Die seltsame Wendung - Ludwig Hohl - E-Book

Die seltsame Wendung E-Book

Ludwig Hohl

0,0
18,99 €

-100%
Sammeln Sie Punkte in unserem Gutscheinprogramm und kaufen Sie E-Books und Hörbücher mit bis zu 100% Rabatt.

Mehr erfahren.
Beschreibung

Ein namenloser Künstler sucht in der fremden Großstadt Paris sein Glück. Er gelangt in die Hände des dubiosen Kunsthändlers Schwänzel und in eine Gesellschaft von Trinkern und Herumtreibern im Montparnasse-Quartier. Seine materiellen Sorgen ertränkt er im Alkohol, der ihn zugleich in euphorische Zustände versetzt. Doch aus seiner Schaffenskrise retten ihn diese nicht. Erst ein Autounfall führt den Künstler schließlich zur ›seltsamen Wendung‹ seines Daseins.
In seiner hier erstmals publizierten Novelle schildert Ludwig Hohl aus eigener Erfahrung den Existenzkampf eines Künstlers um Anerkennung: zerrieben zwischen persönlichen Ambitionen und den Mechanismen des Kunsthandels, zwischen innerer Einsamkeit und der trügerischen Trinkgeselligkeit in Straßencafés, gefangen von der zerstörerischen Kraft des Alkohols. In einer ungeschliffenen, unmittelbaren Sprache führt uns der Erzähler in den Mahlstrom von Ekstase und Verzweiflung, in das Ringen um ein absolutes Werk, das als Vision stets aufscheint, sich in Realität jedoch nur als große Leerstelle, als unendliches Rauschen erweist.

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
MOBI

Seitenzahl: 148

Veröffentlichungsjahr: 2023

Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



Cover

Titel

Ludwig Hohl

Die seltsame Wendung

Novelle

Mit einem Nachwort von Anna Stüssi

Herausgegeben im Auftrag der Ludwig Hohl Stiftung von Magnus Wieland

Suhrkamp Verlag

Impressum

Zur optimalen Darstellung dieses eBook wird empfohlen, in den Einstellungen Verlagsschrift auszuwählen.

Die Wiedergabe von Gestaltungselementen, Farbigkeit sowie von Trennungen und Seitenumbrüchen ist abhängig vom jeweiligen Lesegerät und kann vom Verlag nicht beeinflusst werden.

Um Fehlermeldungen auf den Lesegeräten zu vermeiden werden inaktive Hyperlinks deaktiviert.

eBook Suhrkamp Verlag Berlin 2023

Der vorliegende Text folgt der 1. Auflage der Ausgabe der Bibliothek Suhrkamp 2023.

Erste Auflage 2023Originalausgabe© Suhrkamp Verlag AG, Berlin, 2023Alle Rechte vorbehalten. Wir behalten uns auch eine Nutzung des Werks für Text und Data Mining im Sinne von § 44b UrhG vor.

Der Inhalt dieses eBooks ist urheberrechtlich geschützt. Alle Rechte vorbehalten. Wir behalten uns auch eine Nutzung des Werks für Text und Data Mining im Sinne von § 44b UrhG vor.Für Inhalte von Webseiten Dritter, auf die in diesem Werk verwiesen wird, ist stets der jeweilige Anbieter oder Betreiber verantwortlich, wir übernehmen dafür keine Gewähr. Rechtswidrige Inhalte waren zum Zeitpunkt der Verlinkung nicht erkennbar. Eine Haftung des Verlags ist daher ausgeschlossen.

Umschlaggestaltung: Willy Fleckhaus

eISBN 978-3-518-77696-4

www.suhrkamp.de

Übersicht

Cover

Titel

Impressum

Inhalt

Informationen zum Buch

Inhalt

Cover

Titel

Impressum

Inhalt

Dokumentarischer Anhang

Selbstkommentare von Ludwig Hohl zu

Die seltsame Wendung

Gedicht von 1929, das in diesen Stoffkreis gehört

Zu Seltsame Wendung (20. August 1933)

Von 19. Dezember 1933 stammende sehr wichtige Notiz, bedeutsam und auf S. 74 (der Fass. 2) einzufügen (Aber doch mit Vorsicht vor

zu

viel erklärender Darlegung: die wenigsten Sätze: und es genügt!)

