Verlag: Bastei Lübbe Kategorie: Krimi Sprache: Deutsch Ausgabejahr: 2013

Die Spur der Füchse E-Book

Ken Follett  

4.54255319148936 (94)

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E-Book-Beschreibung Die Spur der Füchse - Ken Follett

Binnen weniger Stunden in London: Ein tolldreister Millionenraub wird verübt, ein hoher Politiker begeht einen rätselhaften Selbstmordversuch, ein Großkonzern wird in letzter Minute vor dem Konkurs gerettet und ein Unterweltboß erlebt ein blutiges Fiasko. Als ein junger Reporter dieses Netzwerk aus Korruption und Gewalt entwirrt, wird er zum Schweigen gebracht. Denn selbst die Presse ist nur eine Figur im teuflisch-genialen Plan eines Finanzhais - der Operation Obadja...

Meinungen über das E-Book Die Spur der Füchse - Ken Follett

E-Book-Leseprobe Die Spur der Füchse - Ken Follett

Inhalt

Cover

Über den Autor

Titel

Impressum

Vorbemerkung

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Über den Autor

Ken Follett, geboren 1949 in Cardiff Wales, arbeitete nach dem Studium zunächst als Zeitungsreporter. Mit dem Spionagethriller Die Nadel (1979) schaffte er den Durchbruch als Schriftsteller. Seinen größten Erfolg feierte er mit dem Weltbestseller Die Säulen der Erde (1990), das bei der Wahl der Lieblingsbücher der Deutschen 2001 im ZDF den dritten Platz belegte. Neben seinem Interesse für Geschichte engagiert sich Ken Follett auch politisch; seine Frau Barbara gehörte als Labour-Abgeordnete dem britischen Unterhaus an. Außerdem spielt er zum Vergnügen Bassgitarre in einer Bluesband und setzt sich im Rahmen einer Stiftung für die Leseförderung ein.

Ken Follett

DIE SPURDERFÜCHSE

Aus dem Englischen vonWolfgang Neuhaus

BASTEI ENTERTAINMENT

Vollständige E-Book-Ausgabe

des in der Bastei Lübbe AG erschienenen Werkes

Bastei Entertainment in der Bastei Lübbe AG

Titel der englischen Originalausgabe: Paper Money

© für die deutschsprachige Ausgabe 1996 by

Bastei Lübbe AG. Köln

Umschlaggestaltung: © Johannes Wiebel, punchdesign, München unter Verwendung von Motiven von shutterstock/iofoto; shutterstock/r.nagy; shutterstock/Ulza; shutterstock/Bartosz Zakrzewski

Datenkonvertierung E-Book: Urban SatzKonzept, Düsseldorf

ISBN 978-3-8387-2253-5

www.bastei-entertainment.de

www.lesejury.de

Vorbemerkung

Dieser Roman wurde 1976 geschrieben, kurz vor meinem Thriller Die Nadel, und ich halte Die Spur der Füchse für den besten meiner nicht so bekannten Romane. Wie auch Der Modigliani-Skandal, wurde er unter dem Pseudonym »Zachary Stone« veröffentlicht, denn die Romane ähneln sich: In beiden gibt es keine Hauptfigur; stattdessen werden verschiedene Gruppen von Protagonisten vorgestellt, deren Einzelgeschichten ineinander verwoben sind und die einen gemeinsamen romanhaften Höhepunkt erleben.

In Die Spur der Füchse sind diese Verbindungen weniger zufällig als in Der Modigliani-Skandal, denn der Roman soll zeigen, auf welch korrupte Weise das Verbrechen, die Hochfinanz und der Journalismus miteinander verknüpft sind. Außerdem fällt der Schluss dieses Romans im Vergleich zu Der Modigliani-Skandal ziemlich düster aus; man könnte ihn beinahe schon als Tragödie bezeichnen.

