Die Shannara-Chroniken - Das Schwert der Elfen. Teil 2 - Terry Brooks - E-Book

Die Shannara-Chroniken - Das Schwert der Elfen. Teil 2 E-Book

Terry Brooks

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Beschreibung

Die Vorgeschichte zum Fantasy-Serien-Highlight 2016

Die mächtige Grenzstadt Tyrsis ist entscheidend für die Verteidigung der Südlande. Doch ihr rechtmäßiger Herrscher Balinor schmachtet in seinem eigenen Kerker, in den ihn sein verräterischer Bruder werfen ließ. Balinor muss alles daran setzen, die Freiheit zurückzuerlangen. Nur mit ihm an der Spitze können die widerstreitenden Machtblöcke von Tyrsis geeint und die Horden des Hexenmeisters Brona aufgehalten werden.

Dies ist Teil 2 von 2 des Romans "Die Shannara-Chroniken - Das Schwert der Elfen". Teil 1 erscheint unter der ISBN 978-3-641-19099-6.

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Seitenzahl: 462

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Buch

Die mächtige Grenzstadt Tyrsis ist entscheidend für die Verteidigung der Südlande. Doch ihr rechtmäßiger Herrscher Balinor schmachtet in seinem eigenen Kerker, in den ihn sein verräterischer Bruder werfen ließ. Balinor muss alles daran setzen, die Freiheit zurückzuerlangen. Nur mit ihm an der Spitze können die widerstreitenden Machtblöcke von Tyrsis geeint und die Horden des Hexenmeisters Brona aufgehalten werden.

Autor

Im Jahr 1977 veränderte sich das Leben des Rechtsanwalts Terry Brooks, geboren 1944 in Illinois, USA, grundlegend: Gleich der erste Roman des begeisterten Tolkien-Fans eroberte die Bestsellerlisten und hielt sich dort monatelang. Doch Das Schwert der Elfen war nur der Beginn einer atemberaubenden Karriere.

Terry Brook bei Blanvalet:

1. Das Schwert der Elfen (1: 19099 + 2: 19100)

2. Elfensteine (1: 19101 + 2: 19102)

Weitere Titel in Vorbereitung

Terry Brooks

DIE SHANNARA-CHRONIKEN

Das Schwert der Elfen

Teil 2

Roman

Aus dem Englischen von Tony Westermayr

Vollständig durchgesehen und

überarbeitet von Andreas Helweg

Der Inhalt dieses E-Books ist urheberrechtlich geschützt und enthält technische Sicherungsmaßnahmen gegen unbefugte Nutzung. Die Entfernung dieser Sicherung sowie die Nutzung durch unbefugte Verarbeitung, Vervielfältigung, Verbreitung oder öffentliche Zugänglichmachung, insbesondere in elektronischer Form, ist untersagt und kann straf- und zivilrechtliche Sanktionen nach sich ziehen.

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Die amerikanische Originalausgabe erschien unter dem Titel

»The Sword of Shannara« bei Ballantine Books, New York

Der vorliegende Roman ist bereits in geteilter Form im Goldmann Verlag und im Blanvalet Verlag erschienen unter den Titeln: »Der Sohn von Shannara (Teil 2)« und »Der Erbe von Shannara«

1. Auflage

E-Book-Ausgabe Dezember 2015

Copyright © der Originalausgabe 1977 by Terry Brooks

This translation published by arrangement with Del Rey, an Imprint of

Random House, a Division of Random House, LLC.

Copyright © der deutschsprachigen Ausgabe 1982 by

Verlagsgruppe Random House GmbH, München

Umschlaggestaltung: Isabelle Hirtz, Inkcraft

Illustration: Max Meinzold, München

HK · Herstellung: sam

Satz: Buch-Werkstatt GmbH, Bad Aibling

ISBN: 978-3-641-19100-9V001

www.blanvalet.de

1

An demselben Morgen, an dem Shea und seine neuen Gefährten die schreckliche Wahrheit über den geflohenen Orl Fane und das Schwert von Shannara erkannten, standen auch Allanon und die restlichen Mitglieder der Gemeinschaft vor neuen Schwierigkeiten. Sie waren unter der Führung des schwarzen Wanderers aus der Druidenfestung entkommen, indem sie durch das Tunnellabyrinth hinab in das Innere des Felsens stiegen und von dort aus zurück in den Wald gelangten. Sie waren bei ihrer Flucht auf keinerlei nennenswerten Widerstand gestoßen und nur vereinzelten Gnomen begegnet, die durch die Gänge huschten, Resten der Palastwachen, deren andere Angehörige längst geflohen waren. Es war früher Abend, bis der kleine Trupp die unheimlichen Höhen hinter sich hatte und nach Norden durch die Wälder zog. Allanon war inzwischen überzeugt davon, dass die Gnome das Schwert von Shannara schon einige Zeit vor seinem Zusammentreffen mit dem Schädelträger im Feuer fortgeschafft hatten, vermochte aber nicht genau zu sagen, wann das der Fall gewesen war. Eventine patrouillierte an der Nordgrenze von Paranor, und jeder Versuch, das Schwert wegzuschaffen, würde auf den Widerstand seiner Soldaten stoßen. Vielleicht hatte der Elfenkönig das Schwert sogar schon in seinen Besitz gebracht, vielleicht auch den vermissten Shea gefunden. Allanon machte sich große Sorgen um den kleinen Talbewohner, den er in der Festung vorzufinden gehofft hatte. Dennoch hatte er sich unmöglich getäuscht, als er den Jungen mit seinen geistigen Kräften am Fuß der Drachenzähne aufgespürt hatte. Shea war in Begleitung anderer gewesen und mit ihnen Richtung Norden, nach Paranor, gezogen. Irgendetwas musste sie aufgehalten haben. Immerhin war Shea ein einfallsreicher Bursche, und die Macht der Elfensteine schützte ihn vor dem Hexenmeister. Der Druide konnte nur hoffen, dass sie einander wiederfinden würden und dass Shea inzwischen nichts Schlimmes zustieß.

Allanon plagten jedoch andere Sorgen, die seine Aufmerksamkeit jetzt beanspruchten. Die Gnomen holten Verstärkung in großer Zahl herbei, und sie brauchten nicht lange zu dem Schluss, dass Allanon und sein kleiner Trupp von Eindringlingen aus der Burg geflüchtet waren und sich irgendwo im gefährlichen Wald um Paranor aufhalten mussten. In Wahrheit wussten die Gnome gar nicht, nach wem sie suchten; sie wussten nur, dass die Burg überfallen worden war und dass die Eindringlinge gefasst oder getötet werden mussten. Die Boten des Hexenmeisters waren noch nicht eingetroffen, und der Schädelkönig selbst ahnte noch nicht, dass ihm seine Beute einmal mehr entwischt war. Er ruhte zufrieden in den dunklen Nischen seines Reiches, überzeugt davon, dass der Störenfried Allanon im Feuerofen von Paranor umgekommen war, dass der Erbe von Shannara und seine Begleiter in der Falle saßen und das Schwert von Shannara sich auf dem sicheren Weg nach Norden befand, abgefangen diesmal von einem Schädelträger, den er einen Tag zuvor weggeschickt hatte, um dafür zu sorgen, dass das kostbare Schwert nicht von neuem zurückerobert wurde. Die neu eingetroffenen Gnome begannen daher, die Wälder um Paranor zu durchkämmen, um die unbekannten Eindringlinge zu finden, von denen sie glaubten, sie seien auf der Flucht nach Süden, Anlass genug, den Großteil der Jäger in diese Richtung zu schicken.

Allanon und sein kleiner Haufen zogen aber weiter nach Norden. Von Zeit zu Zeit wurden sie aufgehalten, wenn kleinere Suchtrupps der Gnomen auftauchten. Hätten sie den Weg nach Süden eingeschlagen, wären sie niemals unentdeckt davongekommen, aber im Norden wurde kaum nach ihnen gesucht, so dass es den Flüchtenden gelang, sich vor den Jägern zu verbergen, um dann wieder weiterzumarschieren, sobald die Gnome vorbeigezogen waren. Als es hell wurde, erreichten sie den Waldrand. Sie blickten auf die riesige Ebene von Streleheim hinaus und hatten die Verfolger vorübergehend hinter sich gelassen.

Allanon wandte sich ihnen angespannt und grimmig zu; seine Augen leuchteten jedoch vor Entschlossenheit. Er sah die Begleiter der Reihe nach an und begann endlich zu sprechen.

