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Konflikte sind vorprogrammiert: Acht Teilnehmer eines Selbsterfahrungsseminars aus Hessen unternehmen eine einwöchige Reise durch das Wattenmeer. In der Enge eines alten Segelschiffes prallen die unterschiedlichsten Charaktere aufeinander. Besonders zwischen Boris, dem esoterisch angehauchten Leiter der Gruppe, und der kratzbürstigen holländischen Skipperin Eske kommt es zum Streit, der sich bald in eine Hassliebe steigert. Vor Borkum gerät das Schiff in Seenot. Danach hat sich an Bord alles verändert.
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Seitenzahl: 201
Veröffentlichungsjahr: 2019
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Samstag
Von Horumersiel nach Minsener Oog
Sonntag
Von Minsener Oog nach Wangerooge
Montag
Von Wangerooge nach Spiekeroog
Dienstag
Von Spiekeroog nach Langeoog
Mittwoch
Von Langeoog nach Norderney
Donnerstag
Von Norderney nach Juist
Freitag
Von Juist nach Greetsiel
Von Horumersiel nach Minsener Oog
Es war schon aberwitzig, und wenn die junge Holländerin nicht so angespannt gewesen wäre, hätte sie losgelacht. So aber stellte sie ihren Teebecher etwas zu heftig auf die Reling und ein Teil der braunen Flüssigkeit schwappte heraus.
“Leben ganz im Hier und Jetzt”, stieß sie spöttisch hervor und sah eine Möwe auf dem Poller vorwurfsvoll an. “Sie sind jetzt weder hier, noch haben sie einen Anflug von Pünktlichkeit. Seit zwei Stunden überfällig!”
Eske tom Dijk war seit einem Jahr Skipperin des alten Traditionssegelschiffs "Hope of Zegen“. Das Schiff wurde regelmäßig verchartert. In dieser Woche sollte sie mir einer achtköpfige Gruppe durch das ostfriesische Wattenmeer segeln. Ein Selbsterfahrungs-Seminar. Thema eben: Leben ganz im Hier und Jetzt. Ein Guru mit seinen sieben Jüngern. Sieben Tage sollte die Reise dauern und entlang der ostfriesischen Inseln von Hooksiel nach Greetsiel führen.
Und nun lief ihr die Zeit davon. Sie hatte dem Leiter des Seminars, einem gewissen Boris, wiederholt eingeschärft, dass die Gruppe spätestens um 7 Uhr morgens am Hafen zu sein hatte.
"So früh?”, hatte Boris matt ins Telefon gestöhnt. Wahrscheinlich war er an Erleuchtung und Erweckung zu wesentlich freundlicheren Tageszeiten gewöhnt. „Die Tide wartet nicht”, hatte Eske ihn kurz beschieden. „Wenn wir am Samstagabend auf Wangerooge sein wollen, müsst ihr pünktlich sein.” Dann hatte sie aufgelegt.
Jetzt war es fast neun, das Wasser stieg und der Fleugel der "Hope of Zegen" flatterte in einem munteren Südostwind. Die Zeit wurde knapp. Die Flut lief bis etwa zehn Uhr auf, und wenn sie bis dahin nicht die flachen Stellen im Wattfahrwasser nach Wangerooge passiert hätten, würden sie es nicht mehr auf die Insel schaffen.
Wieder griff Eske zum Handy und versuchte, den Rheinhessen-Guru mit Wattenmeer-Ambitionen zu erreichen. Und erneut war es die Mailbox. Ein süßliches Sitargebimsel bildete das Intro, dann ließ der Meister sich selbst vernehmen. Er danke, so durfte man hören, dem Anrufer für die Freundlichkeit, mit ihm Kontakt aufzunehmen. Leider sei er gegenwärtig telefonisch nicht erreichbar. „Du kannst mir aber sehr gerne”, raunte es weiter, „eine Botschaft nach dem Signalton hinterlassen. Viele Informationen über meine Seminare und meine Arbeit findest du auch im Internet unter www.sei-ganz-im-Hier-und-Jetzt.de”
„Ich hätte freundlicherweise eine Information darüber, wann du HIER bist! Ruf mich an, und zwar JETZT!”, blaffte Eske in das iPhone. „Du bist zu spät, zwei Stunden zu spät.“ Dann steckte sie das Mobiltelefon in die Seitentasche ihrer Seglerjacke und stapfte auf das Vorschiff.
