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Gesa Olkusz braucht nur wenig, um die Einsamkeit der Menschen zu erzählen — und durch die zauberische Kraft ihrer Sprache zu überwinden. Eine einfache Geschichte, poetisch und glasklar erzählt: Parker und Kasimir sind als Jungen mit ihrer Mutter aus Polen in die USA ausgewandert, sie sollten es einmal besser haben. Nach diesem Kraftakt hat die Mutter jede Lebenslust verloren, und so sind aus den Brüdern zwei symbiotisch verbundene Einzelgänger geworden, die sich in der Fremde durchschlagen, ohne jemals heimisch zu werden. Parker fährt als Privatchauffeur durch die Nacht, Kasimir verlässt das Haus nie. Als die Vagabundin Luzia bei ihnen einzieht, bringt sie ihre ganze Lebensfreude mit, sprengt damit jedoch die nahezu wortlose Nähe der Brüder. Doch die junge Frau haut nach Panama ab, und da ist klar: Kasimir muss ihr nach, und sei es ans Ende der Welt.
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Seitenzahl: 150
Veröffentlichungsjahr: 2025
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Gesa Olkusz
Roman
Residenz Verlag
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Alles beginnt an einem bewölkten Sommermorgen. Alles beginnt mit einer Melodie.
Parker stürzt den letzten Rest Kaffee herunter. Kasimir lungert am Spülbecken, kratzt sich die nackten Oberschenkel und lässt den Bruder nicht aus den Augen. Er will nicht verpassen, falls der doch noch etwas isst. Kasimir ist der Wächter der Speisen. Aber Parker will nichts essen, knallt nur die Kaffeetasse auf den Tisch, reißt die Autoschlüssel an sich und ist mit zwei Schritten an der Hintertür. Und gerade bevor sie hinter ihm ins Schloss fällt, gerade vor dem schnappenden Geräusch des einrastenden Metalls, gerade davor steigen die Töne auf, drängen sich mit dem Morgenlicht durch den letzten Spalt herein und begleiten, hohl und glasklar, Parkers Abgang.
An diesem Morgen im Sommer glaubt Kasimir zu hören, wie sein Bruder Parker beim Verlassen des Hauses ein Liedchen pfeift.
Ausgeschlossen, denkt er, oder: unerhört! Niemand pfeift in diesem Haus, in diesem Haus jagt uns das ein Grauen über den Rücken.
Er stürzt dem Bruder nach, das muss er, denn wieso soll einer pfeifen, der das gar nicht mag. Parker ist schon am Auto, mit dem Rücken zu Kasimir öffnet er die Fahrertür. Kasimir bleibt in der Einfahrt stehen und lauscht, dann beschließt er, dem sanften Wind, der über den verwahrlosten Vorgarten streicht, die Schuld zu geben, der muss ihm die kleine Melodie zugetragen haben, um ihm den Verstand oder, was wahrscheinlicher ist, den letzten Nerv zu rauben. »Parker!«, ruft er. »Hörst du das!« Parker schaut ihn flüchtig über die Schulter an, er sieht verkatert aus, hat die Lippen geschürzt, und wäre Kasimir nicht so aufgeregt, es würde ihn rasend machen. Diese Gleichgültigkeit! Parker wirft nicht einmal einen Blick in den Morgenhimmel, der ihnen das blaue Licht eines nahenden Gewitters zumutet. Er steigt einfach ins Auto, dreht die Anlage auf und fährt davon. Kasimir alleine in der Einfahrt, alleine mit dem Wind, dem Himmel und den Fetzen Musik, die Parker ihm aus dem Auto ins Gesicht zu rotzen scheint.
Es ist früh am Morgen, die Straße liegt verlassen da, das Motorengeräusch erstirbt in der Ferne und Sommerstille legt sich über die Einfahrt, so dass dem Nachhall der kleinen Tonfolge nichts mehr im Wege steht.
