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**Neuauflage mit geändertem Untertitel** Lena ist nicht wirklich glücklich mit ihrem Leben. Eine tiefe Unzufriedenheit ist spürbar. Da trifft sie auf Costus, den Seelenhüter. Er erklärt ihr, dass es Verletzungen gibt, die tief in unserem Unterbewusstsein vergraben sind und manchmal auch gar nicht zu uns gehören. Diese Verletzungen werden Seelensplitter genannt und können auch schon lange vor unserer Geburt entstanden sein. Bei Lena sind es mehrere Seelensplitter, die ihr fehlen und deren Auswirkungen ihr Leben unbewusst beeinflussen. Mit Hilfe von Costus macht Lena sich auf den Weg durch viele Ereignisse, um die aus ihrer Seele gebrochenen Splitter wiederzuerlangen, damit alte Wunden heilen können. Wird Lena damit etwas für sich und ihr Leben anfangen können?
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Seitenzahl: 198
Veröffentlichungsjahr: 2022
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Kapitel 1. Prolog
Kapitel 2. Lena
Kapitel 2.a 40 Jahre
Kapitel 2.b Heute
Kapitel 3. Zusammentreffen
Kapitel 3.a Familienbande
Kapitel 4. Erklärungen
Kapitel 4.a Erläuterung
Kapitel 4.b 1. Seelensplitter: Verantwortung
Kapitel 5. Daheim
Kapitel 5.a Entrümpeln
Kapitel 5.b Neues
Kapitel 6. Von klein bis groß
Kapitel 6.a Und von groß bis klein
Kapitel 6.b 2. Seelensplitter: Schuld
Kapitel 7. Daheim
Kapitel 7.a Beginn der Veränderung
Kapitel 7.b Weitere Veränderungen
Kapitel 8. Prioritäten
Kapitel 8.a Wahrnehmung
Kapitel 8.b 4. Seelensplitter: Selbstwertgefühl
Kapitel 9. Daheim
Kapitel 9.a Selbstbewusster
Kapitel 9.b Selbstbewusstsein
Kapitel 10. 5 Seelensplitter: Liebe
Kapitel 10.a Liebe und Beziehung
Kapitel 10.b Die Liebe neu entdecken
Kapitel 11. Daheim
Kapitel 11.a Neuigkeiten
Kapitel 11.b Erinnerungen
Kapitel 12. Kein leichter Weg
Kapitel 12.a 6. Seelensplitter: Freiheit
Kapitel 12.b 7. Seelensplitter: Erkenntnis
Kapitel 12.c Fragen zum Leben
Kapitel 13. Daheim
Kapitel 13.a Happy Beginning
Kapitel 14. Epilog
Autorenvita
Danksagung
Leseprobe: Flucht in die Realität
0.1 Prolog
0.2 Sieben Stunden bis zum Abflug
0.3 Drei Stunden bis zum Abflug
Wir, Lena, Costus und ich, laden Sie ein, mit uns auf eine gefühlsmäßige Reise durch Höhen und Tiefen mitzukommen. Damit wir Sie nicht sinnbildlich im Regen stehen lassen, bitten wir Sie, sollten sie sich emotional ergriffen fühlen, lesen Sie bitte immer bis zur nächsten Kapitelüberschrift „Daheim“weiter! So können Sie dieses Buch genießen und sich nach dem emotionalen Kapitel auch immer wieder erholen.
Alle hier handelnden Personen sind erfunden, genauso wie die zu den Personen dazu gehörigen Namen. Jede Ähnlichkeit mit lebenden und toten Personen ist absolut zufällig. Die besuchten Cafés gibt es zum Zeitpunkt des Verfassens meines Romanes wirklich. Die Betreiber sind darüber informiert, dass sie in diesem Buch erwähnt werden, und ich bin mir sicher, sie freuen sich auf ihren Besuch.
Viel Freude am Lesen wünschen Ihnen Lena, Costus und ich.
