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Dark weiß nicht, wie viele Generationen von Menschen und magischen Wesen er beeinflussen wird, als er seinen Kult der Drachenmagier gründet. Er kann nicht wissen, wie viele sterben werden, um den Dunklen Gott Sombra zu bannen. Aber Dark weiß, dass das Böse nicht die Macht über Carrera erlangen darf. Rund fünfhundert Jahre später ist es dann an der Zeit. Und Dark hat Glück, denn außer eine Hochzeit einzufädeln, scheint es nicht viel zu brauchen, um das Land zu retten. Aber jede Hochzeit ist erst der Beginn, manchmal von etwas Gutem, manchmal allerdings auch von viel weiterem Leid. Doch die Prophezeiung scheint sich zu erfüllen und langsam kommen die wichtigsten Spielfiguren zusammen. Der Vampirjäger, Meisterschwertträger, Gestaltwandler, die Kriegerin und Amazone finden sich.
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Seitenzahl: 464
Veröffentlichungsjahr: 2023
Impressum
Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie.
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© 2023 novum publishing
ISBN Printausgabe: 978-3-99146-223-1
ISBN e-book: 978-3-99146-224-8
Lektorat: Laura Oberdorfer
Umschlagfotos: Starblue, Scaldkatteri | Dreamstime.com
Umschlaggestaltung, Layout & Satz: novum publishing gmbh
www.novumverlag.com
Danksagung
Für wundervolle und anregende Ideen, für außergewöhnliche Persönlichkeiten und eine helfende Hand, wenn ich einmal nicht mehr weiter wusste, möchte ich meiner Schwester einen großen Dank aussprechen. Dank auch an meinen Bruder für sein Interesse und seine selbstlose, finanzielle Unterstützung. Ohne ihn stünde mein Buch nun nicht im Regal. Ein besonderes Dankeschön an meinen Vater für die zeitaufwendige Gestaltung meines Einbandes. Danke! Dafür hätte mir am PC die Geduld gefehlt. Ein herzliches Dankeschön selbstverständlich an meine Mutter, die immer an mich geglaubt hat. Zu guter Letzt möchte ich mich noch bei meiner Freundin Alice bedanken für ein offenes Ohr und die vielen schönen Stunden beim gemeinsamen Schreiben kleiner Geschichten.
Prolog
„SIE SIND IN DER STADT! FLIEHT! RENNT UM EUER LEBEN!“
Mehrfach wurde der Hohepriester der Drachenmagier unsanft angerempelt und geriet ins Straucheln. Immer wieder gelang es ihm, auf den Beinen zu bleiben und weiter zu rennen. Er war fast eins neunzig groß und schlank. Sein giftgrünes Haar fiel ihm mit einer Art beiläufiger Eleganz in die smaragdgrünen Augen. An einem seiner spitzen Ohren hing ein zwei Zentimeter großer Ohrring, der die Form einer Feder hatte. Er trug ein ärmelloses, weißes – nun verdrecktes – Hemd und eine ebenso weiße Hose. Schuhe hatte er keine an. Den durch den Kampf zerrissenen, grünmelierten Umhang der Drachenmagier hatte er irgendwo fallen lassen. Um seinen Oberarm schlang sich ein goldener Reif, in dessen Windungen sich ein schlangenförmiger Drachenkörper widerspiegelte.
Er eilte gehetzt durch die zerstörten Straßen. Fast alle Gebäude, an denen er vorüberkam, waren eingestürzt. Türen hingen aus den Angeln. Scheiben waren eingeschlagen. Er hatte aufgehört zu zählen, an wie vielen ermordeten, geliebten Menschen er vorbeigekommen war. Tränennasse Spuren zeichneten sich auf seinem jungwirkenden hübschen Gesicht ab.
Ein ohrenbetäubender Knall ertönte, als ein gigantisches Stück der Stadtmauer weggesprengt wurde. Dark, der Hohepriester, wandte den Kopf panisch und blickte zurück. Er konnte das Schwarze Heer vorrücken sehen und die Kreaturen der Finsternis. Er erschauderte. Plötzlich blieb er mit dem Fuß hängen und stürzte hart, wobei er sich die Hände aufschürfte. Er sah sich nach der Ursache um und bereute es sogleich wieder. Dark war über die entstellte Leiche seines Schülers Tai gestolpert. Die Tränen und den Ekel niederringend raffte er sich auf und rannte geblendet von Tränen weiter. Allerdings konnte er es nicht verhindern, dass sich Grauen erfüllte Vorahnungen in seinem Kopf bildeten:Was, wenn ich zu spät komme? Was, wenn ich ihn nicht retten kann? Was, wenn ich ebenso versage wie bei Tai?Nur sehr langsam und mühevoll konnte er diese Gedanken verdrängen. Er musste sich zusammenreißen. Unter keinen Umständen durfte er zulassen, dass solche Vorstellungen in seinem Kopf weiterhin Gestalt annahmen.
Als er schließlich bei seinem Häuschen angelangt war, welches sich tief im Zentrum der Magierstadt befand, blieb er wie angewurzelt stehen. Ein Angstschauer lief ihm über den Rücken. Die Tür war zertrümmert worden.
„Nein – bitte nicht!“, hauchte er.
Panik packte ihn erneut. Dennoch brachte er seine Furcht mühsam unter Kontrolle und betrat vorsichtig sein Haus. Die Dielen über ihm knarrten, also musste jemand oben sein. Er hoffte inständig, dass es nur Joaquin war und keines dieser Ungeheuer, die die Stadt der Magier in Sugiawa überfielen. Ungeheuer, gegen die kein Zauber half, wie er und seine Mitstreiter verlustreich erfahren mussten, als sie versucht hatten, die Stadt vor dem Ansturm des Schwarzen Heeres zu verteidigen. Nun kämpften nur noch wenige Verzweifelte. Der Rest der Menschen hatte Hals über Kopf die Flucht ergriffen. Einige hatten sogar ihre Kinder vor lauter Angst vergessen. Wie die meisten hatte er die Stadt für verloren erklärt. Nun versuchte er zumindest das Leben seines Sohnes zu retten. Er glitt lautlos die Stufen hinauf. Im oberen Stockwerk befand sich der Eingang zu Joaquins Zimmer. Von dem starken Holz der Tür waren nur Holzsplitter übriggeblieben. Im Rahmen befanden sich üble Risse und Kratzer. Das Brett, was einmal die Zimmertür gewesen war, hatte es mit solcher Kraft weggeschleudert, dass es an der gegenüberliegenden Wand in tausend Stücke zerschellt war. Er ließ den Blick mit einer dunklen Vorahnung durchs Zimmer schweifen. Das Mobiliar des kleinen Raumes war dem Erdboden gleichgemacht worden. Sein Sohn Joaquin saß lachend auf der Erde zwischen den Trümmern seines einst bescheidenen, aber schönen Zimmers. Er klatschte nach einem unverständlichen Muster in die Hände, was ein langes knochendürres Wesen nach dem Takt der Hände tanzen ließ.
Trotz des Grauens, welches er eben noch gesehen hatte, entlockte es dem Drachenmagier ein Lächeln.
Joaquin drehte ihm den Kopf zu und strahlte. „Er ist lustig, nicht?“
Sein Vater schüttelte seufzend den Kopf. Wann würde der Junge endlich lernen, dass nicht alle Besucher Freunde und Spielkameraden waren? Er ging auf ihn zu und hob ihn auf die Arme. Der Junge hörte auf zu klatschen und das Knochenwesen brach vor Erschöpfung zusammen. „Warte nur Dark“, zischelte es mit den letzten Atemzügen. „Du und dein Bastard, ihr entkommt uns nicht … die Stadt ist vollständig umzingelt … das Schwarze Heer ist überall … überall … auch in der Luft … und unter der Erde … überall … sogar in dir bekannten Menschen …“
Der Drachenmagier wandte sich von dem toten Wesen ab und wollte durch die Tür entschwinden. Doch dort trat gerade ein Trupp Soldaten ein, die alle durch schwarze Rüstungen gepanzert waren, auf denen der rote Salamander prangte. Das Zeichen von Sombra, dem Gott des Hasses und der Finsternis, dem Gebieter über das Schwarze Heer.
Dark wich zum Fenster zurück. Doch von dort kletterten gerade weitere Skelette herein. Die dünne, bleiche Haut war fest über die durchschimmernden, schwarzen Knochen gespannt. Sie saßen in der Falle.
Hilf mir Veneno, schrie der Drachenmagier gedanklich seinem Freund zu.
