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Die erfolgreiche Anwältin Q hat einen spannenden Job, einen tollen Mann und erwartet ein Kind, auf das sie sich freut. Doch dann verdonnert der Arzt sie in den letzten drei Monaten ihrer Schwangerschaft zu absoluter Bettruhe. Langeweile pur! Aber Q denkt nicht dran, sich gemütlich zurückzulehnen. Vom Sofa aus mischt sie sich in das Leben ihrer Familie und ihrer Freunde ein. Und richtet dabei ein heilloses Chaos an ...
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Seitenzahl: 351
Veröffentlichungsjahr: 2018
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Sarah Bilston
Die Sofaprinzessin
Aus dem Englischen von Anja Schünemann
Ihr Verlagsname
Die erfolgreiche Anwältin Q hat einen spannenden Job, einen tollen Mann und erwartet ein Kind, auf das sie sich freut. Doch dann verdonnert der Arzt sie in den letzten drei Monaten ihrer Schwangerschaft zu absoluter Bettruhe. Langeweile pur! Aber Q denkt nicht dran, sich gemütlich zurückzulehnen. Vom Sofa aus mischt sie sich in das Leben ihrer Familie und ihrer Freunde ein.
Und richtet dabei ein heilloses Chaos an ...
Sarah Bilston ist gebürtige Engländerin und hat in London und Oxford studiert. Zusammen mit ihrem amerikanischen Mann und ihren drei Kindern lebt sie mittlerweile in Connecticut, USA, und unterrichtet in Yale. «Die Sofaprinzessin» ist ihr erster Roman.
Für Daniel und Maisie
Ich habe nicht mehr Tagebuch geführt, seit ich zwölf war. Nein, halt, das stimmt nicht. Später, als ich frisch mit Mike Novak zusammen war, habe ich noch einmal etwa ein halbes Jahr lang eines geschrieben. Ich muss es noch irgendwo haben, ein abgewetztes grünes Ringbuch, zur Hälfte gefüllt mit Jungmädchen-Seelenergüssen über Mike und darüber, wie furchtbar schlecht er küsste und wie beklagenswert es doch war, dass er eine angehende Krankenschwester namens Susie begehrte.
Tagebuchschreiben erscheint mir wie das Eingeständnis, dass man nichts Besseres zu tun hat. Im Grunde ist ein Tagebuch die Lebensgeschichte einer Person, die gar kein Leben hat. Ehrlich gesagt bezweifle ich, dass irgendwessen Existenz es wert ist, für die Nachwelt dokumentiert zu werden, außer vielleicht die eines Weltherrschers, einer Theatergröße oder so. Möglicherweise selbst dann nicht. Ich habe einmal das Tagebuch meiner Großmutter gelesen. Es handelte hauptsächlich vom Wetter, von ihren Treffen beim Frauenverband und vom Gedeihen ihrer Stangenbohnen. Eher würde ich gar kein Zeugnis meiner Existenz hinterlassen wollen als so etwas. Lieber soll mein Leben ein großes ungeschriebenes Buch sein, sodass sich meine zukünftige Enkelin mich als leckere Schönheit ausmalen kann, deren Jugend eine einzige lange Abfolge von Männern mit olivenfarbenem Teint und seidenen Hemden war.
Andererseits – wenn man tatsächlich nichts Besseres zu tun hat, ist Tagebuchschreiben eigentlich nicht der schlechteste Zeitvertreib. Die Stunden und Minuten fühlen sich dadurch weniger leer an – ich dachte, ich fühlte, ich existierte. Ich werde dieses Buch später wohl einfach vor meinen Enkelinnen verstecken müssen.
Heute Nachmittag kam ich um kurz vor 15 Uhr aus dem Büro. Ich arbeite bei – halt, warum erzähle ich mir selbst das? Ich weiß doch, wo ich arbeite.
Zeit für die erste Beichte: Ich leide an zwanghaftem Verhalten. Lücken und Unvollständigkeiten sind mir unerträglich; ich muss alles niederschreiben. Das besagte grüne Ringbuch begann eigentlich recht normal («Die Haut auf Mike Novaks Brust ist sonnengebräunt, und seine Brustwarzen verfärben sich dunkel, wenn ich daran knabbere»), aber von der fünften Seite an glich es eher einem Notizbuch für alle Gelegenheiten, angefüllt mit Listen der wichtigen Menschen in meinem Leben (1. Mum. 2. Mike. 3. Unsere Katze) und grauenhaften Gedichten («Mike ist gegangen, und mein Leben ist/Eine dunkle Seite/Eine schwarze Nacht/Ein bodenloses Meer/Beispiellosen Elends»). Sobald ich einen Stift in die Hände oder eine Computertastatur unter die Finger bekomme, gibt es für mich kein Halten mehr, es quillt einfach aus meinem Gehirn, ergießt sich wie von selbst aufs Papier; Tatsachen und Erfundenes, kleinste Einzelheiten, Gedanken, Fantasien, alles.
Außerdem – wenn ich dies in fünfzig Jahren noch einmal lese, werde ich wahrscheinlich Details wie den Namen der Anwaltskanzlei, für die ich arbeite, vergessen haben. Ich werde vergebens in meinem Gedächtnis graben, werde mir das Hirn zermartern und zornig auf mein damaliges Ich werden, das es verschlafen hat, akribisch alle Details seines Lebens niederzuschreiben. Also, los geht’s.
Ich arbeite in der Anwaltskanzlei Schuster & Marks in New York City, 55th Street Ecke 5th Avenue. Heute habe ich um kurz vor 15 Uhr die Bürotür hinter mir abgeschlossen, während drinnen der Drucker noch seitenweise Aufzeichnungen ausspuckte, die ich bis morgen früh Korrektur lesen muss. Durch die Drehtür an der Vorderseite des Gebäudes trat ich hinaus in einen arktischen Februarnachmittag. Fünfzehn gelbe Taxis fuhren vorbei, durch deren Scheiben selbstgefällige Fahrgäste gleichmütig die hochschwangere Frau betrachteten, die in ihrem feuchten Kamelhaarmantel in der klirrenden Kälte auf dem Gehweg auf und ab lief (ich habe das Wichtigste noch nicht erwähnt: Die 27. Woche meiner Schwangerschaft hat gerade begonnen, gestern, um genau zu sein, am Montag). Hilft nichts, dachte ich schicksalsergeben, während sich eisige Tropfen in meinen Wimpern verfingen. Ich schlug den Kragen hoch, legte die Arme um meinen riesigen Bauch und legte den Weg zur Praxis meiner Gynäkologin, elf Blocks weiter nördlich, im Laufschritt zurück, vorbei an eiligen Passanten, die mit starren, verkniffenen Gesichtern dem frostigen Wind trotzten.