Irgendetwas war im Raumzeitkontinuum geschehen, als diese Seele den Sprung gewagt hatte, das war echt eigenartig. Ich muss später unbedingt ein Gespräch mit Aristoteles und Einstein suchen. Sie können mir sicher sagen, was hier geschehen ist. Normal war dieser Paukenschlag in dem Moment auf keinen Fall, das wusste ich, Costus1, sicher. Nun denn, sie hatte es auf alle Fälle geschafft. Somit war sie rechtzeitig dort. Ob sie sich noch an all das erinnern würde, was wir gemeinsam gesprochen hatten? Sie waren sich hier oben alle der Wichtigkeit ihres Auftrages bewusst, denn diese Seele sollte es schaffen, dass sich die Menschen darauf besinnen, glücklich zu sein. Ich würde mein Versprechen, sie im Auge zu behalten, auf alle Fälle auch von hier aus erfüllen können. Gegebenenfalls müsste ich eben einen Besuch machen, aber das war so ziemlich die letzte Option. Zumindest konnte ich sehen, dass sie gut angekommen war, insofern schien alles in Ordnung. Die Zeit würde schon zeigen, ob sie alles richtig macht.
1 Costus. Lateinisch: Wächter, Aufseher, Hüter, Beschützer (Quelle: Frag Caesar)
Mein Name ist Lena. Ich wurde an einem Montag im Juli des vergangenen Jahrhunderts um 6:45 Uhr geboren. Irgendwie musste damals alles ganz schnell gehen. Etwas schien nicht so geklappt zu haben wie geplant, denn ich wurde am selben Tag abends getauft. Nicht, weil ich kränklich war - nein, weil meine Eltern eine ungewöhnliche Unruhe in sich spürten, als ob etwas passieren könnte. Heute glaube ich, dass sie mich einfach vor Schaden bewahren wollten. Durch ihren tiefverwurzelten Glauben war dies ihre Art, für meinen Schutz zu sorgen. An diesem Tag war in unserer Stadt alles sehr festlich geschmückt, nicht etwa zu meinen Ehren, nein, es war Schwörmontag2 in Ulm, das bedeutet, Oberbürgermeister Theodor Pfizer hielt auch heute seine Schwörrede.
Ulm ist eine schöne Stadt zwischen Stuttgart und München am Rande der Schwäbischen Alb. Ein bezauberndes Städtchen mit einer unwahrscheinlich schönen Altstadt, vielen Fachwerkhäusern, dem Ulmer Münster mit seinem höchsten Kirchturm der Welt, samt vielen schönen Stadtgeschichten aus vergangener Zeit. Wenn Sie jemals hierher kommen, machen Sie auf alle Fälle eine Stadtführung mit, es lohnt sich!
Meine Geburtsstadt hat in mir noch nie heimatliche Gefühle hervorgerufen, obwohl meine Vorfahren von Seiten meiner Mutter alle in Ulm geboren waren. Auf irgendeine Weise hatte sich bei mir noch nicht das Gefühl eingestellt, am richtigen Platz zu sein, doch das sollte sich Jahre später ändern.
2 „Für jeden Ulmer ist es klar: Am vorletzten Montag im Juli steigt das große Stadtfest -der Schwörmontag. Er gehört zum Ulmer Stadtbild wie das Münster, das Wappentier, der Spatz, oder das im vierjährigen Turnus stattfindende Fischerstechen. Offizieller Mittelpunkt des Schwörmontags ist der Rechenschaftsbericht des Oberbürgermeisters auf dem Balkon des Schwörhauses auf dem Weinhof.“Quelle: Homepage der Stadt Ulm