Gänsehaut auf dem nackten Rücken und die Füße fest auf dem Asphalt. Am besten wäre es, zurück ins Haus zu gehen, die Treppe hinauf und den staubigen Flur entlang bis zu seinem Bett, aus dem Kasimir heute Morgen viel zu früh gekrochen ist, als er Parker hat aufstehen hören.
Der schläft nach einer Nachtschicht für gewöhnlich bis in den Nachmittag, heute ging seine Zimmertür schon bei Tagesanbruch auf, das war interessant, vielleicht wusste Parker ja schon, dass Luzia ihn verlassen hat, Kasimir war gleich hellwach und bereit, die Statistik über den Bruder fortzuführen. Der isst seit Wochen kaum noch, mager war er schon immer, jetzt aber übertreibt er es. Kasimir triezt ihn damit, sticht ihm gerne den Finger in die Rippen. Möglich aber, dass Parker sich gleich irgendwo den Bauch vollschlägt, man kann ja nicht immer auf ihn aufpassen.
Ein Anflug von Wut überkommt Kasimir, als er an die geschürzten Lippen denkt. Wäre es Parker gewesen, der gepfiffe hat, wäre alles anders, die Karten wären neu gemischt, einfach so, als wäre Veränderung plötzlich möglich geworden, als könne man von einem Tag auf den anderen alles anders machen.
Als reiche dazu ein Entschluss.
Aber es war ja der Wind.
Der immer noch weht, er nimmt sogar zu, treibt die Wolken über den Himmel, der sich zwischen düster und grell nicht entscheiden will. Man wähnt sich gar nicht draußen, so künstlich wirkt das Licht, ein Licht, das nicht zum Sommer passt und nicht zum Morgen, die ganze Situation ist vollkommen unmöglich, es wäre nicht erstaunlich, würde Kasimir jetzt hilflos mit den Armen rudern. In Wirklichkeit steht er vollkommen ruhig da und behält die Wolken im Auge.
Er sollte einfach wieder schlafen gehen, durch die Hintertür, die unendlich weit entfernt scheint, er müsste Schutz suchen im stickigen Dämmer des Hauses, sich unter Kissen und Decken vor irgendwelchen Melodien verbergen, er sollte wirklich wieder schlafen gehen.
Aber nicht in diesem Licht.
Das ihn übrigens auch an etwas erinnert, es liegt ihm auf der Zunge, nur zögert er, sich diesem Geschmack auszusetzen, der zweifelsohne ebenso unangenehm sein wird wie das Geschütz, das dieser Morgen bisher aufgefahren hat.
Tief in seinem Inneren flennt er wie ein Kind, äußerlich starrt er weiter still in das unausweichliche Gewitter, als hinge es von der Kraft seines Blickes ab, den Donner hinauszuzögern.
Stählern grinst der Himmel auf ihn herab, und plötzlich steht alles still, die Wolken, der Wind, Kasimirs Atem, und für einen Moment glaubt er wieder an die Macht seines Willens. Für einen Moment hat er das vollkommene Gleichgewicht gefunden, es herrscht absolute Taubheit in ihm, und keine Melodie könnte sich ihm jetzt vernehmbar machen.
Nichts, denkt er gerührt, kann das Schweigen dieses Kräftemessens brechen.
So steht er einige kostbare Augenblicke da, versunken, der leichte Wind jetzt angenehm in seinem Nacken, an den Schenkeln, eine Liebkosung auf der Haut, die Haare stellen sich ihm auf.
Nackt, denkt er da verwundert, ich bin nackt.
Und schon haben Kasimirs Augen den Himmel sich selbst überlassen, um sich ganz gegen seinen lächerlichen Willen auf das Nachbarhaus zu richten, ein Vorhang zittert wie zufällig am Fenster, da entlädt sich der Donner brüllend in den Morgen, Kasimir fällt auf die Knie, springt wieder auf und hetzt mit hängenden Armen zurück zur Hintertür.