»Wir haben das Ende des gemeinsamen Weges erreicht, meine Freunde. Die Reise nach Paranor ist vorbei, und es wird Zeit, dass wir uns trennen und jeder seine eigene Route wählt. Wir haben unsere Chance vertan, das Schwert in unseren Besitz zu bringen – zumindest für den Augenblick. Shea wird noch vermisst, und wir können nicht sagen, wie lange es dauern mag, ihn zu finden. Aber die größte Bedrohung für uns ist eine Invasion aus dem Norden. Wir müssen uns und die Völker der Länder südlich, östlich und westlich von uns davor schützen. Wir haben nichts von den Elfenarmeen Eventines gesehen, obwohl sie eigentlich in diesem Gebiet Wache halten müssten. Es hat den Anschein, dass sie zurückgezogen worden sind, und das konnte nur geschehen, weil der Hexenmeister begonnen hat, seine Armeen nach Süden zu werfen.«

»Dann hat die Invasion schon angefangen?«, fragte Balinor.

Allanon nickte düster, und die anderen wechselten erschrockene Blicke.

»Ohne das Schwert können wir den Hexenmeister nicht besiegen, also müssen wir versuchen, seine Armeen aufzuhalten. Dazu müssen wir die freien Nationen rasch einen. Es mag schon zu spät sein. Brona wird seine Armeen dazu verwenden, das ganze zentrale Südland zu erobern. Dazu braucht er nur die Grenzlegion von Callahorn zu vernichten. Balinor, die Legion muss die Städte von Callahorn halten, damit die Nationen Zeit haben, ihre Armeen zu vereinigen und sich gegen die Eindringlinge zu wehren. Durin und Dayel können Euch nach Tyrsis begleiten und von dort nach Westen in ihr eigenes Land ziehen. Eventine muss seine Elfenarmeen durch die Ebene von Streleheim führen, um Tyrsis zu verstärken. Wenn wir dort unterliegen, wäre es dem Hexenmeister gelungen, einen Keil zwischen die Armeen zu treiben, und dann besteht wenig Aussicht, sie zusammenzuführen. Schlimmer noch, das ganze Südland wird offen und ungeschützt daliegen. Die Menschen werden nicht mehr in der Lage sein, ihre Armeen rechtzeitig aufzustellen. Die Grenzlegion von Callahorn ist die einzige Chance, die sie haben.«

Balinor nickte zustimmend und wandte sich an Hendel.

»Welche Unterstützung können uns die Zwerge leisten?«

»Die Stadt Varfleet ist der Schlüssel zum östlichen Teil von Callahorn.« Hendel dachte gründlich nach. »Mein Volk muss jeden Angriff durch den Anar abwehren, aber wir können genug Leute entbehren, um auch Varfleet zu helfen. Die Städte Kern und Tyrsis müsst Ihr jedoch allein halten.«

»Im Westen unterstützen Euch die Elfenarmeen«, versprach Durin schnell.

»Augenblick!«, rief Menion erstaunt. »Was ist mit Shea? Den habt ihr wohl vergessen, wie?«

»Ihr redet immer noch, bevor Ihr nachdenkt«, sagte Allanon dumpf. Menion wurde dunkelrot vor Zorn, beherrschte sich jedoch.

»Ich gebe die Suche nach meinem Bruder nicht auf«, erklärte Flick ruhig.

»Das verlange ich auch gar nicht, Flick.« Allanon lächelte schwach. »Du und Menion und ich, wir setzen die Suche nach unserem jungen Freund und dem verschwundenen Schwert fort. Wo der eine ist, wird auch das andere sein, vermute ich. Denkt an die Worte, die Brimens Schatten zu mir gesprochen hat. Shea wird der Erste sein, der die Hand auf das Schwert von Shannara legt. Vielleicht hat er es schon getan.«

»Dann setzen wir unsere Suche fort«, sagte Menion gereizt. Er mied den Blick des Druiden.

»Wir brechen gleich auf«, erklärte Allanon und fügte mit Betonung hinzu, »aber Ihr müsst darauf achten, Eure Zunge mehr im Zaum zu halten. Ein Prinz von Leah sollte mit Weisheit und Voraussicht sprechen, mit Geduld und Verständnis – nicht in törichtem Zorn.«

Menion nickte widerwillig. Die sieben verabschiedeten sich mit gemischten Gefühlen voneinander und trennten sich. Balinor, Hendel und die Elfenbrüder wandten sich nach Westen, vorbei an dem Wald, in dem Shea und seine Begleiter die Nacht verbracht hatten in der Hoffnung, den undurchdringlichen Wald zu umgehen, durch das Hügelland nördlich der Drachenzähne zu gelangen und so Kern und Tyrsis binnen zwei Tagen zu erreichen. Allanon und seine zwei jugendlichen Begleiter gingen nach Osten und suchten nach Shea. Allanon war überzeugt davon, dass Shea schließlich doch nach Norden, auf Paranor zu, gekommen sein musste und vielleicht Gefangener von Gnomen in diesem Gebiet war. Ihn zu befreien würde nicht einfach sein, aber der Druide fürchtete vor allem, dass der Hexenmeister von seiner Gefangennahme erfahren und seine sofortige Hinrichtung befehlen würde. Dann verlor das Schwert von Shannara für sie jeden Wert, und es würde ihnen nichts anderes übrig bleiben, als sich auf die Stärke der geteilten Armeen in den drei belagerten Ländern zu verlassen. Kein erfreulicher Gedanke, und Allanon ließ ihn rasch fallen und wandte seine Aufmerksamkeit der Umgebung zu. Menion hatte einen kleinen Vorsprung, erkundete den Weg und prüfte die Spuren aller, die hier vorbeigekommen waren. Ihn beschäftigte vor allem das Wetter. Wenn es regnete, würden sie die Fährte nie finden. Selbst wenn ihnen das Wetter günstig gesinnt blieb, würden die plötzlichen Stürme, die über die Streleheim-Ebene bliesen, nicht anders wirken als der Regen. Flick, der als Letzter in der Reihe ging, brütete vor sich hin und hoffte verzweifelt, ein Zeichen von Shea zu finden.

Am Mittag flimmerte die karge Ebene unter der sengenden Hitze der weißglühenden Sonne, und die drei Wanderer hielten sich so nah am Waldrand wie möglich, um ein wenig vom Schatten der hohen Bäume zu erhaschen. Allein Allanon schien von der drückenden Hitze unbeeindruckt. Sein dunkles Gesicht war ruhig und entspannt und zeigte keinen Schweißtropfen. Flick fühlte sich dem Zusammenbruch nahe, und selbst dem zähen Menion Leah wurde übel. Seine scharfen Augen waren wie ausgetrocknet, und seine Sinne fingen an, ihm Streiche zu spielen. Er sah Dinge, die es nicht gab, hörte und roch Erscheinungen, die sein erschöpftes Gehirn auf die versengte Ebene zauberte.

Endlich konnten die beiden Südländer nicht mehr weiter, und ihr hünenhafter Anführer machte Halt und führte sie in den kühlenden Schatten des Waldes. Stumm verzehrten sie eine kleine Mahlzeit aus Brot und Trockenfleisch. Flick fühlte sich seit der Trennung von den anderen sonderbar allein. Sein Verhältnis zu Allanon war nicht sehr eng, und stets plagten ihn nagende Zweifel an den unheimlichen Kräften des Druiden. Der Zauberer blieb eine rätselhafte Gestalt, so geheimnisvoll und tödlich wie die Schädelträger, von denen sie so unbarmherzig verfolgt wurden. Im Grunde gehörte er eher zum Reich des Hexenmeisters, jenem schwarzen schrecklichen Winkel des Geistes, wo die Angst herrschte und der Vernunft kein Zutritt gewährt wurde. Flick konnte den entsetzlichen Kampf zwischen Allanon und dem heimtückischen Schädelwesen nicht vergessen, der in den Flammen des Feuers in Paranor zu einem grausigen Höhepunkt gekommen war. Aber Allanon hatte sich retten können; er hatte überlebt, was keinem anderen Menschen gelungen wäre. Das war mehr als nur unheimlich – es machte ihm Angst. Balinor allein schien in der Lage gewesen zu sein, sich gegen den riesenhaften Anführer aufzulehnen, aber er war nicht mehr dabei, und Flick kam sich deshalb einsam und verlassen vor.

Menion Leah fühlte sich nicht weniger unsicher. Er hatte im Grunde keine Angst vor dem mächtigen Druiden, spürte aber, dass der Hüne nicht viel von ihm hielt und ihn vor allem deswegen mitgenommen hatte, weil Shea es wünschte. Shea hatte an den Prinzen von Leah geglaubt, als selbst Flick von Zweifeln befallen worden war, was die Motive des Abenteurers anging. Aber Shea war nicht da. Menion fühlte, dass er die Geduld des Druiden bis an die äußerste Grenze strapaziert hatte. Er saß still da und sann vor sich hin.