Wenigstens ihren Bootsmann wollte sie jetzt sehen! Wütend hämmerte sie mit der Faust auf das Deckenluk. „Hans-Dieter-Bindestrich! Reise reise! Raus aus der Koje, weißt du eigentlich, wie spät es ist?”
Erst tat sich gar nichts. Dann hörte man ein Rumoren, ein Krachen und ein Stöhnen. Schließlich öffnete sich das Luk einen Spalt breit und ein fast kahler Schädel kam zum Vorschein. Hans-Dieter kniff die Augen fest zusammen, um sich vor dem Sonnenlicht zu schützen und blinzelte vorsichtig. Als er seine Skipperin erkannte, zog er sich einige Zentimeter zurück.
„Was bölkst du denn so?“, brummte er und stöhnte dann.
„Hast du einmal auf die Uhr geschaut?“, keifte Eske. „Es ist gleich neun. Wir müssen die Gäste in Empfang nehmen, das Gepäck verstauen und alles für die Abfahrt vorbereiten. Und du liegst in der Koje und schläfst deinen Rausch aus.“
„Aha“, machte der Hans-Dieter bedächtig und rieb sich seinen Schädel. „Wo sind die Herrschaften denn?“
„Das möchte ich auch wissen. Keine Spur von ihnen. Und ans Handy gehen sie auch nicht.“
„Bestimmt ausgeschaltet. Wegen der Strahlung.“ Der Tonfall des Bootsmannes ließ keinen Zweifel zu, was er über solche Gesundheitsapostel dachte. Dann verschwand der Kopf wieder im Inneren des Schiffes, man hörte einiges Herumgekrame und schließlich kletterte der Bootsmann den Niedergang hinauf und ließ sich auf die Backskiste neben Eske fallen.
Eskes Zorn verrauchte. Lange konnte sie dem alten Fahrensmann ohnehin nie böse sein. Wortlos schob sie ihm ihren halbvollen Teebecher hinüber. Der nahm ihn dankbar an.
„Mein Kopf”, stöhnte er und nahm einen tiefen Schluck.
„Du Armer!“, säuselte Eske. „Kommen deine Schmerzen daher, dass du dir gerade deinen Charakterschädel am Deckspant eingeschlagen hast oder liegt es am Bessen Jenever gestern Abend? Hatten wir da vielleicht mal wieder etwas zu tief ins Glas geschaut?”
Hans-Dieter Bindestrich nahm einen kräftigen Schluck Tee und stierte auf den Boden des Steingutbechers. Wie sollte ein alter Matrose es auch anders ertragen können, dass sein geliebtes Schiff von einer Horde von Verrückten belagert werden würde? Verstohlen kratzte er sich am Kopf und befühlte die Beule, die sich zu bilden begann.
„Hast du denn wenigstens alles erledigt, was ich dir auf den Zettel geschrieben hatte?”, wollte Eske wissen. „Einkäufe, Proviant, Trinkwasser?“ Aber gerade, als Hans-Dieter Bindestrich zu einer längeren Erklärung ausholen wollte, kam ein altertümlicher, bunt bemalter VW-Bus laut hupend durch das Sieltor gefahren und hielt mitten in einer Pfütze aus Altöl, Fischresten und Regenwasser.
„Da sind sie!”, entfuhr es Eske und Hans-Dieter Bindestrich unisono.
Alle Teile des alten VW-Busses klapperten. Boris trat das Gaspedal bis zum Bodenblech durch. Der Motor heulte beleidigt auf. Die Tachonadel kletterte von 90 auf 91 km/h und schließlich auf 92. Mehr war nicht drin!
Boris seufzte: Immer kam er zu spät! Und entscheiden konnte er sich auch nie. Als er gefragt wurde, ob er das Seminar übernehmen könne, weil die eigentliche Kursleiterin Jessica sich das Bein gebrochen hatte, hätte er einfach nein sagen müssen. Nein, tut mir leid, nein. Stattdessen hatte er sich Bedenkzeit ausgebeten, hatte herumlaviert und schließlich war es für eine Absage zu spät gewesen.
