Die Sonnenkinder Saga - Patty Jackson - E-Book

Die Sonnenkinder Saga E-Book

Patty Jackson

0,0

Beschreibung

Eigentlich war Kate Bingley ein völlig normaler Teenager mit einem völlig unspektakulären Leben - das hatte sie zumindest immer geglaubt. Aber an ihrem 15. Geburtstag sollte sich alles ändern. Ein Geschenk ihrer Großmutter Gwen, die vor vielen Jahren unter mysteriösen Umständen verschwand, erweckte etwas Unbekanntes in ihr. Sie entwickelte plötzlich Fähigkeiten, von denen sie nicht einmal geträumt hätte und erfuhr von einer geheimen Mission, in der sie sogar eine Hauptrolle spielen sollte. Eben war sie noch die unscheinbare, schüchterne kleine Kate aus Bradford-on-Avon, und jetzt war sie plötzlich Teil eines großen Plans. Doch sie war damit nicht alleine. Gemeinsam mit ihren Freunden Tom, Beth und Jakob, nahm sie die Herausforderung an. Unterstützt wurden sie von waisen Mentoren, darunter Magier, Heiler, Hexen und eine außerirdische Rasse, die diesen Zeitpunkt schon lange vorhergesehen hatte. Sie nannten sie die Sonnenkinder. Jetzt war die Zeit der Entscheidung gekommen. Würden sie es gemeinsam schaffen, die Welt vor den dunklen Mächten und dem Untergang zu bewahren und die Menschheit in ein neues Zeitalter zu führen?

Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:

Android
iOS
von Legimi
zertifizierten E-Readern

Seitenzahl: 239

Veröffentlichungsjahr: 2017

Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:

Android
iOS
Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



Patty Jackson

Die Sonnenkinder Saga

Band 1: Das Amulett

 

 

 

Dieses ebook wurde erstellt bei

Inhaltsverzeichnis

Titel

I

II

III

IV

V

VI

VII

VIII

VIIII

X

XI

XII

XIII

XIV

XV

XVI

XVII

XVIII

IX

XX

Impressum neobooks

I

Patty Jackson

Die Sonnenkinder

Saga

Band 1:

Das Amulett

Impressum:

© 2017 by Patrizia Jackson. Alle Rechte vorbehalten.

Erstauflage 11.2017

Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlages und des Autors unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

Denn wir leben auf einem blauen PlanetDer sich um einen Feuerball drehtMit ‘nem Mond der die Meere bewegtUnd du glaubst nicht an WunderUnd du glaubst nicht an Wunder …

Aus dem Songtext von

Marteria, „Welt der Wunder“

Kate Bingley war gerade aufgewacht. Noch völlig schlaftrunken sah sie sich in ihrem Zimmer um. Der Schein der Morgensonne, der durch das Fenster über ihr Bett hereinfiel, warf einen gold-transparenten Streifen auf die weiße Bettdecke. Links neben ihr lag der Krimi auf ihrem Nachtkästchen, den sie gestern Abend noch verschlungen hatte, so dass sie – wieder mal – zu spät ins Bett kam. Sie starrte gedankenverloren ins Leere. War heute nicht irgendetwas? Während sie sich streckte und herzhaft gähnte, fiel es ihr wieder ein. Ja klar, heute war der 20. April, ihr Geburtstag! Fünfzehn Jahre wurde sie heute alt.

Während sie gemächlich aufstand und noch etwas schlaftrunken zum Kleiderschrank schlürfte, fiel ihr Blick auf den viktorianischen Schreibtisch aus Mahagoni, der früher ihrer Oma Gwendoline gehört hatte. Sie wusste leider nicht viel von ihr, nur, dass sie unter mysteriösen Umständen verschwand, als sie noch klein war. Vermutlich waren in Wirklichkeit die Umstände gar nicht so mysteriös, aber aus irgendeinem Grund wichen ihre Eltern immer aus, wenn sie anfing, Fragen zu stellen. Naja, eines Tages würde sie vielleicht mehr darüber erfahren, dachte sie zuversichtlich und bereitete sich für ihren besonderen Tag vor.

Sie ging die Treppe hinunter in die Küche, wo sie gleich von ihrer Mutter und ihrem Vater mit Glückwünschen und Küssen überhäuft wurde. Die beiden hatten wirklich an alles gedacht, sogar an Konfetti und Tröten.

„Mensch, ich bin doch nicht drei geworden, steckt die Tröten weg!“, rief sie den beiden durch das Getöse zu.

Sie war schon etwas genervt von diesen lauten schrecklichen Dingern, die sie schon als Kind nicht besonders gemocht hatte.