Zu Seltsame Wendung, ungefähr in der Mitte (3. Mai 1934)

Auszug aus Gespräch von Alexander J. Seiler mit Ludwig Hohl (geführt vom 21.-23. Juli 1978 in Genf)

Nachwort

Anna Stüssi

Mit den Augen des Rausches

Hintergrund und Herkunft

Paris schreiben

Trinken

Abhängig

Lebenssituation 1929

Bilder

Stirb und werde

Bildteil

Stellenkommentar

Editorische Notiz

Zu Ludwig Hohls ›Berichten‹

Fußnoten

Informationen zum Buch

Es lebte im Montparnasse unter vielen sonderbaren Malern einer der war sonderbarer als die andern und eine ungestüme Kraft zersplitterte die Linien seines Gesichtes. Er war ein ungeheurer Säufer und wurde da und dort von der Polizei angesprochen, hie und da auf den Posten geschleppt, oft aus den Kaffeehäusern geworfen und dann doch wieder geduldet, von den Leuten verlacht und dann wieder angenommen als komische Figur, von deren Elend die andern lebten. Er war ein ungeheurer Säufer, aber das war nicht immer so gewesen.

In einer ersten Zeit seines Lebens war die Anstrengung grundsätzliche Melodie, dunkle Anstrengung, helle Anstrengung, oben, unten, überall bis zu jener vor allem bewussten und sichtbaren Form im künstlerischen Arbeiten. Dieses hatte entschieden begonnen, als er zwanzigjährig nach Paris kam und […] er monatlich einen Betrag zugeschickt bekam, der die Gesamtsumme eben zehn Jahre reichen ließ. Daraus redete wieder seine Anstrengung, denn was er so erhielt, wäre von den meisten unter dem in Paris erforderlichen Lebensminimum gehalten worden. Er aber dachte an keinerlei Vergnügungen, Ablenkung, fernere Bedürfnisse als ein schlechtes Zimmer, trockenes Brot, er meinte seine ganze seelische Existenz aus der Anstrengung um seine eigene und die allgemeine, die einzige, die wahre, hohe Kunst bestreiten zu können. Er malte schlecht, es war auch nicht ein Anfang in seinen Malereien. Er malte so schlecht, dass es weder ihn noch andere im mindesten befriedigen konnte, höchstens einen alten Professor, der durch ein Bild hindurch die Handhaltung beim Pinselführen und die Reinheit der Farbtöpfe erblickt, oder Bauern und Apotheker, die fragen, was es darstelle, und zufriedener sind, je rascher sie erkennen, ob es ein Baum oder ein Ochse oder ein Kalb sei. Er wusste, dass er schlecht malte, aber er hatte die Überzeugung, dass es nicht anders als unermesslich weit sein könne zur ewigen Stadt, ihn erfüllte die Gewissheit oder die vage Berechnung, dass dieser Weg der kleinen, täglichen, einzelnen Opfer ihn unaufhaltsam näher dem Ersehnten führe, dass hier der Ort sei, an dem er nur beharren müsse, um das Etwas, das er dringend spürte, den Menschen sagen zu müssen, mit voller Stimme herausreden zu können, dass auf diese Art alles zu ihm komme, wahre Kunst, Ruhm, Geld, alles durch Anstrengung.

