Die Sonne ist hier anders - Alina Döring - E-Book

Die Sonne ist hier anders E-Book

Alina Döring

0,0

Beschreibung

Alma ist jung, klug und unsicher. Sie denkt, fühlt, aber handelt nicht. Schon mit 24 steckt sie fest in der zermürbenden Routine ihres Alltags. Als die Situation unaushaltbar für sie wird, bricht sie aus, kündigt ihren Job und reist nach Köln. Auf der Zugfahrt trifft sie den Journalisten Daniel. Der unerwartete Ausgang der Begegnung eröffnet ihr Möglichkeiten, die ihr bis dahin unerreichbar erschienen. Für Alma beginnt eine aufreibende Zeit, die tiefe Einblicke in ihre von Selbstzweifeln und blühender Fantasie geprägte Persönlichkeit gewährt. Sie lässt sich ein auf tiefe Freundschaften, erotische Abenteuer, eine neue Auf-gabe und die große Liebe. Ein tragisches Ereignis reißt sie aus ihrem Hochgefühl und wirft einen Schatten auf ihr neues Leben. Wieder geht sie auf eine Reise und kann im flirrenden Licht der afrikanischen Savanne diesen Schatten abschütteln.

Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:

Android
iOS
von Legimi
zertifizierten E-Readern
Kindle™-E-Readern
(für ausgewählte Pakete)

Seitenzahl: 467

Veröffentlichungsjahr: 2020

Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:

Android
iOS
Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



Alina Döring

Die Sonne ist hier anders

 

 

 

Dieses ebook wurde erstellt bei

Inhaltsverzeichnis

Titel

01 – Afrika

02 – Zug

03 – Eintrittskarte

04 – Marabu

05 – Waschzwang

06 – Unaushaltbar

07 – Eröffnung

08 – Scheinbar

09 – Unglaublicher Hulk

10 – Höhenangst

11 – Goliath

12 – Phillip

13 – Singstar

14 – Hochzeit

15 – Briefe

16 – Herbstanfang

17 – Krisen

18 – Unfall

19 – Schluss

Impressum neobooks

01 – Afrika

Der Tag war heiß, die Straßen staubig. Meine Augen brennen. Geduld, hat der Guide gesagt. Seit über einer Stunde sitzen wir in der Beobachtungshütte, halten das Wasserloch im Blick, das farblich fast vollständig mit dem sandigen Ton der Landschaft verschmilzt. Vor uns liegt eine weite, fast kahle Ebene. Am Horizont zeichnet sich hinter den gräulichen Luftschichten eine Bergkette ab. Auf der linken Seite des Wasserlochs trotzen noch ein paar Büsche und Bäume dem ständigen Wassermangel. Von dort aus werden sich die Tiere nähern. Die Gruppe hat die Ferngläser deshalb in diese Richtung ausgerichtet. Aber mich interessiert nur dieses alles absorbierende Nichts. Kleine Büsche oder größere Steine verschlingt es. Alles ist eine große monochrome Fläche, verschwinde mit darin, ebenso die Traurigkeit und auch die Vorfreude auf das, was noch kommt. Es leert den Kopf, dieses Nichts, lässt nichts mehr übrig, kein Gefühl, keinen Gedanken. Hier will ich bleiben. Aus dem Betrachten wird ein Stieren. Im Gehirn summt es angenehm.

«Hey girl, bugs.» Eine warme Hand auf der Schulter holt mich zurück. Der Guide zeigt auf meinen rechten Schuh, um den es vor Mistkäfern wimmelt. Meine Schultern werden schwer, ich verlasse das Nichts, die staubige Nase quält mich wieder und alles andere auch – nur wegen ein paar Mistkäfern.

Ein Blick unter die Sohle macht klar, dass sie mehr an der Elefantenkacke interessiert sind, die im Profil festhängt, als an mir. Ich klopfe den Dreck ab.

Dann Getuschel bei den anderen. Es gibt Bewegung am Wasserloch. Schnell nehme ich das Fernglas hoch. «A bird, it`s just a bird.» Enttäuscht lassen die Safari-Teilnehmer das Fernglas wieder sinken. Ich bin die Einzige, die es feste auf die Augen drückt. Ein Marabu lässt sich in Zeitlupe und gelassen mit weit aufgespannten Flügeln im flachen Wasser nieder und taucht seinen Schnabel hinein. Dabei bricht die Wasseroberfläche kaum.

Dich habe ich gesucht. Meine Hände greifen das Fernglas fester, als könnten sie in seinem Blickfeld halten, was sich da so anmutig bewegt.

Wir wollten ihn beide sehen. Gemeinsam. Das war der Plan. Meine linke Hand löst sich vom Fernglas, greift neben mir ins Nichts. Er ist nicht da. Ich sehe zur Seite, um mich zu vergewissern. Weg. Endgültig. Ein niederschmetterndes Wort. Ein Moment hat gereicht. Gereicht, um mein Leben neu auszurichten und ein anderes zu beenden. Und trotz allem bin ich jetzt hier, habe dich gefunden.

Großer, schöner Vogel. Bleib noch eine Weile, du bist mein Trost.

Mein Gemurmel kann keiner verstanden haben. Aber ich spüre, dass sie mich anstarren.

«Alma, that´s an ugly scavenger – not a baby cat.»

Mag sein, ein Aasfresser, aber von Schönheit wisst ihr nichts. Gleichgesinnte sind wir, sollte man meinen, und tatsächlich so weit voneinander entfernt, dass es mir unheimlich ist. Ich bin allein. Nein, ich war es.

Es landen zwei weitere Marabus mit derselben schwebenden Eleganz. Die großen Vögel waten ein paar Meter auf und ab, strecken ihre Hälse und bauen sich zu ganzer Größe auf, bevor sie beginnen, auf irgendetwas einzuhacken, das ein Stein oder ein Holzstück sein könnte. Ihr grafitfarbenes Gefieder hebt sich dabei kontrastreich von der monochromen, flirrenden Landschaft ab. Sie haben einen kleinen Kadaver im Wasser gefunden und versuchen nun, ihn an Land zu bringen. Ohne Eile zerren sie die Überreste, die mehr Knochen als Fleisch sind, Stück für Stück ins Trockene, den kahlen Kopf tief gesenkt und zur Unterstützung mit den mächtigen Flügeln schlagend.

Ein Schakal, wie aus dem Nichts, hat sich an das Trio herangeschlichen. Plötzlich steht er da. Ob er den Marabus gefährlich werden könne, frage ich den Guide, aber der schüttelt nur rauchend seinen Kopf. Seine tiefschwarze Haut glänzt vom Schweiß des Tages. Zu groß, sagt er mäßig interessiert, die Marabus sind für den Schakal zu groß.

Er scheint Recht zu haben. Keiner der Vögel macht sich die Mühe, den Schakal zu vertreiben, obwohl er sie in immer engeren Kreisen umrundet. Was will der Räuber dann? Den Kadaver kann er unmöglich alleine wegschleppen. Und dann sehe ich aus dem Augenwinkel, wie der Guide die Kippe aus dem Mund nimmt und sein Gewicht von einem auf beide Beine verlagert. Begeistert schreit er auf. Der Schakal sprintet, stürzt sich auf einen der Marabus, packt ihn im Genick, schnappt ein paarmal hastig nach. «Zu groß! Ich dachte, sie sind zu groß!»

«Calm down», sagt der Guide, «that`s nature».

Ruhe? Unmöglich, wenn der Tod schon wieder so nahe ist. Das Fernglas zittert, die Sicht wird undeutlich. Der Marabu schlägt mit den Flügeln, will den Schakal mit dem Schnabel attackieren, aber erfolglos. Mein Herz pumpt, als hinge mir der Feind selbst im Nacken.

Vogel, lass ihn nicht an die Kehle, wehr dich! Und dann stoppt das Gerangel plötzlich. Schakal und Marabu verharren regungslos in einer Position. Der Schakal hat den Kopf des Marabus in Bodennähe fixiert, drückt ihn nieder, will ihn zermürben. Der Moment ist wie eingefroren, nur ein paar Federn segeln langsam noch herab.

Wehr dich, kämpfe! Zu früh, um aufzugeben!

Ich atme geräuschvoll aus, lockere die Schultern – ich bin mir sicher, er hat mich gehört. Das Zittern lässt nach, halte das Fernglas wieder still. Dann ein Moment wie im Zeitraffer. Der Schakal will mit dem Maul nachfassen und löst für den Bruchteil einer Sekunde seinen Biss. Ein geschickter Schlenker und der Marabu hat sich befreit. Frei! Jetzt stehen sie sich gegenüber, beide verdutzt über den plötzlichen Wandel. Der Marabu streckt sich, wiegt den Kopf hin und her, wie um die einzelnen Wirbel auf Funktionstüchtigkeit zu überprüfen. Der Schakal leckt sich unterdessen das von Federn verklebte Maul, unschlüssig, ob er einen zweiten Angriff wagen soll. Aber der Marabu kommt ihm zuvor, attackiert ihn mit der gewaltigen Waffe aus Horn, die er vor dem Gesicht trägt, verletzt ihn an der Brust. Blutend flüchtet der Schakal in die Weite, verschmilzt nach einigen Metern schon mit der gleichfarbigen Landschaft, lässt sich von ihr absorbieren. Der Marabu unterdes, wieder gelassen, widmet sich erneut dem Kadaver, jedoch nicht, ohne sich hin und wieder umzusehen.