„Ich bin jetzt eine Frau und möchte auch dementsprechend behandelt werden“, sagte sie in einem etwas versnobten Ton.

„Ach komm, sei nicht so, darf man ab Fünfzehn etwa keinen Spaß mehr haben?“, erwiderte ihr Vater Rod. „Nimm dir ein Beispiel an mir!“

Da musste Kate dann doch etwas schmunzeln. Ihre Mutter Jane überreichte ihr das Geschenk. „Was ist es?“, fragte sie aufgeregt.

„Mach es auf!“, erwiderte Jane mit einem breiten Lächeln.

Nun gut. Sie betrachtete das Geschenk erstmal für einen Moment. Es war hübsch in violettem Geschenkpapier verpackt, und verziert mit einer kunstvoll drapierten, silbernen Schleife. Sie öffnete es vorsichtig. Wow!! Sie traute ihren Augen nicht, war das tatsächlich für sie? Das war mit Abstand die schönste Kette, die sie je gesehen hatte. Sie war aus Silber und in der Mitte hing ein großer Anhänger mit einem wunderschönen Schmuckstein, der in allen Farben schimmerte, je nachdem, wie das Licht hineinfiel. Am äußeren Rand waren kleine, geschwungene Zacken angebracht, die den Anhänger wie eine Sonne aussehen ließen. Sie war baff!

„Was ist das für ein Edelstein? So einen habe ich noch nie gesehen“, fragte sie leise, immer noch staunend und überwältigt von der Anmut des Schmuckstücks.

„Es freut uns, dass dir die Kette gefällt“, antwortete ihre Mutter mit einem etwas wehmütigen Lächeln. „Sie hat deiner Großmutter Gwen gehört. Sie brachte die Kette von einer Reise nach Australien mit, kurz bevor … naja, du weißt schon. Sie wollte, dass du die Kette zu deinem 15. Geburtstag bekommst, wir haben sie seitdem für dich aufbewahrt. Der Edelstein ist übrigens ein Feuer-Opal.“

Sie nahm die Kette vorsichtig aus der mit rotem Samt gefütterten Schachtel, rannte zum Spiegel im Flur und bat ihre Mutter, sie ihr anzulegen. Die Kette passte hervorragend zu ihrem langen, welligen dunklen Haar und ihren grünen Augen. Sie fand, sie sah damit richtig erwachsen aus – fast schon zu erwachsen …

„So, jetzt beeil dich aber, es ist zwar dein Geburtstag, aber in die Schule musst du heute trotzdem meine liebe Kate“, tönte Jane fröhlich.

„Darf ich die Kette gleich anlassen, bitte!“, bettelte Kate und schenkte ihr einen treuen Hundeblick, dem sie unmöglich wiederstehen konnte.

„Also gut, aber pass gut darauf auf, hörst du?“, sagte ihre Mutter schließlich.

„Ich werde sie hüten wie meinen Augapfel!“, versprach Kate, während sie sich immer noch im Spiegel bewunderte.

Dann nahm sie ihre Schultasche und sprang los. Auf dem Weg zur Schule rasten ihre Gedanken. Irgendwie kam ihr das Ganze etwas surreal vor. Mit einem so wertvollen und schönen Schmuckstück fühlte sie sich natürlich wie eine Königin. Aber sie musste auch viel an ihre Großmutter Gwen denken. Sie fand es schön, Dinge zu besitzen, die sie mit ihr verbanden. Das gab ihr zwar ein Gefühl von Sicherheit und Geborgenheit, es stimmte sie aber auch wehmütig. Dann dachte sie wieder an die Kette. Sie hatte sie aus Australien mitgebracht, vom anderen Ende der Welt! Da wollte sie auch gerne mal hin. Vor dem Schulgebäude blieb sie kurz stehen und versteckte ihre Kette instinktiv erstmal unter ihrem Shirt. Es war ihr dann doch etwas mulmig zumute, mit einem so besonderen und wertvollen Schmuckstück durch die Gegend zu laufen. Es musste sie ja nicht gleich jeder sehen. In der Pause würde sie die Kette ihrer besten Freundin Beth zeigen. Mann, die wird Augen machen, dachte Kate bei sich und grinste von einem Ohr zum anderen, als sie das Klassenzimmer betrat. Heute war ein guter Tag!