Dr. Weinbergs Praxis ist so elegant wie eine Kunstgalerie in Chelsea. Abstrakte Lithographien in mattsilbernen Rahmen zieren das Wartezimmer. Die Dame am Empfang späht hinter einer hohen, schmalen Glasvase hervor, in der die unglaublichsten südamerikanischen Orchideen stehen, perlweiß mit einem Hauch Rosa und tiefen, giftig gelben Kelchen. Die Ärztin selbst ist eine außergewöhnlich gut erhaltene Mittfünfzigerin mit hohen Wangenknochen, schmalen, burgunderroten Lippen und Haaren, die aussehen, als hätten sie während des Frisierens einen schweren Schock erlitten.
Nachdem sie mir vorab die üblichen Fragen gestellt hatte, begann sie an meinem Bauch herumzutasten und zu drücken, wobei sie mir ein paar heftige Stöße unter die Rippen und in die Zwerchfellgegend versetzte. Dann zückte sie ein Maßband, um die Entfernung vom Schambein bis zu einem Punkt ein wenig oberhalb des Bauchnabels zu bestimmen. Anschließend rollte sie mit ihrem Hocker zum Schreibtisch hinüber, blätterte in einem umfangreichen rosa Aktenordner und blickte mich schließlich über den Rand ihrer rechteckigen Stahlbrille hinweg an. «Ihr Bauch ist ziemlich klein», teilte sie mir mit.
Wie bitte?, dachte ich – er ist gigantisch. Die Kinder auf der Straße zeigen mit Fingern auf mich. Wildfremde wollen mir fürsorglicherweise den Weg zum Krankenhaus erklären. Ich trage Umstandshosen mit verstellbarem Dehnbund und riesigen Elastikeinsätzen am Bauch, und abends fühle ich mich trotzdem wie in ein Folterinstrument gezwängt.
«Klein?», entgegnete ich. Klein? Im Vergleich zu was?
Sie erklärte mir, der obere Rand meines Uterus befinde sich nicht dort, wo er sein sollte – nämlich auf halber Höhe zum Kinn –, und schickte mich sofort zum Ultraschall. Vom Wartezimmer aus rief ich in Panik Tom an (meinen Mann, für den Fall, dass ich in der Zukunft wirklich rasant fortschreitenden Alzheimer entwickeln sollte), aber noch bevor er sich von seinem Meeting im Federal Courthouse entschuldigen konnte, fand ich mich auch schon im abgedunkelten Sonographie-Raum drei Türen neben Dr. Weinbergs Sprechzimmer wieder. Eine stämmige Frau mit ausdrucksloser Miene und kurzem, gräulich aschblondem Haar blickte flüchtig auf, als ich eintrat. Sie trug einen weißen Kittel über einer weiten, beigefarbenen Hose und sah aus, als hätte sie den größten Teil ihres Lebens unter Tage zugebracht. Ihr bleiches, rundes Gesicht schimmerte eigentümlich im grauweißen Licht eines Computermonitors.
«Auf die Liege, bitte», sagte die Frau und deutete mit einer kurzen Kopfbewegung auf die Untersuchungsliege neben sich. Dann wandte sie sich ab, suchte eine CD heraus und legte sie in den Computer ein, der daraufhin respektvoll surrte und klickte. Ich wuchtete mich auf die Liege und entblößte meinen weißen Wal-Bauch. Plötzlich fühlte ich mich sehr verletzlich und sehnte mich furchtbar nach ein wenig beruhigendem Geplauder («Kein Grund zur Sorge, ganz bestimmt nicht, so etwas bekomme ich hier ständig zu sehen, das ist keine große Sache»). Fehlanzeige. Die Technikerin drückte eine halbe Tube zähes, blaues, ekelhaft warmes Gel auf meinen Bauch und griff dann wortlos nach dem harten, stößelförmigen Schallkopf.
Nachdem sie vierzig Minuten lang auf das flackernde Schwarzweißbild gestarrt hatte, teilte sie mir in knappen Worten mit, ich hätte einen niedrigen Fruchtwasserindex.
«Was bedeutet das?», fragte ich ahnungslos.
Die Frau zuckte die Achseln, schaltete den Monitor ab und nahm die CD wieder heraus. «Wenig Fruchtwasser», sagte sie, was mir auch nicht wirklich weiterhalf. «Doktor Weinberg wird das mit Ihnen besprechen, okay?»
Ich wusste nicht genau, ob ich das «okay» fand oder nicht, aber mir war klar, dass ich damit entlassen war; diese Frau hatte offenbar nicht die Absicht, sich weitere Erklärungen entlocken zu lassen. Gleich darauf hastete sie wortlos hinaus. Die überdimensionale Tür schlug hinter ihr zu, und ich blieb allein in dem dämmrigen Raum zurück. Ich wischte mir mit einem großen Packen kratziger Papiertücher aus dem Spender über der Couch das schleimige blaue Gel vom Bauch, ehe ich meine Elastik-Umstandshose wieder darüberzog. «Wenig Fruchtwasser» klang eigentlich nicht allzu schlimm, sagte ich mir, während ich die Beine vorsichtig von der harten Untersuchungsliege schwang; es war ja nicht so, als wäre irgendetwas mit dem Baby nicht in Ordnung. Ich hatte den Kleinen auf dem Ultraschall-Monitor gesehen, wie er mit seinen winzigen Ärmchen und Beinchen strampelte. Einmal hatte er den Fuß geradewegs dem Schallkopf entgegengestreckt, sodass auf dem Monitor fünf weiße, in perfektem Bogen angeordnete Zehen zu sehen waren. Mir erschien er völlig gesund. Voller Zuversicht kehrte ich ins Sprechzimmer der Ärztin zurück.
Normalerweise blickt Dr. Weinberg mit einem unverbindlichen, fast desinteressierten Ausdruck auf, wenn ich eintrete – diesem typischen Ausdruck, mit dem Mediziner ihre eigentlich gesunden Patienten begrüßen. Diesmal jedoch bemerkte ich eine angespannte Aufmerksamkeit, einen scharfen Zug in ihrem Gesicht, eine Wachsamkeit in ihren Augen, als nähme sie mich zum ersten Mal richtig wahr. Und vielleicht nahm ich sie selbst zum ersten Mal richtig wahr. Nach kurzem Schweigen räusperte sie sich.
Allmählich dämmerte mir, dass es ein Problem gab.
