Die Sieben - Pauline M. Krämer - E-Book

Die Sieben E-Book

Pauline M. Krämer

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Beschreibung

Über das Buch: Saron ist sechzehn und lebt mit Vater und Cousin auf einem kleinen Hof im Reich eines tyrannischen Herrschers. Er führt ein einfaches, arbeitsreiches Leben, bis er eines Morgens im Stall einem jungen Drachen begegnet. Kaum hat er sich von dem Schrecken erholt, erscheint bereits der nächste ungebetene Besucher. Der alte Dragomir offenbart Saron, dass er einer der Sieben sei und der Drache von nun an zu ihm gehöre. Und so kommt es, dass Saron sich aufmacht, seiner Bestimmung zu folgen und seinen Platz an der Spitze der Sieben einzunehmen. Eine lange gefahrvolle Zeit voller Abenteuer, Freund- und Feindschaften liegt vor ihm. Werden die Sieben es am Ende schaffen, das Reich von der Herrschaft des bösen Königs zu befreien?

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Seitenzahl: 319

Veröffentlichungsjahr: 2019

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Über die Autorin

Pauline Marie Krämer ist dreizehn Jahre alt und lebt mit ihren Eltern im südöstlichsten Zipfel von Nordrhein-Westfalen.

Sie ist Schülerin einer Gesamtschule und verbringt ihre Freizeit mit Freunden, beim Schreiben und beim Singen.

„Die Sieben“ ist ihr erster Roman.

Pauline M. Krämer

Die Sieben

Für meine Eltern. Danke, dass ihr immer an mich glaubt.

tredition GmbH - Hamburg

Alle Rechte bleiben der Autorin vorbehalten

© Pauline Marie Krämer 2019

Umschlaggestaltung Nicole Krämer

Bildmaterial freepik.com

Druck und Veröffentlichung durch tredition GmbH, Hamburg

Satz Nicole Krämer

Druck 2019

ISBN 978-3-7482-5902-2 (Paperback)

ISBN 978-3-7482-5903-9 (Hardcover)

ISBN 978-3-7482-5904-6 (E-Book)

Kapitel 1 – Morgenstund hat Feuer im Mund

Der Wind heulte durch die Nacht. Es zog in jeder Ritze der kleinen Hütte, die Saron mit seinem Vater und seinem älteren Cousin Roderick bewohnte. Es war kalt und an einer Stelle des kleinen Raumes, den er sich mit Roderick teilte, tropfte Regenwasser durchs Dach. Morgen würde die Welt vielleicht schon wieder anders aussehen, denn das schlechte Wetter hielt in Andrija nie lange an. Doch bis dahin blieb Saron nichts, als zu warten.

Ihm graute vor dem Sonnenaufgang, denn es war viel Arbeit liegen geblieben in den letzten zwei Tagen, die er und Roderick morgen würden aufarbeiten müssen. Sie lebten von der Landwirtschaft, wie beinahe alle Leute, die in dem kleinen Dorf Elben wohnten, in dem auch er lebte.

Er fröstelte und zog die zerlumpte Decke, in die er sich gehüllt hatte, etwas fester um seinen Körper. Der Wind hielt ihn wach, doch er musste schlafen, wenn er morgen in der Lage sein wollte, den ganzen Tag auf dem Feld zu verbringen, um den Winterweizen zu säen. Sie konnten nicht mehr damit warten, selbst wenn es morgen immer noch regnen würde. Der Herbst stand vor der Tür.

Nach einiger Zeit verfiel Saron in einen unruhigen Schlaf. Als er am nächsten Morgen aufwachte, kam es ihm vor, als habe er keine halbe Stunde geschlafen. Trotzdem durfte er nicht liegen bleiben, denn die Arbeit wartete nicht und sein Vater erst recht nicht.

Er stand auf, zog sich an und ging hinunter in die Wohnstube. Roderick kam ebenfalls die Treppe nach unten. Im Gegensatz zu Saron, hatte er eine erholsame Nacht gehabt und war bester Laune. „Morgen“, grummelte Saron.

Gemeinsam packten sie genug Proviant ein, dass es für den ganzen Tag reichte. Glücklicherweise hatte das schlechte Wetter sich verzogen und Andrija zeigte sich von seiner schönsten Seite.

Saron lief eilig in den Stall, wo sie einige Pferde stehen hatten. Sein Liebling war ein schöner Rappe mit seidig glänzendem Fell und feurigem Temperament. Deshalb hieß er auch Feuerblitz. Er war so schnell wie der Wind und es war herrlich, auf seinem Rücken zu sitzen, denn man fühlte sich, als könne man fliegen.

Als er Feuerblitz einen Eimer voll Hafer hinstellen wollte, erschrak er, denn aus dem Augenwinkel bemerkte er etwas sehr Merkwürdiges. Ein kleines Wesen, kaum größer als ein Wolfsjunges, stand hinter seinen Beinen. Sarons Herz klopfte laut in der Brust. Er fand, es sah fast wie…, doch das war ganz und gar unmöglich, denn so etwas gab es doch gar nicht.

Er fand, es sähe aus wie…

„Npff!!!“ Funken stoben aus der Nase des Kleinen. Als es dann auch noch kleine ledrige Flügel ausbreitete, gab es für Saron keinen Zweifel mehr. Das kleine Geschöpf, das da ungeschickt vor ihm her tapste, war ein Drache. Wenn auch ein sehr kleiner.

Saron hatte schon viele Sagen über diese mystischen Geschöpfe gehört und hatte sie sich irgendwie anders vorgestellt. Der kleine Drache hatte einen langen Hals und kleine, spitze Hörner auf dem Kopf. Die Schnauze war schlank und endete in einem Maul mit kleinen, aber erschreckend spitzen Reißzähnchen. Seine Flügel waren groß und wirkten im Vergleich zu dem kleinen Körper überdimensional und sein Schwanz hatte angefangen, aufgeregt hin und her zu peitschen. Die Schuppen schimmerten in wunderschönem blau, doch seine klugen Reptilienaugen hatten einen gelblichen Stich.

