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Ein schwerreicher Promi liegt tot in einer Hotelsuite und die Freitagsleiche noch auf dem Seziertisch. Kommissar Hardy Dahlberg - mittelgroß,mittelschwer, mittelblond - hat zu tun. Über Berlin brütet eine Mordshitze, nichts ist, wie es scheint und Dahlberg kommt sich bald vor wie einer, der Luftballons für Bälle hält, mit denen man Tore schießen kann.
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Seitenzahl: 259
Veröffentlichungsjahr: 2025
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Carla Kalkbrenner
Die Sonne über Berlin
Mordshitze
© 2023 Martini & Loersch Verlag, Berlin
Vollständige überarbeitete Ausgabe
Alle Rechte vorbehalten
Lektorat: Angelika Klammer / Wien
Layout und Satz: Datagrafix GmbH / Berlin
Korrektorat: Undine Knaack, Silvia Ottow
Herstellungsbetreuung: Jürgen Knaack
Umschlaggestaltung: Gilberto Giardini
Produced in EU
eISBN 978-3-0007412-8-9
Für meinen Vater, der diese Geschichte erzählte.
An einem bitterkalten Wintertag saß ein kleiner Spatz mitten auf der Landstraße und zitterte. Da kam ein Bauer mit seiner Kuh vorbei, die einen Fladen fallen ließ, genau auf den kleinen Spatzen. Dem wurde wohlig warm und mit neuem Lebensmut steckte er den Kopf aus dem Kuhfladen. Das sah eine Katze, die den Feldrain entlang schlich, sprang herbei, schnappte den Vogel und verspeiste ihn.
Merke: Nicht jeder, der dich anscheißt, ist dein Feind. Und nicht jeder, der dich aus der Scheiße zieht, ist dein Freund.
Der Mann, der sich an einem dunstigen Maimorgen zu seinem Auto schleppte, war jenseits der Sechzig und trug ein schwarzes Leinenjackett über einem weißen Hemd mit hochgestelltem Kragen, keine Krawatte. Eine Extravaganz, die Oswald Tiefenbrock sich vor Jahren zugelegt hatte, die, wie er früher fand, zu seinem kantigen Kopf und der Adlernase passte, und die sein Markenzeichen geworden war. Heute war es nur noch Gewohnheit und sein Äußeres ihm egal.
Das Glienicker Schloss glitt vorüber, in gelblichen Morgennebel getaucht. Sein Lieblingswagen, die beigefarbene Giulia, ein Sammlerstück, top in Schuss, aber was zählte das noch, schnurrte über die Stahlbrücke, die Berlin mit Potsdam verbindet. Über dem Jungfernsee begann die Sonne die Schwaden zu vertreiben. Als er in das Holländerviertel einbog, waren die geschwungenen roten Giebel schon zu sehen. Kurz nach sieben hielt die Giulia vor dem Haus. Auf dem Bürgersteig drängte sich eine Gruppe Damen und Herren, die Erbengemeinschaft, die sich nach langem Gezeter geeinigt hatte, die barocke Immobilie zu verkaufen.
Tiefenbrock hievte erst den Aktenkoffer und dann seine Einmeterneunzig aus dem Wagen. Die Hosenbeine und das Jackett schlotterten, er hatte in den letzten Monaten stark abgenommen. Der Verwalter schloss das Tor auf, ehemals dunkelgrün, jetzt splittrig verquollen. Tiefenbrock wollte den Herrschaften das Innenleben des knapp dreihundert Jahre alten Gebäudes zeigen, tragende Balken, schwammzerfressen und vom Holzbock befallen, Wände, deren Lehmstrohfüllung in Auflösung begriffen war. Eigentlich sollte Konrad Lubold dabei sein, aber der hatte abgesagt. Nun musste er selbst den Leuten klarmachen, welche exorbitanten Kosten die Beseitigung des echten Hausschwamms verursachte.
Die Schultern trotz seiner elenden Stimmung gestrafft, ein gewinnendes Lächeln auf den Lippen, begrüßte er die Herren mit Handschlag. Die Ehefrauen gaben sich bei dem Handkuss geschmeichelt. Tiefenbrock wusste, das sein hageres Gesicht mit der Hakennase und die dunklen Schatten unter den Augen ihm eine melancholische Aura gaben. Er stellte den Alukoffer ab und zog eine dicke Kladde heraus, die Aufstellung der Schäden. Konrad Lubold hatte als Gutachter ganze Arbeit geleistet, die Preisvorstellungen der Leute würden sich in Luft auflösen. Er zwinkerte dem Verwalter unauffällig zu und schloss sich dem Gänsemarsch an, der zielstrebig zum ersten Schadensfall im Haus führte.
Dahlberg saß vor dem Café, blinzelte in die Sonne und rauchte, den straßenlangen Bau des Kriminalgerichts direkt vor sich. Am linken Nebentisch diskutierten drei Männer im feinen Zwirn auf Arabisch. Rechter Hand regten sich zwei blasse Mädchen auf, schwarz gefärbte Haare, ebenso umrandete Augen: „Marco is so wat von verpeilt, dit musste erstmal bringen, ’ne Mikrowelle verschmoren.“ Zwei Streifenpolizisten, die er vom Sehen kannte, tranken an einem Stehtisch Kaffee und unterhielten sich gut hörbar über das letzte Spiel von Alba Berlin. Der eine mit grauer Bürstenfrisur und Schnauzer, der andere hatte sich einen Kaiser-Wilhelm-Bart wachsen lassen. Dazu verspiegelte Sonnenbrille und Ohrring, der Typ Urberliner, auf den Dahlberg verzichten konnte. Sie warteten auf ihren Zeugentermin oder hatten ihn gerade hinter sich. Bis zu seinem Auftritt war noch eine halbe Stunde Zeit.