«Cherise hat mich gerade angerufen», begann Dr. Weinberg langsam und mit sehr beherrschter Stimme. «Das Baby benötigt das Fruchtwasser, um sich richtig zu entwickeln, und bei Ihnen ist die Flüssigkeitsmenge nicht ausreichend. Wenn Ihr Fruchtwasserindex nicht bald wieder ansteigt, müssen wir das Kind vierzehn Wochen vor Termin holen.»
In diesem Moment klopfte Tom an die Tür – gerade rechtzeitig, um mir eine braune Papiertüte zu reichen. Nachdem ich aufgehört hatte zu hyperventilieren, stellte er die nahe liegende Frage: «Diesen Index da, diesen Fruchtwasserindex – wie bekommen wir den wieder höher?»
«Bettruhe», lautete die Antwort. «Strikte Bettruhe für die gesamte restliche Dauer der Schwangerschaft. Sie können sich aussuchen, ob Sie lieber auf dem Sofa liegen oder im Bett, aber ich möchte nicht, dass Sie herumlaufen noch irgendetwas heben oder sich überhaupt mehr bewegen als unbedingt nötig. Einmal täglich duschen, zum Essen dürfen Sie sich aufsetzen, Sie können Ihre Termine bei mir wahrnehmen, aber mehr auch nicht. Die gute Nachricht ist: Dem Baby scheint es bislang gut zu gehen», fügte Dr. Weinberg beruhigend hinzu, wobei ein sanfter, mitfühlender Ausdruck über ihr Gesicht huschte. «Es gibt durchaus Grund zur Zuversicht, mein bubeleh», fuhr sie fort, und in diesem Moment erhaschte ich durch einen Riss in der Fassade einen flüchtigen Blick auf ihre wahre Persönlichkeit, den Menschen auf der Dinnerparty, die Mutter, die Schwester, die Tochter. «Cherise hat keine Anzeichen einer genetischen Fehlbildung entdecken können, und die Nieren des Babys sind allem Anschein nach gesund. Ich denke daher, es liegt nur an einer Unterfunktion der Plazenta. Sie sollten auf der linken Seite liegen, das verstärkt den Blutfluss zur Nabelschnur, und dann wird sich die Situation hoffentlich so weit verbessern, dass der Kleine sich ganz normal entwickeln kann. Hoffentlich», wiederholte sie bedeutungsschwer. «Eine Garantie gibt es nicht. Aber Sie können den weiteren Verlauf entscheidend beeinflussen, indem Sie sich strikt an meine Anweisungen halten. Ich möchte Ihnen nicht im Schlussverkauf bei Bloomingdales über den Weg laufen, versteh?» Dann scheuchte sie uns freundlich hinaus («Kopf hoch, meine Lieben, Sie werden das durchstehen, nicht wahr? Aber sicher doch!»).
Während sich unser Taxi im Schneckentempo über die 3rd Avenue unserem Apartment an der East 82nd Street näherte, begannen im orangefarbenen Licht der Straßenlaternen Schneeflocken zu tanzen wie Schwärme winziger Fische in einem bernsteinfarbenen Meer. Durch die beschlagenen eisigen Scheiben sah ich die Menschen über die glatten Gehwege hasten. Manche hoben schützend ihre Aktentaschen über den Kopf, andere hielten mit violett verfärbten Fingern durchweichte Ausgaben der New York Times über sich. Ich lehnte mich auf dem harten Rücksitz nach links, so gut ich konnte, und schaute meinen Mann an, der fieberhaft Nachrichten in seinen Blackberry tippte. Ich bemerkte seine hängenden Schultern unter der wollenen Seemannsjacke, den verrutschten Krawattenknoten. Immer wieder fuhr er sich hastig mit den Fingern durch die schwarzen Locken, und seine Lippen bewegten sich lautlos, während er schrieb. Als er meinen Blick spürte, sah er auf, und mein Gesichtsausdruck muss wohl verraten haben, wie mir zumute war, denn Tom fasste meine linke Hand und drückte sie fest. «Tut mir Leid, Schatz, ich muss diese Mails wirklich dringend abschicken, ich war mitten in einem Meeting, als dein Anruf kam. He, komm –», setzte er hinzu und zog mich an seine Schulter. «Nicht weinen! Du schaffst das schon, das Baby wird gesund zur Welt kommen, es wird alles gut, ganz bestimmt.» Ich vergrub mein Gesicht in der dunklen Kuhle unter seinem Kinn und atmete seinen süßen, warmen Geruch ein. Er hielt mich im Arm und flüsterte tröstliche Worte in mein Haar («Wir beide stehen das gemeinsam durch, das versprech ich dir …»).
Zu Hause in unserem Apartment legte ich mich im Wohnzimmer auf das gelbe Liberty Print Sofa und versuchte es mir auf der linken Seite bequem zu machen. Gleich darauf brachte Tom aus dem Schlafzimmer meine blaugrau gemusterte Wolldecke, die er sorgsam über mich breitete und unter meinen Füßen und um meinen Bauch herum feststeckte. Anschließend ging er in die Küche, füllte einen großen Krug mit Wasser und Eiswürfeln und stellte ihn auf das Teakholztischchen neben dem Sofa.
Er beugte sich über mich und drückte mir einen flüchtigen Kuss auf die Stirn. «Kein Grund zur Sorge, ganz bestimmt nicht», beteuerte er noch einmal mit fester Stimme, während er auf dem Ledersessel mir gegenüber Platz nahm. Doch als er sich abwandte, sah ich – oder vielleicht habe ich es mir nur eingebildet, aber ich meine gesehen zu haben –, dass er Tränen in den Augen hatte.
Seit wir die Arztpraxis verlassen haben, sind sieben Stunden vergangen. In der Zwischenzeit haben wir jeden angerufen, der uns einfiel – meine Mutter und meine Schwestern in England, Toms Eltern in Baltimore, seinen Bruder und seine Schwägerin in Sacramento sowie diverse Freunde. Mir fällt es leichter, wenn ich die Geschichte selbst erzähle; solange ich diejenige bin, die darüber spricht, kann ich mir auf eine Art selbst vorgaukeln, dass ich das alles nur erfinde oder wenigstens stark übertreibe, um Aufmerksamkeit zu erregen. Ich kann so noch immer die Person sein, für die ich mich bis vor einem halben Tag hielt – eine Frau, die wenigstens einen Teil der wichtigen Punkte auf der Liste Was die Frau von heute vor dreißig erledigen sollte, abgehakt hat – jener imaginären To-Do-Liste, die wohl alle Frauen in den späten Zwanzigern mit sich herumtragen.
Guten Job finden ☑
Sich attraktiven Mann mit gutem Job angeln ☑
Angemessenes Polster auf dem Bankkonto haben ☑
Schwanger werden ☑
(Es gibt natürlich noch weitere Punkte, auch solche, die ich noch nicht abhaken konnte oder bei denen ich das Häkchen wieder entfernen musste, seit ich schwanger wurde. «Dreimal pro Woche Sex haben» zum Beispiel. Und «Fünf Kilo untergewichtig sein». Diese beiden Projekte liegen vorerst auf Eis.)