Als die stumme Mahlzeit beendet war, scheuchte der Druide sie weiter. Wieder marschierten sie am Wald entlang nach Osten durch gleißenden Sonnenschein, während ihre erschöpften Augen die karge Ebene nach dem verschwundenen Shea absuchten. Diesmal waren sie erst eine Viertelstunde unterwegs, als sie auf etwas Ungewöhnliches stießen. Menion war es, der die Spuren entdeckte. Eine große Anzahl von Gnomen war vor Tagen hier entlanggekommen, in Stiefeln und wohl auch bewaffnet. Sie folgten der Fährte etwa eine halbe Meile nach Norden. Hinter einer Anhöhe fanden sie die Überreste von Gnomen und Elfen, die im Kampf gestorben waren. Die verwesenden Leiber lagen, wo sie gefallen waren, unberührt und unbestattet, keine hundert Schritte von der Anhöhe entfernt. Die drei Männer stiegen langsam hinab zu dem Friedhof ausgebleichter Gebeine und faulenden Fleischs, und ihnen schlug ein entsetzlicher Gestank entgegen. Flick konnte nicht mehr weiter und sah den anderen nach, als sie zu den Toten traten.

Allanon ging versunken zwischen den Leichen umher, betrachtete Waffen und Standarten und blickte nur kurz auf die Gefallenen. Menion entdeckte wenig später eine neue Spur und lief mechanisch auf dem Schlachtfeld herum, ohne die staubige Erde aus den Augen zu lassen. Flick konnte von seinem Platz aus nicht genau erkennen, was sich abspielte, aber Menion blieb mehrmals stehen, suchte mit beschatteten Augen nach neuen Spuren und wandte sich endlich nach Süden zum Wald. Er kam mit gesenktem Kopf langsam zu Flick zurück, blieb an einem dichten Gebüsch stehen und ließ sich auf ein Knie nieder, um eine Stelle näher zu betrachten. Flick eilte ihm nach. Er hatte ihn eben erreicht, als Allanon, der in der Mitte des Kampfplatzes stand, einen überraschten Ruf ausstieß. Die beiden anderen hoben die Köpfe und warteten stumm, während die schwarze Gestalt sich bückte, sich plötzlich umdrehte und zu ihnen zurückeilte. Das Gesicht Allanons war vor Aufregung gerötet, als er sie erreichte, und sie sahen erleichtert, dass sich das vertraute spöttische Lächeln in ein freudiges Grinsen verwandelt hatte.

»Erstaunlich! Wirklich erstaunlich. Unser junger Freund ist einfallsreicher, als ich dachte. Ich habe ein kleines Aschenhäufchen gefunden – alles, was von einem der Schädelträger übrig geblieben ist. Nichts Sterbliches hat dieses Wesen vernichtet. Es war die Kraft der Elfensteine.«

»Dann ist Shea vor uns hier gewesen!«, entfuhr es Flick.

»Niemand sonst hat die Macht, die Steine zu gebrauchen.« Allanon nickte. »Es gibt Anzeichen eines schrecklichen Kampfes, Spuren, die zeigen, dass Shea nicht allein war. Ich weiß aber nicht, ob es Freunde oder Feinde waren oder ob das Wesen aus dem Norden während oder nach der Schlacht zwischen Gnomen und Elfen vernichtet worden ist. Was habt Ihr gefunden, Hochländer?«

»Eine Anzahl falscher Fährten, die ein sehr kluger Troll gelegt hat«, erwiderte Menion. »An den Fußspuren lässt sich nicht allzu viel erkennen, aber ich bin sicher, dass hier ein riesiger Bergtroll war. Er hat überall seine Spuren hinterlassen, aber sie führen nirgendwohin. Es gibt Anzeichen dafür, dass in diesem Gebüsch eine Auseinandersetzung stattgefunden hat. Seht ihr die geknickten Zweige und die abgerissenen Blätter? Und wichtiger noch, hier sind Fußspuren eines kleineren Mannes. Sie könnten von Shea stammen.«

»Glaubst du, dass er von dem Troll überwältigt worden ist?«, fragte Flick besorgt.

Menion lächelte über seine Besorgnis.

»Wenn er mit einem von diesen Schädelwesen fertigwurde, kann ihm ein gewöhnlicher Troll kaum Probleme bereitet haben.«

»Die Elfensteine sind kein Schutz gegen sterbliche Wesen«, betonte Allanon kalt. »Gibt es einen klaren Hinweis darauf, welche Richtung der Troll eingeschlagen hat?«

Menion schüttelte den Kopf.

»Um Gewissheit zu haben, hätten wir die Spur gleich finden müssen. Sie ist aber mindestens einen Tag alt. Der Troll wusste, was er tat. Wir könnten ewig suchen, ohne je genau zu wissen, in welche Richtung er gegangen ist.«

Flick verlor bei dieser Neuigkeit den Mut. Wenn Shea von diesem geheimnisvollen Wesen verschleppt worden war, standen sie wieder in einer Sackgasse.

»Ich habe noch etwas anderes gefunden«, erklärte Allanon nach einer Pause. »Eine zerbrochene Standarte aus dem Hause Elessedil – Eventines persönliches Banner. Er könnte beim Kampf dabei gewesen sein. Vielleicht ist er in Gefangenschaft geraten oder sogar getötet worden. Es besteht die Möglichkeit, dass die besiegten Gnome mit dem Schwert aus Paranor fliehen wollten und hier vom Elfenkönig und seinen Soldaten aufgehalten wurden. Wenn dem so wäre, befinden sich Eventine, Shea und das Schwert vielleicht in der Hand des Feindes.«

»Eines steht für mich fest«, sagte Menion. »Die Fußabdrücke des Trolls und der Kampf im Gebüsch stammen von gestern, während die Schlacht zwischen Gnomen und Elfen vor einigen Tagen stattgefunden haben muss.«

»Ja … ja, Ihr habt recht«, bestätigte der Druide. »Mit unseren geringen Kenntnissen können wir nicht genau sagen, was sich hier alles abgespielt hat.«

»Was tun wir jetzt?«, fragte Flick dumpf.

»Es führen Spuren westwärts über die Ebene von Streleheim«, sagte Allanon nachdenklich. »Sie sind undeutlich, könnten aber von Überlebenden des Kampfes stammen …« Er sah Menion fragend an.

»Unser geheimnisvoller Troll hat nicht diese Richtung eingeschlagen«, sagte Menion sorgenvoll. »Er hätte sich nicht die Mühe gemacht, falsche Fährten zu legen, und dann eine leicht zu verfolgende hinterlassen. Mir gefällt das nicht.«

»Haben wir eine Wahl?«, fragte Allanon. »Die einzige deutliche Spur führt nach Westen. Wir müssen ihr folgen und das Beste hoffen.«

Flick hielt jeden Optimismus für ungerechtfertigt, wenn er sich die Tatsachen ansah, und auch die Art der Bemerkungen schien nicht zu dem Druiden zu passen. Allerdings schien ihnen wenig anderes übrig zu bleiben. Der kleine Talbewohner wandte sich Menion zu und bekundete durch ein Nicken seine Bereitschaft, dem Rat des Druiden zu folgen. Menion war von dem Vorschlag sichtlich weniger erbaut. Allanon winkte ihnen, und sie kehrten um und begannen den langen Marsch in den Westen von Paranor. Flick warf einen letzten Blick auf die Toten und schüttelte den Kopf. Vielleicht würde das Ende für sie alle nicht anders aussehen.

Sie liefen den Rest des Tages nach Westen, sprachen wenig, hingen ihren Gedanken nach und folgten mit dem Blick geistesabwesend der Spur, während sich die grelle Sonne am Horizont endlich blutrot verfärbte und unterging. Als es zu dunkel wurde, um den Marsch fortzusetzen, führte Allanon sie zwischen die Bäume, wo sie ihr Nachtlager aufschlugen. Sie hatten den nordwestlichen Teil des gefürchteten Undurchdringlichen Waldes erreicht und liefen wieder Gefahr, von Gnomen oder umherstreifenden Wolfsrudeln aufgestöbert zu werden. Der Druide war jedoch der Ansicht, dass man die Suche nach ihnen zugunsten dringender Anliegen inzwischen aufgegeben haben würde. Aus Vorsichtsgründen sollten sie jedoch kein Feuer anzünden und wegen der Wölfe nachts eine Wache aufstellen. Flick flehte im Stillen darum, dass die Wolfsrudel sich nicht so nah an freies Gelände heranwagten. Sie aßen ein paar Bissen und legten sich schlafen. Menion bot sich an, die erste Wache zu übernehmen. Flick schlief bald ein. Es schien ihm, als habe er kaum die Augen zugemacht, als Menion ihn weckte. Gegen Mitternacht näherte sich Allanon lautlos und befahl Flick, sich wieder hinzulegen. Der Talbewohner hatte nur ungefähr eine Stunde Wache gehalten, widersprach aber nicht.