Eberhard Dahlberg, mittelgroß, mittelschwer, mittelblond, war Kriminalhauptkommissar bei der Mordkommission 7 und Gerichte gehörten nicht zu seinen Lieblingsorten. Doch nun war es Zeit, er drückte die Kippe an der Schuhsohle aus, steckte sie in die Jackentasche und überquerte die Straße. Vor einem der monströsen Drehkreuze in der Eingangshalle staute sich ein Trupp Rocker, alle mit dem geflammten Namenszug Bandidos zwischen den sehr breiten Schultern, manche mit Glatze und tätowiert bis hinter die Ohren, andere mit gewaltiger Mähne und Rauschebart.
Dahlberg nahm den Beamteneingang und stieg die Freitreppe empor, über ihm vier Etagen Luft bis zur Kuppel. Als Kind hatten ihn die Säulen und Treppen mächtig beeindruckt. Ab und zu hatte sein Vater ihn mitgenommen, wenn er hier zu tun und gute Laune hatte.
Punkt zehn rief der Gerichtsdiener Dahlberg herein. Hinter dem Holzpodest lächelte ihm die Richterin hoffnungsvoll entgegen, vielleicht brachte seine Aussage ein bisschen Licht in das Eifersuchtsdrama. Das Ganze war allerdings ein halbes Jahr her, und Dahlberg hatte seine eigenen Protokolle lesen müssen, um sich zu erinnern. Eine bizarre Sache, diese Schießerei auf einem Lidl-Parkplatz in Lichterfelde, ein bisschen Bronx in Berlin. Die Bereitschaftspolizei musste das auch gedacht haben. Sie hatte den einen Schützen mit vier Wagen verfolgt und bei der Verhaftung erstmal zu Boden geworfen. Die Pistole steckte in der Mittelkonsole und hatte, wie sich herausstellte, Ladehemmung. Trotzdem stand der Besitzer, Ehemann einer kroatischen Schönheit mit blitzenden Augen, wegen versuchten Mordes vor Gericht. Der serbische Liebhaber dagegen wollte seinem Konkurrenten nur einen Schreck einjagen und hatte passenderweise eine Schreckschusspistole benutzt. Er musste sich in einem anderen Verfahren wegen Gefährdung der öffentlichen Ordnung verantworten.
Dahlberg machte seine Aussage, die Staatsanwältin stellte ihre Fragen, der Verteidiger nannte ihn sarkastisch einen Heroen des Erinnerungsvermögens. Er beließ es bei hängenden Augenlidern, er hatte die halbe Nacht über den Protokollen gebrütet.
Dahlberg war auf dem Weg ins Büro, als der Anruf kam. Sie hatten eine frische Leiche, und die vom Freitag lag noch auf dem Tisch des Gerichtsmediziners. Der neue Tote war der schwerreiche Bauunternehmer Oswald Tiefenbrock, aufgefunden in einer Suite des Nobelhotels DOM PALAIS, er sah die Schlagzeilen vor sich. Claudia und Alexander waren schon da und schwiegen sich an. Mord in der Oberschicht, das kam nicht alle Tage vor. Der neue Kollege fehlte.
Er lotste das Rumpfteam durch die Drehtür in die Stille einer luxuriösen Lobby. Als sie zum Lift gingen, waren ihre Schritte auf dem Steinboden deutlich zu hören, das verschreckte Flüstern einiger Gäste verlor sich in dem weiten Raum. Der Vorfall hatte sich offensichtlich blitzschnell herumgesprochen.
Claudia und Alexander bogen zur Rezeption ab, Dahlberg nahm den Fahrstuhl in die fünfte Etage. Vor der Tür der Suite hielt ein Bereitschaftspolizist Wache. Dahlberg ging durch den zimmergroßen Vorraum und warf einen Blick auf die Pracht, gold und blau, schwere Vorhänge, die Sitzecke irgendwie antik. Die Kriminaltechniker in ihren weißen Ganzkörperanzügen kamen ihm wieder wie Astronauten vor, abgezirkelte Bewegungen in schwerelosem Raum.
Der Tote saß zusammengesunken in einem der geschwungenen Sessel, eine Flasche Whiskey auf dem Tischchen vor sich, auf dem Teppich ein Glas. Zwei große rote Flecken hatten sich in Brusthöhe auf dem weißen Bademantel ausgebreitet. Auch der rechte Ärmel war voller Blut. Eine stattliche Erscheinung, Quadratschädel mit reichlich Haar, riesige Füße. Die Hacken ragten aus den weißen Hotelschlappen. Dahlberg musste an platt gedrückte Eierwärmer denken. Der Tote machte auf ihn einen erschöpften Eindruck, und das nicht nur, weil er tot war. Das Gesicht wirkte eingefallen, auf den großen Händen, die schlaff über die Sessellehnen hingen, zeichneten sich Sehnen und Adern ab.
„Seid ihr bald fertig da drin?“, fragte Dahlberg in den Raum hinein. Einer der Vermummten nickte in Richtung Fenster, an dem Friedbert Saalbach lehnte.
