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"An der Nordküste Spitzbergens unter dem 80. Breitengrad liegt die Sorge- oder Treurenberg-Bai. Sie bildet den Mittelpunkt in der Leidensgeschichte der Schröder-Stranz-Expedition; denn auf dem Wege nach oder von der Sorge-Bai sind die meisten Teilnehmer der Expedition verunglückt. Die Geschicke der Schröder-Stranz-Expedition werden auf diesen Blättern geschildert. Das ist das Erste, was dieses Buch will, ein Bericht sein über die vielleicht unglücklichste Expedition der bisherigen deutschen Polarforschung; ein Bericht, sich an den Fachmann wie an den Laien wendend, an jeden, der in irgendeiner Beziehung zu der deutschen Polarforschung steht, wie auch an alle, die in rein menschlicher Teilnahme um das Schicksal dieser Expedition gebangt haben. Zum anderen will dieses Buch ein schlichtes Denkmal der Erinnerung sein den Männern, die voll stolzer Hoffnungen hinauszogen und nicht wieder heimkehren durften, den Verunglückten und Verschollenen unserer Expedition." (Dr. Hermann Rüdiger)
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Seitenzahl: 339
Veröffentlichungsjahr: 2019
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Mit 46 Photos im Text und 5 Tafeln nach Zeichnungen und photographischen Aufnahmen des Marinemalers Christopher Rave sowie einer Übersichtskarte
Denen, die nicht zurückkehrten,
Herbert Schröder-Stranz
August Sandleben
Dr. Max Mayr
Richard Schmidt
Dr. Erwin Detmers
Dr. Walter Moeser
Wilhelm Eberhard
Knut Stave
ein Denkmal der Erinnerung!
Über den Autor
HERMANN RÜDIGER (* 30. Mai 1889 in Hamburg; † 26. März 1946 in Ludwigsburg), Sohn des Hamburger Historikers Otto Rüdiger. Studierte Geologe und Geschichte und promovierte 1912 an der Universität Rostock. Ab 1923 Mitarbeiter des Deutschen Auslandsinstituts (DAI) in Stuttgart. 1939 leitete Rüdiger zusammen mit Karl Götz die Kommission des Deutschen Auslands-Instituts zur Dokumentation der Umsiedlung im besetzten Polen. 1941 wurde Rüdiger, der sich zum überzeugten Nationalsozialisten und Antisemiten entwickelt hatte, zum Leiter des DAI ernannt. Er starb 1946 unter ungeklärten Umständen im Internierungslager des US-Streitkräfte in Ludwigsburg.
An der Nordküste Spitzbergens unter dem 80. Breitengrad liegt die Sorge- oder Treurenberg-Bai. Sie bildet den Mittelpunkt in der Leidensgeschichte der Schröder-Stranz-Expedition; denn auf dem Wege nach oder von der Sorge-Bai sind die meisten Teilnehmer der Expedition verunglückt.
Die Geschicke der Schröder-Stranz-Expedition werden auf diesen Blättern geschildert. Das ist das erste, was dieses Buch will, ein Bericht sein über die vielleicht unglücklichste Expedition der bisherigen deutschen Polarforschung; ein Bericht, sich an den Fachmann wie an den Laien wendend, an jeden, der in irgendeiner Beziehung zu der deutschen Polarforschung steht, wie auch an alle, die in rein menschlicher Teilnahme um das Schicksal dieser Expedition gebangt haben.
Zum anderen will dieses Buch ein schlichtes Denkmal der Erinnerung sein den Männern, die voll stolzer Hoffnungen hinauszogen und nicht wieder heimkehren durften, den Verunglückten und Verschollenen unserer Expedition.
Und zum dritten will es Dank sagen. Vor allem meinem Freunde und Leidensgefährten, Marinemaler Christopher Rave, für die Rettung meines Lebens, eine Tat, für die Ein Hoher Senat der Freien und Hansestadt Hamburg ihm am 10. September 1913 die Rettungsmedaille verliehen hat. Nicht minder herzlich ist der Dank, der allen denen gilt, die durch Wort und Tat, daheim und draußen, in Deutschland und in Norwegen, die Hilfsexpeditionen organisiert und durchgeführt haben. Es sind ihrer so viele, daß es unmöglich ist, hier ihre Namen zu nennen.
Nur eins will dieses Buch nicht : Es polemisiert nicht. Von dem Kampf, der die Tagespresse durchtobt hat, in dem auch ich nicht schweigen durfte, hat sich nicht der leiseste Hauch in diesen Blättern niedergeschlagen. Verhüllt wird nichts, aber auch niemand wird angegriffen. Die Frage, warum die Expedition scheiterte, mußte deswegen letzten Endes offengelassen werden. Wer jedoch aufmerksam und ohne Vorurteil liest, dem werden – vorausgesetzt natürlich, daß er überhaupt in der Lage ist, sich über arktische Fragen ein Urteil zu bilden – die Gründe für das Scheitern der Expedition nicht verborgen bleiben.
Hamburg, den 11. Oktober 1913 Dr. Hermann Rüdiger
I. Vorbereitungen
Wie ich Polarforscher wurde. – Der Plan der Deutschen Arktischen Expedition Schröder-Stranz: Vor- und Haupt-Expedition. – Teilnehmer. – Reise nach Tromsö. – In Tromsö. – Unser Expeditionsschiff. – Taufe des »Herzog Ernst«. – Eine letzte, unliebsame Überraschung.
II. Von Tromsö bis zur Magdalena-Bai
Abreise. – Über und unter Deck. – Die Sechsmännerkajüte. – Im offenen Meer. – Bären-Insel. – Zum Stor-Fjord. – Das erste Eis. – Gliederung Spitzbergens. – Meeresströmungen. – Das Eis zwingt zur Umkehr. – Der Eislotse. – Seegang außerhalb des Eises. – Um das Südkap und an der Westküste vorwärts. – Der erste Sonntag an Bord. – Begegnung mit der »Viktoria Luise« in der Magdalena-Bai. – Der letzte Abschied von der Kultur.
III. An der Nordküste Spitzbergens
Die Nordwestecke Spitzbergens. – Scherz und Ernst. – Im Eise. – Die ersten erlegten Robben. – Die erste Lotung. – An der Küste des Nordostlandes. – Eisbärenjagd und »beefsteak«. – Am Nordkap. – Plan für die Teilung in Schlitten- und Schiffs-Expedition. – Der östlichste Punkt. – »Herzog Ernst« gefangen und wieder befreit, geht westwärts zurück. – Abschied der Schlittenleute. – Endlich mehr Platz. – Erster Landausflug in der Bird-Bay. – Brandy-Bay. – Ein erlegtes Walroß läßt das Schiff fast mit einem Eisberg kollidieren. – Low-Island. – Mehrere Treibholzwälle. – Bodenerscheinungen. – Durch Nebel und Treibeis zur Treurenberg-Bai.