Dann kam die Zeit, da durch heimliche, unverstandene Dinge, die nächtlicherweile aus verborgenen Brunnen heraufstiegen, diese Anstrengungen matter wurden. Erst änderte sich noch nichts in seiner Lebensführung, als dass er etwas mehr Bedürfnisse spürte und mit seinem Verwalter ein Abkommen traf, wonach ihm dieser eine größere monatliche Summe schicken sollte, sodass sein Vermögen, da inzwischen schon drei Jahre verstrichen waren, nur noch für fünf, statt für sieben Jahre reichen würde. Allmählich aber brach sich etwas anderes Bahn, das lange Zeit in der Tiefe seines Wesens schlummerte, bis es ans Licht drang, ein Unbefriedigtsein, ein dumpfes Ergrimmen wider seine ganze Malerei. […]

Und wenn er auch äußerlich die Linie nicht brach, den Bekannten nichts Neues sagte, so entsetzte er sie doch durch sein finsteres und mürrisches Wesen. Er lernte allerlei Dinge kennen, eine schreckliche Unruhe hatte ihn ergriffen. Die monatliche Summe, die er vom Verwalter bekam, hatte er wieder erhöht für das Zusammenleben mit dem Mädchen. Äußerlich hielt er fest am alten Geleise, aber innerlich erfüllte ihn Unglaube an seine ganze Malerei. Er ging bisweilen für einige Monate weg von Paris, aber wenn er wiederkam, hatte sich nichts geändert. Ein Spannungsverhältnis mit seiner Freundin, das seiner finstern Laune wegen entstanden war, wurde allmählich deutlicher. So vergingen zwei Jahre. Er hatte nicht sehr viele Bekannte, aber verlassen war er noch weniger; jedoch zogen sich diese Freunde immer mehr zurück seines unheiteren und gereizten Wesens wegen. Er sagte zu allem nein. Die Freunde fragten: Was fehlt ihm denn? Einige unter ihnen hungerten. Er aber hatte Geld zum Leben, er hatte eine Frau, er arbeitete, war gesund, hatte Hoffnung. Er wollte von alledem nichts verstehen. Im Äußern repetierte er noch Altes, aber im Dunkel fehlte der Glaube, mechanisch vertrat er noch Stellungen, aber wo das Leben aufblitzte sagte er nur dies: nein und nein und nein.

Er begann äußerlich vieles zu verlieren. Der Bruch mit dem Mädchen nahm deutlichere Formen an und ganz vollzog er sich im dritten Jahr des Zusammenlebens. […] Zugleich fand er kaum jemand, ihm das Leid zu klagen, da inzwischen immer ausgesprochener alle Freunde von ihm weggegangen waren. Und das Geld, das noch beim Verwalter wartete, reichte kaum mehr für das ganze Jahr. Was sollte dann geschehen? Seine frühern Vorstellungen von inzwischen erreichter künstlerischer Höhe hatten sich nicht erfüllt. In dem Maße, wie er sich der Zeit der Mittellosigkeit genähert hatte, waren seine Vorstellungen weniger dringend geworden. […]

Wenn er einige Gläser Weißwein zu sich genommen hatte, wurde er bedeutend erleichtert und belebter, sodass er wieder den Menschen vor die Augen zu treten wagte, ohne plötzliches Weinen befürchten zu müssen, wenn er zu sprechen suchte. Und nocheinmal wuchs die Hoffnung auf jenes Mädchen, er schrieb ihm aus allen Nöten heraus mit größter Offenheit. Es antwortete, dass es wohl ihm gehöre im Geist, aber es könne nicht kommen, es sei besser für beide und er würde es zerbrechen. Und wem wäre dann geholfen? Es kam nicht. Einmal, nachdem er lange geheult hatte im Bett und sich nicht zu erheben vermochte, malte er doch wieder ein Bild. Er strich es hin im Bett, mit Pastellkreiden, und legte es weg. Es stellte eine Landschaft dar, verblichen und öde, mit einer zerfallenden Hütte, die man kaum sah und einer Ruine, grau und zerbröckelt und gering. Das Land aber war farblos und glich eher einer Wüste. Mitten durch zog ein Strom von fürchterlichem Blau in einer Grellheit ohne gleichen gegenüber diesem Land, das sich endlos dehnte in farbloser Gestorbenheit. Dieses Bild war in Rohheit hingestrichen, aus einer ganz andern innern Region her beginnend, als er sonst je gemalt hatte, es sprach Hohn allem akademischen Arbeiten, wie er es bisher als einzigen richtigen Weg betrachtet hatte, und somit musste er es auch als völlig in malerischer Hinsicht außer Frage ansehn. Er behielt es nur als persönliche Mitteilung, als Tagebuchblatt, er betitelte es »mein Land« und beschrieb es mit dem Namen jenes Mädchens, das nicht gekommen war. Er vergaß es nach einer halben Stunde vollständig, es konnte seine Not nicht von ihm nehmen, nichts nahte ihm, seine Not von ihm zu nehmen. Nichts nahte, zu hindern, dass er alles verlor.