„Also“, der Gerichtsmediziner zog die Handschuhe aus, „zwei Schüsse aus ungefähr zwei Metern Entfernung. Einer ins Herz, einer in die Lunge. Beide tödlich. Hat mit der rechten Hand nach dem Herzen gegriffen, daher das Blut am Ärmel. Nach der Lebertemperatur so zwischen zwanzig und zweiundzwanzig Uhr gestern Abend. Die Leiche wurde nicht bewegt. Fundort ist der Tatort. Ging sicher ratzfatz. Die Projektile muss ich noch rauspulen.“ Rechtsmediziner sind trockene Typen und Friedbert Saalbach machte keine Ausnahme.
Einer der Uniformierten, die die nähere Umgebung des Tatorts durchsucht hatten, kam auf dem Hotelflur entlang, eine Plastiktüte wie eine Siegestrophäe in der ausgestreckten Hand.
„Makarov mit eingebautem Schalldämpfer zwischen frischen Handtüchern im Serviceraum.“ Eine russische Militärpistole, die sogenannte Lautlose, na gut’ Nacht.
Claudia federte heran, Alexander im montagmorgenmüden Schritt hinterher.
„Tiefenbrock“, sagte sie, „trifft sich hier einmal im Monat mit alten Geschäftsfreunden zu einer Art Herrenabend. Immer im gleichen Separee, immer der gleiche Ablauf. Erst Menü und die neuesten Erfolge, dann Hostessen, geistige Getränke und ab in die Kiste. Die Rezeption hat uns eine Liste der Beteiligten ausgedruckt, haben leider alle schon ausgecheckt. Und wir sollen bitte …“
„… diskret vorgehen“, ergänzte Dahlberg. „Und das mit der Kiste nimmst du an, nehme ich an.“
„Ich hab mit dem Oberkellner telefoniert, der gestern Dienst hatte“, sagte Alexander. „Er erinnert sich, dass Tiefenbrock die Runde gegen halb neun verlassen hat. Um zehn sind die Hostessen eingetroffen.“
„Aber haben die sich nicht gewundert, dass Tiefenbrock auf das Damenvergnügen verzichtet hat?“
„Ja komisch.“ Alexander spitzte die Lippen.
„Überwachungskameras?“, fragte Dahberg.
„Gibt es, ich hab auf die Schnelle erst mal die betreffende Etage gecheckt. Ein Typ im blauen Kittel mit Werkzeugtasche hat einundzwanzig Uhr zwölf an Tiefenbrocks Tür geklopft, ein Hausmeister, dachte ich erst. Aber das sah nach Verkleidung aus, komisch viele Haare, dicker Schnauzbart, viel zu große Brille. Außerdem kam er nach zwei Minuten wieder raus, also reparieren kann man in der Zeit nix. Und die Rezeption hatte auch niemanden in Tiefenbrocks Suite geschickt.
„Die Suiten um die von Tiefenbrock herum“, warf Claudia ein, „waren übrigens alle von den Herren aus der Herrenrunde gebucht. Aber die waren ja unten bei den Damen.“
Wie praktisch, dachte Dahlberg, dann konnte wahrscheinlich niemand die Schüsse hören. Eine schallgedämpfte Pistole machte nämlich viel mehr Krach als der Laie sich so vorstellt.
„Scheint, als hätten wir die Tatzeit. Übrigens, hat Tiefenbrock mal telefoniert?“
Claudia zog ein Notizbuch aus einer der Taschen ihrer Cargohose.
„Die Rezeption hat einen Anruf in die Suite durchgestellt, neunzehn Uhr zwanzig von einer Festnetznummer. Hab ich schon geprüft, der Münzfernsprecher an der Ecke. Die Mädels sind übrigens alle noch da, dürfen die Zimmer bis zum late check out genießen.“ Claudias Augenaufschlag sprach Bände. „Warten im Salon BELLE FLEUR.“
Der Salon machte seinem Namen Ehre, die Wände mit Blumengirlanden bemalt, auf kleinen Tischen farbenprächtige Buketts. Die langgliedrigen Wesen hatten sich auf Stühlen niedergelassen und machten leere, aufgebrachte oder angeregte Gesichter.
Claudia nahm einen Stuhl und setzte sich einen Meter entfernt vor die Girlsreihe, ausgesuchte Klamotten, edles Schuhwerk, kunstvoll frisierte oder gekonnt zerzauste Haare. Sie betrachtete ihre ausgetretenen Sandalen. Es hatte eine Zeit gegeben, in der sie auf High Heels unterwegs gewesen war. Jeden Morgen Beine und Achseln rasieren, Frisur stylen, Make-up. In den ersten Tagen hatte sie eine Schminkhilfe von der Sitte. Und dann hinein ins Missvergnügen, undercover im Stuttgarter Rotlichtmilieu. Erst mal Bardienst, dann sehen wir weiter, hatte ihr Chef gesagt. Irgendwann hatte sie keine Argumente mehr gegen die Vorschläge der Puffmutter, wieso willst du nicht mehr verdienen, so toll, wie du aussiehst. Und sie verschwand so plötzlich, wie sie in dem Laden aufgetaucht war. Direkt am Kunden zu arbeiten war einfach nicht drin. Ihre Kollegen waren nicht erfreut, der Einsatz war lange vorbereitet worden. Aber weder ihr Vorgesetzter noch sie selbst hatten geahnt, wie ausgeprägt ihre Vorlieben damals schon waren. Seitdem gab es für Claudia nur noch kurze Haare, Hosen und flache Schuhe. Sie streckte die Füße provozierend weit von sich und verschränkte die Arme.
„Schön, dass Sie die Zeit gefunden haben.“
Zischen und Murmeln, Frechheit, erst uns ewig warten lassen und dann so tun. Andere kicherten, für euch doch immer. Elegante Beine wurden übereinander geschlagen, lange Fingernägel betrachtet, einige fingen an zu schwatzen. Claudia Gerlinger zückte ihr Notizbuch.
