Die späte Rache des Jan Hus - Winfried Polte - E-Book

Die späte Rache des Jan Hus E-Book

Winfried Polte

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Beschreibung

Die Finanz- und Wirtschaftskrise der vergangenen Jahre hat nicht nur einen beträchtlichen ökonomischen Schaden angerichtet. Sie hat auch erneut die grundlegenden Fragen nach dem Gesellschafts-, vor allem aber dem Wirtschaftssystem gestellt. Bereicherung von Unternehmensvorständen sowie Investmentbankern haben eine nicht mehr akzeptable Dimension erreicht. Gleichzeitig distanziert sich die Bevölkerung zusehends von der vor allem seitens der katholischen Kirche weiterhin zur Schau gestellten Prunksucht, den sexuellen Übergriffen von Priestern und deren generell konservativen Weltanschauung gegenüber dem realen Leben in der Jetztzeit.

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Seitenzahl: 85

Veröffentlichungsjahr: 2015

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Winfried Polte

Die späte Rache

des Jan Hus

Eine kritische Betrachtung des Wirtschaftssystems und der Kirchen in der Neuzeit

- Ein (literarisches) Schauspiel –

Die Finanz- und Wirtschaftskrise der vergangenen Jahre hat nicht nur einen beträchtlichen ökonomischen Schaden angerichtet. Sie hat auch erneut die grundlegenden Fragen nach dem Gesellschafts-, vor allem aber dem Wirtschaftssystem gestellt. Bereicherung von Unternehmensvorständen sowie Investment- bankern haben eine nicht mehr akzeptable Dimension erreicht.

Gleichzeitig distanziert sich die Bevölkerung zusehends von der vor allem seitens der katholischen Kirche weiterhin zur Schau gestellten Prunksucht, den sexuellen Übergriffen von Priestern und deren generell konservativen Weltanschauung gegenüber dem realen Leben in der Jetztzeit.

Die Protagonisten des Stückes sind auf der einen Seite ein liberaler Wirtschaftsprofessor sowie eine kritische Studentin der Wirtschafts- und Sozialwissenschaften. Auf der anderen Seite ringen ein katholischer Priester sowie ein Sozialarbeiter um die richtige Einschätzung der Rolle der Kirchen in der heutigen Zeit. Nicht nur bei den beiden Themenblöcken zeigen sich plötzlich inhaltliche Parallelen, sondern auch auf der menschlichen Ebene bewirkt das Schicksal eine überraschende Wende.

Winfried Polte hat in Köln Wirtschafts- und Sozialwissenschaften studiert und dort auch promoviert. Über lange Jahre war er in leitender Funktion in der internationalen Entwicklungszu- sammenarbeit tätig. Heute unterrichtet er als Honorarprofessor an einer Hochschule zu den Themen Internationale Beziehungen und Globale Ökonomie. Seine vielfältigen Veröffentlichungen, auch zu sozialen Problemen der Gesellschaft, weisen ebenso einen Lyrik-Band auf. Besondere Beziehungen haben sich seit langer Zeit auf kultureller Ebene zur Literatur Afrikas sowie dem Theater entwickelt.

ISBN 978-3-7375-2982-2

Gewidmet den vielen Engagierten der freien Theaterszene – in welcher Funktion auch immer -, die meist unter sehr schwierigen Bedingungen einen ganz wichtigen kulturellen Beitrag leisten.

Impressum

Die späte Rache des Jan Hus

Winfried Polte

eBook

Copyright: © 2015 Winfried Polte

published by: epubli GmbH, Berlin, www.epubli.de

ISBN 978-3-7375-2982-2

Einzelheiten zu den Rechten für Theaterauffüh-rungen können bei dem Autor erfragt werden unter [email protected]

Inhaltsverzeichnis

Impressum
Vorwort
I. Akt
II. Akt
III. Akt

Vorwort

Der tschechische Schriftsteller Ivan Klima schrieb 1992 in einem Zeitungsbeitrag, dass er in seinen jungen Jahren wie wahrscheinlich viele tschechische Autoren ein Theaterstück über Jan Hus verfassen wollte. Angesichts der in den 1990er Jahren noch relativ geringen Zahl an deutschsprachigen Büchern über Hus schwebte dem Autor dieser Zeilen dement- sprechend eher ein allgemeines Werk über das Leben des tschechischen Nationalhelden vor. Ausgangspunkt dieser Überlegung war der Hinweis eines Familienmitglieds, dass nach einer mündlichen Überlieferung die eigenen Vorfahren im Zuge der Verfolgung der Hussiten nach Schlesien ausgewandert seien. Zwischen einer Idee und deren Realisierung kann manchmal eine ganze Reihe von Jahren vergehen, so dass dieser Gedanke erst wieder nach über zwei Jahrzehnten im Jahre 2013 aufgegriffen wurde. Eine Sichtung der Literatur ergab aber, dass inzwischen eine beachtliche Anzahl von Werken zu diesem Thema veröffentlicht worden ist oder sich in einem entsprechenden Prozess befindet.

