Die Sichel - Falko Nammen - E-Book

Die Sichel E-Book

Falko Nammen

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Beschreibung

Die Edition Moonflower ist eine Mystery-Novellenreihe aus dem Hause Shadodex - Verlag der Schatten. Erscheinungsturnus: Vierteljährlich. Alle Novellen sind in sich abgeschlossen. Inhalt Band 5 ("Die Sichel" von Falko Nammen): »1964 war es … Sehen Sie hier die Mauer mit dem sichelförmigen Einschnitt? Das ist Gut Knöringshof, das gehört zu der Burg oben. Mit dieser Sichel fing alles an.« Als der verurteilte Verbrecher Sibertus Rukit 1648 mit drei anderen aus dem Kerker der Burg Klein-Knöring fliehen kann, ahnt noch niemand, dass dies folgenschwere Konsequenzen haben soll, denn sein beschlossener Tod, dem er entgehen konnte, hat eine Lücke im Gefüge von Raum und Zeit hinterlassen. Doch wer, wenn nicht er, wird diese füllen müssen? »… Der Harlekin geht durch Raum und Zeit. Seine Ziele liegen in der Zukunft wie in der Vergangenheit. Das entscheidet das Gefüge, in dessen Auftrag er reist. …«

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Seitenzahl: 89

Veröffentlichungsjahr: 2024

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Edition

Moonflower

Band 5

Die SICHEL

Von

Falko Nammen

Alle Rechte vorbehalten.

Das Buchcover darf zur Darstellung des Buches unter Hinweis auf den Verlag jederzeit frei verwendet werden. Eine anderweitige Vervielfältigung des Coverbilds ist nur mit Zustimmung des Verlags möglich.

Die Handlungen sind frei erfunden.

Evtl. Handlungsähnlichkeiten sind zufällig.

www.verlag-der-schatten.de

Erste Auflage 2024

© Falko Nammen

© Coverbilder: depositphotos olegkrugllyak, Iniraswork, RoyStudio

Covergestaltung: © Shadodex – Verlag der Schatten

© Bilder Innenteil: depositphotos wiro.klyngz(Moonflower, RoyStudio, Iniraswork, olegkrugllyak (Mauer und Mond), olegkrugllyak (Nebel),

Shadodex (Vorschau Band 6)

Lektorat: Shadodex – Verlag der Schatten

© Edition Moonflower, eine Novellen-Reihe des

Shadodex – Verlag der Schatten,

Bettina Ickelsheimer-Förster, Ruhefeld 16/1,

74594 Kreßberg-Mariäkappel

ISBN: 978-3-98528-309-5

Inhalt

ERSTER TEIL

ZWEITER TEIL

DRITTER TEIL

VIERTER TEIL

FÜNFTER TEIL

Über den Autor

Vorschau

»1964 war es … Sehen Sie hier die Mauer mit dem sichelförmigen Einschnitt? Das ist Gut Knöringshof, das gehört zu der Burg oben. Mit dieser Sichel fing alles an.«

Als der verurteilte Verbrecher Sibertus Rukit 1648 mit drei anderen aus dem Kerker der Burg Klein-Knöring fliehen kann, ahnt noch niemand, dass dies folgenschwere Konsequenzen haben soll, denn sein beschlossener Tod, dem er entgehen konnte, hat eine Lücke im Gefüge von Raum und Zeit hinterlassen. Doch wer, wenn nicht er, wird diese füllen müssen?

»… Der Harlekin geht durch Raum und Zeit. Seine Ziele liegen in der Zukunft wie in der Vergangenheit. Das entscheidet das Gefüge, in dessen Auftrag er reist. …«

ERSTER TEIL

1

Prolog

»Hundertzwanzig!«

»Sechzig!«

»Hundert muss ich haben. Es ist immerhin ein halbes Dutzend!«

Ich schlug ein.