Nachdem Einstein wie auch Aristoteles fast vier Jahrzehnte alles analysiert hatten, kamen die beiden zu dem Resultat, dass sich Lenas Seele aus Versehen in sieben Splitter geteilt haben musste. Somit war mir klar, dass sie unsere Abmachung vergessen hatte, denn nur eine komplette Seele ohne Splitter kann sich an alles erinnern. Nun war es meine Aufgabe, nach ihr zu sehen, besser gesagt, zu schauen, wie ich mit ihr zusammen wieder alles in Ordnung bringen kann. In den letzten Jahren hatte sie sich prächtig entwickelt, nichtsdestotrotz sah es gelegentlich so aus, als würde sie das gewünschte Ziel nicht erreichen. Fremde Einflüsse schienen sie immer wieder aufzuhalten, sie von ihrem Weg abzubringen. Von dem Weg, der von uns beiden gemeinsam für sie von Anfang an bestimmt war, den wir tausend Mal besprochen hatten. Irgendwie musste sie jedoch ein Gefühl für die Abmachung haben, was mich zumindest Hoffnung schöpfen ließ. Nur wegen des Verlusts, des Wissens über die Abmachung ging alles viel schwerfälliger. Vor einigen der schwersten Schicksalsschläge konnte ich sie bewahren, indem ich ihr ein flaues Gefühl im Magen verschaffte. Wie damals als der Kinderschänder unterwegs war, und sie so geistesgegenwärtig zu Fremden: „Hallo, Onkel Hans, hallo, Tante Silke!“sagte, damit sie sich selbst und eine Freundin vor größerem Schaden bewahrte. Für ein Kind von sieben Jahren eine reife Leistung! Manches ließ sich leider nicht verhindern, da ich auch noch der Hüter anderer Seelen bin. Heute erlaube ich mir nach Jahren, in denen ich keine Zeit hatte wieder einen längeren Blick auf sie. Sie wirkt farblos, fast grau in grau, etwas niedergeschlagen, schwerfällig, obendrein sehr traurig. Sie scheint durcheinander zu sein, ihren Weg nicht zu finden, als ob sie immer noch nicht wüsste, wohin sie gehört. Es ist noch nicht zu spät, etwas zu verändern, denn sie ist noch nicht einmal bei der Hälfte ihrer Lebenszeit. Die Frage ist nur, wie sollte ich es in Ordnung bringen, ohne dass sie aus der Bahn geworfen wird? Es stehen definitiv einige tiefgreifende Erfahrungen, Erkenntnisse und Empfindungen vor ihr. Unverzüglich ziehe ich meinen Mantel an, mache mich auf den Weg. Wie ungern ich doch diesen Weg einschlage und auf der Erde umhergehe! Es kostet mich in meinem Alter stets so viel Kraftaufwand. Ich bin eindeutig zu alt für diesen Job.
Es ist November und ich bin unterwegs, die ersten Weihnachtseinkäufe zu erledigen. Das scheint heute nicht nur meine Idee zu sein. Die Weihnachtsbuden werden bereits rund um das Münster aufgebaut. Wie sehr ich mich schon darauf freue, über den Weihnachtsmarkt zu bummeln! Vielleicht kann ich ja Klaus, meinen Ehemann, dazu überreden mitzukommen, obwohl er solchen Trubel nicht wirklich mag. Nun ja, mal sehen. Aktuell wäre dies eine schöne Möglichkeit, mal auf andere Gedanken zu kommen. Es gibt einfach zu viel, was mich gerade beschäftigt. Ständig schwirren unzählige Fragen durch meinen Kopf. Fragen, wie zum Beispiel: Ist das wirklich schon alles? Ein Mann, zwei Kinder, einen Teilzeitjob im Büro (der nicht wirklich Spaß macht). Wie findet man nun seinen ganz eigenen Weg? Woher weiß man dann, dass es der richtige ist? Wann hört es auf, dass ich ständig um die Dinge, die mir wichtig sind, kämpfen muss? Ich möchte meinen „mir“ eigenen Platz finden, meine Berufung. Etwas tun, woran ich unendlich viel Freude habe. Den Menschen zeigen, dass es auch anders geht als ständig nur über die Ellbogen. Ich habe den Neid sowie den Hass, der überall zu spüren ist, so satt. Ich möchte einfach glücklich und zufrieden sein. Da es immer dieselben Gedanken sind, die mich nun seit über zwei Jahren begleiten, beschließe ich, sie für heute auf die Seite zu schieben, mich dabei komplett auf meine Einkäufe zu konzentrieren.
