Die sinnlose Hoffnung einer Tomate - Jakob Wanken - E-Book

Die sinnlose Hoffnung einer Tomate E-Book

Jakob Wanken

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Beschreibung

Marvins Gefühlsduselei ist Maite egal, ihr scheint die Sonne aus dem Hintern und wenn nicht, ist auch das egal. Ihre Ungereimtheiten löst sie in der Regel mit dem Brecheisen. Manchmal mit Folgen. Marvin schiebt ihr die Verantwortung für missratene Versuche, eine ernsthafte Liebesbeziehung einzugehen, unter. Das macht die Sache für ihn etwas erträglicher. Marvin schlägt des Öfteren Zeit tot. Dann tut er Dinge, die er sonst nicht tut. Er kauft Tontöpfe und Topferde und sät Tomatensamen aus, im Spätsommer.

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Seitenzahl: 188

Veröffentlichungsjahr: 2021

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Jakob Wanken, geboren 1981 in der Schweiz, lebt und arbeitet in einer kleinen Zentralschweizer Stadt, zwischen Sonn- und Schattenberg. Die Tatsache, dass er es nie zustande brachte, in die benachbarte Stadt mit Seeanstoss umzuziehen, führt hin und wieder zu kleinen Wutausbrüchen. Zum Glück weiss seine Freundin ihn zu besänftigen.

Inhaltsverzeichnis

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

1

Marvin wusste nicht mehr genau, wann und weshalb er sich abhandengekommen war, aber er ging flöten. Möglicherweise war es an jenem Tag gewesen, als eine laute, abwesend wirkende Klimaschützerin mit der Absicht in See gestochen war, auf der anderen Seite des grossen Teiches den Strippenziehern noch vehementer klarzumachen, dass sie scheisse waren. Eigentlich eine einfache Sache, dieser Klimaschutz. Wird nur oft genug öffentlich wiederholt, dass Menschen am Drücker Drückeberger sind, wird damit scheinbar das Klima geschützt. Gehen dann noch ein paar schwänzende Schulkinder mit einem Transparent auf die Strasse, die dank Social Media zu teuren Freunden wurden, sinken gar die jährlichen Durchschnittstemperaturen. Marvin glaubte, da flöten gegangen zu sein – aber nicht nur da.