Bei dem Trödelhändler war es mir in die Hände gefallen: ein Konvolut von sechs alten, schmalen Büchern, Ledereinband mit Goldprägung auf dem Rücken. Die Seiten vergilbt und fleckig.»Die Geschehnisse um die Burg Klein-Knöring und die alte Abtei. Ergänzt und kommentiert von Prof. S. Rukit, Neustadt, 1789«.

Sie würden mich entführen aus der Welt der logischen Rationalität und schlüssigen Beweisführung, die mich in meinem Beruf alltäglich umfängt, und eintauchen lassen in den vergangenen Kosmos der Geschichte. In die gute alte Zeit, als es noch Kaiser und Könige gab, Zauberer, Hexen und Magier. Doch wer glaubt daran?

Allemal aber versprachen sie schaurig-schöne Entspannung bei einem guten Cognac am knisternden Kamin.

Die ersten Zeilen führten mich ins Jahr 1648, in die Endzeit des Dreißigjährigen Krieges. Das Land war ganz, ja mehr denn ganz, verheert und die Not drückte allenthalben bis ins Mark und vor allem auf den Magen. Als hätte auch das Wetter unter dem Krieg gelitten, war es schon den fünften Tag hintereinander neblig, feucht und trüb.

2

Nach einer frostklaren Nacht – und wenn man die ganze Geschichte kennt, fragt man sich, ob es nur an der Kälte lag, denn sie konnten bei dem fast vollen Mond nicht ruhig schlafen. Andauernd hatten die vorüberziehenden Wolken ein Aufflackern von Helligkeit verursacht. Die Nacht lag ihnen also noch wie Blei in den Köpfen.

Sibertus hockte mit bärtigem Kinn und knurrendem Bauch unter einem Haselnussstrauch am südlichen Bogen der Regionalverbindung von Crailsheim nach Feuchtwangen und lauerte auf das Herantrappeln der nächsten Kutsche. Gemeinsam mit Albrich,der sich gegenüber im Gezweig der Kastanie positioniert hatte, sah er in dem Anhalten des nächsten Fahrzeugs oder Reiters den einzigen Ausweg, an Nahrung zu gelangen oder zumindest etwas zu ergattern, was sich auf dem Markt der nahe liegenden Burg Klein-Knöring in Essbares umtauschen ließe. Die feuchte Kälte hing schwer im groben Gewirk seiner Wolljacke.

Da: Eine Kutsche näherte sich!

Jetzt ist sie da!

Ein heller Ausruf als Signal und Sibertus sprang aus dem Schatten des Strauches heraus, während sich Albrich,wie vom Himmel gefallen, auf den Kutscher stürzte. Das Pferd erschrak, stieg hoch und wollte seitlich ausbrechen, doch Sibertus fasste beherzt nach dem Geschirr, hielt es im Zaum und redete beruhigend auf den Braunen ein. Albrich aber stieß den Kutscher vom Bock hinab, sprang hinterher und forderte unablässig: »Brot, Fleisch oder Geld – oder ihr seid des Todes!«

Der Wagenschlag klappte auf und ein beleibter Endfünfziger turnte heraus, Kopf und Glatze leuchteten vor Aufregung rosarot. Er stürzte sich wütend auf Albrich, der weiter mit dem Kutscher rang.

Der Braune stand jetzt ruhig und Sibertus griff ein. Mit Anlauf rannte er gegen den Kutscher und schubste ihn in den Graben.

Im Wageninneren schrie eine helle Mädchenstimme laut auf.

»Anneli, bleib in der Kutsche!«, befahl der Rosarote, mit dem Albrich nun kämpfte.

»Brot, Fleisch oder Geld!«, forderte diesmal Sibertus. »Dann lassen wir ab von euch!«

»Nicht einen Kreuzer … nicht eine Kartoffel … nicht einen Krümel für euch Banditen!«, keuchte der Mann und schlug Albrich mit der Faust ins Gesicht, sodass dieser hintenüberfiel. Mit ungeahnter Behändigkeit warf sich der Dicke auf ihn und begrub ihn förmlich unter sich.