Zuerst geht es in den kleinen Bücherladen in der Nähe des Kornhausplatzes, um nach einem Bild-Kalender von San Francisco für Klaus zu schauen. Ich liebe alle Arten von Bücherläden, ganz besonders die kleinen; die Atmosphäre dort, den Geruch von neuen Büchern. Durch die Hilfe von kompetentem Fachpersonal hat man die Chance, in eine andere Welt einzutauchen. Meine Lieblingsbuchhandlung ist allerdings außerhalb von Ulm, in Senden, sie heißt so treffend Bücherwelt. Dort schaue ich oft ohne Anlass mal vorbei, meistens finde ich dann etwas Geschmackvolles zum Abtauchen. Nun, heute bin ich schon in Ulm, außerdem hat der kleine Buchladen hier wirklich eine große Auswahl an Kalendern. Im Laden werde ich schnell fündig, zudem kann ich mich in Ruhe zwischen zwei wirklich tollen Bildkalendern entscheiden. Die Verkäuferin lässt mir Raum und Zeit zum Durchblättern, damit ich die richtige Entscheidung treffen kann. Ein älterer Mann betritt die Buchhandlung, mich beschleicht das irre Gefühl ihn zu kennen. Manchmal habe ich dieses eigenartige Gefühl bei mir wildfremden Menschen, die ich noch nie gesehen habe, sie zu kennen, obwohl ich ihnen garantiert zum ersten Mal in meinem Leben begegne. Er ist groß, trägt einen Mantel, wirkt elegant, stattlich, bereits grauhaarig und sehr gepflegt. Was mich im höchsten Maße an ihm fasziniert ist nicht nur seine vertrauenswürdige Art, sondern auch seine blauen Augen. Seine ganzen Bewegungen machen mir einen vertrauten Eindruck, als ob ich ihn schon ewig kennen würde. Ich zwinge mich dazu, meinen Blick abzuwenden, damit ich mich auf die Kalender konzentrieren kann. Schließlich entscheide ich mich für den größeren Kalender, bezahle und lasse ihn gleich als Geschenk verpacken. Danach mache ich mich auf Richtung Münsterplatz.
Draußen vor der Tür klingelt mein Handy, am Ton kann ich hören: Eine SMS. Also Handy aus der Tasche kramen, stehen bleiben, erst einmal schauen, was da los ist. Da ich nicht darauf achte, ob jemand hinter mir ist, stoße ich heftig mit dem älteren Mann von eben zusammen, der mir hilfreich beide Hände entgegenstreckt, die ich dankend fasse. In diesem Moment geschieht etwas Eigenartiges. Ich habe das Gefühl, mitten in einem Zeitraffer und gleichzeitig in einer Zoomaufnahme zu sein, nur dass der Zoomblickwinkel immer weiter weg geht. Mir ist kalt, des Weiteren übel, denn alles bewegt sich in einer rapiden Geschwindigkeit. Ich habe Angst, denn ich spüre keinen Boden mehr unter den Füßen. Kurz bevor ich den Halt verliere, wird alles langsamer, und zugleich habe ich das Gefühl, in einen Augenblick hinein gezoomt zu werden. Wie verrückt ist das denn?
Der Moment, in dem ich angekommen bin, ist mehr als scheußlich. Ich bin mitten in einem Krieg, außerdem ist es deutlich kälter, ich schätze sicherlich Minusgrade. Ich bin in einem Schützengraben, ohrenbetäubender Lärm um mich, ein grauenvoller Gestank nach Schwefel und Metall erfüllt die Luft. Es riecht nach verwestem Fleisch und gleichzeitig nach frischem Blut, es ist auf alle Fälle kein Ort, an dem ich bleiben möchte. Durch die Höhe des Grabens kann ich nicht erkennen, wo ich bin oder welcher Krieg das hier ist. Vor mir liegt ein ganz und gar verängstigter Mann, um die dreißig, im Graben. Er zittert am ganzen Körper und hält ein Maschinengewehr fest. Absolut schussbereit, mit der Hand am Abzug scheint er zu überlegen, ob er schießen soll. An seiner Uniform erkenne ich das Abzeichen der Wehrmacht, also bin ich im 2. Weltkrieg gelandet.
Ich setze an, um zu schreien, als ich eine Stimme vernehme und die wärmenden Hände, die mich gefasst hatten, bewusst wahrnehme.
„Lena, hab bitte keine Angst, du bist hier, damit ich und die Situation hier dir einige deiner Fragen beantworten, dass du Zugang zu deinen dir eigenen Gefühlen bekommst, dass du lernst, zu erkennen, ob es sich tatsächlich um deine eigenen Gefühle handelt.“
Beim Aufschauen sehe ich in die so fantastischen blauen Augen. Aus der Nähe habe ich das Gefühl, in einem Ozean der Geborgenheit zu versinken. Die Ruhe, die er ausstrahlt, ebenso die Gelassenheit, mit der ich erfüllt werde, halten mich vom Schreien ab. Deshalb frage ich:
„Hier? Warum ausgerechnet hier? Hätte ja auch auf einer Südseeinsel sein können!“Er scheint zu schmunzeln, so bizarr das Ganze auch ist.