Ein Bruchteil einer Sekunde verging, dann wurde das Dach mit Ohren betäubendem Getöse fortgerissen. Die Anhänger des Herrn der Finsternis wichen panisch zurück, als ein riesiger geschuppter Kopf über ihnen auftauchte. Der gigantische, giftgrüne Drache riss das Maul auf und verschlang Dark und dessen achtjährigen Sohn. Er stieß sich so heftig von dem Haus ab, um in die Lüfte zu kommen, dass es in seine Einzelteile zerfiel. Er flog bis zu einem Plateau in der Nähe und setzte dort behutsam auf. Nachdem der Drache sich vergewissert hatte, dass niemand in ihrer unmittelbaren Nähe war, legte er den Kopf auf den kargen Fels und öffnete sein Maul. Dark und Joaquin kletterten an seinen mannshohen Reißzähnen vorbei ins Freie. Dark trat an den Rand des Plateaus und blickte auf die brennende Magierstadt herab. Seine grünen Augen sahen verbrannte Felder, zerstörte Häuser, flüchtende Menschen. Und all das brachte sein Herz zum Weinen. Es zog sich schmerzhaft zusammen, bis er keine Luft mehr bekam und glaubte, ersticken zu müssen. Ein endloser Schwall mit Tränen rann über sein von blutigen Kratzern entstelltes Gesicht. Er spürte eine kleine Hand, die sich an seiner festhielt, und blickte zu seinem Sohn hinunter. Er fiel neben ihm auf die Knie und umarmte den Jungen fest.
„Vater, was hast du denn?“, fragte Joaquin verwundert, denn noch immer begriff er nicht den Ernst der Lage, noch immer war alles für ihn nur ein Spiel.
Der giftgrüne Drache Veneno, der seinen Herrn leicht mit der Nase anstupste, hob plötzlich abrupt den geschuppten Kopf. Dark, durch ihn gewarnt, wischte sich die Tränen fort und folgte dem Blick des Drachens.
Drei schwarz gekleidete Gestalten waren in der Mitte des Plateaus erschienen. Sie schlugen fast gleichzeitig die Kapuzen ihrer Umhänge zurück und Dark erstarrte, als er die Frau erkannte. Es war niemand anderes als Selina, die Letzte, die er zur Priesterin ausgebildet hatte. Ihr langes, eisblaues Haar umrahmte ihr zartes Antlitz. Ihre nun mitleidlosen, blauen Augen bohrten sich in die seinen. Nichts an ihr erinnerte mehr an das schüchterne, hilfsbereite Mädchen, das er vor acht Jahren unterwiesen hatte.
Der Mann, der die Front des Trios bildetet, war ihm gänzlich unbekannt. Er war gut zwei Meter groß, hatte pupillenlose, schwarze Augen und ein mörderisches Lächeln auf dem blassen Gesicht.
Der Dritte im Bunde war offenbar ein Tiermensch. Er hatte buschige, luxähnliche Ohren und Schnurrhaare. Sie zierten sein leichenbleiches Gesicht, während die gelben Augen boshaft hervorstachen. Sein kurzes, zerzaustes Haar war schwarz wie die Nacht.
„Wir fordern Euch auf, Eure Schuld zu bezahlen, Dark, Hoher Priester der Drachenmagier und Anführer des Korps der Drachen“, sagte der große Mann mit triefendem Spott. Dennoch war es eine unmissverständliche Aufforderung, der Dark schleunigst nachkommen sollte, wenn er noch einen Morgen erleben wollte.
„Wer seid Ihr, dass Ihr es wagt, irgendwelche Forderungen an mich zu stellen? Gebt Euch zu erkennen!“, forderte der Drachenmagier den Fremden heftig auf. Doch dieser grinste nur unbeeindruckt und kam einen Schritt auf den Drachen, seinen Reiter und dessen Sohn zu. Joaquin machte eine schnelle –, für alle Anwesenden – unvorhersehbare Dummheit. Er stieß seinen Vater mit einem kräftigen Stoß seiner fast grenzenlosen Magie über den Rand der Klippe. Dark war so überrascht, dass er nicht mal schreien konnte. Sein Blick bohrte sich in die traurigen Augen seines einzigen Sohnes, der nur noch ein Lebewohl für ihn auf den stummen Lippen hatte. Veneno tat genau das, was der Junge sich erhofft hatte – er sprang hinter seinem Herrn die Klippe hinunter.
Joaquin wandte sich wieder den drei Ankömmlingen zu. „Ihr wart einer vom schönen Volk!“, sagte er und blickte den Mann mit den leeren, schwarzen Augen an. Dann fiel sein Blick auf den Tiermensch. „Und Ihr wart einmal ein reicher Gutsbesitzer, bis zu einem verheerenden Brand, der Euch alles nahm – Macht, Besitz, … Familie.“ Zum Schluss wandte er sich an die junge Frau. „Eure Augen sagen mir nur, dass ich Euch kenne“, sagte er schließlich verwirrt und zugleich neugierig.
„Wer wir sind, spielt keine Rolle“, erwiderte der Tiermensch knurrend. „Du wirst jetzt mit uns kommen, um die Schuld deines Vaters zu bezahlen.“
„Einverstanden!“, erwiderte Joaquin und grinste verschmitzt. Selina hob überrascht den Kopf. „Wenn Ihr könnt?“
„Was soll das heißen, wenn wir können?“, lachte die Bosheit eines Elben, dessen Seele den Dämonen zum Fraß vorgeworfen und nur durch ein Wunder unbeschädigt geblieben war. Aber das wusste er nicht. Er wusste auch nicht einmal seinen wahren Namen. Er kannte nur den, mit dem man ihn immer rief: Marek – Meister der Vampire. Der Name bedeutete nichts weiter als willenlose Puppe und genau das war er auch, willenlos, ein Diener für die Ewigkeit.
Der Tiermensch machte einen Satz, vor dem kein Mensch hätte ausweichen können. Doch das brauchte Joaquin auch gar nicht, denn er klatschte wieder einmal in die Hände. Das dunkle Wesen erstarrte in der Luft. Selina und Marek kniffen misstrauisch die Augen zusammen, während der Junge ein zweites Mal in die Hände klatschte. Der ungläubig und entsetzt blickende Tiermensch begann wie eine Marionette wild herumspringend nach dem Takt von Joaquins Händen zu hechten. Seine beiden Kameraden konnte nicht mehr an sich halten und brachen in brüllendes Gelächter aus.
Währenddessen hatte Veneno seinen Herrn aufgefangen und war zum Plateau zurückgeflogen. Er spreizte die Glieder seiner rechten Klaue und packte den Jungen im Flug. Dieser lachte immer noch und statt laut vor Angst zu schreien, rief er begeistert: „Schneller! Höher! Nun mach schon, Veneno!“
Während der Drache so schnell wie möglich Abstand zwischen sich und die Anbeter der Dunklen Götter brachte, erhob sich der gequälte Tiermensch fluchend. Marek und Selina traten an die Kante heran. Im nächsten Augenblick sprossen aus beider Rücken jeweils ein Paar kräftiger Vampirflügel. Marek hatte als Entschädigung für den Verlust seiner Seele die Fähigkeiten der Vampire vom Gott Sombra erhalten. Selinas magische Fähigkeit hingegen bestand darin, Vampire zu kontrollieren. Allerdings war sie in der Lage, ihre Fähigkeiten auf sich zu übertragen.
„Wenn du dich weitestgehend erholt hast, Pinius, dann sieh zu, dass du zum Drachentempel kommst und am besten noch vor ihnen dort eintriffst. Wir beide verfolgen sie direkt“, sagte Marek ohne jegliche Gefühlsregung.
Damit erhoben sie sich graziös in die Lüfte und jagten dem davoneilenden Drachen hinterdrein.
Der Drachentempel kam bereits in Sicht und Veneno sank tiefer, als Marek und Selina endlich zu ihnen aufgeschlossen hatten. Joaquin bemerkte sie als Erster, da sie sowohl ihren Geruch als auch ihre Magie abgeschattet hatten. Der Junge quiekte vergnügt, deutete auf Marek und sang fröhlich:
„Fledermäuse, Fledermäuse verspeise ich zum Frühstück!
Ess’ ich mit Radieschen fein, Fledermäuse, ihr seid mein!“
Dark und Veneno blickten nach hinten und entdeckten den Grund für Joaquins seltsamen Gesang. Der Drachenreiter konnte gerade noch rechtzeitig seinen Kopf einziehen, bevor Marek ihn mit seinen Krallen abschlug. Der Drache sank noch tiefer und drehte sich spiralförmig zwischen den Bäumen hindurch. Sie erreichten nun die Lichtung des Drachentempels.
Veneno, bring Joa zum Tempel! Sombras Handlanger haben dort keine Macht und er natürlich auch nicht, befahl Dark seinem Freund gedanklich.
Und was macht Ihr?
Sie aufhalten, solange ich kann!
