. Einst hatte er alle Macht, allen Reichtum besessen, die sich Morati-Menschen nur erträumen konnten … doch nichts von alledem hatte ihn so befriedigt wie dieser einfache Geruch und der tiefe Friede eines Abends in den Bergen.
Endlich hatte er so viel gesammelt, wie er tragen konnte. Er erhob sich, reckte sich und kehrte im schwachen Schein der Laterne zu seinem Haus zurück.
Die Frau lag schon seit vielen Tagen auf einem Notbett in der hintersten Ecke seines Häuschens und schlief. Er hatte ihre gebrochenen Knochen mittels der Verfahren der Morati sorgfältig eingerichtet – mit Zauberei hätte er die Verletzungen natürlich schneller heilen können, aber er verabscheute jegliche Verschwendung. Außerdem hielt er es für lehrreich, wenn seine junge Schülerin ihre Heilung so langsam und unter Schmerzen erlebte wie eine Morata. Vielleicht lernte sie dadurch, vorsichtiger zu sein.
Wenn es bei ihr nur jemals so einfach wäre, dachte er zynisch.
Als er vorbeiging, um ein paar frische Canthus-Blätter in den Teekessel über dem Feuer zu werfen, bemerkte er, dass sie ihre Lage verändert hatte. Dann sah er, dass eine der Binden, die er um ihren Arm gewickelt hatte, so sauber wie mit einem scharfen Messer in der Mitte durchtrennt worden war, um das Glied freizulegen; der Bluterguss war verschwunden, und der gebrochene Knochen schien wieder heil zu sein. Sie war also aufgewacht, während er sich draußen aufgehalten hatte, zumindest für ein paar Minuten, und sie war so weit bei klarem Verstand gewesen, dass sie Zauberei einsetzen konnte. Das hieß wahrscheinlich, dass alle ihre Knochen wieder ganz und auch alle anderen Spuren der beinahe tödlichen Konfrontation getilgt waren. Geduld war offensichtlich nie ihre Stärke gewesen.
Er warf ein paar Canthus-Blätter in den Topf, stellte ihn beiseite, damit das Kraut ziehen konnte, und sah zu, wie der Dampf vom heißen Wasser aufstieg. Er wollte ihr Gelegenheit geben, als Erste zu sprechen, wenn ihr der Sinn danach stand. Als das Wasser endlich ein tiefes Goldbraun angenommen hatte und der Geruch die kleine Hütte durchzog wie ein starkes Parfüm, füllte er zwei Tassen, blies sachte darauf und ging damit zu Kamala.
Ihre Lider waren halb geöffnet, aber ihr Blick war noch verschwommen; sie war wach, aber noch nicht vollends bei sich.
»Hier«, sagte er. Er ließ ihr Zeit, die Tasse mit Canthus-Tee ins Auge zu fassen und sich mühsam aufzusetzen. Als sie ihm die Tasse abnahm – ihre Hände zitterten leicht, denn sie gebrauchte sie zum ersten Mal seit Tagen –, griff er nach einem Stück Papier, das schon seit Längerem daneben auf dem Tisch lag. »Und hier«, sagte er und reichte es ihr. Dann zog er einen Stuhl heran und setzte sich neben sie.
Sie wollte an der Tasse nippen, doch verriet ihre Miene, dass ihr der Tee zu heiß war. Schon sah er die Macht über der Oberfläche flimmern. Sie hatte zur Kühlung ein wenig Seelenfeuer beschworen. Wie selbstverständlich sie einem anderen Menschen die Lebenskraft entzog, dachte er, nur um sich selbst einen einzigen Atemzug zu sparen. Zugleich wusste er im Innersten, dass ein solcher Akt keineswegs selbstverständlich für sie war, sondern ihr sehr viel bedeutete, denn er war nur möglich geworden durch die Überwindung der Grenzen, die ihrem Geschlecht gesetzt waren. Einen Moratus zu töten, um eine Tasse Tee zu kühlen – ein solcher Luxus war nur einigen wenigen Auserwählten vorbehalten.
Den Göttern sei Dank dafür, dachte er.
Er sah, wie die Farbe langsam in ihre Wangen zurückkehrte, als ihr der Tee das Blut erwärmte; das Minzkraut würde ihr auch den Kopf klar machen. Er bemerkte ein paar helle Sommersprossen auf ihrer Stirn, Erinnerungen an ein sonnigeres Klima. Für einen kurzen, verwirrenden Moment verspürte er Eifersucht.
Doch worauf?
Ihre Hand zitterte noch immer ein wenig, als sie die Tasse abstellte. Dann wandte sie sich dem Blatt in ihrer Hand zu und starrte es so lange verständnislos an, als hätte sie das Lesen verlernt.
Endlich wurde die Schrift scharf, und sie runzelte die Stirn. »Was ist das?«
»Eine Liste all der unerfreulichen Dinge, die ich dir hätte antun können, während du schliefst. Immer vorausgesetzt, ich hätte dich wegen deiner früheren Verbrechen nicht umgehend an die anderen Magister ausgeliefert. Nimm es als Warnung. Es könnte dir übel bekommen, noch einmal als gesuchte Verbrecherin halb tot vor der Tür eines Magisters aufzutauchen.« Er nahm einen kleinen Schluck aus seiner Tasse und beobachtete, wie sie die Liste überflog. Zu seiner Überraschung begehrte sie nicht auf und suchte auch keine Ausflüchte, sondern fragte nur leise: »Sind wirklich so viele hinter mir her?«
»Seit du hier bist, wurden mindestens ein Dutzend Suchzauber auf dich angesetzt, und einige davon haben den Weg bis in diesen Wald gefunden. Ich will nicht behaupten, dass meine Schutzschilde ihnen nicht gewachsen wären, aber ich wüsste doch gerne, gegen wen oder was ich dich verteidige. Und warum ich das tun sollte.«
Sie senkte die Tasse und schloss die Augen. Ein Zittern durchlief ihren Körper. »Jagen sie mich, weil ich diesen Magister getötet habe? Oder aus einem anderen Grund?«
»Wissen sie denn, dass du dafür verantwortlich warst?«
»Ich glaube, ein Magister weiß Bescheid. Er könnte es weitergegeben haben.«
Er seufzte und lehnte sich in seinem Stuhl zurück; das alte Holz knarrte unter seinem Gewicht. »Und welcher?«
»Spielt es eine Rolle?«
»Könnte sein.«
»Colivar.«
Er murmelte etwas vor sich hin. Es hätte ein Fluch sein können.
»Schlimm?«
Er stand auf, trat ans Feuer und rührte zum Schein im Teekessel, damit sie sein Gesicht nicht sah. »Colivar pflegt seine Geheimnisse für sich zu behalten«, sagte er endlich. »Es ist unwahrscheinlich, dass er den anderen die Wahrheit über dich verrät, es sei denn, er verspräche sich einen Vorteil davon. Und er wird dich nicht allzu schnell zur Strecke bringen, wenn er glaubt, dass es unterhaltsamer ist, sich dabei Zeit zu lassen.« Er sah sie scharf an. »Aber er hält sich wie alle anderen an das Magistergesetz. Vergiss das nie. Und wenn er dich noch eine Weile am Leben lässt, dann nicht etwa, weil er es gut mit dir meint.«
Sie nickte ernst.
