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Die mitreißende Südstaaten-Saga Savannah – Aufbruch in eine neue Welt: Als die junge, unverheiratete Nellie Bernstein im Januar 1733 das sumpfig-wilde Marschland von South Carolina betritt, liegt eine lange entbehrungsreiche Schiffspassage hinter ihr. Ungewollt schwanger, wurde sie vom Vater verstoßen und sah für sich in Preußen keine Zukunft mehr. Wie viele andere war sie dem Aufruf des Visionärs James Oglethorpe gefolgt, der mit mutigen Auswanderern in Amerika eine Kolonie namens Georgia gründen will. Doch das harte Leben in der Wildnis birgt ungeahnte Gefahren, und Nellie muss für ihr Zuhause in der neuen Welt tagtäglich kämpfen. Vor allem liegen ihr die verwaisten Siedlerkinder am Herzen – und Samuel, der englische Anwalt mit den blauen Augen, der ihr in schweren Stunden beisteht … Savannah – Erwachen einer neuen Zeit: 1740 hat die deutsche Auswanderin Nellie Großes erreicht: Gemeinsam mit anderen und allen Widerständen zum Trotz ist es ihr gelungen, Savannah zu ihrem neuen Zuhause zu machen. Das Leben in der jungen Siedlung ist hart und entbehrungsreich. Nellie setzt sich für die Schwächsten in der Gemeinschaft ein, die Waisenkinder. Aber ein fanatischer Eiferer wird Leiter des neuen Kinderheimes und droht alles zu zerstören. Unterstützung bekommt Nellie von ihrem Mann Sam, mit dem sie eine Seidenplantage aufbaut. Doch sie ist hin- und hergerissen zwischen ihrer Liebe zu dem verlässlichen Sam und ihren Gefühlen für den geheimnisvollen Geigenbauer Nate. Sie steht vor einer schicksalhaften Entscheidung … Lesen Sie auch das hochemotionale Finale der Südstaaten-Saga: ›Savannah – Hoffnung auf eine neue Freiheit‹
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Seitenzahl: 1315
Veröffentlichungsjahr: 2025
Savannah – Aufbruch in eine neue Welt:
Als die junge, unverheiratete Nellie Bernstein im Januar 1733 das sumpfig-wilde Marschland von South Carolina betritt, liegt eine lange entbehrungsreiche Schiffspassage hinter ihr. Ungewollt schwanger, wurde sie vom Vater verstoßen und sah für sich in Preußen keine Zukunft mehr. Wie viele andere war sie dem Aufruf des Visionärs James Oglethorpe gefolgt, der mit mutigen Auswanderern in Amerika eine Kolonie namens Georgia gründen will. Doch das harte Leben in der Wildnis birgt ungeahnte Gefahren, und Nellie muss für ihr Zuhause in der neuen Welt tagtäglich kämpfen. Vor allem liegen ihr die verwaisten Siedlerkinder am Herzen – und Samuel, der englische Anwalt mit den blauen Augen, der ihr in schweren Stunden beisteht …
Savannah – Erwachen einer neuen Zeit:
1740 hat die deutsche Auswanderin Nellie Großes erreicht: Gemeinsam mit anderen und allen Widerständen zum Trotz ist es ihr gelungen, Savannah zu ihrem neuen Zuhause zu machen. Das Leben in der jungen Siedlung ist hart und entbehrungsreich. Nellie setzt sich für die Schwächsten in der Gemeinschaft ein, die Waisenkinder. Aber ein fanatischer Eiferer wird Leiter des neuen Kinderheimes und droht alles zu zerstören. Unterstützung bekommt Nellie von ihrem Mann Sam, mit dem sie eine Seidenplantage aufbaut. Doch sie ist hin- und hergerissen zwischen ihrer Liebe zu dem verlässlichen Sam und ihren Gefühlen für den geheimnisvollen Geigenbauer Nate. Sie steht vor einer schicksalhaften Entscheidung …
Von Malou Wilke ist bei dtv außerdem erschienen:
Savannah – Hoffnung auf eine neue Freiheit
Malou Wilke
Buch 1: Savannah – Aufbruch in eine neue Welt Buch 2: Savannah – Erwachen einer neuen Zeit
Roman
Non sibi sed aliis.
Not for ourselves, but for others.
Nicht für uns selbst, für andere.
James Edward Oglethorpe (1696–1785)
Verlust und Trost
Preußen, Februar 1732
Ihr unseliger Trotz war an allem schuld. Hätte sie doch einfach den Blick gesenkt vor seinem Zorn und geschwiegen. Aber nein! Dickköpfig war sie gewesen, weil sie fand, dass er unrecht hatte – mit seinem Gebrüll und mit dem Schlag, der sie in die Zimmerecke geschleudert hatte. Ganz verängstigt hatte die kleine Lotte von der anderen Kammer aus hinübergeschaut, das war das Schlimmste gewesen. Nicht die Ungerechtigkeit. Nicht der Schmerz an ihrer Schläfe, wo seine schwielige Arbeiterhand sie getroffen hatte. Nein, schlimmer war die Angst in Lottes Kinderaugen.
Und so hatte sie ihm hitzig Widerworte gegeben, kaum dass ihr Kopf nicht mehr geschwirrt hatte. Sie wusste ja, dass es bei Ungehorsam keinen Weg mehr zurück gab für ihn – so weit hatte sie ihn getrieben! Trotzig und eigensinnig, wie es kein Mädchen war, das sie kannte. Erst recht keine ihrer Schwestern. Aber sie kannte auch kein Mädchen, dem es so ging wie ihr gerade: auf die Straße gesetzt, ohne Abschied. Die Tür zugeschlagen und den Riegel krachend vorgeschoben. Er würde sie umbringen, wenn sie zurückkäme – das hatte er gesagt, und er hatte es so gemeint. Er meinte immer, was er sagte, selbst wenn Wut ihm die Sinne vernebelte. Oder Schnaps. Oder beides.
Selbst Heinrich, der Älteste, senkte dann den Kopf. In seinen dunkelbraunen Augen blitzte es gefährlich auf, und der Hass ließ ihn die Lippen fest zusammenpressen. Aber er war klug, und er wusste, wann es krummmachen hieß. Und sie wusste es ja durchaus auch. Das lernte jedes von Vaters Kindern schnell. Aber ihre Gefühle waren stärker gewesen.
Sie raffte ihren Rock, der durch den Schneematsch auf der Straße schleifte, wischte sich mit dem Handrücken die Tränen vom Gesicht und stapfte weiter. Ein dumpfer Schmerz pochte in ihrer linken Schläfe. Noch immer klopfte ihr Herz schnell, tobten Wut, Trotz und Scham in gleichem Maße in ihr.
Wenn ihr nur nicht so kalt wäre! Sie hatte im Hinauslaufen ihre löcherigen Wollhandschuhe zurückgelassen. Eine ihrer kleinen Schwestern hatte sie nachmittags benutzt, um mit Heinrich zusammen Kartoffeln zu holen. Nun lief sie hier nur mit ihrer Haube auf dem Kopf, dem rot und blau karierten Wollschal ihrer Mutter über den Schultern und ihrem dünnen Umhang durch den leisen, feinen Schneefall.
»Nellie! Wart auf mich! So warte doch!«
Sie blieb stehen und drehte sich um. Der eisige Wind wehte ihr eine Strähne ihrer blonden Haare ins Gesicht, und für einen Moment sah sie alles verschwommen. Ihre Augen brannten.
Der kleine Junge, der ihren Namen gerufen hatte, lief mit fliegenden Jackenschößen auf sie zu, mit der einen Hand seine Mütze auf dem Lockenkopf festhaltend. Nellies Herz krampfte sich schmerzhaft zusammen. Sie stellte die Tasche auf den Boden, die sie mit klammer Hand gehalten hatte, fiel im Schnee auf die Knie und schloss den Jungen in ihre Arme.
»Hannes!«
»Wo – wo – willst du denn hin, Nellie?«, japste er, kaum, dass er wieder zu Atem kam.
Seine großen blauen Augen sahen sie fragend und ängstlich an. Immer erinnerten Nellie diese Augen an ihre Mutter: Hannes, dem jüngsten Kind, und ihr, Eleonore, hatte ihre schöne englische Mutter ihre blauen Augen vererbt. Bei Heinrich und den drei jüngeren Mädchen hatten sich des Vaters braune Augen und dunklen Haare durchgesetzt.
Als Nellie sicher war, dass ihre Stimme ihr wieder gehorchte, sagte sie: »Der Vater hat mich ja rausgeworfen, Hannes.«
»Aber das meint er doch nicht so!«
»Ich glaube schon, Knöpfchen, diesmal meint er es so.«
»Er hat dich doch schon öfter eine Schande genannt!«
Trotz des Kloßes in ihrem Hals musste sie lächeln. »Geh nach Hause, Hannes, bevor es einer merkt, dass du mir nach bist. Wie hast du überhaupt den schweren Riegel aufgekriegt?«
»Das Lottchen hat mir geholfen.«
»Na, ihr seid mir ja vielleicht zwei Schlingel!«
»Aber – wo willst du denn hin?«
Ja, wo wollte sie hin? Sie warf einen Blick die menschenleere Gasse entlang. Die flackernden Öllaternen, die in größeren Abständen an den Hauswänden hingen, warfen ein unruhiges Licht in die Nacht. Aus den meisten Schornsteinen der Köhlersiedlung stieg rußiger, dicker Qualm auf und hinterließ noch lange einen beißenden Geruch, wenn die Wärme schon verflogen war. Auf der anderen Seite der unbefestigten Straße schlich eine Katze durch den langsam anfrierenden Schnee. Sie war sicherlich auf der Suche nach Mäusen und Ratten, und in diesem Viertel der kleinen Stadt würde sie nicht mit leerem Magen nach Hause gehen.
