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Alkohol und Ackerbau, eine ganz miese Kombination. Kommissar Hardy Dahlberg - mittelgroß, mittelblond, mittelschwer - ist von den Socken. Der Tote auf dem Feld hatte eine Begegnung mit einem Pflug. Und dann ist der Mann auch noch ein hoher Beamter im Brandenburgischen Landwirtschaftsministerium gewesen. Ermahnungen, bei dem Fall äußerst diskret vorzugehen, lassen nicht lange auf sich warten.
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Seitenzahl: 281
Veröffentlichungsjahr: 2025
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Das Buch
Alkohol und Ackerbau, eine ganz miese Kombination. Kommissar Hardy Dahlberg – mittelgroß, mittelblond, mittelschwer – ist von den Socken. Der Tote auf dem Feld hatte eine Begegnung mit einem Pflug. Und dann ist der Mann auch noch ein hoher Beamter im Brandenburgischen Landwirtschaftsministerium gewesen. Ermahnungen, bei dem Fall äußerst diskret vorzugehen, lassen nicht lange auf sich warten.
Die Autorin
Geboren in Dresden, aufgewachsen mit Krimis und Altgriechisch, Abitur in Potsdam, Journalistikstudium in Leipzig, eine Doktorarbeit geschrieben und zwei Kinder bekommen, Denkmalpflege und Satire beackert, mit einem Grimmepreis geehrt, Berlin nicht nur mit dem Fahrrad erforscht, fast pleite gemacht und wieder aufgerappelt, mit dem Schreiben begonnen und einen Verlag gegründet. Triebstau ist nach Mordshitze, Nebelwände und Trugbild der vierte Band in der Krimireihe „Die Sonne über Berlin“.
Carla Kalkbrenner
Die Sonne über Berlin
Triebstau
MARTINI & LOERSCHVERLAG
Copyright Martini&Loersch Verlag, Berlin November 2025
Alle Rechte vorbehalten
Lektorat: Angelika Bohn/Silvia Ottow
Korrektorat: Undine Knaack
Einbandgestaltung: Gilberto Giardini
Herstellungsleitung: Jürgen Knaack, Berlin
Vignette designed by Freepik/upklyak
E-Book: Savage Types Media GbR, Berlin
ISBN 978-3-00-083989-4
Diese Geschichte ist fiktiv.
Handlung und Personen sind ein Produkt der Phantasie.
Jede Ähnlichkeit mit Lebenden oder Toten wäre rein zufällig.
Ups, das war ja nochmal gut gegangen. Fast wäre er auf der gefrorenen Pfütze ausgerutscht. Konnten die den Platz vor der Kneipe nicht einfach planieren. Aber nein, dieser schräge Wirt war ja Tag und Nacht mit Bierzapfen beschäftigt. Und mit der Pflege seines Schnauzbarts.
Vorsichtig setzte er Fuß vor Fuß, umging die vereisten Senken und erreichte die Dorfstraße. Die war wenigstens einigermaßen eben.
Die kalte Luft tat gut, machte aber auch schwindelig. Er war wohl betrunken. Dabei hatte er sich nur Mut antrinken wollen, um zu sagen, was er zu sagen hatte. Aber diese Typen wollten nicht hören. Taten, als ob sie das alles nichts anginge. Na wartet, wer nicht hören will, muss fühlen.
Er sah nach oben in den kristallklaren Nachthimmel, der von Sternen übersät war. Hier störte kein Großstadtlicht. Ein Blinken und Glitzern war das, als ob das Weltall atmete. Und manche Sterne gab es gar nicht mehr. Sie waren tot. Nur ihr Licht wanderte immer noch durchs Universum. Das musste man sich mal vorstellen, schon tot und noch zu sehen.
Ihm wurde wieder schwummerig. Wo ging es eigentlich zu seinem Zimmer? Rechts rum, hatte der Wirt gesagt. Aber rechts von der Kneipe aus gesehen? Oder rechts von der Dorfstraße aus?
Oh, jetzt schwankte er aber richtig. Den Kopf so lange in den Nacken zu legen, war wohl keine so gute Idee gewesen. Genau wie die Schnäpse zu trinken, die diese Bauern ihm aufgedrängt hatten. Die er nicht gewohnt war, die er nicht vertrug, wie er jetzt merkte.
Mit einer Seitwärtsbewegung fing er sich ab, stolperte dabei und schoss in Trippelschritten nach vorn. Diesmal konnte er sich nicht bremsen, den Sturz nicht verhindern. Er war zum Glück nicht so hart wie erwartet. Er war nicht auf den Asphalt sondern auf Grasbüschel gefallen. Das musste der Feldrain sein. Mühsam rappelte er sich hoch, rutschte aber gleich wieder aus und die Böschung zum Acker hinunter. Das konnte doch nicht wahr sein. Das war so megapeinlich. Zum Glück war er allein hier draußen.
Er setzte sich auf. Sein guter Mantel hatte jetzt bestimmt Grasspuren, Mist. Aber jetzt erstmal wieder in die Senkrechte kommen und sein Zimmer im Gasthaus erreichen. Plötzlich fiel ein Lichtstrahl auf den welligen Vorplatz, da musste wohl jemand pissen. Oder wollte rauchen. Die Kneipentür fiel zu, das Licht verschwand. Ein Pinkelgeräusch ertönte. Dann war Zigarettenqualm zu riechen. Er legte sich mit dem Rücken auf die begraste Schräge und wartete.
Nach ein paar Minuten klappte die Kneipentür erneut und der Raucher verschwand. Mühsam stemmte er sich hoch und versuchte, die Böschung hochzukrabbeln. Was war das denn? Eine dunkle Gestalt stand über ihm. Er konnte nicht erkennen, wer es war. Aber der bestimmt seinen Zustand. War das blamabel. Und der Typ würde jetzt allen erzählen, dass der doofe Städter sich verirrt hatte und statt in seinem Gastzimmer auf dem Acker gelandet war.