Toms Vater, Peter, ist Chirurg, und er klang ganz gelassen, als er von der Sache mit meinem Fruchtwasser hörte. Das tröstete uns ein wenig, bis Tom sich darauf besann, was für ein Typ Mann sein Vater eigentlich ist: nämlich einer, der auch noch imstande ist, Witze zu reißen, wenn er ein bluttriefendes menschliches Herz in den Händen hält. Ihn scheint nichts zu erschüttern; eine Eigenschaft, die man zwar bei einem Chirurgen schätzt, jedoch nicht unbedingt beim eigenen Vater. Tom hat mir mal gestanden, er habe einen Großteil seiner Jugend dem Versuch gewidmet, Peter eine Reaktion abzuringen, indem er eine Reihe von Extremsportarten betrieb – Freeclimbing, Paragliding, Off-Piste-Ski, Wildwasserpaddeln. Aber das Äußerste, was er damit bei seinem Vater erreichte, war eine leicht hochgezogene Augenbraue. Tom war schon drauf und dran, sich weniger legaler Methoden zu bedienen, um die Aufmerksamkeit seines Vaters zu erlangen, als ein Universitätsprofessor ihm vorschlug, bei einem Moot Court anzutreten, also einem Wettbewerb für Jurastudenten, bei dem fiktive Gerichtsfälle verhandelt werden. Da entdeckte Tom eine größere Herausforderung als die, Peter zu provozieren, und mittlerweile hat er seinen Vaterkomplex offiziell überwunden. Ich habe allerdings so meine Zweifel, dass ihm die Meinung seines Vaters wirklich so gleichgültig ist, wie er immer vorgibt. Nachdem er Peter von meinen Schwangerschaftskomplikationen berichtet hatte, lenkte Tom das Gespräch nämlich wie zufällig auf das Thema «Warum ich im Büro unabkömmlich bin». Er hat in Aussicht, bald zum Teilhaber in seiner Anwaltsfirma aufzusteigen, einer der größten Kanzleien in der Stadt. Am Telefon stellte er es allerdings so dar, als sei die Sache bereits unter Dach und Fach. Das entspricht nicht ganz der Wahrheit – sicher, er hat die allerbesten Chancen, aber letztendlich schafft doch nur ein winziger Prozentsatz der Associates den Sprung zum Partner.
Anschließend sprach er noch mit seiner Mutter; ein kurzer Wortwechsel im Stakkato-Ton zweier Menschen, denen es an der wechselseitigen Zuneigung mangelt, die einer Stimme ihre Schärfe nimmt und ihr Herzlichkeit verleiht. Toms Mutter ist eine hagere, verkrampfte Bostoner Brahmanin, die ihrem Sohn niemals ganz verziehen hat, dass er kein Mädchen geworden war. Sie hatte sich gewünscht, durch eine Tochter noch einmal ihre Jugend als grazile Debütantin erleben zu können. «Ich war mir so sicher, dass er ein Mädchen sein würde», hörte ich sie einmal bei einer Tasse Lapsang Souchong zu einer Freundin sagen. «Schließlich lag er quer im Mutterleib», fügte sie mit einem vorwurfsvollen Blick in seine Richtung hinzu. Sie hat Toms diverse akademische und juristische Erfolge der letzten Jahre mit dem leicht verschleierten Blick einer Person zur Kenntnis genommen, die sich eigentlich lieber mit ihren Teerosen beschäftigen würde.
Im Augenblick hantiert Tom hektisch in unserer winzigen Küche. Er wälzt Schinkenscheiben in klein gehacktem Cranberry-Walnuss-Brot, während er gleichzeitig über die Freisprechanlage ins Telefon schreit – offenbar geht es darum, eine Dienstreise zu verschieben – und zwischendurch herübergerannt kommt, um mir rasch einen Kuss zu geben und mir entschuldigend zuzuflüstern: «Ich muss das mit den Jungs klären, Q, tut mir wirklich Leid, aber dein Essen ist jeden Moment fertig …»
(Seit ich denken kann, werde ich von allen – in der Familie ebenso wie im Freundeskreis – «Q» genannt. In der Schule hat damals jemand eine Bemerkung darüber gemacht, dass die Figur «Q» in den James-Bond-Filmen eigentlich Major Boothroyd heißt; mein Nachname ist Boothroyd, mit Vornamen heiße ich Quinn, et voilà. Mir gefällt der Spitzname. Er klingt, als führe ich in weißen Luxuslimousinen mit Panzerglas und champagnergetränkten Sitzen, auch wenn ich in Wirklichkeit nur eine langweilig-respektabel verheiratete Rechtsanwältin bin.)
Sobald wir von der Ärztin zurückkamen, habe ich im Büro angerufen, und nach anfänglicher Verwirrung («Fruchtwasser-was?») und mehreren sehr ausgedehnten Pausen erklärte sich Fay – eine der Teilhaberinnen bei Schuster – bereit, meine Fälle auf die anderen Senior Associates zu verteilen. Ab sofort bin ich auf ärztliche Anordnung jeglicher Pflichten entbunden. («Ich will auch nicht, dass Sie von zu Hause aus an Telekonferenzen teilnehmen, haben Sie mich verstanden? Brechen Sie allen Kontakt zur Kanzlei ab. Stress kann die Blutversorgung des Babys beeinträchtigen.»)
Blicken wir den Tatsachen ins Auge – drei Monate nicht ins Büro gehen zu können ist keine Katastrophe. Zwar werden die Rechtsanwälte in New York besser bezahlt als in London, aber ich kann nicht behaupten, hier das Leben zu führen, das ich mir erträumt habe, als ich vor vier Jahren in England meine Koffer packte, um hierher überzusiedeln. Die Arbeit ist genauso nervenaufreibend, die Arbeitszeiten sind erheblich länger. An den meisten Tagen laufen Tom und ich uns morgens um sechs im Badezimmer über den Weg, und gelegentlich treffen wir uns sonntagnachmittags zu einem Picknick im Central Park. Wie wir zu einem Kind gekommen sind, ist uns beiden ein Rätsel, das wir aus Zeitmangel vermutlich nie lösen werden. Ich erinnere mich vage an eine leidenschaftliche Szene nach einer Schlips-und-Kragen-Veranstaltung zum Empfang der neuen Associates in Toms Kanzlei. Während des Hauptgerichtes flirteten wir um die Wette, beim Dessert fummelten wir in angetrunkenem Zustand unter dem Tisch, um zwei Uhr fielen wir in ein Taxi, und ich glaube, als wir nach Hause kamen, haben wir es auf dem Küchentisch getrieben, woran ich mich allerdings nicht genau erinnern kann. Aber mir gefällt die Vorstellung, dass in dieser Nacht unser Baby gezeugt wurde und nicht bei einer dieser Pflichtveranstaltungen, zu denen es mitunter kommt, weil wir zufällig einmal beide vor 23 Uhr zu Hause sind.