IV. Die Sorge-Bai
Ihre Bedeutung in der Geschichte der Polarforschung. – Das schwedische Stationshaus. – Niederlegung des Depots. – Ende des Sommers. – Der verhängnisvolle 25. August: Das Eis kommt! – Der Trauerberg mit dem Aeoluskreuz. – An der Westseite der Bai. – Ein hocharktisches Tal. – Der erste Ausfall mißlingt. – Besteigung des Magdalenenberges. – Der zweite Versuch. – Verlegen-Hook, die alte Verlegenheitsecke. – Die Gefangenschaft dauert fort. – Wissenschaftliche und tägliche Beschäftigung. – Der dritte Ausfall. – Das alte Lied: Gefangen! – Fast gescheitert. – Eine aufgegebene Walroßjagd. – Zweifel: Überwintern oder zur Westküste marschieren? – Vorbereitungen zur Schlittenreise. – Ein letzter Versuch durch die Hinlopen-Straße. – Lomme-Bai. – Zurück zur Sorge-Bai. – Die letzte Hoffnung wird zuschanden.
V. Die Schlittenreise
Die Ausrüstung wird an Land geschafft. – Unentschlossenheit der Mannschaft. – Belastung der Schlitten. – Schwierigkeiten beim Anstieg. – Die Mannschaft kehrt zurück. – Durch Nebel und Schnee. – Tauwetter und Schneesturm. – Der Stein des Anstoßes. – Zur Mossel-Bai. – Ruine Polhem, ein schützendes Heim. – In 5 Tagen 16 km! – Zurück oder weiter? – Detmers und Moeser trennen sich von uns. – Zu viert zum Schiff zurück. – Entschluß und Bericht der Norweger. – Neuverproviantierung. – Zweiter Aufbruch vom Schiff. – Die Norweger. – Mossel-Bai und Wijde-Bai – Schwierigkeiten der ersten Packeis-Wanderung. – Zusammentreffen mit Detmers und Moeser. – An der Ostseite der Wijde-Bai. – Die Lachsseen. – Kalter Beginn des Oktober. – Rast am Ufer. – Detmers und Moeser gehen weiter. – Quer über die Wijde-Bai. – Der Schlitten wird zurückgelassen. – Der Kapitän bricht ein. – Ein Schneehaus? – Endlich an der Westseite. – Schneeis und andere Schwierigkeiten. – In der Hütte. – Eine traurige Überraschung: Mein halber Fuß erfroren. – Rentierjagd! – Ein trüber Sonntag! – Neue Teilung. – Neue Launen der Norweger. – Rave backt Pemmikankuchen.
VI. Sieben Wochen an der Wijde-Bai
Unsere Hütte. – Allein. – Die hungrige Jule. – Rave kommt zurück mit leeren Händen. – Viel Arbeit für Rave. – Unser Tagewerk. – Die langen Nächte. – Kleine Sonntagsfreuden. – Rundblick von der Hütte aus. – Die Kälte. – Wind- und Wetterverhältnisse. – Verschwinden der Sonne. – Der Mond. – Hoffen und Zweifeln. – Mein Fuß wird schlechter. – Kein »Flattern von Rosen zu Rosen«. – Jule. – Rave begegnet einem Eisbären. – Kautabak. – Licht aus Rentierfett. – Sorgen bei Tag und bei Nacht. – Alles wird knapp. – Rave als Erfinder. – Der mechanische Schuh. – Wir hoffen nicht mehr! – Hungern. – Das Inventar wird verheizt. – Rave wird krank, arbeitet trotzdem an den Vorbereitungen für den Rückmarsch zum Schiff. – Der Bär auf dem Dach. – Fertig zum Aufbruch, zum Warten verurteilt. – Baumbachs Lied in einem ernsten Augenblick.
VII. Zurück zum Schiff!
Die Schlittenlast. – Quer über die Wijde-Bai. – Orientierung. – Kälte. – Am Ostufer. – Der Schlafsack. – Nordwärts. – Schwierigkeiten des Marsches. – Der furchtbarste Sonntag meines Lebens. – Meine Finger erfrieren. – Die wirkliche und vermeintliche Russenhütte. – Ein prächtiger Mondhof. – Optische und andere Täuschungen. – 34 Stunden im Schlafsack. – Mossel-Bai. – Die erste warme Nahrung nach 98 Stunden. – Das schützende »Polheim«. – Dreitägiger Sturm. – Schadenfeuer. – Schmerz und Zweifel. – Reparaturen. – Verbandwechsel. – Raves Bart, unser Thermometer. – Wohin? – Aufs Hochland hinauf. – Verstiegen! – 22 Stunden im Schlafsack. – Glück im Unglück. – Hinab zur Treurenberg-Bai. – Letzte Zweifel. – »Herzog Ernst«, ahoi! – Der 1. Dezember, ein Sonntag für unser ganzes Leben!
VIII. Die Winternacht
Kurzer Rückblick. – Wieder Mensch. – Unser tägliches Leben. – Notwendige Operationen. – Rave als Chirurg. – Meteorologische Beobachtungen. – Weihnachten. – Eine traurige Weihnachtsüberraschung. – Der Bericht der beiden zurückgekehrten Norweger. – Seine Lücken. – Eberhards tragisches Ende. – Die Jahreswende: Rück- und Ausblick. – Ein letzter Erfolg des alten Jahres. – Launenhaftigkeit der Mannschaft. – Einige Beispiele. – Unsere Kajüte. – Langeweile? – Zweitagetagsystem. – Geistige Betätigung. – Aufzeichnung der Reiseerlebnisse. – Temperaturverhältnisse. – Offenes Wasser und Wasserhimmel. – Schiffahrtsmöglichkeit im Winter. – Nordlichter. – Winde und Stürme. – Die schlimmste Sturmwoche. – Zweimal Feuer im Schiff! und der innere Zusammenhang derselben. – Zunahme der Dämmerung. – Mein Gesundheitszustand und die Mannschaft. – Glückliche Bärenjagd. – Was tun? – Leben an Deck. – Raves Geburtstag. – Krankheit des Kochs. – Sein Tod und sein Begräbnis. – Rückkehr der Sonne.
IX. Im schwedischen Stationshause
Die Norweger wollen nach Advent-Bai gehen. – Ihr Marsch zur Mossel-Bai. Unser Umzug zum Hause. – Unser neues Heim. – Arbeiten im Hause. – Essen. – Ostern. – Aufbruch der Norweger. – Cäsar und Jule. – Storkobbenjagd. – Rave malt. – Heimweh und Langeweile. – Vorboten des Frühlings.
X. Die Hilfsexpeditionen
Der 21. April. – Ankunft Hauptmann Staxruds. – Die erste Hilfsexpedition von Advent-Bai aus. – Hilfsaktion von Deutschland und Norwegen aus. – Die Groß-Bai-Hilfsexpedition unter Dr. Wegener. – Der Marsch unserer Matrosen nach Advent-Bai. – Staxruds Marsch nach Treurenberg-Bai. – Überraschungen: Trauriges und Erfreuliches. – Unser Leben zusammen mit den Norwegern. – Eisbärenjagd und -fang. – Die Schlittenreise nach Nordostland vorläufig aufgegeben. – Eberhards Leiche nicht gefunden. – Eine neue Überraschung: Die Abgesandten Theodor Lerners. – Vereinbarungen mit Lerner.