Als Flick und Menion erwachten, war es Tag. In den schwachen rötlichen und gelben Strahlen der Morgensonne, die langsam in den schattigen Wald krochen, sahen sie den hünenhaften Druiden ruhig an einer hohen Ulme lehnen. Die große schwarze Gestalt schien beinahe ein Teil des Waldes selbst zu sein. Der Druide saß regungslos da, die tiefen Augen lagen schwarz in den Höhlen unter der mächtigen Stirn. Sie wussten, dass Allanon die ganze Nacht Wache gehalten und nicht geschlafen hatte. Er konnte nicht ausgeruht sein, erhob sich aber trotzdem, ohne sich auch nur zu recken. Sein grimmiges Gesicht war wach und frisch. Sie frühstückten und verließen den Wald. Augenblicke später blieben sie betroffen stehen. Ringsum war der Himmel klar und von lichtem Blau, während die Sonne in blendender Helligkeit über dem fernen Gebirge aufstieg. Aber im Norden stand eine gigantische Wand aus Dunkelheit vor dem Himmel, als hätten sich alle dräuenden Gewitterwolken der Erde vereinigt und aufeinandergetürmt, um eine düstere schwarze Mauer zu bilden. Sie ragte hoch in die Lüfte empor, verlor sich in der gewölbten Atmosphäre des Erdhorizonts und erstreckte sich quer über das ganze raue Nordland, riesig, dunkel und furchterregend. Der Mittelpunkt befand sich über dem Reich des Hexenmeisters. Diese Wolkenwand schien das gnadenlose, unaufhaltsame Heraufziehen einer ewigen Nacht anzukündigen.

»Was haltet Ihr davon?« Menion brachte die Worte kaum über die Lippen.

Allanon schwieg für Augenblicke. Sein dunkles Gesicht war ein Spiegel der Schwärze im Norden. Seine Kiefermuskeln schienen sich anzuspannen, der kleine schwarze Bart zuckte, und er kniff die Augen zusammen.

»Das ist der Anfang vom Ende«, sagte der Druide schließlich. »Brona kündigt den Beginn seines Eroberungszuges an. Diese schreckliche Dunkelheit folgt seinen Armeen, wenn sie nach Süden, Osten und Westen vorstoßen, bis die ganze Erde darunter erstickt. Wenn die Sonne über den Ländern erlischt, ist auch die Freiheit tot.«

»Sind wir besiegt?«, fragte Flick nach einer Pause. »Sind wir wirklich schon besiegt? Haben wir keine Hoffnung mehr, Allanon?«

Der Druide drehte sich um und blickte ruhig in die großen, angstvollen Augen.

»Noch sind wir nicht geschlagen, mein junger Freund. Noch nicht.«

Allanon führte sie einige Stunden lang nach Westen, blieb stets in der Nähe des Waldes und forderte seine beiden Gefährten immer wieder auf, die Augen offen zu halten. Die Schädelträger würden jetzt auch bei Tag fliegen, nun, da der Hexenmeister mit seinem Feldzug begonnen hatte. Sie würden keine Angst vor dem Sonnenlicht mehr haben und sich nicht länger bemühen, unbemerkt zu bleiben. Der Meister gedachte sich nicht länger im Nordland zu verstecken; er war auf dem Weg in die anderen Länder und schickte seine getreuen Geister wie große Raubvögel voraus. Er würde ihnen die Macht verleihen, die es ihnen erlaubte, der Sonne zu widerstehen – jene Macht, die er in der riesigen schwarzen Wand gebannt hatte, welche sein Reich und bald auch die anderen Länder mit Schatten überziehen würde. Die Tage des Lichts waren gezählt.

Am späten Vormittag wandten sich die drei Wanderer auf der Ebene von Streleheim nach Süden, entlang des Westrandes der Wälder um Paranor. Die Spur, der sie gefolgt waren, vereinte sich hier mit anderen, die von Norden kamen und südlich nach Callahorn weiterführten. Die Fährte war breit und nicht verwischt; man hatte sich nicht bemüht, Zahl oder Richtung zu verbergen. Menion schätzte, dass hier vor wenigen Tagen wenigstens einige Tausend Mann vorbeigezogen waren. Die Fußabdrücke stammten von Gnomen und Trollen – offenbar Teile der Horden, die der Hexenmeister ausgeschickt hatte. Für Allanon stand nun fest, dass sich auf der Ebene vor Callahorn eine riesige Armee sammelte, um ins Südland vorzustoßen und die freien Länder und ihre Armeen voneinander zu trennen. Die Fährte war durch die Vereinigung mit vielen Trupps so unübersichtlich geworden, dass man nicht mehr erkennen konnte, ob sich irgendwo eine kleine Gruppe abgespalten hatte. Shea und das Schwert konnten an irgendeiner Stelle in eine andere Richtung gebracht worden sein, ohne dass ihre Freunde das bemerkt hatten.

Sie zogen den ganzen Tag nach Süden und machten nur selten kurz Rast, um die große Kolonne einzuholen. Die Fährte der Invasionsarmee war so deutlich, dass Menion nur noch von Zeit zu Zeit auf den staubigen Boden blickte. An die Stelle der kargen Streleheim-Ebene trat grünes Grasland. Flick kam es beinahe so vor, als seien sie auf dem Heimweg und als ob hinter dem nächsten Berg die vertraute Heimat auftauchen müsste. Sie waren von Callahorn noch ein gutes Stück entfernt, ließen aber unverkennbar das trostlose Nordland hinter sich und gelangten in das Grün und die Wärme ihrer Heimat. Der Tag verging rasch, und das Gespräch zwischen den Wanderern lebte wieder auf. Auf Flicks Drängen erzählte Allanon vom Rat der Druiden. Er berichtete in Einzelheiten über die Geschichte der Menschen seit den Großen Kriegen und erläuterte, wie ihre Rasse zu ihrer jetzigen Existenz gelangt war. Menion sagte wenig, hörte zu und beobachtete die Umgebung.

Anfangs war die Sonne hell und warm, der Himmel klar gewesen. Am Nachmittag änderte sich das Wetter. Graue, tief hängende Regenwolken zogen sich zusammen, die Luft wurde schwül und feucht. Es gab kaum Zweifel, dass ein Gewitter bevorstand. Sie waren inzwischen in der Nähe der Südgrenze des Undurchdringlichen Waldes, und die schroffen Gipfel der Drachenzähne wurden am dunklen Horizont im Süden sichtbar. Von der großen Armee, die ihnen vorauszog, war immer noch nichts zu sehen, und Menion begann sich zu fragen, wie weit nach Süden sie schon vorgestoßen sein mochte. Sie selbst hatten nicht mehr weit bis zur Grenze von Callahorn, das unmittelbar hinter den Drachenzähnen lag. Wenn Callahorn bereits von den Armeen aus dem Norden erobert worden war, stand das Ende wahrhaftig bevor. Das graue Licht des Nachmittags verblasste, und der Himmel färbte sich dunkel.

Es dämmerte, als sie ein Dröhnen hörten, das von den hohen Gipfeln vor ihnen widerhallte. Menion erkannte es sofort – er hatte das schon in den Wäldern des Anar gehört. Es war der Schlag Hunderter Gnomentrommeln, deren Rhythmus in der stillen, feuchten Luft vibrierte und den Abend mit unheimlicher Spannung erfüllte. Die Erde erzitterte, und alles Leben war in Furcht und Vorahnung verstummt. Menion erkannte, dass es viel mehr Trommeln waren als zuletzt am Jadepass. Die drei Männer eilten inmitten des Dröhnens weiter. Die grauen Abendwolken bedeckten auch den nächtlichen Himmel, und die drei fanden sich schließlich fast im Stockfinsteren wieder. Menion und Flick sahen den Weg nicht mehr, doch der Druide führte sie mit untrüglicher Sicherheit in das raue Tiefland unterhalb von Paranor. Keiner sagte etwas, alle waren äußerst angespannt. Sie wussten, dass das feindliche Lager vor ihnen lag.

Dann veränderte sich die Landschaft abrupt. An die Stelle der niedrigen Hügel und des Buschwerks traten steile Hänge mit Felsblöcken und gefährlichen Überhängen. Allanon schritt unbeirrt weiter, und seine hohe Gestalt war selbst in der fast völligen Dunkelheit unübersehbar. Die beiden anderen folgten ihm gehorsam. Menion vermutete, dass sie die kleineren Berge und das Vorland der Drachenzähne erreicht hatten und dass Allanon diesen Weg gewählt hatte, um zufällige Begegnungen mit Soldaten der Nordlandarmee zu vermeiden. Wo sich das feindliche Lager genau befand, war immer noch nicht auszumachen, aber dem Trommelklang nach musste es sich unmittelbar in ihrer Nähe befinden. Sie tappten fast eine Stunde lang zwischen Felsblöcken und Büschen dahin, zerrissen sich die Kleidung und verschrammten sich die Arme blutig, aber der stumme Druide verlangsamte seine Schritte nicht. Nach Ablauf der Stunde blieb er stehen, drehte sich zu ihnen um und legte warnend den Finger an die Lippen. Vorsichtig führte er sie dann in ein Gewirr riesiger Felsbrocken. Die drei kletterten minutenlang aufwärts, ohne ein Geräusch zu machen. Plötzlich sahen sie vor sich Lichter – trübe, flackernde Lichter, die von brennenden Lagerfeuern stammten. Sie krochen auf Händen und Knien zum Rand der Felsblöcke. An einem schräg stehenden Felsen hoben sie langsam die Köpfe und starrten atemlos hinunter.