Sie nahm auf ihrem Stuhl Platz und rückte ihre Schuluniform zurecht. Dann schaute sie sich um. Wo war denn eigentlich Beth? Das Klassenzimmer füllte sich langsam. Schräg hinter ihr saß bereits Tom, der gerade sehr geschäftig in seiner Tasche herumkramte, vermutlich auf der Suche nach einem Stift. Obwohl er schon seit einem Jahr in ihrer Klasse war, hatten sie kaum drei Worte miteinander gewechselt. Er war generell ein ruhiger Typ, irgendwie geheimnisvoll, fand Kate. Ja, sie gab zu, sie hatte eine Schwäche für ihn. Nur leider schien er überhaupt nicht an ihr interessiert zu sein. Aber das hielt sie nicht im Geringsten davon ab, sich Hoffnungen zu machen. Sie schwelgte verträumt vor sich hin, als sie ein Papierknäuel am Kopf traf.

„Hey, Geburtstagskind!“, rief Beth und setzte sich neben sie. Sie sah etwas gehetzt aus. „Puh, gerade noch rechtzeitig!“, äußerte sie sich lautstark und schmiss ihre Tasche auf den Boden.

Beth war ein echtes Original. Sie kam aus einer Hippie-Familie. Die ersten sieben Jahre ihres Lebens verbrachte sie mit ihren Eltern und ihrem zwei Jahre jüngeren Bruder Jakob in einem Wohnwagen. Sie reisten erst durch Großbritannien und dann durch halb Europa, bis sie sich dazu entschlossen, sich in Bradford-on-Avon niederzulassen. Seitdem waren sie praktisch Nachbarn, sie wohnte nur eine Straße weiter. Beth war witzig und hatte immer eine schlagfertige Antwort parat. Sie tanzte gerne aus der Reihe und konnte auch einfach mal verrückt sein. Aber sie war auch eine loyale Freundin, der man alles anvertrauen konnte. Kate war froh, sie zu haben.

Kate wollte Beth gerade von ihrem Geschenk erzählen, als Ms. Grey, die Geschichtslehrerin hereinkam. Na schön, sie wollte ja sowieso bis zur Pause warten.

„Guten Morgen Ms. Grey“, raunte die Klasse in einem etwas halbherzigen Ton so früh am Morgen.

„Guten Morgen, setzt euch“ erwiderte Ms. Grey, auffallend gut gelaunt. „Heute geht es um ein sehr spannendes Thema meine lieben, habt ihr schon einmal von Napoleon gehört?“

Die plötzliche Stille im Klassenzimmer war schon fast unangenehm.

„Keiner?“, Ms. Grey tat so, als ob sie wirklich überrascht war. „Kommt schon Leute. Nicht alle auf einmal!“

Obwohl Kate Ms. Grey sehr mochte und sie sich auch für Geschichte interessierte, fiel es ihr heute unglaublich schwer, sich zu konzentrieren. Aus irgendeinem Grund musste sie ständig an ihre Oma Gwen und das Amulett denken. Sie hatte ein flaues Gefühl im Magen, konnte es aber nicht genau beschreiben. Vielleicht war sie ja nur aufgeregt wegen ihres Geburtstags. So ging es mit ihr bis zur Pause. Von Geschichte, Mathe und Englisch bekam sie herzlich wenig mit. Dann war es endlich soweit.

„Hey Beth, rate mal was ich zum Geburtstag von meinen Eltern bekommen habe. Da kommst du nie drauf!“, fragte Kate herausfordernd.

„Ähm, lass mich mal überlegen, vielleicht einen Gutschein für Fallschirmspringen?“, fragte Beth mit einem frechen Grinsen im Gesicht.

„Ernsthaft!“, erwiderte Kate schmunzelnd. Beth wusste ganz genau, dass sie nicht gerade die Abenteuerlustige war.

„Okay, jetzt weiß ich es. Ein One-Way-Ticket nach Australien!“, platzte Beth heraus und konnte sich das Lachen kaum verkneifen.

Ha!“, rief Kate laut. Beth schaute etwas irritiert. „Echt jetzt?“, fragte sie verwundert.

„Natürlich nicht. Aber so ähnlich!“, jetzt musste Kate grinsen.

„Wie jetzt! Du reist nach Australien?“, hakte Beth nach.

„Nein. Aber ich habe etwas aus Australien bekommen! Schau her!“ Voller Stolz zeigte sie ihr nun das Sonnen-Amulett.

„Oh – mein – Gott“, hauchte Beth, während sie das Amulett begutachtete. „Die sieht ja sündhaft teuer aus. Wo haben deine Eltern die Kette denn her?“, flüsterte Beth voller Bewunderung für das schöne Stück.

„Meine Oma hat sie für mich aus Australien mitgebracht. Sie wollte, dass ich sie heute bekomme“, erwiderte Kate.

„Jetzt brauch ich wohl mit meinem Geschenk für dich gar nicht mehr ankommen“, sagte sie etwas enttäuscht.

„Ach Quatsch! Was hast Du denn für mich?“, fragte Kate neugierig.