„Also, Sie haben Ihre Arbeit gegen zehn aufgenommen. Da war Oswald Tiefenbrock nach unseren Informationen schon nicht mehr dabei. Haben Sie erfahren, warum er sich so früh zurückgezogen hat?“
In der zweiten Reihe regte sich etwas. Ein etwas verschlafen wirkender Wuschelkopf wurde sichtbar, dann große dunkle Augen und ein blasser Kussmund.
„Naja“, hauchte der Kussmund. „Ich sollte Oswald Tiefenbrock betreuen. Aber er war ja nicht da. Ein Kunde, so ein kleiner Dicker, ich glaube, der hieß Warmbrunn, der hat mir dann erzählt, dass es Tiefenbrock in letzter Zeit nicht so gut ging. Warum, hat er nicht gesagt, falls Sie das wissen wollen.“
Claudia grinste, was sich doch manchmal für Schnellmerker unter den dienstbaren Damen fanden. „Jedenfalls sollte ich ihn lieber nicht stören.“
„Und? Haben Sie anderweitig Anschluss gefunden?“, konnte sich Claudia nicht verkneifen zu fragen.
In der Lobby war normale Geschäftigkeit eingekehrt. Alexander lümmelte in einem der verschnörkelten Sessel. Seine abgeranzte Lederjacke gab einen schönen Kontrast ab. Claudia hatte ein Kapuzenshirt übergezogen, denn die Klimaanlage arbeitete an der Verkühlung der Gäste. Dahlberg sah aus den Augenwinkeln, wie sich ein bebrillter Typ in wehendem Trenchcoat mit langen Schritten näherte. Mann, machte der einen Wind, wenn das nicht der neue Staatsanwalt war.
„Wir hatten noch nicht das Vergnügen, Joachim Thurau,
Dienst habender Staatsanwalt“, sagte der Staatsanwalt, streckte eine schmale lange Hand aus. Dann warf er sich in den Sessel, eine Riesenstoffraupe mit Riesennerdbrille.
Dahlberg reichte ihm die Liste mit den Namen der Herrenrunde.
„Na, das ist ja eine nette Versammlung“, sagte Thurau, den Blick auf das Papier geheftet. „Soweit ich sehe, ein ehemaliger Senator, zwei frühere Abgeordnete, Wirtschaftsverband, Landesbank, Wohnungsbaugesellschaft. Zwei Verurteilungen wegen Untreue, einmal Steuerhinterziehung, wenn ich mich nicht irre. Wäre möglich, dass da einige etwas mit Tiefenbrock auszufechten hatten. Aber eine nasse Sache?“ Der plötzliche Gaunerjargon amüsierte Dahlberg. Aber warum nicht, Stütze der Gesellschaft in Hausmeisterverkleidung mit Knarre und Mordabsicht auf Hotelflur unterwegs.
„Ich werde den Obersten gleich informieren“, sagte der Staatsanwalt, stand auf und wehte davon. Na mal sehen, dachte Dahlberg, was das wird mit dieser neuen Säule des Rechts.
Er verteilte die Aufgaben. Claudia war turnusgemäß dran, die Todesnachricht zu überbringen. Alexander sollte sich um Tiefenbrocks Finanzen kümmern, und er würde sich weiter im Hotel umtun.
Dahlberg stieß die Schwingtür zur Hotelküche auf. Es war zwei Uhr nachmittags und immer noch oder schon wieder Hochbetrieb, ein Lärm wie an der Börse. Massen von Köchen rührten, klopften, häckselten. Rufe schwirrten durch die Luft. Kellner rannten rein und raus. In einer weißen Wolke war ein Oberkoch am Abschmecken. Dahlberg drängte sich durch und unterbrach die Zeremonie. Der Kochlöffel blieb tropfend in der Luft hängen, die Wolke starrte geschlossen auf Dahlbergs Ausweis.
Nach einigem Ogottogott, der arme Herr Tiefenbrock, der war doch Stammgast bei uns, teurer Geschmack, viele Sonderwünsche, früher jedenfalls, wurde Dahlberg seine Frage los.
„Ist Ihnen gestern Abend jemand aufgefallen, der nicht hierher gehört?“
„Wissen Sie, was hier abends los ist?“, dröhnte der Chef mit einem Bass, der direkt aus seinem Bauch zu kommen schien. „Da haben wir die Augen in den Kochtöpfen. Das hier ist im Moment entspanntes Freundschaftskochen. Die Serviceleute kommen hier öfter durch, ist eine Abkürzung, da achten wir gar nicht mehr drauf. Und kennen tun wir die schon gar nicht, ist ein großes Haus.“
Die Truppe nickte. „Und von uns war es keiner, darauf können Sie Gift nehmen.“ Unterdrücktes Kichern ließ schweißglänzende Wangen erzittern.
Dahlberg ging auf den tollen Witz nicht ein. Er machte sich auf den Weg zum Servicetrakt im Untergeschoss, nochmal ein längerer Fußmarsch. Hier sollte sich nach Auskunft der Rezeption das Zimmermädchen aufhalten, das Tiefenbrock gefunden hatte. In einem kleinen fensterlosen Raum saßen zwei der weiblichen Heinzelmännchen und rauchten. Die Lüftung röhrte laut. Dahlberg steckte seinen Kopf durch die Tür, lächelte in die Runde und zückte seinen Ausweis.
„Ich suche eine Mercedes Gonzalez.“
Eine große Kräftige, mächtig blond, die Schürze drei Nummern zu klein, sprang auf und brüllte über den Flur.