XI. Über das Inlandeis zum Eis-Fjord
Abschied von der Sorge-Bai. – Mein Bettschlitten. – Das erste Lager im Sturm. – Die Zelte. – Pemmikan. – Kleidung der Norweger. – Die Zugtiere. – Das Ende der Rentiere. – Die norwegischen Hunde. – Jule und Cäsar. – Das letzte Rentier versagt. – Durch jungfräuliches Gebiet. – Nebel. – Abstieg zur Wijde-Bai. – Zum dritten Male über die Wijde-Bai. – Cäsars Tod. – Die Hütte bei Kap Petermann. – Ein Fangmannsdrama. – Eigenartige Zusammenhänge. – Pfingsten. – Der West-Fjord. – Talvereisung. – Übergang zur Dickson-Bai. – Auf der Dickson-Bai. – Über den Eis-Fjord. – Zweitägiger Umweg. – Durch das de Geer-Tal. – Jagdhütte im Advent-Tal. – Einzug in Longyear-City.
XII. Heimwärts
»Munroe«-Fieber. – Longyear-City und sein Kohlenbergwerk. – Abschied von Jule. – In der Telefunkstation Green Harbour. – Heimreise auf Mansfields »Aktiv«. – Ein trauriger Rückblick. – Acht Nekrologe. – Ein trauriges Ergebnis.
Verzeichnis der Abbildungen
* Zurück zum Schiff
Übersichtskarte von Spitzbergen
Abfahrt von Tromsö
Mitternachtssonne
Die Hunde im Beiboot
»Herzog Ernst« vor dem Adams-Gletscher
Besucher der »Viktoria Luise«
Spitzbergen
Auf der Fahrt
Einüben der Hunde im Schlittenziehen
Der erste erlegte Eisbär
Nördlich vom Nordostland – eine Stunde vor dem Abschied
der Schlitten-Expedition am 15. August 1912
Auf dem Eise des Nordostlandes
Erlegtes Walroß
Unterwaschener Eisberg
Gekenterter Eisberg
»Herzog Ernst«
In der Sorge-Bai, Anfang September 1912
Zoologe Dr. Detmers mit Schneehühnern
Ente. (Vignette)
Mannschaft des »Herzog Ernst«
* Blick auf die Sorge-Bai (Tafel)
* Die Westseite der Wijde-Bai, 3. Oktober 1912 (Tafel)
* Unser Asyl an der Wijde-Bai
* Beim Verbinden
Der mechanische Stiefel (Schluß-Vignette)
* Das erste Lager auf dem Rückmarsch
* Der letzte Anstieg
* Heiligabend (Tafel)
Maschinist Eberhard
Marinemaler Rave in Winterkleidung
Das schwedische Stationshaus an der Sorge-Bai
* Auf der Sorge-Bai (Tafel)
Der Arzt der Hilfsexpedition Dr. Böckmann
Erlegte Bärin; Staxrud, Nois, Böckmann
Die drei Mediziner der Hilfsexpedition Lerner
Rüdiger und Rave vor dem Hause an der Sorge-Bai
Das erste Lager
Auf dem Inlandeis in 1200 m Höhe
Abstieg zur Wijde-Bai
Hütte am Nord-Fjord
Rentierjagd im Advent-Tal
Longyear-City an der Advent-Bai
Schachteingang der Kohlenmine, Advent-Bai
Abfahrt von der Advent-Bai
Funkenstation Green-Harbour
Wieder in der Kultur
Die letzten Rentiere und der Bettschlitten
Der gastfreundliche Engländer Mansfield
Ankunft in Tromsö
Die mit * versehenen Bilder nach Zeichnungen, die übrigen nach photographischen Aufnahmen des Marinemalers Rave.
I.
Die wissenschaftlichen und nautischen Mitglieder waren bereits längst für die Expedition gewonnen, als ich als letzter und jüngster Teilnehmer dazukam und aus der beschaulichen Stille der mecklenburgischen Landesuniversität in die Reichshauptstadt übersiedelte, um die wenigen Wochen, die mir noch bis zur Abreise nach Norden zur Verfügung standen, auf die Vorbereitung für meinen neuen Beruf zu verwenden.
Es ist immerhin ein bedeutungsvoller Moment im menschlichen Leben, der Entschluß Polarforscher zu werden; auch wenn es sich nur um die Teilnahme an einer einzigen Expedition handeln sollte, wird er immer irgendwie bestimmend fürs Leben sein. Es drängt mich daher, hier kurz zu entwickeln, wie ich zu dieser Entschließung kam. Sie beruht, wenn ich mich nicht selbst täusche, auf zwei Wurzeln, die bereits früh in meiner Entwickelung zutage traten und sich dann immer weiter und kräftiger entfalteten. Die eine ist die Freude an der Natur und die Lust zum Wandern, die schon den Schüler nach Wandervogelart nicht nur die nähere Umgebung der Vaterstadt Hamburg, sondern auch die anderen deutschen Gaue durchstreifen ließ, die dann dem Studenten die majestätische Pracht der Alpen erschloß. Sie veranlaßte mich auch, auf der Universität mich hauptsächlich geographischen Studien zuzuwenden, während eine vom Vater ererbte Neigung mich daneben zur Geschichte trieb. Die zweite Wurzel ist ein von jeher reges Interesse an der Polarforschung, das zuerst wohl nur in der Lektüre polarer Reisebeschreibungen bestand und das rasch entflammte Knabenherz mit dem sehnsüchtigen Wunsch erfüllte: »Ach, wer da mitreisen könnte!« Bald sammelte ich dann jede Zeitungsnotiz, die sich auf irgendein polares Ereignis bezog, und fing auch selbst an, literarisch tätig zu sein; so war mein erstes literarisches Erzeugnis eine Huldigung, die ich Fridtjof Nansen zu seinem 45. Geburtstag (1906) darbrachte. Meine historisch-geographischen Studien und das Glück, an der Münchener Universität Schüler eines Geographen zu werden, der beide Polarzonen aus eigener Anschauung kannte, wirkten weiter in dieser Richtung und ließen mich in meiner Doktordissertation »Deutschlands Anteil an der Lösung der polaren Probleme« bearbeiten. Immerhin wußte ich wohl, daß von der Theorie zur Praxis noch ein weiter Weg war, und das war mir eine stete, geheime Sorge. Da fügte es der Zufall gelegentlich einer literarischen Arbeit, daß ich mit dem Geographen der »Deutschen Arktischen Expedition«, Dr. Max Mayr, der mir bereits von München her persönlich bekannt war, in Verbindung trat, und so wurde ich Ozeanograph der Expedition.