Aethanus drehte sich wieder um und sah sie streng an. »Du hast mich in Gefahr gebracht, indem du zu mir kamst. Hast du mir nicht versprochen, so etwas niemals zu tun? Unter den Magistern gibt es einige, die nicht nur deinen, sondern auch meinen Tod fordern würden, wenn sie wüssten, dass ich dich aufgenommen habe.«
»Ich weiß«, flüsterte sie. »Es tut mir leid. Aber ich wusste nicht, wo ich sonst hin sollte.«
Wenn sie ihm widersprochen hätte, hätte er vielleicht etwas zu sagen gewusst. So aber schwieg er. Er kannte seine Schülerin als heißblütig und trotzig, deshalb kam ihm diese ausgelaugte, mutlose Frau fremd vor.
Allerdings war sie auch nicht mehr seine Schülerin. Das musste er sich immer wieder in Erinnerung rufen, wenngleich sie selbst es gern vergaß. Sobald ein neuer Magister in die Welt hinausgeschickt wurde, war er – oder sie – ganz allein auf sich gestellt und konnte nicht erwarten, dass jemand aus der Bruderschaft ihm half, ihm Zuflucht gewährte oder auch nur seine Anwesenheit duldete, es sei denn, derjenige hätte einen Vorteil davon gehabt. Und selbst dann war nicht gewährleistet, dass ein sogenannter Verbündeter nicht einen Augenblick der Schwäche nutzen würde, um sich einen noch dauerhafteren Vorteil zu verschaffen. Im Rahmen des Kodex, nach dem sie alle lebten, hätte sie nichts Törichteres tun können, als in ihrem Zustand vor seiner Schwelle zu stehen. Nachdem sie das eine Gesetz gebrochen hatte, das zu halten sie alle geschworen hatten.
Aber du bist eben ohne Beispiel, meine heißblütige kleine Hure. Wer weiß, ob du uns nicht noch eine ganze Schar von anderen Überraschungen bereitest. Ich ahnte das schon, als ich dich damals zu meiner Schülerin nahm. Also ist es meine eigene Schuld, wenn du mich jetzt in Schwierigkeiten bringst, nicht wahr?
Mit einem Seufzer setzte er sich wieder neben sie. Das rote Haar war nicht mehr so ungebärdig wie zu der Zeit, als sie ihn verlassen hatte. Inzwischen hatte es eine Länge, die fast weiblich zu nennen war, die glänzenden Locken reichten ihr bis knapp über die Schultern. Natürlich würde sie es wieder abschneiden, sobald ihr das auffiel.
Ironischerweise erhöhten ihre wiederholten Anstrengungen, jedes Interesse an ihrem Aussehen zu leugnen, nur ihren Reiz. Mit langem, sauber gebürstetem und zu einer weiblichen Frisur geflochtenem Haar wäre sie vielleicht eine attraktive Frau gewesen, aber mehr auch nicht. In diesem Zustand war sie mehr. Irgendwie urwüchsig, elementar, dachte er. Eine Naturgewalt.
»Es könnte sein, dass nicht alle dieser Suchzauber wussten, gegen wen sie gerichtet waren«, sagte er schroff. Er bemühte sich, so wenig Mitgefühl wie möglich in seine Stimme zu legen, aber alte Gewohnheiten waren zäh. »Wer deinen Handlungen nachzugehen versucht, ohne deren Urheber genau zu kennen, könnte auch ein wenig Macht hierherschicken, um nach Antworten zu suchen. Und ich könnte das als Eindringen in mein Territorium werten und den Sucher abweisen. Daran würde niemand etwas finden.« Er seufzte wieder und nahm einen weiteren Schluck Tee. »Kann ich aus deiner Frage schließen, dass du noch etwas angestellt hast, worüber andere Bescheid wissen möchten? Außer dem Tod dieses Magisters?«
Sie presste die Lippen aufeinander und nickte.
»Noch ein Bruch des Magistergesetzes?«
»Nein, Meister Aethanus.« Jetzt flüsterte sie nur noch.
»Was dann? Und denk bitte daran, ich bin nicht mehr dein Meister.«
Anstelle einer Antwort streckte sie den Arm aus. Über ihrer Handfläche entstanden feurige Funken und verdichteten sich zum Bild eines seltsamen Wesens mit einem Körper wie eine lange schwarze Schlange und Flügeln wie von einer Libelle.
Die Erkenntnis traf Aethanus wie ein Schlag gegen die Brust. Die Stimme versagte ihm.
Sie sagte: »Prinz Andovan bezeichnete es als Seelenfresser.«
Er hatte noch nie ein solches Wesen gesehen, hatte aber so viele alte Mythen gehört, dass er es sofort erkannte. Und beim Gedanken an das Ende dieser Mythen gefror ihm das Blut in den Adern.
»Was hast du mit diesem … Ding zu tun?«
»Ich habe damit gekämpft«, erklärte sie. »Ich habe getan, was Ihr mich gelehrt habt, und auf die Gelenke gezielt, wo der Panzer am schwächsten war. Und es hat gewirkt.« Allmählich kehrte etwas von dem alten Trotz in ihre Stimme zurück. »War es etwa falsch, mit dieser Nachricht hierherzukommen? War sie es nicht wert, den Flüchtling so lange aufzunehmen, bis er wieder bei Kräften war und von seinen Erlebnissen berichten konnte?«
»Du hast das Wesen getötet?«
»Nein. Es wäre möglich gewesen, aber …« Sie schloss kurz die Augen und rief sich das Geschehen ins Gedächtnis zurück. Alles war verschwommen, vor allem die letzten entsetzlichen Momente. »Andovan muss gestorben sein, während ich kämpfte. Das ist die einzige Erklärung.«
»Andovan?«
»Mein Konjunkt.«
Er pfiff entsetzt durch die Zähne. »Du hast den Namen deines Konjunkten in Erfahrung gebracht?«
Erstaunt sah er, dass sie rot wurde. »Genau genommen nicht nur seinen Namen.«
»Was noch?«, wollte er wissen. Er war fasziniert und angewidert zugleich. Wer konnte einen Menschen töten, dessen Namen er kannte? Wer war imstande, ihm in die Augen zu schauen, während er ihm seine Lebensenergie entzog? Und was mochte ein solches Erlebnis in der Seele eines Magisters anrichten?