Mit diesen Worten sprang er aus dem Sattel und landete auf allen vieren im Gras. In einem Bruchteil einer Sekunde hatte er einen mächtigen Schutzschild errichtet, gegen das Selina und Marek mit einem lauten Krachen schlugen, bevor sie unsanft zu Boden gingen. Sie schüttelten sich heftig und ihre Flügel und Mareks scharfe Klauen verschwanden.
Leicht verwirrt erhoben sie sich. Als sie erkannten, was sie aufgehalten hatte, legte der ehemalige Elb den Kopf schief und grinste.
„Du willst uns allein aufhalten, Mensch?“, fragte er spöttisch und hob seine linke Hand träge.
Selina öffnete ihre rechte Hand und sie schleuderten gleichzeitig schwarze Energiepfeile auf den grün schimmernden Schild, den Dark mit zusammengebissenen Zähnen mühsam aufrechterhielt.
„Warum machst du es uns und dir unnötig schwer? Du bist mit deinen Kräften am Ende, Drachenmagie hin oder her!“, sagte Marek mit einem verächtlichen Blick. „Gib uns einfach den Jungen und du kannst unbeschadet deiner Wege ziehen!“
„Niemals!“, zischte Dark. Langsam wurde es anstrengend. Er spürte, wie ihm die Magie seine Lebenskraft entzog. Wenn ihm nicht bald etwas einfiel, würde ihn die Anstrengung umbringen.
Inzwischen war Veneno mit Joaquin beim Drachentempel angekommen. Am Fuß der Treppe stand eine in Schwarz gehüllte Gestalt, Pinius. Der Drache landete drei Meter von ihm entfernt. Er konnte nicht einfach die Stufen überfliegen und den Jungen an der Pforte des Tempels absetzten. Denn es war ein ungeschriebenes Gesetz, dass man diese heiligen Stufen nur hochgehen, aber niemals darüber rennen oder gar fliegen durfte. Ansonsten holte Gott Lecto sich die Seele des Übeltäters.
Joaquin gab abermals einen vergnügten Laut von sich, begann wieder ein Liedchen zu trällern und klatschte dabei in die Hände:
„Tiermensch, Hungerhaken, Tiermensch, nicht verzagen, keine Angst in diesem Land hängt dein Kopf nicht an der Wand! Tiermensch, musst dich plagen, viele Menschen jagen, das Getier, was du sonst frisst, Hunger leiden tun die nicht!“
Pinius hatte wohl oder übel wieder mit dem Tanzen anfangen müssen und schrie jetzt wie am Spieß: „Hör auf, du verdammtes Balg! Lass mich …“ Doch Joaquin hatte viel zu viel Spaß, um damit aufzuhören.
Veneno drängte den Jungen langsam, aber sicher die Stufen der Heiligen Treppe hinauf. Während dieser rückwärts die eintausendundeins Stufen erklomm, dichtete er immer neue Strophen für den Dunklen Magier und klatschte im Takt, während der Tiermensch nach Luft ringend komplizierte Drehungen, Sprünge und Schritte machte.
Ein schwarzer Blitz schlug in Pinius ein und verbrannte ihn augenblicklich zu Asche. Darks Schutzschild brach und er wurde zurückgeschleudert bis an die erste Stufe der Heiligen Treppe. Veneno rammte Joaquin seine Nase in den Bauch und schleuderte den nach Atem schnappenden Jungen bis zur Tempelpforte. Dann sprang er zu seinem Herrn und stellte sich schützend über ihn. Der Junge kroch sich den schmerzenden Bauch reibend in den Tempel. Dort brach er vor Schmerz und Erschöpfung zusammen. Er sah den drohenden Schatten nicht mehr, der sich über ihm zusammenbraute.
Währenddessen manifestierte sich Sombra, der Gott der Finsternis, vor Dark und seinem geschuppten Freund. Sein silbriges Haar wehte, als ob ein Sturm es zerzauste, obwohl vollkommene Windstille herrschte. In seinen Augen tobte ein Blizzard. Sein schwarzes Gewand, auf dem ein roter Salamander abgebildet war, flatterte. All diese Bewegungen waren seiner gigantischen magischen Stärke zuzuschreiben. Seine Macht pulsierte in ihm und wurde wellenartig abgestrahlt. Ein bloßer Gedanke konnte genügen, um seinen Feind zu töten.
Er war vor Jahrhunderten aufgrund seines unendlichen Hasses und der Tatsache, dass er als Magier zur obersten Elite gehörte, zum Gott der Finsternis erkoren worden. Der Herr von Zeit und Welt hatte ihn gerufen und er war der Aufforderung gefolgt. Nie wieder würde er den Schmerz einer verlorenen Liebe spüren müssen.
Das wahre Ich des Herrn von Zeit und Welt hatte noch nie jemand zu Gesicht bekommen, noch nicht mal die, die er zu Göttern gemacht hatte. Eine von seinen vielen Gaben war die der Gestaltwandlung. Er erschien mal als Kind, mal als alter Mann, mal als bezaubernde Prinzessin, aber nie in seiner wahren Gestalt. Sombra war er als ein Zauberer mittleren Alters erschienen. Nun stand der Gott über Dark und musterte den verängstigten Drachenreiter und seine Flugechse abfällig. Hinter ihm stand Marek.
„Acht Jahre habe ich geduldig darauf gewartet, dass du dein Wort hältst und mir dein Erstgeborenes bringst. Doch das hast du nicht, also komme ich es mir holen! Sag mir, wo es ist!“
„Im Tempel“, erwiderte Dark leise.
Sombra blickte zu dem Heiligtum der Drachenreiter und bemerkte die blau-schwarze Wolke, die sich darüber zusammenbraute.
„Ich habe nie geglaubt, dass es stimmt, was man über eure Heilige Treppe sagt, aber jetzt …“, sagte der Gott und starrte auf das Phänomen.
Dark sprang auf und war drauf und dran, die Stufen ebenfalls hinaufzurennen. Doch Sombra hielt ihn mit einer einzigen Bewegung seines Zeigefingers davon ab.
Selina war mittlerweile dabei, die Stufen zu erklimmen. Gelassen, als hätte sie alle Zeit der Welt, betrat sie den Tempel. Dort war ein Wesen erschienen, mit Augen so braun wie die Erde, Haut so blau wie das Meer, Haare so unförmig wie der Wind und Kleidung so rot wie aufzüngelnde Flammen. Es war ein Bote Lectos, des Gottes, der auch als der Heilige bekannt war. Man wusste aber auch, dass sich dieser Erhabene auf Kompromisse einließ. Wenn er dabei besser wegkam als sein Gegenüber. Er war vor fast achthundert Jahren in den Kreis der Götter aufgenommen worden. Damit war er zwar älter als Sombra, aber bei Weitem nicht so mächtig. Der Herr der Finsternis war der Mächtigste unter allen, daher beugte sich auch ein alter, erfahrenerer Magier seinem Willen allein um die eigene Existenz zu schützen.
Lecto würde den Jungen zu sich holen, da dieser ein heiliges Gesetz missachtet und somit die Gebote eines Gottes mit Füßen getreten hatte.
Selina fiel vor dem Halbgott auf die Knie.
„Ich flehe Euch an, verschont meinen Jungen! Er ist unschuldig!“
„Wir kommen, um eine verdorbene Seele zu holen“, erwiderte das Wesen ungerührt. „Und wir gehen nicht ohne sie!“
„Aber seine Seele ist rein! Nehmt meine an seiner statt! Ich biete Euch meine Seele, aber verschont dafür seine! Er ist doch noch ein Kind!“
Das Wesen sah sie mit den braunen, gefühllosen Augen an, dann sog es ihr die Seele aus dem Körper.
Joaquin war wieder zu sich gekommen und sah die Seelenwanderung sprachlos mit an. Er blickte zu Selina. Ganz plötzlich sah er ihr Gesicht in einer seiner Erinnerungen und wusste mit hundertprozentiger Sicherheit, wer sie war.
„Mutter!“, schrie er panisch und rannte zu ihr. Doch als er sie erreicht hatte, konnte er nur noch ihren schlaffen Kopf davor bewahren, auf dem Marmorboden aufzuschlagen.
„Mach sie wieder heil!“, brüllte Joaquin den Götterboten unhöflich an.
Doch dieser blickte den Jungen nur verständnislos an. Schließlich ließ er sich doch zu einer Antwort herab: „Entscheidet euch, welche Seele ich von euch mitnehmen soll, entweder ihre oder deine!“
„Ich biete dir was Besseres!“, sagte der Junge schnell.
„Was?“
„Liebe!“
„Liebe?“
„Meine Liebe! Ich opfere dieses Gefühl, um meine Mutter zu retten!“
„Wenn du noch Mut, Mitleid und Hilfsbereitschaft drauflegst, bin ich einverstanden“, ertönte eine tiefe, gierige Stimme um sie herum. Lecto war höchst erfreut über diesen Vorschlag. Denn ohne derartige Gefühle war der Junge für den Gott des Hasses wertlos. Wie sollte man jemanden erpressen und seelisch quälen, wenn es niemanden gab, der demjenigen etwas bedeutete.