Der Plan der »Deutschen Arktischen Expedition« verdankte seine Entstehung dem Rolberger Infanterieoffizier Schröder-Stranz. Wenn sich auch Leutnant Schröder-Stranz vorher weder als geographischer Forschungsreisender überhaupt, noch im besonderen auf dem Gebiete der Polarforschung betätigt hatte, so wußte man doch aus seiner Teilnahme an dem Feldzuge in Deutsch-Südwestafrika und aus seinen verschiedenen Reisen in Amerika, Russisch-Lappland und anderen Gegenden der Erde, daß man es hier mit einem energischen, an Strapazen gewöhnten Manne zu tun hatte, der wohl dazu befähigt schien, etwas wirklich Großes zu leisten. Jedenfalls zeigte der Plan seiner arktischen Expedition eine nicht zu leugnende Großzügigkeit und, was weit bedeutungsvoller ist, ein geschicktes Erfassen des richtigen Augenblicks.
Gewiß, der Schein des Epigonenhaften wird einer zweiten Bezwingung der nordöstlichen Durchfahrt, des Seewegs im Norden von Europa und Asien durch die Beringstraße zum Großen Ozean, immer anhaften, es ist eben doch nur eine Wiederholung der berühmten »Vega«-Fahrt des A. E. v. Nordenskjölds. Und trotzdem gilt es hier eine Lücke in der modernen Polarforschung auszufüllen. Seitdem Amundsen die Nordwestpassage, den Seeweg im Norden Amerikas, durchfahren, seitdem die Umrisse der grönländischen Nordküste entschleiert, seitdem Peary von der amerikanischen Seite aus den Nordpol erreicht, darf man hier von einem gewissen Abschluß der Großforschung sprechen. Unbekannt ist noch der Teil des arktischen Beckens, der sich von der Beringstraße im Westen bis nach Crokerland – westlich von Nord-Grönland im Osten erstreckt; es ist das Wirkungsfeld einer neuen amerikanischen Expedition. Unbekannt ist auch die innerste Arktis nördlich des Streifens, der im Osten durch die Drift der »Jeannette«, im Westen durch Nansen und die Route der »Fram« erforscht wurde; hierhin ist die Wiederholung der »Fram«-Drift unter Amundsens Leitung von der Beringstraße bis zur Grönlandsee gerichtet. Überall ist das Kartenbild erweitert und umgestaltet worden, werden auch in den nächsten Jahren neue Werte geschaffen werden. Nur an der asiatischen Seite regt sich nichts, und da wollte eben die Expedition von Schröder-Stranz eingreifen und gleichsam den Angriffsring rings um das Nordpolargebiet schließen. Daher ist ihr Plan auch von strengwissenschaftlicher Seite aufs lebhafteste begrüßt worden, ganz abgesehen von der Förderung, die Handel und Schiffahrt aus der Erkundung und Vermessung eines europäisch-sibirischen Seeweges erfahren können.
Sorgfältigste Vorbereitung ist eine der Vorbedingungen für das Gelingen jeder Polarexpedition. Erprobung des Proviants und der Ausrüstung wie Einarbeitung der Teilnehmer war daher der Hauptzweck der im Sommer 1912 unternommenen Studienreise oder Vorexpedition. Ähnlich wie Wilhelm Filchner im Jahre 1910 wählte Schröder-Stranz als Ziel derselben Spitzbergen, und zwar dessen unbekanntesten Teil, das Nordostland. Das entsprach weniger dem Rahmen einer sommerlichen Studienfahrt als der energischen Persönlichkeit dieses Mannes, die eben gleich etwas Ganzes leisten wollte und der als Ziel ein Eindringen in das fast völlig unbekannte Innere des Nordostlandes und womöglich dessen Durchquerung vorschwebte.
Außer Mayr, der Geographie und Geologie vertrat, und mir nahmen an der Vorexpedition als Zoologe Dr. Erwin Detmers aus Hannover, als Botaniker Dr. Walter Moeser aus Berlin und als Künstler der Marinemaler Christopher Rave aus Hamburg teil. Die nautische Abteilung bestand aus dem für die Hauptexpedition in Aussicht genommenen 1. und 2. Offizier: Alfred Ritscher, bisher 2. Offizier bei der Hamburg-Amerika-Linie, und Kapitän a. D. August Sandleben, der zugleich meteorologisch arbeitete, während der Kapitän W. Berg, ein im Sibirischen Eismeer erprobter Schiffsführer, zur Aufsicht beim Bau des Schiffes für die Hauptexpedition in der Heimat zurückblieb.
Auf dem Land- oder Seewege reisten die verschiedenen Teilnehmer nach Tromsö. Während der Geograph zu Studienzwecken noch in Kopenhagen, Stockholm und Kiruna, der Zoologe in Bergen Station machten, fuhren die Seeleute direkt auf dem schnellsten Wege, um ein geeignetes Schiff zu chartern und für dessen Instandsetzung Sorge zu tragen.
Ich selbst fuhr am 20. Juli von Hamburg aus mit dem norwegischen Dampfer »Capella«, der unsere ganze Ausrüstung wie den Proviant als Ladung mit sich führte, bis auf die 24 Zughunde, gegen deren Mitnahme der Kapitän in Rücksicht auf die Ruhe seiner etwa 60 Passagiere aufs energischste protestiert hatte. Meine beiden Reisegefährten waren Dr. August Wedemeyer, ein Mitarbeiter der Deutschen Seewarte, dessen neues Ortsbestimmungsinstrument zum ersten Male während unserer Expedition praktische Verwendung finden sollte, und Leutnant Haupt, ein alter Regimentskamerad des Expeditionsleiters, dem dieser die Sorge für die richtige Überführung der wertvollen Ladung übertragen hatte. Diese Sorge übernahmen wir drei nun gemeinsam, aber viel Sorgen machte sie uns nicht, höchstens die Unterbringung einiger besonders diffiziler Instrumente wie der Chronometer oder des Marinebarometers, wobei uns jedoch der Kapitän des Schiffes sehr liebenswürdig entgegenkam. So konnten wir ungestört in vollen Zügen die herrliche Seereise genießen; das »ungestört« betone ich besonders im Hinblick auf die drei Expeditionsteilnehmer, welche drei Tage später auf dem Dampfer »Castor« Hamburg verließen und denen die Sorge für unsere Hunde, wie wir später erfuhren, die Fahrt recht verleidete. Wir dagegen hatten nichts weiter zu tun, während das Schiff gegen eine leichte nordwestliche Dünung anstampfte, als höchstens einmal nach unseren Kajaks und Schlitten zu sehen, die an Deck festgelascht waren.
In 34stündiger Reise wurde die norwegische Küste erreicht, und nun begann für uns jene reizvolle Fahrt entlang der Küste nach Norden, die alljährlich Tausende von Touristen aus aller Herren Länder anlockt, bald draußen am Rande des Ozeans vorbei an schildkrötenhaft abgerundeten Felsenriesen, bald durch das Gewirr niedriger Schären, und dann wieder zwischen den steiler werdenden Ufern eines Fjordes zu irgendeinem idyllisch gelegenen Hafenplätzchen. In Bergen hatten wir einen Tag Aufenthalt, den wir dazu benutzten, um Stadt und Umgegend kennenzulernen, da uns ein Verweilen beim Umladen unserer Fracht zu langweilig erschien. Diese geschah in echt norwegischer Langsamkeit von der »Capella« in den Leichter, vom Leichter in den Zollschuppen, von diesem wieder in den Leichter und dann endlich in die »Sigurd Jarl«, den Dampfer der uns weiter nach Norden führenden Schnellroute.