Erleichtert gleitet mir das Fernglas aus den Händen. Die Reise hat sich gelohnt.

02 – Zug

Gut, dass ich hier bin. Im Zug. Auf Reisen. So geht es vorwärts, ohne, dass ich mich bewegen muss. In Köln wird das anders sein. Dann geht es nicht ohne eigenen Antrieb, wenn sich etwas ändern soll. Martha wird mich treten, wenn es sein muss. Nur hoffentlich tritt sie nicht zu schnell, gibt mir erst eine Chance. Die will ich selbst ergreifen. Mein Körper sackt tiefer in das Sitzpolster.

Hinter den schmutzigen Fenstern des ICE fliegt die Landschaft an mir vorbei. Wiesen, Felder, vereinzelte Häuser. Wo Bäume und Sträucher direkt an den Bahngleisen stehen, fange ich von den vorbeihuschenden Bildern an zu schielen. Kann die Objekte nicht mehr scharf stellen. Dazu das sachte Schaukeln des Waggons. Ich werde müde, sinke noch tiefer in den Sitz, kann kaum noch den Kopf gerade halten. Die Lider senken sich schwerfällig über die trägen Augen. Das Dunkel, die Schläfrigkeit – die Gedanken sind angenehm betäubt. So bin ich mir am liebsten: nicht mehr ganz hier, aber auch noch nicht ganz da. Ohnmächtig auf dem Weg in bleiernen Schlaf. Der Schlaf kommt näher, mit ihm die Entfernung. Bilder steigen auf, kippen weg, schieben sich ineinander, ein wirrer Strom, in dem ich treibe, ohne jede Orientierung. Ein diffuser Schleier trennt mich schon von der Welt. Gleich bin ich fort. Dann, plötzlich, eine Person neben mir auf dem Gang. Sie atmet, keucht fast, muss gelaufen sein, um den Zug noch rechtzeitig zu erreichen. Die Person scheint zu zögern, rutscht dann auf den leeren Platz mir gegenüber. Etwas berührt meine Füße. Möglicherweise eine Tasche.

Wer sitzt da vor mir?

Egal. Es soll mir egal sein. Ich will bleiben, wo ich bin, nein, will noch weiter weg.

Mein Gegenüber räuspert sich. Eindeutig ein Mann. Außer dem Geschlecht alles unklar. Sieht er mich an?

Das alles soll mich nicht interessieren, bin doch zufrieden, dort, wo ich bin. Oder nicht? Warte. Warte länger. Die Neugier lässt die Kopfhaut jucken. Als sich die Zwischentür öffnet, weht durch den Luftzug ein Hauch seines Parfums zu mir herüber. Es muss seines sein.

Er riecht gut, fantastisch. Sein Duft fängt mich ein, steigt mir zu Kopf. Es ist nicht nur das Parfum, es ist die Mischung. Sein Körpergeruch hat das Parfum veredelt, ihm das Scharfe, Künstliche genommen und dafür etwas Unverwechselbares hinzugefügt. Sein Geruch, ihn zu riechen, so intim, so nah. In meinem Kopf entsteht ein Bild, weniger von seiner Persönlichkeit, mehr von seinem Körper. Ich muss ihn sehen. Vielleicht reicht ein Blinzeln. Durch die getuschten Wimpern sehe ich ihn undeutlich wie durch Dickicht aus meinem Versteck. Allerdings nur die Silhouette, keine Details. Er ist schlank, sein Geruch wie eine Droge, betörend, gefährlich.

Beruhigend ist das keineswegs. Der Fremde raubt mir die Ruhe.

Dann, nach einem kurzen inneren Widerstand, siegt endlich die Neugier, lösen sich die oberen und unteren Wimpern vollständig voneinander, geben die Sicht frei.

Ich erschrecke, reiße die Augen viel zu weit auf und kneife sie danach wieder reflexartig für einen Moment zu. Aber da hat er schon gesehen, dass ich ihn gesehen habe.

Er lächelt kurz.

Damit habe ich nicht gerechnet.

Hitze strömt von der Körpermitte in meinen Kopf. Die Müdigkeit ist schlagartig verschwunden. Ich richte mich auf, recke den Hals. Habe das dringende Bedürfnis, Haltung anzunehmen.

Er ist etwas älter als ich, Ende zwanzig vielleicht. Dreitagebart, Haare kurz und dunkel, nicht mehr als 4 mm. Dazu tiefblaue Augen umschattet von langen, dunklen Wimpern. Der Oberkörper athletisch, die breiten Schultern in idealer Proportion zu den schmalen Hüften. Sein Bizeps zeichnet sich fein unter dem dünnen Pullover ab. Die Kleidung ist schlicht und körperbetont: blauer Baumwollpullover mit Rundhalsausschnitt, ein weißer T-Shirt-Rand ist sichtbar. Er trägt große, weiße Kopfhörer; die Hände spielen mit einem superflachen Smartphone. Gesicht und Oberkörper sind geradezu makellos. Er reißt mich hin.

Stopp – doch, zwei Unstimmigkeiten gibt es: Er hat gerötete Augen und eine Macke an der Oberlippe, dazu guckt er schläfrig. Wahrscheinlich hat er gekifft.

Auf beiden Seiten des Adamsapfels verläuft eine Art Rinne. Sein Hals ist stark, männlich, verführerisch wie alles andere, das ich sehen kann. Der holzig herbe Duft dringt wieder in meine Nase, als er die Arme über den Kopf nimmt, um den Pullover auszuziehen. Ein Aphrodisiakum. Hätte mich beinahe vorgebeugt, um noch mehr davon einatmen zu können. Assoziation: Frankreich im Sommer, ein Pinienwald am Meer. Er riecht nach Urlaub, nackten Körpern am Strand.

Und unterhalb der Tischkante?

Ich bücke mich unter den Tisch und fummle als Vorwand an meinem Rucksack herum. Zu meiner Enttäuschung verdeckt seine Reisetasche die Füße. Aber ich sehe die Beine. Ich wette, er läuft. Vielleicht ist er Triathlet. Die Hose besteht aus einem feinmaschigen Stoff, hellgrau, nicht zu eng. Gut. Letzte Unbekannte bleiben die Schuhe. Davids Schuhe, ich nenne ihn David.

Warum sitzt du hier bei mir, David? Hättest du mir das nicht ersparen können? In ein paar Stationen steigst du aus, lässt mich zurück mit dem unguten Gefühl, etwas Großartiges verpasst zu haben. Ich sehe dein Profil, die kräftige Halsmuskulatur geschmeidig verschmelzend mit den breiten Schultern. Schmerzlich fast dein Anblick, so schön bist du ... und unerreichbar für mich.

Wir sitzen so nah beieinander und dennoch bist du nicht greifbar, befindest dich in einem anderen Universum. Ich müsste dich ansprechen, denn umgekehrt wird es nicht sein, wahrscheinlich siehst du mich nicht mal, nimmst mich nur wahr als einen atmenden Fleck. Denn ich bin nicht besonders, so wie du, steche nicht heraus aus der Menge.

Er atmet tief ein und dann seufzend wieder aus. Dabei senkt sich der breite Brustkorb tief. Ein Schauspiel. Seine ganze Erscheinung ein Kunstwerk. Wie oft begegnet man so jemandem? Und wie oft setzt sich so jemand direkt gegenüber? Ich schaue mich um, suche nach dem Regisseur, der seine Spielchen mit mir treibt, mir zeigen will, was ich nie erreichen kann, denn so eine Begegnung kann kein Zufall sein.

Oder ist das eine einmalige Gelegenheit? Ein Fingerzeig. Sitzt er am Ende vor mir wie ein Geschenk, das es nur anzunehmen und zu öffnen gilt? Allein der Gedanke, er, ich … Schließe die Augen, spüre den Sensationen nach, die meinen Körper in Wellen passieren. Was da in mir geschieht, ist mir vollkommen fremd. Und dann weiß ich es: Du bist nicht ohne Grund hier, David. Du sollst mich aufwecken, herauslocken aus meiner tödlich bequemen Monotonie. Dein Duft, deine archetypische Gestalt – ein Vorgeschmack auf das, was kommen kann, auf das, was kommt, wenn ich mutig genug bin! Zäh waren die vergangenen Wochen, sogar Jahre und nun bin ich wie elektrisiert. Allein dein Anblick hat dazu gereicht. Solltest du auch gleich wieder verschwinden, dann behalte ich trotzdem etwas von dir hier!

Es pulsiert in mir, als hätte er gerade meinen nackten Körper berührt. Fasziniert blicke ich ihn an. Er kratzt sich mit der linken Hand an der rechten Schulter und lässt sie daraufhin langsam diagonal über die Brust in den Schoß gleiten. Er weiß, wie er wirkt, hat wahrscheinlich mit dem pubertären Erwachen angefangen, diese Wirkung spielerisch für sich einzusetzen.

