Die Sehnsuchtsfalle - Volker Heeren - E-Book

Die Sehnsuchtsfalle E-Book

Volker Heeren

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Beschreibung

Aus der Geborgenheit einer blumengeschmückten Gärtnerei im Süden von Wien belohnen sich Peter`s Eltern mit einem Flug in die Karibik. Es wird ein Flug ohne Rückkehr. Peter wird über Nacht in ein fremd gefühltes Leben geworfen, das er, so wenig wie sich selbst, nicht mehr versteht. Die einzige Realität, die in seinem Leben noch Bestand hat, ist der Traum von verlorenen Lieben, von entlaufenen Mädchen, von der Sehnsucht des Lebens nach sich selbst. Er lebt mit seinen toten Eltern enger zusammen, als je mit den Lebenden. Und jeder Traum mündet in ein einziges Ziel: Er will die Ursachen für den Tod seiner Eltern kennen lernen.

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Seitenzahl: 278

Veröffentlichungsjahr: 2013

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Die Sehnsuchtsfalle

Roman

Volker vonden Heeren

Klappentext:

Aus der Geborgenheit einer blumen-

geschmückten Gärtnerei im Süden

von Wien belohnen sich Peter`s Eltern

für jahrelange harte Arbeit mit einem

Flug in die Karibik.

Es wird ein Flug ohne Rückkehr.

Peter wird über Nacht in ein fremd

gefühltes Leben geworfen, das er, so

wenig wie sich selbst, nicht mehr versteht.

Die einzige Realität, die in seinem Leben

noch Bestand hat, ist der Traum von vergangenen

Lieben, von entlaufenen

Mädchen, von der Sehnsucht des Lebens

nach sich selbst.

Er lebt mit seinen toten Eltern enger zusammen,

als je mit den Lebenden.

Und jeder Traum mündet in ein einziges

Ziel: Er will die Ursachen für den Tod

seiner Eltern kennen lernen.

Für

Margareta Heeren, treue Gefährtin

stets auf der Brücke unseres

Lebensschiffes

für

Richard Stahl aus Berlin,

einen Besseren findest du nicht

für

Hans-Georg Diercksen

Bordkamerad fast ein Leben lang

und für

Cpt. Christian Kepp

26.8.1946 – 5.10.1999

zwei unvergeßliche Jahre

Jenseits des Traumes

Der Nawratil saß mißmutig am Steuer seines Wagens auf dem Weg von Purkersdorf nach Wien hinein. Dabei sollte er sich doch freuen, denn am nächsten Dienstag begann sein Urlaub. Aber diesmal nicht zum Skilaufen in Bad Ischl, nein, es sollte ja etwas besonderes sein zu seinem 50. Geburtstag. Seine Frau hatte ihn solange sekiert (bedrängt), bis er den Flug in die Karibik gebucht hatte.

Jetzt saß er in der Falle. Er hatte ein Scheißangst vor dem Fliegen, aber seinen Angestellten mußte er vorspielen, wie super alles sein würde.

Er bog in die Autobahnabfahrt nach Wien ein. Er sah, wie Nacht und Nebel auf ihn zukrochen. Am Hietzinger Kai wurde der Nebel so dicht, daß er sich ängstlich an die Fahrbahnmarkierung hielt.

„Mein Gott ist das ein Flug. Geh red kein Scheiß. Du sitzt im Auto, nicht im Flugzeug.“

Unwillkürlich zog er am Lenkrad wie an einem Steuerknüppel

„Hör auf, du bist doch ein Depp. Du weißt ja nicht einmal, wie der Steuerknüppel eines Flugzeuges aussieht. Vielleicht haben die heute nur noch einen Joystick oder das Ding fliegt ganz allein nach Computer, was weißt denn du.“

Auf der Hütteldorfer U-Bahn, die an dieser Stelle auf einem Damm direkt neben der Straße fuhr, saßen die Straßenlaternen wie beleuchtete Nebelkrähen. An den Bahnhöfen versuchte er, die Stationsnamen zu lesen, um festzustellen, wann er abbiegen mußte, aber der nächtliche Nebel war zu dicht.

„ So sieht Licht aus, wenn es explodiert. Quatsch nicht, Licht kann doch gar nicht explodieren.“

Er suchte unruhig nach einem Lichterpaar auf der linken Seite, damit er die Dommayergasse nicht verfehlte.

„Verfluchter Nebel. Selbst bei einer Notlandung geben diese Neonkrähen nicht genug Licht. Mein Gott, was redst du bled daher. Tausende Flüge jeden Tag und ausgerechnet du willst abstürzen ?“

Zu Hause wartete seine Frau Erna bereits ungeduldig.

„Ich habe mir solche Sorgen gemacht. In den Nachrichten haben sie schon von schweren Unfällen wegen des Nebels berichtet.“

„ Der Nebel ist wirklich unheimlich. Um ein Haar wäre ich an der Dommayergasse vorbeigefahren. Teifel, es war nix zu sehen. – Da, schau, was ich dir mitgebracht habe. Ich habe einen noch besseren Katalog von der Dominikanischen Republik gefunden. Und unser Hotel in Punta Cana soll auch darin sein.“

Er blätterte den Katalog flüchtig durch. Dann sah er darin eine Insel. War das ein Traum ? Durch das Kristallwasser einer flachen Lagune segelte ein weißer Sandstrand mit ein paar Palmen über einsamen Strohhütten.