Unsere Fahrt wurde immer interessanter, die Bergformen großartiger und alpiner. Die wundervolle blaue Färbung des Wassers besonders bei Molde, die reizvollen Effekte, welche die Sonne auf den fernen mit Schnee und Eis bedeckten Höhen hervorzauberte, die immer heller werdenden Nächte, alles rief unser ganzes Entzücken wach, hielt uns ständig auf dem Oberdeck und ließ uns fast die Nachtruhe vergessen. So kam es, daß wir das Passieren des Polarkreises, das am 27. Juli 8 Uhr morgens erfolgte, glatt verschliefen.
In Bodö setzten wir zum ersten Male den Fuß auf polaren Boden, ohne daß uns irgend etwas Besonderes aufgefallen wäre, auch die Menschen, die sich wie überall bei der Ankunft und Abfahrt der Dampfschiffe am Kai einfanden, unterschieden sich in nichts von denen der gemäßigten Zone. Doch halt! eins war ja auffallend: Die Pelzkragen der jungen Mädchen mitten im Sommer. Wir schauten auf das Thermometer, und wirklich war es erheblich kälter geworden; es zeigte kaum noch + 12 C. Außer dem Sinken der Temperatur erinnerte etwas anderes noch an die höhere Breite, die Klarheit der Luft, die das Schätzen von Höhen und Entfernungen so außerordentlich erschwert. Ein Berg, an dessen Fuß wir vorüberfuhren, dem ich 300-400 m zubilligte, war laut Karte 994 m hoch!
Am nächsten Morgen, es war ein Sonntag, näherten wir uns Tromsö. Waren uns am Abend zuvor bei trübem, regnerischem Wetter die zackigen Felsen der Lofoten in ihrer ganzen hochnordischen Rauheit erschienen, so staunten wir jetzt: Je nördlicher wir kamen, desto lieblicher wurde die Landschaft. Auf beiden Seiten grüßten uns grünbewaldete Höhen, die sich mit den dahinterliegenden schneebedeckten Bergen in der ruhigen Flut spiegelten. Mittags 12 Uhr machte der »Sigurd Jarl« an der Landungsbrücke von Tromsö fest, auf der wir von Detmers, Mayr, Ritscher und Sandleben freundlichst begrüßt wurden.
Wenn uns auch in Tromsö noch alle Segnungen der europäischen Kultur gleichsam zum Abschied in besonders reichem Maße zuteil wurden, so konnten wir doch an manchem merken, daß uns eine fremde Welt umgab. Drüben auf dem Festlande – Tromsö liegt auf einer Insel – besuchten wir das Lager der dort im Sommer ansässigen Lappen, das aus wenigen, zerstreut liegenden Zelten besteht. Ihre Bewohner sind schmutzige, zwergenhafte Gestalten, die von dem Verkauf kleiner aus Rentiergeweih und -leder gefertigter Gegenstände leben. Daß sie unter der ständigen Berührung mit der Kultur entschieden gelitten haben und daß auch ihre Ansiedelung mehr den Charakter eines Sonntagsnachmittagsausflugsortes der Tromsöer trägt, konnten wir uns allerdings nicht verhehlen.
Da war es doch ein anderer Genuß, höher bergan zu klimmen, wo bald auch die niedrigen Birkenstämme aufhörten, wo nur Moose und Flechten ihr bescheidenes Dasein fristeten, und wenn plötzlich aus dem Nebel eine Herde flüchtiger Rentiere auftauchte, erst neugierig den Wanderer betrachtend, aber bald scheu von dannen stiebend, dann fühlte man die unmittelbare Nähe und den Zauber der arktischen Natur. Während eines solchen Ausfluges bestiegen Mayr und ich den etwa 800 m hohen Floifjeld; von der Besteigung des gut 400 m höheren Tromsdalstinds hielt uns leider ein plötzlich aufziehendes Unwetter ab.
Überhaupt war die Woche unseres Tromsöer Aufenthalts reich an ergiebigen Regenfällen. Da war es nur gut, daß wir im »Grand Hotel« des Herrn Hansen so trefflich aufgehoben waren. In dem freundlichen »Laesevarelse« desselben haben wir manche Stunde verplaudert, oft bis spät in die Nacht hinein, bei der dauernden Helligkeit uns über die Zeit täuschend, ähnlich wie die biederen Tromsöer, die bis zur mitternächtlichen Stunde in der Hauptstraße auf- und abpromenierten. Es gab ja auch so mancherlei zu erzählen und zu besprechen. Neben unserer eigenen nächsten Zukunft war es vor allem das jüngste Ereignis der Polarforschung, das unser aller Interesse erregte: die Rückkehr des dänischen Kapitäns Mikkelsen und seines Begleiters Iversen aus Grönland, die man bereits für verloren gegeben und die nun gerade in diesen Tagen nach dreijähriger Abwesenheit in Norwegen gelandet waren. Damals freilich konnten wir nicht ahnen, daß einigen von uns Ähnliches, wenn auch nicht solche jahrelangen Strapazen bevorstanden. Damals hatten wir ja auch alle Hände voll zu tun, um mit den Vorbereitungen bis zur Abreise fertig zu werden.
Am 1. August kamen Leutnant Schröder-Stranz, der Rest der Teilnehmer und die Hunde an. Tags zuvor war der Motorkutter »Sterling« für die Expedition gekauft worden. Der Abschluß des Kaufes hatte sich so lange hinausgezögert, weil man mit den Besitzern mehrerer Fangschiffe in Unterhandlung stand. Die Wahl fiel schließlich auf den »Sterling«, das seetüchtigste und geräumigste der in Betracht kommenden Schiffe. Es ist im Jahre 1878 aus Eichenholz erbaut und sein Rumpf zu zwei Dritteln durch eine eichene Eishaut verstärkt. Die Länge mißt 26 m, die Breite 5 ½ m, die Höhe von der Kiellinie bis zum Deck 5 ½ m; der Rauminhalt beträgt brutto 138, netto 61 Registertons. Es ist ein Zweimastschoner mit einem zweizylindrigen Bolinderpetroleummotor, dessen 45 Pferdekräfte ihm eine Geschwindigkeit von 5 ½ Seemeilen verleihen, während die Maximalgeschwindigkeit bei gleichzeitiger Benutzung von Motor und Segel 8 Seemeilen in der Stunde beträgt. Wenn auch beides, Größe wie Geschwindigkeit, nur bescheidenen Ansprüchen genügte, so durften wir trotzdem mit dem Kauf zufrieden sein, zumal das Schiff schon äußerlich einen schmucken Eindruck machte. Vorläufig sah es allerdings an Deck wild genug aus, und das wurde während der letzten Tage des Einladens und Auspackens bis zum Augenblick der Abreise eher schlimmer als besser.