Eigentlich war er zu einem der grossen Detailhändler geschlendert, um einzukaufen; er hatte sich sogar zuvor die Mühe gemacht einen Einkaufszettel zu schreiben. Nun stand er vor den Tomaten in der Gemüseabteilung und strapazierte seine Entscheidungsfreudigkeit: Inland oder Ausland, bio oder giftig? Eine ältere Dame touchierte beim Vorbeigehen mit dem rechten Vorderrad ihres Rollators sein rechtes Fussgelenk, um ohne Umwege und Zeitverlust das Regal mit den Zitronen zu erreichen. Sein Knöchel schmerzte ehrlich und er versuchte der potentiellen Urgrossmutter böse Blicke zuzuwerfen; es interessierte sie nicht. Inwiefern ihre abgenutzten Sinne da hineinspielten, war ihm unklar und ihr egal. Die zielstrebige Dame nahm eine einzelne Zitrone aus dem Kistchen, drückte sie leicht in ihrer Hand, legte sie zurück und griff nach der nächsten. Diese Unverschämtheit wiederholte sie einige Male, bis sie sich für jene Zitrone entschied, die sie zuerst aus dem Kistchen genommen hatte. Sie riss mehrere Raschelsäckchen von der nächstgelegenen Rolle, sodass ihre Zitrone letztlich mit mehrlagigem Plastik vor der Umgebung geschützt war. Erst als sie die Plastikzitrone in das Körbchen des Rollators legte, fielen Marvin ihre von Arthrose gebeutelten Fingergelenke auf. Daraufhin verzieh er ihr die Rollator-Attacke auf seinen bereits wieder schmerzfreien Knöchel und auch ihr Zitronendrücken sah er nun eher als physiotherapeutische Gymnastikübung. Der mehrfarbige Batikpullover der älteren Dame hinderte ihn erneut daran, im Zusammenhang mit dem bevorstehenden Tomatenkauf vorwärts zu machen. Er betrachtete die abstrakten, teils unwillentlich entstandenen Muster auf ihrem Pullover und hörte sich murmeln: Die haben es auch zu nichts gebracht! – Der älteren Dame entging, dass aufgrund ihres Batikpullovers in ihm die Resignation hochstieg und sein Herz packte; es wäre ihr wohl auch gänzlich gleichgültig gewesen. Immerhin, dachte er, Auroville existiert noch immer, selbst wenn die einstige Hippie-Stadt vor allem dank freier Marktwirtschaft und zünftigem Tourismus weiterlebt. Aber sonst? All die hochtrabenden, betäubungsmittelbasierenden Ideen? Neue egalitäre Gesellschaftsstrukturen? Hat irgendetwas davon die Zeit überdauert? Und spätestens bei der Frage nach den Unterhaltszahlungen war auch die freie Liebe dann gar nicht mehr so frei. Den Klimaschützern wird es bestimmt ähnlich ergehen, befürchtete er. Irgendwann wird man beim Wandern in den hintersten Tälern abgelegener Regionen alternden Klimaschützern begegnen, in Batikpullovern vielleicht, aber sicher mit gezogenen Zähnen. Und während sich die Klimaschützer bergauf zu ihren handgemolkenen Ziegen bewegen werden, wird es mit dem Klima weiterhin bergab gehen. Bei diesem Gedankengang fühlte sich Marvin, trotz der wunderbar drapierten Tomaten vor ihm, durchaus verloren.

Ein im Einkaufswagen sitzendes Kleinkind, der Wagen stand inzwischen neben ihm, verlangte seine ganze Aufmerksamkeit. Während die Mutter des Kindes einen Plastiksack voll ‘Ausland & giftig’ zur Gemüsewaage trug, nahm es mit der rechten Hand den Schnuller aus dem Mund, zeigte mit der linken auf Marvin und schrie lauthals: Baba! Leicht beunruhigt versuchte er die Sache klarzustellen: Das ist nicht möglich, also theoretisch möglich schon, aber, nein, ich glaube nicht; ich kenne deine Mutter ja gar nicht. Und ausserdem habe ich lockiges, dunkles Haar und braune Augen und du hast blonde, pfeifengerade Haare und bist blauäugig. Ich bin eher ‘Peterli’, du vielmehr ‘Schnittlauch’. Der kleine Junge schien unbeeindruckt, zeigte erneut auf ihn und schrie in kindlicher Manier nach der väterlichen Bezugsperson. Marvin war am Ende mit seinem Latein und erleichtert, als die Mutter mit dem gewogenen und etikettierten Sack Tomaten zurückkam. Sie entschuldigte sich bei ihm in gebrochenem Englisch für das Verhalten ihres Buben, denn offenbar war das nicht zum ersten Mal passiert. Vielleicht müsste sich die Mutter einmal die unbequeme Frage stellen, weshalb ihr Kind wildfremden Männern den Schweiss auf die Stirn treibt. Sie legte den Sack Tomaten in den Einkaufswagen und fuhr mit Sack und Kind in Richtung Milchprodukte davon. Schliesslich entschied er sich für ein halbes Dutzend ‘Inland & bio’. Solange wir es uns noch leisten können.