Ihnen bot sich ein unheimlicher und erschreckender Anblick. So weit das Auge reichte, meilenweit in alle Richtungen, loderten die Feuer der Nordlandarmee in die Nacht, wie Tausende gelber, gleißender Punkte im Schwarz der Ebene, und in ihrem hellen Licht liefen die undeutlichen Gestalten drahtiger, knorriger Gnome und massiger, schwerer Trolle umher. Es waren Tausende, alle bewaffnet, alle bereit, über das Königreich Callahorn herzufallen. Flick und Menion konnten sich nicht vorstellen, dass selbst die legendäre Grenzlegion Aussichten hatte, einer solch gewaltigen Streitmacht standzuhalten. Es war, als seien sämtliche Gnomen- und Trollvölker dort unten versammelt. Allanon hatte jede Begegnung mit Spähern und Wachen vermieden, indem er am Westrand der Drachenzähne entlanggegangen war, und nun hockten die drei Männer in einem Krähennest von Felsblöcken hoch über dem feindlichen Lager. Aus dieser Höhe konnten die entsetzten Südländer die Gesamtheit der riesigen Streitmacht überblicken, die sich versammelt hatte, um in die schlecht verteidigte Heimat der Südländer einzumarschieren. Die Trommeln der Gnomen klangen immer lauter, während die drei ihre Blicke ungläubig von einem Ende des Lagers zum anderen schweifen ließen. Zum ersten Mal begriffen sie wirklich, womit sie es zu tun hatten. Zuvor hatte Allanon ihnen nur mit Worten ausgemalt, wie die Invasion aussehen mochte; nun konnten sie den Feind sehen und selbst ein Urteil fällen. Jetzt spürten sie das dringende Bedürfnis nach dem geheimnisvollen Schwert von Shannara, nach der einzigen Macht, die das böse Wesen, welches diese Armee gegen sie aufgestellt hatte, vernichten konnte. Aber nun war es zu spät.

Minutenlang blieben sie stumm, dann berührte Menion Allanon an der Schulter und wollte etwas sagen, aber der Druide presste seine Hand schnell auf den Mund des erstaunten Hochländers und deutete den Hang hinunter. Menion und Flick reckten die Köpfe ein wenig vor und sahen erschrocken, dass unter ihrem Versteck Gnomenwachen auf und ab gingen. Sie hatten beide nicht geglaubt, dass der Feind sich die Mühe machen würde, so weit vom eigentlichen Lager entfernt Wachen aufzustellen, aber offenbar ließ man sich auf kein Risiko ein. Allanon bedeutete den beiden durch eine Handbewegung, sich zurückzuziehen, und sie gehorchten schnell und folgten ihm hinab über die hohen Steinquader. Unten angekommen, sicher vor allen neugierigen Augen, setzten sie sich zur Beratung zusammen.

»Wir müssen ganz leise sein«, warnte Allanon flüsternd. »Eure Stimmen hätten von den Felsen bis hinunter zur Ebene gehallt. Die Gnomenwachen hätten uns gehört!«

Menion und Flick nickten.

»Die Lage ist ernster, als ich dachte«, fuhr Allanon mit rauer Stimme fort. »Die gesamte Nordlandarmee scheint sich an dieser einen Stelle zu sammeln, um den Schlag gegen Callahorn zu führen. Brona beabsichtigt, dem Südland sofort jeden Gedanken an Widerstand auszutreiben. Er schiebt sich zwischen die besser ausgerüsteten Armeen im Osten und Westen, damit er sie sich einzeln vornehmen kann. Der Gegner hat bereits das ganze Gebiet nördlich von Callahorn besetzt. Balinor und die anderen müssen gewarnt werden.« Er verstummte und sah Menion Leah an.

»Ich kann jetzt nicht fort«, stieß Menion hervor. »Ich muss euch helfen, Shea zu finden.«

»Wir haben keine Zeit, über die Dringlichkeit der einzelnen Probleme zu streiten«, sagte Allanon beinahe drohend und zielte mit dem Finger auf das Gesicht des Hochländers. »Wenn Balinor nicht gewarnt wird, fällt Callahorn und danach das ganze Südland, einschließlich Leah. Es wird Zeit, dass Ihr an Euer eigenes Volk denkt. Shea ist nur ein einzelner Mensch, und im Augenblick könnt Ihr nichts für ihn tun. Aber Ihr könnt etwas tun für die vielen Tausend Südländer, die im Begriff stehen, vom Hexenmeister versklavt zu werden, wenn Callahorn überrannt wird!« Allanons Stimme klang so kalt, dass es Flick schauderte. Er spürte, dass sich Menion innerlich aufbäumte, aber der Prinz von Leah blieb bei der scharfen Rüge stumm. Druide und Prinz starrten einander lange in der Dunkelheit an, dann senkte Menion plötzlich den Kopf und nickte kurz. Flick seufzte erleichtert.

»Ich gehe nach Callahorn und warne Balinor«, murmelte Menion mit unterdrücktem Zorn, »aber ich komme wieder und suche Euch.«

»Tut, was Euch beliebt, wenn Ihr die anderen gefunden habt«, entgegnete Allanon eisig. »Aber jeder Versuch, sich durch die feindlichen Linien zu schlagen, wäre bestenfalls Torheit. Flick und ich werden versuchen zu erfahren, was mit Shea und dem Schwert geschehen ist. Wir lassen ihn nicht im Stich, Hochländer, das verspreche ich Euch.«

Menion sah ihn scharf an, beinahe misstrauisch, aber die Augen des Druiden beantworteten seinen Blick offen und frei. Er log nicht.

»Haltet Euch an die kleineren Berge, bis Ihr an den Vorposten des Feindes vorbei seid«, riet ihm der schwarze Wanderer leise. »Wenn Ihr den Mermidon bei Kern erreicht, überquert ihn und geht in die Stadt, bevor es hell wird. Ich vermute, dass die Nordlandarmee zuerst Kern angreifen wird. Es besteht wenig Aussicht, die Stadt gegen eine Streitmacht von dieser Größe erfolgreich zu verteidigen. Die Bewohner sollen nach Tyrsis fliehen, bevor die Invasoren ihnen den Weg abschneiden können. Tyrsis liegt auf einer Hochebene an einem Bergrücken. Wenn man es richtig anstellt, kann es mindestens mehrere Tage lang jeden Angriff zurückschlagen. Das sollte Durin und Dayel Zeit geben, ihre Heimat zu erreichen und mit der Elfenarmee zurückzukommen. Aus dem Osten sollte Hendel Unterstützung bringen können. Vielleicht kann Callahorn lange genug gehalten werden, dass die Armeen der drei Länder vereint gegen den Hexenmeister losschlagen können. Das ist die einzige Chance, die wir ohne das Schwert von Shannara haben.«

Menion nickte, drehte sich herum und hielt Flick die Hand hin. Flick lächelte schwach und schüttelte sie fest.

»Viel Glück, Menion Leah.«

Allanon trat vor und legte dem Prinzen die Hand auf die Schulter.

»Vergesst nicht, Prinz, wir verlassen uns auf Euch. Dem Volk von Callahorn muss die Gefahr, in der es schwebt, vor Augen geführt werden. Wenn es zögert, ist es verloren, und mit ihm das ganze Südland. Tut Eure Pflicht!«

Menion drehte sich abrupt um und glitt wie ein Schatten davon. Der hünenhafte Druide und der kleine Talbewohner sahen ihm schweigend nach. Als er verschwunden war, starrten sie stumm vor sich hin. Schließlich wandte sich Allanon an Flick.