Es lebte in Montparnasse unter vielen sonderbaren Existenzen eine, die war sonderbarer als die andern, und niemand konnte mit Sicherheit angeben, welchen Standes der Mann war, womit er sich beschäftigte und wovon er sich ernährte. Er war gefällig, beinahe elegant angezogen, sah munter und flott aus, trug einen Zwicker und nannte sich Bilderhändler. Er war schlank und nicht groß von Körper, aber von äußerst aufrechter und eleganter Haltung, hatte einen süßlichen, geschmeidigen und klaren Ausdruck des Gesichts. Das Gesicht war mager und scharfgeschnitten […]. Die Augen blickten klug, trocken und beweglich. Der einfach, beinahe edel geformte Mund war leicht bereit zu lächeln, aber ohne dass das Lachen von verletzendem Spott oder fett oder einfältig war. Er trug einen eleganten Stab, seine Schultern waren allzu gerade, sie gingen beinahe nach hinten, er schritt durchs Café und grüßte von ferne mit einer solchen Korrektheit der Bewegungen, dass niemand ihm darin zuvorkam, selten einer ihn erreichen konnte. Er hatte ein sehr kluges Schulmeistergesicht. Es war vielleicht allzu klug, man hatte ein merkwürdiges Gefühl im Verkehr mit ihm, konnte er denn alles tun, da er so widerstandslos und ohne Zähigkeit auf alles einging, oder war er ein Zifferblatt ohne Uhr, dass die Zeiger sich so leicht bewegten? Der Mann nannte sich Bilderhändler, aber es wusste vielleicht niemand, wo er seine Galerie hatte, wo er seine Bilder hernahm und wem er welche verkaufte. Wohl aber wussten einige, dass er sich mit dem Plan getragen hatte, ein Bordell einzurichten, wozu er ganz besondere neue Ideen hatte, die ein besonders rentables Geschäft ermöglichen sollten. Auch wusste er es einzurichten, dass er von einem der weltbekannten Modemaler, die im Montparnasse herumlaufen, öffentlich gegrüßt wurde, Gott weiß, wie, der Modemaler selber, der oftmals Eile hatte, allen Pflichten nachzukommen, wusste es wahrscheinlich auch nicht. Auch wusste er überraschende Details über das Vorleben dieser sowie anderer jetziger Größen zu erzählen. Er saß oft in Nachtlokalen des Montparnasse, hatte immer Leute um sich und gab ziemlich viel Geld aus, wo er es her hatte, Gott weiß es. Er trank selber ziemlich viel, ohne je im mindesten angeheitert zu werden. Wenn ein Fremder zugegen war, zeigte er sich ausgesucht höflich, was er in intimerem Kreise redete, waren spöttische Bemerkungen oder übermäßig kluge Betrachtungen, die alle Welt als übermäßig stupide hinstellten, würdig des an der Nase Herumführens. So erklärte er einmal, dass es keine seelischen Emotionen gebe, jeder Mensch wische sich den Hintern mit einer sogenannten seelischen Emotion, wenn es Ernst gelte. Er habe einmal einen Säufer gekannt, einen wirklichen Säufer, der einige Tage keinen Alkohol bekommen habe, da sei eine wirkliche Emotion gewesen. Gefühle bei Todesfällen und so weiter, darüber solle man sich nichts einbilden, das seien alles Redereien. Aber der Säufer, dem er am dritten Tag gesagt habe, komm herunter, ich bezahle dir ein Gläschen, dessen Gesicht hätten sie sehen sollen, der hätte eine Emotion gespürt! Er sei nicht für Romantik, wer daran hänge, solle dabei bleiben, er störe niemanden. Schwänzel nannte sich Bilderhändler und keiner wusste über seinen Beruf Näheres zu sagen. […]