Kriminalhauptkommissar Eberhard Dahlberg, mittelgroß, mittelblond, mittelschwer, genannt Hardy, trabte durch den Kleinen Tiergarten Richtung Kriminalgericht. Es war saukalt, und es fing schon wieder an zu regnen. Auf den Wegen standen Pfützen und die Rasenflächen waren abgesoffen. Weit und breit keine Säufer, die sich hier normalerweise die Kante gaben. Und auch sonst war die Grünanlage leer, keine Kopftuchmütter, keine Jugendlichen, keine Penner. Verwaist waren auch die plattgedrückten Betoneier, die hier seit einiger Zeit herumlagen und an Hinterlassenschaften von Riesen erinnerten, der jüngste Verschönerungsversuch der Bezirksverwaltung. Die hohen Bäume und die geduckten Sträucher waren so kahl wie vor vier Wochen, als er das letzte Mal bei Gericht gewesen war. Die Triebe schienen vor der Kälte zurückzuschrecken. Die Knospen wollten einfach nicht aufgehen.
Dafür war eine Mülltüte am Wegesrand aufgeplatzt. Eine Krähe zerrte daran herum, eine andere kam dazu, mit Gekreisch von ersterer verjagt.
Matten Schrittes, er war wieder um vier vom Schreien des Babys aufgewacht, erreichte Dahlberg den Gehweg der Turmstraße. Bis zur Verhandlung, bei der er aussagen musste, war noch Zeit. Zeit für einen Kaffee. Er überquerte die Straße an der nagelneuen Straßenbahnhaltestelle. Die M10 war die Erste, die einen Ostbezirk mit dem Westen verband, nämlich Wedding und Prenzlauer Berg.
Der Inhaber der Dorotheenstädtischen Buchhandlung stand unter der Markise seines Ladens, Kaffeebecher in der einen, Tabakspfeife in der anderen Hand. An ihm vorbei flüchteten einige Passanten in den Laden.
Dahlberg holte sich im Café nebenan einen Espresso, gesellte sich zu dem alten Mann und zündete sich eine Zigarette an.
„Scheißwetter“, sagte Herr Rimpel, sie kannten sich seit Langem. Bei ihm kaufte Dahlberg seine Bücher. Der Mann war über siebzig und hörte nicht auf. Allerdings machten die Söhne schon fleißig mit.
„Aber vielleicht gut fürs Geschäft?“, entgegnete Dahlberg und nahm einen Zug.
„Ja, für Postkarten.“ Herr Rimpel lächelte sein feines, gütiges Lächeln. „Konnten Sie denn mit ‚Einheimische Gewächse‘ etwas anfangen?“
Donnerwetter, der Buchhändler erinnerte sich an einen ewig zurückliegenden Kauf. Dahlberg hatte das Buch vor einigen Monaten erstanden. Er wollte vorbereitet sei, falls Karlchen irgendwann mal fragen sollte, welcher Baum das sei oder welcher Strauch. Und das sowohl im Sommer als auch im Winter.
„Mit etwas Mühe schon“, antwortete er. „Wenn ich mir das nur alles merken könnte.“
Herr Rimpel klopfte seine Pfeife an der Schuhsohle aus.
„Ich muss dann mal wieder.“
„Ich auch“, sagte Dahlberg, trank den Kaffee bis auf eine kleine Pfütze aus und versenkte die Kippe darin.
Der Buchhändler tippte mit dem Pfeifenstiel ein Adieu an die Stirn. Dahlberg salutierte mit der Rechten. Es war Zeit, die Verhandlung würde gleich beginnen. In der Hosentasche vibrierte sein Handy.
Es war der Oberste. Er rief selten persönlich an, also musste es etwas Wichtiges sein.
„Ihr müsst nach Marcksdorf“, schnarrte der LKA-Chef.
„Wohin?“
„Nach Marcksdorf.“
„Wie Marx? Karl Marx?“
„Quatsch, mit ck, ist ein Dorf in der Prignitz. Da gab es einen tödlichen Vorfall, unter mysteriösen Umständen.“ Er zögerte. „Es soll wohl ein Pflug …“ Er unterbrach sich. „Na, ihr werdet schon sehen.“
„Und wenn nicht“, wandte Dahlberg ein. Er hatte keine Lust auf eine neue Leiche, schon gar nicht auf eine bizarre. Da reichte ihm der Tote im Bällebad völlig. „Das ist nämlich Sache der Brandenburger.“
„Ja, schon.“ Der Oberste schien sich ein wenig zu winden. „Aber der Mann war in Berlin gemeldet.“
„Ach, und das reicht schon?“
„Mensch Dahlberg“, zischte der Oberste. „Kriegen Sie sich ein. Wir leisten Amtshilfe, schon mal gehört?“
„Aha, Amtshilfe.“
Dahlberg vernahm ein Ein- und Ausatmen.
„Gut“, hörte er den Obersten in ergebenem Tonfall sagen. „Es ist, weil … Es könnte ein Politikum sein. Oder werden: Und die Brandenburger möchten nicht involviert sein. Der Tote ist, also war ein hoher Beamter in deren Landwirtschaftsministerium.“
„Soso, sie möchten nicht. Wir dagegen möchten gern wissen, wer der Tote im Bällebad ist.“
„Schluss jetzt“, bellte der Oberste.
Dahlberg gab auf. „Okay, auf in die Prignitz. Aber erst nach dem Gerichtstermin.“
„Natürlich“, gab der LKA-Chef sich versöhnlich. „Soll übrigens kein schöner Anblick sein, das mit dem Pflug.“
Patrick Stolz erklomm den Barhocker an dem schmalen Hochtisch, der über die ganze Breite des Fensters ging, und deponierte die Umhängetasche mit dem Laptop auf dem Nachbarstuhl. Das Café hatte gerade geöffnet und war bis auf ihn leer. Die Bedienung brachte den Tee, den er gleich beim Reinkommen bestellt hatte. Er war heiß, und das brauchte er jetzt. Die Scheißkälte wollte einfach nicht weichen. Und ein grauer Tag folgte dem nächsten.