Eigentlich war Saron nach Brüllen, doch eine gewisse Faszination hielt ihn davon ab. Der Kleine wirkte nicht so, als wolle er ihn auf der Stelle in Stücke reißen. Außerdem würde sein Vater ihn sofort mitnehmen wollen, um ihn zu töten. Jedes nicht registrierte Tier brachte Ärger.

Der König hatte ein Gesetz erlassen, nachdem jeder seine Tiere registrieren lassen musste. Niemand verstand, wieso der König unbedingt wissen wollte, wer welches Tier besaß. Doch wer dies nicht tat, wurde wegen Betrugs am Königshaus angeklagt. Das brachte einem einen Aufenthalt im Ikarus ein, dem schlimmsten Gefängnis im ganzen Land. Niemand, der dort wieder herauskam, und das waren bei Weitem nicht viele, war nachher wieder ganz der Alte. Man erzählte sich allerlei Schauermärchen, eines gruseliger als das andere. Angeblich hörte man die Schreie der Gefangenen bis in das nächste Dorf, obwohl die Mauern der Feste so dick sein mussten, dass kein Laut nach außen dringen konnte.

Saron konnte seinen Vater ein bisschen verstehen, doch der Drache schaute ihn so vertrauensvoll an, dass er es nicht über sich brachte, seinen Vater zu holen. Langsam beruhigte sich sein Herzschlag.

Er sah den Kleinen genau an und plötzlich überkam ihn eine unnatürliche Hitze. Dann hörte er eine merkwürdige Stimme in seinem Kopf: „ Saron, ich habe schon lange Zeit auf dich gewartet.“ Er fuhr herum, doch er konnte nichts entdecken. Es dauerte eine Weile, bis er begriff, dass die Stimme wohl von dem Drachen kommen musste.

Das war doch nicht möglich! Er musste zu wenig geschlafen haben, denn es erschien nicht einfach ein Drache aus dem Nichts und dass der dann auch noch mit ihm sprach war doch völlig verrückt. Doch tief im Innern seines Herzens wusste Saron, dass dieser Drache keine Fantasie war. So etwas war ihm nicht mal in seinen kühnsten Träumen passiert.

„Saron, du brauchst keine Angst zu haben. Wir sind für einander bestimmt und werden zusammen mit den Sieben kämpfen.“ Das war mit Abstand das Seltsamste, das Saron je passiert war.

Eine Hand legte sich auf seine Schulter. Erschrocken fuhr Saron herum. Ein breitschultriger Mann mit langem Bart und stechend grünen Augen, die seinen eigenen sehr ähnlich waren, stand vor ihm. Hektisch versuchte Saron den Drachen zu verbergen, denn er vermutete, dass der Mann einer der Schergen des Königs war und ihn dafür bestrafen wollte, dass er ein Drachenbaby in seinem Stall beherbergte.

„Ich habe ihn bereits gesehen“, sagte der Bärtige mit tiefer, volltönender Stimme.

„Oh, bitte, verhaftet mich nicht, Herr. Bitte bringt mich nicht ins Ikarus. Ich habe ihn doch gerade erst entdeckt. Wir wussten doch gar nichts von ihm. Wir sind nur einfache Bauern“, flehte Saron.

Der Mann hatte ihm belustigt zugehört und sein Mund kräuselte sich zu einem Lächeln. „So beruhige dich doch, Saron. Ich bin nicht der, für den du mich hältst. Du und dein Drache dort, ihr könnt mir helfen.“ Er zeigte auf den Kleinen.

„Wer seid Ihr?“, fragte Saron irritiert und erleichtert zugleich, dass er scheinbar doch nicht ins Ikarus musste. „Ich bin Dragomir. Komm heute Nacht hierher, wenn alle schlafen und ich werde dir alles in Ruhe erklären. Und nun geh, dein Cousin wartet sicher schon auf dich.“

Saron wollte nicht gehen, dafür war er viel zu neugierig, doch Dragomir wirkte nicht so, als dulde er Widerspruch. Also ging er schweren Herzen ins Freie.

Roderick wartete tatsächlich bereits auf ihn. „Wo bleibst du denn?“, rief er ungeduldig, „es kann doch unmöglich so lange dauern, die Pferde zu füttern.“

Saron schüttelte nur den Kopf. „ Ach, ich bin einfach noch ein wenig müde“, log er. Obwohl er sich eben, nach dem Aufstehen, am liebsten wieder hingelegt hätte, fühlte er sich jetzt hellwach. Die Ereignisse der letzten halben Stunde hatten jegliche Müdigkeit vertrieben.

„Jetzt komm endlich, lass uns aufbrechen“, gähnte Roderick. Sie machten sich auf den Weg. Saron arbeitete an diesem Tag schneller als sonst, denn er wollte möglichst vor Sonnenuntergang nach Hause kommen. Obwohl er verschwitzt und erschöpft war, legte er keine Pause ein. Tatsächlich schafften sie es, noch vor der Dämmerung fertig zu werden.

Müde stapften sie nach dem langen Tag nach Hause. Obwohl er so hart gearbeitet hatte, war ihm der fremde Mann nicht aus dem Kopf gegangen. Zwar wusste Saron, dass es nichts bringen würde, schon früher zum Stall zu gehen, denn er war sich ziemlich sicher, dass Dragomir nicht vor Anbruch der Nacht erscheinen würde, doch er musste den kleinen Drachen einfach wiedersehen.

Also erzählte er Roderick unter dem Vorwand, nach der trächtigen Stute zu sehen, die ihr Fohlen bald bekommen sollte, dass er heute Nacht im Stall bleiben würde.

Schnell wusch er sich und flitzte in seine Kammer, um sein Arbeitshemd gegen etwas weniger Dreckiges zu tauschen.

Als er auf dem Weg nach unten seinem Vater begegnete, zogen sich seine Eingeweide zusammen. Das Verhältnis zwischen ihm und Saron war sehr bescheiden. Er hatte die letzte Auseinandersetzung mit seinem Vater noch nicht vergessen und dem Blick nach zu urteilen, den sein Vater ihm zuwarf, dieser ebenfalls nicht.