Doch am aufschlussreichsten sind die Unterschiede und Ähnlichkeiten zwischen Die Spur der Füchse und Die Nadel. (Leser, die sofort den Kuchen möchten, nicht erst das Rezept, sollten diese Vorbemerkung übergehen und sich sofort Kapitel 1 zuwenden.) Der Plot von Die Spur der Füchse ist der raffinierteste, den ich mir jemals ausgedacht habe, doch die Verkaufszahlen dieses Romans haben mich davon überzeugt, dass raffinierte Plots den Autoren größere Befriedigung verschaffen als den Lesern. Die Handlung von Die Nadel ist vergleichsweise unkompliziert; im Grunde kann man sie in drei Absätzen niederschreiben – wie ich es tatsächlich getan habe, als ich zum ersten Mal über diesen Roman nachdachte. In Die Nadel gibt es nur drei oder vier wichtige Figuren, in Die Spur der Füchse hingegen ungefähr ein Dutzend. Doch trotz seines komplexen Handlungsgefüges und der Vielzahl der Personen ist Die Spur der Füchse nur halb so umfangreich wie Die Nadel. Als Schriftsteller musste ich stets gegen die Neigung ankämpfen, mich allzu knapp zu fassen, und in Die Spur der Füchse habe ich diesen Kampf verloren. Demzufolge sind die vielen Protagonisten in raschen, flüchtigen Pinselstrichen gezeichnet, und es mangelt ein wenig an der starken inneren Beziehung des Verfassers zu Leben und Schicksal seiner Figuren, wie Leser es bei einem Bestseller erwarten.

Eine der Stärken des Romans ist seine Form. Die Handlung beschränkt sich auf einen einzigen Tag im Leben einer Londoner Abendzeitung (1973/74 habe ich selbst für eine solche Zeitung gearbeitet). In jedem Kapitel wird eine Stunde dieses Tages in drei oder vier Abschnitten geschildert; in diesen Abschnitten wiederum wird beschrieben, was sich sowohl in der Redaktion als auch außerhalb ereignet. Mit anderen Worten: Ich erzähle die Geschichten, über die von der Zeitung berichtet wird (sofern die Zeitung sie mitbekommt), wie auch die Geschichten, die sich in der Zeitungsredaktion abspielen.

In Die Nadel ist der inhaltliche Aufbau sogar noch strenger, was meines Wissens noch niemandem aufgefallen ist: Der Roman besteht aus sechs Teilen mit jeweils sechs Kapiteln (bis auf den letzten Teil, der sieben Kapitel aufweist). Der erste Teil eines jeden Kapitels beschäftigt sich mit dem Spion, der zweite mit seinen Jägern; so geht es weiter bis zum jeweils sechsten Kapitel, in dem stets von den internationalen militärischen Konsequenzen der zuvor geschilderten Ereignisse erzählt wird. Den Lesern fällt so etwas kaum auf – und warum auch? Ich bin der Meinung, dass diese Regelmäßigkeit, ja Symmetrie der Form, zu einem Ergebnis führt, das der Leser – auch ohne sich bestimmter Muster bewusst zu sein – als gut erzähl« Geschichte aufnimmt.

Das zweite gemeinsame Merkmal von Die Spur der Füchse und Die Nadel ist die Vielzahl der Nebenfiguren – Huren, Diebe, geistig zurückgebliebene Kinder, Arbeiterfrauen und einsame alte Männer. In späteren Romanen bin ich anders verfahren, denn ein solches Konzept lenkt von den Hauptfiguren und deren Geschichten ab. Dennoch frage ich mich häufig, ob ich dabei nicht zu schlau sein möchte.

Was die Verbindungen von Verbrechen, Hochfinanz und Journalismus angeht, bin ich mir heute nicht mehr so sicher wie 1976. Aber ich glaube, der vorliegende Roman ist auf eine andere Weise lebensnah: Er zeigt ein detailliertes Bild Londons, wie ich es aus den Siebzigerjahren kenne, mit seinen Polizisten und Ganoven, Bankern und Callgirls; mit seinen Läden und seinen Slums, seinen Straßen und seinem Fluss. Ich habe dieses London geliebt, und ich hoffe, auch Sie werden es lieben.

06.00 UHR

1

Es war die glücklichste Nacht in Tim Fitzpetersons Leben.

Dies war auch sein erster Gedanke, als er die Augen aufschlug und das Mädchen sah, das neben ihm im Bett lag und schlief. Aus Angst, sie zu wecken, bewegte Tim sich nicht, schaute sie aber im kalten, klaren Licht der Morgendämmerung über London beinahe verstohlen an. Sie lag auf dem Rücken, so vollkommen entspannt wie ein kleines Kind. Tim wurde an seine Tochter Adrienne erinnert, als sie noch ein Baby gewesen war, und rasch verdrängte er diesen unwillkommenen Gedanken.