Als der Nachbar Minuten später aus dem Haus tritt, um die Zeitung vor dem Regen hereinzuholen, liegen Straße und Einfahrt verlassen im Gewitterlicht.
Kasimir bleibt im Bett, bis er sich ausreichend erholt hat, um sich anzuziehen, ein wenig durchs Haus zu schleichen und die Lage zu bewerten.
Das Ge öte seines Bruders wird ihn nicht e-in schüchtern, nach dem ersten Schreck hat er schnell begriffen, dass Parker dumm vor Kummer ist, weil Luzia weg ist, und damit bietet sich eine Gelegenheit, die Kasimir nicht verstreichen lassen wird. Nicht noch einmal.
Wenn Parker also die Regeln ändert und auf einmal pfeift, als sei das nichts Besonderes, dann wird Kasimir mitziehen, aber richtig. Mit einer Prise Wirklichkeit, mit Klartext, wie es um sie steht! Sie sind keine zwanzig mehr, auch keine dreißig, die Jahre verstreichen, im Handumdrehen wird alles vorbei sein. Letzte Gelegenheit! Wozu? Egal, nur nicht das hier, nicht diese Einöde, wer will schon in der Sackgasse sterben. Also müssen sie reden, muss er Parker überreden, denn der wird das Haus nicht so einfach aufgeben, er hängt daran, als sei ihm hier wer weiß was Gutes widerfahren.
Also ab an den Küchentisch, in Wartestellung, da legt er sich schon mal die Worte zurecht, während hinter ihm im Fenster die Blitze aufleuchten.
Er wird zuerst reden, das ist einfach, sein schweigsamer Bruder sagt nach der Arbeit am liebsten gar nichts, ihm reicht das Gerede mit den Kunden, Kasi hingegen ist immer allein und kann es kaum erwarten, seine Worte loszuwerden, er wird Parker in Grund und Boden argumentieren.
Eine Wohnung, will sagen: Apartment, Downtown, nahe der Chauffeurszentrale, mit Möglichkeiten auch für Kasimir, etwas Geld zu verdienen, jetzt kann er noch einmal loslegen, vielleicht ist noch nicht alles verloren. Sie werden leben, mal wieder ins Kino gehen, nicht gemeinsam, das wäre zu viel, jeder für sich, es ist dann ja gleich um die Ecke, das traut sich jeder.
Während er wartet, stellt er sich das Ganze vor, in der stillen Küche, da hört man jeden Gedanken dreifach verstärkt, aber das Gespräch läuft gut, er ist redegewandt, selbstbewusst, schamlos.
Sie müssen hier weg, brauchen ja auch den Garten nicht, nutzen ihn nicht einmal, eine schöne Wohnung muss her, sie können sich das schon leisten.
Dann wäre auch Schluss mit dem Stress wegen der Rechnungen, der anstehenden Reparaturen, mit der Magenkrankheit, mit Parkers ständigem Kotzen, was sie allein an Benzinkosten sparen würden! Und keine Nachbarn, die über den Gartenzaun schielen, sondern geschlossene Türen und abgewandte Gesichter.
Der Tag schleicht unter Donner- und Regenschüben dahin, unterbrochen von grellem Sonnenschein, der Kasi eine unmögliche Zumutung scheint, er lässt alle Jalousien herunter, obwohl er gern dem immer wieder auftobenden Sturm zusehen würde, der Wirklichkeit draußen vor den Fenstern, das würde ihm auch die Zeit verkürzen, nicht, dass er nicht warten könnte, er kann, sitzen und warten, wenn nötig jahrelang, zwischendurch einen Happen essen, mal eine Runde durchs Haus, dann wieder an den Tisch zurück.
Nur kommt Parker nicht nach Hause.