„Sollen wir nicht lieber in Deckung gehen? Und warum bin ich hier?“
„Völlig unnötig! Du kannst hier nicht wahrgenommen werden. Es kann dir hier nichts geschehen. Du bist lediglich hier, um deine eigene Welt, dein Leben besser zu verstehen, und gleichzeitig kannst du hier alles …“ Ich stehe ihm gegenüber, überdies laufen bei mir die Tränen, ich fühle so viel Angst, jede Menge inneren Schmerz und unendliche Traurigkeit um mich herum, alle diese Gefühle scheinen mich zu übermannen.
„Was ist, Lena?“
„Oooh, mein Gott, ich kann hören, was der Mann da vor uns denkt, ich kann fühlen, wie er sich fühlt, als wären es meine Empfindungen!“
„Und was denkt er?“, fragt er ruhig und freundlich.
„Kannst du das nicht spüren oder hören? Warum bist du mit mir hier?“
„Ich bin hier nur der Souffleur oder Gesprächsberater, vielleicht könnte man auch Lebensberater sagen. Welch interessante neue Wendung! Lebensberater, die Idee kam mir ja noch nie.“
Er unterdrückt wieder ein Schmunzeln. Er fing erneut an:
„Nein, ich kann von hier nicht spüren, was er denkt oder fühlt, das kann ich nur von meinem Arbeitsplatz aus, aber darüber unterhalten wir uns ein anderes Mal. Nun sag schon, was denkt er?“
„Seine Gedanken sind wirr. Warte, ich dolmetsche mal synchron:
Vor kurzem habe ich noch am Münster mein Gesellenstück fertig gestellt, habe damit Gott mehr als Ehre erwiesen und bin Vater einer kleinen Tochter. Jetzt soll ich hier Menschen töten, um nicht selbst getötet zu werden. Oh, mein Gott, was ist das hier für ein unglaublich großer Mist! Ich will hier nur lebend rauskommen, danach feiere ich jeden Tag, als wäre es der letzte, des Weiteren werde ich mich so oft wie möglich betrinken, um zu vergessen. Ich möchte einfach nur noch vergessen, keine Erinnerung an das hier mehr haben. Ich will nur zu meiner Frau, zu meiner kleinen Tochter. Hoffentlich ist meine kleine Familie in Sicherheit! Schrott, Schrott, Schrott! Ich bin mir sicher, dass die mich töten, wenn ich die nicht töte. Ich will nicht töten.
Brauchst du noch mehr? Ich würde lieber wieder weg von hier!“
„Wir können noch nicht weg, du musst hier etwas erledigen.“
„Wie bitte? Bist du noch klar bei Sinnen? Wer bist du eigentlich?“
„Ich bin Costus, der Hüter der Seelen, aller Seelen. Ich bin mit dir hier, damit dein Leben sich ändert und du deinen inneren Frieden findest.“
„Dann hast du dir viel vorgenommen, denn ich bin wirklich nicht einfach gestrickt. Aber warum sind wir ausgerechnet hier? Warum gerade jetzt?“
„Wie fühlst du dich, wenn du den jungen Mann ansiehst?“
„Genauso beschissen wie er - aber Moment mal, es fühlt sich an, als wäre ich mit ihm verbunden. Er macht einen vertrauten Eindruck auf mich, fast als wäre er ein Teil von mir.“
Und dann geschieht es. Der junge Mann erschießt einige seiner Feinde. Ich kann die Todesschreie wahrnehmen, sie erschüttern mich bis ins Mark. In seinem Kopf jedoch ist nur noch Leere, er denkt tatsächlich nichts mehr, ich kann keinen Gedanken, kein Gefühl mehr erkennen. Er wirkt leblos, einfach leer. Nach unendlichen zehn Minuten Schießerei herrscht plötzlich Totenstille. Der junge Mann hat seine Augen geschlossen, als wolle er alles vergessen, nichts von alledem wahrhaben, was gerade geschehen ist. In mir krampft sich alles zusammen, alle vorhandene Lebensenergie scheint auch aus mir zu weichen. Er sieht so leblos aus, wie ich mich fühle.