Er hasste Norddeutschland, die Küste und das Wattenmeer. Bei Jessica war es etwas anders, sie stammte aus einem kleinen Fischerdorf nördlich von Bremerhaven und war von der Idee, ein Selbsterfahrungsseminar unter dem Einfluss von Gezeiten, Wind und Wetter auf einem Segelschiff zu veranstalten, völlig begeistert. Ihm dagegen grauste es vor der Nässe, der Enge des Schiffes und den Unbequemlichkeiten, die das Bordleben mit sich bringen würde.
Und vor der Skipperin des altmodischen Kahns! Er sah sie überdeutlich vor seinem inneren Auge: eine frustrierte, herrische, untervögelte Ziege, die ihre Unzufriedenheit als befehlsgewaltige Schiffsführerin kompensieren konnte. Mit Sicherheit fett, pickelig und hässlich wie die Nacht! Ein paar Mal hatten sie E-Mail-Kontakt gehabt, einige wenige Male auch miteinander telefoniert - das hatte ihm gereicht. Er hatte sich Vorträge über Pünktlichkeit, Zuverlässigkeit und „die Flut wartet nicht” anhören müssen, er hatte „ja, ja“ gesagt und die Ohren auf Durchzug geschaltet. Blöde, dass er jetzt schon fast eine Stunde zu spät war, um seine Seminarteilnehmer einzusammeln. Sie hatten dann noch eine vierstündige Autobahnfahrt vor sich und mit dieser lahmen Gurke von VW-Bus bestanden wenig Chancen, die Zeit wieder einzuholen.
Die Seminarteilnehmer - das waren die nächsten Steine in seinem Magen. Boris war an Heimspiele gewöhnt: Audienzen im Shanti-Zentrum Nieder-Olm, wo sanft lächelnde Althippie-Frauen begierig an seinen Lippen hingen. Dieses Seminar auf dem blöden Äppelkahn würde anders verlaufen und seine Teilnehmer waren aus einem anderen Holz geschnitzt, das hatte er den Anmeldeunterlagen schon entnommen.
Leben ganz im Hier und Jetzt! Wie konnte Jessica nur auf diesen Titel kommen? Boris fluchte. Als das Seminar noch Wochen vor ihm lag, war er unbesorgt gewesen. Ihm würde schon noch etwas einfallen, so war es immer gewesen.
Dann aber war der Termin näher und näher gerückt und Boris fiel nichts ein. Man brauchte eine innere Leichtigkeit, um auf gute Ideen zu kommen, und genau die wollte sich nicht einstellen. Er hatte es mit Meditation und Versenkung versucht und war mit seinen neuen in-ear-Ohr-hörern mit Außengeräuschunterdrückung bei esoterischer Musik durch den Park geschlendert und dabei fast mit einer Bikerin kollidiert, deren wütendes Klingeln er nicht gehört hatte. Aber eine gute Idee hatte sich nicht eingestellt.
Immer nervöser war er geworden. Gestern schließlich hatte er einen Joint geraucht und eine dreiviertel Flasche Rioja niedergemacht, wodurch wenigstens der Druck geringer geworden war. Joint und Rotwein hatten allerdings auch bewirkt, dass er heute verschlafen hatte und nun zu spät dran war.
Endlich erreichte er den Treffpunkt. Der Parkplatz vor dem riesigen Einkaufszentrum war zu dieser Zeit menschenleer, bis auf eine kleine Gruppe, die frierend in der Ecke stand.
Boris hupte zweimal und umrundete die Wartenden. Dann setzte er ein gewinnendes Lächeln auf, hielt an und versuchte, die Schiebetür des VW-Busses zu öffnen. Das blöde Ding klemmte wieder. Endlich bekam er sie auf und lächelte die wartende Gruppe voller Güte und Sendungsbewusstsein an: „Einen wunderschönen guten Morgen!“, rief er den Menschen zu, die sich da aufgemacht hatten, ihre innere Tiefe zu erforschen und zu sich selbst zu finden. „Ich begrüße euch aus tiefstem Herzen!“
„Pünktlichkeit ist wohl nicht ihre Stärke“, blaffte es aus dem Kreis zurück. Eine stämmige Mittfünfzigerin fuchtelte wütend mit ihrem Handtäschchen herum. „Wir haben schon bei der Agentur anrufen, um uns zu beschweren. Aber die liegen wohl auch noch alle in den Federn. Keiner hatte es nötig, ans Telefon zu gehen.”