Wenigstens werde ich also in den kommenden drei Monaten Gelegenheit haben, Tom wieder richtig kennen zu lernen; wir lieben einander zwar, aber in den letzten Monaten habe ich bemerkt, dass sich zwischen uns etwas verändert hat. Eine Kluft hat sich aufgetan, wie das schwarze Wasser zwischen Boot und Anlegesteg. Es ist natürlich nichts Ernstes, nichts, das uns wirklich entzweit; ich rede nicht von Affären, drohender Scheidung oder dergleichen. Ganz bestimmt nicht. Im Gegenteil: Kaum dass wir einmal einen Tag gemeinsam verbringen, schließt sich die Kluft ganz schnell – bei einem Mittagessen im West Village oder einem gemächlichen Spaziergang über den Washington Square, wo wir uns vor vier Jahren zum ersten Mal begegneten, verschwindet sie wie von selbst. Dann, eine Woche später, taucht der Graben plötzlich wieder auf. Ich ertappe einen von uns beiden in einem gereizten Moment – sei es eine bissige Bemerkung, eine selbstgerechte Kritik, eine gedankenlose Handlung; alles Dinge, die wir damals, als wir uns kennen lernten, niemals getan, gesagt oder auch nur gedacht hätten.
Teils liegt es an den langen Arbeitszeiten, teils auch an der Schwangerschaft. Aus der Sicht des Mannes vergehen die schwangeren neun Monate mehr oder weniger wie beliebige andere neun Monate im Leben eines Erwachsenen; Tom kann den Ausdruck «wenn das Baby kommt» verwenden, als sei es noch nicht hier, mit uns im selben Zimmer, als zielte es nicht mutwillig mit seinen Tritten in die Tiefen meiner Magengrube. Mein Leben hat sich allerdings von Grund auf verändert, und zwar binnen einer Woche, nachdem ich erfuhr, dass ich schwanger bin. Eben noch hatte ich entzückt die zweite Linie auf einem kleinen, grauen Plastikstäbchen betrachtet, und schon bald darauf gab ich mein Abendessen auf der Toilette wieder von mir und musste feststellen, dass die Treppe zwischen den beiden Etagen meines Büros sich unvermittelt in den Mount Everest verwandelt hatte.
Meine Bettruhe wird helfen, die Kluft zwischen uns dauerhaft zu schließen, bevor das Baby zur Welt kommt. Vielleicht (wer weiß!) kommen wir zur Abwechslung sogar mal wieder zum Bumsen. Ich bin in den letzten Monaten bestimmt nicht auf der Höhe meines Sex-Appeals gewesen; oft bin ich auf allen vieren ins Bett gekrochen, zu erschöpft, um mir auch nur die Zähne zu putzen, ganz zu schweigen davon, meine Cosmo-Leserinnen-Verführungskünste anzuwenden. Wenn ich schon die nächsten vierzehn Wochen in Seitenlage zubringen muss, kann ich die Zeit wenigstens dazu nutzen, etwas Schlaf nachzuholen. Obwohl, näher betrachtet bin ich nicht überzeugt, dass das die beste Methode ist, einem abgeflauten Liebesleben auf die Sprünge zu helfen. «Hi, Schatz, ich habe die letzten tausend Stunden vor einem öden Fernsehprogramm zugebracht – na, wie wär’s, wollen wir zwei nicht mal wieder …» Und überhaupt – dürfen wir während meiner Bettruhe eigentlich Sex haben? Dr. Weinberg hat nichts darüber gesagt, aber es vermindert doch bestimmt den Blutfluss zum Uterus – oder verstärkt es ihn womöglich? Das muss ich unbedingt im Internet recherchieren.
Es gibt noch einiges, worüber ich mich im Netz informieren muss. Zunächst mal über diese ganze Fruchtwasser-Problematik. Und über Frühgeburten sollte ich auch mal was lesen, das Kapitel habe ich komplett übersprungen, als ich Hurra! Ich erwarte ein Baby gelesen habe. Vierzehn Wochen vor Termin klingt schlimm. Dann wäre er ein richtiges kleines Alien, mit durchscheinender Haut und Fingerchen wie Streichhölzer. Allein die Vorstellung ist mir fast unerträglich. Ich denke, ich sollte «Gestationsalter 26 Wochen» in Google eingeben –
Massenhaft Treffer für «26 Wochen». Auf prematurebabies.com erfahre ich, dass Babys, die in diesem Entwicklungsstadium geboren werden, an diversen einigermaßen unschönen Störungen leiden können. Aber jetzt kommt die gute Nachricht: Nach 30 Wochen liegt die Überlebenschance für das Baby bereits bei fast 90 %, und das Risiko ernsthafter Erkrankungen sinkt rapide. Das heißt, ich muss mein Möglichstes tun, um mehr Fruchtwasser zu produzieren; ich muss den Kleinen noch wenigstens vier Wochen lang sicher in meinem Bauch behalten. Nur vier Wochen, in denen ich rund um die Uhr auf der linken Seite liegen muss. Wenn man es recht überlegt, klingt das doch eigentlich gar nicht so schlimm. Oder?
Dies ist der erste Morgen meines ersten vollen Tages Bettruhe. Ich finde, ich schlage mich ganz wacker. Meine Schwester Jeanie hat mir gestern Abend am Telefon prophezeit, ich würde binnen vierundzwanzig Stunden vor lauter Langeweile in Depressionen verfallen, aber Jeanie ist nun einmal ein Mensch, der sich nicht einmal für eine Nanosekunde allein beschäftigen kann. Als wir Kinder waren, ist sie mir und Alison ständig hinterhergelaufen und verlangte, dass wir mit ihr spielten. Wenn wir nicht wollten, brüllte sie das ganze Haus zusammen. Ich bin die Älteste von uns dreien, und ich konnte mich schon immer am besten allein unterhalten.
Bisher habe ich heute Morgen also:
meine E-Mails bei Yahoo abgerufen. Zweimal. Na gut, vielleicht auch etwas häufiger;
die New York Times gelesen, einschließlich des Wirtschaftsteils;
die News-Ticker auf der Times-Internetseite verfolgt;
die Rechnungen bezahlt. Sogar die beängstigend hohen.