»Genug, um zu erkennen, dass Ihr recht hattet«, sagte sie in ungewohnter Demut. »Wir sollten niemals die Namen der Menschen erfahren, denen wir das Leben stehlen, denn es könnte unsere Entschlossenheit schwächen. Eine weniger starke Seele hätte die Prüfung womöglich nicht bestanden.« Sie sah ihn an, und ihr Blick war hart wie Diamant; der Schmerz flackerte nur so kurz darin auf, dass er ihm fast entgangen wäre. »Aber ich bin noch am Leben, nicht wahr? Ich war also stark genug. Und nur das allein zählt, richtig?«
Oder selbstsüchtig genug, dachte er. Blutrünstig genug. Gleichgültig genug. Nur diese Eigenschaften sind für unseresgleichen von Bedeutung.
»Du wirst nicht lange am Leben bleiben, wenn du dich nicht von den Magistern fernhältst. Und damit meine ich auch mich.« Seine Stimme klang rau. »Es war töricht von dir, im Vertrauen auf mein Mitgefühl hierherzukommen. Ich hätte dich für klüger gehalten.«
Ihre Augen blitzten zornig auf. »Und ich hätte Euch für klüger gehalten. Glaubt Ihr wirklich, ein Magister, der durch Eure Schule gegangen ist, würde sich nur auf Sympathie und Menschlichkeit verlassen? Vielleicht ist Eure Schülerin stattdessen davon ausgegangen, dass ihre Begegnung mit einem mythischen Wesen Eure Neugier reizen könnte. So sehr, dass Ihr sie aufnehmen würdet, bis sie fähig wäre, Euch von ihren Erlebnissen zu erzählen? Steht das nicht im Einklang mit Euren Lehren? Dass Wissen das gültige Zahlungsmittel unter Magistern sei? Dass ein Zauberer um neuer Erfahrungen willen Risiken eingehen würde, zu denen ihn nichts sonst bewegen könnte? Oder habe ich auch diese Lektion missverstanden, Meister?«
Er schwieg eine Weile. Und musste sich sehr beherrschen, um keine Miene zu verziehen. Sie durfte nicht erraten, was in ihm vorging. Endlich ging er zu seinem Schreibpult, nahm einen Stapel leerer Blätter, eine Feder und ein Tintenfass und brachte es ihr. »Schreib alles auf, was du gesehen hast.« Er legte ihr das Papier in den Schoß. Das Schreibzeug stellte er auf den Tisch neben ihrer Bettstatt. »Und füge auch ein magisches Abbild des Seelenfressers bei, damit ich es später in aller Ruhe studieren kann.« Diesmal wich er ihrem Blick aus; vielleicht fürchtete er, seine Augen könnten zu viel verraten. »Wenn du morgen früh damit fertig bist, bringe ich dich zu den Magistern, damit sie ihr Urteil über dich fällen. Das ist meine Pflicht.« Er hielt inne. »Versuche nicht, dieses Haus vorher zu verlassen, Kamala.«
»Versprochen, Meister Aethanus.« Ihr Tonfall klang nach bedingungslosem Gehorsam. Natürlich. Wo es um das Magistergesetz ging, wäre kein anderer Tonfall zulässig.
Er hätte sie so gerne noch einmal angesehen, um sich ihr Bild für immer einzuprägen. Doch er versagte es sich, denn dieser Wunsch kam aus seinem Herzen.
»Sollten sie dich auf freien Fuß setzen«, fuhr er fort, »was ich für sehr unwahrscheinlich halte, dann meide die Nordlande. Insbesondere die magische Barriere, die die Seelenfresser zurückhält und von den Bewohnern dort als ›Heiliger Zorn‹ bezeichnet wird. Ich habe gehört, sie kann jeden Zauber heillos durcheinanderbringen, und nur wenige Magister suchen diese Region auf, ohne triftige Gründe dafür zu haben.«
»Verstehe«, sagte sie leise und nickte.
»Wenn allerdings ein Magister die Geheimnisse der Nordlande in Erfahrung brächte, hätte er damit einen Schatz, der für unsere Bruderschaft von großem Wert wäre. Einen Schatz, mit dem er sich später Unterstützung in … schwierigen Unternehmungen erkaufen könnte.«
»Ich werde es mir merken«, versprach sie.
Irgendwann sollte ich dein Vertrauen wirklich enttäuschen, dachte er. Nur um dir zu zeigen, dass es möglich ist. Bin ich ein schlechter Lehrer, wenn ich das unterlasse?
Er hätte sie so gerne noch länger bei sich behalten! Um ihre eigenwillige Schönheit zu genießen, in einer Weise in ihrem jugendlichen Trotz zu schwelgen, wie es nicht möglich gewesen war, solange sie noch schlief … aber das war zu gefährlich geworden. Wenn ihre Verfolger ihr jemals nahe genug kämen, um ihre Erinnerungen zu belauschen, durften sie keine solche Schwäche in ihm entdecken. Er strapazierte die Grenzen des Magistergesetzes ohnehin schon über Gebühr; die anderen Magister durften auf keinen Fall Verdacht schöpfen, wie stark seine Bindung an sie war.
Ganz zu schweigen davon, dass er sich seine Gefühle dann auch selbst eingestehen müsste.
»Ich werde dafür sorgen, dass du ein gerechtes Verfahren bekommst«, sagte er streng. »Mehr kann ich nicht für dich tun.«
Und nur so kann ich dir Lebewohl sagen.
»Verstehe«, flüsterte sie. Auch sie sagte ihm nicht Lebewohl.
Das ist gut so, dachte er. Worten ist nicht immer zu trauen.
Schweigend wandte er sich zur Tür und nahm eine Laterne vom Haken. Hinter ihm raschelte kein Pergament, kein Tintenfass wurde geöffnet, keine Feder kratzte leise über das Papier. Hätte man ihm eine solche Aufgabe gestellt, er hätte die ganze Nacht geschrieben, bis ihn die Finger geschmerzt hätten. Er hätte die Gelegenheit genützt, seine Erlebnisse noch einmal an sich vorüberziehen zu lassen und vielleicht eine wertvolle Lehre daraus zu ziehen. Sie wiederum würde die Aufgabe binnen eines Lidschlags mit Zauberei erledigen – und dann zu wichtigeren Dingen übergehen.
Nichts ist wichtiger als Wissen, dachte er. Und besonders das Wissen über sich selbst.
Mit einem tiefen Seufzer trat er in die Nacht hinaus, um später, falls man ihn danach fragte, aufrichtig sagen zu können, er habe sie nicht fortgehen sehen.
Er kam ohne großen Pomp, ohne Diener, ohne Garde. Ein Dutzend Mönche in schlichten wollenen Kutten schritten auf das Palasttor zu, und er war einfach einer von ihnen, im gleichen groben Gewand und wie die anderen nach der langen Reise mit Staub bedeckt.
Die königliche Garde, seit Dantons Tod ständig in Bereitschaft, versammelte sich am Tor, als die kleine Gruppe näher kam. Ein Außenstehender hätte vielleicht geschmunzelt. Man konnte sich kaum vorstellen, dass eine solche Gesellschaft furchterregende Waffen mit sich führen sollte, aber bei Hofe war man ohne den Schutz eines Magisters nervös. Zwar hatten ein Dutzend Hexer und Hexen gelobt – für so viel Gold, dass sie ihre Gabe nie wieder verkaufen mussten –, den Machtwechsel abzusichern, doch den Gardisten genügte das offensichtlich nicht.