„Einverstanden!“, sagte Joaquin. Seine Stimme passte nicht mehr zu seinem Alter, er sprach jetzt wie ein selbstbewusster Mann, der einen wichtigen Vertrag abwickelte.
„So sei es denn“, ertönte noch einmal Lectos Stimme.
Joaquin sah noch, wie der Bote seiner Mutter die Seele zurückgab. Dann spürte er ein Ziehen hinter seinem Bauchnabel, das immer unerträglicher wurde, bis er schließlich schmerzgepeinigt in die Knie sank. Nach ein paar Minuten, die ihm wie eine Ewigkeit vorkamen, klang der Schmerz allmählich ab. Eine unglaubliche Leere erfüllte ihn. Er spürte eine sanfte Berührung seiner Schulter und blickte seiner Mutter in die tränennassen Augen.
„Was hast du ihm dafür gegeben?“, fragte sie fassungslos.
„Meine Liebe, Mut, Mitleid und Hilfsbereitschaft …“, erwiderte Joaquin leise.
„Wollen wir sehen, wie es deinem Vater geht?“, fragte sie leise, um das Thema zu wechseln. Da sie nur zu genau wusste, was ein Verlust solcher Gefühle für ein Kind bedeutete.
Er zuckte gleichgültig mit den Schultern, erhob sich aber dennoch. Sie öffneten die Pforte und blickten die Heilige Treppe hinunter. Dort unten lagen der Hohepriester, der Drachenmagier und sein Freund, der gigantische, giftgrüne Drache Veneno in ihrem eigenen Blut und regten sich nicht mehr. Sombra und Marek waren nirgends zu sehen.
Selina hatte Mühe, sich davon abzuhalten, die Stufen nicht hinabzuspringen. Joaquin hingegen ließ der Anblick seines Vaters und dessen Freundes völlig kalt. Seine einzige Sorge galt seiner eigenen Sicherheit. Er überlegte die ganze Zeit, wie er am besten die Flucht ergreifen sollte, wenn Sombra wieder auftauchte. Dieser war mit Sicherheit noch in der Nähe und wartete nur darauf, dass er den Tempel verließ.
Als sie die letzte Stufe hinter sich hatten, eilte Selina zu Dark. Sie drehte ihn auf den Rücken und bettete seinen Kopf in ihren Schoß. Mit traurigen Augen strich sie ihm eine blutige Haarsträhne aus dem Gesicht. Joaquin stand nur unbeteiligt neben ihr.
„Lebt er noch?“, fragte er rein aus Interesse.
Selina warf ihm einen kurzen Blick zu. „Ja. Würdest du bitte nachsehen, wie es Veneno geht?“
„Kann ich machen.“
„Selina … warum?“, Dark brachte diese Worte, nachdem er die Augen ein wenig geöffnet hatte, nur mühsam heraus.
„Weil ich meine Seele verkauft habe“, erwiderte sie leise und voll von tiefem Bedauern. „Für Macht.“
Selina hatte Sombra ihre Seele zu Füßen gelegt, um von ihm unterrichtet zu werden. Sie hatte gemerkt, dass sie eine Dunkle Zauberin war und damit die lichte Magie nicht erlernen konnte. Heilmagie war für jeden Schwarzen Magier unmöglich auszuführen. Da der Herr der Finsternis der Einzige war, bei dem sie ihre Art der Zauberei lernen konnte, war sie zu ihm gegangen und hatte ihn auf Knien anflehen müssen, was er natürlich ausgenutzt hatte.
„Bereust du es?“, fragte sie nach einer Weile.
„Was? Dass wir uns begegnet sind?“
Sie nickte betrübt.
Dark lachte, verfiel aber gleich darauf in einen Hustenanfall. Nachdem er wieder Atem geschöpft hatte, sagte er: „Auch wenn wir die Zeit zurückdrehen könnten, würde ich es noch einmal tun!“
„Aber du siehst, wohin unsere …“, sie brach ab.
„Liebe! Sag es nur, oder hast du nicht so gefühlt?“
Selina lächelte erleichtert und nickte. „Doch, und ich fühle sie immer noch, Dark. Aber du siehst doch selbst, wohin unsere Liebe geführt hat! Die Stadt der Magier ist zerstört und das Korps der Drachen so gut wie ausgerottet.“
„Das ist nicht unsere Schuld, Selina!“, sagte Dark mit einem sanften Lächeln. „Sombra hätte so oder so irgendwann die Magierstadt aus reiner Freude am Leid anderer zerstört. Es ist nur ein billiger Vorwand, damit wir uns Vorwürfe machen können, obwohl uns keine Schuld trifft.“
„Mutter?“
Sie wandte sich Joaquin zu.
„Veneno lebt noch.“
„Ist er schwer verletzt?“, fragte sie besorgt.
Ich werde es überstehen, sagte Veneno gedanklich.
„Er sagt, dass er es schaffen wird“, sagte Dark erleichtert und setzte sich stöhnend vor Schmerz auf.
„Na wunderbar, da ist das Kind ja!“, sagte Sombra und tauchte vor ihnen auf, Marek an seiner Seite. „Aber das ist ja ein Junge?! Wieso hast du Idiot keine Tochter? Kannst du mir mal verraten, was ich mit einer nicht schwimmenden Kröte anfangen soll? Der letzte Drachenmagier war auch schon so untalentiert! Könnt ihr mir mal verraten, wie lange ich noch auf mein passendes Opfer warten soll? Dieser lächerliche Jahrgang hier hat ja nicht mal einen Gestaltwandler zu bieten! Der Letzte, der hatte eine Tochter, leider aber eine, die mit sämtlichen Kinderkrankheiten gestraft war und nach zwei Jahren starb! Und was bringt ihr mir hier, ihr ach so großen Drachenmagier? Bastarde, mit denen man nichts anfangen kann, außer die Hunde zu sättigen!“
„Dann lass ihn doch in Ruhe!“, fauchte Dark ihn an.
„Ich soll einen Menschenverschonen?“, sagte Sombra ungläubig. „Wo kommen wir denn da hin, wenn der Gott des Hasses und der Finsternis anfängt, Gnadenbriefe zu verteilen!?“
„In eine bessere Welt“, sagte Selina leise.
Sombra schüttelte sich vor Lachen. Er lachte so ausgiebig, dass ihm sogar Tränen kamen. Nach Luft schnappend rieb er sie weg.
„Siehst du, wohin schon ein solches Gespräch über Gnade führt?“, sagte er. „Ich zeige ja sogar eine menschliche Regung.“
„Und was ist so schlimm daran, menschlich zu sein? Warum sträubt Ihr Euch dagegen, ein Mensch zu werden? Es hat doch so viel Schönes …“, begann Selina von Neuem. Doch der Herr der Finsternis fiel ihr ins Wort.
„Wenn ich ein hirnloses Insekt sein will, sag ich Bescheid. Aber danke für dein großzügiges Angebot.“
„Ihr lasst mir keine Wahl, Meister“, sagte sie und erhob sich langsam. Sie schluckte noch einmal heftig, um die lähmende Angst zu vertreiben, bevor sie sie erfassen konnte und nicht mehr losließ.
„Mach dich nicht unglücklich, Kleines“, erwiderte Sombra ungerührt. „Sollte dein Versuch, mich zu beseitigen, scheitern – und das wird er –, dann steht dir ein ewiges Leben unter endloser Folter bevor wie Trian. Du erinnerst dich doch noch an Trian, oder?“
Und ob sie sich erinnerte. Trian war im Feuergebirge seit fast fünfhundert Jahren und wurde täglich gefoltert. Sombra sorgte allerdings mit Bedacht dafür, dass er nicht starb. Er hatte ihn mit einem Zeitzauber belegt, um ihm ein ewiges Leben zu ermöglichen. Denn wenn der Gott des Hasses sagte: endlose Folter, dann meinte er es auch.
Selina trat direkt vor ihn und ergriff seine Oberarme. Seine Muskeln spannten sich nicht einmal. Der Gott hob seine linke Augenbraue und blickte sie überheblich und gleichsam gelangweilt an.Was kann die mir schon anhaben, dachte er herablassend.
„Ich, Selina, Tochter Sainias, gebe dir, Eric von Levida, der nun als der Gott der Finsternis bekannt ist, meine ganze, glühende Liebe, die für Dark bestimmt war. Möge sie deine Seele doch noch retten.“
Ihren ganzen Körper umgab ein feuriges Glühen, das nun auf Sombra überging. Das lodernde Glimmen verschwand allmählich in seinem Körper und Selina sackte kraftlos und ausgelaugt in sich zusammen.