Nellie legte ihre Hände an das vom Laufen erhitzte Gesicht ihres kleinen Bruders und sah ihm fest in die Augen.
»Irgendwie geht es immer weiter, das weißt du doch? Ich finde einen Weg, es dich wissen zu lassen, Knöpfchen.«
»Kann ich nicht mitkommen? Du brauchst doch einen Mann, der auf dich aufpasst!«
Sie lächelte und spürte, wie sich ihre Wangen dabei unter der Kälte spannten.
»Die anderen brauchen dich mehr, Hannes. Wer soll denn sonst dem Heinrich helfen, auf die Mädchen aufzupassen? Das geht doch nicht!«
Für einen Moment wurde ihr ganz schlecht bei dem Gedanken, dass sie nun Heinrich im Stich lassen musste und nur noch er sich jetzt um die vier Kleinen kümmern würde. Sie beide waren immer die Großen gewesen, beide früh selbstständig und vernünftig, aber auch beide hitzig. Und doch war sie es, die er immer nur kleine Maus nannte.
Hannes nickte tapfer.
»Aber wo willst du hin?«, wiederholte er.
Nellie zögerte. Dann kam die Antwort ganz von selbst, aus der Not heraus, Hannes etwas mitzugeben, was er ihr glauben konnte: »Zu Cousin Lawrenz und Cousine Kläre in Wedensen bei Bremen, zu denen gehe ich. Aber sag es niemandem! Das ist unser Geheimnis, ja?«
Hannes nickte knapp. Er stand immer zu dem, was er versprach. Sonst würde Lawrenz am Ende noch Ärger bekommen mit seinem Onkel Ludwig, wenn er dessen missratener Tochter Unterschlupf böte. Jedenfalls hoffte sie, dass Lawrenz ihr helfen würde, obwohl sie ihm noch nie begegnet war. Rasch wischte sie jeden Zweifel beiseite. Ängste waren etwas, das sie jetzt nicht gebrauchen konnte.
Nellie drückte Hannes einen Kuss auf die Stirn, schloss die Augen und atmete seinen vertrauten Kindergeruch ein. Sie zog ihn in ihre Arme, drückte ihn fest an sich, um noch ein letztes Mal seine Wärme zu spüren und sich von seinen wilden Locken an der Nase kitzeln zu lassen.
Sie hatte sich um ihn gekümmert seit dem Tag, an dem er auf die Welt gekommen war. Jenem ansonsten ganz furchtbaren Tag, an dem Vaters Seemannsbeute, seine zarte Frau von den englischen Inseln, für immer von ihnen gegangen war. Hannes war Charlottes sechstes Kind. Nellie wusste noch von mindestens einem weiteren Kleinen, das ihre Mutter verloren hatte. Bei Hannes waren ihre Kräfte erschöpft gewesen. Nie würde Nellie das Lächeln auf dem erschreckend blassen Gesicht ihrer Mutter vergessen, die Nachbarin, die das nackte kleine Wesen in saubere Tücher wickelte, das Krähen, das plötzlich aus den Tüchern kam, wütend und doch so zerbrechlich. Da waren Charlotte Bernstein die Augen zugefallen.
Nellie stand auf. Sie ließ Hannes los, griff nach ihrer geflickten Tasche und sagte: »Geh, Hannes, Knöpfchen, lauf heim. Sag dem Heinrich …« Sie zögerte. Hannes sah wartend zu ihr auf, während Schneeflocken auf seinem Gesicht schmolzen. »Sag dem Heinrich, dass es mir leidtut.«
Hannes nickte, salutierte, wie er es bei erwachsenen Männern gesehen hatte, machte auf dem Absatz kehrt und lief davon in die verschneite Februarnacht. An der Häuserecke blieb er stehen, hob die kleine, unbehandschuhte Hand und winkte seiner Schwester noch einmal. Dann hatte ihn die Dunkelheit verschluckt.
Nellie unterdrückte ein Schluchzen. Jetzt erst war sie wirklich allein auf der Welt. Obwohl … Sie sah an sich herab, schloss kurz die Augen, schluckte und hob den Kopf.
Nicht daran denken. Das hatte sie sich in den vergangenen zwei Monaten immer wieder gesagt, und erstaunlicherweise hatte es funktioniert. Sie hatte Georgs glasige Augen, seinen säuerlichen Schnapsatem, den harten Boden unter ihrem Körper, den schraubstockartigen Griff seiner Finger um ihre Handgelenke und ihre Angst verdrängt. Jede Stunde jeden Tages, vor allem nachts, wenn mit der Dunkelheit beharrlich die Erinnerung zurückkam. Wegdenken hatte sie das im Stillen genannt – wie wegducken, nur eben in Gedanken. Bis sie gemerkt hatte, dass jener schreckliche Abend Folgen gehabt hatte. Da half nun kein Wegdenken mehr.
Nellie hatte sich selbst nie als hübsch empfunden und nicht recht gewusst, was sie von den Blicken der Männer halten sollte. Sie fand, ihr fehlte die elfengleiche Schönheit ihrer Mutter. Nellie hatte ihre blauen Augen geerbt, die Wangengrübchen, wenn sie lachte, und ihre langen, feingliedrigen Hände. Sie war nicht sehr groß, aber zierlich, eigentlich mager, stieß sich ständig die Knochen, und ihre lockigen blonden Haare trug sie stets gut versteckt: Sie hatte gelernt, dass es nicht klug war, Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. Besser war es auch, niemandem Gelegenheit zu geben, einen an den Haaren zu packen und am Kopf durchs Haus zu zerren.
Doch je älter sie wurde, umso klarer war ihr geworden, dass es überhaupt nicht auf ihr eigenes Verhalten ankam. Männer starrten sie an, bedrängten sie mit ihren nach Schweiß riechenden Körpern, riefen ihr frech hinterher, ganz gleich, was sie tat und wie artig sie zu Boden sah. Sie begriffen schnell, dass nur Heinrich sie beschützte. Und Heinrich war nicht immer da, es zu tun.
Vaters alter Freund Georg war sich immer sicher gewesen, dass sein Saufkumpan Ludwig über seine Scherze nur laut lachen würde. Nellie musste würgen bei dem Gedanken an die rußverschmierten Gesichter der beiden Männer. Dabei war es nicht der Kohlestaub gewesen oder ihre harte Arbeit, was die zwei so unerträglich für Nellie gemacht hatte. Es war die Art, wie Georg sie ansah. Und die Art, wie der Vater wegschaute.
Der Schnee fiel jetzt stärker und in größeren Flocken; der eisige Wind hingegen schien sich etwas gelegt zu haben.
Vielleicht würde das Ärgernis von alleine weggehen, dachte Nellie. Sie drehte sich um und nahm ihren Weg wieder auf. Sie hatte einmal ein Gespräch zwischen ihrer Mutter und deren Freundin mitgehört. Damals hatte sie nicht verstanden, was die andere Frau damit gemeint hatte, dass ihr Ärgernis abgegangen war, Gott sei Dank. Inzwischen wusste sie es. Und sie wusste auch, was es bedeutete, wenn das Blut schon zweimal ausgeblieben war. Vielleicht geschah es bei ihr, Nellie, ja genauso, und das Ärgernis ging von selbst weg.
Und wenn nicht? Dann, dachte sie, wäre sie wohl doch nicht allein auf der Welt. Aber besser war das ganz und gar nicht.
Hat der Herrgott dich vergessen?«
Die Stimme schien von weither zu kommen.
»Kindchen, wach auf! Hier kannst du nicht bleiben!«
Nellie öffnete die Augen, aber sie fielen sofort wieder zu.
»Hannes …?«, flüsterte sie, »Knöpfchen …?«
Sie zwang sich, die Lider einen Spaltweit zu öffnen. Über ihr war das hölzerne Dach einer Scheune, unter ihrer Hand spürte sie raues, trockenes Stroh. Kälte und Erschöpfung hatten sie übermannt. Sie hatte zu wenig gegessen. Der Viertel Brotlaib, den sie zu Hause eingesteckt hatte, war längst aufgegessen.
»Nicht wieder einschlafen, Kind!«
Die Frau hatte ein glattes Gesicht mit Lachfältchen um die Augen, die Nellie besorgt und auch ein wenig ungeduldig anblickten. Eine graue Strähne ihres Haares lugte unter einem Wollschal hervor. Ihre Kleidung war abgetragen, aber ordentlich.
Nellie sah in das über sie gebeugte Gesicht und fragte sich, was die Frau von ihr wollte. Hinter ihr erschien jetzt eine weitere Gestalt im Halbdunkel der Scheune, eine jüngere Frau mit einem dicken Tuch über Kopf und Schultern und einem rotwangigen, runden Gesicht.
»Ist sie tot?«, fragte sie leise.
Tot …? Nellie versuchte, ihre Gedanken zu ordnen, und zog die Augenbrauen zusammen. In ihrem Kopf pochte sofort ein stechender Schmerz. Sie erinnerte sich jetzt wieder an dichte Schneewehen und eisigen Wind. Die Scheune, die schemenhaft am Rande eines Feldes aufgetaucht war und sie magisch angezogen hatte. Sie musste sich immerhin etwas aufgewärmt haben, denn sie spürte, wie Leben in sie zurückkehrte, und mit ihm der Hunger. Da legte die ältere Frau eine Hand auf ihre. Nellie spürte einen sanften, warmen Druck.
»Nein«, antwortete sie auf die Frage der Jüngeren. Auf den beiden über sie gebeugten Gesichtern erschien deutliche Erleichterung. »Nicht tot … glaube ich.«
Die Ältere richtete sich auf und schüttelte mitleidig den Kopf.