„Isla Saona“, las er. Ein zweites Bild nahm ihn gefangen. Durch einen schattigen Palmenhain ein blendend weißer Strand mit Blick auf türkisfarbenes Wasser. Die Palmen vor der unwirklichen Helligkeit wie von innen beleuchtet. „ Beach of Punta Cana „ stand da.

“Das ist ja der Strand vor unserem Hotel ! Komm mal, Schatz. Wir haben einen Traum gebucht.“

Grün, grüner geht`s nicht.

Hermann Nawratil war mit Abstand der grünste Gärtner Wiens. Er hatte die Angewohnheit, zwischen den langen Blumen- und Gemüsebeeten seiner Gärtnerei einen schmalen Streifen Brache mit Unkraut als Zuwegung stehen zu lassen. Das wuchernde Unkraut freute sich regelmäßig zu früh, denn es wurde von ihm und seinen Kunden, die sich ihre Blumen und ihr Gemüse selbst schneiden durften, brutal nieder getreten.

Der Nawratil war nicht groß, von kompakter Statur und sein kerniges Bauerngesicht reifte zum Sommer hin stets wie eine errötende Tomate.

Übrigens Tomaten. Sie frisch von der Staude zu schneiden und ihren würzigen Stengel- und Hautgeruch genießerisch einzuatmen, war eine der begehrtesten Passionen seiner Stammkunden, die über diesen Geheimtip nur tuscheln mochten. Tomaten im Supermarkt ? Niemals !

Das verschmitzte schlaue Lächeln des Nawratil glich einer seiner wunderbar aufblühenden Dahlien, an deren Farbenpracht sich seine Kunden berauschten.

Wie oft hatte ihn sein Bruder Josef, der vor langer Zeit ins ferne Hamburg ausgewandert war, um sein grünes Dasein beneidet.

Josef Nawratil, der von allen nur Pepi –Onkel genannt wurde, kam regelmäßig einmal im Sommer im eigenen Auto angereist, um Hermann`s Sohn Peter, der seinem Vater oft in der Gärtnerei half, auf der Rückfahrt mit nach Hamburg zu nehmen, wo der Pepi- Onkel ihm stets einen herrlichen Urlaub spendierte.

Nach dem Urlaub reiste der Junge dann mutterseelen allein im Nachtzug von Hamburg- Altona nach Wien, vorzugsweise im billigen Liegewagen, aber später als junger Mann schon mal im komfortablen T-3 Abteil.

Er wurde dann immer morgens gegen 9.00 Uhr von seinem Vater auf dem Westbahnhof in Wien ein Empfang genommen.

Natürlich war dann der Nawratil seiner grünen Mentalität zufolge stets mit Gärtnerkluft, Gärtnerschürze und Gärtnerhut bekleidet, was Erna, seine Frau zeternd unmöglich fand.

Der Nawratil mochte seinen etwas zu dick geratenen Bruder sehr gern, aber als er ihn einmal bei einem Besuch in Hamburg als Kassier hinter einer Glasscheibe in einer Bank am Hamburger Hafen gesehen hatte, war er nicht mehr zu bewegen, nach dem fernen Hamburg zu reisen.

Hermann Nawratil bedauerte seinen Bruder Pepi , wie er da so dickbäuchig bebrillt hinter Glas saß, aus tiefstem Herzen und verschwand nach seiner Rückkehr in Wien hinter seinen übermannshohen Brechbohnenpflanzen und geizte den Rest des Tages überflüssige Triebe aus.

Geld , das war nicht seine Welt.

Ein Bauernschädel

Peter, der Sohn des Nawratil, sah aus dem Fenster. Ein Jahr war es jetzt her. Damals lag auch Schnee. Er liebte Schnee, denn er war ein begeisterter Skiläufer. Was gab es Schöneres, als mit leise durch den Schnee zischenden Skiern, einem schweigenden tief verschneiten Waldweg ins Tal zu folgen ? Von Ferne helle Stimmen schneegedämpft und doch ein Schall wie im Kirchenschiff der Berge.

Aber seit dem letzten Jahr hatte Schnee eine zweite bedrohliche Bedeutung bekommen. Er war Todesbote geworden, der seinem Vater das Leben nahm. Da saßen sie, die Unheilsbringer, schwarz, aufgeplustert, mit scharfen Schnäbeln und unsichtbaren Augen. Das weiße Leichentuch erhielt durch die russischen Saatkrähen schwarze bewegliche Todesflecken. Der Umfang ihrer Aufgeblasenheit musste ein Gradmesser für die schneidende Kälte da draußen sein. Er sah auf das Außenthermometer: Minus 14 Grad.

Er setzte sich an seinen kleinen Schreibtisch, auf dem ein großes blaues Heft lag, das heute mit der Post gekommen war. Er stand wieder auf. Nein, er konnte es jetzt nicht lesen. Er musste erst mit seinem Vater sprechen.

Der Friedhof von Mauer * lag tief verschneit unter grauen Schneewolken. Hin und wieder wurde der Schneehimmel dünn und hell und ein paar verirrte Sonnenstrahlen blinzelten herunter. Der Friedhof lag auf einem Hügel und die Toten und die Lebenden hatten einen herrlichen Blick ins Tal auf die gegenüber liegenden Hänge der Maurer Weinberge. Von hier aus konnten die Seelen leicht hinab gleiten in den ewigen Wind, der vom Tal herauf blies.