Eine tiefergehende Auswertung dieser Publikationen zeigte allerdings, dass zwar der jeweilige historische Kontext und das inhaltliche Anliegen von Hus sehr umfassend dargestellt werden, dessen Person trotzdem keine genaueren Konturen gewinnt. Auch ergänzende Nachforschungen brachten kaum weitere Erhellung. Somit hätte nur der Einstieg in die historischen Dokumente der damaligen Zeit ein Lösungsansatz sein können. Da Hus neben der Veröffentlichung von Texten in lateinischer und deutscher Sprache später vor allem seine Predigten in der tschechischen Landessprache zum besseren Verständnis der eigenen Bevölkerung verfasste, hätte es hierzu eines enormen zeitlichen Aufwandes mit unsicherem Ergebnis bedurft. Aus diesem Grunde wurde Hus der Namensgeber und auch eine wichtige Referenzperson für das vorliegende Stück, aber nicht die zentrale Person; vielmehr stehen seine inhaltlichen Forderungen als Vor-Reformator gegenüber der damaligen katholischen Kirche im Fokus. Darüber hinaus schien es an der Zeit, im Rahmen dieser Wertediskussion auch die Frage aufzuwerfen, wo grundlegende Elemente unserer demokratischen Gesellschaftsordnung angesichts der negativen Auswüchse des derzeitigen Wirtschaftssystems verblieben sind.

Was macht nun aber die Faszination einer solch herausragenden Persönlichkeit wie Jan Hus aus, den man in der heutigen Zeit wohl noch am ehesten mit einem Nelson Mandela vergleichen kann, den der Autor sogar kurz persönlich kennenlernen konnte. Sicherlich waren die Gedanken von Hus im damaligen Kontext geradezu revolutionär. Aber es gab vor ihm und zu seiner Zeit manch andere bekannte Person der Zeitgeschichte mit weitgehend ähnlichem Anliegen. Mehrere Faktoren mögen somit zu der besonderen Wahrnehmung von Hus beigetragen haben. Als entscheidend kann angenommen werden, dass sich bei ihm zwischen den vertretenen Werten und dem eigenen persönlichen Verhalten keine tiefen Brüche zeigten. Auch trieb es Hus, seine Überzeugungen geradezu mit einer gewissen Besessenheit durch eine Vielzahl von Predigten der Öffentlichkeit zu vermitteln; ohne dieses tiefe Engagement hätte sein Wirken sicherlich nicht die breite Aufmerksamkeit und Aner- kennung erreichen können. Dies war vermutlich wie bei Mandela mit einer ganz bestimmten persönlichen Ausstrahlung verbunden, die die Menschen in ihren Bann zog, wobei beide durchaus im Auftritt sehr bescheiden waren. Hus und Mandela haben darüber hinaus ganz wesentlich zum nationalen Selbstverständnis der tschechischen bzw. der schwarzafrikani- schen Bevölkerung beigetragen. Hus schließlich hat allen Versuchungen widerstanden seine öffentlich verkündeten Ansichten zu widerrufen, um damit sein Leben zu retten – und hat dadurch das größtmögliche Opfer für seine Überzeugungen aufgebracht. Ein Faktor im Bewusstsein der Menschen mag auch sein, dass Hus nicht selbst der Auslöser der fast zwanzigjährigen Hussitenkriege war, sondern diese erst einige Jahre nach seiner Hinrichtung begannen.

Nun hat jede geschichtliche Phase ihre besonderen Zeitläufte, die nicht immer gleich solch herausragende Persönlichkeiten wie Hus und Mandela hervorbringen, deren individuelle Entwicklung wiederum in gewisser Weise auch von dem jeweiligen Umfeld abhängig war. Trotzdem ist es irritierend zu sehen, dass sich in den für viele Länder derzeit schwierigen ökonomischen und sozialen Verhältnissen so wenige Personen finden lassen, die als öffentliche moralische Richtschnur gelten können. Stattdessen gibt es vielmehr ein ganzes Heer von korrupten, betrügerischen und geldgierigen Menschen, deren negatives Wirken erst jetzt durch einen langwierigen und mühsamen Entwicklungsprozess der jeweiligen Gesellschaft zumindest teilweise eingefangen wird. Versagt hat in diesem Zusammenhang auch die Kirche allgemein – und hier vor allem die katholische Kirche -, die sich mit ihren Dogmen und Vorstellungen immer noch in einer längst überholten Gedankenwelt bewegt und weiterhin glaubt, durch eine enge Verzahnung mit dem Staat ihre Machtposition festschreiben zu können anstatt sich allein auf ihre religiösen Anliegen zu konzentrieren. Damit trägt sie aber auch zur Stabilisierung des jeweiligen Systems bei. In der Gesamtschau betrachtet bedarf es somit wieder eines neuen Zeitgeistes, der durchaus auch auf bekannte Grundwerte aus früheren Epochen zurück- greifen kann wie wir sie zum Beispiel aus der Zeit der Aufklärung kennen.