Die Zeiger der Uhr kriechen immer weiter, während Kasimir stur da hockt, zwei Stunden nach Schichtende steht fest, dass Parker noch auf einen Absacker gegangen ist, vermutlich um sich über Luzias Verschwinden hinwegzutrösten, natürlich macht der das mit sich alleine aus, diesen unglaublichen Verlust.
Dabei hätte Kasi ihm haarklein erzählen können, wie sie abgehauen ist gestern Nacht, er war dabei, hat alles beobachtet, kennt jedes Detail, war heute Morgen nur zu baff, um das Parker unter die Nase zu reiben. Er hätte es wenigstens kurz erwähnen sollen, dann wäre der nach der Arbeit nach Hause geflitzt, dann hätte er ihn nicht warten lassen
Es wird schon fast dunkel.
Am Abend, alleine im Haus, vermisst Kasi Luzia plötzlich schmerzlich, beinahe wütend, als wäre sie schuld an der Tristesse seiner Nächte. Er hatte sie von Anfang an nicht gemocht, sich aber an ihre lautlose Anwesenheit gewöhnt, die ihn an seine Mutter erinnerte, auch wenn die beiden Frauen sonst nichts, aber auch gar nichts gemeinsam hatten, soweit er das beurteilen kann, und er kann es überhaupt nicht beurteilen, wer kann schon etwas Handfestes über die Mutter sagen.
Luzia war einfach da gewesen, ohne Raum einzunehmen, sie ließ ihn in Ruhe, linderte aber durch ihre Anwesenheit die unerhörte Einsamkeit des Hauses. Sie wohnte bei ihnen, das musste man sich einmal vorstellen, sie hatte sich selbst dafür entschieden.
Eines stürmischen Abends war sie eingezogen, es regnete in Strömen, sie hatte ein nasses Köffe – chen dabei und einen ganzen Sack Bücher, den schleppte Parker für sie herein, der sie irgendwo abgeholt hatte.
Zur Miete wohnte sie bei ihnen, zählte ihnen am Anfang des Monats die Scheine in die Hand, viel war es nicht, die ganze Sache lief vollkommen formlos ab. Die Miete war Kasis Idee gewesen, grinsend forderte er Tribut, so trug er zum Einkommen bei, denn Parker hätte das alles gratis vonstattengehen lassen, den hatte sie um den kleinen Finger gewickelt.
Passen wollte Kasi das neue Arrangement anfangs trotzdem nicht, nur hatte ihn niemand gefragt, und dann hatte Luzia lächelnd am Küchentisch gesessen, in ihren alten Jeans und feinen Blusen, als müsse man sich darüber freuen, einander endlich kennen lernen zu dürfen.
Sie war nicht von hier, das sah man gleich, sie kam von ganz weit weg, das machte die Sache nicht besser, und nur widerwillig ließ Kasimir sich ihr gegenüber nieder, wenn sie einmal frei hatte und Parker ihn spöttisch einlud, an einer Mahlzeit teilzuhaben, die Luzia gekocht hatte und die er vor sich erkalten ließ, während Kasimir das Essen wild herunterschlang, um Luzia zu zeigen, dass ihre Anwesenheit ihn keineswegs zu besseren Manieren anspornte.
Manchmal führten der volle Magen, der schwere Rotwein oder Luzias offenes Ohr dann doch zum Palavern, ausgiebig und für ihn selbst am überraschendsten.
Er erzählte ihr alle möglichen alten Geschichten, die sie nun wirklich nichts angingen, manche wahr, andere nicht, dabei unaufhörlich unterbrochen von Parker, der alles schlichtweg abstritt, ihn einen Lügner nannte oder einen Idioten, und obwohl Kasimir eigentlich alles lieber für sich behalten hätte, konnte er sich gerade wegen Parkers Einwänden nicht beherrschen und breitete ihre Niederlagen, ihre erloschenen Hoffnungen, ihr vollkommen verwirktes Leben vor Luzia aus, wobei seine Worte sich eigentlich eher an seinen Bruder richteten, der das alles nicht verhindert hatte.