Vorsicht, Alma, Begegnungen mit Schönlingen gehen nur selten gut für uns aus. Gut für mich und all die anderen Unscheinbaren. Denn die Schönen sind meistens nicht die Nettesten und auch nicht die Schlausten. Aber das soll mich gar nicht weiter stören. Unsere Begegnung wird nur flüchtig sein. Ein Wimpernschlag. Ich werde noch lange an dich denken, David, und du wirst gleich schon nicht mehr wissen, dass ich überhaupt existiere.

Warum will ich dann, dass er mich wahrnimmt? Er, den ich schon, bevor er das erste Wort gesprochen hat, für dumm und unsympathisch halte? Wie kann das sein, dass mich die reine Oberfläche so maßlos verzaubert? Meine Augen suchen seine Spiegelung im Glas.

Der Zug folgt unbeirrt weiter den Schienen. Haben sich die letzten Stunden unendlich hingezogen, so rasen die Minuten jetzt wie im Zeitraffer.

Plötzlich erfasst mich neuer Optimismus. Du bist doch mehr als eine flüchtige Erscheinung. Du bist aus Fleisch und Blut, eine Chance, die ich ergreifen muss.

Wahrscheinlich schwindet mein Interesse, sobald wir uns unterhalten. Du bist hohl, eitel und arrogant – und unwiderstehlich.

Ich wende mich wieder in seine Richtung. David schaut mir plötzlich direkt in die Augen. Sein Blick trifft mich wie ein Schlag. Unglaublich, dieses Direkt-angesehen-Werden von so tiefblauen Augen. Sie reflektieren das Sonnenlicht, flimmern dabei, wie das Meer. Er lächelt diesmal nicht, sagt auch nichts. Die Sekunden quälen sich voran. Das tut fast weh. Kann nicht einschätzen, was sein Blick bedeuten mag. Versuche, so zu tun, als würde ich das gar nicht merken, dass er mich ansieht, greife nach dem Faltblatt auf dem Tisch, informiere mich über die kommenden Stationen des Zuges. Trotzdem spüre ich, wie seine Augen jetzt an mir hinunterwandern. Er tastet alles ab, Hals, Schultern, Brust. Ich zucke ungewollt. Die Haut brennt an den Stellen, die er passiert hat.

Gefällt dir, was du siehst? Aber an den Brüsten hält er sich nicht lange auf. Warum nicht? Zu klein für deinen Geschmack? Würde das etwas ändern, wenn sie größer wären? Würdest du dann lächeln? «Et mes seins, tu les aimes? ... Qu’est-ce que tu préfères: mes seins ou la pointe de mes seins?» – nur ein Zitat aus ‹Le Mépris›. Sie, nackt, vor ihm, fragt ihn nach seiner Vorliebe, die Brust oder ihre Spitzen. Ich bin zwar nicht nackt, aber ich fühle mich so und ich wüsste ebenfalls gerne, was ihm gefällt.

Oder liegt es an der Präsentation? Bin ich dir zu provinziell, zu langweilig, zeige ich zu wenig? Wäre es dir lieber, David, dein Blick könnte auf zwei Brüsten ruhen, die ein Wonderbra raffiniert zueinander schiebt und anhebt, sodass sie rund und prall werden und sich eine verführerische Rinne zwischen ihnen bildet? Die Kleidung drum herum drapiert wie ein geöffneter Theatervorhang. Vielleicht hieltest du dich dann länger an mir auf. Aber ich habe nun mal keine Ahnung von diesen Enthüllungsspielen. Bisher hat mich mehr interessiert, was sich unter der Oberfläche verbirgt, und das ist auch an mir das Interessantere. Glaube ich. Hatte ich mir zumindest immer so gewünscht. Und jetzt?

Jetzt gäbe ich alles für ein tiefes Dekolletee. Würde zugunsten der Oberfläche auf ein wenig Tiefe verzichten, täte alles, um begehrenswert zu sein, ihn genauso zu fesseln, zu beunruhigen, wie er mich. Dann wäre es mein Bild, das er heute Abend mit in sein Bett nehmen würde, sein Geschlecht dabei in der Hand, um sich Befriedigung zu verschaffen. Unglaublich diese Gedanken, verachtenswert, erkenne mich selbst nicht mehr. Und doch, es gefällt mir. Diese Gedanken an das, was mit ihm sein könnte, sind erregender, besser als alles, was ich bisher tatsächlich hatte.

David ist mit seinen Augen jetzt an meiner Gürtelzone angekommen. Hier endet der Scan. Er widmet sich wieder seinem Smartphone. Vorbei! Noch kein Wort gesprochen und trotzdem ist mein Ego schon in Gefahr. Die Lust verebbt schlagartig, zurück bleibt das erniedrigende Gefühl, nicht gut genug zu sein.

Warum hast du nicht gelächelt, David? Weil du arrogant bist. Du bist reine Oberfläche. Das ist deine einzige Qualität ... und dein Los. Du kannst nichts dafür. Aber ich auch nicht. Und deshalb muss ich dich entsprechend behandeln. Zu meinem eigenen Schutz.

Nun da er wegsieht, kann ich wieder hinsehen. Dabei kommt mir etwas in den Sinn, das mich wieder auf Augenhöhe bringen wird.

Ich zeichne dich, banne deine Gestalt auf Papier und mache dich unschädlich! Du kannst nichts dagegen tun.

Vor ein paar Monaten, beim Aktzeichenunterricht, da kaute sich das Männer-Modell in der Pause die Fingernägel ab, nur weil ich es an seiner wichtigsten Körperstelle, miniaturisiert hatte – nicht aus zeichnerischer Unzulänglichkeit, nein, aus voller Absicht. Wankend kam dieser selbstgefällige Idiot immer wieder zu meiner Staffelei, begann Small Talk, um sich beliebt zu machen, bat mich mehrfach, ihm die Zeichnung zu schenken, sogar zu verkaufen, und je überzeugter ich ihm das verweigerte, denn die Zeichnung war wirklich gut, sollte sogar ausgestellt werden, desto nervöser wurde er.

Ahnungslos schaut sich David jetzt um, hat keine Ahnung von dem, was ich ihm antun werde.

Wenn ich dich zeichne, bist du mein Geschöpf, unterliegst meinem Willen. Ich kann dich mit einem einfachen Filzstift von deinem Sockel stoßen, dich mir unterwerfen, ohne dass du es merkst, denn der Magie des Schöpfungsaktes entzieht sich niemand. Objekte der Angst oder der Begierde, egal, was es an Bedrohlichem sein mag – darstellend bannt der Mensch seine Dämonen. Einst in primitiven Höhlenzeichnungen, später in aufwendigen Gemälden und heute als Kritzeleien auf Toilettenwänden.

Ich werde dich an deiner empfindlichsten Stelle treffen, an der empfindlichsten Stelle aller Männer, und mag dieses Detail in Relation zum Rest des Körpers auch klein erscheinen, es gibt einfach kein bedeutenderes für die männliche Eitelkeit!

Ich hole das Skizzenbuch aus meinem Rucksack und wähle zwei schwarze Fineliner in unterschiedlichen Stärken aus. Die Vorbereitungen sind sorgfältig zu treffen, wenn das Ergebnis gut werden soll.

Vorsichtig berührt er die Macke am Mund mit dem Mittelfinger und verzieht schmerzlich das Gesicht dabei. Jeder hat einen wunden Punkt. Und deiner ist mit Sicherheit die Eitelkeit. Mit ein paar kleinen Markierungen übertrage ich seine groben Proportionen auf die leere Seite.

Dann beginne ich an der Kinnpartie, nutze die Gelegenheit, dass er nun seitlich aus dem Fenster schaut. So hat man eine leichte Untersicht und damit die delikaten Stellen im Blick. Der Hals ist ausgesprochen sexy: stark, markant, fest. Jetzt dreht er sich noch weiter Richtung Fenster. In der Bewegung folgt die Haut geschmeidig der Muskulatur. Der Adamsapfel hebt sich leicht, als er schluckt. Sein Körper ist ein Gedicht. Ich bin begeistert, muss mich zur Nüchternheit zwingen.

Jeder Strich ist wie eine Anzüglichkeit, denn David ist auf der Zeichnung vollkommen nackt.

David, mit der Betonung auf dem i. Nicht Michelangelos, sondern Almas.

Mit jeder Minute wird er mehr zu meinem Geschöpf. Ich beschenke ihn reichlich mit Muskelfleisch, forme seine Oberarme zu Kunstwerken, moduliere seine Bauchpartie nach dem westlichen Ideal. Nur das Gesicht soll exakt so werden, wie es ist. Dann erkennt man dich, David. Meine Hand bewegt sich schwung- und machtvoll über das Papier. Euphorischer Wahnsinn führt den Stift. Gleichzeitig pocht es intensiv an der Jeansnaht zwischen den Beinen. Ich presse mich mehr dagegen. Macht und Erotik, beides so erschreckend nah beieinander. Höre auf, mich über mich selbst zu wundern, genieße den Rausch.