»Wohin, in des Herrgotts Namen, bist du denn wohl unterwegs, mein Kind? Und wer ist Hannes? Ist noch jemand hier?« Beunruhigt wanderten die braunen Augen der Fremden durch die Scheune.
Schon wieder der Herrgott. Was hatte der denn mit all dem zu tun?
»Ich bin alleine«, flüsterte Nellie, doch unwillentlich folgten ihre Augen dem suchenden Blick der Frau. Sie räusperte sich. »Nach Wedensen will ich … bei Bremen … zu meinem Cousin Lawrenz«, fuhr sie schließlich fort.
Die beiden Frauen halfen Nellie auf die Füße, und sie klopfte sich das Stroh aus ihrer Kleidung. Ihr Rock war an einer Stelle eingerissen, aber dadurch, dass der Matsch gefroren gewesen war, halbwegs sauber geblieben. Ihre Jacke allerdings hatte einige Flecken. Ihr geliebter dunkelblau, weiß und rot karierter Wollschal war jedenfalls noch in ganz gutem Zustand.
»Wenn wir nicht die offene Scheunentür gesehen hätten und ich nicht so ein Bauchgefühl gehabt hätte, dass da was nicht stimmt!«, fuhr die ältere Frau kopfschüttelnd fort. »Wer weiß, ob du wieder aufgewacht wärst, Mädchen!« Ihre Stimme hatte einen warmen Klang, mit ganz leicht in die Länge gezogenen Vokalen. »Am besten schließt du dich jetzt uns an«, entschied sie. »Wir wollen zur Küste, und in unserer Gruppe bist du sicher. Ich bin Agnes, und das ist meine Tochter Pauline.«
»Ich bin Nellie.« Sie sah von einer zur anderen. Die Freundlichkeit der beiden Frauen tat ihr gut. Ihr sanfter Dialekt hatte etwas Warmes, Vertrauenerweckendes. Sie nickte und folgte den beiden gehorsam.
Auf der Schwelle blieb sie einen Moment stehen und schaute in die schneidende Kälte hinaus, die man nicht nur fühlen, sondern geradezu sehen konnte. Die Luft war klar und dünn wie durchsichtiger Feenstoff. Die Zweige eines kahlen Baumes in der Nähe schienen zu glitzern wie der gefrorene Boden, auf dem frisch gefallener Schnee lag. Am Licht konnte Nellie erkennen, dass der Tag zu Ende ging. Nur welcher? Wie lange hatte sie im Stroh geschlafen?
Am Rand der Straße lagerte eine kleine Gruppe Menschen, drei Erwachsene mit zwei Kindern, die zwei Packesel dabeihatten und eine Karre. Als die Frauen sich ihnen näherten, standen alle auf und schulterten ihre Bündel.
Ein hochgewachsener, kräftiger Mann nickte Agnes kurz zu. »Es war wohl tatsächlich jemand drinnen?«, sagte er.
Auf Agnes’ Nicken hin packte er die Karrengriffe und begann, das Fahrzeug wieder auf den Weg zu ziehen. Jemand hob ein Kleinkind hoch und setzte es auf das Gepäck im bereits anrollenden Karren. Einer der beiden Esel schüttelte seine dichte, kurze Mähne und iahte, ehe er gemächlich lostrabte.
Im Gehen reichte Agnes Nellie ein Stück Brot und einen Streifen Käse. »Hier, Kind, iss, sonst kommst du nicht bis nach Bremen.«
»Danke.« Nellie biss in den Käse, der hart war und ein wenig ranzig roch, aber wunderbar schmeckte. Doch sie hatte wohl so lange nichts gegessen, dass ihr nach ein paar Bissen schlecht wurde. Sie atmete tief durch und konzentrierte sich auf ihre schmerzenden Füße statt ihren rebellierenden Magen. Wenigstens ließ das hämmernde Kopfweh nach.
Seit Tagen war sie auf der in gefrorenem Matsch erstarrten Landstraße schon unterwegs, immer der Erinnerung nach: Eine zerfledderte Landkarte von Preußen hatte es in ihrem Elternhaus gegeben, die sie unzählige Male begutachtet hatte, wenn der Vater es nicht sah. Ihre Schuhe hatten auf den ausgefahrenen Wegen, die nach Wedensen führten, mit tiefen Wagenradfurchen und eisglatten Pfützen kaum Halt gefunden. Sie hatte einen alten Wollhandschuh am Straßenrand gefunden und ihn abwechselnd mal an der linken, mal an der rechten Hand getragen. Die jeweils andere war wie taub von der Kälte gewesen.
Unterwegs hatte sie einmal geholfen, eine Postkutsche mit den edlen Koffern einer Familie zu beladen, und der Kutscher hatte ihr dafür eine Münze in die Hand gedrückt. Neugierig und ein wenig spöttisch hatten zwei fein gekleidete Kinder aus den Wagenfenstern zu ihr hinausgeschaut, während Nellie ihren Rock gerafft hatte und vom Fahrzeug zurückgetreten war. Als eine Frau in Kleid und dickem, warmem Umhang, einen seidenen Beutel am Handgelenk, aus dem Haus gekommen war, hatte Nellie sich rasch entschlossen. Mit zwei, drei Schritten war sie wieder bei der Kutsche gewesen und hatte die Frau gefragt, ob sie ein Stück weit hinten auf der Kutsche mitfahren dürfe. Die Frau hatte einen raschen Blick auf Nellies mitgenommene Aufmachung geworfen. Dann hatte sie die Lippen zu einem herablassenden Lächeln verzogen und die Augenbrauen nach oben. »Nein, besser nicht«, war die karge Antwort gewesen. Der Kutscher hatte die Tür hinter der jungen Mutter und ihren zwei Kindern zugeschlagen.
Nellie schüttelte den Erinnerungsfetzen ab.
In diesem Moment drehte das Kind auf dem Karren unvermittelt den Kopf und sah Nellie an. Es war ein kleiner Junge von vielleicht drei oder vier Jahren. Die Decke, in die er eingewickelt worden war, rutschte ihm vom Kopf, und ein blonder Haarschopf kam zum Vorschein. Nellie stockte der Atem. Vor ihrem geistigen Auge schaute ein anderes Paar blauer Augen zu ihr auf, gegen leise fallende Schneeflocken blinzelnd, aus einem zarten Jungengesicht mit einer nicht ganz sauberen Schiebermütze auf den verwuschelten Haaren.
Kann ich nicht mitkommen, Nellie? Du brauchst doch einen Mann, der auf dich aufpasst!
Nellies Hals war wie zugeschnürt. Aber sie lächelte, griff nach der Decke, zog sie dem Kleinen wieder sorgsam über den Kopf und steckte die Enden unter seinem Körper fest, damit nichts mehr verrutschen konnte. Als sie aufsah, begegnete sie einem freundlichen Blick aus Agnes’ Augen; die ältere Frau nickte ihr zum Dank kaum merklich zu. Mühsam kämpfte Nellie Übelkeit und Tränen nieder und stapfte langsam neben den schweigsamen Fremden die endlos scheinende Landstraße entlang durch den Winternachmittag. Sie sehnte sich zurück zu ihrer Scheune, zu Schlaf und Vergessen. Aus den Augenwinkeln sah sie, dass Agnes sie neugierig ansah.
»Wohin seid ihr unterwegs?«, fragte Nellie, um einer Frage zuvorzukommen. Ihr Atem bildete Wölkchen in der dünnen Luft.
»Wohin? Na, frag lieber: Seit wann?«
Nellie lächelte. »Seit wann seid ihr unterwegs, Agnes?«
»Seit vier Wochen!«
»Vier Wochen!« Nellie überlegte kurz. Sie mochte seit zwei oder drei Tagen unterwegs sein und war offensichtlich bereits zu erschöpft gewesen, um weiterzugehen. »Und wo kommt ihr her?«
»Aus dem Erzbistum Salzburg. Weißt du, wo das ist?«
Nellie schüttelte den Kopf.
»Ganz unten im Süden ist das. So schön ist es da! Berge haben wir, nicht alles so flach wie hier. Grüne, saftige Wiesen, sag ich dir, und das Land ist fett und gut. Ein feines Leben haben wir gehabt …«
Nellie setzte einen Fuß vor den anderen und wünschte sich, dass Agnes weiterspräche, von ihrer Heimat und der fruchtbaren Landschaft dort, mit ihrer Stimme, die für das Erzählen gemacht schien, und ihrem weichen Dialekt.
»Warum seid ihr fortgegangen?«, fragte sie gegen die dünne, eisig kalte Luft an, um Agnes zum Fortfahren zu bewegen.
Für einen Moment dachte sie, die andere hätte sie nicht gehört, so lange dauerte es, bis eine Antwort kam.
»Ach Kind, es gibt schlimme Dinge auf der Welt. Der Herrgott hat beschlossen, uns zu prüfen. Menschen haben uns Übles angetan und uns aus unserer Heimat vertrieben. Aber der Herrgott wird uns zu einem neuen Ort führen, an dem wir in Frieden leben können.«
Agnes schien tief durchzuatmen und dabei die Kälte vergessen zu haben, denn sie begann zu husten. Der Mann, der an der Spitze der kleinen Gruppe den Karren zog, drehte den Kopf und sah zurück. Als die ältere Frau aufhörte zu husten, wandte er sich wieder seiner Aufgabe zu.
»Wer ist Hannes, mein Liebes?« Agnes sah Nellie freundlich an. »Als wir dich gefunden haben, hast du nach ihm gefragt. Ist er … dein Kindchen?«
Nellie schüttelte den Kopf. »Mein kleiner Bruder«, sagte sie. »Ich musste fort. Mein Vater … unser Vater …« Sie brach ab, weil sie nicht wusste, wie sie den Sturm in ihrem Kopf und den in ihrem Herzen in verständliche Worte hätte fassen sollen.