Der Einkaufszettel verriet ihm, wie es weiterzugehen hätte: Biomilch, glatter Peterli, Recycling-Toilettenpapier und einen sauteuren Haftnotizblock. Den glatten Peterli zuerst; stand Marvin doch immer noch in der Gemüseabteilung. Das Kühlregal mit den frischen Kräutern war schnell gefunden. Sämtliche Kräuter waren als kleine Bünde zusammengeschnürt, in Plastikfolie eingeschweisst und etikettiert. Marvin nahm einen Bund eingeschweissten glatten Peterli und studierte die Etikette. Herkunft: Ägypten. Er überlegte kurz, ob er mit dem Kauf dieser Kräuter Ägypten finanziell unterstützen würde. Aber war Ägypten überhaupt auf seinen Beitrag angewiesen? Wäre der glatte Peterli aus Argentinien oder Brasilien, würde er ihn sofort in sein Einkaufskörbchen legen, ökologischer Unsinn und graue Energie hin oder her! Die Medien berichteten davon: In Argentinien bahnt sich wieder eine Wirtschaftskrise an und Brasilien müht sich mit einem rechtsextremen Präsidenten ab. Mit dem argentinischen Peterli würde er demnach der Wirtschaftskrise Paroli bieten. Mit dem Kauf des brasilianischen Peterlis gäbe er der Bevölkerung die Möglichkeit, sich von ihrem Präsidenten loszusagen. Aber Peterli aus Ägypten? Über Ägypten stand in letzter Zeit nichts in der Zeitung; denen scheint es gut zu gehen. Marvin legte den glatten Peterli zurück, griff nach dem krausen und studierte erneut die Etikette. Herkunft: Israel. Nach einem langen, tiefen Atemzug legte er den Bund in sein Körbchen und dachte: Passt sowieso besser zu meiner Frisur. Ich muss auf meiner Gartenterrasse endlich wieder selber Peterli aussäen! sagte er halblaut, schüttelte leicht genervt seinen lockigen Kopf und glich dabei dem krausen Peterli. Beim letzten Aussaatversuch in einer Blumenkiste frassen ihn die Weinbergschnecken weg. Entgegen der gängigen Meinung, Weinbergschnecken frässen nur abgestorbene Pflanzenteile, hatte Marvin mehrfach beobachten können, wie seine jungen Peterli-Keimlinge an den Raspelzungen von Weinbergschnecken allesamt ein viel zu frühes Ende gefunden hatten. Die Schnecken hatten sich – in ihrem Zeitempfinden – wie lauernde Füchse vor Mauslöchern verhalten: Erreichte ein Keimling die Erdoberfläche, wurde er unverzüglich weggeraspelt. Marvin hatte die Weinbergschnecken stets höflich in die anliegende Wiese getragen, aber es nützte alles nichts – es waren einfach zu viele. Gegen Weinbergschnecken in Kräuterbutter mit leichtem Peterliaroma wäre gar nichts einzuwenden gewesen, wäre da nicht der Naturschutz, der Weinbergschnecken vor Menschen schützt, aber Peterli nicht vor Weinbergschnecken.

Aus den Lautsprechern des Lebensmittelladens verkündete eine liebliche Frauenstimme, dass ein besonders fettarmer Quark derzeit günstiger zu haben sei: Der Quark habe fünfzig Prozent weniger Fett, dafür gäbe es zwei für einen. Marvin lief zum Kühlregal mit den Milchkartons. Aus den Lautsprechern war nun der Song ‘Father and Son’ von Cat Stevens zu hören. Marvin fragte sich noch, auf welche Weise dieser Song die Kauflust der Kunden positiv beeinflussen sollte, als er schräg gegenüber beim Kühlregal mit Quark und Joghurt erneut den schnittlauchhaarigen Buben und seine Mutter erblickte. Offenbar war dessen Schnuller unverhofft zu Boden gefallen und die Mutter dachte nicht im Traum daran, ihrem Schatz den kontaminierten Schnuller wieder in den Mund zu stecken. Sie begutachtete das Quark-Sonderangebot, während ihr Kleiner arg angesäuert mit hochrotem Kopf seine Stimmbänder testete. Aus dem Lautsprecher war nun die Passage ‘look at me, I am old, but I’m happy’ zu vernehmen. In diesem Moment entdeckte der Bub Marvin, streckte seine kleinen Arme in Marvins Richtung und… Marvin duckte sich blitzschnell hinter das Regal mit den Eiern. Aus den Augen aus dem Sinn, es funktionierte; der Junge war noch jung genug. Eine Zumutung! dachte Marvin und beschloss seinen Einkauf ein andermal fortzusetzen. In gebückter Haltung schlich er zur Kasse.