Dann ist es vollbracht. Ich bin zufrieden mit seiner Figur, freue mich über seinen geradezu verstörenden Penis.

David wird sein Bildnis niemals sehen und dennoch ist das Gleichgewicht wiederhergestellt.

An der Seite notiere ich seinen Steckbrief:

Name: David

Alter: 27

Ausbildung: abgebrochenes Architekturstudium

(1. Semester)

Beruf: Model (aber nie ganz nackt)

Hobbys: Pumpen, Mädels, Kiffen

Lebensziel: «später mal in die Politik»

Stärken: gutaussehend

Schwächen: «kein Kommentar»

Das ist böse, ein bisschen albern sogar, aber es verschafft mir Befriedigung.

Als ich fertig bin, betrachte ich das Original. David hat an der Fensterdichtung einen Marienkäfer entdeckt. Lächelnd hält er seinen Finger vor das Insekt, damit es darauf klettern kann. Der Marienkäfer läuft vom Finger hinauf bis zum Handrücken und gerät in den Haaren, die dort wachsen, ins Straucheln. David balanciert die Hand aus, damit der Käfer nicht hinunterfällt, schaut sich um, als würde er im Zug nach einer Pflanze suchen, und setzt ihn dann wieder vorsichtig auf der Fensterdichtung ab.

Vielleicht tue ich ihm Unrecht. Eine ganze Weile sitze ich nur da und beobachte ihn, hoffe auf weitere Hinweise zu seinem Charakter. Dann streiche ich sein Lebensziel mit der Politik durch und schreibe stattdessen: «irgendwas mit Tieren».

Als ich vom Skizzenbuch wieder aufblicke, hilft er gerade einer älteren Dame, deren Taschenhenkel im Vorbeigehen an seiner Armlehne hängen geblieben ist. Die Dame bedankt sich überschwänglich, kann nicht fassen, dass der junge Schönling ihr so freundlich und zuvorkommend begegnet. Sie errötet, fasst sich mit der freien Hand an die glühende Wange, stottert schwärmerisch überschwänglichen Dank vor sich hin. Ihre Worte verwirren sich, die Mundwinkel zucken schamhaft, als spürte sie plötzlich, dass es nur der Höflichkeit geschuldet ist, dass sich seine Aufmerksamkeit so lange um ihre gealterte Person dreht. Sie zupft die Knopfleiste ihrer Bluse gerade, als könne sie damit auch ein paar der übrigen Falten glätten. Dann drückt sie die befreite Tasche an sich. Kein Problem, sagt er und, ja, die Gänge in den Zügen seien wirklich viel zu eng. Freundlich nickt er ihr zu. Die Dame wird von nachrückenden Passagieren zum Weitergehen gedrängt, widerwillig löst sie sich von seinem Anblick, mild lächelt sie ihn ein letztes Mal an, bevor sie den Kopf in Gangrichtung zurückwendet. Etwas Trauriges umlagert dabei die eingefallenen Augen.

Ich streiche auch «irgendwas mit Tieren» wieder. Man sollte das einsehen, wenn man im Begriff ist, sich zu täuschen. Ein übler Kerl ist er nicht.

Ich zeichne ihn nochmal. Er bekommt eine zweite Chance. Sein Verhalten der alten Dame gegenüber hat mich wirklich gerührt. Möglicherweise ist er doch nicht so hohl und arrogant, wie ich glaube.

Diesmal will ich ihn so darstellen, wie ich ihn hier antreffe. Schön, bekleidet, Fahrgast in einem Zug. Keine Über- oder Untertreibung. Diesmal bin ich nicht Schöpfer, nur abbildendes Medium. Aber selbst das ist eine Kunst, erfordert gleichzeitig Distanz und Nähe.

Als ich fertig bin, halte ich leichtsinnig das Buch ein Stück von mir weg, um die Zeichnung besser mit dem Original vergleichen zu können. Da trifft mich sein blauer Blick wieder. Interessiert beugt er sich vor, will sehen, was ich gezeichnet habe.

«Darf ich mal sehen?», fragt er lächelnd.

«Das geht leider nicht.» Adrenalin treibt mir die Hitze in den Körper. Er hat mich tatsächlich angesprochen.

«Warum?»

«Weil ich es nicht will ... und außerdem ... es geht auch nicht, es geht auf keinen Fall.» Ich stelle mir seine Reaktion auf den Mini-Schwanz vor, muss unweigerlich lachen.

Er lächelt irritiert. «Gibt es nicht ein Recht am eigenen Bild?»

«Am eigenen Foto vielleicht, aber nicht an meinem Bild von dir. Alles hier in diesem Buch ist meine Schöpfung.»

Meine ganze Schlagfertigkeit basiert einzig auf dem Geheimnis seines Mikropenis.

«Außerdem bin ich noch gar nicht fertig.»

Ich greife wieder zum Stift, zeichne eine Sprechblase neben David II: «Almas David», schreibe ich hinein. Damit schließe ich endgültig aus, dass ich ihm zeigen werde, was ich produziert habe. Anschließend klappe ich das Buch geräuschvoll zu.

Er schaut mich direkt an, sucht in meinen Augen eine Erklärung. Seine blaue Iris dabei wie ein Strudel, mit dem er mich zu hypnotisieren versucht.

«Keine Chance?», fragt er, neigt dabei schelmisch den Kopf zur Seite.

«Nein», sage ich mit fester Stimme. Und als zwei Falten sich zwischen seinen Brauen bilden, füge ich entschuldigend hinzu: «Ich bin Pygmalion.»

Er lehnt sich zurück und mustert mich interessiert.

«Wenn ich doch nur einen blassen Schimmer hätte, wovon du gerade sprichst.»

Meine Schultern zucken. Ich lege das Buch zur Seite, wünsche mir, dass unser Gespräch damit beendet sei. Habe gesiegt, die Augenhöhe wiederhergestellt. Dieser kleine Triumph stimmt mich zufrieden.

Jedoch nur kurz, bis zur Fahrkartenkontrolle.

Der Schaffner bittet mit tiefer Stimme und halb gesungen um die Fahrkarten. Ich greife in meine Jackentasche, suche zwischen den Seiten des Skizzenbuches – nichts. Ungeduldig wippt der Fuß des Schaffners.

Das Ticket sei sicher noch ein Abteil weiter vorne, da, wo ich vorher gesessen hätte, sage ich leise. Sämtliche Souveränität aus meiner Stimme verflogen.

Ich könne es gerne suchen gehen, aber als Pfand solle ich den Rucksack dalassen, sagt der Kontrolleur. Ein Spaßvogel. Er lacht. Dabei tanzt sein Kinn auf einem puddingweichen Kehlsack. Hastig schiebe ich mich vom Fensterplatz aus auf den Gang, betend, dass ich Recht behalten werde. Aus dem Augenwinkel sehe ich noch, wie sie kippt, die Flasche, versuche sie zu greifen, aber da ergießt sich der dickflüssige Saft schon gleichmäßig über den Tisch. David grinst.

Der Schaffner jetzt genervt, tritt zurück, um sich nicht zu beschmutzen. Diese Sauerei. Das machen Sie gleich aber alles wieder sauber. Die Leute gucken. Ich senke demütig den Kopf, wanke getroffen den Gang zum anderen Waggon hinunter um dort tatsächlich das Ticket vor meinem alten Sitz auf dem Boden zu finden. Glück für Sie, sagt der Schaffner, scannt das Ticket und widmet sich dem nächsten Fahrgast.

Aber noch ist es nicht vorbei. David hat schon begonnen, mit einer Packung Taschentücher einen Damm an der Tischkante zu errichten, um den Smoothie am Herabtropfen zu hindern. Fasziniert schaue ich ihm dabei zu. Der Schöne macht sich die Hände für mich schmutzig. Ein vollkommen überraschender Zug. Laufe den Gang hinunter zur Toilette, um Papierhandtücher zu holen, und beginne danach, die Flüssigkeit aufzusaugen. David schaut indes unbeteiligt aus dem Fenster, macht keine Anstalten mehr, mir zu helfen. Habe ich mich eigentlich für seine Hilfe bedankt? Weiß es nicht mehr. Trotzdem. Rühr dich nochmal, David, oder endet deine Hilfsbereitschaft, sobald es anstrengend wird?

Ich schaue wieder offensiv zu ihm hinüber. Nur wegen dieser kleinen Blamage mit dem Saft ziehe ich mich nicht zurück. Aber er blickt weiter starr auf die Landschaft. Erst als ich laut fluche, weil ich feststelle, dass ich auch mit dem Jackenärmel die Tischplatte reinige, schaut er wieder rüber. Er bringt demonstrativ seine Kopfhörer in Sicherheit und führt dann den Handrücken zum Mund, um sein Grinsen zu kaschieren. Hämisch sieht er mich direkt an.

Dafür werde ich mich rächen.

Während er tiefer in den Sitz rutscht, wird der Blick auf seinen Schoß frei.