Er stapfte durch den tiefen Schnee, vorbei an den vielen flackernden Grablichtern in ihren Standlaternen. Auf der Hangseite des Friedhofs hinter der Hügelkuppe lag der neuere Teil. Er ging an einem fremden frischen Grab mit erfrorenen bleichen Blumen vorbei. „Was können die Blumen dafür „.murmelte er. In der hintersten Reihe lag sein Vater und die Mama.

Aber das stimmte nicht. Sie hatten zwei leere Särge mit ein paar Lieblingsgegenständen des Vaters und der Mutter begraben. Ihre Leichen waren und blieben im Meer verschwunden.

Still stand er vor dem Stein.

Hermann Nawratil

3.1.1946 - 7.1.1996.

Erna Nawratil

30.09.1955 7.1.1996

„Ich hab den Bericht gekriegt. Hab ihn noch nicht gelesen. Weiß nicht, wann ich ihn lesen kann. Ist mir, als säße ich auf einem Sitz neben dir,Papa. Wart, Dein Licht ist erloschen. Ich zünd es wieder an „.

Mit bloßen Fingern wischte er die Schneehaube von der Grablaterne. Er öffnete das kleine Türchen und entfernte die rote Plastikhülle, darin die Kerze ganz nieder gebrannt war. Aus den Taschen seines Trachtenjankers holte er Streichhölzer und ein neues rotes Grablicht. Aber er konnte es lange nicht entzünden, denn seine Finger waren naß vom Schnee und zittrig von der Eiseskälte. Und immer wider blies ihm der Maurer Friedhofswind die Kerze aus. Er sah ins Tal hinab, aus dem der Eiswind kam. Schließlich gelang es doch einem zaghaft flackernden Flämmchen in seiner hohlen Hand zu überleben. Schnell stellte er die Kerze in die Laterne. Die Flamme bog und krümmte sich, ganz klein und elend und drohte zu verlöschen. Aber dann kam sie zur Ruhe und brannte still in ihrem kleinen Häuschen in der Winterlandschaft.

Der Sohn wandte sich um und ging. Nach einigen Schritten drehte er sich noch einmal um und blickte zurück. Die Flamme brannte noch.

Zu Hause konnte er nicht anders und ging zu seinem Schreibtisch. Da lag er wieder vor ihm, dieser erschreckend dünne Bericht. Da stand das Wort Bericht und war schwarz auf wasserblauem Grund. Und lagen auf dem Grund dieser Meeresbläue die Worte als Leichen ? Wie fremd ihn das Wort Bericht anschaute. Hatte es nicht verdammte Ähnlichkeit mit Bricht ? Was mochte den Unfallbericht so erschreckend dünn gemacht haben ? Nichts als Haut und Knochen ?

Bericht der Direccion General de Aeronautica Civil.

Aeronauten waren sie gewesen. Jetzt waren sie es nicht mehr.

Bericht über die Untersuchung des Unfalls. Unfall war ein Witz. Morgens früh um 5.00 Uhr tunken wir das trockene Brötchen vom Vortag in den Morgenkaffee und hören im Radio, daß es auf der Süd-Ost-Tangente in Wien einen Unfall gab.

„ Seid Ihr denn wahnsinnig geworden ? Sind heute früh auf der Süd-Ost-Tangente 180 menschliche Leiber enthauptet worden ? Zwischen Brötchen und Morgenkaffee ? Und das nennt Ihr Unfall ? Habt Ihr die Sprache verloren ? Glaubt Ihr, Denken geht auch ohne Sprache ? „

Der blaue Pappendeckel des Berichtes bekam Schlieren, weil seine Tränen ihn zu einer lebendigen Wasserfläche machten.

Untersuchung des Unfalles mit dem Flugzeug Bowing B-868 am 7.Januar 1996 bei Puerto Plata. Er mochte das Heft nicht aufschlagen. War die Außenhaut des Flugzeugs so dünn wie dieses Heft ? Und der Trauerrand war nur auf einer Seite ? Er nahm sich Bedenkzeit oder war es eine Andacht ? Das wußte er: Schlägst Du dieses Dünnbuch auf, schlägt es zurück mit der ganzen Kraft seiner dünnen Blätter. Er hatte Angst. Angst davor, die Wahrheit zu erfahren und davor, daß sie schrecklicher war, als er denken konnte.

Seit dem Flugzeugabsturz seiner Eltern hatte Peter zugenommen. Sein dunkles volles Haar ließ er jetzt etwas länger wachsen, so daß offenbar wurde, daß er gewelltes Haar hatte. Er hätte die Gärtnerei seines Vaters erst in einigen Jahren übernehmen sollen, aber jetzt erhielt er sie über Nacht aus der Tiefe des Meeres, das ihm sowieso unheimlich war. Wie feindlich und unheimlich war das Wasser. Und nun dazu durch eine haltlose Leere eilen, unter sich das alles verschlingende Element. Nein, er würde niemals ein Flugzeug besteigen. Dazu müßte es am Boden festgeschraubt und als Café eingerichtet sein.

Seine Verlobung mit Rosa hatte er gelöst. Das war gelogen, aber er hoffte, daß er eines Tages daran glauben würde, wenn er es nur oft genug anderen Leuten erzählte. Rosa war Verkäuferin bei dem bekannten Juwelier Pospischil am Graben im Herzen von Wien. Sie war blond, schlank, hatte eine gute Figur und ein frisches, sprechendes Gesicht mit lebhaften Augen, die auch Blitze schleudern konnten.