Er riss die Pudelmütze vom Kopf und wickelte sich aus dem Schal. Draußen schlichen Leute vorbei, immer noch in dicken Jacken und Mänteln. Eine Dame im Pelz führte ihren Hund Gassi. Ein alter Mann mit Stock und Hut, ganz in Dunkelblau, zitterte vorüber. Zwei Blondinen, ihre Modeeinkäufe in glänzenden Tragetaschen, überquerten die Straße und verschwanden in einem Friseurladen.
Die Fasanenstraße war ein edles Pflaster. Es war nicht seins. Er war in Marzahn zuhause, er und Kathleen. Aber da wollten sie raus, raus aus der Platte, weg von der ärmlichen Klientel, näher ran ans Zentrum, dahin, wo die Musik spielte.
Vorsichtig schlürfte Patrick den Tee. Sein Blick glitt über die prächtigen Fassaden der Häuser gegenüber, die leuchteten auch ohne Sonne. Die Wohnungen dahinter waren bis zu sechshundert Quadratmeter groß. Das hatte er sich auf einem Immobilienportal angesehen. Hundert würden ihnen schon reichen.
Langsam wurde ihm warm. Er zog den Laptop aus der Umhängetasche, klappte ihn auf und stöpselte sein Handy an. Die Fotomediathek ploppte auf. Er lud die Fotos der heutigen Klingelschilder herunter. So war alles besser zu lesen. Ein Schild gehörte zu zwei Frauen, einer Paola Maurer und einer Gisela Grellgass-Lühning. Er googelte die Namen samt Fotos. Paola Maurer betrieb einen Onlineshop für italienische Nobelmarken und trat auch so auf: Edel gewandet in Hosenanzug oder exquisiten Kleidern, mit teuer aussehenden Schuhen und auffälligem Schmuck, die rotblonden Haare wie gerade vom Frisör gestylt. In Charlottenburg hatte sie außerdem ein Modegeschäft für den Direktkontakt. Sie musste um die Vierzig sein, das sah man trotz des perfekten Make-ups. Die andere, Gisela Grellgass-Lühning war Staatssekretärin im Brandenburgischen Landwirtschaftsministerium. Vorher war sie für die Grünen in der Bezirksregierung von Neukölln für Inneres zuständig gewesen. Die offiziellen Fotos zeigten ein hübsches Gesicht mit einem Allerweltslächeln. Klangen beide vielversprechend.
Patrick rief Bookface auf und gab die Namen ein. Beide Accounts beinhalteten auf den ersten Blick nur Fotos. Der erste Schwung stammte von einer Hochzeit, in der Kirche, vor der Kirche, vor einer Kutsche, in der Kutsche, bei der Feier in einem Zelt mit einer enormen Gästeschar. Die hatten es ganz schön krachen lassen. Paola trug ein schulterfreies Kleid mit weitem Rock. Gisela einen taillierten Frack. Also dürfte sie der Mann in der Beziehung sein, so viel wusste sogar er.
Dann folgten über die Jahre zahllose Urlaubsbilder. Das Paar unter bunten Schirmen am Strand, fröhlich mit Drinks an der Strandbar, eng umschlungen beim Tanzen, in Betrachtung eines Sonnenuntergangs am Meer, lachend im Pool, schmusend auf dem Hotelbett. Es schienen immer ähnliche Hotelanlagen zu sein. Die standen wohl nicht auf Abwechslung im Urlaub. Bei den Outfits allerdings schon. Die Koffer mussten riesig gewesen sein.
Er blickte auf. Seine Freundin Kathleen schickte sich gerade an, die Straße zu überqueren. Sie sah übertrieben deutlich von rechts nach links und von links nach rechts. Alles war frei. Aber Kathleen wartete. Erst als ein Auto sich näherte, betrat sie das Pflaster und zwang den Wagen zur Vollbremsung. Mit Unerwartetem provozieren, das liebte sie. Und er liebte sie genau dafür. Unter anderem. Im Schlenderschritt passierte sie den BMW und tippte auch noch auf die Kühlerhaube. Der Fahrer ließ ein Fenster herunter.
„Hast du sie noch alle“, schrie er ihr hinterher. Ohne sich umzudrehen zeigte sie ihm den Stinkefinger. Mit wütend durchdrehenden Reifen zischte er davon. Grimassen à la Louis de Funès schneidend näherte Kathleen sich dem Café, bis sie genau vor Patrick stand, nur durch die Scheibe getrennt. Sie schlug die Hände über dem Kopf zusammen und riss dramatisch die Augen auf. Das ‚Nein! Doch! Ohh!‘ ihres Lieblingskomikers konnte man bis drinnen hören.
Als Kathleen den Laden betrat, hatte sie die Rolle gewechselt. Jetzt war Tragödie dran. Mit Trauermiene schritt sie auf Patrick zu.
„Wartest du schon lange, mein armer Liebling?“, hauchte sie, lümmelte sich mit dem Oberkörper auf den Tisch und sah ihm von unten gramerfüllt in die Augen. Ehe Patrick etwas sagen konnte, richtete sie sich auf, haute auf die Tischplatte und rief laut: „Bedienung.“ Sie war an Exzentrik nicht zu überbieten, auch wenn alles gespielt und nur ein großer Spaß war. Denn eigentlich war Kathleen alles andere als chaotisch, nämlich sehr strukturiert. Sie studierte Informatik an der Technischen Universität und arbeitete nebenbei in einem Startup, das Steuerungen für die Textilbranche, vor allem für Webmaschinen programmierte. Sie war ein wohlorganisiertes Computerass.