«Soll ich da auch sauber machen? Oder stört dich das gar nicht?» Mit einem frischen Papiertuch in der Hand nähere ich mich seinem Genital. David blickt an sich hinunter und bemerkt entsetzt einen hellen Fleck auf der Wölbung zwischen seinen Beinen.

«Nein, geht schon!», schreit er auf und weicht erschrocken zurück wie eine Schnecke, die man an den Fühlern berührt hat. David betastet den Fleck, stellt fest, dass er nass ist.

«’tschuldigung», sage ich, um das Gespräch wieder auf ein zivilisiertes Niveau zu bringen.

«Irgendwie scheint dieser Körperteil von speziellem Interesse für dich zu sein», sagt er scharf. Er steht auf und läuft in Richtung WC. Als er wiederkommt, hat er sich den Pulli um die Taille gebunden, um den nassen Stoff im Schritt zu verdecken, den er offenbar umfangreich auf der Toilette mit Wasser bearbeitet hat. Vor seinem Platz bleibt er unschlüssig stehen, setzt sich dann wieder. Nachdenklich schaut er in meine Richtung. Es ist nicht zu übersehen, er hat einen Kratzer im Lack.

Ich schaue auf die Uhr. Bald sind wir in Köln. Beende die Reinigung, will meine Sachen zusammenpacken, da fällt mein Blick auf das aufgeschlagene Skizzenbuch. David I und David II lachen mich höhnisch vom Papier aus an. Er hat seine Zeichnungen gesehen, hatte genug Zeit, sie ausführlich zu betrachten, als ich die Tücher geholt habe! Das erklärt auch seinen Kommentar zu meiner Entschuldigung. Fange schlagartig wieder an zu schwitzen. Unter das aufkeimende Bedürfnis, die Flucht zu ergreifen, mischt sich ein seltsames Gefühl der Erregung. Die Zeichnung hat ihren Zweck erfüllt.

«Danke für die Muskeln, Pygmalion, aber ein Stück weiter unten hätte ich mir etwas mehr Realismus gewünscht», sagt er ernst.

03 – Eintrittskarte

Ein anhaltender Piepton in meinem Ohr überdeckt die Geräuschkulisse auf dem überfüllten Bahnsteig. Wie in einer Blase bewege ich mich durch die Menge. Was ist da gerade passiert? Er hatte vor mir den Zug verlassen. Während ich noch damit beschäftigt war, mein Gepäck aus dem Kofferdepot zu zerren, war er zügig durch die Tür verschwunden, um nicht von den neu Zusteigenden blockiert zu werden. Längst dürfte er, wohin auch immer, verschwunden sein. Trotzdem suchen meine Augen ihn zwanghaft im Gewimmel des Bahnhofs.

Bis zu Martha ist es glücklicherweise nicht mehr weit. Auf der Rolltreppe, die vom Breslauer Platz hinunter zur U-Bahn führt, glaube ich dann plötzlich, ihn in der Gruppe der Wartenden auf dem Bahnsteig zu sehen. Ich ducke mich weg, überlege sogar, die Rolltreppe wieder hinaufzulaufen, denn an das gerade im Zug Geschehene kann ich ohne Pause nicht einfach anknüpfen. Muss erst die Gedanken sortieren, die Fassung zurückgewinnen. Dann dreht sich der kurz geschorene Hinterkopf plötzlich um und Erleichterung, nein Enttäuschung – er ist es nicht.

In der U-Bahn gibt es keine freien Plätze. Also hänge ich mich in die Halteschlaufe über mir und pendle gedankenverloren in den Kurven von einer Seite zur anderen, bis ein helles Lachen meine Aufmerksamkeit erregt.

Ein paar Meter von mir entfernt teilen sich Frischverliebte eine dieser Halteschlaufen. Ich kann nicht verstehen, was sie sagen, aber sofort ist klar, dass sie ein Liebespaar sind. Jede Kurve nutzen sie, um sich aufeinanderdrücken zu lassen und zu küssen. Sie lachen, kichern. Die Frau legt den Kopf in den Nacken, entblößt den weißen Hals, wirft die langen Haare zurück. Er folgt ihrer Bewegung oder fängt sie auf, je nachdem, in welche Richtung die Bahn in die Kurve geht. Sie hält ein in Papier eingewickeltes Paket vom Konditor in der freien Hand. Empfindliche Fracht. Als sie merkt, dass der Kuchen unter seinen Küssen leidet, ändert sich ihr Gesichtsausdruck plötzlich. Sie schafft Abstand zwischen sich und ihm, das Lachen endet jäh, damit er merkt, dass sie es ernst meint. Er legt die Stirn in Falten, zieht den Kopf zurück, erhöht den Abstand noch. Dann beginnt sie wieder zu lächeln und rückt ihm nach. Doch da hat er bereits sein Handy aus der Tasche gezogen und sich amüsiert in das Display vertieft. Sie lächelt weiter, noch 2, 3, 4, 5, 6 Sekunden mehr, dann hat sie begriffen, dass er so schnell nicht mehr aufschauen wird, ihre Miene verfinstert sich.

Eine Haltestelle weiter dann ein Sinneswandel. Sie schmiegt ihren Kopf an seine Schulter. Reflexartig lehnt er seinen Kopf an ihren. Noch 2, 3, 4 Sekunden mehr und er steckt sein Handy zurück in die Tasche und spricht etwas in ihr Haar.

Ich kenne die Leute nicht, habe sie vorher nie gesehen. Und dennoch fühle ich mit, als steckte ich in der Haut der Frau. Über ein unsichtbares Band sind wir verbunden. Ich weiß nicht, was sie denkt oder sagt, aber bei jedem Wechsel von Mimik oder Gestik durchfährt mich dasselbe Gefühl: Euphorie, Traurigkeit, Zuversicht, Angst. Diese ständigen Aufs und Abs. Frischverliebte sind ein zwischenmenschliches Extrem. Jede noch so banale Situation kann sich urplötzlich zuspitzen und eskalieren – denn ein liebendes Herz ist empfindlich und anfällig für missbräuchliche Behandlung.

Ich lege meine Hand auf die außermittige Stelle auf der Brust, dorthin, wo es pocht, regelmäßig, kontinuierlich, zuverlässig. Dann geht die Bahn polternd in die Kurve. Erschrocken macht das Herz einen Sprung. Ich folge zwangsläufig pendelnd der Bewegung. Keine Chance. Verliebte haben keine Chance, verlieren die Kontrolle, sind dem Objekt der Begierde hilflos ausgeliefert. Was wiegt mehr, die kurze Erfüllung, wenn die Liebe erwidert wird, oder der tiefe Absturz, wenn der Halt verloren geht? Schließe die Augen. Die nächste Kurve trifft mich nicht mehr unvorbereitet. Lasse mich einfach hin und her pendeln, vom Zug bewegen. Das Risiko erscheint mir plötzlich überschaubar. Schließlich kann man aussteigen. Nicht jederzeit, aber in aushaltbaren Abständen.

Der Mann hat der Frau das Paket vom Konditor nun aus der Hand genommen, balanciert es, sicher vor Quetschungen, auf einer Hand über seinem Kopf. Lachend nähert er sein Gesicht dem ihren und ich sehe, wie sich ihre Zungenspitzen außerhalb der Münder treffen, um dann in einem erregten Kuss zu versinken. Ein älterer Herr beobachtet angewidert diesen erotischen Exkurs. Warum nur angewidert? Bei diesem Anblick breiten sich, ausgehend von der Körpermitte, kleine Explosionen in mir aus, deren Druckwellen die Luftröhre hinauf bis zum Gaumen reichen. Ich schmecke ihren Kuss, spüre die ungeduldigen Zungenspitzen in meinem eigenen Mund. Ich bleibe ganz stillstehen, verfolge begeistert meine körperliche Reaktion. Verliebte sind nicht nur schmerzempfindlicher, sondern spüren auch alles andere viel intensiver.

Ich lege die Hand unterhalb des Nabels auf den nackten Bauch, spüre dem Tanz nochmal nach, der eben dort stattgefunden hat. Unbekannt dieses Fühlen, dieses Denken.

Alles nur dir geschuldet, David?

Ich suche die Visitenkarte in meiner Jackentasche und finde sie. Dieses kleine Stück knittrigen Papiers ist der Beweis seiner Existenz. Kein Traum, kein Hirngespinst. Realität! Daniels Visitenkarte. So heißt er wirklich: Daniel, nicht David, 29 Jahre alt, von Beruf Journalist. Arbeitet für ein Magazin, freiberuflich, und als Texter in einer Werbeagentur.

Um uns herum hatte bereits Aufbruchstimmung geherrscht. Ein Teil der Fahrgäste war schon von den Sitzen aufgestanden, um das leichte Gepäck von der Ablage darüber zu holen. Ab und zu, sagte er, benötige er Illustrationen für seine Texte. Ich sei zwar ein bisschen seltsam, aber ich hätte Fantasie. Und darauf käme es an. Außerdem würde ihm mein Strich gefallen, meine schwungvolle Hand. Interessant, sagte er, lächelte dabei wissend, wirklich interessant.