Sie war nicht schön, aber sie konnte sich verführerisch aufmascherln, wie die Wiener zu sagen pflegen. Mit einwenig herunter gedimmten Licht und einem fremdartigen Parfüm kam sie ihm plötzlich wie ein blonder Vamp aus dem Kino am Schwarzenbergplatz vor.

Dabei hatte vor drei Jahren alles so harmlos angefangen. Er hatte sie in der Diskothek am Schillerplatz in der Nähe des Gürtels kennen gelernt.( Für Nichtwiener: Der Gürtel ist eine Straße in Wien ).

Er hatte eigentlich ein attraktives, vollbusiges Mädchen mit schwarzen Haaren zu Tanzen aufgefordert, aber die hatte so getan, als sähe sie seine Aufforderung nicht. Statt dessen war ihre Freundin auf ihn zugekommen.

„ Meinst Du mich ? „

„ Ja, ja, „ stotterte er, wohl wissend, daß das gelogen war.

Sie tanzten den ganzen Abend zusammen und er empfand nichts dabei, was nur entfernt nach Begehren oder Zuneigung hätte aussehen können. Im Gegenteil, er behandelte sie so, als wären sie alte Freunde, die sich nach langer Zeit mal wieder getroffen haben.

Damit begann etwas, das ihm einerseits völlig normal vorkam und doch gerade deswegen so unheimlich war, weil er sie erst diesen Abend kennen gelernt hatte. Er umarmte sie beim Tanzen und alles was er fühlte war, daß sie sich schon lange kannten. Es wurde ein nicht endendes Nachtgespräch.

Er hatte offenbar ein Mädchen gefunden, daß seine Phantasie gierig aufnahm und so konnten sie nicht genug davon kriegen , sich gegenseitig ihre Geschichten zu erzählen.

Sie waren geschockt, als es plötzlich hell wurde und sie einander etwas bleich im tristen Morgenlicht gegenüber standen.

Das war vor drei Jahren gewesen und dann war die Trennung über Nacht gekommen, so plötzlich wie ein Flugzeugabsturz.

Nach dem gewaltsamen Tod seiner Eltern, hatte er Probleme bekommen, mit Rosa zu schlafen. Nicht, daß er sie nicht mehr begehrenswert fand. Aber sooft er in ihr Gesicht sah, hatte er den Eindruck, daß ihre Augen sich mit Wasser füllten. Mit Meereswasser.

Jedes mal erblickte er dann die Augen seiner toten Mutter. Er hatte zu seinem Vater eine sehr viel engere Beziehung gehabt, doch der Tod seiner Mutter hatte ihn wie ein Schuß aus dem Hinterhalt getroffen.

Nachdem seine sexuelle Erregung in solchen Momenten immer wieder in sich zusammen sank, versuchte er, Rosa dabei nicht mehr ins Gesicht zu sehen. Aber es half nichts.

Dann kam der Abend im Volkspark. Die Gärtnerei, die jetzt ihm gehörte, lag außerhalb von Wien in Spielberg. Er hatte in Wien zu tun gehabt und sie vom Geschäft am Graben abgeholt. Es war ein kühler Herbstabend und die Dunkelheit stieg über die verblühten Heckenrosen. Sie redeten über die Geschichten, die sie erlebt hatten, wie sie sich noch nicht kannten. Aber über ihre eigenen Geschichten konnten sie nicht reden. Plötzlich spürte er einen Widerwillen gegen ihre angepaßten Ansichten und daß sie seinen Versuchen, über ihre eigene Geschichte zu reden, auswich. Vielleicht war das der geheime Grund, weshalb er nicht mehr mit ihr schlafen konnte, obgleich er es gern wollte. Er war von der Parkbank aufgesprungen.

„ Es ist sinnlos. Das, was ich sage oder empfinde, ist Welten von Dir entfernt. Wir passen einfach nicht zusammen.“

Dann war er davon gerannt. Zuerst hörte er sie hinter sich laufen, aber dann waren da nur noch seine eigenen Schritte. Es war still und wie versteinert stand er da und wußte in der Dunkelheit nicht, wo er war. Da erfaßten ihn von hinten zwei Arme, was ihn zu Tode erschreckte. Was war das ? Sie war ihm auf Strümpfen gefolgt, so daß er sie nicht hatte kommen hören. Gemeinsam suchten sie dann in der Dunkelheit nach ihren Schuhen.

Eine Woche später hatte Rosa ihn verlassen. Er war wieder allein und noch einsamer, denn die Gärtnerei ließ ihn nicht mehr los und zog ihn nach unten.

Es war Feierabend, der letzte Angestellte war gegangen, er war allein. Er öffnete das Wohnzimmerfenster im ersten Stock und sah auf die Gewächshäuser hinab. Er hörte Rosas Stimme, aber was sie sagte, war nicht positiv.

„Seit Monaten hast Du diesen Unfallbericht, den Du ja unbedingt haben wolltest. Und nun haben wir bald Herbst und Du hast noch nicht einmal hinein gesehen.“

Er schloß das Fenster, wie wenn er sie zum Schweigen bringen wollte.

„ Nächste Woche tu ich es. Ich verspreche es Dir.“

Wir starten

Im Leben des Peter Nawratil hatte sich einiges verändert. Einiges ? Seine Freunde, mit denen er sich früher oft beim Heurigen in Gumpoldskirchen getroffen hatte, sagten ihm offen, was sie davon hielten.

„Bist halt a Sonderling wurdn seit dem Tod deiner Eltern.“

Er schwieg dazu und seine einzige Reaktion war, daß er sein Viertel Veltliner auf einen Zug leerte.