Parker verstummte dann irgendwann und vergrub das Gesicht in den Händen, hörte still zu, und dann legte Kasimir erst richtig los, ließ weder den Tod der Mutter aus noch die Schikanen der Nachbarin, doch er erzählte auch von Freunden, die sie einmal gehabt, von Tanzabenden, zu denen Bekannte sie eingeladen, an denen sie teilgenommen und die sie genossen hatten, große Feste mit lauter Musik und Walzern, Foxtrott und Cha-Cha-Cha-Wettbewerben.
Parkers Schnauben riss ihn dann aus seiner Geschichte, aufgewühlt hielt Kasimir inne und starrte auf Parkers Hände, hinter denen er die hässliche Grimasse der Heiterkeit vermutete.
Schweigen. Parker saß ganz still, Luzia lächelte verlegen und Kasimir, Kasimir hatte sich hinreißen lassen und stand nun alleine vor der Gegenwart. Er versuchte irgendwie vom Tisch aufzustehen.
»Und jetzt tanzt du nicht mehr?«, fragte Luzia, als wollte sie ihm helfen. Empört starrte Kasimir sie an, doch Parker kam ihm zuvor, lugte zwischen den Fingern hervor.
»Kasi tanzt nicht«, sagte er grinsend, »Kasi schaut immer bloß zu.«
Luzia lächelte ihn ermutigend an, als wüsste sie nicht genau, dass sie damit alles nur schlimmer machte.
»Kasi tanzt nicht, singt nicht und gemütlich mit Freunden sitzen ist ja eigentlich auch nicht nach seinem Geschmack. Aber trinken, das macht er! Und fernsehen …«
»Du tanzt auch nicht mehr«, hörte Kasimir Luzia noch sagen, während er aufsprang, den Stuhl wütend gegen den Tisch trat und unter Parkers hysterischem Gelächter aus der Küche stürzte.
Dieses lang verklungene Gelächter kehrt jetzt zu Kasimir zurück, als habe es in der Luft vor dem Haus gehangen, um sich heute wieder durch das offen Fenster in sein Zimmer hineinwehen zu lassen. Vor allem, ob da nicht auch ein leises, sanftes Lachen zu hören gewesen war, beschäftigt ihn, und was das bedeuten würde. Und dann die beiden gemeinsam in der Nacht, natürlich tauschen sie Vertraulichkeiten aus, flüstern sich klebrige Süßigkeiten in die Ohren, und er alleine im Bett, ohne eine Vorstellung, worüber die beiden tratschen.
Niemand hat je etwas von Bedeutung zu sagen, es ist immer nur Klatsch, wir sind eine geschwätzige Spezies, einzigartig in dieser Hinsicht, keine andere Tierart ist auf diese selbstherrliche Weise des Spottes mächtig.
Kasimir hatte versucht, den Bruder zu warnen, um der Situation schnell ein Ende zu setzen, den Schaden zu begrenzen, den Luzia unweigerlich anrichten würde. »Ich vermute, du bist dabei, dich in eine Situation, in eine Konstellation zu begeben, die dir über den Kopf wachsen wird, vielleicht ist es besser, gleich hier, also jetzt, in der Gegenwart, die Kontrolle nicht aus der Hand zu geben«, so hatte er es versucht, unfähig zu erklären, was ihn an dieser freundlichen Person so erschreckte.
»Unsere melancholische Gegenwart«, sagte Parker grinsend, »die ist doch ohnehin nicht zu retten, oder wie war das? Da kann man doch Freundschaften schließen, ist doch nichts dagegen einzuwenden.«
Womit er vollkommen recht hatte, das musste Kasi einsehen und es blieb ihm nichts anderes übrig, als sich an Luzia zu gewöhnen, die wenigstens seine Abneigung gegen die Nachbarn teilte, er gab sich damit zufrieden. Sie störte ihn auch nicht an seinen lethargischen Abenden, ließ ihn in Ruhe, er bemerkte sie eigentlich nur dann, wenn er wollte, und so trifft ihn ihr Verrat als ein unerhörter Schmerz, es ist genau der radikale Umbruch, den er vorhergesehen hatte, Verrat, nicht Verlust, denn hier in diesem Haus hat er nichts zu verlieren, das denkt er, als sein Bruder nicht nach Hause kommt, denkt es, als die Nacht anbricht.