(Ziemlich weit oben auf der Liste Was die Frau von heute vor dreißig erledigen sollte, steht: «Aufhören, Kreditkartenabrechnungen heimlich in alten Cosmopolitan-Heften verschwinden zu lassen» und «die Erwachsenen-Rubriken in der Zeitung lesen». Ich fühle mich noch nicht berechtigt, diese beiden Punkte abzuhaken, aber ich betrachte sie mit neuer Zuversicht.)
Und ich habe noch nicht ein einziges Mal den Fernseher eingeschaltet! Alison hat behauptet, ich würde noch vor Ende der Woche süchtig nach Zeit der Sehnsucht sein, aber bisher habe ich reichlich Beschäftigung gefunden, ohne auf Soaps und Talkshows zurückzugreifen. Vielleicht sehe ich mir heute Nachmittag um 5 die Ricki Lake Show an. Das Thema der heutigen Sendung betrifft mich in gewisser Weise – jedenfalls geht es darum, schwanger zu werden.
Tom ist um 7 Uhr früh aus der Wohnung gehetzt, kam dann um 7.05 in heller Panik wieder hereingestürmt, hat hastig ein Stück Käse zwischen zwei Scheiben Brot geklemmt und das Ganze auf dem Tisch neben dem Sofa platziert («Tut mir Leid, Schatz, das hab ich ganz vergessen, Shit, ich bin wirklich spät dran!»). Wie es scheint, soll das mein Mittagessen sein. Ich bin versucht, mir etwas vom Restaurant zu bestellen, aber dann müsste ich an die Tür gehen, um die Lieferung anzunehmen …
Das Problem mit dem Mittagessen hat sich erledigt, und zwar dank Brianna, der verrückten Anwaltsassistentin aus meiner Kanzlei. Wir haben vor einigen Monaten begonnen, einen Fall gemeinsam zu bearbeiten. Obwohl wir uns persönlich nicht sehr nahe stehen, kam sie mich in ihrer Mittagspause besuchen, und zwar – wer hätte das gedacht? – mit würziger Peperonipizza und einem leichten gemischten Salat im Gepäck. Ich habe beschlossen, dass es erlaubt sein muss, an die Tür zu gehen, wenn es klingelt – sonst gehe ich hier drin noch die Wände hoch –, aber nachdem ich Brianna hereingelassen hatte, habe ich mich brav wieder aufs Sofa gelegt und die Pizza verschlungen, während sie sich auf dem roten persischen Kelim niederließ, der über die gesamte Breite des Wohnzimmerbodens reicht, und mir von ihrem komplizierten Liebesleben erzählte und davon, wie schrecklich man doch als Assistentin ausgebeutet wird (vor acht Monaten hat sie bei der Staatsanwaltschaft von Manhattan aufgehört und ist zu Schuster gewechselt, wo zwar die Bezahlung besser, die Behandlung dafür aber schlechter ist).
Seit Brianna wieder fort ist, habe ich fünf Anrufe aus der Kanzlei erhalten, und jedes Mal ging es um Geschäftliches. Nichts, womit ich nicht zurechtkäme – glücklicherweise hatte ich, in Vorbereitung auf meinen Mutterschaftsurlaub, bereits angefangen, Notizen über alle meine Akten zusammenzustellen. Die Inbox meiner Firmen-Mailadresse quillt mit Sicherheit schon über, aber ich bin entschlossen, sie zu ignorieren – wenn die Leute merken, dass ich sie nicht abrufe, wird ihnen ohnehin nichts anderes übrig bleiben, als mich in Ruhe zu lassen. Das Büro scheint jetzt schon in seltsame Ferne gerückt, eine andere Welt, ein anderes Leben.
Noch eine Stunde und vierzig Minuten bis Ricki. Was fange ich jetzt an?
Wenigstens kann ich vom Sofa aus zum Wohnzimmerfenster hinausschauen. Ich kann den Himmel und das Wetter beobachten, ein urenglischer Zeitvertreib. Wenn ich mich anstrenge und den Hals recke, kann ich die Fußgänger an der Kreuzung von 82nd und 2nd sehen. Und ich kann die Bewohner der kleinen Vierzigerjahre-Apartments im Wohnblock gegenüber sehen, wenigstens die beiden oberen Stockwerke.
Das Fenster, durch das ich hinausstarre, ist rechteckig und sehr groß (der Makler, der uns damals das Apartment zeigte, nannte es den «eindrucksvollen Fokalpunkt», was im Klartext bedeutet, dass das Zimmer selbst nur ein schlichter, länglicher Kasten ist). Darunter steht eine Heizungsbank aus Holz, die gerade breit genug zum Sitzen ist. Wir haben sie mit ein paar Chenille-Kissen gepolstert, sodass man es sich dort herrlich mit einem Buch bequem machen kann (das heißt, man könnte, wenn man denn einmal Zeit dazu hätte). Zu beiden Seiten des Fensters hängen von einer eisernen Stange schwere rote Vorhänge herab, deren Saum bis auf den Holzfußboden reicht. Ein paar Wochen nach unserem Einzug habe ich an einem meiner seltenen freien Tage in einem Antiquitätenladen um die Ecke eine dazu passende preiselbeerfarbene Glasvase erstanden. Sie thront auf dem dänischen Teakholztisch neben dem Sofa, und wenn das Licht darauf fällt, erscheint die Wand dahinter tiefrot, wie ein Fleck von einem Glas Pinot Noir. In der rechten Ecke des Zimmers steht, mir schräg gegenüber, ein brauner Ledersessel. An der gelb gestrichenen Wand auf der linken Seite gibt es zwei Bücherregale. Das Regal näher am Fenster, voll gestopft mit einem Durcheinander von Fachbüchern aus der Studienzeit und zerfledderten John-Grisham-Paperbacks, die hauptsächlich aus Flughafen-Buchhandlungen stammen, gehört Tom. Meines, das näher am Sofa steht, enthält eine chronologische Sammlung von Gedichtbänden, Essays und Romanen von Austen bis Atwood, außerdem zur Dekoration mehrere holzgerahmte Familienfotos und ein paar vom Meer glatt geschliffene Glasstücke von englischen Stränden.
Das Zimmer ist klein (schließlich sind wir hier in Manhattan), aber hell und gemütlich. Die Heizung läuft auf höchster Stufe; über der Bank flimmert die Luft vor Hitze. Ich glaube, seit dem Tag, an dem wir hier eingezogen sind, habe ich zusammengenommen nicht mehr als zehn Stunden in meinem Wohnzimmer verbracht. Jetzt ist es für die restliche Dauer meiner Schwangerschaft meine Welt.