„ Schüttst den Wein eina, als wenn’s dersaufen wüllst“, sagte der Spengler-Toni, sein ehemaliger Schulkamerad von der Volksschule.

„Was wisst denn ihr ?“, begehrte er auf und schwieg sogleich. Wenn die wüssten. Ab dem nächsten Monat hatte er die Gärtnerei seines Vaters verpachtet und würde versuchen, von dem mäßigen Pachtzins zu leben. Ein Zimmer im Gebäude der Gärtnerei hatte er sich ausbedungen und sein Wohnrecht vertraglich gesichert.

Im fröhlichen Lärm des Heurigen “Zum Alten Stadthaus“ musste er sich zwingen, nicht mit seinem Vater zu reden. Aber hinterher auf seinem einsamen Nachhauseweg konnte er endlich mit ihm sprechen.

„Weißt , Papa, ich hab den Vertrag mit deinem Notar gemacht. Ich hoff, daß es dir recht ist.“ Er besprach mit seinem toten Vater alle Dinge des täglichen Lebens, wie er es auch zu seinen Lebzeiten gemacht hatte. Zu seiner Mutter zu sprechen, hatte er kein Bedürfnis. Nur einmal hatte er ihr gesagt: „ Gell, Mama, zu dir brauch ich nix zu reden, denn ich besprech eh alles mit dem Papa.“ Daraufhin hatte ihm die Mutter irgendwie leid getan, als wenn sie traurig wäre, daß er nur mit dem Vater redete.

In den langen Monaten nach dem Tod seiner Eltern hatte er gegrübelt, wie es weiter gehen sollte. Nach einem Alptraum, aus dem er mit einem Schrei erwacht war und dann die Realität noch viel schrecklicher fand als den Traum, hatte er sich geschworen: „ So kann es nicht weitergehen, so kann ich nicht weiterleben. Daraufhin hatte er den Entschluß gefasst, die Gärtnerei seines Vaters auf 10 Jahre zu verpachten. Später könnte er sie weiterführen, wenn er wollte. Quälend lange hatte er nachts wach gelegen. Tagsüber war er müde und zerschlagen und unfähig, sich auf irgend etwas zu konzentrieren.

Die Welt des Tages erschien ihm fremdartig und feindlich gesinnt. Er war unfähig zu arbeiten. Aber er war fest entschlossen, die Tür zu öffnen, hinter der sich das Grauen verbarg.

„ Gell, Papa, hoffentlich bist du nicht böse, aber ich kann nicht anders. Ich muß zu dir kommen, sonst kann ich nicht weiter leben.“

Er konnte nicht wissen, was ihn erwartete. Dazu fehlte ihm die Vorbildung und auch Lebenserfahrung. Und die ihn kommen sahen, ahnten nicht, daß dieser Mann in Eisenstiefeln auf sie zukam.

Noch vor wenigen Monaten wäre es undenkbar gewesen, schon der Gedanke daran ließ ihn schaudern. Er hatte panische Angst vor dem Fliegen. Daß seine Eltern auch diese zerstörerische Angst fühlten , hatte er nicht wissen können. Daß sie diese Angst durch einen mutigen Entschluß zu fliegen zu überwinden hofften, hatte er geahnt.

Wenn der Karli-Onkel ihm früher vorgeschwärmt hatte, wie schön Lanzarote gewesen war und wie schnell man im Flugzeug dahin gelangen konnte, dann antwortete er gleich selbst, bevor Peter noch etwas sagen konnte:

„Ja , ich weiß, du besteigst ein Flugzeug erst, wenn es als Cafe im Prater steht.“

Das Undenkbare war Wirklichkeit geworden. Er wollte fliegen, um seinem toten Vater nahe zu sein. Er war zur Ersten Österreichischen Bank gegangen, hatte einen größeren Betrag von seinem Sparbuch abgehoben und sich dann ein Flugticket nach Frankfurt am Main gekauft. Er wollte dort Lisa und Kurt besuchen, ein Ehepaar, mit dem seine Eltern eng befreundet gewesen waren.

Und dann war da noch ein Umstand, der für ihn plötzlich unendlich wichtig wurde. Kurt war Flugingenieur gewesen und vor nicht allzu langer Zeit in Pension gegangen. Es hatte ihn bisher nie sonderlich interessiert, aber jetzt wollte er unbedingt wissen, was Kurt von dem Flugzeug wusste, mit dem sein Vater abgestürzt war.

Es war noch nachtdunkel, als ihn der rote Wecker aus einem unruhigen Schlaf riß. Er zog die Gardine beiseite und versuchte das Außenthermometer abzulesen. Er ärgerte sich, daß ihm das nicht gelang und suchte hektisch eine Taschenlampe und las grimmig eine Außentemperatur von Minus 9 Grad Celsius ab.

Es hatte nicht geschneit über Nacht. Trotzdem würde er mit seinem alten VW-Passat eine Stunde bis zum Flughafen Schwechat brauchen.

Da es noch vor 6 Uhr morgens war, hatte der Berufsverkehr noch nicht eingesetzt. Einige Straßen schliefen noch in tiefer Nachtruhe und ihre Ampeln blinkten ganz nutzlos.