Der Tag der Abreise rückte näher. Zum Abschied gab uns der österreichisch-ungarische Konsul Aagaard in seinem ober halb der Stadt reizend im Grünen gelegenen Landhause, von dessen Terrasse man einen entzückenden Blick auf Stadt, Fjord und die Gebirgsszenerie des Festlandes genoß, ein Festessen. Bei dieser Gelegenheit lernten wir auch die schottischen Polarforscher Bruce und Brown kennen, die sich auf der Durchreise nach West-Spitzbergen befanden, wo sie geologische Untersuchungen vornehmen wollten.
Zwei Tage darauf, am Sonntagvormittag um 11 Uhr, waren der deutsche Konsul Jebens und Gemahlin und Konsul Aagaard nebst Tochter Gäste an Bord unseres Schiffes. Aus dem Tromsör Fangschiff »Sterling« wurde in feierlicher Taufhandlung, zu der allerdings das scheußliche Regenwetter wenig passen wollte, ein deutsches Expeditionsschiff »Herzog Ernst«, benannt nach dem hohen Protektor der Expedition, dem Herzog Ernst von Sachsen-Altenburg. Der deutsche Konsul hielt die Taufrede, seine Gattin zerschlug eine Flasche deutschen Schaumweins an dem Buganker, und unter dreifachem Hurra ging die deutsche Flagge am Großmast in die Höhe.
Eine Stunde später verließ »Herzog Ernst« den Tromsör Hafen und dampfte fjordabwärts, um am jenseitigen Ufer, wo bei einem Gehöft die Hunde untergebracht waren, vor Anker zu gehen. Ihr endgültiger Termin hatte sich ja leider allzuweit hinausgeschoben, so daß Leutnant Schröder-Stranz uns mitteilte, es müßte immerhin wegen der vorgerückten Jahreszeit nicht nur mit der Möglichkeit, sondern sogar mit der Wahrscheinlichkeit einer Überwinterung gerechnet werden. Das war für die meisten von uns, die wir darauf nicht vorbereitet waren, eine höchst unliebsame Überraschung, aber deswegen im letzten Moment umkehren, dazu mochte sich doch keiner entschließen. Lieber gab man sich der Hoffnung hin, daß es eben doch anders käme und man vor Anbruch der Winternacht wieder in der Heimat wäre. Wie sehr wir uns freilich in dieser Hoffnung täuschten, das konnten wir damals noch nicht ahnen!
Abfahrt von Tromsö. Ritscher und Schröder-Stranz (rechts)
II.
In der Nacht vom 4. auf den 5. August schliefen wir vier Gelehrten bereits an Bord, mittschiffs in unserer kleinen Sechsmännerkajüte, während Rave und Schmidt noch in Tromsö blieben. Der Montagmorgen brachte nach den letzten Regentagen frisches, sonniges Wetter. In zweistündiger Arbeit wurden die Hunde vom Lande herübergeschafft und an Deck festgemacht. Bis zur Abfahrt vergingen aber doch noch mehrere Stunden: Photographische Aufnahmen und das Nachholen einiger in Tromsö vergessener Sachen ließen es fast Mittag werden. Endlich wurde der Anker gehievt, und wir dampften dem Meere zu. In einem kleinen Motorboote gaben uns Dr. Wedemeyer und unser Hotelwirt Hansen ein Stück Wegs das Geleite. Dann ein kurzer Abschiedsruf, ein Winken her- und hinüber, und ein jeder von uns ging an seine Arbeit.
Mitternachtssonne
Es gab mehr als genug zu tun, uns einzurichten und alles einigermaßen fest zu verstauen, bevor wir auf die offene See kamen. Über und unter Deck herrschte immer noch ein wüstes Durcheinander, bei den beengten Raumverhältnissen und den vielen Menschen, Hunden und tausenderlei Sachen, die alle Platz haben wollten, schließlich kein Wunder. Allein die 24 Hunde auf dem im Ganzen nur 24 Meter langen Schiff, wieviel Platz nahmen sie in Anspruch! Jeder mußte so angebunden sein, daß er mit seinem lieben Nächsten keine Rauferei anfing. Aber 24 Hunde nehmen nicht nur Platz fort, sie machen auch unbeschreiblich viel Lärm und Dreck, und sie wollen außerdem gefüttert und getränkt sein. Kurz: Sie bringen Arbeit und Unruhe in Menge mit sich, so daß selbst ein Hundefreund gelegentlich darüber in Verzweiflung geraten kann.
An Deck war es sowieso schon eng genug. Ganz vorn stand die Ankerwinde, dahinter der Eingang zum Mannschaftslogis. Zu beiden Seiten lagen Haufen von Ankerketten und weiter rückwärts an jeder Seite ein Wasserfaß. Zu Füßen des Großmastes befanden sich Oberlicht und Treppenüberdachung der Mittschiffskajüten. Ohne weitere Zwischenräume folgten dann die Luke zum Laderaum, eine große Proviantkiste, die Kombüse, Oberlicht und Eingang zum Maschinenraum und nach dem schmalen Querweg für die Taljen des Großgaffelbaums die Oberbauten der eigentlichen Kajüte, aus welcher der Besanmast emporragte. Dahinter schließlich das Steuerruder und die W.-C.
Zwischen und neben alledem wäre wohl hinreichend Platz für die Hunde und das Bewegen der Schiffsbewohner gewesen, wenn nicht eben noch erheblich mehr, was im Laderaum nicht hatte verstaut werden können, dort gestanden hätte, wie Schlitten und Kajaks, Tonnen und Kisten, Ballen und Säcke. Da ist es begreiflich, daß ein Gang von nur ein paar Schritten über Deck nicht ohne Schwierigkeiten und Gefahren war, sei es daß man über irgend etwas stolperte, sei es daß man jemand bei irgendeiner Arbeit in den Weg lief oder endlich einem Hunde auf die Pfoten trat und zum Dank dafür auch noch gebissen werden konnte.