Wie öd war die Epoche, aus der späteren Steigerung betrachtet! Denn auf einmal war der, den er suchte, sein Freund wieder da, mit einem Begleiter, stark betrunken. (Aber dieser Freund, es war ein Junge, ertrug nicht viel.) Das Café D, neue Gläser Wein, die irgendeiner, der Begleiter des Freundes, bezahlte. Jetzt, hier, in der Bar, war viel Belebung, ein Teil der Welt war besoffen, viele Bekannte darunter: Balboff, Säufer und Maler, ein russischer Riese und großer Exhibitionist, verrichtete, mitten in der Bar, die allerdings dicht von Menschen bevölkert war, so dass man nicht in die Tiefe sah, ein Bedürfnis in eine Blechschachtel, umgeben von vielen Freunden, die lachten und sorgten – kein Skandal geschah. Nach Schließen des Cafés D ging der Freund wieder verloren, überall suchte er ihn, zu Fuß ging er bis rue du Culdesac, wo dieser wohnte, kam nach Montparnasse zurück, es war etwa sechs Uhr geworden: war doch die ganze Welt belebt! Stand doch da immer noch der kleine Russe im braunen Anzug, ein Bekannter seit langem, ein tonloses Stück, heute zu riesiger Aktualität erwacht, stark besoffen, »Immer-Mehr« nannte man ihn, weil er nie sprach, immer Bier trank, und nur nach Stunden, wenn kein Geld mehr da war, ausstieß, auf viele Fragen hin, wie viel er denn trinke (denn er machte immer Zeichen, dass man ihm etwas bezahlen solle), ausstieß, zu wiederholten Malen: »immer mehr«. Der stand da und schaute und war auf einmal wie ein Freund seit tausend Jahren. Aber dann geschah eine größere Freude: unerwartet, nachdem er schon nur noch schwach an ihn gedacht, erkannte er seinen Freund, den gesuchten, wieder, er saß lachend, erheitert, ätherisch im Café S auf einem hohen Stuhl und soff, sachte und gering, letzte Tropfen (beinahe gar nichts, er schaute vielmehr auf ein Weib, das sein Begleiter, dreimal besoffen, aber ein reicher Mensch, eingeladen und vielleicht mitzunehmen beschlossen hatte.) War das Seligkeit? den Freund, den Gesuchten wieder gefunden zu haben, nach so vielen Nöten und unerhörten Bewegungen? Der Freund bemühte sich um die Frau, die ihre Schuhe auszog, zu beweisen, dass sie gewaschene Füße habe. Dann verschwand die Frau, die Gebliebenen gingen gegen den Bahnhof Montparnasse, wo ein anderes Café sie aufnahm, dann war auch der Reiche nicht mehr da und die zwei wandten sich ihrem Heimweg zu, das ist dem Weg zur rue Culdesac, es war neun Uhr vormittags. Tomaten lagen geschichtet vor einem Restaurant, er nahm eine Tomate, bezahlte sie dann teuer, als ein keifender Mann erschien. Und dann predigte er einer Kinderschar, die in der Gasse spielte, von der wahren Erlösung des Menschengeschlechts, mit vielen Ausfällen gegen ihre Lehrer, die sämtlich Idioten seien und von nichts was wüssten. Er wurde sich nicht bewusst, in welche Gefahr er sich begab, oder der Rausch verschloss rasch die Türchen der kurzen Angstahnungen. Noch ein Café: Vermouth. Total besoffen definitiv allein an einer Avenue, schon in wachsender Wärme des Tages. Etwas Schlaf auf einer Bank, ein Hochhorchen, ein Mühen, ein Aufschwanken. In der Straßenbahn eingeschlafen und auf einmal gerufen: »Ein Glas Wein, bitte!« aus jener Angsthypnose heraus, die den Besoffenen immer zum Bestellen treibt, der verdächtigt wird, kein Geld mehr zu haben und der sich sehr schlecht benimmt. Die Schaffnerin sagte etwas. Er fragte: »Wieviel bis Malakoff?« Sie: »Ich sage: Endstation!« – »Aber die Fahrkarte?« – »Sie haben doch schon bezahlt, fünfundachtzig Centimes!« Er erinnerte sich schwach an diese ferne Vergangenheit. Nach endlosem Weg zu Fuß bis zu seinem Hôtel, in Hose ohne Hemd – wo war das Hemd geblieben? zerrissen, weggeworfen in irgendeinem Closet? Er schloss den Rock dicht und die Sache wurde gering – nach Weg von unerhörten innern Kämpfen und Nöten, die aber alle ins ewige Nichts sanken, als er ankam: schlief er ein in seinem Hôtelzimmer in Montrouge, auf dem Bett in Rock und Hose aber ohne Hemd, und so erwachte er fünf Uhr abends. Keine Gewissensbisse. Kein Finsteres nach diesem Rausch, aber ein Gefühl, dass einfach ein Ring sich schließt, ein deutliches Erinnern an den Ort und an die Zeit, da er seine Frau fand, aber die Analogie ist doch nur zerfasernd und wirkt sehr dünn, wir sind ganz woanders, das Gefühl ist nur da, dass ein Neues beginnt, dem man sich einfach ergibt. Schmeckt Weißwein in Paris dem Mann, der ihn einfach trinken muss, weil er sonst nicht mehr reden kann?