„Mercedes, die Polizei will mit dir reden.“
Mercedes war wenig beredt und hatte außer schreckgeweiteten Augen und mehrfachem Arme-in-die-Höhe-Werfen nicht viel zu bieten. Ein Blick auf Tiefenbrock im rotgefleckten Bademantel und sie war schreiend aus dem Zimmer gestürzt.
„Und gestern Abend, hatte da jemand von Ihnen Dienst?“
„Ja ich, machen Doppelschichten“, sagte eins der Zimmermädchen, zart und schmal, in gebrochenem Deutsch.
„Und ist Ihnen irgendetwas oder irgendwer Ungewöhnliches aufgefallen?“
„Nicht ungewöhnlich.“ Der Tonfall wurde schwärmerisch. „Wie immer Pan Dobrzynski kommen.“
„Du und dein Pan“, stichelte die große Blonde mit der engen Schürze. „Ist doch der reinste Kontrollfreak. Alle naselang kreuzt der hier auf und guckt nach, ob wir die Edelbettwäsche auch gut behandeln.“ Die Ironie war nicht zu überhören. „Als wenn’s bei uns zugeht wie in einer polnischen Wirtschaft?“
„Wer und was ist dieser Pan?“, unterbrach Dahlberg den Wortwechsel.
„Pan, also Herr Dobrzynski ist Inhaber der Wäscherei KOREKTA in Gorzow, in Polen“, antwortete die Polin.
„Wie? Und da begleitet er die Wäsche höchstpersönlich hierher? Und das am Abend?“
„Komisch, nicht,“ meinte die Blondine. “Aber ich sag ja, Kontrollfreak. Okay, die Wäsche ist auch was Besonderes, nachtblaue Rohseide. Die braucht eine ziemlich teure Spezialbehandlung. Da können Sie sich vorstellen, warum die in Polen gepflegt wird.“
Dahlberg konnte, bei den Lohnunterschieden.
Die Frau trug fein onduliertes Haupthaar und füllte den Türrahmen fast aus. Claudia stellte sich vor und klappte den Ausweis auf, ob sie Frau Tiefenbrock sprechen könne. Die stämmige Person, Typ Hausfrau, der im reifen Alter unweigerlich in die Breite ging, fragte nichts, sondern stellte sich ihrerseits als Brigitte Matura vor, Hauswirtschaftsdame bei den Tiefenbrocks.
Frau Matura machte Platz und Claudia passierte den Busen, der direkt in den Bauch überging. Sie betrat das Foyer, Marmorfußboden, schachbrettgemustert. Die geschwungene Treppe zeigte kompliziertes Schnitzwerk, eine verwaschen grüne Standuhr, die blass mit kleinen Vögeln bemalt war, tickte leise. Die Haushälterin geleitete Claudia an einigen offen stehenden hohen Flügeltüren vorbei auf die Terrasse. Die Maisonne schien auf Beete voller extravaganter Tulpen, rotgrün gezackt und blaulila geflammt. Von fern Rufe früher Segler, ein Bootsmotor, der angeworfen wurde, ein Hund, der bellte, ein anderer, der antwortete, ansonsten Stille.
Frau Tiefenbrock saß dem Garten zugewandt, rötlicher Schopf, schmaler weißer Nacken unter einem exakt geschnittenen Bob, ein vielfarbiges Tuch um die Schultern. Nach Frau Maturas formvollendeter Ankündigung des Besuchs stand sie auf. Claudia schätzte das wohlproportionierte Persönchen auf einen Meter sechzig und ungefähr dreißig, der Größen- und Altersunterschied zu ihrem toten Ehemann war bemerkenswert.
Sie streckte Claudia eine schmale Hand entgegen, die genauso porzellanteinthaft war wie ihr hübsches Gesicht mit den grünen Augen, offensichtlich eine echte Rothaarige. Sie wirkte erschrocken. „Polizei? Was ist denn passiert?“
„Vielleicht setzen wir uns erst einmal“, sagte Claudia und wappnete sich für alle möglichen Reaktionen, sie hatte schon alles erlebt, von Ohnmacht bis Schreikrampf. Frau Tiefenbrock setzte sich wieder in einen der beiden weißen Flechtsessel. Claudia nahm ebenfalls Platz. „Ihrem Mann ist etwas zugestoßen.“
„Oh Gott! Was denn? Hatte er einen Unfall?“
„Nein, er wurde ermordet.“ Die Frau bewegte sich nicht, sie wirkte wie festgefroren.
„Ich weiß“, sagte Claudia, „es ist schwer, aber ich muss Ihnen einige Fragen stellen.“
Frau Tiefenbrock nickte.
„Hatte Ihr Mann Feinde, die so weit gehen würden?“
„Das weiß ich nicht“, flüsterte sie, immer noch in eiserner Haltung. „In seiner Art hat er bestimmt manchen verprellt. Aber Mord?“
„Was für eine Art?“, wollte Claudia wissen.
Frau Tiefenbrock schlug die Augen nieder.
„Er war eben ein Manager.“
„Und wie war Ihr Verhältnis in der letzten Zeit?“
Die Frage war eine Zudringlichkeit gegenüber einer frisch Hinterbliebenen, aber nicht unangebracht, wenn Claudia die schöne junge Witwe mit dem schlaffen toten Ehemann verglich. Die Antwort war kurz und bündig, gutes Einvernehmen auf Grund eines funktionierenden Arrangements.