„Und?“, fragte sie. „Erfolg gehabt?“
„Weiß ich noch nicht. Und bei dir?“
„Ach, das Übliche. Zerstreuter Professor und schusselige Studenten.“
Zur Zeit übte Kathleen sich in Fernzugriffen auf fremde Computer. Sprich, sie hackte sie. Er bevorzugte den Direktkontakt. Einerseits, weil ihm ihre Fähigkeiten fehlten, andererseits, weil es aufregend war. Mittlerweile war es zu einem Wettbewerb zwischen ihnen geworden. Kathleen drehte den Laptop zu sich.
„Sind das die Kandidatinnen?“
„Vielleicht.“
„Komisch“, sagte sie, nachdem sie durch die Urlaubsfotos gescrollt war. „Die scheinen irgendwie nicht zu altern.“
Trotz Scheißwetter war Alexander Taub mit Halbundhalb zum Hundeauslaufgebiet am Mauerpark gefahren. Das Tier brauchte Bewegung. Kaum hatte er das Gittertor geöffnet, raste der Hund los. Außer ihnen war nur noch eine Frau mit einem struppigen Terrier hier zugange. Sie warf Stöckchen, herzte und streichelte das braun-weiß gefleckte Tier, wenn es ihn zurückbrachte. Halbundhalb rannte dem nächsten Wurf ebenfalls hinterher. Was folgte, war das gegenseitige Beschnüffeln. Lächelnd beobachtete die Frau die beiden.
„Der ist ja süß mit seinem schwarz-weißen Köpfchen“, sagte sie in Alexanders Richtung. „Wie heißt er denn?“
„Halbundhalb“, antwortete er und lächelte ebenfalls.
„Na, das passt ja.“
Die beiden Hunde kamen herangefegt. Sie kniete sich hin und streckte eine Hand aus. Halbundhalb schnüffelte daran und warf sich gleich darauf auf den Rücken, eine Ergebenheitsgeste erster Güte.
„Sie können wohl gut mit Hunden“, sagte er.
„Nicht nur mit Hunden“, entgegnete sie und sah ihm von unten in die Augen. Ihre waren groß, genau wie die Nase und der Mund, keine landläufige Schönheit, aber reizvoll. Uiuiui, wenn das keine Einladung war. Und das Alter würde auch passen, irgendwo zwischen dreißig und vierzig.
Sie stand auf und streckte jetzt ihm die Hand entgegen.
„Ich bin übrigens Rosa“, sagte sie mit einem freundlichen Grinsen.
Alexander nahm ihre. Blitzschnell zauberte sie einen Stift hervor und schrieb etwas auf seinen Handrücken. Es war eine Telefonnummer. Bevor er etwas sagen konnte, drehte sie sich um, ließ einen Pfiff hören und verschwand samt Hund.
Sein Telefon summte in der Hosentasche. Es war Dahlberg. Er solle sich ganz schnell in die Dienststelle scheren. Sie hätten einen Fall außerhalb Berlins.
Die A10 war zwar voll, aber es ging flott voran. Der dreispurige Ausbau machte sich bezahlt. Alexander fuhr, Dahlberg schlief auf dem Beifahrersitz. Wahrscheinlich hatte ihn das Baby wieder viel zu früh geweckt. Halbundhalb hatte sich auf der Rückbank zusammengekringelt. Dank Dauersondererlaubnis vom Obersten durfte er mit. Er machte das Radio an. Ein Rocktitel, den er nicht kannte, ging gerade zu Ende. Dann warb eine laszive Stimme für Eier, zwölf Stück nur drei Euro neunundzwanzig, Radio wieder aus.
Dafür das Fenster ein Stück runter. Feuchtkalte Luft strömte herein. Halbundhalb gab ein Winseln von sich, Dahlberg verschränkte die Arme, die Augen weiter geschlossen.
Rechts und links erstreckten sich Äcker, manche noch mit den Stoppeln des Vorjahres, andere schon bearbeitet. Dazwischen Wald, stumm und kahl, und undefinierbare Flächen, fahlgelb wie alte Kotze und gleich darauf grün leuchtende Felder.
„Wieso wächst hier schon was?“, murmelte er.
Dahlberg hob den Kopf und öffnete die Augen. „Hast du was gesagt?“
„Ich frage mich nur, in der Stadt lässt der Frühling sich Zeit? Und hier ist er schon da?“
„Das ist die Wintersaat“, war die Antwort. „Die geht jetzt auf.“
Auf der Höhe Herzsprung fuhren sie von der Autobahn ab. Am Wegesrand düstere Kiefernansammlungen, mittendrin Reihen dünner Birkenstämme wie Strichcodes. Dann wieder freies Feld unter hellgrau verschlossenem Himmel, am Horizont dunkelgrau der Waldrand.
Sie kamen durch mehrere lang gezogene Dörfer, fuhren vorbei an gedrungenen Feldsteinkirchen, gestutzten Weidenbäumen, die wie Riesenkeulen die Straßen säumten, an einzelnen großen Fachwerkhäusern und vielen geduckten, einstöckigen Gebäuden mit tief heruntergezogenen Dächern, vorbei an kahlen Vorgärten, verschlossenen Hoftoren und abgezäunten Koppeln, Feuerwehrteichen, aufgegebenen Konsumläden und einsamen Spielplätzen. Hin und wieder passierten sie graue Hallen mit zerschlagenen Fenstern, wahrscheinlich ein Erbe der ehemaligen DDR-Genossenschaften. Hin und wieder begegneten sie einem Traktor. Hin und wieder tauchten Windräder auf. Und ganze Felder voller Sonnenpaneele. Kein Mensch war zu sehen, die Gardinen hinter stummen Fenstern unbewegt. An den Kronen hoher Bäume hingen große durchscheinende Kugeln. Und es waren nicht ein oder zwei, sondern viele, wie Weihnachtsbaumbehang, allerdings ein finsterer.