Obwohl sie sich den ganzen Tag noch nicht gesehen hatten, gingen sie schweigend aneinander vorbei. Roderick war schon immer der Liebling seines Vaters gewesen. Das hatte Saron nie verstanden, da Roderick nicht einmal der leibliche Sohn seines Vaters war.

Sarons Mutter war von einigen Schergen des Königs entführt, missbraucht und dann getötet worden, als er drei Jahre alt gewesen war. Bei diesem Gedanken brandete ein solcher Hass auf den König und seine Handlanger in Saron auf, dass er sich nichts sehnlicher wünschte, als sich zu rächen, doch das konnte er nicht. Sein Vater hatte sich nach dem Tod seiner Frau mit deren verwitweter Schwester vermählt. Diese hatte ebenfalls einen kleinen Jungen, Sarons älteren Cousin Roderick.

Sie war eine schreckliche Frau und hatte Saron nie wie ihr eigenes Kind behandelt. Im Gegensatz zu Sarons Vater, der Roderick bereitwillig aufgenommen hatte. Doch auch sie war nach einigen Jahren am Fieber gestorben. Und so lebten Saron, sein Vater und Roderick nun allein in ihrer kleinen Hütte.

Bei diesen Gedanken wurden weitere dunkle Erinnerungen wach. Saron dachte an den Streit mit Lyra, den er ebenfalls in dieser Zeit gehabt hatte. Was damals geschehen war, konnte sie ihm nicht verzeihen, und so hatte er seine beste Freundin in dieser schwierigen Zeit verloren. Kurz darauf war sie mit ihrem Vater fortgezogen. Nie wieder hatte er die Chance erhalten, sich zu entschuldigen.

Ein Schwall frischer Luft traf ihn, als er ins Freie trat. Eilig machte er sich auf den Weg zum Stall. Er ging zu Feuerblitz‘ Box um nachzuschauen, ob der Kleine noch dort war. Saron hatte Angst, dass er sich alles nur eingebildet hatte, doch zu seiner großen Erleichterung hatte der Drache sich an den schlafenden Feuerblitz gelehnt.

Als Saron in die Box trat, überkam ihn wieder diese unnatürliche Wärme. Auf unerklärlich Weise fühlte er sich mit dem Kleinen tief verbunden. Fast war es, als würde er seine Gedanken und Gefühle kennen und verstehen. Er wusste nicht woher dieses Gefühl kam, doch er wusste, dass es die Wahrheit war.

Er hörte ein Geräusch hinter sich und fuhr herum. Zu seiner Freude war es Dragomir. Doch das Lächeln auf Sarons Gesicht verschwand so plötzlich, wie es erschienen war. Dragomir blickte so finster drein, dass Saron ein ungutes Gefühl beschlich.

„Ist etwas passiert?“, fragte Saron besorgt.

„Komm mit“, grummelte Dragomir.

„Wohin?“, fragte Saron ein wenig überrumpelt, doch Dragomir gab keine Antwort. Also blieb Saron nichts anderes übrig, als ihm zu folgen.

Kapitel 2 – Auf ewig dein

Sie waren jetzt schon mehr als eine halbe Stunde unterwegs und Saron wurde langsam ungeduldig, als Dragomir plötzlich stehen blieb und sich aufmerksam umsah. Der Alte hatte ihn in den Wald geführt und Saron war sich langsam nicht mehr sicher, ob er ihm wirklich trauen konnte und doch blieb ihm nichts, als bei ihm zu bleiben, denn Saron hatte nicht die leiseste Ahnung, wo sie sich eigentlich befanden.

Obwohl er sich in der Gegend eigentlich gut auskannte, hatte er den Wald noch nie betreten, denn er galt allgemein als verrufen und gefährlich. Sein Vater hatte ihm stets verboten, ihn je zu betreten. Trotzdem war er diese Nacht widerspruchslos mit Dragomir mitgegangen. Nun hatte er ein flaues Gefühl im Magen und Angst machte sich in ihm breit. Warum hatte Dragomir eigentlich nicht bei ihm zu Hause über die Angelegenheit sprechen können? Das hätte ihn von Anfang an misstrauisch machen sollen.

Ehe er sich versah, war er mit der Frage herausgeplatzt, doch Dragomir legte ihm die Hand auf den Mund, um ihn zum Schweigen zu bringen. „Sei still“, raunte er ihm ins Ohr, „wir werden verfolgt.“ Er zog Saron in ein Gebüsch in der Nähe des Weges und kurz darauf hasteten zwei Männer an ihnen vorbei, ohne sie zu bemerken. Erleichtert stellte Saron fest, dass der Boden von gestern Nacht noch so matschig war, dass man einen menschlichen Fußabdruck in der Dunkelheit nicht von den Hufabdrücken eines Hirsches unterscheiden konnte.

Dragomir packte Saron am Ärmel und zog ihn tiefer ins Gebüsch. Rückwärts stolperten sie durchs Dickicht. Ein Ast mit Dornen streifte Saron Arm und riss ihm Hemd und Haut auf. Es brannte höllisch und langsam wurde er ärgerlich. Wenn Dragomir ihm nicht verriet, was los war, würde er einfach stehen bleiben und ihn damit zwingen, ihm zu antworten.

Saron stemmte seine Füße in den Boden und blieb stehen. Dragomir drehte sich um. Mit fester Stimme sagte Saron:

„Ich möchte jetzt sofort wissen, was eigentlich los ist!“ Dragomir schaute ihn finster und mit zusammengezogenen Brauen an.

„Ich werde dir alles erklären, wenn wir da sind, Junge.“

„Ich will aber auf der Stelle wissen, was hier passiert“, antwortete Saron trotzig. Er wusste selber, wie albern er klang, doch auch seine Geduld hatte ein Ende und dieses Ende war jetzt gekommen.