„Ich sagte dir doch, dass es nicht funktionieren würde.“Obwohl ich zugeben muss, dass es mich überrascht. Es wundert mich, dass mir diese Liebe nichts anhaben kann. Wo mir der Herr von Zeit und Welt doch mitgeteilt hatte, dass dieses Gefühl für meinen Körper nicht tragbar ist.
Genau in dem Moment, in dem er diesen Gedanken vollendete, spürte er ein schmerzhaftes Reißen um sein kaltes Herz, das sich mehr und mehr in seinem Körper ausbreitete. Ein letzter gellender Schmerzensschrei entfuhr seiner Kehle, bevor er in tausend Stücke zerplatzte. Schwarzes Blut, Gedärme und Hautfetzen ergossen sich über die Anwesenden. Nur Joaquin gelang es, sich mit seiner Magie vor den ungewöhnlichen Geschossen zu schützen, da er als Einziger das gesamte Schauspiel abgebrüht hingenommen hatte.
Marek starrte Selina mit vor Hass funkelnden Augen an. Er hob seine Hand. Doch anstatt sie dafür zu strafen, durchbohrte er Darks Brust mit einem schwarzen Lichtblitz. Dann schwang er seinen Umhang um sich und verschwand.
Dark war lautlos auf den Rücken gestürzt. Seine Augen und der Mund standen überrascht offen. Weder Selina, die all ihre Liebe geopfert hatte, um Sombras Körper zu zerschlagen, noch Joaquin zeigten irgendeine Gefühlsregung, als sie Mareks Tat begutachteten. Nur Veneno war an die Seite seines Herrn gekrochen und stupste ihn hoffnungsvoll an. Doch es war zu spät. Der große Drachenmagier war tot. Der Drache stieß ein wehleidiges Brüllen gen Himmel, das in ganz Sugiawa zu hören war und jeder würde wissen, dass ein weiterer Drachenreiter gestorben war, der einen einsamen Freund zurückgelassen hatte. Doch die Drachen würden an dem Ruf der Feuerechse erkennen, dass es Dark war, den der Tod ereilt hatte. Und das, nachdem nach so langer Zeit endlich ein Drachenmagier in Sugiawa erschienen war.
Keiner würde von ihnen zu sagen wissen, wie lange es dauerte, bis ein Erbe der Drachenmagie geboren werden würde. Wie lange mussten sie noch warten, bis der kam, der die Finsternis zerschlug, die Völker vereinte und somit endlich Frieden in die kriegerischen Länder brachte? Wie lange mussten die Völker Sugiawas noch auf den Weißen Drachenwarten – den Friedensbringer, den Beschützer? Würde er überhaupt irgendwann kommen? Oder würde Sombra für immer herrschen? Obwohl er seinen Körper verloren hatte, war er immer noch da. Und sehr bald würde er sich ein neues Gefäß angeeignet haben. Wenn das passierte, würde erneut ein Zeitalter des Krieges und der Finsternis über Sugiawa hereinbrechen und sich wahrscheinlich auch auf die näheren Länder ausweiten wie Carrera – das Königreich der Menschen. Laut einer jahrhundertealten Legende würden dort die Menschen geboren werden, die dem Drachenmagier beistehen und den Weißen Drachen erwecken sollten. Fünf Sterbliche, deren Schicksale untrennbar miteinander verwoben sein würden. Auch wenn sie versuchten, sich dagegen aufzulehnen. Am Ende würden sie sich doch nie im Stich lassen.
Vampirjäger … Kriegerin … Meisterschwertträger … Gestaltwandler … Amazone …
Kapitel 1 – Der Vampirjäger und die Herrin der Blutsauger
Fünfhundert Jahre zogen ins Land und die Insel Sugiawa erblühte wieder. Die Osthälfte der Insel war die reinste Sandwüste, doch im Westen wuchsen die Pflanzen erneut und die Menschen lebten wieder in Eintracht.
Die Vampire und Drachen verwüsteten die Felder und Dörfer der Sterblichen mit Genuss. Die Lindwürmer waren immer noch erbost und außer sich, dass es ein Mensch – Magier hin oder her – gewagt hatte, ihren Anführer, ihren langersehnten Drachenmagier zu töten. Während die Blutsauger von Sina – sie hatte ihren wahren Namen Selina abgelegt, da ihr selbst gewählterschwarze Ladybedeutete und besser zu ihrem jetzigen Wesen passte – dazu angestachelt wurden, die Menschen zu überfallen. Sie wollte sich erstens am Leid der Menschen ergötzen und zweitens hatte man mit neugeborenen Vampiren einen viel atemberaubenderen Sex als mit welchen, die allmählich in die Jahre kamen.
Die Morde und Überfälle gingen ungebremst vonstatten, bis ein großer Krieger in das Land kam. Er war gerade erst mit seinen Kameraden angekommen und ruhte sich in einem kleinen Dorf im Nordwesten aus, als eine Schar von Vampiren angriff. Sie lagen faul unter den Bäumen, geschützt vor der Sonne und tranken zu viel. Ihre Pferde ruhten ebenfalls im Schatten. Die meisten von den Männern waren längst stark betrunken, nur einer hörte die Geschichten über die verfluchte Insel. „Drachen- und Vampirangriffe gehören seit Langem nun zum Alltag“, sagte der Älteste des Dorfes zu dem jungen Mann, der lange, schwarze Haare hatte und ein Gesicht mit falkenhaften Zügen.
Sina, die dieses Dorf vorzugsweise beobachtete, sah in ihm sogleich ein neues, potenzielles Opfer. Er war groß, stark, arrogant und hielt sich für unbesiegbar. Genau die Eigenschaften, die ihr immer den meisten Spaß bescherten, wenn sie ihren Opfern den Willen brach. Er gefiel ihr vom ersten Augenblick an, vor allem sein gnadenloser Ausdruck in den blau-schwarzen Augen.
„Und jetzt wollt Ihr, dass ich und meine Männer das verhindern?“, fragte er gelangweilt.
Sina kicherte leise. Sie rekelte sich splitternackt auf ihrem gigantischen Bett in den Kissen und spähte durch ein Magieloch auf den jungen Mann. „Du bist so herrlich naiv“, säuselte sie. „Es wird mir wahrlich ein großes Vergnügen bereiten, dich zuzureiten, kleiner Vampirjäger und Drachentöter!“
„Es wäre uns sehr willkommen, Herr“, erwiderte der Älteste eilig und verneigte sich mehrfach vor dem jungen Mann, der ihn nur herablassend musterte.
„Was bekomme ich dafür?“, fragte er schließlich und blickte ihm arrogant ins Gesicht.Was kann der mir schon geben, was ich nicht sowieso schon habe, dachte er.
Sina rückte näher an denSpäherund strich sachte über sein Bild. „Du bekommst mehr, als dir lieb ist, mein Süßer!“
Der Dorfälteste winkte zwei Bauernjungen heran, die eine kleine Kiste vor dem Mann abstellten und sie öffneten. Er beugte sich vor. Die Kiste war bis zum Rand mit Goldstücken gefüllt. Gierig nahm er eine der Münzen aus der Kiste und begutachtete sie eingehend, bevor er sagte: „Abgemacht! Ich töte die Vampire und Drachen, wenn sie Eurem Dorf zu nahekommen.“
„Na, dann viel Glück.“ Sina konnte einen Lachanfall nicht unterdrücken. Nachdem sie sich wieder beruhigt hatte, rief sie sechs der älteren Vampire zu sich und schickte sie los, um ihr den jungen Mann mit dem Falkenblick zu bringen.Endlich ist mal wieder etwas Aufregendes los. Ich habe mich ja schon so gelangweilt!
An diesem Abend wurde ein großes Fest gegeben zu Ehren des neuen Vampir- und Drachentöters André. Den Dorfbewohnern war es erst einmal gleich, ob er sich schon bewährt hatte. Das Geld würde er so oder so erst hinterher bekommen, wenn er dann noch lebte.
Ein lautes Kreischen ließ alle verstummen, nur die Betrunkenen lachten weiter. Der junge Mann war noch relativ nüchtern. Er erhob sich, sein Schwert band er sich wieder um die Hüfte. Auf dem Rücken trug er zwei Schmetterlingsschwerter und über dem Steiß befand sich ein kleiner silberner Dolch. Das Erbe seines verstorbenen Vaters. Er gebot den Dorfbewohnern Ruhe und bedeutete, dass sie zusammenbleiben und sich auf den Festplatz stellen sollten, damit sie nicht aus dem Hinterhalt von einem Vampir angegriffen werden konnten. Sie taten, wie geheißen, und schleiften die Betrunkenen mit sich. André spürte einen der Vampire ganz in der Nähe und schleuderte seinen Dolch zwischen die Äste einer nah stehenden Weide. Ein schauriges Kreischen und der Vampir fiel leblos aus dem Baum zu Boden, wo er zu Staub zerfiel. Ein Raunen der Bewunderung ging durch die erstaunten Dorfbewohner, als der junge Mann seinen Dolch holte und auf die Nächsten wartete.