„Haben Sie an Ihrem Mann in letzter Zeit irgendwelche Veränderungen wahrgenommen, war er unruhig oder deprimiert?“
„Eigentlich nicht, nur dass er abgenommen hat, aber das wollte er ja immer.“
Frau Tiefenbrock stand auf, schwankte ein wenig und hielt sich an der Sessellehne fest. Sie zog das Tuch um die schmalen Schultern, die Augen starr auf die Bronzefigur eines nackten Knaben mit Flügeln an Hut und Sandalen gerichtet. „Wenn Sie mich jetzt entschuldigen würden.“
Alexander fuhr auf dem Kurfürstendamm entlang. In der Uhlandstraße gab es noch einen freien Parkplatz, ein Stück entfernt befanden sich Tiefenbrocks Vermögensverwalter Pickstrieder & Schramm. Draußen knallte die Sonne vom Himmel. Er zog die Lederjacke, die früher einmal schwarz war, aus und überholte zwei junge Frauen. Russische Satzfetzen drangen an sein Ohr, krasiwye molodez, süßer Junge. Das war bestimmt nicht der, der das blutrote, rückenfreie Kleid, die High Heels und das Prada-Täschchen bezahlt hatte. Alexander drehte sich um und erblickte zwei ausgemachte Schönheiten, hohe Wangenknochen, blaue Mandelaugen, glatte weizenblonde Haare, eine irre russisch-asiatische Mischung, wahrscheinlich Schwestern. Eine heiße Welle überrollte ihn, auf den ersten Blick ein ähnlicher Typ wie Greta. Alexander fuhr sich über den Nacken und blieb vor einem Schaufenster stehen. Eine Hitze und das Anfang Mai.
Die beiden stolzierten vorbei, tuschelnd und interessierte Blicke in seine Richtung werfend. Nee danke, dachte Alexander wieder nüchtern, eure Sorte kenn ich. Er musste an die Partys denken, zu denen sein Freund Igor, der Sohn eines bekannten Moskauer Filmregisseurs, ihn mitgeschleppt hatte. Da standen und lagen die blutjungen Elfen herum, in einem der fünfzehn oder sechzehn Zimmer, die so eine ehemalige Herrschaftswohnung in Moskau hatte, und ließen sich von den zwei oder drei Babuschkas bedienen, die offensichtlich dazugehörten. Einmal hatte er bei so einer Feier nach Zigaretten gefragt, damals rauchte er noch. Man hatte ihm den Weg durch die Zimmerfluchten gezeigt und er hatte in einem fast leeren Raum einen Berg Westzigaretten vorgefunden, hunderte Schachteln KENT, einfach ausgeschüttet auf dem Parkett, ein Vermögen für den Rest der russischen Bevölkerung, in Rubel, Wodka oder Lebensmittel umgerechnet.
Pickstrieder&Schramm residierten in einem Prachtbau mit riesigen gedrehten Säulen. Steinerne Muskelmänner flankierten das Portal. Hier wurde Geld betreut, das war klar. Alexander fiel ein Witz ein, der Ende der achtziger Jahre in Moskau die Runde machte. Anfrage an Radio Jerewan: Es heißt immer, Kapitalismus sei die Ausbeutung des Menschen durch den Menschen. Frage: Wie ist das im Kommunismus? Antwort: Im Kommunismus ist es umgekehrt. Er drückte den Klingelknopf.
Dahlberg hörte sein Handy ab. Seine Frau Marthe war Notfallärztin. Mal dauerte es bei ihr länger, mal bei ihm. Die Mailbox war in ihrem Bunde der Dritte. Es hatte eine Massenkarambolage auf der Avus gegeben. Das hieß, es wurde wieder spät.
In der Dienststelle war Dienstschluss, die ersten Kollegen kamen Dahlberg entgegen. In ihrem Büro hatte sich die Wärme gestaut, er riss die Fenster auf, lehnte sich nach draußen, rauchte und wartete.
Quietschende Schritte von Claudias Kampfsandalen hallten auf dem Flur.
„Die dienstbaren Damen haben natürlich sehr spezielle Alibis“, sagte sie, kaum dass sie durch die Tür war. „Nämlich ihre Gespielen für eine Nacht. Der Abgleich kann dauern.“ Mit einem Satz schwang sie sich auf ihren Schreibtisch.
Dahlberg drückte die Kippe auf dem Fenstersims aus, zog sich einen Stuhl heran und setzte sich rittlings darauf.
„Und bei der Ehefrau? War’s schlimm?“
„Ging so, recht beherrscht, heißt übrigens Nicole. Aber geschockt war sie schon. Es gibt einen Ehevertrag und einen Sohn aus Tiefenbrocks erster Ehe.“
„Höre ich da Ehevertrag?“, kam es von der Tür. Mit einem Stapel Papieren wedelnd trat Alexander ein. „Die Vermögensverwalter mit den wundervollen Namen, ich hatte mit Schramm zu tun, Pickstrieder war außer Haus, wahrscheinlich auf dem Golfplatz, Klienten beeindrucken.“ Dahlbergs Lider gingen auf halbmast. „Okay, okay“, fuhr Alexander fort. „Also Schramm gewährte großzügig Einblick, unter anderem in den Ehevertrag. Da steht drin, dass Nicole bei Tod des Gatten fast das ganze Vermögen erbt. Bei Scheidung wäre es nur ungefähr die Hälfte. Vielleicht war da was im Busch.“
„Aber in Verkleidung über Hotelflure schleichen?“, warf Claudia ein. „Und den Gatten einfach abknallen? Ich weiß nicht, ist keine Frauensache.“
„Es sei denn“, sagte Dahlberg, „sie hat jemanden dafür gefunden, der auch eine Makarov besorgen konnte.“
„Übrigens.“ Alexander hielt den Packen Papier in die Höhe. „Der Sohn aus erster Ehe, Titus Tiefenbrock, bekommt beim Tod des Erblassers zwar nur seinen Pflichtteil, ist aber auch ein hübsches Sümmchen. Vielleicht hat er dringend Geld gebraucht.“
„Vielleicht“, murmelte Dahlberg. „War’s das?“
„Noch nicht ganz.“ Grinsend blätterte Alexander in dem Stapel. Dann sah er auf, immer noch das Grienen im Gesicht, er schien noch etwas auf der Pfanne zu haben.