Agnes zog einen ihrer beiden Handschuhe aus und reichte ihn Nellie, die ihn dankbar annahm und überstreifte.
»Da haben wir also beide unser Zuhause verloren, nicht wahr, mein Kind? Aber wir lassen nicht zu, dass uns das zerbricht. Wenn ich an unsere Heimat denke, wird mir nicht traurig ums Herz, sondern warm. So muss das sein – es ist ein Schatz, den wir in uns tragen. Den kann uns niemand nehmen. Warst du schon einmal in den Bergen? Es ist wunderschön, die sind so hoch und stolz, die Berge …«
Agnes’ warme Stimme drang weiter an Nellies Ohren, aber sie merkte, dass die Worte zu einer seltsam tröstlichen Musik verschmolzen. Mechanisch setzte sie einen Stiefel vor den anderen, bemüht, nicht zu stolpern. Jemand nahm ihr die Tasche ab und packte sie neben das Kleinkind auf den Karren. Sie lächelte das halb vermummte Gesicht dankbar an und lief weiter. Schließlich aß sie nach und nach Brot und Käse auf.
Irgendwann fiel ihr auf, dass Agnes nicht mehr redete, aber weiter neben ihr ging, ruhig und wachsam und mit ihren eigenen Gedanken beschäftigt.
Als die Sonne unterging, machte die Gruppe Halt bei einem Wirtshaus. Einer der Männer ging hinein und handelte eine Unterkunft für die Nacht im Schuppen aus. Er brachte einen Humpen Bier mit, der später die Runde machte. Nellie lehnte freundlich dankend ab. Mitten in der Nacht wurde sie wach und hörte, dass Menschen unruhig neben ihr schliefen und einer an die Wand gelehnt wach ins Mondlicht starrte. Ein Kind gluckste im Schlaf, und die Esel scharrten nicht weit weg am anderen Ende des Schuppens mit den Hufen im Stroh. Offenbar gaben die Reisenden aus Salzburg auch nachts gut auf ihre Tiere acht.
Nellie bereute, nicht den angebotenen Schluck Bier genommen zu haben; vielleicht hätte der wärmende, müde machende Alkohol ihr gutgetan. Es roch nach getragener Kleidung und ungewaschenen Körpern, trocknender Wolle und nach der Zwiebel, die jemand gegessen hatte, aber nichts daran störte Nellie. Sie war es gewöhnt, Dunkelheit und Schlaf mit anderen zu teilen, nur dass es ihr ganzes Leben lang ihre kleinen Schwestern gewesen waren, und Hannes, mit kindlichen Albträumen kämpfend. Jeder ihrer Seufzer im Schlaf war Nellie vertraut gewesen. Nicht daran denken. Das hatte sie sich immer wieder gesagt, und erstaunlicherweise hatte es funktioniert. Immer wieder, jede Stunde jedes Tages und vor allem nachts, wenn mit der Dunkelheit beharrlich die Erinnerung zurückgekommen war.
Sie spürte, dass ihr Tränen aus den Augenwinkeln in den Schal liefen. Reglos horchte sie in die Nacht hinaus, und in sich hinein. Aber alles war still.
Am nächsten Morgen hatte der Schneefall an Stärke zugenommen. Kniehoch lag die dichte weiße Masse vor der Scheunentür, als die Männer sie aufschoben. Die Frauen wickelten die Kleinkinder in zusätzliche Decken. Nellie hob Theo, den dreijährigen blonden Jungen, auf den Karren und half, die Esel zu beladen. Agnes’ Tochter Pauline warf einen Blick an ihr vorbei nach draußen, und ein Lächeln stahl sich auf ihr Gesicht. Sie war eine rundliche junge Frau mit roten Wangen.
»Eigentlich liebe ich Schnee«, sagte sie. »Er kann einen auch warm halten, wusstest du das?«
Nellie schüttelte den Kopf. »Im Schnee kann man aber doch erfrieren!«
Pauline zuckte die Achseln und nahm ihrer Schwester, der immer etwas müde wirkenden Therese, deren Jüngste ab, die pausbackige Karoline.
»Wir haben uns zu Hause mal eine Höhle gebaut im Schnee, als wir Kinder waren, stimmt’s, Resi? Warm und kuschelig war es da drin, das kann ich dir sagen! Hier oben im Norden ist das Wetter so ganz anders als im Süden bei uns.«
Therese lachte. »Du fandst das vielleicht schön! Ich war lieber zu Hause, wo’s warm war!«
Nellie richtete sich auf und sah die beiden Frauen an. »Wann geht ihr zurück?« In Gedanken fügte sie hinzu: … den ganzen langen Weg?
Pauline wandte sich ab. »Nie mehr«, sagte sie. »Der Erzbischof will uns da nicht mehr.«
»Nie mehr!« Nellie sah sie mit großen Augen an. Sie wusste nicht, was ein Erzbischof war, aber sie erinnerte sich, dass Agnes gestern mehrfach eine verlorene Heimat erwähnt hatte.
»Wir sind Protestanten«, sagte Pauline, als sie sich wieder zu Nellie drehte. »Alle Protestanten mussten das Erzbistum verlassen. Das ist jetzt Gesetz. Ganz viele sind ins Gefängnis geworfen worden. Unseren Nachbarn haben sie mit einem Strick um den Hals weggeführt. Da hat die Mutter gesagt: Wir gehen. Der Albert ist Prediger, weißt du. Und der Thomas, der ist auch Seelsorger.« Sie deutete auf einen jungen Mann mit weichen Zügen. »Letzten Monat war der Albert eine Woche im Verlies. Hat nicht drüber geredet. Nächstes Mal, hat er gesagt, sperren sie ihn für immer weg, oder Schlimmeres. Er will aber nicht seinem Glauben abschwören.«
Albert war ein großer, noch junger Mann mit bereits schütterem Haar und braunen Augen, der am Vortag die meiste Zeit über einen der Karren gezogen hatte. In diesem Moment klatschte er in die Hände, um die Aufmerksamkeit seiner kleinen Gesellschaft zu bekommen. Mit einer Stimme, die es gewohnt schien, sich Gehör zu verschaffen, rief er: »Aufsitzen, meine Lieben, frisch ans Werk! Bei diesem Wetter werden wir länger brauchen. Aber nicht den Mut sinken lassen! Der Herr ist mit den Tapferen!«
Den ganzen Tag über schien die Sonne nicht richtig aufgehen zu wollen, und die kleine Gruppe mühte sich quälend langsam durch den Schnee. Agnes ging immer wieder für eine Weile neben Nellie, und die spürte, wie angenehm ihr die Nähe der älteren Frau war. Ab und zu sahen sie einander an und lächelten sich wortlos zu.
»Als wir dich fanden, dachte ich nicht, dass du mit uns mithalten könntest«, sagte Agnes, als sie Nellie im Gehen einen Apfel reichte. »Ganz ehrlich. Du scheinst stärker zu sein, als es den Anschein hat, Nellie.« Sie nickte ihr anerkennend zu.
»Ich danke dir«, antwortete Nellie. »Ohne euch wäre ich bestimmt einfach nicht mehr aufgewacht.«
Wie hatte sie nur glauben können, dass sie es allein bis nach Wedensen schaffen würde?
Durch ihre einsame Wanderung schien sie jedes Zeitgefühl verloren zu haben. Sie dachte zurück an die enge Gasse, in der sie Hannes zuletzt im Arm gehalten hatte. Die flackernden Öllaternen an den Hauswänden hatten ein unruhiges Licht in die Nacht geworfen. So schäbig es auch gewesen war, es war das einzige Zuhause gewesen, das Nellie kannte.
»Einer der kältesten Winter, die ich je erlebt habe«, hörte sie Agnes sagen. »Aber verzeih mir, Kindchen, dass ich mich frage, warum du so allein auf der Landstraße unterwegs bist. So ein junges Ding wie du!«
Nellie nickte, dass sie das verstehe, aber es dauerte lange, bis sie eine Antwort fand. Agnes wartete einfach und ging schweigend neben ihr her, leicht vorgebeugt gegen den Wind. Natürlich wusste Nellie, warum sie in diese ihr selbst völlig hoffnungslos erscheinende Lage geraten war. Aber sie wollte ihre mütterliche neue Freundin nicht mit einer Lüge abspeisen – die die kluge Frau vermutlich ohnehin durchschaut hätte. Noch schlimmer wäre gewesen, wenn Agnes sie verachtete oder gar aus ihrer kleinen Familientruppe wieder ausgestoßen hätte. Bis jetzt hatte anscheinend niemand den großen blauen Fleck an Nellies Schläfe bemerkt, der ihr bis zur Wange reichte. Wie sollte sie überhaupt einem anderen Menschen erklären, dass nicht alles, was geschehen war, ihre eigene Schuld gewesen war!
»Ach, Agnes …« Da waren sie wieder, die verflixten Tränen. Sie atmete tief durch. »Ich musste fort von daheim. Mir fiel niemand anders ein als Cousin Lawrenz, wo ich hätte hinkönnen.«
Agnes sah sie kurz an. Sie nickte zum Zeichen, dass alles seinen Zeitpunkt habe, auch Erklärungen. »Wir mussten ja auch fort von daheim, mein Kind, wir ja auch. Wenn jemand versteht, dass das nicht deine Schuld allein gewesen sein kann, dann ich. Ich bin sicher, dass du sehr gute Gründe hattest und es dir nicht leichtgefallen ist.«
Ihre Blicke trafen sich, und in den Augen der Älteren sah Nellie Freundlichkeit und Geduld – nicht nur mit einer Geschichte, die nicht erzählt werden mochte, sondern mit dem Schicksal an sich, das eben bisweilen harsch und ungerecht war.