»Uns bleibt die Aufgabe herauszufinden, was mit Shea und dem Schwert geschehen ist.« Er setzte sich schwerfällig auf einen Felsblock, und Flick trat näher heran. »Ich mache mir auch Sorgen um Eventine. Die zerbrochene Standarte auf dem Schlachtfeld war sein persönliches Banner. Er könnte gefangen genommen worden sein, und wenn das der Fall ist, zögert die Elfenarmee vielleicht, bis er befreit ist. Seine Leute lieben ihn zu sehr, als dass sie sein Leben aufs Spiel setzen würden, und sei es um der Rettung des Südlandes willen.«

»Ihr meint, den Elfen ist gleichgültig, was mit den Menschen des Südlandes geschieht?«, stieß Flick fassungslos hervor. »Wissen sie nicht, was ihnen bevorsteht, wenn das Südland dem Hexenmeister zum Opfer fällt?«

»Es ist nicht ganz so einfach, wie es aussehen mag«, erklärte Allanon seufzend. »Jene, die Eventine folgen, erkennen die Gefahr, aber es gibt andere, die der Meinung sind, die Elfen sollten sich aus den Angelegenheiten fremder Länder heraushalten, solange man nicht selbst angegriffen oder bedroht wird. Ohne Eventines Anwesenheit wird die Entscheidung nicht so klar sein, und die Beratung darüber, was richtig und angemessen sei, mag das Eingreifen der Elfenarmee hinauszögern, bis es zu spät ist.«

Flick nickte langsam und dachte an die Zeit in Culhaven, als Hendel verbittert Ähnliches über die Bewohner der Südlandstädte berichtet hatte. Es erschien unfassbar, dass man im Angesicht solcher Gefahren derart unentschlossen und wirrköpfig sein konnte. Aber Shea und er selbst hatten nicht anders reagiert, als sie das erste Mal von Sheas Geburtsrecht und der Bedrohung durch die Schädelträger erfahren hatten. Erst als eines der Wesen erschienen war, auf der Suche nach ihnen …

»Ich muss wissen, was in dem Lager vorgeht.« Allanons Stimme unterbrach Flicks Gedankengang. Der Druide sah den kleinen Talbewohner nachdenklich an. »Mein junger Freund Flick …« Er lächelte schwach in der Dunkelheit. »Was hältst du davon, für eine Weile einen Gnom zu mimen?«

2

Während Shea nach wie vor irgendwo nördlich der Drachenzähne vermisst wurde und Allanon, Flick und Menion nach einer Spur von ihm suchten, gelangten die vier anderen Mitglieder der nun geteilten Gruppe in Sichtweite der hohen Türme von Tyrsis, der Festungsstadt. Sie hatten fast zwei Tage angestrengten Marschierens gebraucht, und ihre gefährliche Reise durch die Linien der Nordlandarmee war noch zusätzlich behindert worden durch die mächtige Gebirgsbarriere, die das Südlandreich Callahorn von Paranor trennte. Der erste Tag war lang, verlief aber ohne Zwischenfälle, und sie erreichten durch die an den von Gnomen wimmelten Undurchdringlichen Wald angrenzenden Waldgebiete das Tiefland, die Schwelle zu den gewaltigen Drachenzähnen. Die Bergpässe wurden alle streng von Gnomen bewacht, und es hatte den Anschein, als werde man ohne Kampf nicht an ihnen vorbeikommen. Ein kleines Täuschungsmanöver lockte jedoch die meisten Wachen vom Zugang zum hohen, gewundenen Kennonpass, sodass die vier ins Gebirge gelangen konnten. Die schwierige Aufgabe, am Südende wieder herauszukommen, wurde erst bewältigt, als man an einem Posten in der Mitte mehrere Gnome lautlos getötet und weitere zwanzig so verschreckt hatte, dass sie glaubten, die gesamte Grenzlegion von Callahorn stürme den Pass und stürze sich mordlustig auf die armen Wachen. Hendel lachte danach so heftig, dass sie im Wald südlich des Kennonpasses vorübergehend stehen bleiben mussten, bis er die Fassung wiedergewonnen hatte. Durin und Dayel blickten einander zweifelnd an, als sie an die grimmige Miene und wortkarge Art des Zwerges auf der Reise nach Paranor dachten. Sie hatten ihn nie über etwas lachen sehen, und Fröhlichkeit schien auch gar nicht zu ihm zu passen. Ungläubig schüttelten sie den Kopf und blickten Balinor fragend an, der aber nur die Achseln zuckte. Er war ein alter Freund Hendels und kannte die wechselhafte Art des Zwerges. Es war gut, ihn wieder einmal lachen zu hören.

Im Dämmerlicht des frühen Abends, als die Sonne am endlosen Horizont der westlichen Ebene in dunstigem Rot leuchtete, standen die vier vor ihrem Ziel. Sie waren ausgelaugt und erschöpft, ihre sonst klaren Köpfe benommen von mangelndem Schlaf und fortgesetzten Anstrengungen, aber als sie die majestätische Stadt erblickten, machte sich freudige Erregung in ihnen breit. Sie blieben einen Augenblick am Rand des Waldes stehen, der von den Drachenzähnen in südlicher Richtung durch Callahorn verlief. Im Osten lag die Stadt Varfleet, die den einzigen größeren Durchgang durch das Runnegebirge bewachte, eine kleine Bergkette oberhalb des berühmten Regenbogensees. Der Mermidon wand sich träge durch den Wald hinter ihnen. Im Westen lag die kleinere Inselstadt Kern, und der Ursprung des Flusses befand sich weiter westlich in der Leere der riesigen Streleheim-Ebene. Der Fluss war durchgehend sehr breit und bildete eine natürliche Barriere gegen jeden Feind, also bot er auch zuverlässigen Schutz für die Bewohner der Insel. Wenn der Fluss hohen Wasserstand hatte, was fast das ganze Jahr über der Fall war, strömte er tief und schnell dahin, und noch war es niemandem gelungen, die Inselstadt einzunehmen.

Die Grenzlegion dagegen hatte ihre Garnison in der alten Stadt Tyrsis. Sie war jene präzise Kampfmaschine, die über zahllose Generationen hinweg die Grenzen des Südlandes erfolgreich gegen alle Invasionen verteidigt hatte. Es war die Grenzlegion gewesen, die stets die volle Wucht der Angriffe auf die Rasse der Menschen abbekommen hatte. Sie bildete die erste Verteidigungslinie gegen feindliche Eindringlinge. Tyrsis hatte die Grenzlegion von Callahorn hervorgebracht, und als Festung suchte sie ihresgleichen. Die alte Stadt Tyrsis war im Ersten Krieg der Rassen zerstört, dann aber wieder aufgebaut und im Lauf der Jahre erweitert worden, bis sie eine der größten Städte im ganzen Südland und bei weitem die stärkste in den nördlichen Gebieten war. Man hatte sie als eine Festung entworfen, die jedem Angriff gewachsen war – eine Bastion aus hochragenden Mauern und übereinandergetürmten Bollwerken auf einem natürlichen Hochplateau vor einer nicht zu besteigenden, gigantischen Felswand. Vor über siebenhundert Jahren war die große Außenmauer am Rand der Hochebene errichtet worden und hatte die Grenzen von Tyrsis hinausgeschoben, so weit es die Natur überhaupt zuließ. Auf der fruchtbaren Ebene unterhalb der Festung lagen die Bauernhöfe und Felder, von denen die Stadt ernährt wurde. Die schwarze Erde wurde getränkt vom Leben spendenden Wasser des mächtigen Mermidon, der nach Osten und Süden strömte. Die Bewohner hatten ihre Häuser ringsum im Land verstreut und suchten den Schutz der ummauerten Stadt nur bei einer Invasion auf. Über Jahrhunderte nach dem Ersten Krieg der Rassen hinweg hatten die Städte von Callahorn alle Angriffe feindseliger Nachbarn erfolgreich abgeschlagen. Nicht eine von ihnen war je einem Feind erlegen. Die berühmte Grenzlegion war nie besiegt worden. Aber Callahorn hatte sich auch noch nie einer Armee von jener Größe gegenübergesehen, wie sie der Hexenmeister nun aufstellte. Die eigentliche Kraft- und Mutprobe stand deshalb erst noch bevor.

Balinor blickte auf die fernen Türme seiner Stadt und war von gemischten Gefühlen bewegt. Sein Vater war ein großer König und ein guter Mann gewesen, aber nun wurde er alt. Seit Jahren hatte er die Grenzlegion in ihrem unaufhörlichen Kampf gegen hartnäckige Gnomen-Überfälle aus dem Osten befehligt. Mehrmals war er gezwungen gewesen, lange und kostspielige Feldzüge gegen die riesigen Nordlandtrolle zu führen, wenn verschiedene Stämme in sein Land eingedrungen waren, um die Städte zu erobern und ihre Bewohner zu unterjochen. Balinor war der älteste Sohn und Erbe des Reiches. Er hatte unter der sorgfältigen Anleitung seines Vaters fleißig studiert und war beim Volk beliebt – bei Menschen, deren Freundschaft nur mit Respekt und Verständnis zu gewinnen war. Er befehligte ein Regiment der Grenzlegion, das sein persönliches Abzeichen trug – einen geduckten Leoparden. Es war die Eliteeinheit der gesamten Streitmacht. Balinor war nichts wichtiger, als die Achtung und Hingabe seiner Männer immer wieder zu gewinnen. Er war nun schon Monate fort gewesen, obwohl sein Vater ihn inständig gebeten hatte, nicht zu gehen und sich seine Entscheidung noch einmal zu überlegen. Er zog die Brauen zusammen und blickte düster auf seine Heimat. Unbewusst hob er die Hand ans Gesicht und berührte die Narbe an der rechten Wange.

»Denkt Ihr wieder an Euren Bruder?«, fragte Hendel.

Balinor sah ihn ein wenig erstaunt an und nickte.