„Also“, begann er, „Tiefenbrock war in seinem Metier nicht mehr sehr aktiv. Die letzte größere Sache war eine gewisse IMHOS – Immobilienentwicklung und Hochbau Sachsen, aufgelöst 2017.“
Er machte eine bedeutungsvolle Pause.
„Spuck’s schon aus“, sagte Dahlberg.
„Der Mitinhaber war Rudolf Warmbrunn, Teilnehmer der Herrenrunde.“
Claudia sprang vom Tisch.
„Der Dicke also, der einem der Mädels erzählt hat, dass es Tiefenbrock nicht so gut ging?“
„Genau“, sagte Alexander. „Aber diese Geschäftsbeziehung ist echt ewig her. Denn jetzt kommt’s. Tiefenbrock hat nicht nur in Immobilien gemacht.“ Er hielt inne und machte ein geheimnisvolles Gesicht. „Haltet euch fest …“ Wieder Pause. Dahlberg verzog die Oberlippe. „Bis vor kurzem war Tiefenbrock Teilhaber der polnischen Wäscherei KOREKTA.“
Schlagartig war Ruhe. Dahlberg sprang auf, setzte sich aber gleich wieder. Er war verblüfft, was war das denn für eine Verbindung. Ein Kribbeln wanderte über seine Kopfhaut. Teilhaber einer polnischen Wäscherei?! Brachte die Differenz zwischen polnischen und deutschen Löhnen so viel ein, dass ein Tiefenbrock da mitmachte?
„Und der Chef der Wäscherei“, sagte Claudia in ungläubigem Ton, „war gestern doch auch im DOM PALAIS.“
„Naja, ja“, sagte Dahlberg, zog sein Notizbuch hervor, schlug es auf und starrte auf den Namen. Andrzej Dobrzynski stand da. „Ein gewisser … also ich weiß nicht, wie man das ausspricht.“
Er reichte Alexander das Heft, wenn der russisch sprach, konnte er vielleicht auch ein bisschen polnisch.
Alexander warf einen Blick darauf. „Wird Andschei Dobschinski ausgesprochen“, sagte er trocken. „Also bei Dauerpassage über die Grenze, da schrillen bei mir alle Alarmglocken.“
„Nicht nur bei dir“, murmelte Dahlberg. Er stützte sich auf die Stuhllehne und stand auf.
„Na, dann macht euch mal schön an den Bericht“, sagte er, bevor einer etwas von Feierabend sagen konnte.
Er selbst musste noch eine Anfrage des Ermittlungsrichters bearbeiten. Es ging um Körperverletzung mit Todesfolge nach einer Schlägerei vor einem Club in Tiergarten, eine Heidenarbeit, die Aussagen der alkoholisierten oder zugedröhnten Kundschaft aufzudröseln. Die Türsteher waren auch keine Hilfe, was in der Natur der Sache lag. Der Kriminaldauerdienst, der in der Nacht den ersten Angriff durchziehen musste, war ein bisschen überfordert und hatte erst mal alle mit dicken Nasen und blauen Augen eingesackt. Sie hatten schon lange ein Auge auf die Türsteherszene, in der sich Kraftprotze aus allerlei Herren Länder um die Lufthoheit über die Clubzugänge stritten. Bei den halbwegs nüchternen Verhören der nächsten Tage blieben drei Beteiligte übrig. Die konnte der Richter guten Gewissens in Untersuchungshaft behalten. Wer genau dem Opfer die Kinnlade und noch ein paar Körperteile gebrochen hatte, war allerdings nicht mehr rauszukriegen. Worum es eigentlich ging, auch nicht.
Zu Haus schmierte Dahlberg drei Schmalzstullen, nahm den Teller, ein Glas Gewürzgurken, eine Flasche Cola light und Kippen mit nach draußen auf den Balkon. Nach zwei Zigaretten ging er wieder rein und schaltete den Fernseher an. Beim Zappen blieb er bei einer CSI-Serie hängen. Dahlberg verstand, was die Leute daran faszinierte. Ein Wollfädchen, das zum Täter führt. Ein Fingerabdruck, dem blitzschnell ein Foto aus der Polizeidatenbank und die Verhaftung folgen, irgendwie tröstlich. Im richtigen Leben verhafteten Kriminaltechniker niemanden. Und schnell war manchmal ein relativer Begriff. Plötzlich fuhr eine riesige Pistole in einem riesigen Servicewagen durch riesige Zimmer spazieren.
Dahlberg schreckte hoch. Marthe stand mit einem Weinglas in der Hand neben ihm, zurück vom Einsatz. Sie sah wie immer nach solchen Schichten rührend erschöpft aus. Blass blinzelte sie unter ihrem dicken Pony hervor.
„Hi, Süße“, sagte Dahlberg und streichelte Marthes Kniekehle.