„Lena, zwinge ihn, die Augen zu öffnen, sprich mit ihm, er darf sich vor der Verantwortung nicht drücken, er muss sich dem, was hier passiert ist, stellen!“
„Du bist gut, wie soll ich das machen? Was soll ich ihm sagen? Warum glaubst du überhaupt, dass er mich hören kann oder gar auf mich hört?“
„Sprich ihn an, er wird dich hören, besser gesagt wird er dich als Stimme in sich wahrnehmen und auch fühlen, dabei unbewusst verstehen, dass ihm das gesprochene Wort guttut. Sag ihm das Erste, was dir selbst durch den Kopf geht! Es ist wichtig, er heißt Ernst, er ist und wird später dein Großvater.“
Mir laufen erneut die Tränen, ich fühle mich komplett geschockt, zudem extrem aufgewühlt. Konnte ich mich doch so gut an meinen Opa erinnern, der paradoxerweise Ernst Frohsinn hieß, ein aufrichtiger, guter, dazu fröhlicher Mensch war, gleichzeitig für jeden Spaß zu haben. Ich erinnere mich genau, wie er mit seinem Spielmannszug unterwegs war, sich dabei als Frau verkleidet hatte. Ich habe dieses Bild nach all den Jahren noch immer lebhaft im Kopf. Ich entsinne mich, wie er mit dem Fahrrad unterwegs war, wie wir gemeinsam beim Wandern waren, obwohl ich damals erst sieben Jahre alt war. Als ich noch kleiner war, saß ich oft auf diesen Wanderungen auf seinen Schultern, dann habe ich mich richtig groß gefühlt. Gerne hat er öfters einen über den Durst getrunken. Meine Omi sagte dann immer, Opa war mal wieder feiern. Er hat mich oft auf meinem Schulweg begleitet, dann hat er mir von seiner Kindheit erzählt. Über den Krieg, da bin ich mir sicher, hatte er nie mit mir gesprochen. Er starb kurz nach meinem achten Geburtstag, drei Monate vor Beginn seiner Rente, ohne jemals in den Genuss seines Gartenhäuschens gekommen zu sein. Mein Opa war durch und durch ein richtiger Ulmer, das hat er auch immer selbst von sich gesagt. Ich vermisse ihn sehr. Wie sehr liebte ich doch meinen Opa, denn wie für alle Kinder war auch er für mich ein Held!
„Opa, hörst du mich? Bitte hör mich, bitte … Mach die Augen auf, schaue, was hier passiert ist! Bitte schau es dir an! Ich weiß, es ist scheußlich, ich möchte es am liebsten auch nicht wissen. Bitte …“
Keinerlei Reaktion. Er saß immer noch ohne jede Regung vor mir. Ich versuche es erneut:
„He, du, (war wahrscheinlich besser, als Opa zu sagen, sonst denkt er noch, er schnappt über) hör mir zu! Ich kann spüren, wie leblos du dich fühlst. Bitte verschließe die Augen nicht vor dem, was hier passiert ist! Du bist am Leben, sei dem -der für dich sein Leben gegeben hat - dankbar! Es gab nur die Möglichkeit - entweder er oder du. Er hat sein Leben gegeben für dich, für mich, für alle, die nach dir und so auch nach mir kommen. Er, dazu seine Familie, sie nehmen all den Schmerz, all das Leid auf sich, was der Tod mit sich bringt. Bitte mach die Augen auf, steh zu dem, was hier passiert ist, stell dich dem Geschehen! Ich bin dem hier wie auch dem Tod nicht gewachsen, ich ertrage es nicht, ich kann das nicht für dich bewältigen, das übersteigt meine Kräfte. Ich bin ein Teil von dir, jedoch für dies hier bist allein du verantwortlich. Es steht mir nicht zu, das Geschehene zu bewerten, ich habe alle Achtung vor dem, was du hier tun musstest. Ich habe Achtung vor dem Schmerz, den Erinnerungen, die du all die Jahre in dir tragen musst.“
Ein Ruck geht durch meinen Opa, er sieht mich an. Er blickt mir direkt in die Augen, es fühlt sich für einen kleinen Moment an wie eine liebevolle Umarmung. Ungläubig, als würde er mit sich selbst sprechen, höre ich meinen Opa sagen:
„Ja, ich verschließe die Augen nicht mehr. Diese Opfer achte ich, gleichzeitig ist es an mir, von diesem Moment an, die Verantwortung dafür zu tragen.“ Mit dem Aussprechen dieses Satzes kann ich sehen, wie das Leben in ihn zurückkehrt, dabei hat es den Anschein, als ob sich ein imaginärer Splitter aus seinem Herzen löst, der direkt auf mich zukommt.