Mein Gott, dieses Walross mit Damenbart will doch nicht etwa mit, dachte Boris. Doch, sie wollte. Ihr Name, so ließ sie sich lautstark vernehmen, sei Starenberg-Krollmann und sie habe diese Reise als Auszeichnung dafür gewonnen, dass sie Lehrerin des Jahres 2013 im Landkreis Mainz-Bingen geworden sei. Und sie müsse sich über die schlechte Organisation dieser Veranstaltung jetzt schon ziemlich wundern.
“Genau darum wird es in den nächsten Tagen gehen”, entgegnete Boris und versuchte, den aufkommenden Zorn in eine Energie der Versöhnung und des Verständnisses zu transformieren. „Das Leben in diesem Moment, im Jetzt, wahrzunehmen, nicht nach der Zukunft und der Vergangenheit zu schielen.”
„Dann können Sie jetzt schon mal mein Gepäck verstauen, junger Mann”, keifte das Walross zurück. „Mein Gott, in dieser Rostlaube sollen wir bis Norddeutschland fahren? Hat die überhaupt noch eine TÜV-Zulassung?”
Boris überhörte das geflissentlich und sah an den beiden übergroßen Reisekoffern vorbei, die hinter dem Walross auf ihre Verladung warteten. „Ich begrüße euch zu unserer Reise zum Meer und zu unserer eigenen inneren Tiefe” begann er. „Wenn ihr einverstanden seid, werden wir uns in den nächsten Tagen duzen. Mein Name ist Boris, man nennt mich aber auch Ashoka, das ist Sanskrit und heißt der Liebende”.
„Ha”, schnaubte das Walross.
Die anderen hießen Karin, Kalle, Thomas und Klaas. Widerwillig verriet das Walross, dass es Jutta hieß. Jutta Starenberg-Krollmann.
Boris zählte durch: Es waren fünf. Es hätten aber sieben sein müssen.
„Leider, liebe Freunde, sind wir noch nicht ganz vollzählig. Zwei der Teilnehmer sind noch nicht eingetroffen. Bestimmt werden sie sehr bald kommen.“
„Und wer fehlt noch?”, hakte das Walross nach.
Das hätte Boris auch gerne gewusst, blöderweise hatte er die Mappe mit den Unterlagen auf dem Küchentisch liegen lassen.
„Zwei Teilnehmer fehlen halt noch“, wiederholte Boris wenig geistreich.
Bevor Jutta Starenberg-Krollmann ihm weiter auf den Zahn fühlen konnte, raste ein Taxi um die Ecke, hielt an und spuckte eine elegante Lady, ein Teenie-Girl sowie eine Unzahl von Gepäckstücken aus. Dankbar verließ Boris die Gruppe der Wartenden und eilte zu dem Taxi hinüber.
„Guten Morgen! Ihr seid spät dran, aber ihr seid da, und das ist das einzig Wichtige! Willkommen in unserem Seminar Leben ganz im Hier und Jetzt! Ich bin Boris, euer Seminarleiter, der euch bei allem begleiten wird.”
„Ach, du Scheiße!”, ätzte der Teenie, eine vielleicht 14-jährige Jugendliche mit knallroten, strähnigen Haaren und einem Nasenpiercing. Das Mädchen kaute gelangweilt auf einem Kaugummi herum, blies eine große Blase auf, ließ sie platzen und klebte die Reste auf das Dach des Taxis.
„Das Kind bringt mich um”, stöhnte die Lady gequält und wühlte in ihrer großen Handtasche herum. Endlich hatte sie gefunden, was sie suchte: eine halbzerquetschte Zigarettenpackung. Sie fischte sich eine Eve aus dem Etui und steckte sie sich zwischen die Lippen. „Christine”, stellte sie sich bei Boris vor. Ihre Hände zitterten. „Hast du mal Feuer?”