Beth kramte für einige Sekunden in ihrer Tasche herum und holte eine etwas zerknautschte, bunt gestreifte Geschenktüte heraus.

„Hier, für dich!“ sagte sie in erwartungsvollem Ton.

Kate war nun wirklich neugierig geworden. So wie sie Beth kannte, war es bestimmt etwas Ausgefallenes. Sie langte mit ihrer Hand hinein, es fühlte sich irgendwie weich an, hatte aber auch etwas Drahtiges. Dann zog sie es heraus und schaute es sich an. Irgendwo hatte sie sowas schon mal gesehen, konnte es aber gerade nicht zuordnen. Beth hatte den fragenden Blick bemerkt und gab eine schnelle Antwort.

„Das ist ein Traumfänger! Den habe ich selbst für dich gemacht!“ Kate war auf einmal sehr nachdenklich geworden, während sie das kunstvolle Objekt studierte. „Gefällt er dir nicht?“, fragte Beth etwas verunsichert.

„Doch, doch! Er ist wunderschön! Vielen Dank!“, erwiderte Kate geistesabwesend.

„Du weißt doch was das ist, oder? Also ich frische mal dein Gedächtnis auf: Laut den Indianern wird der Traumfänger über dem Schlafplatz aufgehängt. Die bösen Träume bleiben im Netz hängen, die guten Träume kommen durch. So einfach!“ erklärte Beth strahlend.

„Das ist echt lieb von dir. Eine coole Idee! Wie bist du darauf gekommen?“, fragte Kate, wieder mehr gegenwärtig.

„Ach, ich war doch in den Sommerferien mit meinen Eltern auf dem Festival in Glastonbury. Meine Mama hat sich ewig mit dieser Frau unterhalten, ich glaube sie hieß Heather. Sie hatte einen kleinen Stand dort und verkaufte Kristalle, Sachen aus Filz und eben diese Traumfänger. Ich fand die so faszinierend und dachte, das wäre ein passendes Geschenk für dich. Ich hätte einen kaufen können, aber ich dachte es ist schöner, dir einen zu basteln. Ich habe übrigens auch einen in meinem Zimmer über dem Bett hängen. Ich finde, dass ich seitdem viel weniger Alpträume habe. Vielleicht ist es ja auch nur Einbildung, aber ist doch egal, solange es hilft!“ sagte Beth beschwingt.

„Da hast du recht!“ sagte Kate. „Ich hänge ihn gleich auf, sobald ich Heim komme.“

II

Nachdem sie mit ihrer Familie ausgiebig ihren Geburtstag gefeiert hatte, war sie nun wieder auf ihrem Zimmer. Sie fühlte sich immer noch sehr unruhig. Sie hatte das unbestimmte Gefühl, dass etwas anders war. Wahrscheinlich war es die Aufregung und – sie hatte eindeutig zu viel Kuchen gegessen. Da fiel ihr der Traumfänger ein. Sie hatte ihn nach der Schule ihren Eltern gezeigt, die ihn toll fanden, und ihn dann auf ihren Schreibtisch gelegt. Bevor sie schlafen ging, nahm sie ihn in die Hand, betrachtete ihn eindringlich und hing ihn über ihr Bett, direkt vor das Fenster, damit die einfallenden Sonnenstrahlen ihn am Morgen trafen. Früher hatte sie oft Alpträume gehabt. Sie wachte dann schreiend oder weinend auf und es dauerte manchmal einige Minuten, bis sie sich wieder gefangen hatte. Sie konnte sich immer nur an Bruchstücke erinnern, es ging meistens darum, dass sie vor irgendetwas oder irgendjemand eine panische Angst hatte und flüchten musste. Ihre Eltern hatten sich damals schon Sorgen gemacht. Sie hatten versucht herauszufinden, woher die Alpträume kamen. Da sie sehr behütet aufwuchs, konnten sie sich das wirklich nicht erklären. Ihre Mutter las einige Bücher zum Thema Psychologie und Traumdeutung und fand heraus, dass Verfolgungsträume sehr häufig waren und dahinter oft das Gefühl der Überforderung steckte. Ihre Eltern entschieden dann, dass sie ein „Sensibelchen“ war und packten sie noch mehr in Watte als sie es sowieso schon taten. Irgendwann hörten die Alpträume einfach auf. Die letzten Jahre konnte sie sich kaum erinnern, überhaupt etwas geträumt zu haben.