„Wie heißen nochmal diese runden Dinger?“, fragte Alexander.
„Misteln“, antwortete Dahlberg, der sich gerade hingesetzt hatte und auch nach draußen schaute. „Sogenannte Schmarotzer. Hängen meistens in Pappeln. Oder Erlen.“
„Und du weißt das woher?“
„Sowas weiß man doch.“
„Also ich nicht. Gib’s zu, du hast das aus diesem Naturbuch. Lernst du das eigentlich auswendig?“
„Ich hau dir gleich eine rein“, sagte Dahlberg.
„Das muss warten. Wir sind da.“
Marcksdorf hatte keinen Dorfkern, nur einen breiten Anger, an dessen Anfang ein Feuerwehrtürmchen stand, davor der Teich mit der obligatorischen Trauerweide, die Anzeichen erwachenden Lebens zeigte. Die tief herab hängenden Weidenruten spiegelten sich grünlichgelb in der Wasseroberfläche. In so einem Straßendorf hatte Dahlberg einige Schulsommerferien verbracht. Allerdings in der Börde bei Magdeburg, da, wo die Rübe die höchste schattenspendende Pflanze war, wie sein Onkel bei jeder Gelegenheit zum Besten gab. Zusammen mit seinem kleinen Bruder zwangsabgeliefert im Osten. Onkel und Tante waren streng religiös, und das in der DDR. Sie mussten täglich beten. Jedes Vergehen, wie aus der Bonbondose naschen, zog Strafen nach sich. Ohne Abendbrot ins Bett, eine Stunde knien auf dem harten Boden, Stubenarrest bei schönstem Sonnenschein. Jahrzehnte später gestand sein Vater, wie leid es ihm tue, seine Jungs zu diesen Leuten geschickt zu haben. Er sei damals der Meinung gewesen, dass ein bisschen Strenge nicht schaden könne.
Sie hatten versucht, das Beste daraus zu machen. Waren angeln gegangen, hatten mit den Dorfkindern Krieg gespielt, die Obstbäume der Bauern geplündert. Einmal, sein kleiner Bruder war immer draufgängerischer als er gewesen, hatte er Dahlberg überredet, das in einer Scheune gestapelte Heu zu erobern. Als der Bauer reinkam, waren sie in Panik an den Ballen heruntergerutscht. Sein Bruder landete genau neben einer Reihe aufgeklappter Pflugschare, deren Zacken himmelwärts zeigten. Nochmal Glück gehabt.
Sie rollten langsam die Dorfstraße entlang zum anderen Ende. Ein in die Jahre gekommenes Gebäude mit bröckeliger Fassade und einem Schild ‚Zur Linde‘ tauchte auf. Daneben ein riesiger, noch kahler Baum, natürlich eine Linde, ein paar grobe Tische und Bänke und ein sandiger Parkplatz mit Schlaglöchern, in denen der letzte Regen stand. Davor ein älterer kräftiger Mann auf einer Bank, die Hände auf die Knie gestützt, den grauen Kopf gesenkt, den Blick auf den Boden gerichtet.
„Sieh mal an, ein Gasthof“, sagte Alexander und steuerte den Wagen durch die Minimondlandschaft. Es rumpelte trotzdem.
„Gibt’s auch nicht mehr oft auf dem Lande. Hab ich gelesen.“
Sie hielten an und stiegen aus, der Hund blieb im Wagen. Wer wusste schon, welch jagdbares Getier es hier gab. Dahlbergs Blick fiel auf einen Aufsteller, der mitten auf der Buckelpiste stand. PFLÜGENODERNICHTPFLÜGEN? stand da in großen Lettern. Darunter das gestrige Datum und der Name des Gastes: Dr. Cornelius Lahn, Referent im Ministerium für Land- und Ernährungswirtschaft, Umwelt und Verbraucherschutz des Landes Brandenburg. Das war das Opfer.
„Pflügen oder nicht pflügen?“, fragte Alexander. „Was ist das denn für eine Frage.“
„Ein Streitthema?“, fragte Dahlberg zurück, er hatte keine Ahnung. „Suchen wir erstmal die Kollegen. Vielleicht weiß der hier, wo die sind.“
Er deutete auf den Mann auf der Bank. Ohne seine Haltung zu ändern, zeigte er von sich weg. Er musste ihr Näherkommen irgendwie bemerkt haben. Dahlberg folgte mit den Augen seinem ausgestreckten Arm. Da war er, in ziemlicher Entfernung, der Polizeiwagen aus dem zuständigen Amt Friesack. Umgeben von einer Menschentraube.
In den Gesichtern der beiden Uniformierten stand bleiches Entsetzen. Genau wie in denen der Landleute, die wie angewurzelt herumstanden. Zu ihren Füßen am Feldrain saß ein junger Mann, der am ganzen Leib schlotterte. Auf dem Acker hatte ein Traktor mit Pflug angehalten.
Dahlberg begrüßte die Kollegin und den Kollegen mit Handschlag, Alexander begnügte sich mit einem Nicken. Sie traten näher an das Feld heran. So etwas hatte Alexander noch nie gesehen. Ein Mensch, in den Ackerboden gedrückt, längs durchgängig tiefe blutige Schnitte, aus denen zerfetzte Organe hervorquollen, das Gesicht nicht mehr zu erkennen. Die Arme schienen nur noch an einem Faden zu hängen.
„Heilige Scheiße“, entfuhr es Alexander.
„Mein lieber Kokoschinski“, murmelte Dahlberg. „Das glaub’ ich jetzt nicht.“
Er zeigte auf den Schlotternden.