»Halt!«, rief der Hauptmann der Garde, als die Mönche das Tor erreichten.
Alle bis auf einen gehorchten. Dieser eine, ein hochgewachsener Mann, ging weiter und blieb erst in wenigen Schritten Abstand vor seinen Begleitern stehen.
»Halt!«, rief der Hauptmann abermals. Hinter ihm fassten seine Männer die Lanzen fester und überlegten, was sich unter den Kutten verbergen mochte.
Dann fasste der Mönch an der Spitze mit beiden Händen die Kapuze, die seine Züge überschattete, und schob sie langsam zurück. »Meldet Ihrer Majestät, Salvator Aurelius, der Sohn des Danton Aurelius, sei zurückgekehrt.«
Dem Hauptmann fiel die Kinnlade herunter. Es war fast vier Jahre her, seit Dantons Zweitgeborener zum letzten Mal bei Hofe gesichtet worden war, und in dieser Zeit hatte er sich sehr verändert. Der schlaksige Jüngling, der einst ausgezogen war, um geistige Erleuchtung zu finden, war auf seiner Reise zum Mann geworden. Nun ging eine gelassene Ruhe von ihm aus, die so wenig zu dem jungen Prinzen von damals passte, dass der Hauptmann im ersten Augenblick daran zweifelte, ob es sich um ein und dieselbe Person handelte.
Doch dann hefteten sich die schwarzen Augen auf ihn, so durchdringend und verwirrend, wie auch Dantons Blick gewesen war, und der Hauptmann stammelte in tödlicher Verlegenheit eine Entschuldigung, kniete vor dem Prinzen nieder und bedeutete den anderen Gardisten, seinem Beispiel zu folgen. Währenddessen lief ein Mann in den Palast, um Salvators Ankunft zu melden.
Salvator sagte nichts, sondern bedeutete seinen Begleitern lediglich, ihm durch das Palasttor zu folgen. Zehn Schritte zuvor waren die anderen Mönche noch seinesgleichen gewesen, nun reihten sie sich hinter ihm ein und wurden zu seinem Gefolge.
Als sie den Eingang erreichten, hatte sich die Nachricht bereits herumgesprochen, und die sichtlich überraschten Diener hasteten umher und suchten verzweifelt den Anschein zu erwecken, als hätten sie ihn längst erwartet. Die Beflissenheit, mit der sie sich bemühten, ihm einen gebührenden Empfang zu bereiten, hätte ihm zuwider sein müssen … tatsächlich fühlte er sich jedoch geschmeichelt.
Er gelobte, für diese Anwandlung von sündigem Stolz später Buße zu tun.
Die großen Eichentüren öffneten sich wie von selbst. Die Diener, die ihn hineingeleiteten, glaubten wohl, alle anderen Nachlässigkeiten würden ihnen verziehen, wenn sie sich nur tief genug verneigten. Ein wenig beunruhigend fand er, dass er so selbstverständlich vorbeiging, ohne in irgendeiner Form von ihnen Notiz zu nehmen. Es war, als hätte sich mit dem Betreten des Palastes seine alte Persönlichkeit über ihn gebreitet und verdeckte nun den Mann, zu dem er sich mit so viel Mühe hatte entwickeln wollen. Ob das gut war? Sein Vater hätte die Frage bejaht, er selbst war nicht so sicher.
Er ging so weit in den Raum hinein, dass die Mönche hinter ihm ebenfalls eintreten konnten. Als sich die großen Türen hinter ihnen schlossen, näherten sich Schritte, die Salvator vertraut waren. Die wartenden Diener sahen betont zur Seite, als fürchteten sie, mit einem direkten Blick den königlichen Erben zu verärgern.
Vielleicht hatten sie auch Angst vor seinem Gott, überlegte er.
Im Gegensatz zum übrigen Palastgesinde wirkte der Schlossvogt, der nun eintrat, unerschütterlich ruhig. Jan Cresel erschien älter, als Salvator ihn in Erinnerung hatte, ansonsten hatte er sich kaum verändert. Als Kinder hatten Salvator und die anderen Prinzen immer wieder mit allen Mitteln versucht, den Mann aus der Fassung zu bringen. Es war ihnen niemals gelungen. Selbst wenn der ganze Palast zusammenbräche und das gewaltige Dach über seinem Kopf einstürzte, würde Cresel um kein Jota weniger beherrscht und gelassen auftreten als heute.
»Prinz Salvator.« Er verneigte sich genau so tief und in dem Winkel, wie es das Protokoll für die Begrüßung eines künftigen Königs vorschrieb. »Ihre Majestät ist erfreut über Eure Rückkehr.«
Salvator drehte sich ein Stück weit zur Seite, um Cresels Aufmerksamkeit auf seine Begleiter zu lenken. »Die Brüder haben mich begleitet, um mich unterwegs vor Ärger zu bewahren. Ich nehme doch an, dass sie im Palast willkommen sind.«
»Gewiss. Es ist uns eine Ehre, die frommen Brüder als Gäste zu bewirten.« Er nickte den Mönchen höflich, aber keineswegs unterwürfig zu. »Es war ein weiter Weg; Ihr seid sicherlich müde und durstig.« Er winkte, und sofort trat ein Diener vor. »Du sorgst dafür, dass sie angemessen untergebracht und mit Speise und Trank versorgt werden.« Er wandte sich wieder an Salvator. »Haben Eure Begleiter sonst noch Wünsche?«
»Das ist vorerst alles.« Wie leicht man doch in die alte Rolle zurückfiel. Sie glich einem einst viel getragenen, doch jahrelang vergessenen Gewand, das aber immer noch wie angegossen saß, als er es nun wieder überstreifte. Das hätte er nicht erwartet.
»Dann werden sich Eure Hoheit vor der offiziellen Audienz sicherlich erfrischen wollen. Wenn Ihr gestattet, zeige ich Euch Eure Gemächer.« Normalerweise übernahm der Vogt solche Aufgaben nicht selbst, doch in diesem Fall hielt er dies offenbar für angebracht. Vielleicht wollte er Salvator auch nur signalisieren, dass er seinen Platz in der neuen Weltordnung mit Mönchskutten und allem widerspruchslos annahm. Womöglich waren nicht alle Diener dazu bereit, und er legte Wert darauf, ihnen ein Beispiel zu geben.