Das Mädchen neben ihm hatte kurzes rotes Haar, das wie eine Mütze auf ihrem kleinen Kopf saß und ihre winzigen Ohren frei ließ. Alles in ihrem Gesicht war klein: Nase, Kinn Wangenknochen, die ebenmäßigen Zähne. Einmal, in der Nacht, hatte Tim mit seinen breiten, plumpen Händen ihr Gesicht betastet und seine Finger behutsam auf ihre Wangen gedrückt, hatte ihr übers Haar gestreichelt und ihre Lippen sanft mit den Daumen geöffnet, als könnte seine Haut ihre Schönheit spüren wie die Hitze eines Feuers.

Tims linker Arm ragte schlaff unter der Bettdecke hervor die so weit heruntergezogen war, dass die schmalen Schultern und eine Brust des Mädchens zu sehen waren; jetzt, im Schlaf war die Brustwarze weich und flach.

Tim und das Mädchen lagen dicht nebeneinander, ohne sich zu berühren, doch er konnte die Hitze ihres Oberschenkels an dem seinen spüren. Er nahm den Blick von ihr und starrte an die Decke, und für einen Augenblick genoss er den wohligen Schauder verbotener Lüste, als er an den ehebrecherischen Beischlaf letzte Nacht dachte.

Dann stand er auf.

Er verharrte neben dem Bett und schaute auf das Mädchen. Sie schlief noch immer friedlich. Selbst im klaren Licht des frühen Morgens sah sie hübsch aus, trotz ihres zerwühlten Haares und der verwischten Überbleibsel eines einstmals kunstvollen Make-ups im niedlichen Gesicht.

Tim wusste, dass das Morgenlicht mit ihm selbst nicht so rücksichtsvoll umging. Deshalb hatte er versucht, das Mädchen nicht zu wecken: Er wollte erst einen Blick in den Spiegel werfen, bevor sie ihn zu Gesicht bekam.

Nackt schlurfte Tim über den stumpfgrünen Wohnzimmerteppich ins Bad. Für einen flüchtigen Moment sah er die Wohnung mit den Augen eines Fremden, der sie zum ersten Mal betritt, und er fand sie hoffnungslos trist: Da waren das Sofa – von einem noch stumpferen Grün als der Teppich –, auf dem verblassende, geblümte Kissen lagen; der schmucklose Schreibtisch aus Holz, wie man ihn in Millionen Büros zu sehen bekam; der Schwarz-Weiß-Fernseher älteren Modells; der Aktenschrank und das Bücherregal, auf dem juristische und wirtschaftswissenschaftliche Lehrbücher sowie mehrere Bände der amtlichen britischen Parlamentsprotokolle standen. Tim hatte sich diese kleine Zweitwohnung in London vor längerer Zeit zugelegt, doch erst letzte Nacht hatte sie sich endlich bezahlt gemacht.

Das Badezimmer besaß einen mannshohen Spiegel. Nicht Tim hatte ihn gekauft, sondern seine Frau Julia – damals, in den alten Zeiten, bevor Julia sich völlig aus dem Großstadtleben zurückgezogen hatte. Tim drehte den Warmwasserhahn auf und blickte in den Spiegel, während er darauf wartete, dass die Wanne volllief. Er fragte sich, was an dem Körper mittleren Alters dran sein mochte, den er nun im Spiegel sah. Wie konnte ein solcher Körper ein bildschönes Mädchen von – hm, fünfundzwanzig Jahren? – in eine so rauschhafte Lust versetzen? Tim war gesund, aber nicht fit – jedenfalls nicht in dem Sinne, wie dieser Begriff zumeist benutzt wird: um einen schlanken, durchtrainierten Mann zu bezeichnen, der Sport trieb und Fitnessstudios besucht. Tim war klein, und sein von Natur aus untersetzter Körper wirkte der überflüssigen Fettpolster wegen – besonders an Brust, Hüften und Gesäß – noch gedrungener. Für einen Mann von einundvierzig Jahren war seine Konstitution zwar in Ordnung, doch was den Sex betraf, war er, wie er wusste, weiß Gott keine Offenbarung.

Der Spiegel beschlug vom Wasserdampf, und Tim stieg in die Wanne. Er aalte sich im heißen Wasser, bettete den Kopf an die Wandung und schloss die Augen. Erst jetzt wurde ihm klar, dass er weniger als zwei Stunden geschlafen hatte; dennoch fühlte er sich einigermaßen ausgeruht. In seinem konservativen Elternhaus hatte man ihn gelehrt, dass Schmerz und Unbehagen, wenn nicht sogar Krankheiten, Folgeerscheinungen von langen Nächten, Tanzen, Ehebruch und starken Drinks seien. Und alle diese Sünden auf einen Streich zu begehen, wie in Tim Fitzpetersons Fall, hätte eigentlich den Zorn Gottes auf den Frevler herabbeschwören müssen.