Er wählte den Self-Checkout, scannte Tomaten und Peterli, packte diese vorsichtig in seinen Rucksack und bezahlte mit der Bankkarte, als auf dem Checkout-Bildschirm der Schriftzug zur verpflichtenden Stichprobenkontrolle erschien. Daraufhin stellte sich ihm eine Detailhandelsangestellte vor, die höflich erklärte, dass sie nun zufällig drei gekaufte Produkte aus seinem Rucksack nähme, um zu kontrollieren, ob die entsprechenden Güter auch regelkonform von ihm gescannt worden seien. Er erklärte ebenso höflich, dass er heute aufgrund ungünstiger Bedingungen lediglich zwei Produkte schaffte. Das sei kein Problem, meinte sie, und hinter ihrem etwas zu gut gemeinten Lächeln blitzte kurz die Bitte auf, er möge die ungünstigen Bedingungen heute nicht weiter ausführen, heute bitte nicht. Marvin war diese erahnte Bitte noch so recht, und er streckte ihr den Rucksack hin. Während die Frau mit dem fassadenhaften Lächeln seine Tomaten und seinen Peterli kontrollierte, erklärte sie ihm: Diese Stichproben sind halt nötig, auch wenn per se niemand verdächtigt wird. Aber es gibt eben wirklich nichts, was es nicht gibt. Gerade eben wollte eine ältere Dame mit Rollator ohne zu bezahlen aus dem Laden rollen. Ist das zu fassen! Das konnte ich ihr natürlich nicht durchgehen lassen, die Zitrone musste sie bezahlen! Und angezeigt wird sie auch, natürlich, wegen Ladendiebstahls. Marvin merkte, wie die Schweissdrüsen seiner Handinnenflächen ihre Arbeit aufnahmen. Hoffentlich hatte er nicht in einem Anflug akuter Zerstreutheit noch irgendetwas in seinen Rucksack gestopft. In Anbetracht der kriminalisierten Rollatorfahrerin wäre ein Erklärungsversuch bei der Fassadenlächlerin wohl auf taube Ohren gestossen. Er rieb die Hände an seinen Hosen trocken. Sie gab ihm den Rucksack zurück, beteuerte, es sei alles in bester Ordnung und verabschiedete sich übertrieben freundlich.