Mittags machten sie Rast in einem Wäldchen am Rande eines Dorfes, doch sie ließen sich nicht lange Zeit. Sehr bald würde das wenige Tageslicht wieder schwinden. Ab und zu fuhren Kutschen und beladene Karren an ihnen vorbei, deren große Wagenräder mühsam über die Straße knarrten. Wie Zuckerhäubchen lag das nasse, schwere Weiß auf den Mützen der Kinder und den Schultern der Erwachsenen. Einzig die Esel trotteten stoisch und unbeeindruckt über die Landstraße. Nellie hatte das Gefühl, dass Kälte und Schutzlosigkeit ihr bis in die Knochen gedrungen waren. Es nützt ja nichts, dachte sie, weiter, nur weiter!
Ab und an luden ihr Agnes, Pauline oder Therese eines der Kinder, die abwechselnd von den Frauen getragen wurden, auf den Rücken und banden es mit Tüchern fest. So ging sie weiter, mechanisch einen Fuß vor den anderen setzend und bemüht, nur nicht hinzufallen. Und nach und nach begann sie, das leichte Gewicht auf ihrem Rücken oder in ihren Armen als tröstlich zu empfinden.
Ohne dass sie es bemerkte, ging auf einmal Albert neben ihr, Agnes’ hagerer, hochgewachsener Sohn. Nellie erinnerte sich, dass seine Schwester Pauline ihr erzählt hatte, dass man ihn wegen seines Glaubens verhaftet hatte. Er sah zu ihr hinüber, und als sie endlich den Mut fand, den Fremden anzuschauen, fand sie ein spitzbübisches Lächeln auf seinem Gesicht, das sie sofort gerne mochte.
»Nellie, nicht wahr?«, fragte er.
Sie nickte.
Er deutete auf das Bündel auf ihrem Rücken, das zu diesem Zeitpunkt der schlafende Theo war. »Schön, dass du mithilfst. Ist immer besser, wenn man eine Last gemeinsam trägt.«
Wieder nickte Nellie. Sie kam sich dumm vor, weil ihr nichts Kluges zu sagen einfiel.
»Ihr seid der Prediger, nicht?«, meinte sie schließlich zaghaft.
Da lachte er auf. »Kannst schon du zu mir sagen! Und ja, ich bin der Prediger.«
Nellie zögerte, dann gab sie sich einen Ruck. Albert war ihr so sympathisch, dass sie plötzlich keine Angst mehr hatte, etwas Dummes zu sagen.
»Ist das nicht ziemlich schwierig, wenn man nicht mehr Protestant sein darf und keine Gemeinde mehr hat?«
Er nickte bedächtig, während Nellie für jeden seiner großen Schritte drei machen musste.
»Mein Herr hat immer eine Gemeinde, Nellie«, sagte er schließlich. »Wenn ich das richtig verstehe, bist du von zu Hause weggegangen, weil du da nicht mehr gewollt bist? Darfst also nicht sein, wer und wie du bist?« Unwillkürlich nickte Nellie. »Nun, so ungefähr ist es mit mir auch. Ich bin, wer ich bin und wie ich bin, und ich finde einen Ort, an dem ich es sein kann.«
Er zwinkerte ihr zu. Dann setzte er sich mit wenigen ausladenden Schritten wieder an die Spitze seiner kleinen Gruppe und nahm noch im Gehen seinem Bruder den Karren ab.
Als am Nachmittag das Tageslicht schwand, sah Nellie, wie Agnes eine Weile neben ihren Söhnen an der Spitze der Gruppe ging und mit ihnen sprach. Dann ließ die ältere Frau sich ein wenig zurückfallen und redete mit den Frauen. Therese nahm daraufhin ihre kleine Karoline von dem Karren, auf dem das Baby eine Weile unter Decken gelegen und geschlafen hatte, und band sie sich unter deren leisem Protest auf den Rücken. Agnes kam zu Nellie, die den Schluss der Gruppe bildete.
»Wir schaffen es nicht mehr vor Einbruch der Dunkelheit in den nächsten Ort«, stellte sie fest.
Nellie nickte nur. Ihre Lippen waren klamm gefroren, ihr Gesicht spürte sie kaum noch vor Kälte. Ihr Kopf war leer; sie hatte alle Gedanken an das, was vor diesem endlosen Marsch lag, und das, was nach ihm kommen mochte, so lange verdrängt, bis sie tatsächlich fortblieben.
»Wir werden in der nächstbesten Scheune die Nacht verbringen.« Agnes’ Worte wurden von Windböen zerrissen. Wieder nickte Nellie nur.
»Du darfst nicht zurückbleiben, Mädchen. Die Gruppe muss zusammenbleiben.«
Nellie drehte den Kopf unter dem dicken, vor weißer Nässe schweren Tuch. Muss zusammenbleiben … Etwas an diesen Worten weckte sie aus ihrer Kälte- und Trauerstarre.
Sie warf einen Blick über die karge Landschaft unter dem rasch abnehmenden Tageslicht.
»Wölfe. Folgen uns schon eine Weile«, sagte Agnes.
Nellie sah sich um, plötzlich hellwach. »Wölfe? Wo?«
»Man sieht sie nicht«, antwortete ihre mütterliche Freundin. »Aber sie sind nah!«
Das vom Schnee reflektierte Mondlicht war die einzige Lichtquelle auf dem Weg. Die kleine Gruppe mit ihren zwei Eseln und zwei Karren kämpfte sich durch die Schneehölle. Alle Geräusche schienen von der Natur geschluckt worden zu sein; einzig das wütende Rauschen des Sturms war übrig, in dem die Welt taumelnd versank.
Nellie spürte das Knirschen des Schnees unter ihren Stiefeln mehr, als dass sie es hätte hören können. Sie hatte den Blick gesenkt, um dem eisigen Gestöber die Stirn zu bieten, doch sie bemerkte, dass die Männer immer wieder die Landschaft mit zusammengekniffenen Augen absuchten. Sie selbst konnte nichts erkennen, dachte aber an Agnes’ Worte, dass man die Wölfe nicht sehen könne, sie aber da seien.
Leise, ganz leise kam ein neues Geräusch von irgendwoher aus der Ferne, dann wieder schien es ganz nah. Ein Heulen. Nellie hob den Blick. Pauline, nur zwei Schritte vor ihr, drehte den Kopf. Ihre Blicke trafen sich. Und Nellie wusste, was das Geräusch war. Sie straffte ihre Schultern und beeilte sich, neben ihre neue Freundin zu kommen. Die nickte ihr wortlos zu.
An der Spitze des kleinen Trosses zog Albert aus seinem Gürtel ein Messer, und Nellie sah seinen Bruder Thomas dieselbe Bewegung ausführen: Sie waren beide bewaffnet. Albert griff in den Karren und zog mit der anderen Hand eine Mistgabel hervor. Ein Kommando zerriss die Luft, zwei Rufe, kurz und knapp und von allen verstanden, außer von Nellie. Agnes und ihre Töchter hatten plötzlich ebenfalls Küchenmesser in der Hand; sie mussten griffbereit in ihren Habseligkeiten auf den Karren versteckt gewesen sein. Nellie war wie gelähmt und beobachtete, wie die kleine Gruppe sich mitten auf der tief verschneiten Landstraße eng zusammenstellte, die Karren außen, die Esel innen. Die Kleinkinder waren plötzlich auf irgendjemandes Rücken und nicht mehr in den Decken auf den Ladeflächen, inmitten der gebündelten Habe der Vertriebenen. Jemand packte Nellie am Arm und zog sie in die Mitte, so dass sie sich zwischen den gegen den Wind geduckten Körpern der anderen wiederfand. Sie hob den Blick und sah an den Schultern vorbei.
Mehrere dunkelgraue Leiber, die Köpfe vorgestreckt, die langen Beine mühelos durch die Schneewehen setzend, kamen auf sie zu. Sie waren bereits so nah, dass Nellie die angelegten Ohren erkennen konnte, die geöffneten Schnauzen. Das größte der Tiere näherte sich den Menschen selbstbewusst an. Es war eine schwarzgraue Wölfin, die ihre Gefährten noch an Höhe überragte. Das Heulen war verstummt. Lautlos umkreisten sie die Gruppe.
Nellie spürte ihr Herz im Hals schlagen, in ihrem Nacken stellten sich die Härchen auf. Für einen Moment schien sie das Entsetzen zu erdrücken, die Erkenntnis, dass sie sich tatsächlich einem Rudel Raubtieren gegenübersah, mitten auf der Landstraße im Nirgendwo, fern von jeglichem Schutz.
Sie hörte Albert rufen: »Aufpassen! Von rechts noch zwei!«
Nellie blickte über ihre rechte Schulter. Er hatte recht: Es waren nicht sechs Wölfe, es waren acht!
Einer der Esel rief. Sicher spürte er die Gefahr, in der er sich befand – vor allem die Tiere und die Kleinkinder, immer die Schwächsten jedenfalls. Plötzlich verstand Nellie, was die Wölfe erreichen wollten: Ihre Taktik war zweifellos, dass die menschliche Gruppe sich auflöste und einer von ihnen, ob Kind oder Esel, dadurch angreifbar wurde.
Nellies Blick fiel auf den Karren vor ihr. Es lag noch ein Nudelholz darin. Sie schob ihren Arm an Agnes vorbei, angelte mit klammen Fingern über die nassen, verschneiten Decken und bekam endlich das schwere Küchenwerkzeug zu fassen, zog es an sich. Für einen Moment fürchtete sie, dass es in ihren kalten Händen von geringem Nutzen sein würde, weil sie nicht in der Lage war, es zu halten, geschweige denn, es einem Wolf auf den Kopf zu schlagen. Sekundenlang sah sie vor ihrem geistigen Auge, wie ihr das Nudelholz im entscheidenden Moment aus der Hand rutschen und auf den Fuß fallen würde. Sie zuckte zusammen, als sei schon der Gedanke Wirklichkeit, und packte das schwere Werkzeug fest mit beiden Händen.