Das Amulett behielt sie an, dann ging sie ins Bett. Sie musste sofort in einen tiefen Schlaf gefallen sein, denn als sie aufwachte, fühlte sie sich hellwach. Sie war etwas irritiert, da es draußen noch stockdunkel war. Sie stand auf und wollte Licht machen, aber sie konnte den Lichtschalter nicht finden. Da bemerkte sie plötzlich eine Lichtquelle von draußen. Sie sah aus dem Fenster. Dort saßen zwei Leute vor dem Haus an einem offenen Feuer! Wie war das denn möglich? Nun war sie sich sicher, dass sie noch träumen musste. Dennoch war sie neugierig und ging in ihrem Nachthemd die Treppe hinunter. Obwohl es wirklich unheimlich war, verspürte sie aus einem unerklärlichen Grund überhaupt keine Angst. Und warum auch, es war doch nur ein Traum. Sie öffnete leise die Haustür und bewegte sich mit nackten Füßen auf die beiden zu. Sie konnte schon die Wärme des Feuers spüren. Das fühlte sich aber sehr realistisch an. Jetzt konnte sie die beiden Gestalten erkennen. Es handelte sich um einen Mann und eine Frau. Der Mann sah sehr alt aus, er trug einen schweren, dunklen Mantel, der wie Leder aussah, und auf dem Kopf war eine Art mit Federn besetzter Kopfschmuck. War er sowas wie ein Stammeshäuptling? Sie hatte sowas in der Art schon in Cowboy-Filmen gesehen. Schon verrückt, was einem das Unterbewusstsein so vorgaukeln kann. Die andere Person war eine Frau. Ihr Haupt bedeckte eine Art Turban, der wie eine Spirale spitz nach oben zulief. Sie trug ein langes, weiß-silbriges Gewand, eingehüllt in einen transparenten Schleier aus einem feinen Stoff, der silbern schimmerte. Sie hatte große, fast schwarze Augen, in denen sich das offene Feuer wiederspiegelte.

„Wir haben dich schon erwartet“, sagte eine sanfte, tiefe Stimme.

Kate setzte sich auf einen kleinen Schemel, der für sie bereitstand. Dann fuhr der Häuptling ruhig fort.

„Um die Erde steht es schlecht. Ihr habt eine wichtige Aufgabe vor euch. Es geht um das Überleben der Menschheit. Du bist eine der Auserwählten. Achte auf die Zeichen der Zeit.“

Dann erlosch das Feuer plötzlich.

In dem Moment wachte sie auf. Helles Licht schien durch das Fenster, es war Tag. Sie schaute auf die Uhr, die links neben ihr auf dem Nachtkästchen stand. 6:21 Uhr, zeigte die digitale Anzeige. Sie lag noch eine Weile in ihrem Bett, starrte den Traumfänger an und dachte nach. Sie fühlte sich etwas unbehaglich. Was war das für ein merkwürdiger Traum! Sie konnte sich an alles erinnern, an jedes kleinste Detail, an jedes Wort, was an sich schon seltsam genug war. Alles war so real gewesen! Was waren das für Leute? Und diese rätselhafte Botschaft – nein, sie konnte sich wirklich nicht vorstellen, eine Auserwählte zu sein. Um was zu tun? Die Menschheit zu retten? Und vor was denn? Klar, es gab viele Probleme auf der Welt. Aber was genau war denn damit gemeint? Die Zeichen der Zeit? Sie wusste beim besten Willen nicht, was sie damit anfangen sollte. Jetzt kam sie sich doch ein wenig albern vor. Sie war doch nur Kate. Die kleine Kate aus Bradford-on-Avon. Vermutlich hatte sie einfach zu viele Fantasy-Romane gelesen. Während Sie ihre Schuluniform anzog entschied sie sich, erst einmal niemandem von dem Traum zu erzählen, nicht einmal Beth.

III

Kate’s bisheriges Leben verlief eigentlich ziemlich unspektakulär. Sie wuchs in Südwestengland in einem Ort namens Bradford-on-Avon auf, ein hübsches, kleines Städtchen in der malerischen Grafschaft Somerset, wo sie mit ihren Eltern in einem Landhaus wohnte, das schon sehr lange im Familienbesitz der Bingleys war. Das Haus wurde noch zu viktorianischer Zeit erbaut und über die vielen Jahre gut in Stand gehalten. Es war verhältnismäßig groß, hatte 6 Schlafzimmer bzw. Gästezimmer, einen gemütlichen Kachelofen im Wohnzimmer und einen riesigen, schön angelegten Garten mit einem Teich, in dem sich Goldfische tummelten. Daneben befand sich ein geräumiger Pavillon, der im Sommer reichlich Schatten spendete und zum Entspannen einlud. Am nördlichen Ende des Gartens gab es noch ein Kräuterbeet mit allerlei Küchenkräutern und Heilpflanzen, sowie einigen Sträuchern mit Walderdbeeren, Heidelbeeren und Stachelbeeren. Früher hatte ihre Oma Gwen das Beet liebevoll gepflegt, jetzt kümmerte sich hauptsächlich ihre Mutter darum.