Er hatte noch mehr gesagt, aber da waren die Lautsprecherdurchsagen zum bevorstehenden Halt in Köln schon so laut, dass ich nicht mehr viel verstanden habe. Dann war er verschwunden.

Die Visitenkarte – eine Trophäe, eine Auszeichnung. Denn sie kommt von ihm, dem Archetypen, Objekt der Begierde sogar der Götter auf dem Olymp. Und sie ist mir nicht zugeflogen, wegen eines perfekten Gesichtes oder eines perfekten Körpers. Ich habe sie mir verdient. Verspüre unglaublichen Stolz. Hätte man mir das vor ein paar Stunden prophezeit, ich hätte laut gelacht, hätte behauptet, ich sei über solcherlei Dinge erhaben. Aber ich bin es nicht. Nie gewesen. Habe zugegebenermaßen hoch gepokert, denn anfangs wollte er handeln. Papier gegen Papier. Den Mikropenis gegen Adresse und Telefonnummer. Er wollte sich frei tauschen. Aber dann wäre die Visitenkarte nur halb so viel wert, wäre für ihn nur Mittel zum Zweck gewesen und damit für mich keine Auszeichnung mehr. Deshalb musste ich hart bleiben. Hatte gezittert in den Sekunden, in denen er abwog, was ihm wichtiger wäre – seine Ehre oder die Möglichkeit, dass ich ihn anrufe.

Plötzlich stehe ich vor dem Haus, in dem Martha wohnt. An den Weg von der Haltestelle am Zoo bis hierhin kann ich mich kaum erinnern. Ich drücke reflexartig die Klingel und wünsche mir im selben Moment, ich hätte mir noch ein paar Minuten Zeit gegeben. Wenn ich erst mal oben bin, beginnt ein neues Kapitel, dann muss ich mich auf anderes konzentrieren. Die Tür summt. Ich drücke sie auf, gehe zögernd in den ersten Stock.

«Wie siehst du denn aus! Aber schön, dass du endlich da bist.» Martha zieht mich kurz und kräftig einarmig an ihre Brust und schiebt mich dann wieder von sich weg, um mich eingehend zu mustern.

«Wie sieht sie denn aus? Ist irgendwas unterwegs passiert? Geht es dir nicht gut?», höre ich meine Mutter laut und schrill aus der Küche. Martha verdreht die Augen und schließt die Tür hinter mir. «Beate, das war eine rhetorische Frage und wenn ich dabei lache, wird sie wohl kaum zerlumpt oder mit einer klaffenden Fleischwunde hier stehen.»

«Wieso ist Mama überhaupt noch hier?», zische ich Martha im Flüsterton zu. Martha zuckt kopfschüttelnd mit den Schultern.

«Alles in Ordnung, Mama, keine Fleischwunden, nichts dergleichen, bin nur kaputt von der Fahrt.» Aber da ist sie schon in den Flur gestürmt, um sich selbst ein Bild zu machen. Mit einer unerträglich herzlichen Begrüßung keilt sie mich zwischen Garderobe und Badezimmertür ein.

«Wenn ihr auch bis jetzt nichts fehlte: Spätestens nach deinem körperlichen Übergriff wird ihr irgendwas wehtun. Lass sie doch erst mal die Jacke ausziehen», sagt Martha und verlässt den engen Flur.

Ein Wunder, dass sie sich die letzten zwei Wochen nicht die Köpfe eingeschlagen haben. Martha muss wirklich auf Hilfe angewiesen sein, wenn sie Mama als Pflegerin duldet.

Auf dem Balkon kippe ich unter den faszinierten Blicken von Mutter und Großmutter nacheinander drei Gläser Apfelsaftschorle hinunter.

«Ich hoffe, du hast auch Hunger. Ich habe für heute Abend einen Tisch beim Italiener reserviert. Wir sind so selten alle drei zusammen, da dachte ich mir, ich nutze die Chance und fahre erst morgen zurück nach Passau.»

Bitte nicht! Für einen Moment überlege ich, Übelkeit oder Kopfschmerzen vorzutäuschen, um mir ein gemeinsames Abendessen zu ersparen. Es liegt nicht an Mama, nicht nur zumindest, eher an der Konstellation.

Viel lieber bliebe ich hier, läge auf dem Bett und würde wieder und wieder die Begegnung im Zug heraufbeschwören. So lange, bis ich tatsächlich in der Lage wäre, seine Nummer zu wählen, mit ihm zu sprechen.

Diesmal liegt es wirklich nur in meiner Hand.

«Alma, wo bist du denn gerade?», Martha stößt mich unsanft an. Sie fixiert mich. Ihre dünn gewordenen Lippen werden noch schmaler, lächeln mich dann wissend an.

«Irgendwas ist doch mit dir?» Sie hat diese feinen Antennen, die ich eigentlich so an ihr schätze, aber wenn man etwas für sich behalten will, dann hat man es schwer bei ihr, denn sie bohrt weiter, bis sie weiß, was sie wissen will. Ich rieche demonstrativ an meinem T-Shirt, gebe vor dringend duschen zu müssen und verabschiede mich ohne weitere Erklärungen. Hinter verschlossener Badezimmertür hole ich die Visitenkarte dann hastig hervor, suche seinen Namen darauf und wiederhole ihn leise murmelnd einige Male. Er existiert.

Martha wohnt in einem unsanierten Altbau, winziges Bad, aber mit Fenster, das man beim Duschen offenlassen muss – sonst tropft nach fünf Minuten das Kondensat von der Decke. Dafür kann man von der Badewanne aus die Bisons sehen. Hinter dem schmalen Garten beginnt direkt der Zoo. Als Kind gab es nicht einen Besuch bei Oma, an dem wir nicht auch im Zoo waren. Seitdem ich kein Kind mehr bin, war ich nicht mehr im Zoo und sage auch nicht mehr «Oma». Sie wollte das so, das mit dem Namen. Meine Mutter nennt sie dennoch hartnäckig weiter «Mutti», anstatt ihren Vornamen zu benutzen. Martha hasst das.

Während das heiße Wasser auf meinen Rücken prasselt, zieht ein Schwarm grüner Papageien vorbei. «Interessant» hat er gesagt. Kurz bevor er sich seitlich wegdrehte, um mit der Reisetasche durch den schmalen Gang zu kommen, verjüngten sich seine Augen zu Schlitzen, zwinkerten mir kurz zu. Ich schaue an mir hinunter und beobachte, wie das Wasser sich über die Brust hinweg seine Bahnen sucht. An den harten Spitzen bilden sich kleine Verwirbelungen. Mit beiden Händen drücke ich die Brüste zusammen, so, wie es ein Wonderbra täte, leite damit das Wasser durch ihre Mitte. Jetzt würdest du auch hinsehen, Daniel, da bin ich mir sicher.

In Marthas Gästezimmer setze ich mich auf die Bettkante und blättere durch die Skizzen. Einzelne Tropfen lösen sich aus den Haarsträhnen und weichen die scharfen Linien des Fineliners auf.

Glücklicherweise ist es nur ein Bildertagebuch und die Bedeutungen der Skizzen ikonisch verschlüsselt. Die Seiten zeigen Banales: Mittagspausen in der Bank, Szenen zu Hause, im Park, Marabus, Skizzen aus dem letzten Urlaub und ein paar frei erfundene Szenarien mit unnatürlichen Proportionen, die überhaupt keinen Sinn zu haben scheinen. Alles zusammen für den Betrachter wahrscheinlich der Hinweis auf ein schrecklich langweiliges Leben, das nur mit ein paar absurden Fantasien zu ertragen ist. Aber wenn ich durch das Buch blättere, dann sehe ich sie ganz deutlich, die inneren Kämpfe, die Zweifel und die Ohnmacht, die an jeder Seite kleben, sich hinter jedem Strich verstecken.

Ausgenommen natürlich, die letzten beiden Seiten. Mit dem Zeigefinger fahre ich die Linien des nackten Daniel nach, halte an der Stelle, die ihn so empört hatte, bis sich ein Wassertropfen über dem Fingernagel bildet, um sich dann in einem erst zähen, dann plötzlichen Fall über dem, wie nannte er es, «unrealistischen» Detail zu ergießen und es aufzulösen. Unrealistisch – das bliebe zu beweisen. Flackernde Lust kehrt zurück, inspiriert mich zu einem Experiment. Ich warte noch einen weiteren Moment, bis der Tropfen vollständig in das Papier eingezogen ist, das verkümmerte Genital unkenntlich gemacht hat. Dann blättere ich um, so­dass zwei weiße, leere Seiten vor mir liegen. Bei der dritten Version von Daniels Person ist die Hand schon so versiert, dass sich die Linien ihre Wege von selbst suchen. Es entsteht kein David mehr, sondern ein Daniel, die perfekte Version seiner selbst. Und für mich. Lange betrachte ich die jüngste Zeichnung, bis eine Gänsehaut mich daran erinnert, etwas anzuziehen.