„Komm jetzt mit“, sagte Dragomir nun ärgerlich. „Ich werde mich erst wieder in Bewegung setzen, wenn ich alles weiß. Vorher gehe ich keinen Schritt weiter.“

Zu Sarons großem Erstaunen trat ein Lächeln auf Dragomirs wettergegerbtes Gesicht. Kurzerhand kam er einen Schritt auf Saron zu und hievte ihn über seine Schulter. Saron wehrte sich aus Leibeskräften, doch obwohl Dragomir schon sehr alt sein musste, hatte Saron nicht die geringste Chance. Er trommelte mit den Fäusten auf ihn ein, doch es war, als schlüge er auf einen Felsblock.

Nach einiger Zeit sah er ein, dass es keinen Zweck hatte sich zu wehren. Dragomir stapfte unbeirrt weiter.

Doch plötzlich lichtete sich der Wald. Dragomir setzte Saron unsanft auf dem Boden ab und trat auf die Lichtung. Der Anblick raubte einem den Atem. Der Mond leuchtete in dieser Nacht so hell wie schon lange nicht mehr. Er spiegelte sich in einem kleinen Teich, der ein Drittel der Lichtung beanspruchte. Um den Teich herum standen überall Blumen, deren Farben Saron nicht genau erkennen konnte, da die Sonne erst in einigen Stunden aufgehen würde. Ein kleiner Wasserfall mündete in den Teich und dahinter ragten Felsen empor. Überall schwirrten Glühwürmchen umher und warfen ein zauberhaftes Licht auf die Szenerie.

„Wo sind wir?“, hauchte Saron.

„Das“, verkündete Dragomir feierlich, „ist der Ort, von dem dein Drache stammt. Hier wurde das Ei ausgebrütet, aus dem er geschlüpft ist. Es ist ein magischer Ort und dein Drache wird für immer eine enge Bindung zu ihm haben. Hier wird er, egal was passiert, sicher sein. Jetzt ist er noch sehr klein, doch wenn du dich geschickt anstellst, wirst du noch in dieser Nacht das erste Mal auf seinem Rücken sitzen. Ruf ihn jetzt zu dir.“

„Was meint Ihr mit rufen?“, fragte Saron verdattert.

„Du musst deinen Geist gänzlich leer machen und an ihn denken. Habe ihn ganz genau vor Augen und dann ruf ihn hierher.“

Obwohl Saron felsenfest davon überzeugt war, dass gar nichts passieren würde, schloss er die Augen und versuchte an nichts außer an den Drachen zu denken. Er konzentrierte sich und ihm wurde für den Bruchteil einer Sekunde wieder merkwürdig heiß. Doch das Gefühl war so schnell wieder verschwunden, wie es gekommen war.

„Es klappt nicht. Da war nur wieder diese Wärme“, sagte Saron ein wenig enttäuscht.

„Es hätte mich auch gewundert, wenn es auf Anhieb funktioniert hätte. Nur selten gelingt es unerfahrenen Anfängern, ihre Drachen zu rufen. Versuch es nochmal“, riet ihm Dragomir.

Wieder schloss Saron die Augen und konzentrierte sich. Er stellte sich den Drachen ganz genau mit allen Einzelheiten vor und schlagartig verspürte er wieder die Wärme. Vor lauter Aufregung brach die Verbindung jedoch erneut ab.

Beim fünften Mal schaffte Saron es, die Verbindung lange genug zu halten, um zu fühlen, wie erregt der Kleine darauf wartete, endlich mit Saron sprechen zu können.

Als er es danach noch einmal versuchte, klappte es endlich. „Hallo Kleiner?“, fragte Saron und kam sich irgendwie albern vor.

„Saron? Bist du das?“, hörte er die Stimme in seinem Kopf rufen.

„Ja, ich bin es. Ich soll dich zu uns rufen. Kannst du uns finden?“, fragte Saron.

„Natürlich kann ich dich finden. Ich kann dich über hunderte Meilen spüren.“, meinte der Drache.

„Dann komm“, sagte Saron.

Die Verbindung brach ab und Saron war sehr stolz, als er Dragomir von seinem Erfolg berichtete.

„Sehr gut“, sagte Dragomir anerkennend. „Ich denke, du hast Talent.“

Sie warteten einige Minuten, dann war ein Rauschen zu vernehmen. Über den Baumkronen war die Silhouette des Drachen zu erkennen.

„Aber er ist ja immer noch so klein.“, stellte Saron irritiert fest. Der Drache landete sanft neben Saron und schaute erwartungsvoll zu ihm auf.

„Ihr müsst gemeinsam in den Teich der Unendlichkeit steigen. Das wird eure Bindung für immer besiegeln. Er wird wachsen, sobald er das Wasser berührt. Wenn ihr beide vollkommen untergetaucht seid, kannst du ihn anfassen und dich auf seinen Rücken setzen. Er wird dich aus dem Wasser tragen.“

Saron schaute den Kleinen an und es kam ihm vor, als würde der nicken. Er fühlte sich irgendwie durch ihn bestärkt. Gemeinsam gingen sie auf den kleinen Teich zu. Als er seinen Fuß ins Wasser setzte, waren seine Schuhe sofort durchweicht. Wider Erwarten war das Wasser angenehm warm. Bald stand er bis zur Brust im Wasser. Der kleine Drache neben ihm hatte bereits den Kontakt zum Boden verloren und schwamm. Beide holten tief Luft und zusammen tauchten sie mit den Köpfen unter.

Saron öffnete die Augen und musste feststellen, dass es Salzwasser war. Es brannte in seinen Augen, doch er spürte es kaum, denn er sah verschwommen, wie der Drache immer weiter anschwoll. Er tastete nach ihm und fühlte, wie die Schuppen auf dem Rücken des Drachen immer größer wurden. Die Berührung löste ein Kribbeln aus und auf einmal fühlte es sich an, als ob sie nicht mehr zwei, sondern eine gemeinsame Seele hätten.

Es war ein unbeschreiblicher Moment und Saron tastete nach den Zacken des Drachen und schwang sich zum ersten Mal auf seinen Rücken. Ihre Körper verschmolzen miteinander. Es fühlte sich an, als ob beide ihre Flügel ausbreiten würden. Sie schwangen sich in die Luft. Pfeilschnell schossen sie aus dem Wasser.