Boris hatte. Es brauchte mehrere Versuche, bis das Feuerzeug brannte. Die Frau umgriff die Flamme, um sie vor dem Ausgehen zu schützen. Für eine Sekunde spürte Boris ihre Hände kühl an seiner Haut. Christine entzündete ihre Zigarette, nahm einen tiefen Zug und blies den Rauch durch die Nase in die Morgenluft.
„Ähem”, machte der Taxifahrer, der immer noch auf seine Bezahlung wartete.
„Ach Entschuldigung!” Christine schrak auf und reichte ihre Zigarette Boris, um mit beiden Händen in den Tiefen ihrer Handtasche nach dem Portemonnaie suchen zu können. Boris hielt die Zigarette zwischen seinen Fingern und besah das glimmende Etwas nachdenklich. Dann führte er die Eve an seinen Mund, umschloss das Filterstück genau dort, wo Christines Lippenstift einen tiefroten Abdruck hinterlassen hatte und nahm einen tiefen Zug.
Er musste husten. „Rauchen ist schädlich, Alter”, griente der Teenie. „Meine Mama erklärt dir das gerne. Pass mal auf!” Und schon hatte das Mädchen sich die Zigarette geschnappt und einen Lungenzug inhaliert.
„Madita!”, kreischte Christine und stopfte dem Taxifahrer das Geld in die Hand. „Spinnst du? Rauchen ist ungesund! Gib die Fluppe her! Aber sofort!”
„Siehste!”, feixte Madita triumphierend und versteckte die Zigarette hinter ihrem Rücken. Mutter und Tochter kämpften eine Weile, bis Christine sich ihre Eve wiedererobert hatte.
Der Taxifahrer zählte das Geld nach, entfernte mit einem Tempotaschentuch den Kaugummi vom Autodach, hauchte die Stelle an und polierte mit einem zweiten Tuch nach. Dann knallte er die Autotüren zu und brauste mit quietschenden Reifen davon.
Endlich waren alle Gepäckstücke und Mitreisende verstaut. Der alte VW-Bulli ächzte bedenklich in seinen Blattfedern.
Boris blickte auf sein Handy. Sie waren spät dran, sehr spät. Auf dem Smartphone waren fünf SMS eingegangen, alle von dieser aufgeblasenen Eske tom Dijk; die letzten drei mit vielen Ausrufungszeichen.
Die konnte ihn mal! Boris feuerte das Handy ins Handschuhfach und startete den Motor, der nach einigem Orgeln und mehreren Fehlzündungen endlich ansprang.
Als sie nach fünfstündiger Fahrt endlich in Horumersiel ankamen, war Boris überrascht: Der Segler sah aus wie aus einem Museum - ein breites, holzschuhähnliches, altertümliches Schiff mit braunen Segeln und zwei großen Seitenschwertern. Auf dem Vorschiff aber stand eine strohblonde, überhaupt nicht altertümlich wirkende Frau, die ziemlich zornig schaute.
Und das, so musste Boris zugeben, stand ihr gar nicht schlecht.
Bereits eine halbe Stunde später lief die „Hope of Zegen“ aus. Das Wattenfahrwasser schlängelte sich vom Horumersieler Hafen in wilden Windungen zur Jade. Dünne Birkenstämme, die Pricken, kennzeichneten seinen Verlauf. Einige von ihnen nickten, als ob in der Tiefe, weit unter der Wasseroberfläche ein unsichtbarer Geist hocken und an ihnen wackeln würde.
Eske tom Dijk hatte sich ganz nach vorne verzogen, auf die Back des alten Segelschiffes. Die Bugwelle rauschte, und immer, wenn das Schiff in eine Woge der leichten Dünung eintauchte, spritzte die Gischt in einem Kragen von Wassertropfen voraus. Das monotone Geräusch dämpfte alle anderen Töne, selbst das Tuckern des Schiffsdiesels war kaum noch zu hören.