Beim Verlassen des Lebensmittelladens sah er noch einmal die ältere Dame im Batikpullover. Sie sass auf ihrem Rollator und studierte die Wand mit den Kleinanzeigen. Im Grunde wollte er möglichst Distanz zwischen sich und den Lebensmittelladen bringen, dennoch stellte er sich neben die Zitronendiebin und begann die Angebote und Nachfragen zu lesen. Seniorenyoga: Gesund, solange es geht. Suche Zügelkisten, möglichst gratis. Schneeschuhe, Marke MRS, fast wie neu, günstig abzugeben. Yoga für Schwangere: Tun sie sich und ihrem Kind etwas Gutes. Pilates: Ganzkörpertraining in ihrer Nähe. All diese körperkultfördernden Dauerangebote im Gesundheitsmäntelchen, dachte Marvin. Heute dürfen Frauen nicht einmal mehr einfach nur schwanger sein. Bei der Geburt schaffen es die Kinder kaum mehr an all den gestählten Muskeln der Mütter vorbei ins Freie, und falls doch, dann gehen sie direkt in den Sonnengruss über. Marvin hatte genug gelesen, wandte sich ab und wollte gehen, als ihn die ältere Dame ansprach: Bist du Jurist? Marvin drehte sich zu ihr um und wusste nicht, ob er empört sein oder sich geschmeichelt fühlen sollte. Sie duzte ihn ohne Umwege, das passierte ihm in seinem Alter eigentlich nicht mehr. Auch hier, nur keine Zeit verlieren, dachte er und antwortete: Nein, arbeitslos. Aha, dann hast du ja Zeit mir kurz zu helfen. Ich möchte gerne eine Kleinanzeige schreiben; meine Finger lassen aber das Schreiben nicht mehr so recht zu. Würdest du für mich das Schreiben übernehmen? Solange ich nicht mit Zitronensaft schreiben soll. Marvin nahm eine leere Anzeigekarte von der Wand und suchte nach einem Kugelschreiber in seinem Rucksack. Was soll denn draufstehen? Schreib: Suche Anwalt wegen Zitronenklau, lukratives Honorar bei erfolgreichem Prozessausgang. Wollen sie das mit der Zitrone nicht lieber aussparen? fragte Marvin. Sie bestand darauf und sagte mit leicht vibrierender Stimme: Das muss sein, ist wichtig, sonst ist es für die Empfängerin unverständlich. Für die Empfängerin? dachte Marvin und schrieb, was sie ihm diktierte. Er fragte nach ihrer Telefonnummer. Die müsse man angeben, sonst könne sich niemand auf die Anzeige hin melden, versuchte er zu erklären. Das ist unwichtig, erfinde was! meinte die Dame. Sie stand auf, stützte sich auf ihren Rollator und watschelte davon. Marvin zog es vor, sich nicht zum Urheber gefakter Drohgebärden machen zu lassen, hatte aber Verständnis für die Absichten der älteren Dame. Also platzierte er die eben geschriebene Karte gut sichtbar in der Mitte der Wand für Kleinanzeigen, ohne Telefonnummer, und machte sich auf den Heimweg.

2

Es war nicht weit. Marvin ging wie immer zu Fuss. Einen motorisierten Untersatz konnte er sich momentan nicht leisten und sein Velo stammte noch aus der Kindheit. Für ihn war dieser Umstand nicht weiter tragisch, lediglich die Kaugummiaufkleber mit Michael-Knight-Motiven auf dem ganzen Rahmen konnte er weder sich noch seiner Umgebung zumuten. Also stand K.I.T.T. – so nannte er sein Velo früher – seit Jahren mit platten Reifen im Veloraum des Wohnblockes, wo Marvin seit dem Abbruch seines Studiums vor zwölf Jahren wohnte. Das beige Haus aus den späten Fünfzigerjahren lag auf der sonnenabgewandten Seite etwas zurückversetzt, weg von der Hauptstrasse, inmitten weiterer Bauten aus derselben Zeit und offenkundig auch vom selben Architekten.

Marvins Eineinhalbzimmerwohnung mit Gartenterrasse lag im Parterre des dreistöckigen Gebäudes. Er nannte sie liebevoll ‘seine Höhle mit Auslauf’. In einem fünfzehn Quadratmeter grossen Raum lebte, kochte, ass und schlief er. Einzig die Toilette mit Dusche war separat. Seit er eingezogen war, plagten ihn im Badezimmer Schimmel und gelegentlich auch Silberfischchen. Der Standpunkt des Hausmeisters war klar und deutlich: Das ist halt so bei gefangenen Badezimmern im Parterre. Ihn zu bitten, endlich etwas gegen diesen Missstand zu unternehmen, hatte Marvin längst aufgegeben und fand, dass nicht das Badezimmer, sondern vielmehr Herr Böckli, so hiess der Hausmeister, gefangen war – gefangen in seiner Meinung über Badezimmer im Parterre. Eine Zeit lang hatte Marvin versucht, die Silberfischchen mit natürlichen Gegenspielern loszuwerden. Als sich die Ohrwürmer aber in der ganzen Wohnung ausgebreitet hatten und ihnen die Silberfischchen im Badezimmer den Mittelfinger – beziehungsweise im Fall dieser Insekten wohl eher den mittleren Schwanzanhang – zu zeigen schienen, war es Marvin zu bunt geworden. Nach einer gründlichen Wohnungsreinigung waren die Ohrwürmer weg gewesen, nicht aber die Silberfischchen. Mit den silbrigen Zeitgenossen musste er sich wohl oder übel arrangieren. Irgendwo stand geschrieben, dass diese Tierchen zur Gruppe der bekanntesten Urinsekten gehörten und zudem völlig harmlos seien. Wahrscheinlich existierten sie seit mehr als dreihundert Millionen Jahren. Diese Faktenlage war für Marvin damals derart erdrückend gewesen, dass er im Kampf gegen die Silberfischchen seine Waffen streckte und akzeptierte, dass sie vor ihm da waren. Dem Schimmel aber versuchte Marvin nach wie vor mit Stosslüften Paroli zu bieten.