„Und was ist mit ihm los?“
„Der ist schuld“, sagte der Uniformierte. „Er hatte noch Restalkohol. Hat angeblich nicht bemerkt, dass da jemand lag. Er hätte ihn erst entdeckt, als er die Gegenfurche pflügte. Aber da war es schon passiert.“
„Ist das üblich hier, dass die Leute besoffen zur Arbeit kommen?“
„Keine Ahnung“, antwortete der Polizist. „Aber gestern nach dem Meeting soll es ein ordentliches Besäufnis gegeben haben.“
Der Traktorist begann zu wimmern, sich zu krümmen und vor und zurück zu schaukeln.
Alkohol und Ackerbau, dachte Alexander, eine ganz miese Kombination.
„Und wer hat die Sache gemeldet?“, fragte Dahlberg.
Die Polizistin zeigte auf den entfernten Gasthof. „Das war der Wirt, der wohnt über der Kneipe. Hat gegen sieben Uhr ein entsetzliches Heulen gehört, sagt er, und ist dann hin. Er hat den Mann trotz allem noch erkannt, an der Kleidung.“
Auf der anderen Straßenseite hielt ein Wagen. Ihm entstiegen ein Fotograf und zwei von der Spurensicherung, die umgehend ihre weißen Anzüge anlegten. Es folgte der Gerichtsmediziner Friedbert Saalbach, wie immer mit Fliege, Anzug und elegantem Mantel, er hatte wahrscheinlich gar keine anderen Klamotten. Die Hose mit scharfer Bügelfalte steckte allerdings nicht in glänzenden Schnürschuhen, sondern in Gummistiefeln, was komisch aussah, aber passend war. Jemand musste ihn informiert haben, dass es ausnahmsweise ins Brandenburger Land hinaus gehen würde. Er warf einen Blick auf den zerfetzten Toten.
„Na, das ist mal ein Schnittmuster“, sagte er in seiner bekannten Abgebrühtheit, die, wie Dahlberg längst wusste, ein Schutzmechanismus war. „Was ist passiert?“
Dahlberg klärte ihn auf. Der Fotograf begann zu fotografieren. Mit säuerlicher Miene – er war nicht so gut vorbereitet wie Friedbert – umkreiste er den Leichnam und versank mit jedem Schritt seiner Sneaker im matschigen Untergrund. Es hatte in der Nacht noch einmal Frost gegeben, und jetzt war die Ackerkrume getaut. Leise fluchend beendete er sein Werk, stapfte zurück zum Auto und versuchte dort, mit Papiertaschentüchern seine Schuhe zu reinigen.
Mit einem großen Schritt betrat Friedbert den Acker. Bei der Leiche angekommen, kniete er sich hin, betrachtete sie eine Weile, stand wieder auf und kam zurück.
„Kaum Blut“, sagte er. „Das heißt, der Mann war schon tot, als der Pflug drüber fuhr.“
„Ach was“, sagte Dahlberg nur, das sah er selber. War die Frage, wie er zu Tode gekommen war.
„Alles Weitere …“, murmelte Friedbert. „Na, ihr wisst schon.“
Sprach’s und begab sich zurück zum Wagen.
Mittlerweile buddelten die Spusis einen Graben um den Leichnam. Vorsichtig und millimeterweise versuchten sie, ein mannsgroßes Tuch darunter zu schieben beziehungsweise zu ziehen. Es dauerte. Dann hoben sie den Körper aus dem Erdbett, bugsierten ihn auf eine Trage und diese in den Einsatzwagen.
Dahlberg wollte Alexander gerade sagen, dass sie als erstes erfahren müssten, wie dieser Dr. Lahn auf dem Acker gelandet sein könnte. Da hatte er das Gefühl, doppelt zu sehen. Zwei Männer standen plötzlich neben dem heulenden Traktoristen, Gesichter und Statur eins zu eins gleich. Erwachsene eineiige Zwillinge waren ihm noch nie begegnet. Nur die Klamotten und die Frisuren unterschieden sich. Der eine ganz bodenständig in Arbeitsklamotten, mittelbraune, derbe Hosen mit Außentaschen, passende Jacke, grob gestrickter grauer Pullover, der deutlich Fäden zog, schwere, schlammbespritzte Schnürstiefel, das Haar kurz und schlicht. Der andere in dunkelblauen Jeans, chromgelber Lederjacke, darunter ein Hoodie und ein T-Shirt mit einem Aufdruck, der nicht zu entziffern war. Dazu trug er Pferdeschwanz, helle Sneaker und am Handgelenk mehrere Lederarmbänder.
Der Wirt, Lederschürze, borstiges graues Haupthaar und ebensolcher Schnauzer, es war der Mann, der so verstört auf der Bank gesessen hatte, begann mit dem Zapfen von Bier. Die Dörfler brauchten offensichtlich ein Stützbier. Oder sie wollten einfach nur den Schock herunterspülen. Sie verteilten sich an den Kneipentischen. Ganz außen nahmen die Zwillinge Platz. Zu ihnen gesellten sich zwei junge Frauen, eine außerordentlich blonde, ziemlich Ausgezehrte und eine Propere mit tiefschwarzen Zöpfen und sehr kurzem Pony. Auf Alexander wirkten sie eher wie Friedrichshain als Prignitz. Die vier schienen Abstand zu der übrigen Bauernschaft halten zu wollen. Teils stämmige, teils mickrige Männer in abgetragenen Jacken, Gummistiefel an den Füßen, die Gesichter von Frischluft gezeichnet oder vom gestrigen Alkohol.
Alexander lehnte neben Dahlberg am Tresen. Ihm war ebenfalls nach einem Bier. Er drehte sich um und deutete mit den Augen auf ein fertig Gezapftes. Der Wirt schob es ihm hin. Er trank die Hälfte in einem Zug. Und er spürte die plötzlich wohlwollenden Blicke, aha, selbst die Kripo ist einem Bierchen nicht abgeneigt. Auf merkwürdige Weise hatte sich die Stimmung geändert. Das musste man ausnutzen.