Wie Kasimir seine Nächte verbringt: kauernd.
Auf dem Sofa, halb liegend, halb sitzend, über Stunden, bis er aufgibt und sich embryonal zusammenrollt. Manchmal sitzt er gerade und gibt vor, Luzias Rat zu folgen und eines ihrer Bücher zu lesen, viele Russen, einige Franzosen, dann der entsetzliche Skandinavier. Meist sieht er fern oder er trinkt alleine vor dem Radio.
Wenn Parker lange nach Mitternacht von der Arbeit nach Hause kommt, liegt Kasimir mit off nen Augen auf dem Sofa, hört zu, wie sein Bruder in der Küche den Kühlschrank öffnet, gurgelnd trinkt. Hört ihn stöhnen und weiß, wie Parker sich dabei über das Spülbecken beugt, in der Hoffnung zu kotzen, oder um sich Wasser in das fahle Gesicht zu schlagen. Dann geht Parker hinter dem Sofa an ihm vorbei nach oben, und nur wenn Kasimir ihn anspricht, bleibt er stehen, stützt sich auf die Lehne, und dann ist es manchmal so, als wären sie noch Jugendliche und es wäre Nachmittag und sie würden flüstern, damit sie Mutter nicht stören, die oben in einem Nebel aus Rosenduft und Tinktur auf dem Bett liegt.
Genauso leise unterhalten sie sich dann über den Tag, oder über den Film, den Kasimir am Abend gesehen hat, über Parkers Schichten in der kommenden Woche, und darüber, ob Kasimir vorhat, irgendwann wieder arbeiten zu gehen. Oder sie streiten über das Haus, aber sanftmütig wie zwei Nachbarn, die sich über die Jahrzehnte einer Fehde gern gewonnen haben. Beinahe liebevoll machen sie einander Vorwürfe, mit müden Gesichtern und in einer Tonart, die sie nur zu dieser Stunde der Nacht treffen, als würden Raum und Zeit für eine kleine Weile ihre Gesetze ändern und die beiden wären sich nah, abgeschnitten von ihrer eigenen Geschichte.
Wenn er ihn aber nicht anspricht, geht Parker wortlos am Sofa vorbei, und Kasimir rührt sich nicht, lauscht auf die sich entfernenden Schritte auf der Treppe, dann die Zimmertür, und die Müdigkeit, auf die er den ganzen Abend gewartet hat, überkommt ihn jäh und heftig. Meist schafft er es gerade noch, nach oben zu schlurfen und sich ins Bett fallen zu lassen, manchmal schließt er einfach die Augen und bleibt, wo er ist, das schwache Licht der Außenlampe, die auszuschalten Parker vergessen hat, fällt durch das Fenster auf sein Gesicht.
In dieser Nacht schreckt Kasimir mit einem Keuchen aus dem Schlaf. Eine Weile sitzt er vornüber gebeugt mit angezogenen Knien, ohne sich zu erinnern, wann er seinen Wachposten aufgegeben hat und wie er aus der Küche in sein Bett gelangt ist.
Die Gewitter haben die Luft kaum abgekühlt, selbst die Dunkelheit ist schwül, schwitzend lässt er die Hitze seinen schweren Herzschlag bestimmen, bis er bemerkt, dass darunter etwas anderes liegt, etwas Tieferes, auf das sein Leben heimlich zugesteuert hat.
So entdeckt Kasimir in zwei Atemzügen seine neue Einsamkeit.
Eigentlich hat er sofort gespürt, dass er noch