Das Rudel umkreiste die Gruppe, die gesenkten Köpfe nach vorne gereckt, hielt nach einer Lücke Ausschau zwischen den Mistgabeln, Küchenmessern, Knüppeln und aufgebauten Karren. Die Esel standen starr vor Schreck in der Mitte und iahten nicht einmal mehr. Die kleine Karoline wimmerte kaum hörbar.
Da vernahm Nellie aus der Ferne das Rollen schwerer Räder auf der Landstraße, die im Schnee knirschten und das Eis in den Fahrrinnen zermalmten. Für einen Moment meinte sie, sich das Geräusch nur einzubilden. Gaukelte einem panische Angst nicht manchmal etwas vor, was nicht da war? Sie wagte nicht, den Blick von den Wölfen abzuwenden, aber ihre Ohren versuchten verzweifelt, das Sausen und Toben des Sturms zu durchdringen.
Da brüllten die Männer wie auf Kommando los und schlugen mit ihren Messern gegen die Griffe der Mistgabeln, und die Wölfe schreckten zurück vor dem plötzlichen Lärm. Verunsichert durch die Demonstration von Wehrhaftigkeit in ihrer ansonsten doch so schwach wirkenden Beute, sahen sie ihre Leitwölfin an. Deren helle Augen musterten die Menschen eingehend.
Das Geräusch wie von Wagenrädern wurde lauter, und Nellie drehte kurz den Kopf, um die Straße entlangzusehen. Schneesturm und Dunkelheit machten es unmöglich, weiter als bis zu den sie umschleichenden Wölfen zu sehen. Doch nun hörte sie auch Stimmen, mehrere Stimmen, die laut riefen. Etwas Großes, Schweres näherte sich schnell. Jetzt machte Albert einen Satz aus der Gruppe heraus nach vorn und stieß seine Mistgabel auf einen der Wölfe, der ihm nahe genug gekommen war. Das Tier heulte auf. Mit einem weiten Schritt fügte Albert sich wieder in die schützende Gruppe ein, die Mistgabel fest in der Hand.
Da tauchte aus dem wilden Schneegestöber ein rasch sich nähernder, hoher Schatten auf. Weit ausholende, tödliche Hufe, zwei große Pferde in ledernem Zaumzeug, die eine schwarze Postkutsche zogen, wie Nellie sie erst vor wenigen Tagen zu beladen geholfen hatte. An einem Pfosten auf dem Kutschbock taumelte eine schemenhafte Laterne. Jemand rief: »Weiterfahren, Mann, weiterfahren!« Eine Peitsche knallte, dann ein Schuss. Die Wölfe stoben auseinander und rannten im nächsten Moment davon in die Nacht. Der von Albert verletzte Jungwolf rappelte sich auf, rannte als Letzter hinter seinem Rudel her und verschwand in Wirbeln glitzernden Schnees.
Die Kutsche kam ein gutes Stück die Straße hinunter zum Stehen, und ein Mann in einem dunklen weiten Umhang, eine breitkrempige Kapuze auf dem Kopf, sprang im Mondlicht auf den Boden und rannte auf sie zu.
»Leute! Heh, Leute! Seid ihr wohlauf?«, rief er gegen das Tosen des Windes an.
In der Hand hielt der Kutscher noch die Pistole, aus der er in die Luft gefeuert hatte. Am Wagen öffnete sich eine Tür, und ein weiterer Mann kletterte hinaus. »Bist du des Wahnsinns, Mann? Weiterfahren, habe ich gesagt!«
Unbeirrt eilte der Kutscher die Landstraße entlang.
Nellie zitterte am ganzen Körper. Das Nudelholz rutschte aus ihrer Hand. Sie sah sich um. Karoline hatte zu weinen begonnen; der kleine Theo lugte stumm über die Schulter seiner Großmutter. Jemand packte Nellie an den Oberarmen, um sich an ihr festzuhalten. Es war Pauline.
»Lieber Herrgott«, keuchte sie, »das war knapp …«
Die Männer verstauten ihre Waffen. Thomas schüttelte dem Kutscher die Hände. Albert ging durch die kleine Gruppe und vergewisserte sich, dass alle unversehrt waren. Dann schlug er rasch ein Kreuz und sagte schlicht: »Danke, Herr, dass du uns sicher aus dieser Not geführt hast.«
Nellie liefen Tränen über die gefrorenen Wangen, sie wusste nicht, ob vor überstandener Angst oder weil die unerträgliche Anspannung sich endlich löste. Ihre Knie waren weich.
»Albert …?« Lippen und Stimme schienen ihr nicht gehorchen zu wollen. »Albert!«
Er wandte sich um.
»Kommen – kommen sie wieder? Die Wölfe?«
Er legte ihr die Hand auf die Schulter. »Hab keine Angst. Sie sind weg. Einer von ihnen ist verletzt. Wir sind keine so leichte Beute, wie sie dachten!«
Nellies Zittern ließ endlich nach. Sie sah sich um. Ihr Blick fiel auf den kleinen Theo, der die Gefahr sicher nur gespürt, aber nicht verstanden hatte. Auf seinen kurzen Beinen stand er reglos im Schnee, die Augen groß und voller Verwirrung.
Nellie war zu lange eine große Schwester gewesen, als dass ihr Herz nicht für ihn geschlagen hätte. Bis vor wenigen Tagen waren es Hannes, Lotte, Louise und Klara gewesen, ohne die kein Abend ihres Lebens zu Ende gegangen war. Es fühlte sich noch immer an, als fehlte ihr ein Körperteil – ein Bein, eine Hand. Es war ein Schmerz, der nicht aufhören wollte und sie noch in ihren unruhigen Träumen heimsuchte. Zum ersten Mal waren ihre Geschwister nicht bei ihr. Für einen Augenblick war der Verlust fast unerträglich.
Agnes hatte Theo gerade abgesetzt, um ihn nun Pauline auf den Rücken zu binden. Doch Nellie war schneller. Sie sank vor ihm in die Knie und schloss ihn fest in ihre Arme, die sich taub und müde anfühlten und nicht wie Teile ihres eigenen Körpers. Sie spürte, wie er zaghaft den Kopf auf ihre Schulter legte und sich der Umarmung überließ.
Es schien ihr unendlich lange, bis sie ihn aus dem Schutz ihrer Arme wieder entlassen konnte. »Alles ist gut«, flüsterte sie, als sie sich von ihm löste, halb, um ihn, halb, um sich selbst zu beruhigen. »Alles ist gut.«
Er sah sie an, und dann löste sich sein fragender Gesichtsausdruck in einem zaghaften Lächeln, das sein von der Kälte gerötetes Gesicht erstrahlen ließ. Pauline half Nellie auf die Füße, und auf deren Nicken hin hob sie Theo in seinem Tragetuch auf Nellies Rücken.
Nah an ihrem Ohr raunte sie: »Er spricht nicht.«
Erschrocken sah Nellie sie an. »Niemals?«
Pauline schüttelte den Kopf. »Noch kein einziges Wort.«
»Weiter, meine Lieben!«, ertönte Alberts Stimme. »Der Kutscher sagt, in etwa einer Stunde müssten wir auf eine Siedlung treffen. Mit Gottes Hilfe können wir bei den guten Menschen dort die Nacht verbringen.«
Eine Peitsche knallte über gefrorenem Boden, und die Postkutsche verschwand rasch im dichten Schneegestöber. Dann war auch der schwankende Punkt der Laterne nicht mehr auszumachen. Nur das weiße Mondlicht und der glitzernde Schnee blieben ihre einzigen Lichtquellen im Dunkel.
Hier trennen sich unsere Wege, mein liebes Kind.«
Nellie brauchte einen Moment, bis sie Agnes’ Worte verstand. Sie sah sich um. Die Landstraße gabelte sich vor ihnen, und die kleine Gruppe hatte Halt gemacht.
»Wir haben noch zwei oder drei Tage bis zu unserem Ziel. Aber das Dorf, in dem dein Cousin Lawrenz wohnt, ist nur noch einen halben Tagesmarsch in diese Richtung dort.«
Agnes’ ausgestreckter Arm deutete erst in die eine Richtung für das Ziel der Gruppe, dann in die entgegengesetzte für Nellies. »Ich habe mich neulich in der Ortschaft nach dem Weg nach Wedensen erkundigt.«
In den vergangenen zwei Tagen hatte nicht nur der Schneesturm aufgehört, sondern sich auch das Wetter völlig verändert. Eine milde Brise ging, die Sonne schien freundlich von einem zartblauen Himmel, und auf den Feldern in dieser nördlichen Gegend sprossen grüne Setzlinge. Nellie hatte ihren Wollschal abgenommen und in ihre Tasche gestopft; wie ein Frühlingsvorbote strich der Wind neckisch durch ihr Haar unter der Haube.
»Hier schon?« Sie sah die ältere Frau verunsichert und ein wenig erschrocken an.
Natürlich hatte sie gewusst, dass ihre Reisegemeinschaft nur vorübergehend war und irgendwann die Trennung kommen würde. Die Salzburger Vertriebenen hatten sie aufgenommen wie eine von ihnen, aber ihr Ziel war nicht Nellies. Dennoch waren sie ihr in wenigen Tagen wie eine Familie ans Herz gewachsen. Jetzt wieder alleine sein zu müssen, legte sich ihr urplötzlich wie ein schweres, nasses Tuch auf die Seele.