Aber im hell erleuchteten Flughafengebäude pulsierte schon das volle Leben. An einigen Schaltern standen Schlangen mit leichtem Gepäck, einige dunkel gekleidete Herren hatten gar nur einen Aktenkoffer dabei. Das waren sicher diese eleganten Businessmen, die Flugzeuge wie Autobusse benutzten. Ein seltsames Kribbeln erfasste ihn. Er in seinem altmodisch geschnittenen Lodenmantel mit Ischler – Hut würde nicht dazugehören und war doch dabei.

Er gab sich keine Mühe, herauszufinden, welche Schlange für ihn bestimmt war. Umständlich wurstelte er seinen Flugschein aus seiner Jackentasche und schob ihn schüchtern lächelnd über einen Flugschalter, hinter dem nur ein entzückendes schwarzhaariges Mädchen in maßgeschneiderter Uniform stand. Sie wies auf die längste Menschenschlange in der Abflughalle. Das hätte er sich denken können.

Endlich war es soweit.. Einchecken nennt man das wohl, brummelte er vor sich hin. Er machte keine Anstrengung, zu verbergen, daß er von dem, was hier vor sich ging, keine Ahnung hatte. Sein Koffer wurde gewogen, er aber nicht.

„ Sieh an, von meinem Koffer wollen Sie das Gewicht wissen, aber von mir nicht. Ist Ihnen eh egal, daß ich 15 Kilo Übergewicht habe.“ Er erhielt keine Antwort.

„Raucher oder Nichtraucher ?“, fragte ihn die Blondine mit einem kessen Käppi auf der kaum gebändigten Haarflut.

„Ich bin Nichtraucher.“

„Fenster oder Gangplatz ?“

„Wie bitte ?“

Hinter ihm scharrte die Schlange schon ungeduldig mit den Füßen.

„Fensterplatz“, sagte er schnell.

Alles wurde mit Zetteln beklebt und sein Koffer verschwand grußlos hinter einem Plastikvorhang. Entzückend feingliedrige Finger schoben eine Bordkarte in sein Flugscheinheft

„ Flugsteig A, Gate Nr. 16, eine viertel Stunde vor Abflug.“

Er war entlassen.

Eben noch von zarter Hand als hochwillkommener Fluggast gestreichelt, kam er nun in die weniger vornehme Abteilung einer Filteranlage für Verbrecher, die wie eine Plastik – Peep – Show aufgezogen war. Er sah sich unversehens als Darsteller in einem US – Revolverfilm versetzt, da er wie bei einem Überfall beide Arme heben musste und auch an seinen Beinen bis zum Schritt nach Waffen abgetastet wurde.

Jetzt wurde ihm klar, wie die Luftpiraten vorgingen. Die hängten einfach eine Handgranate an ihr Geschlechtsteil. Ein Ei mehr oder weniger, das fiel doch gar nicht auf. Da sei das Schamgefühl davor.

Zum ersten Mal in seinem Leben befand er sich in einem Duty – Free – Shop. Noch auf österreichischem Heimatboden wurde ihm klar, daß er unausweichlich würde Englisch lernen müssen. Ob der Karli – Onkel aus Perchtoldsdorf auch Englisch konnte ?

Er suchte den Abflugraum auf, den ihm die schöne Blondine genannt hatte. Als er noch dazu zwei hübsche Mädels sah, die ihm in seiner Wartschlange vorhin aufgefallen waren, nickte er befriedigt. Er war im richtigen Raum. Und da oben blinkte das Wort „Frankfurt“ ganz aufgeregt. Er versuchte, die Blinkfrequenz mit seiner Pulsfrequenz zu vergleichen. Er hatte Herzklopfen. Noch konnte er umkehren. Er könnte einen Ohnmachtsanfall vortäuschen, um seinem Erstflug zu entgehen. Die beiden hübschen Mädels blickten zu ihm herüber und jetzt lächelten sie sogar. Die eine war besonders entzückend mit fein geschnittenen zarten Lippen, leicht pastellfarben geschminkt, die wunderschöne Augenpartie bogenförmig, wie eine griechische Statue, die soeben zum Leben erwachte. Nein, solche Schönheit konnte Gott nicht abstürzen lassen. Er war sich seiner Sache jetzt sicher. Sie würden alle wohlbehalten in Frankfurt landen

Aber hatten seine Eltern nicht ebenso gedacht ? Und kein hübsches, lebenshungriges Mädchen war an Bord gewesen, als ihr Flugzeug abstürzte ?

In den Raum kam jetzt Bewegung. „Letzter Aufruf für LH 402 nach Frankfurt“, tönte es aus einem nicht sichtbaren Lautsprecher. Eine hübsche Stewardess riß einen Abschnitt für ihn von seiner Bordkarte ab und er ging mit den anderen Passagieren auf einen Gelenkbus zu, der vor dem Ausgang auf dem Flugfeld stand.

Ein eisiger Hauch fuhr ihn an und er wusste, daß jetzt die Wirklichkeit begann, die alle Träume ins Jenseits beförderte. Im dunklen Bus gab es fast nur Stehplätze und alle schwiegen, wie wenn sich aller Gedanken schon in den Luftraum vor ihnen erhoben hätten.

Wie anders verhielten sich die Fahrgäste, wenn er in der Hütteldorfer U – Bahn zum Karlsplatz fuhr. Die Gesichter in der Straßenbahn oder U – Bahn waren gelöst und man hörte viele eifrige Stimmen und auch Lachen. Hier aber hing schon der mächtige Düsenstrahl herrschend über ihnen, der sie in wenigen Minuten in den leeren Raum schleudern würde.