Ihre Eltern hatten sich damals an der Universität in der Hafenstadt Bristol kennengelernt. Ihr Vater Rob Bingley studierte Architektur im letzten Semester, als sie sich auf einer Studentenparty buchstäblich in die Arme liefen. Er hatte kurze, dunkle Haare, war nicht besonders groß und etwas stämmig, kein Schönling im klassischen Sinne. Aber als er sie das erste Mal sah und sie anlächelte … da war es schon fast um sie geschehen. Es war Liebe auf den ersten Blick gewesen, erzählte ihre Mutter gerne, dabei bekam sie dann immer diesen Silberblick und seufzte. Jane war damals gerade im 2. Semester Kunstgeschichte. Sie war sehr hübsch gewesen. Sie hatte eine weibliche Figur, die sie gern durch ihre Kleidung betonte, und sah mit ihrem langen, fast schwarzen Haar und ihren großen, rehbraunen Augen einfach hinreißend aus. Es hatte nicht lange gedauert, da waren sie ein Paar. Sie nahmen sich eine kleine Wohnung in Clifton, der schönste Teil von Bristol, nicht weit von der berühmten Suspension Bridge, wo sie einen einmaligen Panoramablick auf die Stadt, den Fluss und die wunderschöne, hügelige Landschaft hatten. Ihre Mutter dachte immer gern an die vielen Spaziergänge zurück, die sie zusammen in der Abenddämmerung unternommen hatten. Rob arbeitete seit dem Studium als freiberuflicher Architekt und verdiente gut. Jane fand schnell eine Anstellung in einer kleinen Kunstgalerie. Als Kate auf die Welt kam, brauchten sie mehr Platz und beschlossen, in das Haus von Rob’s Eltern zu ziehen. Sein Vater war schon vor langer Zeit gestorben, doch seine Mutter Gwen lebte noch dort. Als Kate in die Schule kam, beschloss Jane, wieder arbeiten zu gehen. Sie fand eine Anstellung auf Stundenbasis im Museum für moderne Kunst in Bath und machte dort regelmäßig Führungen, was ihr sehr gefiel. Außerdem engagierte sie sich ehrenamtlich für diverse Hilfsorganisationen. Sie sagte immer, wir hätten mehr als genug, und es sei unsere Pflicht und Verantwortung, denen zu helfen, die in Not sind. Ihre großzügige und mitfühlende Art, die mochte ihr Vater immer besonders an ihr. Er war ein humorvoller Typ mit einem sanften, gutmütigen Charakter. Aufgrund seiner Arbeit war er immer sehr viel unterwegs, was ihrer Mutter oft missfiel. Ihr wäre es manchmal lieber gewesen, er würde sich für einen Job als Angestellter entscheiden, vielleicht in einem Planungsbüro, mit geregelten Arbeitszeiten. Aber das wollte ihr Vater absolut nicht, er brauchte die kreative Freiheit und die Abwechslung, es gab schon manche Diskussion deswegen. Früher hatte sie ja noch ihre Schwiegermutter Gwen, die auch in dem Haus lebte, im Haushalt und bei der Erziehung mithalf und Jane Gesellschaft leistete, wenn Rob mal wieder mehrere Tage unterwegs war. Entgegen allen Vorurteilen was Schwiegermütter anbelangt, verstanden die zwei sich blendend. Als Gwen dann eines Tages verschwand, war Jane untröstlich gewesen. Ihr Vater Rob, dem ihr Tod sehr nah ging, flüchtete sich in die Arbeit. Kate konnte sich noch erinnern, dass ihre Mutter viel weinte. Sie war damals 4 Jahre alt gewesen.