Zu Hause angekommen, öffnete er die Wohnungstür und rief, wie immer: Hallo Schatz, ich bin wieder da! Weshalb er diese Marotte hatte, wusste er nicht, denn die freundliche Begrüssung wurde nie erwidert. Vielleicht war sie eine Art Kampfansage an die Adresse des Schimmels. Er trat ein, zog seine Schuhe aus, legte Tomaten und Peterli auf die Küchenablage und riss das einzige Fenster der Wohnung auf – Stosslüften. Das Fenster war riesig und erstreckte sich, abgesehen von der Terrassentür, entlang der gesamten Wohnzimmerbreite. Wenn Marvin auf dem Bettsofa sitzend aus dem Fenster sah, konnte er die komplette Fläche seiner Terrasse überblicken. Das waren sicher noch einmal mindestens zehn Quadratmeter, ein Teil war mit Steinplatten ausgelegt, auf dem Rest wuchs ein moosiger magerer Rasen. Das serbelnde Grün wuchs lediglich so mager, weil rund um Marvins Terrasse eine dichte hohe Kirschlorbeerhecke wuchs, die leider nicht nur dem Rasen, sondern auch seiner Wohnung das Tageslicht nahm.

Anfangs dachte er, dass der Rasen nur wegen den Hunden so spärlich wuchs. Als er frisch in die Wohnung eingezogen war, hatte ihn Herr Böckli gefragt, ob er mit der elektrischen Heckenschere eine Lücke in seine Hecke schneiden solle, damit er, Marvin, auch vom Gehweg her auf seine Terrasse gelangen könne. Herr Böckli hatte die Heckenschere neu gekauft und entsprechende Einsatzmöglichkeiten gesucht. Marvin hatte sich mehrfach beim Böckli für diese gute Idee bedankt. Was er nicht wusste, damals war direkt neben seiner Terrasse eine neue Hundetoilette gebaut worden, ebenfalls dicht eingepackt hinter Kirschlorbeer. Mit der Lücke in seiner Hecke kamen auch die scheissenden Hunde mit ihren Herrchen. Damals hatte Marvin seine Terrasse selten nützen können. Er hatte sich sogar bei einem Telefondoktor erkundigt, ob Hundekot unter Umständen Erreger enthalte, die auch dem Menschen gefährlich werden könnten. Das sei sehr selten, wurde ihm gesagt. In dieser Kötersache hatte Marvin nicht nur Nachteile gesehen: So lernte er sämtliche Hunde und ihre Herrchen aus der Nähe kennen. Wobei das Wort ‘kennenlernen’ die Art der Begegnung womöglich nicht ganz richtig umschreibt. Vielmehr hatte Marvin die Tiere und ihre Halter aus sicherer Entfernung, von seinem Schreib-Esstisch aus, beobachtet. Am meisten beeindruckt hatten ihn zweifelsohne der Irische Wolfshund von schräg gegenüber und die Deutsche Dogge, die, glaubte Marvin zu wissen, an der Hauptstrasse wohnte. Es waren riesige Hunde, die beinahe die gesamte Terrasse in Anspruch nahmen. Hatten beide Riesen gleichzeitig das Bedürfnis nach Erleichterung, kam