Unterdessen kamen zwei Äpfel aus dem Wageninneren geflogen, einer traf Sibertus an der Schulter. – Sollten sie ihn abwehren oder war es ein Unterpfand für die Unverletzlichkeit der Tochter? – Jedenfalls erzielten sie die gewünschte Wirkung.

Sibertus rief seinen Kumpanen an, abzulassen und mit den Äpfeln zu fliehen, denn es waren nunmehr vier, die am Boden lagen.

Albrich strampelte sich unter dem Dicken hervor, aber sein schwergewichtiger Gegner blieb neben dem zitternden Kutscher liegen.

Mochte es ein Stein gewesen sein, auf den sein Kopf aufschlug, oder die Verzweiflung und der Zorn des Albrich, der ihn heftig gewürgt hatte – sein Dasein war beendet. Betroffen starrten sie die frische Leiche an.

Das Mädchen streckte den Kopf hervor und schlug atemlos die Hände vors Gesicht.

In der Aufregung des Überfalls aber hatten sie nicht auf das nahende Geräusch trabender Pferde geachtet, deren uniformierte Reiter in der Wegbiegung jetzt auftauchten und die Lage sofort erfassend im Galopp herbeigesprengt kamen.

Im nächsten Augenblick waren Sibertus und sein Schicksalsgefährte umringt und verhaftet, jeder Fluchtversuch vergeblich.

Die Soldaten bildeten einen kleinen Tross und nahmen die beiden Gefangenen zwischen sich. Der Zug bewegte sich alsdann in Schrittgeschwindigkeit zur nahen Burg Klein-Knöring. Am Ende folgte die Kutsche mit dem jammernden, weinenden Mädchen im Inneren, in die auch der Leichnam ihres Vaters geworfen ward.

3

Die Burgschenke dominierte unterhalb des stattlich stolzen Burgfrieds. Sie war Schenke und Herberge, Amtsstube und Kanzlei und öffnete sich nach unten in einen vom Fackelrauch geschwärzten Kellergang zum Kerker, in dem Sibertus mit Albrich und noch zwei weiteren Leidensgenossen bis zum Tage vor Neumond, also bis Freitag, den 13. November, vegetierten.

Aus der Kammer gegenüber ängstigte sie das laut aufheulende Flehen während der Territion, bei der die Folterwerkzeuge nur vorgeführt werden.

Gleich nebenan tagte das Gericht.

Dort ergriff ein hagerer, spitzbärtiger Eiferer unter den Schöffen soeben das Wort: »Es will gerade wieder Ruhe und Frieden einkehren im Land – aber die Heimziehenden marodieren vielerorts. Ist es da nicht klug, den Ausgleich mit Gott und seiner Schöpfung über den Ort hinaus zu verbreiten? Und ist es nicht klug, die Nachahmer zu warnen, indem sie sehen werden, was ihres Schicksals sein wird? Gerade jetzt, wo in allen Landen Frieden herrschen will, ist ein Verstoß dagegen besonderer Frevel. Und besonderer Frevel verlangt nach besonderer Strafe. Darum ist die Entleibung doppelt gerecht.« Und als wäre plötzlich die gesamte Energie aus ihm gewichen, setzte er bedächtig hinzu: »Wie sollte an dieser Stelle, an der seit unvordenklicher Zeit der Galgen stand, ein derart Beschuldigter den Prozess überleben?«

Der Richter aber wollte erst noch den Kutscher hören und gab Zeichen, diesen herbeizuholen.