»Nicht nötig, Meister Cresel. Ich fand die Reise sogar recht anregend. Wo ist meine Mutter?«
Die Miene des Vogts machte deutlich, dass er auf diese Wendung und andere Überraschungen, mit denen der junge Prinz aufwarten mochte, durchaus vorbereitet war. »Sie erwartet Euch, Hoheit.« Er forderte Salvator mit einer leichten Drehung auf, ihm zu folgen. »Ich bringe Euch zu ihr.«
Dantons Palast sah fast noch genauso aus, wie Salvator ihn in Erinnerung hatte … und doch hatte sich vieles verändert. Die Säle waren aus demselben grauen Stein und die Außenmauern so dick und fensterlos wie bei einer Burg – tatsächlich hatte der Wohnturm in der Mitte als Festung gedient, als diese Region noch die weiche Flanke eines neu errichteten Reiches schützen musste –, doch die Ecken wirkten nicht mehr so düster, und die verblichenen, uralten Teppiche, die an den Wänden gehangen hatten, so lange Salvator denken konnte, waren entweder ersetzt oder gereinigt worden. So gefiel es ihm besser, dachte er und spürte einen Anfall von schlechtem Gewissen, auf den er nicht gefasst war. Als wäre es beinahe so etwas wie Verrat, Veränderungen gutzuheißen.
Jeder König kann seine Habseligkeiten makellos aufpolieren lassen, wenn er einen Magister hat, hatte Danton seinem Sohn einst erklärt. Wenn ihm der Sinn danach steht, kann er sie sogar in reines Gold verwandeln lassen. Doch Geschichte, Überlieferung … das kann kein Zauberer nachahmen. An solchen Dingen bemisst sich wahrer Reichtum. Die Großkönigin hatte sich zu Dantons Lebzeiten gefügt – verständlicherweise. Aber Salvator zweifelte nicht daran, dass sie bei Anbruch der Trauerzeit ein wahres Heer von Putzkräften mobilisiert hatte, die den Palast säubern mussten. Was von den Dekorationen zu sehr verblichen war, hatte sie wohl einlagern oder von Hexen in seinen ursprünglichen Zustand zurückversetzen lassen. Die Verwandlung des Heims seiner Kindheit von einem düsteren Wohnturm in ein glanzvolles Stadtschloss war erfrischend und – unerklärlich – verwirrend zugleich.
Großkönigin Gwynofar erwartete ihn im Audienzsaal. Wie der Palast, so erschien auch sie ihm seit seiner Kindheit kaum verändert und doch ganz anders geworden. Der Kummer der letzten Monate hatte ihr die Röte aus den Wangen geraubt, und obwohl sie gerade jetzt vor Herzlichkeit und Wiedersehensfreude strahlte, spürte er die Schwermut hinter ihrem Lächeln. Sie trug natürlich Schwarz – in mehreren Schichten übereinander, als müsse jeder Verlust eigens betrauert werden. Die Säume hatte sie absichtlich eingerissen. Vor der dunklen Kleidung wirkte ihre helle Haut so durchsichtig wie bei einer Porzellanpuppe. Schon in glücklicheren Zeiten hatte ihn ihre Zartheit immer wieder in Erstaunen versetzt, denn er hatte erlebt, wie sie an der Seite seines Vaters regierte – wie sie Dantons mörderische Wutanfälle über sich ergehen ließ und seine schlimmsten Exzesse verhinderte –, und wusste, aus welch hartem Holz sie geschnitzt war. Kaum jemand, der nicht zur Familie gehörte, kannte ihre Stärke. Und diese Unwissenheit hatte Danton zu seinem Vorteil genützt. Viele vornehme Staatsgäste waren von Gwynofars ätherischer Schönheit wie verzaubert gewesen und hatten ihr Geheimnisse zugeflüstert, die sie Danton selbst niemals offenbart hätten. Und sie hatten sich auch noch der Illusion hingegeben, die Königin würde sie nicht sofort nach ihrer Abreise ihrem Gemahl weitererzählen. Salvator hatte das immer für töricht gehalten, doch Danton hatte ihm versichert, es sei eine verbreitete Schwäche unter Männern, in Gegenwart einer schönen Frau alle Vorsicht zu vergessen.
Und schön war sie, das war nicht zu bestreiten. Selbst in mittleren Jahren und in ihren schwarzen Trauergewändern wirkte sie hoheitsvoll und elegant. Wer sie zum ersten Mal sah, achtete vor allem auf das goldene Haar, das ihr wie ein Wasserfall bis über die Hüften fiel, und auf die klaren blauen Keirdwyn-Augen. Die ersten Altersfältchen um die Augenwinkel betonten deren Tiefe und verschönten das Gesicht eher, als dass sie es entstellten. Manche Männer würden für solche Augen in den Tod gehen, dachte er. Einige hatten es wahrscheinlich auch getan.
Sobald sie ihn erblickte, streckte sie ihm unwillkürlich die Arme entgegen: die Geste einer Mutter. »Salvator!« Dann hielt sie plötzlich inne, weil ihr einfiel, was er war; und sie ließ die Hände hilflos sinken, obwohl sie sich erkennbar danach sehnte, ihn an sich zu drücken. »Vergib mir. Deine Gelübde …«
»Ich habe mich zu entschuldigen, Mutter.« Wie fremd die Anrede aus seinem Munde klang. Er hatte mit einem Mal das schwindelerregende Gefühl, zwischen verschiedenen Welten zu hängen und in keiner richtig Fuß fassen zu können. »Aber ich muss mich so lange an meine Gelübde halten, bis ich davon befreit werden kann, ja, und das bedeutet auch, keinerlei Körperkontakt zu Frauen.« Er lächelte schwach. »Nicht einmal zu meiner Mutter.«
Was hielt sie wirklich von seinem Glauben? Die Meinung der Büßermönche über die Protektoren und ihren Auftrag war alles andere als schmeichelhaft. Hatte sie das in Betracht gezogen, als sie ihn zur Rückkehr aufforderte, oder hatte sie gehofft, dass solche Dinge ihre Bedeutung verlören, wenn er seine Priestergewänder ablegte? Er brauchte die Frage nicht ausdrücklich zu stellen – er kannte die Antwort ohnehin. Großkönigin Gwynofar hatte alle Möglichkeiten abgewogen, bevor sie ihr zweites Kind nach Hause holte. Sie wusste, worum es seiner Religion ging. Sie kannte das Risiko. Und dennoch hatte sie sich für ihn entschieden.
Und nun war er an diesem fremden Ort, der nicht mehr seine Heimat war und wo er selbst in den Steinen unter seinen Füßen die Gegenwart seines Vaters zu spüren glaubte. Du hast einen großen Traum verwirklicht, dachte er, an Danton gerichtet, und diesem Kontinent Frieden gebracht, wenn auch einen Frieden durch das Schwert. Ich hätte dein Erbe lieber Rurick überlassen, aber da er es nicht mehr antreten kann, werde ich mein Bestes tun.