Kate hatte eigentlich ein gutes Verhältnis zu ihren Eltern. Mit ihrer Mutter redete sie viel über Bücher und was so alles in der Schule passierte. Sie gingen auch oft ins Museum oder in Kunstgalerien, da blühte Jane dann immer richtig auf und hatte viel zu erzählen. Manchmal redeten sie auch über Jungs. Kate hatte schon einige Schwärmereien gehabt, aber noch keinen richtigen Freund. Ihre Mutter war immer sehr verständnisvoll und gab ihr gute Tipps, wenn es mal ein Problem gab. Mit ihrem Vater unternahm sie oft Ausflüge, zum Beispiel zum Wandern in die nahegelegenen Wälder oder sie gingen gemeinsam zum Golfplatz. Er redete viel über Politik, Wirtschaft, eigentlich alles, was so auf der Welt passierte. Das interessierte Kate immer sehr. Rob fand, dass sie für ihr Alter schon sehr viel verstand und schon gut ihre Meinung vertreten konnte. Das beeindruckte ihn. Sie lachten auch viel zusammen. Kate mochte seinen schwarzen Humor sehr. Neulich erst konnte er sich gar nicht mehr einkriegen wegen eines schier verrückt gewordenen Yorkshire-Terriers, der dem armen Postboten, als er die Zeitung abliefern wollte, plötzlich die ganze Straße bellend hinterherjagte und ihn sogar beinahe in den Hintern biss. Er hielt sich den Bauch vor Lachen und musste aufpassen, nicht vom Sofa zu fallen. Ihre Mutter betrachtete das Ganze mit einer hochgezogenen Augenbraue, während sie die Augen verdrehte. Ja, sie hatte tolle Eltern.

Obwohl die beiden gerne mehrere Kinder gehabt hätten, war Kate ein Einzelkind. Als Jane mit Kate schwanger war, gab es ein Problem, und nach 31 Stunden Wehen und einer sehr schweren Geburt musste Jane am Unterleib operiert werden. Die Ärzte sagten damals, dass es schon ein Wunder gewesen war, dass Kate und ihre Mutter überhaupt überlebt hatten.

Da Kate keine Geschwister hatte, war sie sehr froh, als sie Beth in der Schule kennenlernte. Obwohl sie auf dem ersten Blick sehr unterschiedlich wirkten, verstanden sie sich auf Anhieb und wurden bald beste Freundinnen. Es fing schon beim Aussehen an. Kate war eher schlicht, sie trug keinen Modeschmuck oder schicke Kleidung, in ihrer Freizeit bevorzugte sie Jeans und T-Shirt. Ihr dickes, welliges, brünettes Haar trug sie meistens gebunden zu einem Pferdeschwanz. Sie war eher klein und hatte eine normale Figur. Beth dagegen war groß, hatte rote, lange Haare, strahlend blaue Augen und eine Haut wie eine Porzellanpuppe. Ihr kleiner Bruder Jakob hatte ebenfalls das Rot-Gen sowie die Augenfarbe geerbt, somit sah man schon von weitem, dass sie Geschwister sein mussten. Außerdem hatte Beth eine sportliche Figur, da sie regelmäßig zum Turnen ging und gerne Outdoor-Aktivitäten wie Kanu fahren oder Klettern unternahm. Sie mochte es farbenfroh und trug gerne Röcke und Kleider. Sie war ein echter Hingucker! Die Jungs standen natürlich voll auf sie. Durch ihre extravagante, witzige Art und ihr tolles Aussehen hatte sie viele Verehrer. Im vergangenen Jahr hatte sie schon einen festen Freund gehabt, er hieß Steve. Er war drei Jahre älter und ging schon aufs College. Sie kannten sich vom Turnen. Es hielt allerdings nicht lange, nach ungefähr einem halben Jahr trennten sie sich wieder. Beth machte damals Schluss mit ihm, weil er sehr eifersüchtig war und ständig wegen Nichts einen Streit anfing. Das war ihr dann doch irgendwann zu viel. Sie hatte ihr erstes Mal mit ihm. Danach hatte sie mit Kate darüber geredet und sich ernsthaft die Frage gestellt, warum die Welt so viel Trubel um etwas machte, was nicht einmal 5 Minuten andauert.

„Was weiß denn ich“, antwortete Kate damals entnervt. „Du weißt doch, dass ich da nicht mitreden kann. Wahrscheinlich werde ich sowieso als alte Jungfer sterben.“

Naja, sie war ja auch zu diesem Zeitpunkt erst 14 Jahre alt. Es war ja nicht so, dass sie es eilig hatte, aber jedes Mal, wenn sie jemanden toll fand, war sie einfach viel zu schüchtern, um einen ersten Schritt zu wagen, und das ärgerte sie. Aber es ging ihr auch nicht mehr aus dem Kopf.

An diesem Abend fragte sie dann ihre Mutter. „Warum macht die Welt so viel Trubel um etwas, was eh nicht länger als 5 Minuten dauert?“

Jane schaute sie fragend an. „Was meinst du denn damit?“

„Na Sex!“, erwiderte Kate wie selbstverständlich.

Ihre Mutter musste lachen.

„Was ist so komisch?“, fragte Kate etwas irritiert.