Agnes nickte. »Du brauchst keine Angst zu haben, du wirst noch vor Einbruch der Dunkelheit am Ziel sein. Da kommen viele Dörfer – die Leute haben sich hier niedergelassen wie Perlen an einer Kette!« Sie lachte ihr warmes, aber immer nur kurzes Lachen. »Gib mir die Karoline, ich werde sie jetzt eine Weile tragen.« Sie nickte Nellie zu. »Du warst uns eine große Hilfe, Nellie. Es war wirklich sehr schön, diesen Weg mit dir zu gehen und dich kennenzulernen.«
Ihre schlichten Worte ließen Nellie mit den Tränen kämpfen. Sie nestelte das Tuch los, mit dem Karoline auf ihrem Rücken befestigt war. Die Kleine sah sie mit staunenden Augen an, und Nellie drückte sie an sich und gab ihr einen Kuss auf die Wange. Für einen Moment war das Gesicht des Mädchens dem ihren ganz nah. Sie neigte den Kopf und gab Karoline einen Nasenstüber. Die Kleine gluckste vergnügt, und Agnes lachte.
»Sie mag dich. Wie wir alle.«
Nellie hob den Blick. Therese, die alle nur Resi nannten, nickte. Dann hob sie die Hände und zupfte Nellies Haube zurecht in einer liebevollen, schwesterlichen Geste, und wandte sich schnell ab.
Albert trat zu seiner Mutter und legte den Arm um ihre Schulter.
»Es ist nicht mehr weit von hier, du bist fast am Ziel. Möge der Herrgott dich beschützen, Nellie«, sagte er.
Sein lächelndes Gesicht war etwa zwei Köpfe über dem ihren, und sie dachte, wie wunderbar es sein musste, einen solchen Fels von einem Mann zum Freund zu haben. Dann tat er etwas völlig Unerwartetes: Er hob die locker geschlossene rechte Hand, malte in der Luft mit dem Daumen das Zeichen des Kreuzes vor Nellies Stirn und führte seine Hand kurz zu seinem eigenen Gesicht. Verdutzt fragte sich Nellie, ob er sie gerade gesegnet hatte.
»Danke«, sagte sie unwillkürlich und meinte doch nicht nur den Segen. »Danke für alles.«
Albert Schlesier nickte knapp. Dann nahm er wieder die Griffe der Karre auf und begann, langsam weiterzugehen.
Pauline umarmte Nellie. »Geh mit Gott«, sagte sie. »Aber halt trotzdem immer die Augen auf, Nellie. Das kann nie schaden.«
Sie half ihrer Mutter, sich Karoline auf den Rücken zu binden. Dann hob Agnes die Hand und legte sie sanft und kurz an Nellies Wange. Für einen Moment sah sie ihr fest in die Augen.
»Vertrau dir nur selbst«, sagte sie. »Geh deinen Weg, und alles wird sich finden.«
Bevor Nellie ihre Stimme wiederfand, hatte Agnes sich abgewandt und ihrer Gruppe das Zeichen zum Aufbruch gegeben. Zügig entfernten sich die Salzburger von der Kreuzung, die willig trabenden Esel mit sich ziehend, unter einer freundlichen Vormittagssonne. Eine Kutsche zog an ihnen vorüber, und als Nellie die Tränen in ihren Augen weggeblinzelt hatte, waren sie schon fast aus ihrem Blick verschwunden.
Wo mochte ihr Weg diese Heimatlosen hinführen? Würden sie, die ihre stolzen Berge so sehr liebten, sich an der Küste niederlassen und tatsächlich dort heimisch werden? Der Gedanke, diese Menschen, die ihr so selbstlos geholfen hatten, ganz bestimmt niemals wiederzusehen, ließ ein Schluchzen in Nellies Kehle aufsteigen. Rasch wandte sie sich ab und marschierte los zu ihrer letzten halben Tagesreise.
Sie wusste nicht, was sie bei Cousin Lawrenz erwartete, und sie hatte sich jeden Gedanken daran bis jetzt verwehrt. Vielleicht würde er sie abweisen, abgeneigt, ein weiteres Maul stopfen zu müssen. Die Männer, die sie bislang in ihrem Leben kennengelernt hatte, waren durchaus so. Und was seine Frau Kläre wohl dachte oder wollte, war vermutlich nicht entscheidend.
Doch die lange Wanderung hatte eine Art Tür in Nellies Kopf aufgestoßen. Vielleicht war es die furchteinflößende Begegnung mit den Wölfen gewesen, die sie gemeinsam mit ihren neuen Freunden überstanden hatte. Jedenfalls fühlte sie sich mutiger und zuversichtlicher als noch vor Tagen.
Agnes hatte recht gehabt: Die Dörfer folgten nun in nur kurzen Abständen aufeinander. Mal waren es kleine Bauernhäuser mit angrenzenden Schweinepferchen links und rechts der Landstraße, mal einzelne Gehöfte mit mehreren strohgedeckten Gebäuden, dazwischen immer wieder gut in Stand gehaltene Scheunen auf den bestellten Feldern. Auf dem Weg selbst waren nun, je mehr Nellie sich der größeren Stadt näherte, zahlreiche Pferdefuhrwerke, Postkutschen und Ochsenkarren unterwegs. Einmal rief ihr ein rotwangiger Bursche auf einem Eselskarren im Vorbeifahren zu, ob sie aufspringen wolle, und für eine Weile konnte sie die Beine baumeln lassen und sah die Landschaft an sich vorüberziehen.
Die Straßen waren schlammig und von Wagenrädern zerfurcht. Mehrfach hatte sie sich nach dem Weg erkundigt. Als sie am späten Nachmittag wieder einmal einen alten Bauern fragte, wo sie hier seien, sah er sie aus milchig-trüben Augen an.
»Wedensen, Deern!«, sagte er und ging kopfschüttelnd weiter.
Sie war so lange gelaufen, dass die Erkenntnis, angekommen zu sein, erst langsam einsickerte.
Wedensen war eine Ansammlung von vielleicht fünfzehn oder zwanzig windschiefen kleinen Häusern mit heimelig aussehenden Reetdächern, die bis tief über die Fenster hingen. Gemüsegärten lagen hinter wackeligen Holzzäunen. Einige der kleinen Gehöfte hatten abgegrenzte Quartiere für Ziegen, Kühe und Schweine, aber deren Schlamm war kaum von dem der Landstraße zu unterscheiden. Hühner und Gänse spazierten über den Weg. Etwas abseits stand eine kleine Kirche mit spitz zulaufendem Dach. Daneben erstreckte sich ein Friedhof mit steinernen Kreuzen ein gutes Stück weit in die Landschaft hinein.
Ratlos sah Nellie sich um. Sie hatte bis zu diesem Moment gar nicht darüber nachgedacht, wie sie ihren Cousin Lawrenz Becker überhaupt finden sollte. Ihre Pläne hatten sich vollkommen in dem Bestreben erschöpft, lebendig und heil in Wedensen anzukommen. Er war der einzige Verwandte, den sie außer ihren zurückgelassenen Geschwistern und dem Vater hatte. Und die hatte sie verloren, daran zweifelte sie nicht. Die Entscheidung, sich zu ihm auf den Weg zu machen, war spontan aus der Not heraus geboren worden, ohne die geringste Ahnung, wie das Unterfangen im Einzelnen anzugehen war. Sie schüttelte den Kopf über sich. Das war wieder ganz sie selbst! Immer war sie zu sehr mit dem Augenblick beschäftigt, um sich um die nächsten Schritte zu kümmern.
Als sie langsam weiterging, fiel ihr an einem Häuschen nahe der Kirche die übliche Brotbank auf, wo die Dörfler ihr nahrhaftes, einfaches Schwarzbrot und manchmal auch schmackhafte Gewürzkuchen kauften. Zwei Frauen mit Körben über dem Arm standen vor dem offenen Stand und unterhielten sich mit jemandem darin. Zögernd ging Nellie auf sie zu. Der Duft nach frischem Backwerk stieg ihr in die Nase. Das letzte Stück des ihr von den Salzburgern mitgegebenen Brotes und den letzten Apfel hatte sie gegen Mittag aufgegessen. Seitdem war sie nun schon stundenlang unterwegs.
Ihr wurde schwindlig, der Boden schien auf sie zuzukommen, und sie lehnte sich an die kalte Mauer. Die beiden Frauen wandten sich ihr zu. Dann war die jüngere der beiden mit wenigen Schritten bei Nellie, die Hand an ihrem Arm.
»Hoppla, Deern, nicht umfallen! Was hast du, Mädchen?«
»Nichts, danke. Ich hab wohl länger nichts gegessen.«
Nellie versuchte zu lächeln und stieß sich sachte von der Wand ab. »Ich … ich suche jemanden«, fügte sie hinzu, als sie den mitleidigen Blick der Frau bemerkte.
»Wen suchst denn, Deern?«
Aus dem Fenster der Backstube schob sich ein weiß bemützter Männerkopf, zwei kräftige Unterarme mit hochgekrempelten, leicht bemehlten Hemdsärmeln legten sich auf die Holzvorrichtung, über die das Brot aus der Stube im Innern hinausgereicht wurde. An einem Haken im Holz hingen einige braune Pfefferkuchen, rechteckig mit vier Mandeln an den Enden. Nellie wandte den Blick ab.
»Was ist mit der Deern?«, fragte eine tiefe Männerstimme.