Saron fühlte sich, als ob er noch nie etwas anderes getan hätte, als zu fliegen. Er versuchte, geistig Kontakt mit dem Drachen aufzunehmen. Diesmal klappte es sofort. Saron vermutete, dass es daran lag, dass sie einander so nahe waren. „Das ist ja unglaublich!“, rief Saron. Im nächsten Moment hallte ein Wort in seinem Kopf wider, doch er konnte es nicht wirklich fassen. Dann hörte er den Drachen: „Du suchst nach meinem Namen! Ich heiße Merwin.“

Sie drehten scharf ab und Saron musste sich kurz festhalten. Er schaute nach unten und stellte fest, dass sie sich etwa hundertfünfzig Fuß hoch in der Luft befanden. Saron konnte sein Glück kaum fassen. Sie absolvierten einige waghalsige Flugmanöver.

Die Wärme war seit dem letzten Mal nicht mehr verschwunden und Saron fiel es nun nicht mehr schwer, den Kontakt aufrecht zu erhalten. Zwischen ihm und Merwin hatte sich, seit sie zusammen in den Teich gestiegen waren, eindeutig etwas verändert. Sie waren einander näher gekommen.

Er genoss den Wind, der ihm ums Gesicht wehte. Ihm war ein wenig kalt, da seine Kleider noch nass waren, doch Merwin wärmte ihn genug, dass er sich keine Gedanken darum machen musste.

Sie stiegen weiter in die Höhe. Saron konnte nun eine Wolke mit der Hand streifen. Er jauchzte vor Freude. Am liebsten wäre er nie wieder auf eigenen Beinen gelaufen, doch natürlich war das nicht möglich. Trotzdem nahm er sich vor, so oft mit Merwin zu fliegen, wie es ihm möglich war.

Kurze Zeit später setzte Merwin sanft auf dem Boden auf und Saron rutschte von seinem Rücken.

„Das war unglaublich“, rief er dem lächelnden Dragomir entgegen.

„Ich weiß“, antwortete dieser. „Aber ich weiß auch, dass du darauf brennst, alles zu erfahren. Das hast du ja vorhin bewiesen. Ich werde dir alles erklären, was du wissen willst.“

Saron verlangte es wirklich nach Antworten. Er überlegte kurz. „Na gut, dann will ich als erstes wissen, welche Rolle ich in der Sache spiele und worum es überhaupt geht.“

„Ja, ich denke, dass du ein Recht auf die Beantwortung dieser Fragen hast. Zuerst sag deinem Drachen, dass er ein Feuer machen soll, damit deine Kleider trocknen und du nicht frierst.“ Dragomir sah ihn nachdenklich an. „Wie heißt er eigentlich?“

„Merwin“, sagte Saron stolz.

Er konzentrierte sich und merkte, dass er sich kaum mehr anstrengen musste. „Kannst du ein Feuer machen?“ „Klar“, antwortete Merwin.

Der Drache öffnete sein Maul und stieß eine kleine Flamme aus. Ein herumliegender Haufen trockener Äste fing sofort Feuer. Sie setzen sich im Kreis darum herum und machten es sich bequem. Saron lehnte an einem dicken Baumstamm und Merwin legte sich direkt neben ihn und stupste ihn mit der Schnauze sanft an.

„Halte die Verbindung zu Merwin“, wies Dragomir Saron an. „Er muss mitbekommen, was ich dir erzähle. Fangen wir also an. Alles beginnt wohl mit der Tatsache, dass König Demon grausamer ist, als jeder Verbrecher. Er ist verantwortlich für zahlreiche Morde und Entführungen. Doch war er nicht immer so. Als Kind haben ihn alle geliebt und man ertappte sich bei dem Wunsch, dass er anstatt seines Bruders irgendwann einmal König werden würde.

Doch seit seine eigenen Eltern vor seinen Augen ermordet wurden, hat er sich verändert. Es ist, als wolle er sich an allen Menschen rächen, um sie dasselbe Leid spüren zu lassen, das ihm widerfahren ist. Sein älterer Bruder Sapion ist ganz anders. Er ist gerecht und das Leid, das er schon früh ertragen musste, hat seinen Charakter gestärkt und ihm große Weisheit verliehen“, erzählte Dragomir.

„Moment, Moment… wie bitte? Sapion ist nicht grausam? Ich meine, er WAR nicht grausam? Er ist doch tot“, platzte Saron dazwischen.

„Nein, König Sapion der Gerechte lebt. Er wird von seinem Bruder Demon gefangen gehalten, der diese dunklen Gerüchte über die angebliche Grausamkeit seines Bruders in die Welt gesetzt hat.

Und damit kommen wir zum springenden Punkt. Sicher hast du schon einmal von ihnen gehört. Es geht um die Sieben.“

„Die Sieben?“, fragte Saron Dragomir irritiert. „Aber die gibt es doch gar nicht. Das ist doch ein Ammenmärchen.“

Dragomir schmunzelte. „Tja, so lautet die offizielle Version. Doch es gibt sie wirklich und du bist einer von ihnen.“

Saron war sprachlos. „Ich weiß, dass das sehr überraschend kommt, aber du wirst deiner Bestimmung folgen müssen. Es gibt sieben von euch und jeder ist mit einem anderen magischen Wesen verbunden. Wenn ihr eine wirkliche Einheit bildet, dann habt ihr eine Chance gegen den König. Ihr seid alle neu erwählt worden, denn erst wenn kein magisches Paar, wie du und Merwin, mehr übrig ist, werden sieben Neue bestimmt. Und das ist nun der Fall. Ihr alle werdet Kräfte entwickeln, die der Macht des Königs gleich kommen, wenn ihr blind aufeinander vertraut.“ Dragomir machte eine kurze, vielsagende Pause.