»Ihr müsst aufhören, über die Geschichte nachzudenken«, erklärte der Zwerg ruhig. »Er könnte eine ernste Bedrohung für Euch sein, wenn Ihr ihn immer nur als Bruder und nicht als eigenständige Persönlichkeit betrachtet.«

»Es ist nicht so leicht zu vergessen, dass sein Blut und das meine mehr aus uns machen als Söhne desselben Vaters«, gab Balinor dumpf zurück. »Ich kann derart starke Bande nicht missachten oder vergessen.«

Durin und Dayel starrten einander verständnislos an. Sie wussten, dass Balinor einen Bruder hatte, aber er war ihnen noch nie begegnet und auch während der ganzen Reise kein einziges Mal erwähnt worden.

Balinor bemerkte ihre verwirrten Mienen und lächelte kurz.

»Es ist nicht so schlimm, wie es aussieht«, sagte er.

Hendel schüttelte den Kopf und verfiel in Schweigen.

»Mein jüngerer Bruder Palance und ich sind die einzigen Söhne von Ruhl Buckhannah, des Königs von Callahorn«, erzählte Balinor nach einer Pause. »Wir hatten ein sehr enges Verhältnis, als wir aufwuchsen – wie ihr beiden. Als wir älter wurden, entwickelten wir verschiedene Ansichten über das Leben. Wir wurden zu verschiedenen Persönlichkeiten, wie das bei allen der Fall ist, nicht nur bei Brüdern. Ich war der Ältere, der Thronfolger. Palance war sich darüber natürlich stets im Klaren, aber mit der Zeit trieb es einen Keil zwischen uns, vor allem weil er andere Vorstellungen davon hatte, wie das Land zu regieren sei, als ich … Man kann das schwer erklären.«

»Gar nicht so schwer«, warf Hendel ein.

»Nun gut, nicht so schwer. Palance glaubt, Callahorn sollte nicht mehr als erste Verteidigungslinie für Angriffe auf die Bewohner des Südlandes dienen. Er möchte die Grenzlegion auflösen und Callahorn vom Rest des Südlandes abtrennen. In diesem Punkt gehen unsere Auffassungen völlig auseinander.« Er verstummte.

»Weiter, Balinor«, sagte Hendel scharf.

»Mein misstrauischer Freund glaubt, mein Bruder sei nicht mehr Herr über seine Gedanken – er sage diese Dinge, ohne sie wirklich zu meinen. Er wird beraten von einem Mystiker namens Stenmin, den Allanon für einen Mann ohne Ehre hält. Der Kerl werde Palance in sein Verderben führen. Stenmin hat meinem Vater und dem Volk erklärt, herrschen solle mein Bruder, nicht ich. Er hat ihn gegen mich aufgehetzt. Als ich fortging, schien sogar Palance zu glauben, dass ich nicht geeignet sei, Callahorn zu regieren.«

»Und die Narbe?«, fragte Durin leise.

»Ein Streit, bevor ich mit Allanon aufbrach«, erwiderte Balinor. »Ich weiß nicht einmal mehr, wie er anfing, aber plötzlich bekam Palance einen Wutanfall – in seinen Augen glühte echter Hass. Ich wollte gehen, aber er riss eine Peitsche von der Wand und schlug zu. Das war auch ein Grund, weshalb ich beschloss, Tyrsis für eine Weile zu verlassen – damit Palance Gelegenheit fand, wieder zur Besinnung zu kommen. Wenn ich nach dem Zwischenfall geblieben wäre, hätten wir vielleicht…« Wieder verstummte er, und Hendel warf den Elfenbrüdern einen Blick zu, der jeden Zweifel ausräumte, was bei einer weiteren Auseinandersetzung zwischen den Brüdern geschehen wäre.

»Ihr müsst mir glauben, wenn ich sage, dass mein Bruder nicht immer so war, und ich halte ihn auch jetzt nicht für einen schlechten Menschen«, fuhr Balinor halblaut fort. »Stenmin hat Gewalt über Palance und treibt ihn in diese Wutanfälle, bei denen er sich gegen mich wendet und gegen alles, wovon er weiß, dass es richtig ist.«

»Es steckt mehr dahinter«, unterbrach ihn Hendel. »Palance ist ein idealistischer Fanatiker – er will den Thron, und es ist nur ein Vorwand, dass er die Interessen der Menschen vertritt, damit er sich gegen Euch stellen kann. Er erstickt an seiner eigenen Selbstgerechtigkeit.«

»Vielleicht hast du recht, Hendel«, sagte Balinor. »Aber er ist mein Bruder, und ich liebe ihn.«

»Das macht ihn so gefährlich«, erklärte der Zwerg. »Er liebt Euch nicht mehr.«

Balinor starrte stumm vor sich hin. Die anderen schwiegen ebenfalls eine Weile, bis er sich umdrehte und sie ruhig ansah, so, als sei nichts geschehen.

»Es wird Zeit für uns. Wir müssen die Stadtmauern erreichen, bevor es dunkel wird.«

»Ich gehe nicht weiter mit, Balinor«, warf Hendel hastig ein. »Ich muss in mein eigenes Land zurückkehren und mithelfen, die Zwergenarmeen auf eine Invasion vorzubereiten.«

»Nun, Ihr könnt heute Nacht in Tyrsis schlafen und morgen weiterziehen«, sagte Dayel, weil er wusste, wie erschöpft sie alle waren.

Hendel lächelte und schüttelte den Kopf.

»Nein, in dieser Gegend kann ich nur nachts unterwegs sein. Wenn ich in Tyrsis übernachte, verliere ich einen ganzen Reisetag, und die Zeit ist kostbar. Das ganze Südland steht und fällt damit, wie schnell wir unsere Armeen zu einer gemeinsamen Streitmacht vereinigen können, um gegen den Hexenmeister loszuschlagen. Wenn Shea und das Schwert von Shannara für uns verloren sind, bleiben nur die Armeen. Ich werde nach Varfleet gehen und dort ausruhen. Seid auf der Hut, Freunde. Ich wünsche Euch viel Glück.«

»Und wir dir auch, tapferer Hendel.« Balinor streckte die Hand aus. Hendel drückte sie und auch die der Elfenbrüder, dann verschwand er winkend im Wald.

Balinor und die Elfenbrüder warteten, bis sie ihn zwischen den Bäumen nicht mehr sehen konnten, ehe sie über die Ebene auf Tyrsis zumarschierten. Die Sonne war hinter dem Horizont versunken, der Himmel dunkelgrau geworden. Auf halbem Weg zur Stadt wurde der Himmel völlig dunkel, und die ersten Sterne erschienen. Als sie sich der ruhmreichen Stadt näherten, erzählte der Prinz von Callahorn den Elfenbrüdern ausführlich die Geschichte der Entstehung von Tyrsis.

Die Stadt war erbaut auf einem Hochplateau und stand mit dem Rücken an einer Reihe kleiner, aber heimtückischer Felswände. Diese begrenzten das Plateau im Süden ganz, im Westen und Osten teilweise. Sie waren zwar bei weitem nicht so hoch oder schroff wie die Drachenzähne oder das Charnalgebirge im fernen Norden, aber unfassbar steil. Die Nordseite hinter der Stadt ragte nahezu senkrecht empor, und es war noch niemandem gelungen, sie zu erklimmen. Im Rücken war die Stadt also gut gesichert, und eine Abwehr im Süden hatte sich nie als nötig erwiesen. Das Plateau, auf dem die Stadt stand, war an der breitesten Stelle knapp über drei Meilen breit und fiel steil ab zur Ebene, die sich offen nach Norden und Westen zum Mermidon und nach Osten zu den Wäldern von Callahorn erstreckte. Eigentlich stellte der breite Strom die erste Verteidigungslinie gegen Angriffe dar, und es war nur wenigen Armeen gelungen, das Plateau und die Stadtmauern selbst zu erreichen. Derjenige, dem es gelang, den Mermidon zu überschreiten, stand bald danach vor der steilen Mauer des Plateaus, das von oben verteidigt werden konnte. Der wichtigste Weg zu dieser Anhöhe war eine große Straßenrampe aus Eisen und Stein, die man jedoch durch das Lösen von Bolzen in den Pfeilern einstürzen lassen konnte.

Aber selbst wenn es dem Feind gelang, die Hochebene zu erklimmen und sich dort festzusetzen, erwartete ihn die dritte Abwehrlinie – eine, die noch kein Feind je überwunden hatte. Kaum zweihundert Meter vom Plateaurand entfernt erhob sich in einem Halbkreis um die ganze Stadt die gigantische Außenmauer, die bis zu den Felswänden reichte. Errichtet aus mächtigen Steinblöcken, mit Mörtel zusammengefügt, war die Oberfläche glattgeschliffen worden, so dass ein Erklettern nahezu ausgeschlossen war. Sie ragte über dreißig Meter in die Höhe, massiv, steil, unbezwingbar. Auf der Mauer waren Brustwehren für die Verteidiger, durch deren Schießscharten verborgene Bogenschützen auf die Angreifer schießen konnten. Die Mauer war alt, was Stil und Form betraf, grob und unbehauen dazu, aber sie hatte seit über tausend Jahren jeden Gegner ferngehalten.