„Also Leute“, begann er und schüttete die andere Hälfte hinunter. „Wie könnte der Mann auf dem Acker gelandet sein? Wer möchte?“
Ein schmales Männchen, das mit Kittel und Schirmmütze à la Helmut Schmidt eher wie ein Lagerarbeiter aussah, meldete sich und stand auf.
„Nach der Diskussion gab es noch ein geselliges Beisammensein.“
Er sah ein wenig verlegen in die Runde.
„Das ist ein bisschen aus dem Ruder gelaufen“, fuhr der Redner fort. „Also alkoholseitig.“
Das konnte ja was werden mit den Zeugenaussagen.
„Aber was ist nun mit Dr. Lahn? Wie könnte er auf den Acker gekommen sein?“
„Er war wohl ziemlich betrunken, als er gegangen ist. Das muss so gegen zwei gewesen sein. Er wollte ja übernachten. Im Gasthof gibt es noch Zimmer, und die sind nur von außen zu erreichen.“
„Da ist er ja nun nicht angekommen. Was denken Sie, ist passiert?“
„Ich kann mir nur vorstellen, dass er den Weg zum Hintereingang verpeilt hat und irgendwie auf das Feld geraten ist. Dort ist er wahrscheinlich eingeschlafen und vielleicht erfroren, es war heute nacht nochmal unter null Grad. Und am Morgen war er dem Traktor im Wege.“
„Und Sie sind?“
„Gestatten, Novak, Ortsgruppe des Bauernverbandes.“
Erfroren, das könnte natürlich sein.
„Pflügen oder nicht pflügen?“, fragte Dahlbeg und musterte die Anwesenden. „Was ist das eigentlich für eine Frage?“
Und Alexander fragte sich, ob darin nicht Sprengstoff steckte, der im Suff explodiert war. Herr Novak, der sich gerade gesetzt hatte, stand wieder auf.
„Also“, begann er. „Es ist kompliziert. Lassen Sie mich das erklären.“
Alexander sah, dass einige mit den Augen rollten, andere musterten angelegentlich ihr Bier. Sie schienen sich auf einen längeren Vortrag einzustellen.
„Pflügen“, fuhr der Ortsbauernchef fort, „das heißt, den Boden fünfundzwanzig bis dreißig Zentimeter tief umzubrechen. Dabei kommen die Nährstoffe rauf, das Unkraut runter und die Bodenschichten werden durchmischt. Wir nennen das danach den Reinen Tisch.“
Er zeigte auf die Zwillinge und die beiden Frauen.
„Biolandwirte müssen pflügen, da sie kein Unkrautvernichtungsmittel benutzen dürfen.“
Fingerzeig auf die Biertrinker.
„Wir konventionellen setzen seit einiger Zeit auch auf die pfluglose Bodenbearbeitung. Dabei wird die Ackerfläche nur angeritzt und das Saatgut direkt in einen Saatschlitz eingebracht. Was schneller geht und Antriebsenergie für die Zugmaschinen, also die Traktoren spart.“
„Na klar, es sich schön einfach machen“, kam es aus der Bioecke.
„Der Nachteil ist“, fuhr der Bauernchef unbeeindruckt fort, er kannte die Anwürfe wahrscheinlich auswendig. „Das Pflanzenmaterial, das von der letzten Ernte im Boden geblieben ist, und natürlich das Unkraut bleiben an der Oberfläche, was den Einsatz von …“
„Glyphosat nötig macht“, rief die außerordentlich Blonde dazwischen, wobei sich ihre Stimme überschlug.
„Halt bloß die Klappe“, brummte ein massiger Typ, das rötliche Gesicht höhnisch verzogen. „Kümmere du dir ma schön um dein Jemüsejarten.“
„Das ist kein Garten“, schrie jetzt die Bezopfte. „Das ist biologischer Gemüseanbau.“
„Klar, und die Erträje reichen jrade für’de Selbstversorjung.“
„Das stimmt überhaupt nicht.“
„Leute“, sagte Novak, die Stirn gerunzelt und genervt ein- und ausatmend. „Also Glyphosat … Wir bringen das ganz gezielt und dosiert ein. Und dass das krebserzeugend …“
Seine weiteren Worte gingen in Tumult unter. Beleidigungen flogen hin und her. Umweltschweine, Naturvernichter kam es von der einen, Dilettanten, Hobbybauern von der anderen Seite.
„Ruhe“, sagte Dahlberg ruhig, aber laut. Die Stimmen erstarben.
„Und was war Dr. Lahns Rolle bei dem Meeting?“, fragte er.
„Uns auch vom Pflügen überzeugen“, übernahm Herr Novak wieder. „Und vom Verzicht auf Kunstdünger, Gülle und Unkrautvernichtungsmittel.“
„Und? Hat er es geschafft?“
„Nein, bringt keine ausreichenden Erträge.“
„Noch andere Streitthemen?“
„Die Höhe von Subventionen, fünfzig Prozent für konventionellen, fünfundsiebzig Prozent für ökologischen Landbau.“
Der brummige Bauer nickte zu den Zwillingen hinüber.
„Fragen’se dit Doppelpack doch mal. Wat die sich für Maschinen anjeschafft ham, wie die ihren Hof herjerichtet ham.“
Der schicke Zwilling lächelte fein, allerdings mit unübersehbarer Ironie. Der schlichte hob genervt die Augenbrauen.
„Als wenn ihr euch nicht um Fördermittel schlagt“, zischte eine der streitbaren Gemüsezüchterinnen.
„Leute, beruhigt euch“, sagte ein schlanker älterer Mann, asketisches Gesicht, sehnig, wallendes Weißhaar, mit einem Akzent, den Alexander irgendwoher kannte. Da gab’s doch mal diesen Showmaster … richtig, Rudi Carell, Deutschlands nettester Holländer, der hatte auch so niedlich gesprochen.