„Solltest du mein Angebot annehmen und das hoffe ich inständig, wirst du mit den anderen sechs auf eine Burg gebracht, wo eure Ausbildung beginnen wird. Euer Ziel ist es, König Sapion zu befreien und seinen Bruder zu stürzen, um dem Land wieder zu Frieden und Wohlstand zu verhelfen.“

Saron schwieg zunächst überwältigt. Nach einiger Zeit schüttelte er verzagt den Kopf und sagte traurig: „Ich kann aber doch nicht einfach so meine Familie verlassen. Sie sind auf mich angewiesen. Wovon sollen sie denn leben?“ Er wäre gerne mitgekommen. Schon alleine deswegen, weil er nicht weiter in der Angst leben wollte, sich zu verraten, wenn einer der Männer des Königs im Dorf war. Man konnte nie wissen, wem man vertrauen sollte, da der König überall Spitzel hinschickte, um sicher zu gehen, dass niemand sich gegen ihn auflehnte.

„Ah, ich glaube, ich habe vergessen dir zu sagen, dass gut für deine Familie gesorgt wird.“ Dragomir legte Saron eine Hand auf die Schulter. „Natürlich musst du nicht mitkommen, wenn du das nicht möchtest, doch bitte bedenke, dass die Sieben ihr Ziel nur dann erreichen können, wenn ihr alle zusammen seid.“

Saron überlegte kurz. Er würde sein Leben hier wohl nicht sonderlich vermissen, auch wenn er Roderick nur ungern Lebewohl sagen wollte. Allerdings war das Verhältnis zu seinem Vater nicht gut und die ewigen Streitereien waren nur schwer zu ertragen. Die Vorzüge überwogen eindeutig und so fiel es Saron nicht allzu schwer, sich zum Mitkommen zu entscheiden.

„Sehr gut“, sagte Dragomir, „jetzt müssen wir nur noch klären, was du deinem Vater erzählst, wann und wo du hingehst.“ Saron grübelte eine ganze Weile, dann setzte er langsam zu sprechen an: „Vor ein paar Wochen habe ich dem Tischler aus Wolgersdorf geholfen in unserem Weiler eine Scheune aufzurichten. Meister Anton war angetan von meinen Fähigkeiten und hat mir angeboten, bei ihm in die Lehre zu gehen. Damals habe ich abgelehnt, weil Wolgersdorf so weit entfernt liegt und das Lehrgeld recht hoch war. Mein Vater hat sich fürchterlich darüber aufgeregt und hat tagelang kein Wort mit mir gesprochen, weil er meinte, eine solche Gelegenheit hätte ich nicht verstreichen lassen dürfen. Das Lehrgeld hatte er seit Jahren angespart.“ Saron machte eine kurze Pause und seufzte, dann fuhr er fort: „Ich könnte ihm sagen, ich hätte es mir anders überlegt. Er wird sich freuen und sicher nicht weiter nachfragen. Das einzige, was mir Kummer macht, ist, dass er mir das sauer ersparte Lehrgeld mitgeben wird, das ich ja gar nicht brauche.“

„Mach dir keine Gedanken darüber. Ich werde dafür sorgen, dass alle Familien von euch Sieben so versorgt sind, dass es ihnen an nichts fehlt. Niemand wird etwas merken. Hier ein gutes Geschäft, dort ein unerwarteter Auftrag – die Familien werden einfach glauben, einmal Glück gehabt zu haben.“ Dragomir lehnte sich zufrieden zurück.

„Pack für Montagmorgen deine Sachen und ich hole dich bei Sonnenaufgang ab. Wenn irgendetwas schiefgehen sollte, nimm diese Münze und denke ganz fest an mich, dann weiß ich Bescheid.“ Er drückte Saron eine kleine Silbermünze in die Hand, eine Lira. „Lass Merwin hier. Du kannst ihn zu dir rufen, wenn wir aufbrechen. Ich bringe dich jetzt nach Hause.“

Saron erhob keinen Widerspruch, obwohl er nicht damit gerechnet hatte, sich so schnell von seiner Familie verabschieden zu müssen. Widerwillig trennte er sich von Merwin. Der gab ihm noch einen letzten freundschaftlichen Stups in die Seite und rollte sich dann am Feuer zum Schlafen zusammen. „Wir sehen uns hoffentlich bald“, kam es noch schläfrig.

„Ja“, meinte Saron nur, dann führte Dragomir ihn nach Hause.

Kapitel 3 – Kleine Mogelei

Als er am Morgen aufwachte, waren seine Haare voller Stroh. Wieder hatte er nicht mehr als vier Stunden Schlaf gehabt und fühlte sich dementsprechend erschöpft. Er war froh, dass er heute nicht den ganzen Tag arbeiten musste. Es war Samstag und samstags arbeiteten sie nur bis zum frühen Nachmittag.

Er stand auf und zog sich Stroh aus den zerzausten Haaren. Dann ging er nach draußen zu dem Holzfass, in dem sie das Regenwasser auffingen. Er schöpfte einen Eimer um sich zu waschen.

Saron zog sich aus, schöpfte zunächst mit den Händen das eiskalte Wasser und klatschte es sich ins Gesicht. Danach holte er tief Luft und tauchte mit dem Kopf ins Wasser. Prustend kam er wieder hoch. Er wusch sich mit ein wenig Seife, die neben dem Eimer lag, einmal gründlich die Haare und den Körper und spülte dann alles ab, indem er sich das restliche Wasser über den Kopf kippte. Bibbernd beeilte er sich, zurück ins Haus zu kommen, denn er wollte sich nicht noch erkälten vor dem Wochenanfang.

Sein Vater und Roderick frühstückten bereits. Ein Laib Brot und ein großes Stück Käse lagen auf dem Tisch. Saron setzte sich neben seinen Cousin und wünschte ihm einen guten Morgen. Seinen Vater bedachte er lediglich mit einem kurzen Nicken.

Er griff nach dem Messer und schnitt sich eine Scheibe Brot ab. Dann legte er sich ein dickes Stück Käse darauf und biss herzhaft hinein. Er war völlig ausgehungert, da er seit dem letzten Mittag nichts mehr gegessen hatte.