„Guck mal hier.“ Sie hielt ihm das Berliner Abendblatt hin. „Erster Preis im Headline-Wettbewerb.“
Messerattacke vor Technotempel – Dealer hatten sich geschnitten, stand in Monsterlettern auf der ersten Seite, darunter Fotos des Opfers Mete Yildirim und von Ingo Kretzschmar, dem vermutlichen Täter. Der Text war platt und nicht vollkommen falsch. Und er konnte es nicht ändern, wenn die Familienangehörigen diese Art Presse reinließen. Witwenschütteln hieß das in den einschlägigen Kreisen. Hatte ihm mal einer dieser Berufszyniker gesteckt. Diese Aasgeier, dachte Dahlberg, jetzt weiß aber auch jeder Bescheid.
Marthe holte eine Flasche Weißwein aus dem Kühlschrank, lümmelte sich in die Couchecke und stülpte Kopfhörer über. Sie war Musikertochter und hörte Sachen, die sie Neue Musik nannte. Als sie sich kennen lernten, war das für Dahlberg ein Buch mit sieben Siegeln wie vieles in ihrer Familie. Und so richtig hatte sich das auch nicht geändert. Er setzte sich in die andere Ecke und nahm das Kreuzworträtsel der Frankfurter Sonntagszeitung zur Hand. Nach zwölf Minuten und dreißig Sekunden war er durch, er war schon schneller gewesen. Marthe nahm die Kopfhörer ab.
„Na, wieder schnell mal um die Ecke gedacht? Wie lange?“ Sie bewunderte ihn für diese Fähigkeit. Sie konnte mit den schrägen Begriffsbeschreibungen nicht das Geringste anfangen. Dahlberg streckte eine Hand nach Marthes nackten kleinen Füßen aus.
„Ich war schon schneller.“
Marthe lachte. „Und ich muss ins Bett.“
Sie schwang die Beine von der Couch und tapste Richtung Bad.
Die Riesenbürste klatschte auf die Motorhaube und begann, über den Wagen zu rotieren. Die beiden Männer in dem Mercedes schwiegen. Nur das Krimihörspiel beschallte die Seifenschaumhöhle. Andrzej Dobrzynski war beunruhigt. Die Polizei wusste also Bescheid über seinen letzten Besuch im DOM PALAIS.
Er schlug den speckigen Hefter mit den Fotos auf. Ein Typ, der auf dem ersten zu sehen war, kam gerade aus einem Behördeneingang, offensichtlich mit Teleobjektiv aufgenommen, kühles Gesicht, hängende Augenlider, spöttischer Zug um den Mund.
„Eberhard Dahlberg, der Chefermittler.“ Meier flüsterte heiser gegen ein gebrülltes Verhör aus den Boxen an. Irgendwann hatten sie sich auf Meier geeinigt, es hätte auch Müller oder Schulz sein können.
„Unser Mann dort sagt, bei dem Kerl sollte man sich nicht von dem schläfrigen Eindruck täuschen lassen.“
Mit allem hätte Dobrzynski gerechnet, aber nicht damit. Musste Tiefenbrock sich ausgerechnet im DOM PALAIS abknallen lassen, dachte er. Er stierte in den Wasserfall, der über die Frontscheibe rauschte. Blickdicht, laut, ein guter Treffpunkt, die uralte Waschanlage, Meiers Idee.
„Gibt’s was, wo wir ansetzen können?“ Es musste etwas geben, dachte er, es gibt doch bei jedem eine kleine schmutzige Stelle.
„Anscheinend nicht, Tippeltappeltour, Streife, Fachschule, Kripo, Landeskriminalamt. Ziemlicher Durchmarsch.“
Meier, Typ grau, kantig, stapelbar, sprach angestrengt leise weiter. Prima Mafiaklischee, der heisere Fleischberg, dachte Dobrzynski zum tausendsten Mal. Er zwang sich zum Zuhören.
„Vater ehemaliger Polizist“, fuhr Meier fort, „Ehefrau Ärztin. Keine Kinder. Nie auch nur in der Nähe eines Korruptionsverdachts gewesen. Verdient nicht ganz schlecht. Und das Einkommen der Frau dazu.“
Dobrzynski nahm die Sonnenbrille ab, hob die Gläser gegen die feuchten Scheiben, setzte sie wieder auf. Ruhe, ermahnte er sich, sie hatten es nicht gern, wenn man Nerven zeigte. Auf den ersten Blick also keine Hebel in Sicht.
„Alkohol, Drogen, Schulden, nichts?“
„Nichts, Raucher, das war’s.“
Dobrzynski nahm das zweite Foto. Meier tippte mit seinem dicken Finger darauf. „Dahlbergs Partner Alexander Taub, seltsame Figur, Botschafterkind, spricht fließend russisch. Keine Sau weiß, warum der bei der Polizei ist. Nichtraucher, Bier in Maßen. Frauentyp, aber nichts Festes, wohnt mit Hund und einer Mathematikstudentin zusammen.“
Mit Wucht knallte Dobrzynski den Pappdeckel aufs Lenkrad, ab und zu den Wüterich geben, das gehörte dazu. Eine Weile war nur das Zischen aus den Heißluftdüsen zu hören. Der erste Teil des Hörbuchs ging mit Geballer zu Ende. Meier schob Teil zwei in den Schlitz, und Dobrzynski schlug die schmuddelige Pappe wieder auf.
Meier grinste anzüglich.
„Nummer drei im Team, Claudia Gerlinger, bekennende Lesbe, hat drum gekämpft, ein Kind zu bekommen. Die Tochter ist jetzt sechzehn.“ Meier wandte bedeutungsvoll den Kopf, Dobrzynski konnte die Entführungsphantasie förmlich sehen.