Unter Deck war man zunächst wenigstens von den Hunden verschont, aber im übrigen sah es hier nicht besser aus. Der Mannschaftsraum mochte wohl eine rühmliche Ausnahme bilden, denn erstens nehmen die Seeleute nicht viele Sachen mit auf die Reise und zweitens sind sie an die engen Verhältnisse gewöhnt. Hier wohnten unsere fünf norwegischen Matrosen, sämtlich gebürtige Tromsöer und mit den Gefahren des Eismeeres vertraut: August Stenersen, zugleich Eislotse, Einar Rotvold, die Brüder Julius und Jörgen Jensen und der Koch Knut Stave. Auch in der Kajüte, dem Wohn- und Schlafraum Ritschers, Sandlebens und des Maschinisten Eberhard herrschte bereits leidliche Ordnung, da sie zugleich während der Fahrt als Navigations- und Kartenraum dienen mußte. Am schlimmsten war es im Mittschiff. Hausten wir hier doch zu siebent: die Expeditionsleitung im Verein mit Kunst und Wissenschaft! Rechts des schmalen Mittelganges lagen zwei kleine Einzelkammern, die erste für den Leutnant, die zweite als Dunkelkammer für Rave bestimmt. Links befand sich die Sechsmännerkajüte, in der die vier Gelehrten, der Künstler und Schmidt, der Sekretär des Leiters, wohnten. Vier Kojen lagen hier längs der Schiffswand, zwei quer dazu je zwei übereinander; eine Kommode, die gleichzeitig als Tisch diente, ein Waschtisch, eine Bank, unmittelbar vor den unteren Längskojen befestigt, und ein Ofen bildeten die gesamte Einrichtung. Zum Schlafen war genügend Platz vorhanden, wenn auch die Längsten von uns einen Teil ihrer Glieder aus der Koje heraushängen lassen mußten, aber zum Sitzen reichte der Raum nicht. So mußte sich bei den Mahlzeiten mindestens einer draußen im Flur niederlassen. Wo sollten wir all’ unsere Sachen lassen? An ein Auspacken war gar nicht zu denken. Das Wichtigste kam in die Kojen, als Kopfkissen oder unter die Matratze; das meiste blieb im Zeugsack und Rucksack, die unter den Kojen verstaut wurden. Zum Glück konnten die Bücher, Instrumente und Apparate zum Teil in der Dunkelkammer und in einem Wandschrank auf dem Flur untergebracht werden. Vieles mußte jedoch zunächst unausgepackt an Deck oder im Raum stehen bleiben.
Die Hunde im Beiboot
Über all’ der Packerei blieb uns wenig Zeit, die Fahrt selbst zu genießen. Bei herrlichem Sonnenschein dampften wir durch eine malerische Fjordlandschaft mit grün prangenden Uferhügeln, von denen freundliche Gehöfte wie grüßend zu uns hinübersahen. Allmählich, je näher wir dem Ozean kamen, desto kahler wurden die Höhen, desto monotoner das ganze Bild; nichts als nackter Fels!
Um 7 Uhr abends erreichten wir das offene Meer und nahmen Kurs N ¼ O. Es war fast windstill, aber von Osten kam eine hohe Dünung, die unser kleines Schiff bald tüchtig rollen ließ. Nur gut, daß alles einigermaßen weggestaut oder festgelascht war! Auch die Menschen verschwanden bald von Deck und stauten sich in ihre Kojen. Als ich um 10 Uhr in unsere Kajüte kam, lagen hier bereits vier Kranke. Bei diesem Anblick hatte ich nichts Eiligeres zu tun, als noch einmal rasch hinaufzustürzen, um mich dann zu ihnen zu legen.
Der zweite Tag brachte wenig Veränderungen. Der Kurs blieb derselbe, die Dünung war gleich stark. Gegen Morgen waren die Segel gesetzt worden, aber da der Wind von Norden kam, halfen sie dem Motor nur wenig. Längst war die norwegische Küste hinter uns versunken; nur Wasser und Himmel umgaben uns ringsum, so weit das Auge reichte, und man glaubte bei der Klarheit des Himmels unermeßlich weit blicken zu können. Mittschiffs blieben die meisten in den Kojen liegen, da unser Schiff unaufhaltsam wacker auf- und niederstampfte. Außerdem war es an Deck trotz des warmen Sonnenscheins unangenehm naß und kalt. Das merkte ich erst, als ich, von der Kombüse kommend, plötzlich auf dem Maschinisten lag, während der Teller in Stücke sprang, Fisch und Kartoffeln aber ein paar Hunden ins Maul rollten.
Am folgenden Tage, dem 7. August, kam um 11 Uhr vormittags die Bäreninsel in Sicht. Die Dünung hatte sich gelegt, und eine frische Brise kam auf. Alles stand an Deck; kein einziger blieb in der Koje. Zuletzt tauchte der Geograph auf, und zwar noch etwas blaß, aber erleichtert aufatmend, als er die Insel erblickte: »Herrgottsakra, endlich amal a Land! Wenn i bloß aussteigen könnt!« Eine Landung war nicht beabsichtigt, da wir möglichst schnell weiter nach Norden wollten. Aber während der Vorbeifahrt an der Westseite der Insel von 2 bis ½ 4 Uhr war das Wetter so gut und die Aussicht so günstig, daß wir wohl von besonderem Glück reden durften.
Die Bäreninsel wird nur selten einmal besucht. Um die letzte Jahrhundertwende war sie und ihre wirtschaftliche Ausbeutung das Ziel mehrerer von Deutschland ausgehender Expeditionen: Man wollte der buchtenlosen Insel einen künstlichen Hafen schaffen, wollte die dort anstehenden Kohlen abbauen und möglichst rationellen Fischfang treiben. Über die Vorexpeditionen, die mit wissenschaftlichen und praktischen Untersuchungen betraut waren, sind diese Unternehmen nicht hinausgelangt vielleicht zu ihrem Vorteil! Bis heute hat die Insel keine Bewohner gehabt, außer einigen russischen Jägern und anderen Fangleuten, die dort freiwillig oder unfreiwillig überwintert haben. In trostloser Einsamkeit liegt sie da, umtost von Winden und Wellen, meist durch dichten Nebel dem Auge des Vorüberfahrenden verborgen, denn warme und kalte Meeresströmungen berühren hier einander.
Auch wir, an der Westseite der Insel, konnten deutlich die abkühlende Wirkung des Polarstromes spüren: Luft- und Wassertemperatur, die am Tage zuvor noch + 9,75° bzw. + 8,32° betragen hatten, sanken auf + 3,6° bzw. + 2,02° herab. Aber die Nebelwolken waren von dem frischen Wind vertrieben, und so sahen wir mit gespanntestem Interesse vom Schiff, das jetzt zum ersten Male allein mit Hilfe der Segel vorwärtseilte, zu dem felsigen Eiland hinüber. Nur der Gipfel der höchsten Erhebung, des Mount Misery, blieb hinter Wolken verborgen. Sonst erkannte man deutlich den allgemeinen Charakter der Insel: Ein völlig ödes Plateau, eine Wüste von Steinbrocken, mit ein paar noch übrig gebliebenen Schneeflecken dazwischen, zum Meer hin steil abstürzend. An dem steilen Felsufer schien das einzige auf der Insel überhaupt vorhandene Leben zu herrschen, Scharen unzähliger Vögel meist Möwen, die auch kreischend unser Schiff umflogen und besonders den Zoologen, dessen Spezialstudium gerade die Ornithologie ist, begeisterten.