Das Gebäude gegenüber wird noch im Laufe dieses Jahres verschwinden; es soll abgerissen und durch etwas Größeres, Moderneres ersetzt werden. Ich habe irgendwo gehört – von zwei Nachbarn, die sich im Aufzug unterhielten, oder war es bei den Briefkästen –, dass es vollkommen schimmelverseucht ist. Soweit ich sehen kann (und wenn ich mich anstrenge, kann ich geradewegs in die Zimmer schauen), sind die Bewohner überwiegend ältere Leute, viele bestimmt schon über achtzig. Ich habe die vergangene Stunde hauptsächlich damit zugebracht zu beobachten, wie sie langsam umherschlurfen, von einem Zimmer ins andere. Sie scheinen in einer anderen Zeitdimension zu leben: Jede Bewegung ist sorgfältig bemessen, jeder Schritt bedächtig. Ich habe zugesehen, wie der ältere Mann in dem Eck-Apartment versuchte, eine Glühbirne auszuwechseln. Er brauchte etwa fünf Minuten, um seine kleine Trittleiter zu erklimmen. Als er die oberste Stufe erreichte, wackelte die Leiter heftig, er ließ die Birne fallen, und dann musste er ganz von vorn anfangen. Das war recht unterhaltsam. Die Frau im Apartment daneben sieht im Halbdunkel fern.
Verdammt – ich habe das Ende von Ricki Lake verpasst (ich bin schon ganz verrückt nach Ricki), weil ausgerechnet mitten in der Sendung Alison anrief. Jetzt werde ich nie erfahren, ob Erik oder Vinnie der Vater von Tayshas Baby ist. Der offizielle Grund des Anrufs war, dass Alison sich nach meinem Befinden erkundigen wollte. Der inoffizielle Grund war pure Schadenfreude.
«Du musst mir versprechen, dass du dich von jetzt an schonst», säuselte sie. Ihre Stimme triefte nur so vor selbstgefälliger Zufriedenheit. «So eine Schwangerschaft ist sehr strapaziös für den Körper, Q – glaub mir, ich weiß Bescheid! Als ich mit Geoffrey schwanger war, habe ich dasselbe versucht wie du, aber ich habe rechtzeitig eingesehen, dass man Zugeständnisse an die Bedürfnisse des heranwachsenden Babys machen muss. Deine vielen Überstunden – das ist doch absurd! Wenn Tom bis in die Nacht arbeitet, ist das eine Sache, aber für eine Frau in deinem Zustand ist es unvernünftig. Wirklich, Q, ich hoffe, diese Geschichte hat dich endlich wachgerüttelt.»
Anschließend musste ich einen zwanzigminütigen Vortrag darüber erdulden, dass man auf die Signale seines Körpers achten müsse, dass der Körper einer Schwangeren eine zarte Blütenknospe sei und dass Alison und meine Mutter gerade letzte Woche noch zueinander gesagt hätten, wenn ich beruflich nicht endlich kürzer träte, werde das noch böse enden. Sie behauptet, in der vergangenen Nacht habe sie vor lauter Sorge um mich und das Baby nicht schlafen können. Ich glaube, sie hat seit Ewigkeiten nicht mehr solchen Spaß gehabt.
Alison hat schon seit Jahren dieses Problem mit mir, dieses Kleine-Schwester-Problem. Als wir Kinder waren, musste sie alles tun, was ich tat – nur besser. Das ging so weiter, bis wir auf die Uni kamen. Dann begriff sie endlich, dass sie Fähigkeiten hatte, die ich nicht besaß – sie konnte schauspielern, sich cool geben, sich schöne Männer mit Titel angeln –, und sie wurde sehr viel glücklicher. Und sehr viel unmöglicher.
Ich erinnere mich noch an ihre gequälte Miene an dem Tag, an dem ich die Ergebnisse meiner Prüfungen für den mittleren Schulabschluss bekam – lauter Bestnoten. Im folgenden Jahr arbeitete sie wie der Teufel, um sich auf ihre Prüfungen vorzubereiten – sie übertrieb es so sehr, dass sie am Ende ein Karpaltunnelsyndrom entwickelte und ein halbes Jahr lang Physiotherapie bekam. Und ich erinnere mich an den Funken Hoffnung, der ihr Gesicht erhellte, vielleicht war es sogar Triumph, an dem Tag, als ich das erwartete A in meiner Physik-Abschlussprüfung nicht geschafft hatte. Aber das Seltsame war: Obwohl sie in Physik eigentlich besser war als ich, bekam sie im nächsten Jahr selbst nur ein B. Ich weiß nicht, ob sie die Motivation verloren hatte oder ob sie, wie Tom vermutet, einfach nicht mit der Vorstellung zurechtkam, mich tatsächlich zu schlagen. Mal ehrlich, sie hatte ihr Leben lang darauf hingearbeitet, mir einmal einen Schritt voraus zu sein, als sich dann die Gelegenheit bot, verlor sie einfach die Nerven.
Wie auch immer, jedenfalls bekam sie genau wie ich noch in letzter Minute einen Studienplatz in Oxford, belegte ebenso wie ich PPW – Politik, Philosophie, Wirtschaftswissenschaften –, aber anders als ich ließ sie das Studium im zweiten Jahr schleifen und nahm stattdessen die Hauptrolle in Guess Who’s Coming to Dinner an. Sie trug plötzlich schwarze Jeans, schwarze Rollkragenpullover und Second-Hand-Wildlederjacken von Camden Market. Sie blondierte sich die Haare und drehte sie zu grässlichen kleinen, glänzenden Löckchen, die sie mit einem lackierten Essstäbchen zusammensteckte. Und sie hatte eine Unzahl Affären mit verteufelt gut aussehenden Schauspielern (die ebenfalls schwarze Jeans und Rollkragenpullover trugen und sich so frisierten, dass es aussah, als seien sie gerade aus dem Bett gefallen). Sie «kam an» in einer Weise, wie es mir nie gelungen war. Ich brachte meine Studienjahre allein mit einem halben Zentner Bücher zu, während meine Schwester allabendlich glamouröse Auftritte hatte. Dass parallel dazu ihre Studienleistungen in den Keller sackten, kümmerte sie nicht im Geringsten. Wenn wir uns zum Lunch im Covered Market trafen, erschien sie mit einem Päckchen Camel in der Gürteltasche (das war noch bevor sie zu der Auffassung gelangte, ihr Körper sei eine zarte Blüte) und teilte mir mit, dass ich rein gar nichts vom Leben verstünde. Ich gestehe freimütig, dass mich diese Entwicklung ziemlich aus der Bahn warf – ich war so daran gewöhnt, mich anzustrengen, um ihr immer einen Schritt voraus zu sein, dass ich gar nicht wusste, wie ich reagieren sollte, als sie aus unserem System ausstieg und eine völlig andere Richtung einschlug. Anfangs ging ich auf ein paar ihrer Partys – die gewöhnlich in verrauchten Kellerräumen zwischen Stapeln halb bemalter Kulissen stattfanden –, aber wenn etwas garantiert zu Peinlichkeiten führt, dann ist es die Rolle der intellektuellen großen Schwester einer talentierten Sexbombe im heiratsfähigen Alter. So beschloss ich, sie ihrer Wege gehen zu lassen, und setzte mich wieder an meine Bücher.