Ihr überstürzter Aufbruch hatte nicht den Regeln einer guten Seemannschaft entsprochen. Für eine Einweisung und für Sicherheitsbelehrungen der Seminarteilnehmer war einfach keine Zeit gewesen. Während die Gäste ihre Sachen unter Deck brachten, hatten Hans-Dieter Bindestrich und Eske die Festmacherleinen losgeworfen und waren mit der „Hope of Zegen“ auf Fahrt gegangen.
Stundenlang hätte Eske nur in die Bugwelle starren können, aber sie zwang sich, den Blick abzuwenden. Auf dem Achterschiff fanden sich nach und nach die Seminarteilnehmer ein. Sie umringten den Bootsmann, der mit grimmigem Blick am Ruder stand und versuchte, sich der dümmlichen Fragen der Landratten zu erwehren.
Eske blickte wieder nach vorne. Ob sie es noch über die Untiefen vor Wangerooge schaffen würden?
Plötzlich übertönte lautes Geschimpfe das harmonische Rauschen des Wassers. „Ich glaube, ich spinne! Das geht ja nun gar nicht!“, hörte sie ihren Bootsmann lospoltern. Hans-Dieter war vor Wut rot angelaufen und fuchtelte mit den Armen wild in der Luft herum. Eske eilte nach achtern um nachzusehen, was da geschehen war.
Neben Hans-Dieter Bindestrich stand Christine als Lady in Red in hochhackigen Pumps. Sie inhalierte gerade einen tiefen Zug aus ihrer dünnen, langen Zigarette und beobachtete den tobenden Mann neben ihr emotionslos.
„Mit solchen Schuhen kannst du an Bord nicht herumlaufen“, bollerte der weiter. „Das ist ein Teak-Deck und kein Laufsteg im Puff!“
„Kein Laufsteg im Puff“, wiederholte Christine langsam und blies ein Wölkchen Nikotin in Richtung des Bootsmannes. „Anscheinend weißt du ja ganz gut, wie es im Puff aussieht.“
„Und wenn schon! Da laufen solche Schicksen wie du rum. Zieh sofort die Dinger aus!“, schrie der Altmatrose erbost und steuerte das Schiff auf der falschen Seite an den Pricken vorbei. Eske griff korrigierend in das Ruder und gab Hans-Dieter einen warnenden Stoß zwischen die Rippen. Dessen Kopf lief noch mehr an.
„Ausziehen? Aber gerne doch!“, antwortete Christine. Dann streifte sie sich im Zeitlupentempo die Schuhe mit den Pfennigabsätzen von den Füßen und wedelte damit dem Bootsmann vor der Nase herum.
„Die Strümpfe“, äußert sie sich, „sind dann ja wahrscheinlich auch nicht richtig. Hier, halt mal!“
Mit diesen Worten drückte sie ihm ihre sexy Riemchenschühchen in die Hand. Hans-Dieter Bindestrich blieb der Mund offen stehen. Wie versteinert stand er da, zwei zierliche Absatzsatzsandaletten in roter Lackoptik in der schwieligen Seemannsfaust haltend. Die "Hope of Zegen" war schon wieder dabei, das Fahrwasser zu verlassen. Für den alten Seemann, der problemlos ein Schiff ohne Kompass in tiefster Nacht nur über den Zug des Windes auf seiner Wange navigieren konnte, war das offenbar zu viel! Christine aber streifte sich nun die halterlosen Strümpfe herunter, erst links, dann rechts. Dann nahm sie die Schuhe wieder an sich und feuerte alles zusammen in eine Ecke.
„Zufrieden?“, fragte sie und deutete auf ihre Füße. Die Fußnägel waren knallrot lackiert; exakt im gleichen Ton wie die Fingernägel.
Hans-Dieter Bindestrich schob die Landratten, die wie üblich im Wege standen, beiseite, legte hart das Ruder und brachte das Schiff auf den neuen Kurs. Der Ebbstrom hatte eingesetzt und lief gegen einen frischen Nordwestwind an. Eine kurze, steile Dünung hatte sich gebildet. Es war schlagartig frisch geworden. Die Gischt der Bugwelle spritzte über das Schiff. Immer, wenn die "Hope of Zegen" sich gegen eine besonders hohe Woge warf, bekamen die Crewmitglieder einen Regen aus Salzwassertropfen ab.