Mit nordöstlichen Kursen ging es weiter auf Spitzbergen zu. Über Nacht begann es aus Nordosten zu stürmen, so daß das Schiff – zwei Segel festgemacht, die anderen gerefft – hart gegen den Wind lag. Erst am Mittag des nächsten Tages – die Mittagsbestimmung ergab 76° 33’ n. Br. und 19° 35’ ö. L., wir waren also am Eingang des Stor-Fjords – wurde die See in der Nähe des Eises ruhiger. Es waren zunächst einzelne Schollen, deren Entfernung und Größe unser ungewohntes Auge gänzlich verkannte: Wir hielten für einen weit entfernten, zackigen Eisberg, was dann ein paar Minuten später als unbedeutende Scholle, von den nagenden Wellen phantastisch umgeformt, an uns vorübertrieb. Es folgten größere Treibeisfelder, und schließlich erblickte man am Horizont den weißschimmernden Streifen des dichten, ungebrochenen Packeises. Wir suchten ostwärts auszuweichen, aber bald zwang uns das Eis wie der Nebel zum Beidrehen. In unserer Nähe trieben zwei Fangschiffe, ebenfalls besseres Wetter abwartend. Der Kapitän eines derselben, den wir zu uns hinüberbaten, wußte wenig über die Eisverhältnisse weiter im Osten von Spitzbergen, aber dies wenige genügte, um unsere Hoffnung hier weiterzukommen auf ein Mindestmaß zu beschränken.
Trotzdem entwickelte sich in der Mittschiffskajüte bei der Wärme eines Petroleumofens ein ganz behagliches Leben. Ein jeder freute sich, daß das ungemütliche Schwanken endlich aufgehört hatte; über die Eisverhältnisse machte man sich vorläufig weniger Sorge. Doppelt angenehm war es auch unter Deck, weil draußen ein feiner Nebelregen niederging, der sich überall als Eis niederschlug; klatschend fielen die Eisstücke von den Wanten und Tauen herab. Die Temperatur war auf + 0,8° gesunken, die des Wassers sogar auf 0,3°.
Die Hunde hatten, wie an den vorherigen Tagen unter dem Seegang, jetzt sehr unter der Nässe zu leiden. Zwei mußten bereits getötet werden. Daher traf der Leutnant die Anordnung, daß sie über Nacht in den Kajüten untergebracht werden sollten. Wir konnten dies zwar wohl begreiflich finden, uns aber in Anbetracht der Enge schlecht mit diesem Gedanken vertraut machen. Zum Glück kam Schmidt, der für die Hunde zu sorgen hatte, auf die Idee, einem Teil derselben in dem einen Beiboot, das während des Sturmes ganz auf Deck genommen war, unter einem großen Persenning sein Lager zu bereiten. So brauchten wir wenigstens nur fünf Hunde nachts bei uns aufzunehmen, immerhin schon genug!
Am folgenden Morgen (9. August) sollte eine ozeanologische-zoologische Station gemacht werden. Brannten wir doch förmlich darauf, endlich etwas Wissenschaftliches leisten zu können. Bisher war dazu kaum Zeit und Gelegenheit gewesen, einmal, weil wir möglichst rasch nordwärts wollten, und weil außerdem die von uns, welche nicht seekrank waren, wegen der kleinen Zahl der Besatzung bei den Schiffsarbeiten halfen, sei es beim Proviantauspacken im Raum oder beim Tragen von Frischwasser für die Maschine. Der Leutnant ging uns hierin mit dem besten Beispiel vor an, indem er den Maschinisten bei dem halbstündlichen Ölen des Motors ablöste.
Aber es kam anders, als geplant war. Früh um ½ 7 Uhr klarte es auf, und mit frischem südwestlichen Winde fuhren wir gen Nordwesten, wo vor uns die hohen Bergspitzen des Westufers des Stor-Fjords, also der Ostküste von West-Spitzbergen, auftauchten. Wir wollten versuchen, den hier liegenden Treibeisgürtel zu durchbrechen. Glückte uns dies, so war die Möglichkeit vorhanden, bis in das Innere des Stor-Fjords und von dort durch die Walter-Thymen-Straße oder den Helis-Sund in das östlich der Spitzbergen-Gruppe gelegene Meer zu gelangen und die fast völlig unbekannte Ostküste des Nordostlandes zu erreichen.
Zum besseren Verständnis des hier Gesagten wie des Folgenden verweise ich den Leser auf die Übersichtskarte am Ende des Buches. Die Spitzbergen-Gruppe besteht aus fünf größeren und einer großen Zahl kleiner Inseln. West-Spitzbergen und Nordostland, bei weitem die bedeutendsten der ersten Gruppe, werden durch die Hinlopen-Straße voneinander geschieden, gehören aber ihrer Geologie wie ihrer Form nach durchaus zusammen. Sie haben, wie E. v. Drygalski1 näher ausgeführt hat, die Form eines Keils, dessen breite Basis am 80. Breitengrad liegt und dessen Spitze Spitzbergens Südkap etwas über 76° n. Br. nach Süden hinabreicht. Diesem Keil sind die drei anderen Inseln vorgelagert: seiner Westseite Prinz-Karl-Vorland, durch den Vorland-Sund von West-Spitzbergen getrennt, seiner Südostbe grenzung Barents-Land und Edge-Insel, durch einen vom Helis-Sund durchbrochenen schmalen Isthmus fast mit West-Spitzbergen verknüpft. Barents-Land und Edge-Insel werden durch die Walter-Thymen-Straße voneinander geschieden, während sich zwischen ihnen und West-Spitzbergen der breite Stor-Fjord einschiebt, in dem wir uns jetzt befanden.
Die Ostseite Spitzbergens ist meist vom Eise blockiert, im Sommer wie im Winter. Ja, gerade im Sommer, wo das feste Eis weithin aufbricht, drängt hier von Osten und von Norden immer wieder neues Eis nach, ständig ernährt durch die das ganze Nordpolarbecken von der Beringstraße her durchziehende Eisdrift. Das Eis versperrt dann die Nordküste des Nordostlandes, die gesamte Ostküste Spitzbergens, erfüllt den südlichen Teil der Hinlopen-Straße und den Stor-Fjord und dringt sogar in einem Streifen längs der Küste West-Spitzbergens bis etwa zu deren Mitte wieder nordwärts. Demgegenüber ist die nördliche Hälfte der Westküste und ein Teil der Nordküste bis zur Hinlopen-Straße besser gestellt und häufig eisfrei, denn der erwärmende Einfluß der atlantischen Strömung macht sich bis hierhin geltend. Für die hervorragende Rolle, welche die Meeresströmungen spielen, hier vornehmlich in der Zugänglichkeit und Nichtzugänglichkeit der Küsten, ist dies einer der schönsten Beweise. Auch wir sollten ihre Gunst wie Ungunst nur zu bald kennen lernen!
Es gelang uns nicht, das Eis vor uns zu durchbrechen. Auf 77° 3’ n. Br. und 19° 17’ ö. L. mußten wir mittags wenden, und unverzüglich wurde der Entschluß gefaßt, im Westen um Spitzbergen herumzugehen und dann an der Nordküste, so weit es ging, ostwärts vorzudringen. Das war die einzige Möglichkeit, die uns noch blieb, nachdem wir es im Osten wie auf dem Mittelwege eben dem Stor-Fjord vergeblich versucht hatten. Zunächst mußten wir in südöstlicher Richtung wieder aus dem Treibeis heraus.