Gwynofar wies lächelnd auf einen Tisch, auf dem eine große Messingplatte mit Brot und Käse und eine zweite mit Lammbraten sowie mehrere schwere Zinnkrüge und ein passender Becher standen. Das Angebot war beeindruckend, wenn man bedachte, dass sie erst kurz vorher von seiner Ankunft erfahren hatte. Offensichtlich hatte sie seine Rückkehr erwartet und sogar in ihre Pläne mit einbezogen, dass er sich die üblichen Formalitäten beim Empfang ersparen würde. So hatte sie es auch bei Danton gehalten, erinnerte er sich, sie hatte seine Wünsche stets vorausgeahnt. Noch eine Eigenschaft an ihr, die Fremde oft unterschätzten.
»Ich wusste nicht, wie hungrig du sein würdest«, sagte sie, »deshalb habe ich von allem etwas anrichten lassen.«
Er war tatsächlich hungrig, und angesichts eines solchen Festmahls meldete sich sein Magen. Nur mit Mühe beherrschte er sich und schickte ein Dankgebet an seinen Gott für diese Prüfung. Wenn ein Opfer zu leichtfiel, war es nichts wert.
Sie hatte diese Zurückhaltung offensichtlich nicht erwartet. »Das Essen ist dir aber nicht verboten?«
Ein Lächeln huschte über seine Lippen. »Andernfalls hätte unser Glaube nicht lange zu leben.« Er trat an den Tisch und wählte nach kurzer Überlegung ein kleines Stück Brot und einen Becher mit klarem Wasser. »Ich habe mir jedoch als persönliches Opfer vorgenommen, bis zu meiner Krönung nur einfachste Kost zu mir zu nehmen. Die königlichen Köche werden erleichtert sein.«
Sie holte tief Luft, aber er hob die Hand, bevor sie protestieren konnte. »Du hast mich gebeten, meinen Gelübden zu entsagen, um König zu werden. Das werde ich selbstredend tun, sobald die Zeit gekommen ist. Doch bis dahin bleibe ich, was ich bin, Mutter. Du hast einen Priester nach Hause gerufen. Erwartest du, dass ich mich anders benehme?«
Sie nagte an ihrer Unterlippe. »Du bist so starrköpfig wie dein Vater, weißt du das?«
»Das haben auch meine Lehrer gesagt. Oft genug.« Er nahm einen Bissen Brot und spülte ihn mit Wasser hinunter. Das Tier in seinem Magen beruhigte sich.
»Wie auch immer«, sagte sie. »Vor der Krönung musst du eine kräftige Mahlzeit zu dir nehmen. Du kannst es dir nicht leisten, vor Dantons Vasallen Schwäche zu zeigen.«
Schon setzte er zum Widerspruch an – doch dann sah er die Entschlossenheit in ihren Augen und spürte den Stahl hinter der schwarzen Seide und den guten Manieren. Er hatte die Schlacht bereits verloren. Selbst Danton hatte nachgegeben, wenn er diesen Blick in ihren Augen sah.
Er schluckte den letzten Bissen Brot hinunter, obwohl sein Magen nach mehr schrie, dann wandte er sich dem nächstbesten Fenster zu und betrachtete die verwüstete Landschaft um den Palast. »Du musst mir erzählen, wie mein Vater starb. Ich kenne natürlich die Berichte, die veröffentlicht wurden, aber ich möchte es aus deinem Munde hören.«
Es war eine grausame Geschichte, die mit dem geistigen Verfall eines stolzen Königs begann und mit seinem blutigen Tod durch die Hand des eigenen Sohnes endete. Gwynofar ging auf diesen letzten Teil nur kurz ein, vielleicht wollte sie nicht erörtern, warum des Königs eigener Sohn beschlossen hatte, dass er sterben müsse. Ein fremder Magister, der mit einem Seelenfresser im Bunde war, habe Danton zu seinem Spielball gemacht, und die Familie habe den Preis dafür bezahlt. Salvator hörte zu und nickte; so weit war er bereits im Bilde.
Doch als sie auf den Seelenfresser selbst zu sprechen kam, horchte er auf. Zum ersten Mal erhielt er eine genaue Beschreibung von jemandem, der einen der Dämonen mit eigenen Augen gesehen hatte, und sie verursachte ihm eine Gänsehaut. Eine sonderbare Erregung, eine Mischung aus Angst und ehrfürchtiger Scheu, überkam ihn.
Das ist sie, das ist die Geißel des Zerstörers, ausgesandt in grauer Vorzeit, um die Menschheit zu demütigen. Mein Vater wollte sich den Göttern gleichstellen und musste sterben. Nun müssen wir das Urteil des Schöpfers abwarten, die Entscheidung, ob eine solche Warnung genügt oder ob sich die Schrecken der Vergangenheit in ihrer Gesamtheit wiederholen müssen, auf dass wir unsere Lektion lernen.
Selbstverständlich teilte er diese Gedanken nicht mit Gwynofar. Sie hing einem anderen Glauben an, der auf dem Stolz der Menschen beruhte, sie träumte von einer Entscheidungsschlacht zwischen Seelenfressern und Menschen, aus der die Menschen voraussichtlich als Sieger hervorgehen würden. Es war ein primitiver Glaube, einfältig in seiner Sicht der Welt, und irgendwann würde er sich damit befassen müssen. Aber nicht jetzt. Jetzt galt es, die Familienbande zu stärken, nicht sie zu belasten.
Wir stehen am Rand eines Abgrunds, dachte er, nur einen Schritt entfernt von einer großen und schrecklichen Finsternis. Wenn wir das Gleichgewicht verlieren, wer weiß, ob unsere Nachkommen das Licht jemals wiedersehen werden?
»Du musst entscheiden, wo die Krönung stattfinden soll«, hörte er seine Mutter sagen. »Solange das nicht feststeht, können keine Vorbereitungen getroffen werden.«
Er schreckte auf und erkannte, dass er ihre letzten Worte überhört hatte. Zum Meditieren hast du später noch Zeit, ermahnte er sich. »Natürlich hier. Wo könnte man besser zeigen, dass die Macht des Großkönigtums weiterbesteht, als an Dantons eigenem Regierungssitz?«
Sie runzelte die Stirn; die Wahl war deutlich nicht nach ihrem Geschmack. »Du weißt, dass der Palast so viele Gäste nicht aufnehmen kann. Es wird auf ein königliches Zeltlager in einer Brandwüste hinauslaufen. Nicht gerade ein würdiger Rahmen.«
»Vielleicht werden die Gäste dadurch veranlasst, über das eigentliche Wesen der Welt nachzudenken. Dass das Leben, wie wir es kennen, nur ein flüchtiger Genuss ist und derselbe Gott, der uns schuf, uns ebenso leicht vernichten kann.« Er trat an den Tisch und brach sich noch ein Stück Brot ab, doch nach kurzem Überlegen legte er es wieder zurück. »Vielleicht erinnern sie sich auch, dass dieses Land das letzte Mal gerodet wurde, als ein Krieg die Gegend verwüstete und kein Fürst es sich leisten konnte, einem Feind so dicht vor seinen Toren Deckung zu geben.«
Er stellte seinen Becher ab und streifte ein paar Krumen von seiner Kutte. »Aber nun komm, Mutter, zeig mir, was du in diesem Haus verändert hast und wie die Ahnenbäume in meiner Abwesenheit gewachsen sind. Währenddessen werde ich mich bemühen, alle deine Fragen zu beantworten, und wir können mit der Planung beginnen.«
Wie eine Wunde legte sich der Sonnenuntergang über den westlichen Horizont und spuckte blutrote Wolken in einen Himmel, der so violett war wie ein Bluterguss. Unten auf der schwarzen Erde flackerten mehr als hundert Laternen. Dort waren zahlreiche Arbeiter immer noch eifrig bemüht, die verkohlten Überreste des riesigen königlichen Bannwaldes wegzukarren, um die Frist einzuhalten, die man ihnen gesetzt hatte. Das Gelände war kahl und öde, so weit das Auge reichte; nur der Palast auf seiner Anhöhe und die schroffen Berge im Norden durchbrachen den Rhythmus der Landschaft.