Sie kamen auch und stürzten sich gleich zu fünft auf den Mörder ihres Bruders. Er wich ihnen aus und tötete einen nach dem anderen. Es kostete ihn nicht viel Mühe, da er das schon so oft getan hatte. Nun schwoll ein Jubelgeschrei hinter ihm an und er wandte sich grinsend um.Das war ja leichter, als ich dachte, überlegte er zufrieden.
„Wir stehen ewig in Eurer Schuld junger Krieger, sagt uns bitte Euren Namen“, bat der Älteste und verneigte sich abermals vor dem jungen Mann.
„Mein Name ist André de Grafia“, erwiderte er und nahm das Gold für seine Dienste entgegen.
Das Fest ging weiter und es wurde ausgelassen getanzt und gelacht. Keiner merkte, dass sie beobachtet wurden.
„Gar nicht schlecht, Süßer“, flüsterte Sina in einem Ton, der die Selbstbeherrschung eines jeden Priesters zum Einsturz gebracht hätte. „Sieht aus, als müsste ich persönlich vorbeikommen.“ Sie erhob sich mit einer aufreizenden, geschmeidigen Bewegung, die die Männer zum Hecheln bringen konnte, und streifte ein seidenes, fast durchsichtiges Gewand über.
Unruhige Gedanken kreisten in Darks Kopf herum. Obwohl er nun nur noch ein Geist war, fühlte er sich seinem Volk immer noch verpflichtet.Die Insel scheint sich erholt zu haben, doch in den Herzen der Lebewesen stauen sich Hass und unbändige Wut gegeneinander. Es wird nie Frieden geben, wenn man Sombras Geist nicht auch auslöscht. Außerdem ist da immer noch Mareks böse Energie, die nur Verderben bringt. Doch wie lange habe ich gewartet? Und noch immer ist kein Erbe erschienen. So kann es nicht weitergehen, auch Veneno wird langsam unruhig. Es muss doch eine Möglichkeit geben, die Linie der Drachenmagier fortzusetzen. Wie soll sich sonst die Prophezeiung erfüllen?
Herr, wir solltet es abbrechen, es ist ja doch vergebens, erklangen Venenos Gedanken.Ihr seid tot. Ihr könnt keine Nachkommen mehr zeugen, um einen Drachenmagier auf Erden zu bringen. Und Joaquin ist ein Erzmagier, abgesehen von diesem Hindernis ist er völlig unfähig zu lieben. Er wird nie ein Drachenmagier sein! Unser Vorhaben ist gescheitert.
Sag so etwas nicht! Warte, gib mir noch etwas Zeit! Ich finde eine Lösung.
Dark lief in seinem Arbeitszimmer, das an die Halle der Weisen angrenzte, die sich über den Wolken befand, hin und her. Ab und zu hielt er inne und dachte krampfhaft über das Problem nach, was sich ihm stellte. Als er damals sein Leben gelassen hatte, hatte er nicht daran gedacht, Joaquin auf die Drachenmagie vorzubereiten. Doch wenn er jetzt so darüber nachdachte, war es wohl doch unwichtig. Ihm war zu Ohren gekommen, dass sein einziger Sohn keine Liebe, geschweige denn Mitgefühl empfand. Was bedauerlicherweise zwei unverzichtbare Bedingungen waren, um ein Drachenmagier werden zu können.
Wie sollte er aber einen Erben dieser seltenen und schwer zu erlernenden Magie auf die Erde bringen, wenn er doch tot war? Er fuhr sich mit der Hand übers Gesicht und blieb am Fenster stehen. Es hatte keine Glasscheibe. Aber das war auch nicht nötig. Ein Zauber schützte die Halle vor Wind und Wetter. Abgesehen davon hatten die wenigsten der Götter noch einen Körper. Daher war der Schutz eigentlich fast überflüssig. Kein Geist konnte Wärme oder Kälte spüren.
Die Halle der Weisen war ein Ort, der über den Wolken lag und an dem sich zu ganz besonderen Anlässen die Götter trafen. Dies taten sie, um sich – wenn das Gleichgewicht gefährlich gestört war, zum Beispiel, wenn die Anzahl von Vampiren überhandnahm – zu beraten und das Problem aus der Welt zu schaffen. Aber sie waren immer darauf bedacht, keinen Unfrieden zu erzeugen.
Sterbliche, wie Dark einer gewesen war, wurden in besonderen Fällen aufgenommen und ihre Seele lebte auf Sugiawa weiter – um zu schützen. Er würde so lange weiter gegen Sombra kämpfen, bis der nächste Drachenmagier bereit war, ihm diese Aufgabe abzunehmen. Seine Schwester Lyneri, die Göttin der Liebe und des Lebens, hatte sich für ihn eingesetzt. Nur gemeinsam hatten sie eine Chance den Herrn der Finsternis aufzuhalten.
Darks geisterhafter Körper löste sich in der Halle der Weisen mehr und mehr auf und setzte sich im Tempel der Drachenmagier wieder zusammen.
Veneno hob den Kopf. Er lag im Drachentempel um das Podest gewunden, auf dem der menschliche Körper von Dark ruhte. Dieser war kreidebleich und eiskalt. Die langen spitzen Ohren standen von seinem Kopf ein wenig ab. Die grünen Augen waren geschlossen. Dark blickte traurig auf seinen von Kristall umschlossenen Körper. Lange schwiegen sie. Eine Stunde, zwei Stunden … Die Sonne ging draußen unter und Dark schaute noch immer auf seinen alten Körper. Plötzlich kam ihm eine Idee.
Veneno?, fragte er zaghaft.Könntest du mich nicht für eine gewisse Zeit in deinem Körper mit aufnehmen?
Natürlich, Herr!
Der Drache öffnete seinen Geist und ließ Dark seinen Zauber vollbringen, der ihre Geister verschmelzen ließ. Dark hatte schnell gemerkt, dass er tatsächlich noch im Stande war, Magie zu erwirken, allerdings nur an anderen Lebewesen, die ihm ihren Geist öffneten.
Lass uns eine Runde um die Insel fliegen, sagte Dark und Veneno trottete zum Ausgang. Außerhalb des Tempels breitete er seine Schwingen und sprang in die Lüfte. Rasch gewann er an Höhe und flog über die Bäume hinweg. Nach fünfhundert Jahren fühlte sich Dark endlich wieder frei. Die kühle Nachtluft wehte ihnen entgegen und Veneno fing an, Späße zu machen. Er drehte einige Spiralen in der Luft und riss sich aus dem darauffolgenden Sturzflug im letzten Moment heraus, bevor sie auf den Boden krachen konnten. Veneno war in den letzten fünfhundert Jahren noch gewachsen. Von seinen ehemaligen dreißig Metern auf stolze vierzig Meter, damit war er der größte Drache, den es je gegeben hatte. Er flog über das Dorf, wo sich der neue Vampirjäger befand, und machte einen jähen Schlenker, um dem Dolch, der nach ihm geworfen wurde, auszuweichen. Bei dieser Aktion wurden ihre Geister auseinandergerissen und Dark schleuderte es in den Himmel davon. Veneno stieß ein rasendes Brüllen aus und schoss seinem Herrn hinterher, doch dieser blieb verschwunden. Die Wut kochte in Veneno hoch.Wie kann er es nur wagen, meinem Herrn den schönsten Tag seit fünfhundert Jahren zu vermiesen? Dafür bezahlt er!
Er setzte zum Sturzflug an und schoss auf das kleine Dorf zu. Die Flügel eng an den Körper gepresst, um eine höhere Geschwindigkeit zu erhalten. Mit einem fürchterlichen Krachen landete er auf einer der Holzhütten, die unter seinem Gewicht sofort dem Erdboden gleichgemacht wurde. Ein tiefes Grollen kam aus seiner Kehle, als er André gegenüberstand und ihre Blicke sich begegneten. Er ließ seinen Geist in den des jungen Vampirjägers gleiten.
Er ist eigensinnig, egoistisch, machthungrig und so sehr von materiellen Dingen besessen, dass sein Herz total verdorben und unrein geworden ist. Es wäre also kein Verlust für die Menschheit, wenn ich einen weiteren machtgeilen Irren ausschalte, dachte der Drache zornig.
Er bleckte die Zähne, dann spie er eine Stichflamme aus dem linken Nasenloch. André wich im letzten Moment aus. Er war aus Venenos Blickfeld verschwunden und tauchte plötzlich über dem Drachen auf. André hatte sein Schwert gezogen und streifte damit Venenos Vorderbein, als der Drache auswich. Grünes Blut quoll in Strömen aus seinem Bein und André grinste siegessicher. Mit seinem Schwert hatte er schon so gut wie gewonnen – glaubte er.