Während ich mir die noch feuchten Haare zu einem Dutt hochstecke, sehe ich ihn vor mir, den glücklichen Pygmalion, sehe sein entrücktes Gesicht, als die elfenbeinerne Galatea, plötzlich Fleisch und Blut geworden, von ihrem Sockel hinabsteigt, um ihn in die Arme zu schließen.

Ich solle jetzt endlich kommen, ruft meine Mutter viel zu laut durch den Flur.

Ach, Pygmalion, wie schön wäre das doch, wenn dein Beispiel nicht der Mythologie entspringen würde, sondern dem wahren Leben!

Und dann tue ich es einfach, behauche Daniels Körper auf dem Papier und warte, ob er sich regt.

Um acht sitzen wir bei «La Spendula» und wollen bestellen. Der Abend ist lau, alle Tische auf der Straße besetzt. Vom Biergarten auf der gegenüberliegenden Seite dringt Gelächter zu uns herüber.

Wie üblich liest Mama uns die Karte vor und spricht Empfehlungen für uns aus. Das hat sie sich so angewöhnt, als ich noch nicht lesen konnte, also vor ungefähr 20 Jahren. Jede Bitte, das endlich sein zu lassen, ist vergeblich – sie wolle uns nur helfen, sagt sie.

»Danke, Beate, ich weiß schon, was ich will, und Alma auch», sagt Martha, klappt demonstrativ ihre Karte zu. Weil Mama trotzdem unbeirrt weiter die einzelnen Speisen runterdekliniert und Marthas Atem dabei immer flacher wird, erhebe ich feierlich mein Weinglas.

«Also, auf den Sommer!»

Während die Gläser klirrend aneinanderstoßen, treffen sich unsere Blicke, Marthas streng, Mamas selig und meiner möglichst neutral. Nach wie vor faszinierend für mich, dass wir alle zur selben Familie gehören. Ermutigt vom Weißwein versuche ich, eine leichte Konversation anzuleiern, kommentiere Marthas Essenswahl. Sie hat Ravioli bestellt.

«Abends Pasta? War dir das sonst nicht zu schwer?»

Martha dreht den Kopf um 45° zu mir wie eine Eule, ohne dabei den Oberkörper aus der Mittelachse zu bewegen, und senkt die Lider.

«Seit zwei Wochen lasse ich mich von deiner Mutter wie ein kleines Kind duschen und anziehen und möchte wenigstens das Abendessen in der Öffentlichkeit in aller Würde alleine bewältigen können.»

«Aber ansonsten klappt alles soweit ganz gut, oder?», frage ich vorsichtig weiter.

«Offensichtlich ja nicht, sonst bräuchte ich wohl kaum eure Hilfe, oder was meinst du?», fragt sie ungeduldig.

«Zähneputzen, Haare kämmen, Hintern abwischen ... diese Dinge eben.» Das geht ihr zu weit, ich weiß das, aber ich muss es jetzt wissen, schließlich wäre ich dafür in Zukunft verantwortlich. Leichte Konversation ist sowieso nicht mehr möglich.

Martha tupft sich gelassen mit der Serviette die vollkommen sauberen Mundwinkel ab und richtet das Wort dann mit erhobenem Kinn an mich.

«Wenigstens von dir hätte ich ein bisschen mehr Feingefühl erwartet. Aber ich kann dich beruhigen, mit diesen Dingen hast du nichts zu tun.» Nach einer kurzen Pause setzt sie noch nach: «... lieber würde ich tot umfallen.» Bevor sie das Glas wieder zum Mund führt, lächelt sie kurz, so abwegig erscheint ihr der Gedanke, dass sich jemand ihrem nackten Hintern mit Toilettenpapier nähern könnte.

«Wir sollten vielleicht mal grundsätzlich über deine Aufgaben sprechen, Alma.» Mama lehnt sich wichtigtuerisch zurück und schaut uns dabei abwechselnd an. Das gefällt Martha gar nicht. Das merke ich, auch ohne hinübergeblickt zu haben.

«Der Arm ist seit einer Woche im Gips. Schulter und Hüfte sind weiterhin stark geprellt – ein Wunder, dass sie sich nicht mehr gebrochen hat. Weil die Schulter auch ausgekugelt war, muss sie die nächste Zeit absolut ruhig gehalten werden. Lass dir nicht einreden, sie könne irgendwas alleine. Das hat sie bei mir auch versucht. Aber glücklicherweise war ich beim Gespräch mit dem Arzt dabei und der hat ganz klar gesagt: Nicht bewegen, außer in der Physiotherapie – sonst wird das nie wieder auch nur annähernd so wie vorher.» Sie macht eine gewichte Pause, fährt dann fort. «Also: zum Duschen musst du eine Plastiktüte über den Gips ziehen und mit einem Gummiband abdichten. Wir haben einen Hocker gekauft, auf dem Mutti in der Badewanne sitzt, damit du sie vom Wannenrand aus besser waschen kannst. Leg auf jeden Fall auch noch die Matte mit den Antirutsch-Noppen drunter. Ein zusätzlicher Beinbruch käme gerade doch sehr ungelegen.» Ihr Blick haftet beim letzten Satz mahnend an der trotzigen Martha, die ihren Vortrag missbilligend verfolgt.

«Die Sachen stehen alle in der Abstellkammer. Haare werden jeden zweiten Tag gewaschen ...»

«Beate, ich habe mir nur den Arm gebrochen – weiter nichts. Als könnten wir uns nicht alleine organisieren! Mehr als dreißig Jahre lang habe ich ein eigenes Geschäft geführt und parallel dazu ein Kind alleine großgezogen, dich übrigens, und deine Tochter hat immerhin Abitur – wir kriegen das schon hin!»

«Ach kommt, Leute, können wir nicht einfach ein bisschen übers Wetter reden? Dann muss sich auch niemand aufregen.»

Martha presst beherrscht die Lippen aufeinander, Mama trinkt einen Schluck Wasser, hat die Zankerei sofort vergessen.

«Was hast du da in der Hand, Liebes?», fragt sie neugierig meine Hände fixierend. Ich muss die Visitenkarte aus der Tasche gezogen haben, denn meine Finger spielen damit.

«Ein Geheimnis?», hakt sie nochmal nach.

«Eine Eintrittskarte», sage ich schließlich.

«Wofür?», fragt jetzt Martha. Ich zögere.

«In eine andere Welt ... in eine schönere Welt.» Martha überlegt, fragt dann selbstsicher: «Mann oder Job?»

Ich antworte nicht, zucke nur leicht mit den Schultern, kann dabei ein kleines Lächeln nicht unterdrücken.

Martha sieht auf meine Hand, betrachtet stirnrunzelnd das mittlerweile knittrige Papier, das durch das intensive Betasten weich geworden ist.

«Wirst du sie auch benutzen, die Eintrittskarte?», Martha hat sich zurückgelehnt, die Beine übereinandergeschlagen.

«Ich denke schon», sage ich leise.

«Benutze sie!», sagt Martha mit fester Stimme. Sie hat sich wieder vorgebeugt, um ihren Worten Nachdruck zu verschaffen. «Benutz sie, auch, wenn der Besuch nur von kurzer Dauer ist.» Martha sieht mich eindringlich an, will herausfinden, ob ich verstehe, was sie meint.

«Warum sollte der Besuch kurz ausfallen?», frage ich mit ebenfalls fester Stimme, «traust du mir nicht zu, dass ich mich dort beweise?»

«Also ich bin raus, keine Ahnung, worüber ihr sprecht», genervt hebt Mama die Hände.

Martha mustert mich.

«Reinkommen ist einfach, dort zu bleiben schwieriger. Das ist alles, was ich sagen will. Um Rückschläge kommst du nicht herum. Mach es trotzdem – was auch immer es sein mag.»

Sie kennt mich so gut, weiß, dass ich dazu tendiere, so lange zu zögern, bis die Chance verstrichen ist.

Ich nicke knapp. Dann wird das Essen serviert.

Der Rest des Abends verläuft friedlich, streckenweise sogar amüsant. Vom Oleander in ihrem Garten geht meine Mutter nahtlos zu einem Sommerurlaub in der Toskana über, in dem ich mich angeblich lange Zeit weigerte, am Strand, nein, sie korrigiert sich, überhaupt, eine Badehose, geschweige denn ein Bikinioberteil anzuziehen. Und das, obwohl alle anderen Kinder in meinem Alter das bereits freiwillig aus Schamgefühl taten. Fassungslos blicke ich sie an, weil sie meinen – ich zitiere – «Hang zum Freikörperkult, den man damals höchstens noch von den Ossis kannte» in immer peinlicheren Details schildert. Beide lachen sie, Mama über die süßen Allüren ihres kleinen Mädchens, das damals noch ganz in ihren sicheren Händen war, und Martha … bei ihr ist es etwas anderes. Sie lacht, weil sie mein entgeistertes Gesicht sieht. Sieht, wie ich versuche, Mamas Lautstärke mit Handzeichen nach unten zu regulieren, und mich umschaue, um abzuschätzen, wie viel die Tischnachbarn davon mitbekommen. Sie lacht, weil die anderen, den Kellner miteingeschlossen, grinsen und ich rot dabei werde und weil ich meine Verzweiflung gespielt auf die Spitze treibe, indem ich mir das Weinglas bis zum Rand auffülle und hektisch daraus trinke. Und sie lacht am lautesten, weil meine Mutter bis zum Schluss denkt, ihr Lachen sei das Resultat der amüsanten Urlaubsanekdote.