Abend. Körperlich elend, er kann nicht essen, aber seelisch fühlt er sich unerhört stark und reich. Die Sonne, mit ihrem ungeheuren Strahlenheer, zehnmal gewaltiger als zuckende Blitze, die er in den Händen zu halten meint, fulgurierend, der dickste und größte Stern, die Sonne selbst, ja, die hat er ganz für sich, und er hält sich nur an sie, an sie, er lässt den Mond. Reich an unermesslichen Kräften fühlt er sich. – Dominierend gewaltige Augen im gebrechlichen Körper, die mächtiger sind, als alle Kräfte der Welt. Ein Bild: »Nicht wie ihr!« wird deutlicher, liebender gesehn, jenes Bild vom vermoderten Grunde und dem Mann, der das alleinige, allumfassende Ja redet. So wandelt er wieder umher im Montparnasse mit lebendem Körper und noch allerlei Zeichen des Rausches, aber sich ohne gleichen mächtig und sicher fühlend, mit positivem Glauben. Wie ein schweres Tier, ein Elefant, ungeheuer! Wie jene Demonstrationsriesen, Balboff und Strozzi, aber auf anderem Niveau. Aber in diesen beiden, Schweinen, Riesen, Säufern, die sich der Welt imponieren, die wegdrängen, betrügen, sich durch nichts einschüchtern lassen und dick werden, erkennt er denselben Glauben. Nur französisch kann er es sagen: puissamment riche! Er hat nichts gegessen, aber er meint, dass er dicker werde.

Er hat einmal, als er noch malte, sich selber noch anstrengte, etwas ganz Anderes gehört, selber ihm zugestimmt, diesem: Nur das Leben, das Erleben, ist der Weg zur Kunst. Hineingehn in alles, nichts fürchten, von unten, von außen her muss man kommen, kein Gutes entsteht je aus Akademien. Das Wissen, dass der Weg zum Gipfel oft vom Gipfel entfernen muss, dass man ihn aus den Augen verliert manchmal, man kann ihn nur so erreichen. Wir werden wiederkehren, weiß er, und doch ist Gefahr manchmal, dass wir uns dort unten verlieren.