Schluss mit den Spielereien, giftete Veneno in Andrés Kopf. Dieser wich überrascht einen Schritt zurück.
„Der Drache spricht???“
Natürlich kann ich sprechen! Was hast du denn gedacht, dass wir Drachen stumm sind wie Fische?
„Nein, das nicht, aber man hatte mich auch noch nicht vom Gegenteil überzeugt.“
Warum hast du mich angegriffen?
„Weil ich geschworen habe, dass ich jeden Drachen und jeden Vampir töte, der dem Dorf zu nahekommt.“
Dass ich nicht lache, du könntest nicht mal eine Fliege töten, geschweige denn einen Drachen. Außerdem bist du nicht würdig, die Klinge Dolor dein Eigen zu nennen. Hast du auch nur im Entferntesten eine Ahnung, woraus dieses Schwert geschmiedet wurde??
„Das interessiert mich nicht im Geringsten. Jetzt gehört es mir, ich lebe weder in der Vergangenheit noch in der Zukunft. Ich lebe jetzt.“
Ja, noch lebst du. Sprich dein letztes Gebet, Mensch!
Veneno, warte!, rief Dark in Venenos zornige Gedanken hinein.
Herr? Wo seid Ihr?
Öffne deinen Geist, mein Freund!
Der Drache gehorchte augenblicklich und Dark verband sich wieder geistig mit ihm.
Ich bin froh, dass du nicht so weit weggeflogen bist, sonst hätte ich dich wohl nicht mehr gefunden.
Es tut mir leid, Herr.
Das braucht es nicht. Aber warum ist dein Körper so angespannt? Weshalb sind deine Gedanken so aufgebracht?
Veneno nickte missmutig zu dem Menschen hinüber, der noch immer das Schwert Dolor in den Händen hielt und auf den Drachen richtete.
Hör gut zu, Mensch, sagte Dark zu André und dieser schreckte hoch. Jetzt war da schon eine zweite, männliche Stimme, die von dem Drachen ausging und unkontrolliert in seinem Kopf erklang.Unterlass es, meinen Freund anzugreifen, sonst wird es das Letzte sein, was du je getan hast!
„Drohst du mir etwa?“
Ja, ich denke schon. Also beherzig es und noch eine Bitte hätte ich.
Veneno und André wirkten beide verblüfft.
Vermache dein Schwert deinem erstgeborenen Sohn!
„Das werde ich“, sagte André nach kurzer Überlegung.„Aber wer seid Ihr?“
Mein Name ist Dark! Merk dir meine Worte, ansonsten bin ich gezwungen, andere Seiten aufzuziehen. Lebewohl!
Ihr wollt ihn einfach so davonkommen lassen?
Ja, Veneno, das will ich. Mir kommt da gerade eine großartige Idee. Lass mich nur machen und wir werden bald wieder einen Drachenmagier auf Erden haben.
Obwohl es Veneno nicht gefiel, spreizte er die Flügel und schoss in den Himmel davon. Irgendetwas sagte ihm, dass Darks großartiger Plan auch einen Haken hatte.
Hoffentlich ist es nicht wieder eine seiner Schnapsideen, hoffte der grüne Drache und flog zurück zum Tempel der Drachenmagier.
Dort angekommen löste Dark die geistige Verbundenheit und verschwand zurück in die Halle der Weisen. Veneno legte sich wieder um das Podest und bewachte den Leichnam seines Herrn.
Sina war bei Sonnenaufgang in die Hütte des Dorfältesten eingedrungen, hatte ihre vampirischen Fähigkeiten genutzt und alle Anwesenden zu ihren Sklaven gemacht. Der alte Mann und seine Frau sowie die beiden Söhne standen nun unter ihrer Kontrolle. Sie stand vor dem Oberhaupt der kleinen Familie und drückte dessen Kinn hoch, damit er, da sie alle vor ihr knieten, zu ihr aufsehen musste. Sina hatte ihn mit ihrem Blick völlig in ihrem Bann.
„Wer bin ich?“, fragte sie, um sicherzugehen, dass alles so lief, wie sie es wollte.
„Meine vierzehnjährige Tochter“, hauchte er, unfähig einen klaren Gedanken fassen zu können.
Sina hatte einen Illusionsschleier um sich gezogen. Ihr Haar wirkte nun braun. Es war lang und wellig. Ihre Augen wiesen ein sanftes Grün auf. Sie hatte eine schlanke, aber auch frauliche Figur, die sie nicht verändert hatte. Ihre Brüste waren voll und schön gerundet. Sie trug ein Bauernkleid mit einer hässlichen Braunfärbung und sah dennoch darin einfach göttlich aus.
„Und was ist deine Aufgabe?“
„Ich werde dich vor den Männern beschützen! Nach deiner Entführung werde ich André de Grafia anflehen, damit er sich aufmacht, um dich zu retten“, flüsterte er mit einem betäubten Ausdruck in den Augen.
Sina war gezwungen, sich von dem alten Mann, der ihren Vater darstellen sollte, anpreisen zu lassen, da André aus Carrera stammte. Dort war es Sitte, dass der Mann die Frau erwählte, deren Meinung allerdings nichts zählte. Der Vater des Mädchens hatte die Aufgabe, einen geeigneten Gatten für sie zu suchen. Und so wollte es Sina auch hier halten. Sie würde sich schüchtern geben und im Hintergrund bleiben, während sie André mit ihren scheinbar ungewollten, aufreizenden Bewegungen und verlockenden Blicken anstachelte, bis er den Trieb in sich nicht mehr bändigen konnte und sie förmlich zum Beischlaf nötigte.
Als das kleine Dorf allmählich erwachte, begab sich Sina mit einem Eimer zum Brunnen, um Wasser zu holen. Jeder der Bauern, der sie erblickte, wusste plötzlich, dass sie die Tochter des Dorfältesten war. Sie hatte einen einfachen Verwechslungszauber über die Menschen in dem Dorf gelegt.
Sina war gerade dabei, den Eimer aus dem Brunnen zu befördern, und stellte sich dabei besonders ungeschickt und hilflos an, sodass die Krieger und somit auch André auf sie aufmerksam wurden. Der Vampirjäger stand auf, warf seinen Männern einen vielsagenden Blick zu und stolzierte mit geschwollener Brust zu der jungen Frau, die sich mit dem Wasser abmühte.
„Kann ich Euch helfen, meine Dame?“, fragte er galant und umfasste den Griff der Kurbel, um den Eimer hochzuziehen. Sina blickte gespielt erschrocken und erleichtert zu ihm auf. „Ja, vielen Dank, mein Herr.“ Sie schenkte ihm ein bezauberndes Lächeln und drehte sich zu ihm um, sodass ihre prallen Brüste seinen muskulösen Arm streiften. Er schluckte, um sich unter Kontrolle zu halten. Dann trat sie einen Schritt zurück und er förderte den vollen Wassereimer herauf. Als er ihn auf den Brunnenrand stellte, kam die Zauberin sogleich näher. Sie griff nach dem Eimer zur gleichen Zeit wie er und ihre Hände trafen sich. Mit vorgetäuschter Verlegenheit blickte sie zu ihm auf. Zaghaft, aber verlockend lächelte sie ihn an. Ihre Augen glänzten vor Lust und brachten ihn an den Rande seiner mühsam umkämpften Selbstbeherrschung. Er schluckte erneut, diesmal ein wenig verkrampft.
„Ich trage ihn für Euch“, sagte er und lächelte, obwohl er ein wenig gepresst klang. Sina merkte sofort, dass er angebissen hatte. Wahrscheinlich würde sie den alten Mann gar nicht großartig brauchen.
„Ich danke Euch, mein Herr. Mein Vater sagt immer, dass es für mich zu gefährlich ist, einem Mann über den Weg zu laufen. Aber ich denke, er muss sich geirrt haben. Es ist nicht gefährlich, es ist schön.“
„Es freut mich, das zu hören“, erwiderte er, obwohl er sich schon schmutzigen Fantasien hingab. Plötzlich kam ihm noch ein anderer Gedanke.Wie bekomme ich ihren Vater dazu, sie mir zu überlassen. Wenigstens ein Mal. Nur eine Nacht will ich mit ihr!Während André sich krampfhaft über dieses unbedeutende Problemchen den Kopf zerbrach, begann bereits die zweite Stufe von Sinas Plan.