„So“, sagte Dahlberg. „Jetzt werden wir Sie einzeln befragen.“
Unwilliges Gemurmel ertönte.
„Gibt es hier einen Raum, wo wir ungestört sind?“
Das Taxi hielt vor dem blauen Haus, in dem sie seit vier Jahren wohnten. Mittlerweile sparten sich Fahrer und Anwohner spitze Bemerkungen über den extravaganten Fassadenanstrich. Dahlberg bezahlte und stieg aus. Er hatte keine Kraft mehr gehabt, sich dem öffentlichen Nahverkehr auszusetzen. Außerdem war ihm der Zustand seiner Jacke peinlich. Denn die zierte ein riesiger Riss. Nach der Befragung der Bauersleute war er aufgestanden und an einem Nagel hängengeblieben, der völlig sinnlos unter der Tischplatte hervorragte. Es gab ein ratschendes Geräusch und das gute Stück war hin. Alle anderen Jacken, die er besaß, und es waren nicht viele, waren entweder zu klein geworden, oder zu dünn für dieses kalte Frühjahr oder zu dick, wie die aufgeplusterte Wattejacke, die Marthe ihm geschenkt hatte, in der er sich vorkam wie ein Michelinmännchen. Die einzige gute, außen fester Stoff, innen leichtes Steppfutter war also Vergangenheit. Er brauchte etwas Neues. Diesmal vielleicht arschbedeckend und mit mehr Taschen.
Dahlberg schloss das rote Tor auf und nahm die Treppe mit dem blauen Linoleumbelag in Angriff. Er hatte ein komisches Gefühl. Einerseits sah das Ganze nach einer tragischen Verkettung bizarrer Umstände aus. Der besoffene Referent hatte die Kurve zu seiner Unterkunft nicht gekriegt, war auf dem Acker gelandet, dort umgefallen und erfroren. Und am Morgen kam der Pflug. Andererseits, eine Kneipe voller sturzbetrunkener, streitsüchtiger Bauern … Unter ihnen vielleicht einer, der eine Rechnung mit Lahn offen hatte? Und, was noch irritierender war, weder bei dem Toten direkt noch in dem Gastzimmer oder in seinem Auto war ein Handy gefunden worden. Ein so wichtiger Mann und mobil nicht erreichbar? Kaum vorstellbar.
In der dritten Etage kam ihm Mandy entgegen. Sie passte manchmal auf Karlchen und das Baby auf. In dem superkurzen rosa Felljäckchen über nacktem Bauch, die ellenlangen Beine in beigen Pantalons, sah sie aus wie Erdbeereis am Stiel.
„Ist das nicht bisschen kalt?“ Dahlberg deutete auf ihren Bauchnabel. „Nicht, dass du dich erkältest. Wir brauchen dich noch.“
„Keine Sorge, ich bin Warmblüter.“
„Ach was?“ war das Einzige, was Dahlberg dazu einfiel. Mandy sprang die Treppe hinab, Dahlberg schleppte sich hoch in den sechsten Stock. Noch vor der Tür zog er die kaputte Jacke aus, er hatte keine Lust auf Marthes Empfehlung, es doch endlich mal mit diesem tollen, teuren, daunengefütterten Stück zu versuchen.
Marthe empfing ihn mit einem „Da bist du ja.“
Fehlte eigentlich nur das ‚endlich‘. Karlchen und Baby Claire schliefen wenigstens schon. Vor kurzem hatte Marthe behauptet, wissenschaftliche Untersuchungen hätten herausgefunden, dass Frauen in der Babyzeit graue Zellen verlieren würden. Sie wollte also so schnell wie möglich wieder als Notärztin arbeiten. Wie das dann gehen sollte ohne Omas Unterstützung? Er hatte keine Ahnung.
Dahlberg nahm eine Cola Light aus dem Kühlschrank und setzte sich zu ihr an den Küchentisch. Hunger hatte er keinen. Marthe legte den Kopf schräg und sah ihn mit einem Lächeln an. Also war doch alles gut?
„Harter Tag?“
Dahlberg nickte, setzte die Cola an und trank sie in einem Zug aus.
Dann zog er sein Handy aus der Hosentasche, rief die Fotos auf und drehte das Display zu Marthe. Sie riss die Augen auf und schlug die Hand vor den Mund.
„Wie ist das denn passiert?“, krächzte sie.
„Ein Pflug, also die Pflugschare.“
„Ein Pflug in Berlin?“
„Ne, auf’m Dorf in der Prignitz, Amtshilfe. Friedbert kommt erst morgen dazu, ihn aufzu…“
„Ach ne“, sagte Marthe, sie hatte sich schon wieder in der Gewalt, sie hatte einfach schon zu viel gesehen. „Leichenstau auf der Sektionsstraße?“
„Du und dein Ärztehumor“, murmelte Dahlberg und stand auf.
„Ich muss nochmal weg“, sagte er.
„Was? Jetzt noch?“
„Ja, jetzt noch. Der Secondhandschuppen hat bis acht auf, und ich brauch’ eine neue Jacke, möglichst preiswert. Die alte ist im Arsch. Dauert nicht lange, ist ja nicht weit.“
Marthe grinste. „Da bin ich ja froh, dass du deine Zahnbürsten nicht dort kaufst.“
Auf den kleinen quadratischen Tischen lagen rot-weiß karierte Decken. Längliche Packungen Grissinis standen zusammen mit dem Besteck in einem dickwandigen Krug. An den Wänden hingen Fotografien italienischer Straßenszenen aus den fünfziger Jahren. Alexander hatte eine kleine Karaffe Weißwein vor sich und knabberte an einer der dünnen Teigstangen. Er wartete auf Rosa vom Hundeauslaufplatz.