es auf Marvins Terrasse sogar zu Dichtestress. Beim Irischen Wolfshund ging das Scheissen flott, für die Dogge war es stets ein fürchterlicher Kraftakt. Marvin hatte es jeweils kaum mitansehen können. Er hatte sich sogar dabei ertappt, wie er beim Beobachten der scheissenden Dogge begann mitzudrücken. Ihr hatte diese freundlich gemeinte Solidarität aus der Distanz natürlich nicht geholfen und er musste danach zwingend auf die Toilette. Die Hinterlassenschaften der beiden Hunde waren proportional zu ihren Körpergrössen. Ihre Herrchen waren beide Dämchen. Sollte die gängige Meinung tatsächlich stimmen, dass sich Hundehalter, in diesem Fall Hundehalterinnen, und Hunde ähneln, waren bei diesen beiden Damen verstopfte Toiletten vermutlich an der Tagesordnung. Irgendwann waren dann die Hundetoiletten in seiner Stadt wieder verschwunden. Sie rentierten nicht, hiess es, weil die Hundehalter mit ihren Lieblingen lieber ein jungfräuliches Plätzchen aufsuchten, anstatt in die mit der Zeit übel stinkenden Hundeklos zu gehen. Für Marvin ein Rätsel: Angesichts der Schnüffel- und Markierfreudigkeit von Hunden, musste ein Hundeklo doch einer Bibliothek mit abertausenden von Büchern beziehungsweise Düften gleichkommen. Oder waren es eher die Hundebesitzer, die die Geruchsemissionen wenig schätzten? Für die Stadtverwaltung war allerdings klar: Diese Unterhalskosten konnten eingespart werden. Aber auch nach dieser Sache wuchs der Rasen seiner Terrasse nur spärlich. Was blieb war die Lücke in seiner Kirschlorbeerhecke und ein gelegentlicher Irrgast auf vier Pfoten mit der Absicht abzuladen.

Marvin setzte sich an seinen Schreib-Esstisch auf dem sein Tablet lag, nahm es in die Hand, tippte die Nachrichten-App an und startete die Ausgabe der letzten Tagesschau. Der Hauptbeitrag handelte von einer amerikanischen Drohne, die von den Iranern unsanft vom Himmel geholt wurde. Die iranische Seite behauptete, die Drohne sei in ihren Luftraum eingedrungen. Der US-amerikanische Präsident seinerseits bestritt dies und drohte mit Vergeltung. Die lassen ihre Köter auch lieber in fremde, herrlich duftende Gärten kacken, als dass sie ihre eigenen, fürchterlich stinkenden Hundetoiletten auf Vordermann bringen würden, dachte Marvin. Und dass der Präsident einer Weltmacht denselben Vornamen trug wie eine dümmliche Comic-Ente, machte für ihn die Sache irgendwie nicht vertrauenswürdiger. Am Ende sind die noch im Stande einen Krieg anzuzetteln, nur um ihre eigenen Hundeklos nicht reinigen zu müssen. Und das Ganze würde mit ‘Wahrung des Gesichts’ begründet, vermutete Marvin. Vollidioten!