Gwynofar stand allein auf dem höchsten Turm des Schlosses. Gegen Abend war ein kühler Wind aufgekommen, und sie schlang fröstelnd die Arme um sich, während sie sich daran erinnerte, wie der Wald gebrannt hatte. Kostas hatte das Feuer gelegt – Kostas, jener Elende, der sich als Magister ausgab und sich nach Ramirus’ Weggang ihrem Gemahl als Berater angedient hatte – und dann hatte er Dantons Dienern verboten, es zu löschen. Drei Tage und Nächte lang hatte ein unnatürlicher stinkender Sturm am Himmel gewütet und dichte Ascheschauer herabgeschleudert. Damals hatte Gwynofar das Feuer nur für einen Akt der Gehässigkeit gehalten, der ihr das Herz brechen sollte, damit sie leichter zu beeinflussen wäre. Vielleicht, hatte sie im Rückblick überlegt, sollte der Hass auf Kostas mich so blind machen, dass ich mich nicht über den unheimlichen Schauer wunderte, der mich jedes Mal überlief, wenn er einen Raum betrat. Aber nein, auch diese Erklärung reichte nicht aus. Sooft sie die Teile des Mosaiks auch zusammensetzte, sie ergaben kein Bild. Kostas hatte einem Seelenfresser gedient. Seelenfresser nährten sich von Lebewesen. Was hätte diese radikale Verwüstung dem falschen Magister oder seinem Herrn eingebracht? Ihr eigenes Unbehagen – so sehr er sich daran erfreute – konnte allein noch keine Rechtfertigung für seine Tat sein.
Irgendwo fehlte noch ein Steinchen. Alle Instinkte ihrer Lyr-Seele versicherten ihr, es sei wichtig. Sie müsse es finden.
»Majestät?«
Eine vertraute Stimme, eine Stimme aus besseren Zeiten. Das Herz tat ihr weh, als sie sich dem Sprecher zuwandte. Ich wünschte, alles könnte wieder werden wie vor einem Jahr, dachte sie. Warum mussten uns die Götter einer so grausamen Prüfung unterwerfen? »Ramirus.«
Der greise Magister neigte leicht den Kopf. Der Abendwind fuhr ihm durch den wallenden weißen Bart. »Ich habe Euch versprochen zu kommen.«
Sie seufzte schwer und fand zunächst keine Worte.
»Das Gespräch lief nicht gut, nehme ich an?«
Sie schaute noch einmal über die Landschaft. »Er gedenkt, seine Krönung hier stattfinden zu lassen, Ramirus. Dantons zerstörter Wald soll Menschen wie Monarchen daran erinnern, dass das Leben vergänglich ist und dieselben Götter, die einst die Erde schufen, sie auch zerstören können.«
»Ach ja. Das Credo der Büßermönche. Eine eigenartige Tradition.« Er stellte sich neben sie an die Mauer und blickte ebenfalls auf das Land. »Es war eine befremdliche Entscheidung, ihn zu Dantons Nachfolger zu erwählen.«
Sie sprach erst, als sie sicher war, ihre Gefühle im Griff zu haben. »Im Grunde blieb mir gar kein anderer Ausweg.«
»Ihr hättet ihn im Kloster lassen können. Dort hätte er sein Leben lang vergnügt seine Litaneien gesungen und der Freude am weiblichen Geschlecht entsagt, ohne die irdische Macht jemals zu vermissen.«
»Mag sein.« Sie nickte. »Aber vielleicht hätte er auch ein paar Jahre zugesehen, wie sein jüngerer Bruder herrschte, um dann zu entdecken, dass Leben mehr zu bieten haben könnte als Askese und Kasteiung … und dann hätte er sich womöglich betrogen gefühlt, sein Geburtsrecht eingefordert und damit das Großkönigtum gespalten.« Gwynofar seufzte. »Mit der Aufforderung, sein Erbe anzutreten, wollte ich ihn auf die Probe stellen. Hätte er nicht genau so geantwortet, wie er es tat, so hätte ich meinen vierten Sohn auf den Thron gesetzt und Salvator seinem sonderbaren Gott mit den zwei Gesichtern überlassen. Aber Dantons Blut fließt stark in den Adern meines Zweitgeborenen. So stark, dass er, als ihn der Ruf zur Macht ereilte, seinem Gelübde und seinem Glauben entsagte und ohne Zögern gehorchte. Glaubt Ihr wirklich, ein solcher Mann wäre sein ganzes Leben lang still im Hintergrund geblieben? Glaubt Ihr, Valemar hätte die Kraft besessen, ihn niederzuhalten?«
»Möglicherweise wäre es besser gewesen, wenn eine Frau den Thron für sich beansprucht hätte.«
Sie sah ihn scharf an.
»Im Norden ist das nicht ohne Beispiel«, bemerkte er.
»Aber wir sind hier nicht im Norden. Meint Ihr nicht, dass ein beachtlicher Teil von Dantons Vasallenfürsten sofort aufbegehren würde, wenn ich ihnen diesen Vorwand lieferte? Ich bin nicht von hier; das werden sie nicht vergessen. Und hinter meinem Rücken munkelt man, ich sei eine Schneehexe, ein Wechselbalg oder …« Sie lachte kurz auf. »Inzwischen habe ich sogar den Überblick über die Gerüchte verloren. Während Salvator …«
Sie verstummte und schloss kurz die Augen.
»Ihr habt ihm nahegelegt, sich einen Magister zu wählen«, sagte Ramirus. Eine Frage.
Sie nickte.