Christine, die mit ihrem schicken Jäckchen und ihren bloßen Füßen seefahrtstechnisch eindeutig underdressed war, suchte hinter dem breiten Rücken des Bootsmannes Schutz vor der Dusche. Dabei kreischte sie vor Vergnügen.
„Aus Zuckerwatte ist die Lady nicht“, dachte Eske und beobachtete die beiden. Jetzt legte sie auch noch ihre Hand auf die Schulter des alten Matrosen. Dessen Zorn schien dahinzuschmelzen wie Eis in der Sonne.
„Hans-Dieter Bindestrich“, flötete Christine und ging vor einem Schauer aus Gischttropfen in Deckung, „darf ich auch mal ans Steuer?“
„Du meinst, ans Ruder?“
„Genau!“
Der Bootsmann war mehr als skeptisch. Frauen an Bord waren ihm suspekt, Eske natürlich ausgenommen. In der Kombüse mochte es noch angehen, aber am Ruder? „Weißt du…“, begann er.
„Danke!“, rief Christine und hatte sich das Ruderrad geschnappt. „Wo müssen wir hin?“
Hans-Dieter Bindestrich räusperte sich umständlich. „Auf Tonne 25 zuhalten. Kannst sie ein bisschen Steuerbord liegen lassen.“ Und weil Christine kurzsichtig war, aber aus Eitelkeit keine Brille trug, musste er ganz dicht hinter die Frau treten um ihr zu zeigen, wo das Seezeichen sich befand. Christine folgte der Richtung seines ausgestreckten Armes und versuchte, die Fahrwassertonne auszumachen. Als sie den Kopf zurücklehnte, um besser sehen zu können, kitzelten ihre Haare dem alten Bootsmann im Gesicht.
Die "Hope of Zegen" aber musste sich erst an ihre neue Steuerfrau gewöhnen und fuhr Schlangenlinien. Christine hatte die erloschene Zigarette zwischen die Lippen geklemmt und kurbelte wild am Steuerrad. „Nicht so stark Ruder legen - Stütz! - So ist’s gut!“ Nach und nach bekam sie ein Gefühl für das Schiff und dessen Eigenheiten.
Eine knappe Stunde später hatte die "Hope of Zegen" Minsener Oog erreicht. Auf der kleinen Insel lebte nur ein Vogelschutzwart, für andere Menschen war der Zutritt verboten. Von März bis September verbrachte ein Ornithologe die Zeit in völliger Einsamkeit auf der Insel; von einigen wenigen Besuchen durch das Versorgungsschiff und durch geführte Besuchergruppen einmal abgesehen.
Eske musste nun eine Entscheidung treffen: Sollten sie den Weg durch das Watt, entlang der Vogelschutzinsel nehmen? Dann fuhren sie durch ruhigeres, geschütztes Fahrwasser, liefen aber Gefahr, nicht mehr über die Untiefen zu kommen. Oder sollten sie den Weg „außen rum“ durch die Jade und die Blaue Balje wählen?
Eske blickte auf ihre Armbanduhr. Sie waren zwar zu spät losgekommen und der Wasserstand war schon gefallen, trotzdem könnte es noch klappen. Allerdings hatte in den letzten Tagen Ostwind geherrscht, der das Wasser aus der Deutschen Bucht in Richtung Nordatlantik trieb, so dass die Wassertiefe einen halben oder ganzen Meter geringer sein konnte. Sie trat zu dem jungen Mann, der auf seinem Handy herumtippte.
„Hallo“, sagte sie. „Du bist Klaas, oder?“
„Ja“, antwortete der und wischte sich die Salzwassertropfen von seiner Brille ab.
„Gefällt’s dir hier?“, fragte Eske und wies mit einer ausholenden Handbewegung auf die Jade, die Inseln und den Himmel.