„Du hast ja lange geschlafen“, meinte Roderick und stupste ihn kameradschaftlich in die Seite. Tatsächlich musste es schon fast acht Uhr sein, denn die Sonne war schon aufgegangen.

Saron nickte und beschloss, dies nicht zu kommentieren. Als er fertig war, holte Saron tief Luft. Ihm war ein wenig mulmig zumute, denn nun war der Augenblick gekommen, in dem er seinem Vater die Lüge über den Tischlermeister auftischen musste. Ganz wohl war ihm nicht bei der Sache, doch er beruhigte sich selber mit dem Gedanken, dass er ja einen guten Grund hatte. Saron öffnete den Mund zum Sprechen, doch in diesem Moment räusperte sich sein Vater.

„Saron, ich möchte, dass du gleich zum Bäcker gehst und neues Brot kaufst. Bei dieser Gelegenheit bringst du für dich und Roderick einen süßen Wecken mit. Schließlich ist morgen ein besonderer Tag und den sollten wir nicht einfach so verstreichen lassen.“

Zunächst stutzte Saron. Woher wusste sein Vater von seinem Vorhaben? Er hatte ihm doch noch gar nichts gesagt?! Dann stöhnte er innerlich auf. Er hatte völlig vergessen, dass er morgen sechzehn wurde. Damit kam er ins Mannesalter und war kein Kind mehr.

Natürlich freute er sich darüber, dass sein Vater für ihn etwas Besonderes kaufen wollte, damit hatte er gar nicht gerechnet und aus diesem Grund tat es ihm nun doch leid, bald gehen zu müssen. Doch er würde sich nicht mehr um entscheiden, auch wenn er Roderick vermissen würde – und seinen Vater vielleicht auch ein bisschen.

Es stimmte zwar, dass Saron die ewigen Streitereien satt hatte und das Verhältnis zu seinem Vater war wirklich nicht gut, doch er war sein Vater und er liebte ihn, auch wenn er sich das nicht gerne eingestand.

Sein Vater drückte ihm ein paar kleine Kupfermünzen, Karos genannt, in die Hand. Die wertvollsten Münzen des Landes waren die Tiosi. Sie bestanden aus purem Gold und Saron hatte noch nie einen Tioso aus der Nähe gesehen. Die Münze, die Dragomir ihm gegeben hatte, war von mittlerem Wert, doch für Saron war sie bereits etwas ganz Besonderes.

Mit den Karos in der Hand trat er nach draußen und genoss den Blick auf die nebelverhangenen Felder. Das Wetter würde im Laufe des Tages noch aufklaren, doch im Augenblick war es noch kühl. Die frische Luft tat gut und Saron liebte es, morgens durch das Dorf zu schlendern.

Auf den Gassen war schon einiges los. Samstags genossen alle Leute es, weniger zu tun zu haben, denn an diesem Tag bereitete man sich auf den Sonntag vor. Saron tauschte einige Grüße aus.

Als er um eine Ecke bog, konnte er bereits die Backstube sehen. Er betrat den winzigen Laden und begrüßte den Bäcker, der immer ein wenig grummelig wirkte. Doch der äußere Schein trog und Saron wusste, dass er keiner Fliege etwas zu Leide tun konnte.

Saron bestellte einen großen Laib Brot und zwei süße Wecken für sich selbst und Roderick. Er war ein wenig bedrückt, denn er wusste, gleich würde er seinen Vater und Roderick anlügen müssen. Er würde die Geschichte von Tischlermeister Anton erzählen und von seinem Entschluss, nach Wolgersdorf zu gehen, um dort das Handwerk eines Tischlers zu erlernen. Wie würden die beiden wohl reagieren?

Der Bäcker holte ein frisches Brot aus dem Ofen. Saron liebte es, wenn das Brot noch warm war und ihm wurde wieder schmerzlich bewusst, dass er vielleicht zum letzten Mal hier war und den Geruch von frisch Gebackenem einsog.

„Was macht das?“, fragte er den Bäcker. „Gib mir fünf Karos, dann ist´s gut“, antwortete dieser schroff. Saron zählte ihm die geforderten Münzen in die riesige Pranke, klemmte sich das heiße Brot unter den Arm und nahm die Wecken in die freie Hand.

Er verließ den Laden und schaute sich von außen noch einmal das kleine Fenster an. Jeden Tag stand ein anderer Kuchen darin und Saron hatte als kleines Kind immer gebettelt, dass sein Vater doch einen kaufen solle.

Er lächelte bei dem Gedanken an den kleinen Jungen, der sich da vor Jahren die Nase an der Scheibe plattgedrückt und sich geweigert hatte, auch nur einen Schritt weiter zu gehen, wenn er nicht einmal probieren durfte.

Als er merkte, wie er sich in Erinnerungen verlor, drehte er sich entschlossen um und machte sich auf den Heimweg. Ein paar Kinder spielten auf der Gasse und veranstalteten ein Wettrennen. Sie machten dabei so viel Lärm, dass einige Ältere empört die Köpfe aus den Fenstern streckten und sie beschimpften. Die Kinder lachten nur.

Kurze Zeit später stand er wieder vor der kleinen Hütte, die bisher sein zu Hause gewesen war. Dies würde sich bald ändern.

„Ich bin wieder da!“, rief Saron laut, bevor er in die Wohnstube trat. Er legte das Brot und die Wecken auf den Tisch. Roderick polterte von draußen herein, grüßte Saron kurz und ging dann zum Tisch, um ehrfürchtig die Wecken zu bestaunen. So etwas hatten sie sich seit Ewigkeiten nicht mehr leisten können.

Roderick nahm vorsichtig einen Wecken in die Hand und roch daran. „Hmmm… Genauso, wie ich es in Erinnerung hatte“, meinte er strahlend. Saron freute sich schon darauf, die Wecken zu verdrücken. Vielleicht konnten sie auch ein wenig selbstgemachten Rübensirup dazu essen. Dieser wurde nur zu ganz besonderen Gelegenheiten hervorgeholt.