Er schaltete das Tablet aus, stand auf, lief zum Kühlschrank, nahm eine Schüssel Taboulé-Salat von gestern raus und stellte sie auf die Küchenablage. Kurz nahm er sein Mobiltelefon aus dem Hosensack und las die Uhrzeit ab, 17:30 Uhr. Darf ein Arbeitsloser jetzt schon sein Nachtessen zubereiten? fragte er sich und beschloss: Ja, er darf. Schon gestern hatte er das Verhältnis von Couscous, Tomaten und Peterli nicht sehr ausgewogen gefunden. Zwar entnahm er die Mengenverhältnisse dem Rezept einer ehemaligen Politikerin, die sich vor einiger Zeit mit einem Küchenrezepte-Blogg einen Namen gemacht hatte. Marvin schaute in die Schüssel. Der Taboulé-Salat war mehrheitlich braun, ihm fehlte offensichtlich die rote und die grüne Farbnuance. Er überlegte, ob die Küchenrezept-Bloggerin damals ganz rechts aussen politisierte, konnte sich aber nicht daran erinnern. Naja, politische Erfahrungen machen sie nicht automatisch auch zur Expertin für arabische Küche, dachte er und war fest entschlossen, dem monotonen Salat Geschmacks- und Farbenvielfalt einzuhauchen. Auf einem Schneidbrettchen, das er von seiner Mutter zum Fünfunddreissigsten erhalten hatte, wurden die gewaschenen Tomaten und der für einmal krause Peterli kleingeschnitten und unter den alten Salat gemischt. Heute spar ich mir den Teller, dachte er trotzig, holte sich eine Gabel aus dem Küchenschränkchen und setzte sich draussen mit der Schüssel auf einen der zwei Gartenstühle. Geistesabwesend starrte er auf die Lorbeerhecke und schaufelte einige Gabeln des aufgemotzten und nun politisch korrekten Taboulé-Salats in sich hinein; bis seine Backen zu bersten drohten. Dann mampfte er in den spätsommerlichen Vorabend hinein und fühlte sich dabei wie ein widerkäuender Ziegenbock. Vor ihm setze sich eine Elster mit einem wunderbar, grün glänzenden Schwanz in den bedauernswerten Rasen. Vermutlich spekulierte sie darauf vom Taboulé-Salat etwas abzubekommen; der schlaue Vogel. Nach einem schackernden Laut stob die Elster davon. Kurz darauf hörte Marvin über sich ein Geräusch, das ihn an tanzende Wäsche erinnerte, die bei starkem Föhn zum Trocknen nach draussen gehängt wird. Er schaute nach oben: Die Andric, die Nachbarin vom ersten Stock, schüttelte ihren Bettvorleger über ihm aus. Als sie ihn sah, stoppte sie den Tanz ihres Teppichs sofort, aber es war bereits zu spät. Marvin schaute, immer noch mit vollem Mund, nach unten in die Schüssel; der Salat war garniert mit weissen Haaren einer Angorakatze. Marvin konnte den Taboulé-Salat nicht bei sich behalten. Die Andric entschuldigte sich so gut sie konnte: Ich muss halt irgendwann meine Wohnung putzen, Sorry! Kein Problem, Daniela, nichts passiert, bagatellisierte Marvin und dachte: Und der ganze scheiss Dreck landet dann bei mir! Und vor allem die Haare dieser eingebildeten Langhaarkatze! Daniela Andrics schneeweisse Angorakatze war ihr Ein und Alles. Freya, so hiess die Katze, wurde nach einer nordischen Göttin benannt – der Liebesgöttin. Nur schon beim Gedanken an die Katze wurde Marvin ganz flau im Magen. Die Katze war eine Hauskatze und durfte nicht raus. Sie wäre draussen vermutlich in eine Art Blutrausch geraten, hätte reihenweise Vögel und Eidechsen gekillt – nur gekillt natürlich – hätte sich danach das Lätzchen umgebunden und zur Belohnung ein Schälchen glutenfreies, mit Omega-3-Fettsäueren angereichertes Katzenfutter gefressen. Normalerweise hockte sie auf dem Fenstersims und schaute mit trüben Augen den Vögeln nach; niemand hatte Mitleid mit ihr. Aber Daniela Andric liebte sie. Vor einigen Jahren gab es in der Wohnung über Marvin auch noch einen Daniel. Der suchte allerdings das Weite, als die Andric von ihm verlangt hatte, ein T-Shirt mit dem Konterfei von Freya zu tragen. Ob das wirklich stimmte, wusste Marvin nicht, aber auf jeden Fall geisterte diese Geschichte ungefähr so im Treppenhaus umher. Eigenartigerweise trat sie immer dann wieder in Erscheinung, wenn Freya aus