„Geht so“, meinte Klaas. „Schlechtes Netz. Nur GPRS.“
„Nur was?“
„GPRS. Ganz langsames Internet. Wenn man ganz nach vorne geht und den Arm nach oben streckt, funktioniert es manchmal. Aber total langsam.“
Deshalb also stand er hier vorne. Nicht wegen der Bugwelle. „Kannst du mal bsh.de aufrufen, und dort nach den aktuellen Wasserständen sehen?“
„Mach ich“, gab Klaas zurück. „Mann, das dauert.“ Klaas musste sich durch mehrere Seiten klicken, bis er gefunden hatte, was er suchte. „Hier, Wangerooge. 10:50 Uhr, minus 30 cm.“
„Dann versuchen wir es!“, entschied Eske. Sie würden den kürzeren Weg über das Watt nehmen, nicht den großen Schifffahrtsweg der Jade. Der Weg entlang der Vogelschutzinseln nach Wangerooge war romantisch und geheimnisvoll. Und sollten sie tatsächlich auf einer der flachen Stellen aufkommen, müssten sie eben auf dem Watt die Nacht verbringen.
„Blaue Balje“, rief sie Hans-Dieter zu; so war der Name des Wattfahrwassers. Der tippte als Zeichen des Einverständnisses gegen eine nicht vorhandene Schirmmütze und führte Christines Hände, damit diese den Kurs des Schiffes ändern konnte.
Die „Blaue Balje“ ist eines der geheimnisvollsten Fahrwasser der Welt. Es schlängelt sich erst in großen Bögen, dann in aberwitzigen Biegungen durch das Watt. Der Ebbstrom zog sie gemächlich mit. Dann wurde die Strömung stärker. Die Kennzeichnung durch Pricken hörte auf. Ein Haufen von Fahrwasser- und Untiefentonnen lag herum und man musste höllisch aufpassen. Eske hoffte nur, dass ihr Bootsmann sich nicht von Christine ablenken ließ. Schneller und schneller wurden sie. Der Kurs führte um hohe Schlickberge und halb versunkene Befestigungswälle herum, dann ging es so knapp vor der Vogelschutzinsel entlang, dass man meinte, mit einem großen Schritt an Land steigen zu können. Seehunde lagen auf den Sandbänken und verfolgten sie neugierig mit ihren großen Knopfaugen. Eske verließ jetzt ihren Platz auf dem Vorschiff und stellte sich neben den Bootsmann. Sie ließ die Augen nicht vom Echolot. Das Fahrwasser war an dieser Stelle tief, über fünf Meter, aber wenige Meter daneben lauerten Sandbänke mit tückischen Untiefen. So manches Schiff hatte sich hier schon festgefahren, gerade hier ragten noch die Reste eines alten Schiffswracks aus dem Wasser. Die Fahrt wurde wilder. Überall standen Schaumkronen.
Dann vereinigte sich das Fahrwasser mit dem tiefen Priel der Blauen Balje. Wie durch einen Trichter schoss das Wasser durch die Enge zwischen dem Leitdamm und dem Ostende von Wangerooge. Sie aber hatten sich westlich zu halten, durften sich nicht durch dieses Nadelöhr saugen lassen. Zwei, drei scharfe Biegungen noch - dann war der ganze Spuk vorbei. Mit einem Mal waren sie in einer anderen Welt.
„Schluss mit der Wildwasserfahrt. Jetzt haben wir wieder Ententeich“, sagte Eske und nahm Christine ihre Segeljacke ab. Hier, im Schutz der Insel und im ruhigen Fahrwasser war alles still, warm und friedlich.
„Wie schnell sich alles ändert“, wunderte sich Christine.
Das fanden Eske und Hans-Dieter auch. Obwohl sie beide von Kindesbeinen an im Wattenmeer unterwegs waren, hatten sie das Staunen darüber nie verlernt.
Eine Stunde später hatte die "Hope of Zegen" Wangerooge Ost erreicht. Eine eigentümliche Stimmung ging von diesem verlassenen und einsamen Flecken aus. Die ersten Sandbänke und alte, zerfallene Pfähle ragten aus dem Wasser. Möwen kreisten über ihnen. Auf einer der Bänke lagen Seehunde, dösten faul in der Sonne und blickten mit ihren schwarzen Kulleraugen neugierig zu der "Hope of Zegen" herüber.
Drei nebeneinander gesteckte Pricken markierten den Anfang des Wangerooger Wattfahrwassers. Eske blickte auf das Echolot: 2,20 Wassertiefe. Das sah nicht schlecht aus. Die