Gerade als er Roderick dies vorschlagen wollte, kam sein Vater von draußen herein. Sarons Magen zog sich zusammen, denn er wusste, dass nun die Zeit gekommen war, seinem Vater von seiner Lehre in Wolgersdorf zu erzählen.

„Vater…“, versuchte Saron das Gespräch einzuleiten.

„Hm. Wie ich sehe, hast du die Wecken gekauft.“ sagte Sarons Vater.

„Hm, ja, ja, das habe ich. Was ich eigentlich sagen wollte, ist… Also, du erinnerst dich doch noch an Meister Anton und sein Angebot, oder?“

„Das soll wohl sein!“ Sarons Vater runzelte bei dem Gedanken an die verpasste Gelegenheit ärgerlich die Stirn. „Was ist damit?“

„Na ja, als ich vorhin beim Bäcker war, fuhr Meister Anton gerade mit seinem Pferdewagen durchs Dorf. Als er mich sah, hielt er kurz an. Nun, also… Kurz gesagt, er hat sein Angebot erneuert und mir gesagt, dass ich morgen mit ihm nach Wolgersdorf fahren könne, wenn er seinen Auftrag im Nachbarort erledigt habe. Ich weiß ja, wieviel dir daran liegt. Deshalb habe ich zugesagt.“

Gespannt beobachtete Saron, wie sein Vater reagieren würde. Seine Augenbrauen zogen sich zusammen. Plötzlich und zu Sarons unglaublicher Erleichterung, lachte sein Vater herzhaft auf. „Das ist ja wunderbar, Junge. Ich hätte nicht gedacht, dass aus dir nochmal etwas Vernünftiges wird. Kommt, das müssen wir feiern. Roderick, hol ein kleines Fässchen Bier aus dem Keller.“

Roderick schaute ihn kurz durchdringend an und Saron hatte das merkwürdige Gefühl, dass er ihm nicht glaubte. Doch er sagte nichts und ging nach einem Moment Richtung Kellertreppe.

Saron war mit seinem Vater alleine. Sie schauten einander an. Saron freute sich darüber, dass sein Vater so glücklich war und beschloss, nicht zu kommentieren, dass sein Vater geglaubt hatte, aus ihm würde nichts Vernünftiges werden.

„Vater? Das Lehrgeld hat Meister Anton etwas herabgesetzt, da ich ja beim letzten Mal wegen der Höhe abgelehnt hatte. Für Verpflegung und Unterkunft ist gesorgt. Allerdings werde ich schon morgen früh abgeholt.“

„Du gehst schon am Montag?“, fragte sein Vater ein wenig enttäuscht ohne die Sache mit dem Geld weiter zu beachten.

Diese Reaktion überraschte Saron ein wenig, denn früher schien sein Vater über jede Gelegenheit froh gewesen zu sein, Saron loszuwerden. Beispielsweise hatte er ihn allein mit dem Auftrag auf die Jagd geschickt, ja nicht ohne Beute heimzukommen. Nach drei Tagen hatte Saron endlich Glück, musste allerdings den geschossenen Rehbock danach meilenweit nachhause schleppen.

Ein anderes Mal musste Saron eine ganze Woche bei einer Stute im Stall bleiben, weil diese ein Fohlen erwartete. Ihm war verboten worden, den Stall zu verlassen, bis das Fohlen auf der Welt war. Roderick hatte ihm damals zweimal am Tag eine Mahlzeit gebracht.

Gedankenverloren nickte Saron. Er grübelte über seinen Vater nach. War es vielleicht doch keine Boshaftigkeit gewesen, die ihn dazu gebracht hatte, Saron so hart zu behandeln? Entsprangen seine Entscheidungen vielleicht nur dem Wunsch, seinen Sohn bestmöglich auf ein hartes Leben vorzubereiten?

Seine Gedanken wurden unterbrochen, denn Roderick kam die Treppe vom Keller mit einem kleinen Fass Bier hoch. Er stellte es ihnen vor die Füße und rauschte dann aus dem Raum. Saron sah, dass Roderick wirklich wütend war und stürmte hinterher.

Schließlich fand er Roderick in ihrer Schlafkammer auf seinem Strohsack hockend.

„Was ist nur mit dir los? Freust du dich denn gar nicht für mich?“ Saron fühlte ein schlechtes Gewissen, weil er Roderick belog. Doch es ging nicht anders.

Er dachte kurz an Merwin, der jetzt auf der Lichtung war und wünschte sich gerade nichts sehnlicher, als bei ihm sein zu können. Ihm war noch immer warm, doch es schien, als könnten sie nur miteinander sprechen, wenn sie sich darauf konzentrierten. Man konnte also nicht jederzeit über die Gedanken des Anderen verfügen.

Seine Blicke wanderten wieder zu Roderick. „Doch, ich freue mich für dich, aber ich habe das Gefühl, dass du mich belügst. Das tust du doch, oder?“, fragte Roderick.

Saron überlegte kurz, was er antworten sollte. Auf keinen Fall würde Roderick eine Lüge schlucken. Er wollte nicht im Streit mit Roderick auseinander gehen und er würde ihn sicher auch nicht verraten.

„Ja, stimmt, ich habe gelogen. Ich weiß, dass du die Wahrheit gerne hören würdest. Aber ich warne dich. Du wirst mir vermutlich nicht glauben können und wenn ich ehrlich bin, hätte ich mich selbst auch für verrückt erklärt, wenn ich nicht alles mit eigenen Augen gesehen hätte. Ich hoffe du stehst auf meiner Seite und wirst mir trotzdem glauben“, sagte Saron leise.

„Ich werde mir zumindest anhören, was du zu sagen hast, Saron“, antwortete Roderick, „Ich bin gespannt, was du zu berichten hast.“

„Also gut“, fing Saron an, „Du erinnerst dich noch daran, dass ich gestern Morgen ungewöhnlich lange gebraucht habe, um die Pferde zu füttern?“, fragte Saron.

„Allerdings“, brummte Roderick mit grimmiger Miene.