Während ich nach dem ersten Abschluss die Fachrichtung wechselte und mein Jura-Studium in London aufnahm, kam sie mit Greg zusammen und erlitt einen erneuten Sinneswandel. Die Schauspielerei sei ja schön und gut, erklärte sie mir, aber auf Dauer lauge einen der Beruf doch aus und sei kaum vereinbar mit einer ernsthaften Beziehung. Sie hatte Greg bei den Proben zu Caligula kennen gelernt; er war einer dieser zerzausten Schauspieler mit verdächtig gekünstelt klingendem Cockney-Akzent. Tatsächlich stellte sich heraus, dass er nie weiter in Richtung East End vorgedrungen war als bis zur Liverpool Street Station, und zwar auf dem Weg zum Anwesen seiner Familie in North Norfolk. Der ehrbare Gregory Farquhar dachte nicht daran, sein Leben mit einer Horde verarmter Schauspieler zu verbringen; kaum hatte er (mit Mühe und Not) seinen Abschluss in Oxford geschafft, da hatte er es auch schon sehr eilig, in die City zu ziehen, wo er mittlerweile für einen von Daddys Kumpels arbeitet und Geld wie Heu verdient. Greg war eine gute Partie, das kann man nicht anders sagen, und Alison war sich dessen deutlich bewusst. Sie heirateten mit zweiundzwanzig (das Magazin Hello! berichtete kurz über die Hochzeit), und Alison hängte ihre Schauspielkarriere an den Nagel, um sich der plastischen Kunst zuzuwenden. Klartext: Alison wurde zur Gebärmaschine. Zwei Kinder hat sie bereits geworfen, und sie kann es kaum erwarten, Nummer drei in Angriff zu nehmen.
In Anbetracht dessen verfügt sie auf dem Gebiet der Babyproduktion also tatsächlich über mehr Erfahrung als ich, und sie wird zweifellos dafür sorgen, dass ich das bis an mein Lebensende nicht vergesse. Seit Geoffreys Geburt vor drei Jahren hat sie nicht aufgehört, die Freuden der Mutterschaft in den höchsten Tönen zu preisen (als sie das letzte Mal hier zu Besuch war und die Pillenpackung auf meinem Nachttisch liegen sah, schüttelte sie den Kopf so kummervoll, dass man hätte meinen können, es handele sich um harte Drogen). «Mutter zu sein knüpft ein solch starkes Band zwischen Frauen, Q», erklärte sie mir mit diesem grässlichen esoterischen Leuchten in den Augen. (Sie trägt heutzutage Gaultier, besitzt eine Dreiviertelmillion-Pfund-Nobelhütte in Pimlico und hat eine persönliche spirituelle Beraterin, die ihr hilft, in all diesem Glamour die wahre Erleuchtung zu finden.) «Es wäre so wunderbar, meine Erfahrungen als Mutter mit dir teilen zu können! Und ich wünsche mir, dass unsere Kinder etwa im gleichen Alter sind; sie sollen einander als enge Freunde betrachten, nicht bloß als Verwandte – wünschst du dir das nicht auch, Q?» Nein, ehrlich gesagt sind Geoffrey und Serena genau die Sorte Kinder, vor denen meine später hoffentlich schreiend davonlaufen werden. Greg sieht seinen Sohn und Erben am liebsten im Matrosenanzug, und Serena läuft meist im rosa Tutu herum und erzählt jedem, der es hören will, wenn sie groß sei, wolle sie «Pinzessin» werden. Ich hoffe sehr, dass wir irgendwann eine Tochter bekommen, die es faustdick hinter den Ohren hat und Serena mal beiseite nimmt und …
Jedenfalls – die Vorstellung, Alison hätte, als sie mit Geoffrey schwanger war, «dasselbe versucht wie ich», ist lachhaft; seit sie mit Greg verheiratet ist, hat sie kaum einen Tag ernsthaft gearbeitet. Sie hat ein eigenes Atelier (vom Göttergatten finanziert, versteht sich), und soweit ich weiß, schaut sie dort dreimal pro Woche für ein paar Stunden vorbei und kommt nachher mit einem Topf ohne Boden oder etwas ähnlich Albernem wieder nach Hause. Sie selbst hält sich allerdings für eine ernst zu nehmende Künstlerin, denn Gregs Cousin ist Kunsthändler und kennt jemanden, der jemanden kennt, dem eine Galerie im Süden Londons gehört. Und so flattert mir etwa alle drei Jahre ein elegantes weißes Kärtchen ins Haus, auf dem eine Ausstellung von Alison Farquhars Werken angekündigt wird. Der elende Schreibknecht vom Evening Standard, der darüber berichtet, ist zweifelsohne ebenfalls ein Freund ihres Gatten. Aber natürlich kann ich das alles nicht anführen, wenn Alison sich darüber auslässt, wie gut sie meine berufliche Belastung doch nachempfinden könne – oder?
Beim Durchlesen meines gestrigen Tagebucheintrags dämmert es mir, dass ich in Bezug auf Alison wohl nicht ganz «mit mir im Reinen» bin. Ich sollte mir das noch einmal durch den Kopf gehen lassen. «Souveräne Überlegenheit gegenüber kleinen Schwestern entwickeln» ist ein wichtiger Punkt auf der Liste Was die Frau von heute vor dreißig erledigen sollte.
Ich war noch ziemlich aufgewühlt, als Tom gegen 22 Uhr nach Hause kam, ganz abgesehen davon, dass mich mein gieriger, unersättlicher Schwangerschafts-Heißhunger beinahe umbrachte. Tom war seit 18 Uhr «auf dem Sprung nach Hause» gewesen, und als er dann tatsächlich eintraf, war ich außer mir vor Hunger, Wut und Enttäuschung. Fünf Minuten nachdem er zur Tür hereingekommen war, warf ich mit Sofakissen, weinte und schrie ihn an, weil er auf dem Nachhauseweg nicht bei einem Restaurant Halt gemacht hatte und ich nun noch eine halbe Stunde warten musste, bis endlich mein Abendessen kam.