Wie an einer unsichtbaren Schnur auf dem Flugfeld hin- und hergezogen, fand der Bus seinen Weg durch die erleuchtete Dunkelheit. Hinter dem erdverbundenen Motorgebrumm des Zubringerbusses wurde das hohe Sirren von Triebwerken hörbar. Er hielt.

Da stand der Riesenvogel im Flackerlicht geheimnisvoller Lampen. Tonnenschwer und jetzt noch sicher auf seinen Gummifüßen, aber schon mit dem Glitzern des Kunstlichts auf seiner Metallhaut auf dem Sprung in eine dunkle Zukunft.

Im Osten zeigte sich ein erster Dämmerungsstreifen, ein grünlich gläsernes Himmelslicht, das an seinen Rändern in ein unwirkliches Orange überging. Aus der schwarzen Nachtluft über ihren Köpfen löste sich ein erster vorsichtiger Blauschimmer aus dem hohen Himmel.

Auf der Gangway zum Flugzeug emporsteigend, blickte er in das riesige schwarze Maul der rechten Turbine, die schon mal langsam zur Probe mit ihrem schwarzen Zähnen mahlte. Oben am Eingang der hell erleuchteten Kabine wurde er neben einem Berg von Zeitungen freundlich begrüßt.

„Willkommen an Bord, flötete eine Stewardeß. „ Möchten sie eine Zeitung ? „.

Am liebsten hätte er geantwortet, ja gern, aber nur wenn sie mich sicher nach Frankfurt bringen, aber das war natürlich unmöglich.

Wie geschickt das Personal die ängstliche Aufmerksamkeit der Passagiere auf alltägliche Nebensächlichkeiten lenken kann. Dabei denken alle nur das eine: Ich möchte heil ankommen. Ob sie Zeitungen aussortieren, die allzu groß von Flugzeugabstürzen berichten ? Konnte man eine solche Frage überhaupt stellen ?

In der Kabine herrschte ein unbeschreibliches Durcheinander. Auf jeder Seite des schmalen Mittelganges befanden sich drei Sitze nebeneinander, A, B, C und D, E, F. Peter hatte den Sitz A 18 und versuchte herauszufinden, in welche Richtung die Nummern stiegen oder fielen und auf welcher Seite A, B , C lag. Zweihundert andere Passagiere versuchten das ebenfalls und wer sein Ziel identifiziert hatte, war noch lange nicht auf seinem Sitz. Den herunter hängenden Gepäckablageklappen konnte man eine saftige Kopfnuss verpassen oder man erhielt eine solche.

Wenn zweihundert Leute in einem engen Fahrstuhl, der nur in einer gewissen Überlänge Platz bietet, ihre dicken Wintermäntel zur gleichen Zeit ausziehen, dann ist das ein gemeinschaftlich begangener Ringkampf vom Feinsten. Nun gut, in den letzten Jahren sind die Fluggesellschaften, des Ringkampfes ihrer Kunden müde, dazu übergegangen, die Paxe schockweise in die Maschine zu lassen.

Trotzdem, in dem verbleibenden Gemuse, findet sich immer irgendein Trottel, der doch lieber noch eine Zweite Zeitung hätte, eine seriöse, die FAZ vielleicht, denn die Bildzeitung ist heute wieder mal gar so nackt. Der muß natürlich gegen den Strom schwimmen und auch sogleich und schnell, denn im Flugzeug geht nun mal alles wie im Fluge.

Und Opa hat seine Brille in der Manteltasche vergessen, aber sein Mantel liegt schon oben in der Gepäckablage im Mittelgang unter zwei weiteren Mänteln und Opa sitzt schon am Fenster und neben ihm die Sitze sind bereits besetzt von Passagieren, die sich eben außerordentlich umständlich angeschnallt haben, weil einer zufällig das Gurtende seines Nebenmannes erwischte, für den folgerichtig auch nur ein falsches Gurtende übrig blieb. Man hätte sich vielleicht auch kreuzweise, wenn man nur gekonnt hätte.

Die Luftfahrt ist lustig , gell ? Warum heißt sie denn Luftfahrt und nicht Lustfahrt ? Weil dieses Towabohu sich manchmal gar nicht auf die Geflogenen beschränken will, sondern sich partout auch noch in die Pilotenkanzel drängelt und Opas vergessene Brille dann auf einige Quadratkilometer verteilt wird.

Endlich saßen alle. Das Personal prüfte noch mal mit einem Bodensuchblick die Fußfreiheit, was natürlich ein Witz ist, denn nirgends haben Füße weniger Platz als in einem Flugzeug.

In der Kabine war es still geworden.

„Wir enteisen“, sagte eine ruhige anonyme Stimme aus dem Lautsprecher. Jetzt erst fielen Peter die Eisblumen an den Fenstern auf, aber die waren nicht gemeint.

Alles wartete schweigsam auf das Abheben und die äußere Unruhe wurde nach Innen komprimiert, wie die Luft in den Triebwerken, die probeweise nach oben jaulten.

„ Guten Morgen, meine Damen und Herren. Es begrüßt sie Flugkapitän Axel Lüneburg und seine Besatzung an Bord unserer Bowing -868 auf dem Weg nach Frankfurt am Main.