»Er hat abgelehnt, nicht wahr?«
»Nun, er sagte, sein Gott würde das nicht gestatten. Wenn er diese Art von Macht bräuchte, würde er sich an Hexen und Hexer halten.«
»Ich hatte Euch gewarnt, dass es so kommen könnte.«
»Ja.« Sie biss sich auf die Unterlippe. »Das habt Ihr.«
»Und was nun?«
Sie zuckte verkrampft die Schultern. »Wir machen weiter wie bisher. Ich versuche, aus dem, was mir die Götter an Karten in die Hand gegeben haben, das Beste zu machen. Wie ich es immer getan habe.«
Er nickte knapp. »Dann solltet Ihr von hier fortgehen, Majestät. Sobald das Protokoll es gestattet.«
Sie biss die Zähne zusammen. »Ich werde ihn nicht im Stich lassen.«
»Ihr würdet ihn nicht im Stich lassen. Ihr würdet nur … auf Reisen gehen. Eure Eltern besuchen. Oder Eure Töchter. Wie oft habt Ihr mir gesagt, dass Ihr Euch wünscht, sie häufiger sehen zu können. Dies ist der beste Zeitpunkt dafür.«
»Er braucht mich an seiner Seite …«
»Eure Anwesenheit kann ihn nicht vor den Folgen seiner eigenen Torheit bewahren.« Ramirus sprach jetzt im strengen Ton eines Vaters, der ein geliebtes Kind ermahnte. »Was wird geschehen, wenn ein Fürst, der Danton nur gezwungenermaßen Gefolgschaft leistete, beschließt, nicht mehr unter der Führung des Hauses Aurelius stehen zu wollen? Solche Männer haben nämlich eigene Magister. Und nun haben sie freie Hand. Kein Gesetz schreibt ihnen vor, was sie Eurem Sohn antun dürfen und was nicht. Begreift Ihr, was das bedeutet?« Als sie nicht antwortete, fuhr er fort: »Ein einziges Wort vom Magister eines feindlichen Herrschers, und der ganze Palast könnte über ihm zusammenbrechen. Oder die Erde könnte sich auftun und ihn und sein gesamtes Haus verschlingen. Es ist nur eine Frage der Zeit, Majestät. So leid es mir tut, das ist die Wahrheit. Und ich zöge es vor, wenn Ihr dann nicht hier wäret, um sein Schicksal zu teilen.«
Sie umklammerte mit beiden Händen die Brüstung und kämpfte ihre Gefühle nieder … oder suchte sie zumindest vor Ramirus zu verbergen. Es muss einen Weg geben, dachte sie verzweifelt. Alle Diskussionen, die sie seit Dantons Todesnacht mit sich selbst geführt hatte, rasten ihr nun abermals durch den Kopf. Welchen anderen Weg hätte sie einschlagen können? Dantons Großkönigtum war ein zerbrechliches Gebilde, das mit einer einzigen falschen Bewegung zum Einsturz gebracht werden konnte. Und jetzt hatte es den Anschein, als würde der geeignetste Erbe nicht lange genug am Leben bleiben, um seine Aufgabe zu erfüllen.
Und dann wurde ihr schlagartig klar, was sie zu tun hatte.
»Schließt Euren Kontrakt mit mir«, sagte sie, drehte sich um und richtete sich zu voller Größe auf. Ihr Stolz verlieh ihren Worten Kraft. »Ich bin die Königinmutter des Hauses Aurelius. Schließt Euren Kontrakt mit mir.«
Ramirus schien es die Sprache verschlagen zu haben. »Das ist …« Er zögerte, suchte nach dem rechten Wort. »… gegen alle Regeln. Vorsichtig ausgedrückt.«
»Das gilt auch für die Seelenfresser und die Magister, die ihnen dienen. Und für ein Königshaus, das in einer einzigen Nacht drei Könige verliert. Und …« Sie wies auf die schwarze Ödnis unterhalb des Palastes. Ihr weiter Seidenärmel flatterte im Wind. »… für all dies.«
»Und wie wird Salvator es aufnehmen, wenn Ihr ihm sagt, was Ihr getan habt? Dass Ihr seinem Willen getrotzt und den Zorn dieses Zerstörers herausgefordert habt, den er so sehr verehrt.«
»Ich werde es ihm nicht sagen. Es bleibt unser Geheimnis.«
»Es kann kein Geheimnis bleiben«, widersprach er. »Jedenfalls nicht, wenn ich Eure Familie schützen soll.«
»Dann lasst unter den Magistern lediglich verbreiten, dass ein Kontrakt mit dem Hause Aurelius geschlossen wurde. Mehr nicht. Müssen sie denn alle Einzelheiten kennen? Allein die Tatsache, dass ein Kontrakt existiert, sollte doch andere Magister daran hindern, zum Schlag gegen meine Familie auszuholen. Lautet so nicht Euer Gesetz?«
»Ja.« Er schüttelte langsam den Kopf. »Das Gesetz lautet so …«
»Und damit wäre auch Salvator als mein Sohn geschützt, richtig?«
»Majestät …« Seine Augen waren hart und kalt, aber das musste kein schlechtes Zeichen sein; sie kannte ihn lange genug, um zu wissen, dass er seine Gefühle gerade dann am sorgfältigsten versteckte, wenn sie am stärksten waren. »Und was wollt Ihr mir als Gegenleistung für dieses … Geheimbündnis anbieten? Wer sich von unseresgleichen in den Dienst eines Königshauses stellt, tut das nicht aus Liebe zur Knechtschaft, sondern weil er sich etwas davon verspricht. Etwa die Möglichkeit, an der Schaffung und Erhaltung großer Nationen mitzuwirken oder am Ansehen und am Nachruhm des jeweiligen Herrn teilzuhaben. Das wäre durch einen Geheimkontrakt nicht sicherzustellen. Was also habt Ihr mir stattdessen zu bieten?«
»Ihr wollt ein Angebot, Ramirus?« Sie trat einen Schritt näher an den Magister heran; zwischen ihnen knisterte die Luft. Trat etwa die Magie ihres Blutes wieder zutage? Seit jener Nacht, als der Seelenfresser umgekommen war, fragte sie sich, wo ihre Grenzen lägen. »Ich biete Euch etwas, das Ihr mehr ersehnt als alles andere. Euch geht es weder um Reichtum noch um Ansehen oder irdische Macht. Ich weiß, was Ihr wirklich begehrt.« Sie senkte die Stimme zu einem Flüstern von unwiderstehlicher Intimität. »Im Blut der Protektoren – wir nennen sie Lyr – schlummern Geheimnisse, nach deren Erforschung Ihr lechzt, seit ich Euch kenne. Nun kehren die Seelenfresser zurück, und die geheime Macht in unserem Erbgut wird – so haben es die Götter verheißen – bald erwachen. Wenn das geschieht, Ramirus, könntet Ihr an meiner Seite sein. Ihr würdet teilhaben am Wissen der Protektoren, Ihr würdet erfahren, wie viel Wahrheit hinter den alten Mythen steckt, sobald die Götter sie uns offenbaren. All das und noch mehr werde ich Euch zugänglich machen – ist das keine angemessene Gegenleistung für meine Bitte?«
Sie bemühte sich, ihr wild klopfendes Herz zu beruhigen, während sie auf seine Antwort wartete. Dachtest du, ich wüsste nicht, worauf du es all die Jahre über abgesehen hattest? Warum du ein so brennendes Interesse an den Sagen und Märchen meiner Heimat an den Tag legtest?