„Glaub mir Kate, das wird irgendwann besser! Keine Sorge.“ Dann wurde sie plötzlich ernst. „Ist es bei dir nun schon so weit? Du hast mir gar nichts von ihm erzählt!“ sagte sie in einem vorwurfsvollen Ton. „Du hast doch hoffentlich an Verhütung gedacht, oder?“

„Es geht doch nicht um mich, Mama. Ich rede von Beth!“, erwiderte Kate schnell.

Ihre Mutter seufzte erleichtert.

Im Gegensatz zu Beth, die etwas unkonventionell war und gern im Mittelpunkt stand, war Kate eher introvertiert und verträumt. Sie ging gerne spazieren und schätzte die Ruhe der Natur, abseits vom Lärm und dem Rummel der Stadt. Im Sommer ging sie am liebsten im nahgelegenen Strom baden oder saß im Pavillon im Garten und las. Sie liebte Bücher. Sie las praktisch alles, was ihr unter die Finger kam, von Klassikern wie Jane Austen über Fantasy bis hin zu Sherlock Holmes. Auch war sie sehr interessiert am Weltgeschehen, was für ihr Alter schon ungewöhnlich war. Sie machte sich oft Gedanken über die Umwelt oder philosophierte mit Beth darüber, warum einige Menschen so viel besaßen und andere so wenig und, was man dagegen tun könnte. In der Schule gehörte sie zu den besten. Nach der Schule hatte sie vor, Literatur, Sprachen und Kulturwissenschaften zu studieren. Was sie damit später mal machen wollte, das wusste sie allerdings noch nicht.

Aber ihr besonderes Talent lag auf einer anderen Ebene. Sie hatte schon immer ein feines Gespür für Menschen und wusste intuitiv, wer ihr wohlgesonnen war und wer nicht. Sie wusste noch nicht, dass diese Fähigkeit ihr eines Tages das Leben retten sollte.

IV

Die nächsten Wochen nach ihrem Geburtstag vergingen ohne besondere Vorkommnisse. Nicht wie eine Auserwählte, sondern wie ein ganz normales Mädchen ging Kate weiterhin zur Schule, machte ihre Hausaufgaben, las Bücher, träumte in den Tag hinein und traf sich oft mit Beth.

An diesem besagten Nachmittag waren beide in ausgelassener Stimmung. Sie saßen bei Kate im Garten und aßen genüsslich die winzigen Walderdbeeren, die sie gerade gepflückt hatten. Beth erzählte von dem Abenteuerurlaub, den sie für die Sommerferien gemeinsam mit ihrem Vater und ihrem Bruder Jakob geplant hatte und auf den sie sich so freute. Normalerweise war Kate eine sehr gute Zuhörerin, aber an diesem Nachmittag schweifte sie gedanklich immer wieder ab. Sie musste ständig an ihren Traum denken. Beth bemerkte ihre Unkonzentriertheit.

„Alles ok mit dir, Kate? Sag ruhig, wenn ich dich langweile“, beschwerte sich Beth.

„Nein, nein. Gar nicht, es ist nur - “, Kate stockte.

„Sag schon, Du weißt doch, dass du mir alles erzählen kannst. Bist Du vielleicht wieder in jemanden verknallt?“, fragte Beth mit einem Grinsen.

„Nein, das ist es nicht. Okay, ich erzähl es dir. Vor einigen Wochen, an meinem Geburtstag, um genau zu sein, da hatte ich einen echt seltsamen Traum. Ich dachte erst nicht, dass es so wichtig sei, aber er geht mir nicht mehr aus dem Kopf“, sagte Kate etwas verunsichert.

Beth war gespannt. „Na dann lass mal hören!“

Nachdem ihr Kate alles darüber erzählt hatte, war sie ganz nachdenklich geworden.

„Dass es um die Erde und die Menschen schlecht steht, kann ich ja irgendwie nachvollziehen. Überlegen wir mal, was damit gemeint sein könnte“, sinnierte Beth darüber.

Kate war doch ein wenig überrascht, dass Beth den Traum anscheinend ernst nahm. Sie war sehr erleichtert darüber.

Beth fuhr fort. „Da wäre einmal die Umweltverschmutzung. Darüber habe ich erst vor kurzem eine Reportage angeschaut. Genmanipulation von Nahrungsmitteln und chemische Giftstoffe führen dazu, dass man irgendwann gar nichts mehr essen kann. Und die Bienen sterben. Angeblich hat Einstein schon gesagt, wenn das passiert, ist es bald aus mit uns. Und dann kam noch was über Plastik.“

Beth versuchte sich zu erinnern, warum man Plastikverpackungen vermeiden sollte, als ihr Handy piepte. Sie las ihre Textmessage und sprang auf.

„Tut mir leid, ich muss jetzt los, Essen ist fertig. Aber wir reden morgen weiter!“ versprach sie Kate.