Angesichts der inhaltlichen Komplexität einer kritischen Betrachtung des derzeitigen Wirt- schaftssystems und der christlichen Kirchen in der Neuzeit war die ursprüngliche Fassung des Stücks als literarisches Drama bzw. Hörspiel geschrieben worden. Hierbei sollte die Dialogform den intensiven Austausch gedank- lich unterschiedlicher Positionen erleichtern. Auf eine Anregung hin wurde es später stärker als Theaterstück herausgearbeitet, kann aber gleichwohl weiterhin als ein (literarisches) Schauspiel angesehen werden. In diesem Zusammenhang sei Lisa Khim-Dolmaire, der Geschäftsführerin des Theater im Bauturm/ Köln, besonderer Dank ausgesprochen.

Winfried Polte im Januar 2015

Handelnde Personen:

- Wirtschaftsprofessor

- Studentin der Wirtschafts- und Sozialwissenschaften

- Katholischer Priester

- Sozialarbeiter

- ( Harlekin; Teufel; Schattenmann)

I. Akt

(Studentin sitzt am Tisch, zwei Becher Kaffee vor sich, Professor kommt mit Aktentasche unter dem Arm angehetzt).

Prof: Frau Mergen tut mir leid wegen vorhin. Ich musste heute in der Vorlesung unbedingt noch den Stoff für dieses Semester zu Ende bringen, daher konnte ich nicht näher auf Ihren Einwand eingehen. Und anschließend – das haben Sie ja gesehen – wollten zwei Ihrer Kommilitonen noch ganz kurz mit mir über ihre Master-Arbeit sprechen. Aber Sie kennen das ja, nun jedoch habe ich ausreichend Zeit für Sie. Danke, dass Sie gleich schon einen Kaffee für mich mitgebracht haben. Was liegt an?

Stud: Vielleicht ist es nicht so wichtig, aber mir geht schon die ganz Zeit durch den Kopf, warum diese Wirtschafts- und Finanzkrise überhaupt ausbrechen konnte. Nun stehe ich bereits kurz vor meinem Abschlussexamen der Wirtschafts- und Sozialwissenschaften und habe auf viele Fragen keine Antworten. Dabei gibt es doch international so viele Forschungs- institute, Zentral- und Geschäftsbanken mit ganzen Abteilungen von kompetenten Volkswirten. Schließlich sind ja auch nicht alle Politiker unfähig oder korrupt.

Prof: Das wäre auch wirklich zu pauschal.

Stud: Ich meine…Pardon…Sie haben in der Vorlesung einzelne Faktoren angeführt wie das viele billige Geld, die Immobilienblase und andere Aspekte – aber das alleine kann die Situation nicht befriedigend erklären, ist vielleicht das ganze System in sich falsch gewichtet oder durch und durch marode?

Prof: Sehen Sie, Ihre Jugend gibt Ihnen natürlich das Recht, alles in Frage zu stellen. Aber die Realität ist nun einmal viel komplexer als Sie sich das vielleicht vorstellen können. Es bestehen einerseits viele unabwendbare Sach- zwänge und andererseits große Unsicherheiten, die alle in einem Wirtschaftsmodell zu berück- sichtigen sind. Jeder dieser Faktoren ist daher im Einzelnen auf seine Relevanz hin näher zu betrachten; diese Herausforderung ist ja das Spannende an unserer Wissenschaft. Bedenken Sie auch, wie viele engagierte Menschen auf unterschiedlichsten Stellen und Ebenen mit- wirken, um ein angemessenes Wachstum der Volkswirtschaft zu erreichen – und hiervon profitiert schließlich die Gesellschaft insgesamt.

(Studentin setzt ihre Kaffeetasse etwas abrupt ab.)

Stud: Aber…Herr Professor, das kann ich so nicht gelten lassen. Mit dem Hinweis auf die Komplexität kann jedes Gegenargument zur Seite geschoben werden; auf dieses Niveau sollten wir uns nicht begeben.

Prof: Hoppla, da gehen Sie ja ganz schön ran. Ich habe meine Argumentation noch gar nicht weiter darlegen können. Bei der nun einmal tatsächlich gegebenen Vielschichtigkeit der Realität braucht dies wohl einige Minuten Zeit.

Stud: Hierauf kann ich nur erwidern, dass es kluge Forscher gibt, die sagen, dass auch alle äußerst komplexen physikalischen Zusammen- hänge mit ihren komplizierten mathematischen Formeln in wenigen Sätzen erklärbar sein müssen, denn sonst habe man sie nicht richtig erfasst.

Prof: Bei aller Liebe zur Physik, ich glaube vielmehr, Sie haben meine zentralen Ausfüh- rungen in der Vorlesung zum Zusammenspiel von Produzenten, Distributionszentren, Konsu- menten etc. nicht verstanden. Hinzu kommt die heute verstärkt gegebene internationale Ver- flechtung, die eine unglaubliche Dynamik mit sich gebracht hat. In der Volkswirtschaft laufen keine auf längere Zeit klar zuzuordnenden Prozesse ab wie in der Physik, hier ist der Mensch mit den Unwägbarkeiten seiner Hand- lungsweise ganz zentral im Spiel.