Innerhalb der Mauer war die Grenzlegion in einer Reihe langer, schräg abfallender Kasernen untergebracht, zwischen Speichern für Vorräte und Waffen. Stets war annähernd ein Drittel der Streitmacht im Dienst, während die anderen zu Hause bei ihren Familien wohnten und ihren Berufen als Arbeiter, Handwerker und Ladenbesitzer nachgingen. Die Kasernen konnten im Bedarfsfall die ganze Armee fassen, wie das schon bei mehr als einer Gelegenheit geschehen war, aber im Augenblick waren sie nur teilweise besetzt. Hinter den Kasernen, den Arsenalen und Exerzierplätzen gab es eine zweite Mauer, welche die Unterkünfte der Soldaten von der eigentlichen Stadt trennte. Hinter dieser zweiten Mauer standen an den sauberen, gewundenen Straßen die gepflegten Wohn- und Geschäftshäuser der Einwohner von Tyrsis. Die Stadt erstreckte sich nahezu über das ganze Plateau, von dieser zweiten Steinmauer bis fast zu den Felsen. An der innersten Stelle war eine dritte, niedrige Mauer errichtet worden, mit Zugang zu den Regierungsbauten und dem Königspalast, darunter auch ein Forum und ein Park. Der Park um den Palast bildete das einzige ländliche Element auf dem Plateau. Die dritte Mauer diente nicht der Verteidigung, sondern bildete die Grenze für den Staatsbesitz, der dem Gebrauch durch den König vorbehalten war und, was die Parks anging, der Nutzung durch die ganze Bevölkerung. Balinor unterbrach sich und wies die Elfenbrüder darauf hin, dass das Reich von Callahorn eine der wenigen aufgeklärten Monarchien der Welt darstellte. Zwar besaß der König die Macht, doch hatte er ein Parlament an seiner Seite, das vom Volk gewählt wurde und für die Verabschiedung der Gesetze verantwortlich war. Die Bevölkerung war sehr stolz auf ihren Staat und die Grenzlegion, in der nahezu jeder Mann gedient hatte oder noch diente. Es war ein Land, in dem sie freie Menschen sein konnten, und dafür lohnte es zu kämpfen.

Callahorn spiegelte vor allem die Vergangenheit ebenso wider wie die Zukunft. Auf der einen Seite waren die Städte in erster Linie als Festungen erbaut worden, um die häufigen Angriffe kriegerischer Nachbarn abzuwehren. Die Grenzlegion war ein Überbleibsel früherer Zeiten, als die neu entstandenen Staaten unaufhörlich gegeneinander Krieg geführt hatten, als ein nahezu fanatischer Stolz auf nationale Unabhängigkeit zu einer fortwährenden Auseinandersetzung über eifersüchtig bewachte Landesgrenzen geführt hatte, als Brüderschaft zwischen den Völkern der vier Länder noch undenkbar war. Eine so rustikale, altmodische Gestaltung und Architektur war nirgends in den rasch wachsenden Städten des tiefen Südlandes zu finden – Städte, wo sich ebenfalls langsam aufgeklärte Verfassungen und weniger kriegerische Grundsätze durchzusetzten. Aber es war Tyrsis, das mit seinen barbarischen Steinmauern und eisernen Kriegern das Südland geschützt und ihm Gelegenheit gegeben hatte, sich in eine neue Richtung zu entwickeln. Es gab auch Anzeichen für das Neue in diesem pittoresken Land, Anzeichen für eine andere Ära in einer nicht zu fernen Zeit.

Tyrsis lag im Schnittpunkt der vier Länder, und durch das Land kamen Angehörige aller Nationen, die den Einwohnern Gelegenheit zu der Einsicht gaben, dass die äußerlichen Unterschiede zwischen den einzelnen Rassen unwichtig waren. Die Menschen hatten gelernt, die Persönlichkeit zu beurteilen. Ein riesiger Bergtroll wurde nicht angestarrt und seiner bizarren Erscheinung wegen gemieden; Trolle kamen oft in dieses Land. Gnome, Elfen und Zwerge aller Arten und Gattungen zogen regelmäßig durch, und solange sie sich friedlich benahmen, waren sie willkommen. Balinor lächelte, als er von dieser neuen Bewegung sprach, die endlich überall in den Ländern die Oberhand zu gewinnen schien, und er empfand Stolz darüber, dass sein Volk zu den ersten gehörte, das alte Vorurteile fallen ließ und nach gemeinsamen Grundlagen für Verständnis und Freundschaft suchte. Durin und Dayel lauschten in stummem Einverständnis. Die Elfen wussten, was es hieß, allein zu sein in einer Welt von Menschen, die nicht über ihren eigenen Tellerrand hinausblicken konnten.

Balinor war zum Ende gekommen. Im Dunkeln erreichten die drei Gefährten eine breite Straße, die zum Plateau führte. Inzwischen konnten sie die Lichter der weitläufigen Stadt und auch schon Menschen auf der Steinrampe erkennen. Der Eingang in der hohen Außenmauer zeichnete sich im Licht von Fackeln scharf ab. Das riesige Tor mit seinen geölten Scharnieren stand offen. Es wurde von dunkel gekleideten Posten bewacht. Der Hof dahinter wurde vom Licht der Kasernen erhellt, aber man hörte kein Lachen, was Balinor merkwürdig vorkam. Die Stimmen, die zu vernehmen waren, klangen leise, ja gedämpft, als wolle niemand gehört werden.

Die Elfenbrüder folgten Balinor wortlos, als er die Rampe hinaufstieg. Mehrere Leute kamen ihnen entgegen, und manche sahen den Prinzen von Callahorn erschrocken an. Balinor beachtete diese merkwürdigen Blicke nicht, die Brüder hingegen sahen sich an. Irgendetwas stimmte hier nicht. Sekunden später, als sie das Plateau erreichten, blieb Balinor plötzlich stehen. Er starrte durch das Stadttor, dann schaute er sich um nach den schattenhaften Gesichtern der vorbeigehenden Leute, die schnell in der Nacht verschwanden, sobald sie entdeckt hatten, wer er war. Die drei Männer standen eine Weile wie angewurzelt da.

»Was gibt es, Balinor?«, fragte Durin schließlich.

»Ich weiß nicht recht«, erwiderte der Prinz sorgenvoll. »Seht euch die Abzeichen der Wachen an. Keiner trägt das Wappen des geduckten Leoparden – das Abzeichen meiner Leute. Stattdessen sieht man einen Falken, ein Zeichen, das ich nicht kenne. Auch die Menschen – habt Ihr ihre Blicke bemerkt?«

Die beiden Elfen nickten und sahen sich betroffen um.

»Nun, macht nichts«, sagte Balinor. »Das ist immer noch die Stadt meines Vaters, und es ist mein Volk. Wir gehen der Sache auf den Grund, wenn wir im Palast sind.«

Wieder ging er auf das gigantische Tor zu, gefolgt von den Elfen. Der hochgewachsene Prinz unternahm nicht den Versuch, sein Gesicht zu verbergen, als er sich den vier bewaffneten Wachen näherte, und sie reagierten nicht anders als die Leute vorher. Sie hielten den Prinzen nicht auf und sprachen ihn nicht an, aber einer von ihnen verließ hastig seinen Posten und verschwand durch das Tor der Innenmauer in den Straßen der Stadt. Balinor und die Elfen traten durch den Schatten des Tores. Sie gingen vorbei an den offenen Torflügeln und den wachsamen Posten, kamen in den Innenhof, wo sie die niedrigen, spartanischen Kasernen der Grenzlegion sehen konnten. Es brannten nur wenige Lichter, und die Gebäude schienen beinahe verlassen zu sein. Ein paar Männer trugen Röcke mit dem Leoparden-Abzeichen, aber keine Rüstung und keine Waffen. Einer von ihnen riss die Augen auf, als die drei Männer stehen blieben, und rief seinen Kameraden etwas zu. Eine Tür öffnete sich, und ein graubärtiger Veteran tauchte auf; er starrte Balinor und die Elfen an, gab ein kurzes Kommando, und die Soldaten wandten sich widerstrebend ab, während er auf die drei Neuankömmlinge zueilte.

»Prinz Balinor, endlich kommt Ihr!«, rief er zur Begrüßung und senkte kurz den Kopf.

»Hauptmann Sheelon, ich freue mich, Euch zu sehen.« Balinor ergriff die Hand des Mannes. »Was geht in der Stadt vor? Weshalb tragen die Wachen das Zeichen des Falken und nicht unseren Kampfleoparden?«

»Mein Prinz, die Grenzlegion hat Befehl erhalten, sich aufzulösen. Nur eine Handvoll von uns tut noch Dienst, die anderen sind in ihre Häuser zurückgekehrt.«