Als sie in der Haustür standen, kam der Dorfälteste auf sie zugeeilt, zog seine Tochter von dem Vampirjäger weg und stieß André zur Tür hinaus. Bevor er sie hinter ihm zuschlug, rief er aufgebracht: „Mein Gold könnt Ihr haben, aber nicht meine Tochter!“ Dann knallte er sie zu. Wie vor den Kopf gestoßen, stand der junge Mann mit dem Falkenblick vor dem Haus. Verstimmt und immer noch erregt überlegte er, ob er, wenn es dunkel wurde, durchs Fenster bei ihr einsteigen sollte. Urplötzlich hörte er Schreie und lautes Getöse aus der Hütte. Er kehrte um und stürmte ins Haus. Auf dem Boden lag zitternd die vierköpfige Familie. Die schöne, junge Frau war wie vom Erdboden verschluckt.
„Was ist passiert?“, brüllte André und riss den Dorfältesten am Kragen hoch. „Wo ist Eure Tochter?“
„Vampire“, hauchte er panisch und völlig fertig. „Sie haben sie mitgenommen!“ André sah aus der Tür und erblickte zwei Vampire, die mit einer dritten Gestalt in den Krallen über dem Wald außer Sicht gerieten.
„Verdammt!“, fluchte der Vampirjäger laut. „Wo bringen sie sie hin?“
„ZumSchwarzen Schloss, zum Vampirfürsten!“ Marek hatte lange Zeit dort regiert. Doch nachdem Meister Sombra seinen Körper verloren hatte, waren die meisten der Dunklen mit ihm nach Carrera gereist, um nach einer Möglichkeit zu suchen, ihm einen neuen Körper zu verschaffen. Das galt auch für Marek. Allerdings war dem Volk seine Abwesenheit nicht bekannt. Da Sina ebenfalls in der Lage war Vampire zu kontrollieren, hatte er ihr diese Aufgabe übertragen.
Als die Schwarze Zauberin in ihrem Lieblingsschlafzimmer angekommen war, schickte sie alle Vampire hinunter in die Kerker, damit sie sich in der Dunkelheit erholen konnten. Durch ihre Magie war es ihr möglich, die Kreaturen der Finsternis vor der ätzenden Sonne zu schützen. Allerdings wehrte dieser Schutz auch nicht sonderlich lange. Es war nun fast Mittag. Sie warf das kratzige Bauernkleid in die Luft und ließ es verschwinden. Dann lief sie nackt in das angrenzende Badezimmer und ließ sich in das mit heißem Wasser gefüllte Becken gleiten.
„Ich bin gespannt, wie lang du brauchen wirst, André“, sagte sie leise.
Die Abenddämmerung war soeben hereingebrochen, als André auf einem schweißgebadeten Pferd vor dem Schwarzen Schlossanhielt.
„Das soll das Schwarze Schloss sein?“, fragte er sich verwirrt, als er zu dem großen, weißen, einladenden Palast aufschaute.
Er schwang sich aus dem Sattel und ließ das erschöpfte Tier an dem offenstehenden Tor zurück. Vorsichtig trat er ein und befand sich sogleich in einem wunderschönen Schlossgarten.Ich frage mich ernsthaft, ob ich hier richtig bin, dachte er verwirrt. Wie zur Antwort sah er plötzlich Sina in Gestalt der Tochter des Dorfältesten hinter den Rosen verschwinden. Sogleich setzte er ihr nach. Er verfolgte sie durch den gesamten Garten und hinein ins Schloss durch eine kleine Hintertür. Zahlreiche Gänge eilte er ihr hinterher. Vor einer angelehnten Tür hielt er inne, um zu verschnaufen. Ganz langsam und vorsichtig drückte er die Tür auf, um hinein spähen zu können. Doch er konnte niemanden sehen. Langsam trat er ein und blickte sich um. Auf dem Balkon war doch jemand, wie er feststellte. Er war nervös, da er nicht wusste, wer ihn dort erwartete. Halb rechnete er schon mit dem Herrn des Hauses. Doch als er um die roten Vorhänge herum spähte, sah er zu seiner Erleichterung die junge Frau, die er so sehr begehrte. Sie trug ein verlockendes, rotes Kleid, welches ihre Vorzüge nur zu gut zur Geltung brachte. Sein Atem stockte ihm einen Moment. Ein heißer Schwall der Erregung überschwemmte seinen Körper. Er wollte sie jetzt! Er wollte sie hier an Ort und Stelle! Er machte einen entschlossenen Schritt, bevor sein Verstand endlich wieder einsetzte und ihn zur Selbstkontrolle zwang.Sobald wir aus dem Schloss sind,versprach er sich. Um nicht sofort über sie herzufallen. André wollte gerade den Mund aufmachen, als ihm plötzlich einfiel, dass er nicht mal ihren Namen kannte. „Wie heißt du eigentlich?“ Er kam sich wie ein kompletter Idiot vor, als sie dann auch noch anfing, verhalten zu kichern.
„Ich bin Selina“, sagte sie schließlich mit einer samtenen, verlockenden Stimme, die fernab jeglicher Keuschheit war. Er schluckte wieder einmal heftig und rief sich nachhaltig in Erinnerung, dass dies gerade der falsche Zeitpunkt für ein Liebesspiel war.
„Selina, wir müssen verschwinden, bevor die Sonne vollends untergeht und die Vampire aus ihren Löchern gekrochen kommen! Komm!“ Er packte sie am Oberarm und zog sie mit sich. Doch sein Entschluss, nichts mit ihr anzufangen, wurde von Selina in der Luft zerfetzt, da sie absichtlich stolperte, als sie an dem großen, einladenden Bett vorbeikamen, welches André beim Hereinkommen völlig unbeachtet gelassen hatte. Nun jedenfalls wurde er durch ihren heftigen Aufprall in seinen Rücken direkt in die weichen Kissen gestoßen. Sie landete scheinbar unbeholfen auf ihm. Als er sich umdrehte, um sie ansehen zu können, rieben ihre Brüste unwiderstehlich an seinem Arm. Er spürte, dass ihre Brustwarzen hart vor Begierde waren. Verschwörerisch lächelte sie auf ihn hinab. Sie beugte sich zu ihm hinunter und flüsterte ihm in sein Ohr: „Willst du dir diese einmalige Chance trauter Zweisamkeit entgehen lassen? Wenn ich erst wieder zu Hause bin, werde ich sicher so sehr behütet, dass es an sexuelle Nötigung grenzt! Hilf mir!“ Ihre geflehte Bitte war fast zu viel für ihn. Aber noch konnte er sich zusammenreißen. Auch wenn es ihm wie eine grausame Folter vorkam, sich nicht auf diesen Engel einzulassen, der ihn so offensichtlich lockte.
„Wir müssen gehen! Komm jetzt! Bitte!“, Andrés Stimme war gepresst, da er die Worte zwischen den Zähnen hervorstieß. Er keuchte von der Anstrengung, sich zu beherrschen. Seine Hose war ihm schon eine ganze Weile viel zu eng. Der Drang, sich in ihr zu verlieren, wurde allmählich unerträglich. Doch sie tat nichts, um es ihm leichter zu machen, ganz im Gegenteil. Kokett saß sie breitbeinig auf seinen gespannten Schenkeln, wo sie sehr intensiv seine Erregung spüren konnte. Sein Schwanz rebellierte heftig. Er wollte aus dem Gefängnis, das die Hose darstellte, ausbrechen und in die junge Frau eindringen, die unter ihrem kurzen, roten Kleid nichts anhatte.
Als sie sich geschmeidig vorbeugte und ihm spielerisch mit ihrer Zunge über seine Unterlippe fuhr, verabschiedete sich sein Verstand endgültig. Mit einem heftigen Aufstöhnen packte er sie und warf sie unter sich. Schnell hatte er ihr das Kleid heruntergerissen und sich seiner eigenen, viel zu engen Sachen entledigt. Seine Schwerter und Dolche schlugen dumpf auf dem samtenen Teppich auf, der das gesamte Zimmer ausfüllte.
Wie ein Tier fiel er über sie her. Immer heftiger trieb er sein Glied in sie hinein und wieder heraus. Und jedes Mal, wenn er sich zurückzog, stöhnte sie protestierend auf. Wobei jeder Vorstoß, den er machte, ihr Lustschreie entlockte.
Selina hatte sich fest an ihn geklammert und mit ihren perfekten, schlanken Beinen seine Hüfte umschlossen. Ihre Hände hatte sie in seinem schwarzen Haar vergraben und sie zog ihn an sich. Sein Kuss war heiß und drängend wie sein Becken. Seine Zunge war in ihren Mund gestoßen wie sein Schwanz in ihre Höhle. Hätte sie sich ihm nicht so bereitwillig hingegeben, wäre von ihm möglicherweise auch Gewalt angewendet worden. So heftig verzehrte ihn das Verlangen nach ihr. Immer wieder bekam er einen neuen Orgasmus, immer wieder trieb er sie zum Höhepunkt und dennoch blieb er unersättlich.