Wir werden in wenigen Minuten die Startfreigabe erhalten. Unser Flug führt uns über Linz, Passau, Regensburg, Nürnberg nach Frankfurt. Unsere Reiseflughöhe wird 33000 Fuß oder 9100 Meter betragen. Das Wetter ist ruhig, es weht ein leichter Ostwind, der uns mit 5 bis 10 Knoten etwas schneller nach Frankfurt schieben wird, so daß unsere Flugzeit zirka 1 Stunde und 10 Minuten betragen wird. Die Außentemperatur hier am Boden beträgt zur Zeit Minus 11 Grad. ich wünsche Ihnen einen angenehmen Flug.“

Eine Stewardess gab dann die Sicherheitshinweise über das Bordmikrophon:

„Bitte stellen sie das Rauchen ein, schnallen die Gurte an und achten sie darauf, daß sie sie fest anziehen. Bitte beachten sie die Raucherhinweise über ihren Köpfen auch während des Fluges. Das Rauchen in den Toiletten ist verboten, ebenso wie die Benutzung elektronischer Geräte wie Handys, Filmkameras etc. während des ganzen Fluges. Im Fall eines Druckabfalls öffnen sich über ihren Köpfen Klappen und Sauerstoffmasken fallen automatisch heraus. Bitte löschen sie zuerst ihre Zigarette und ziehen sie dann die Maske zu sich heran und drücken sie fest auf Mund und Nase.

Erst dann helfen sie anderen Passagieren. Aus Sicherheitsgründen empfehlen wir ihnen, während des ganzen Fluges angeschnallt zu bleiben. Wir danken ihnen für ihre Aufmerksamkeit und wünschen ihnen einen guten Flug mit der Lufthansa.“

Peter konnte es nicht glauben, aber die zwei Plätze neben ihm waren frei geblieben. Leise öffnete er seinen Gurt und rutsche nach rechts auf den Gangplatz, denn er hatte etwas bemerkt, was er aufregend fand und was Jahre später gänzlich undenkbar war. Der Flugkapitän hatte die Tür zur Pilotenkanzel offen gelassen und so konnte er neben den Piloten die gleissenden Lichterketten der Startbahnbefeuerung sehen.

„Wir starten“.

Langsam, ganz vorsichtig, wie tastend schob der Pilot die Gashebel nach vorn, löste die Bremse. Und dann war Peter überrascht , mit welcher Urgewalt die Turbinen der Maschine donnernd in seinen Rücken fuhren und wie das Flugzeug ächzend von einer mächtigen Faust nach vorn geschleudert wurde.

Dann sah er etwas, das er nicht glauben konnte.

Das Flugzeug fauchte nicht kerzengerade die Runway entlang, sondern schwankte nach links, der Pilot korrigierte nach rechts, etwas zuviel, er korrigierte nach links und dann wurden die Schlangenlinien gerade. Noch einige harte Schläge auf die Räder des Hauptfahrwerks und das Flugzeug hob die Nase in den Himmel.

Peter schaute nach links zum Fenster raus. Die Eisblumen waren verschwunden. In der orangefarbenen Morgendämmerung sah er schon Straßen und die Scheinwerfer fahrender Autos.

Steil, für Peter viel zu steil, ritt der Düsenriese donnernd in den Himmel. Unter ihm sein geliebtes Wien mit Lichtern wie Glasperlen an Leuchtschnüren zu Straßen gebündelt. Der dunkle Streifen da unten, das musste die Donau sein.

Ein heißer Schreck jagte ihm in die Glieder. Nach einem dumpfen Rumpeln, hatte sich das Flugzeug etwas auf die Seite gelegt und flog eine Kurve. Er fand diesen Flugzustand nicht sympathisch und atmete erst wieder auf als die Maschine in die normale Fluglage zurückkehrte.

Später hatte ihm Kurt in Frankfurt lachend erklärt, daß zu diesem Zeitpunkt das Fahrgestell eingezogen wurde.

Ganze Leuchtperlenteppiche wurden sichtbar. So hatte er sein geliebtes Wien noch nie gesehen und konnte es mit einem Blick erfassen.

Adlerauge

Nach 20 Minuten hatte das Flugzeug seine maximale Flughöhe von 9100 Metern (33 000 Fuß) erreicht. Peter saß wieder am Fenster und beobachtete das dunstige Farbenspiel des Sonnenaufgangs. Tief unten war das Land Österreich als unwichtige graue Masse fast verschwunden. Wenn da nicht die von dunklen netzartigen Strichen durchzogenen Schneefelder gewesen wären. Das waren sicher Straßen. Da sah er einen Doppelstrich, das konnte die Westautobahn sein. Er bewunderte die Möglichkeit, die Farbskala der verschiedenen Dunstschichten von hier oben sehen zu können. Wie sich das Stahlblau des Nachthimmels einem unwirklichen Grün am Horizont näherte, der gar kein Horizont war, sondern die Grenze der Lufthülle über der Erde und darüber die Leere der Stratosphäre.

„Phantastisch“, murmelte er. Dann kam das Frühstück.

„Kaffee oder Tee ?“

Peter war zu verwirrt, um sagen zu können, dass er beides nicht mochte und bestellte Tee, denn Kaffee durfte er schon seit Jahren wegen seines Herzens nicht mehr trinken. Hinter ihm bestellte jemand Tomatensaft und da bedauerte er, dass der Frühstückscontainer schon an ihm vorbei war, denn den hätte er gern genommen.

Die verschiedenen Tütchen mit Salz, Zucker und Milchpulver steckte er sich als Andenken an seinen ersten Flug in die Jackentasche.

Er sah durch das kleine Kabinenfenster, wie nun der hellblaue Tag begann, den Luftraum zu regieren. Doch darüber herrschte wie eine endlos drohende Wolke der schwarze Weltenraum.