Nach der Schilderung des äußeren Geschehens lenkte der Spitzbart auf einen bislang nicht beachteten Umstand. »Und würdet Ihr sagen, sie planten auch, der Tochter ein unschickliches Leid anzutun? Sich mit Gewalt zu nehmen, was sie nur ihrem Günstling vorbehält?«

»Ich kann mir nicht recht vorstellen, warum man sonst einen Vater ermordet, der mit seiner Tochter im Wald unterwegs ist …«

»Sie sagten, sie verlangten nach Essen.«

»Von einem Schuster? Wollen sie Ledersohlen essen?«

Die anderen Schöffen lachten leise, der Spitzbart lehnte sich wohlgefällig zurück. »Ihr sagt recht.« Er nickte zu einem Bediensteten. »Man wird sich um euch kümmern. Seid bedankt. – Ich denke weiter, wir können auf das Frauenzimmer verzichten. Es ist ja doch nur ein tränenreiches Nichtswissen.«

»So wollen wir noch den Sibertus hören. Es ist ohnehin schon bald Mittag. Lasst ihn kommen!«

Sibertus wurde widerstrebend herbeigeschafft. Den Vorwurf in Bezug auf das Mädchen erklärte er als mondsüchtigen Einfall des Anklägers, was diesen nicht geneigter machte. Aber bald erkannte er, dass das Gericht ihn in Zusammenhang mit dem Toten brachte. Da dämmerte es ihm: Für ihn ging es nun um alles oder nichts, denn auch er müsste als Mörder hingerichtet werden, wenn das Gericht zum Ergebnis käme, Albrich sei wegen Mordes zu verurteilen, denn dann wäre er dessen Mittäter und teilte sein gerichtliches Schicksal. So wehrte er sich dagegen, mit dem Albrich über denselben Kamm geschoren zu werden.

»Wenn es gerecht zugehen soll, so muss doch ein jeder nach dem geurteilt werden, was er getan hat. Ich aber habe nur den Wallach gehalten und daraufhin den Kutscher in den Boden gerannt, was ich zugeben will.«

Dieses ließ der Spitzbart nicht gelten. »Die Verbindung zwischen euch ist es, die die Tat des einen als die Tat des anderen erscheinen lässt.«

»Aber sein schweres Tun geschah ohne meinen Willen. Wir haben Hunger, versteht Ihr das nicht? Wir waren überein, nach Brot oder Fleisch zu fragen …«

»Oder nach Geld«, unterbrach ihn der Spitzbart. »Was man gemeinhin, wenn es mit Gewalt verknüpft vorgetragen, als Raub bezeichnet. So beschrieben im Artikel einhundertsechsundzwanzig der Caro…«

»Nein! Wir sind keine Räuber. Wir sind keine Mörder!« Sibertus war verzweifelt, denn er ahnte bereits den Weg, den das Gericht beschreiten sollte.

Der Richter rief ihn zweifach zur Ruhe und nach weiterer lautstarker, aber ergebnisloser Wechselrede wurde er wieder weggeführt.

4

Das Gericht fällte sein Urteil schon vor Mittag.

»Es konnte ja auch nicht geschehen, ohne dass der eine oder andere am Ort der Tat war – so also muss die Sühne gleichermaßen von beiden getragen werden. Das ist gerecht und wird vom Gericht, wie schon im überlieferten römischen Recht, als Mandatum beachtet: Einer wie der andere unterfällt in solchem Fall demselben Recht. So habt ihr es getan in vereinigtem, fürgesetztem Willen!« Der Spitzbart fügte trocken hinzu: »Ihr könnt es nachlesen in der Carolina, im Artikel einhundertsiebenundsiebzig.« Mit diesen Worten ergriff er den Stab und brach ihn, ohne mit der Miene zu zucken.

Sibertus’ Entleibung war damit besiegelt.

Kreidebleich und wortlos nahm Sibertus das Urteil zur Kenntnis. Für die Einzelheiten der Hinrichtung ging das Gericht in Klausur hinter verschlossenen Türen.

5

Für Rechtskundige zunächst unerklärlich war der Aufschub der Hinrichtung bis zum nächsten Vollmond, aber das sollte sich noch aufklären.