»Sie sucht jemanden!« Dann wieder zu ihr gewandt: »Wen suchst denn, Mädchen?«
»Meinen Cousin. Lawrenz. Lawrenz Becker. Kennt Ihr ihn? Er wohnt hier, in Wedensen.«
Die junge Frau legte überrascht den Kopf schief, während der des Mannes aus dem Brotbankfenster verschwand. Eine Tür ging, und der Bäcker selbst kam auf die Straße heraus. Er wischte sich die Hände an der Schürze ab, eine am Hinterkopf zugebundene weiße Mütze auf den dichten grauen Haaren, rasch übergestreifte Holzschuhe an den Füßen, die vor Matsch starrten.
»Cousin?«, fragte er im Näherkommen.
Er musterte Nellie aus hellblauen Augen. »Da würde ich mal meinen, es gibt mindestens vier Mädchen, die mich so nennen würden, und keine davon wohnt hier in der Nähe«, fuhr er fort. »Und dann meine ich mal als Nächstes, dass ich gerne wüsste, welche von den vieren du denn wohl bist?«
Nellie rutschte das Herz in die Magengegend.
»Die Älteste«, antwortete sie kaum hörbar.
Der Bäcker nickte bedächtig. »Dachte ich mir. Eleonore, was?«
Und dann kam doch noch rasend schnell der Boden auf sie zu, und vor Nellies Augen wurde es Nacht.
Sie schläft. Das arme Kind ist völlig erschöpft.«
»Frage mich, ob Ludwig weiß, wo sie ist.«
»Ludwig kümmert’s nicht! Mein Lieber, du weißt, was ich von deinem Cousin halte.«
»Ja, Frau, ich weiß es.«
»Aber ihre Mutter? Hast du nicht gesagt, die Mutter ist ganz anders?«
»Die ist eine gute Frau.«
»Aber welche Mutter lässt denn ihr Mädchen ganz alleine durch die Lande laufen?«
Nellie drehte den Kopf zu den Stimmen und öffnete die Augen, und mit einem Schlag war die Welt wieder da – der Abschied von Agnes Schlesier und der lange Tag voll unfroher Gedanken, der immer ärger nagende Hunger, der Alte an der Landstraße, der den Kopf über sie schüttelte: Wedensen, Deern!
Ach du je, nicht schon wieder umgekippt?, dachte Nellie und schwor sich, niemals wieder ohnmächtig zu werden. Das war ihr früher nie passiert!
»Meine Mutter ist tot«, sagte sie leiser, als sie es eigentlich wollte. Ihr Mund war trocken, sie hatte schrecklichen Durst.
Zwei erwachsene Gesichter und drei kleine am Tisch wandten sich ihr zu. Die Frau mit dem schmalen Gesicht unter der sauberen weißen Haube griff nach einem Tonkrug auf dem Tisch, goss Wasser in einen Becher und lief hinüber zu Nellie, die sich aufrichtete. Alles drehte sich sofort wieder um sie, aber sie blieb sitzen und sah sich um. Sie saß auf einem Strohlager mit liebevoll geflickten Decken in einem schlichten Zimmer zu ebener Erde. In einer Ecke führte eine Leiter hinauf unters Dach, von dessen rußigen Balken getrockneter Lavendel, Knoblauch und Kräuter hingen. Die Fenster des bescheidenen Heims waren klein und ließen das warme Licht der Abendsonne ein.
Dankbar nahm Nellie den Becher an und trank ihn aus. Cousine Kläre setzte sich zu ihr auf den Rand des Bettes und sah sie an. Ihr Gesicht war wettergegerbt, unter ihrer Haube schauten blonde Locken widerspenstig hervor.
»Tot?«, fragte sie behutsam. »Seit wann denn?«
»Schon lange. Hannes wird im Sommer acht.«
»Hannes?« Cousin Lawrenz trat neben seine Frau, die Hände in den Taschen. Er hatte die Bäckermütze abgenommen; darunter waren seine ergrauenden Haare lang und im Nacken zu einem Zopf gebunden. »Gibt’s wohl noch einen mehr von euch?«
Nellie hob den Blick, nickte dann nur und ließ sich von Kläre aufhelfen.
»Setz dich zu uns und iss, Eleonore«, sagte die Hausfrau.
Die Kinder am Tisch saßen wie die Orgelpfeifen in einer Reihe, und Nellie musste lächeln, als sie die Bande so dasitzen sah. Das hatte sie mit ihren Geschwistern so nie geschafft, außer der Vater war zur Mahlzeit daheim gewesen. Aber diese hier schienen nicht aus Furcht so brav dazusitzen, sondern wie selbstverständlich und weil es sich eben so gehörte.
»Richard, Reinhild und Gunda«, stellte die Mutter sie vor. »Gunda, hol einen Teller für Eleonore.«
»Nellie, bitte.«
Sie setzte sich an den Tisch, und jetzt zog der Duft einer würzigen Suppe in ihre Nase. Die älteste Tochter stellte einen tiefen Teller vor sie hin und legte einen Holzlöffel und ein großes Stück Brot daneben. In der Suppe schwammen sogar zwei Stücke Fleisch, und Fettaugen waren auch drauf, wie Nellie glücklich feststellte. Ihr Magen begann hörbar zu knurren. Doch als Nellie nach dem Löffel griff, wurde ihr augenblicklich übel. Sie schloss die Augen und dachte an ihren Vorsatz von vorhin, nie wieder umzukippen. Die Übelkeit verging. Kein Wunder, dachte sie, ihr Magen war ja auch völlig leer.
Als sie die Augen wieder öffnete, lag Kläres Blick prüfend auf ihr. Nellie lächelte und griff nach dem Brot.
Lawrenz zog sich den Stuhl am Tischende heran und setzte sich. »Erzähl mal, Kind«, sagte er.
Nellie sah ihn erschrocken an. Sie hatte sich überhaupt keine Geschichte zurechtgelegt, fiel ihr siedend heiß ein. Was sollte sie ihnen sagen? Sie durften sie auf keinen Fall zurückschicken zum Vater! Lieber würde sie in den nächstbesten Fluss gehen, wie es das Nachbarsmädchen getan hatte, mit der Nellie ihre wenigen Schuljahre verbracht hatte. Jedenfalls hatte der Vater gesagt, dass es so gewesen sei. Mehrere Kilometer flussabwärts hinter der Stadt hatte man sie Tage später aus dem Wasser geholt. Ein schöner Anblick sei es nicht gewesen.
Nellie ließ das Brot sinken, das frisch und warm war und herrlich nach Hefe und Körnern duftete.
Kläre, die an ihren Ofen getreten war, wandte sich um, ein Tuch in der Hand, und stemmte die Hände in die Hüften.
»Mann, lass sie erst mal essen!«, sagte sie. Und zu Nellie gewandt, als habe sie deren Befürchtungen gehört: »Niemand wird dich fortschicken, Nellie.«
»Danke … Cousine Kläre.«
»Kläre reicht. Du bist weggelaufen, stimmt’s?«
Mit großen Augen sahen die drei Kinder am Tisch sie an, und auch Lawrenz schien sich ihrer plötzlich wieder bewusst zu werden. »Ab mit euch«, sagte er zu seinem Nachwuchs, »Ziegen füttern, Richard, Hof fegen, Gunda, Reinhild, die Hühner? Los, wird’s bald!«
Mit großem Gehusche trieben die drei sich gegenseitig hinaus in die Abendsonne. Nellie sah ihnen nach und schluckte Tränen hinunter. Wie oft hatte sie Lotte, Louise und Klara so aus dem Haus oder ins Bett geschickt!
»Nicht ganz«, antwortete sie nun auf die Frage. »Der Vater hat mich fortgeschickt.«
Lawrenz stieß ein missbilligendes Grunzen aus. »Warum?«
»Er … er wollte mich nicht mehr bei sich haben«, sagte Nellie vage.
Die Eheleute warfen einander einen raschen Blick zu. Ehe ihr Mann etwas sagen konnte, wischte sich Kläre die Hände an ihrer Schürze ab und setzte sich an den Tisch. »Dann bleibst du erst mal hier. Wir haben nicht viel, aber wo fünfe satt werden, wird auch noch ein Sechster satt. Nicht wahr, Mann?«
Lawrenz grunzte wieder, aber dann sah Nellie etwas anderes als den offenbar üblichen mürrischen Ausdruck über sein Gesicht streifen. Etwas, das sehr an einen Lausbuben erinnerte.
»Eines ist aber auch klar«, sagte er. »Ich bezahle keinen Boten, um deinen Vater wissen zu lassen, wo du bist!«
Er warf unter gesenkter Stirn einen vorgeblich übellaunigen Blick zwischen den beiden Frauen am Tisch hin und her und stand auf. »Verstanden?«
Nellie sah zu ihm auf. Seine blauen Augen unter den buschigen, leicht von Mehlstaub gepuderten Brauen sahen sie einen Moment lang an, und Nellie nickte rasch. »Verstanden, Cousin Lawrenz.«
Er wandte sich ab und ging zur Tür. »Lawrenz reicht auch«, grummelte er.
Als sich die Tür hinter ihm schloss, spürte Nellie, dass eine Anspannung von ihr wich, die sich seit Tagen aufgebaut hatte. Sie war nicht so schlimm gewesen wie die ständige Furcht vor ihrem Vater, aber sie hatte das Gefühl, immerzu am Rande der Tränen gelebt zu haben, hin- und hergeworfen zwischen Trennungsschmerz und Angst vor dem Morgen.
»Du kannst mir beim Kochen und im Haushalt helfen«, sagte Kläre wie nebenher, als sie wieder aufstand und sich am Herd zu schaffen machte. »Da will ich ruhig zugeben, dass ich Hilfe brauchen kann! Gunda ist schon acht und geht mir kräftig zur Hand, aber sie soll in die Schule und was lernen, nicht wahr. Deine Mutter hat dich sicher kochen gelehrt, sobald du über den Herdrand schauen konntest, oder?«