Als es vorbei ist, kommt der Kellner lächelnd an unseren Tisch und fragt mich, und zwar nur mich, ob es jetzt etwas Stärkeres sein dürfe. Für die Verdauung des Ganzen. Er zwinkert. Ein Averna z. B. – der ginge auch aufs Haus.

«Der findet dich aber gut», sagt meine Mutter. Martha trocknet sich kopfschüttelnd die Augenwinkel.

Spät gehen wir nach Hause.

Ich schlafe im Wohnzimmer, Mama im Gästezimmer.

Was für ein Tag – gut, dass er jetzt vorbei ist.

Am nächsten Morgen wache ich mit Kopfschmerzen auf und blicke mich orientierungslos um. Im Traum haben sich Szenen aus verschiedenen Welten gemischt. Stimmen aus der Küche und Bambus-Spitzen vor dem Fenster – ich weiß wieder, wo ich bin. Müde wanke ich direkt ins Bad, wo kaltes Wasser im Gesicht die Bilder der Nacht und die Menthol-Zahnpasta den üblen Geschmack im Mund vertreiben. Dann bin ich so weit.

Glücklicherweise ist Mama schon abfahrbereit, als ich auf den Balkon komme. Aber als sie mich sieht, legt sie lächelnd den Kopf schief und setzt sich neben mich auf die Bank. Mit dem Zeigefinger malt sie eine große, sich verjüngende Spirale auf meinen Rücken. Bei der kleinsten Windung angekommen, tippt sie einmal in die imaginäre Mitte und beginnt die Spirale dann in die entgegengesetzte Richtung von Neuem. Dabei geht sie ihre Packliste durch, um sicherzugehen, dass sie auch nichts vergessen hat, und bedauert, dass sie uns, Martha und mich, nun so lange nicht sehen wird. Aus den Spiralen werden Kreise, aus den Kreisen Wellenlinien. Mein Rücken sackt unter der feinen Berührung immer weiter in sich zusammen. Die Entspannung ist beendet, als sie noch ein paar Tipps für die kommenden Wochen, in denen wir «auf uns alleine gestellt» sein werden, von sich gibt.

Wenig später verabschieden wir sie winkend am Straßenrand.

«Ich liebe deine Mutter, aber ich bin froh, dass sie jetzt wieder nach Hause fährt.» Martha starrt dem Auto eine Weile mit leerem Blick hinterher und dreht sich dann plötzlich um.

«Auf, auf, du kannst jetzt das Gästezimmer beziehen.»

Ich weiß, was sie meint. Mama ist eben anders. Nichts trifft sie unvorbereitet. Waghalsiges und Abenteuerliches ist ihr zutiefst zuwider. Sie ist ein Spießer. Und dazu liebevoll und fürsorglich. Man kann ihr schwer böse sein, obwohl man es oft muss, denn ihr fehlt jegliches Feingefühl für die Befindlichkeiten ihrer Mitmenschen. Ich unterstelle ihr da gar keine Absicht, vielmehr ist es, als fehlte ihr der entsprechende Sinn. Als sei sie ohne geboren worden. Ein genetischer Defekt, eine Laune der Natur. Und dann ihr Humor. Es ist nicht so, dass sie keinen hätte, sie lacht ja viel. Allerdings weiß man oft nicht, worüber. Ironie und Situationskomik sind ihr vollkommen fremd, aber wenn kleine Kinder an Karneval lustige Tierkostüme tragen, kann sie sich kaum wieder beruhigen. Sie sagt, entweder man werde wie die eigene Mutter oder wie das genaue Gegenteil und so raubt sie uns mit ihrem pastellfarbenen, familienfokussierten und harmonieverschleierten Blick auf die Welt oft den letzten Nerv. Während ich das Gästebett frisch beziehe, hängen meine Gedanken weiter bei Mama. Vielleicht hatte sie auch keine andere Wahl, musste sich das Feingefühl, diesen Sinn, in jungen Jahren selbst amputieren, um einigermaßen glücklich aufwachsen zu können in einer Frauen-WG ohne Vater und mit einer allzu zielstrebigen Mutter.

04 – Marabu

Es ist Sonntag, der Zoo ist laut. Auf dem Balkon nippt Martha abwesend an ihrem zweiten Kaffee. Durch die Bäume auf der Freianlage der Bisons lässt sich schon so früh am Morgen ein nicht enden wollender Besucherstrom erkennen. Die Geräuschkulisse ähnelt der eines Freibades, bei der sich die Stimmen zu einem beruhigenden Hintergrundrauschen mischen. Eine Lautsprecherdurchsage hallt blechern zu uns herüber. Irgendein Kind hat seine Eltern verloren und will im Zoo-Shop abgeholt werden. Wir schweigen. Es will kein Gespräch entstehen. Fühle mich fehl am Platz, fast unerwünscht.

In den kommenden Wochen werde ich Martha helfen. Mama hatte das vorgeschlagen. Damit sei ich wenigstens sinnvoll beschäftigt, bis ich mir einen neuen Job gesucht hätte. Mir war das recht: raus aus Passau, Zeit nachzudenken. Außerdem ist es Martha, seit jeher mehr Freundin als Oma. Aber jetzt gerade ist sie mir fremd. So verschlossen. Vielleicht liegt es am Alter. Irgendwann muss die Zeit uns trennen. Dann wird sie nicht mehr verstehen können, dass die Begegnung mit einem Mann im Zug mich vollkommen einnimmt, weil ihre Gedanken sich um Elementarstes, den körperlichen Verfall, drehen. Dann werden wir uns fremd gegenübersitzen, sie krumm und sabbernd und ich … Wie erträgt man das, wenn ein geliebter Mensch, ein Idol, unaufhaltsam verfällt? Meine Eingeweide ziehen sich zusammen. Mir wird übel. Aber dann sehe ich, wie sie für einen Moment die Fliege auf der Tischkante direkt vor sich fokussiert, um dann blitzschnell zuzuschlagen. Fliege tot. Sie lächelt und schnippt das leblose Insekt geschickt vom Balkon. Und das alles mit links – als Rechtshänderin. Der Krampf in meinem Bauch löst sich wieder. Noch muss ich mir keine Sorgen machen.

Die Sonne steht schon voll auf dem Balkon. Ich strecke die Beine und schiebe die nackten Füße durch die senkrechten Stäbe des Geländers. Irgendein Vogel macht im Hintergrund wahnsinnigen Lärm.

«Ich gehe jetzt in den Zoo», sage ich, stehe auf und nehme die beiden Tassen vom Tisch.

«Alma, pass auf, mir gefällt das gar nicht, so auf euch angewiesen zu sein, aber es ist jetzt so und vorübergehend muss ich mich wohl damit abfinden. Aber alles, was einarmig geht, mache ich selbst, verstanden?»

Ich nicke, stelle die Tassen wieder ab. Das ist also das Problem.

Am Haupteingang des Zoos wird für den Jahresausweis ein Foto von mir gemacht. Werde wohl täglich hierherkommen. Aus Ermangelung an Alternativen. Ich beginne meinen Rundgang mit dem Strom der Menge rechts herum. Vieles haben sie neu gemacht, großzügiger, artgerechter und dennoch erscheint mir der Zoo kleiner und übersichtlicher.

Bei den Marabus, fast am Ende des Rundgangs, bin ich der einzige Besucher. Sie bewohnen eine große Wiese mit Wasserlauf, zweiseitig umrahmt von Bäumen, der Zaun nicht mehr als eine Reihe senkrechter Stäbe bis auf Brüstungshöhe mit einem davor gebundenem Kaninchendraht, damit die Kinder nicht ihre Arme durchstecken.

«Wie geht es euch?», frage ich leise in die Gruppe, die sich auf dem sonnenbeschienen Fleck des Rasens versammelt hat. Ich käme so gerne mit ihnen ins Gespräch. Aber sie ziehen die kahlen Köpfe noch tiefer zwischen die Schultern. Einer hebt genervt das rechte Bein, spreizt die Krallen und setzt es anschließend langsam an derselben Stelle wieder ab.

Ich rede noch leiser, will sie für mich gewinnen, doch sie bleiben skeptisch, rücken näher zueinander. Einer, der mit dem Rücken zu mir steht, wendet leicht den Kopf, um mich in sein Blickfeld zu bekommen. Er klappert leise mit dem Schnabel. Sie machen es richtig, lassen sich nicht gleich verführen, nur weil jemand nett zu ihnen ist. Sie brauchen ihn nicht, den Applaus, leben genügsam, unabhängig, frei – auch in Gefangenschaft. Der Sonne zu- und den Schaulustigen abgewandt, bleiben sie gelassen, behalten die Ruhe. Bewundernswert.