„Schnell, nimm den Splitter, fang ihn auf, Lena, und halt ihn fest, lass ihn auf keinen Fall los!“, sagt Costus zu mir.
Ich fange den Splitter und betrachte, wie wundervoll, glänzend, einzigartig, von welch eigener Schönheit er doch ist. Er fühlt sich vertraut an, so, als gehörte er zu mir. Der Splitter löst sich in meiner Hand auf, dabei dringt er sanft in mich ein, als wäre er ein Teil von mir, der längst verloren geglaubt war. Er scheint in mir seinen ihm eigenen Platz zu finden, zugleich werde ich mit Lebensmut erfüllt, dabei fühle ich mich seit Langem wieder lebendig. Ich spüre, wie mein Herz vor Freude stolpert. Währenddessen fühle ich mich so beschwingt, es ist wie ein Stückchen Freiheit, als ob mit diesem Splitter eine wesentliche Bürde verschwunden ist, die bisher mein Wesen erfüllt hat. „Gut gemacht, Lena!“
Ich setze schon an zu einer Frage, als Costus mir die Antwort gibt.
„Das ist einer deiner Seelensplitter, liebe Lena. Er gehö…“
In genau dieser Sekunde beginnt das leichte Schwanken, die Übelkeit, der Zeitraffer und der Zoom, alles rast an mir vorbei weg und wieder her.
Im nächsten Moment befinden wir uns wieder in der Platzgasse, genau dort, wo der Zusammenstoß passiert war. Costus hält mich an meinen Händen, wieder schaue ich in seine blauen, beruhigenden, tiefgründigen Augen. Trotz der Geborgenheit, der Ruhe, die ich spüre, sind in mir doch einige Fragen, die jetzt nach Antworten verlangen.
„Was war das gerade, kannst du es mir bitte erklären? Warum passiert mir das? Waren wir lange weg?“ „Langsam, langsam Lena. Nein, wir waren nicht weg. Es ist lediglich deine Seele, die für eine kurze Zeit von hier verschwindet, das ist für kein Auge sichtbar. Des Weiteren sieht es für alle um uns herum so aus, als wären wir beide in ein intensives Gespräch vertieft, bei dem man besser nicht stört. Den Rest würde ich dir lieber bei einer Tasse Kaffee erzählen, wenn du magst. Wir könnten ins Café Alba um die Ecke gehen?“
Da heute mein freier Tag ist, ferner ich nicht kochen muss und bis Weihnachten noch viel Zeit ist, nehme ich das Angebot ohne zu zögern an. „Ja, sehr gerne!“, antworte ich deshalb erfreut. Außerdem bin ich jetzt viel zu neugierig, natürlich möchte ich wissen, was genau gerade eben passiert ist! Wir gehen die paar Meter bis zum Café. Dort ist es heute etwas ruhiger, da es noch nicht mal Mittag ist. Wir nehmen uns einen einzelnen Tisch am Fenster, so dass wir uns ungestört unterhalten können. Die Bedienung kommt, freundlich nimmt sie unsere Bestellung auf. Da mir noch etwas kalt ist, trinke ich heute mal einen großen Milchkaffee. Bis der Kaffee kommt, hänge ich meinen eigenen Gedanken nach. Ich fühle mich noch sehr verwirrt, dennoch um eine große Last leichter; so, als hätte mir jemand einen fünf Kilosack von den Schultern abgenommen. Mein Blick streift durch das italienische Café, das sehr stilvoll eingerichtet ist. Dadurch, dass es relativ klein ist und die Kuchentheke einen großen Platz einnimmt, ist es sehr beschaulich. Bekannt ist dieses Café auch für seine italienischen Pasticcini: Ein italienisches Kleingebäck, wie ein Miniwindbeutel mit verschiedenen Füllungen. Oder für die leckeren Tarteletts mit frischen Früchten, verschiedenen Torten, Obstkuchen und vieles mehr. Ich bin gerne hier, der originale italienische Cappuccino schmeckt nach Amaretto, hinterlässt im Mundraum einen angenehmen Kaffeegeschmack. Meist gönne ich mir auch eine kleine Nascherei dazu, heute jedoch eher nicht. Nachdem die freundliche Bedienung uns unsere Getränke gebracht hat, beginnt Costus mir einige Dinge zu erklären.