Doch weit gefehlt: Für Tim war der Lohn der Sünden ungetrübte Freude. Träge seifte er sich ein und dachte an den gestrigen Abend zurück. Die ganze Geschichte hatte bei einem dieser grässlichen Dinner begonnen: Grapefruit-Cocktails und übergare Steaks und Überraschungseisbombe ohne Überraschung für dreihundert Mitglieder einer überflüssigen Organisation. Tims Rede war nur einer von vielen Erklärungsversuchen zur derzeitigen Regierungspolitik gewesen, deren Sinn und Zweck ohnehin niemand nachvollziehen konnte, wenngleich Tim seine Rede emotional befrachtet hatte, um sich des besonderen Wohlwollens der Zuhörerschaft zu versichern. Nach Ende der Veranstaltung hatte er sich einverstanden erklärt, mit einem seiner Kollegen – einem begabten jungen Wirtschaftswissenschaftler im Regierungsdienst – und zwei halbwegs interessanten Leuten aus der Zuhörerschaft auf einen Drink in ein nettes Lokal zu gehen.

Das nette Lokal erwies sich als Nachtclub, der für Tims Geschmack normalerweise zu teuer gewesen wäre, aber jemand hatte bereits das Eintrittsgeld bezahlt. Und als Tim erst mal drinnen war, hatte er sich herrlich amüsiert – so herrlich, dass er mit seiner Kreditkarte eine Flasche Champagner bestellte. Weitere Personen hatten sich zu ihrer kleinen Partyrunde gesellt: der leitende Angestellte einer Filmgesellschaft, von dem Tim flüchtig gehört hatte; ein Stückeschreiber, von dem er noch nie gehört hatte; ein politisch links orientierter Wirtschaftsfachmann, der mit trockenem Lächeln Hände schüttelte und sorgsam vermied, über die Arbeit zu reden. Und schließlich waren da die Mädchen gewesen.

Der Champagner und die Bühnenshow brachten Tim ziemlich auf Touren. In den alten Zeiten hätte er sich irgendwann seine Julia geschnappt, wäre mit ihr nach Hause gefahren und hätte mit ihr geschlafen – wild und hastig und lustbetont. Hin und wieder gefiel Julia diese Art von Sex. Aber jetzt kam sie ja nicht mehr nach London, und Tim besuchte für gewöhnlich keine Nachtclubs.

Die jungen Damen in der Bar waren den Herren nicht vorgestellt worden. Tim fing ein Gespräch mit dem Mädchen an, das ihm am nächsten saß, einer schlanken, flachbrüstigen Rothaarigen in einem langen Kleid von blasser Farbe. Sie sah wie ein Model aus, behauptete aber, Schauspielerin zu sein. Tim hatte damit gerechnet, dass dieses Mädchen ihn langweilte und dass sie entsprechend gelangweilt auf ihn reagierte. Doch bald schon spürte er, dass diese Nacht etwas Besonderes werden würde: Das Mädchen schien von ihm fasziniert zu sein.

Das innige Gespräch zwischen Tim und der Rothaarigen isolierte die beiden nach und nach von den anderen Teilnehmern der Party, bis jemand den Vorschlag machte, in einen anderen Club weiterzuziehen – worauf Tim sofort erklärte, dass er nach Hause wolle. Doch die Rothaarige packte seinen Arm und bat ihn, mit ihr zu gehen. Tim, der seit zwanzig Jahren keiner hübschen jungen Frau mehr den Hof gemacht hatte, war auf der Stelle einverstanden.

Als er nun aus der Badewanne stieg, fragte er sich, worüber er sich eigentlich so lange mit dem Mädchen unterhalten hatte. Die Arbeit eines Staatssekretärs im Energieministerium konnte man schwerlich als geeignetes Thema für eine lockere Cocktailpartykonversation bezeichnen, und sofern es sich nicht um technische Dinge handelte, war es ohnehin eine streng vertrauliche Angelegenheit. Wahrscheinlich, ging es Tim durch den Kopf, haben wir ganz allgemein über Politik geredet.

Hatte er pikante Anekdoten über hochrangige Politiker erzählt in dem trockenen Tonfall, der für ihn die einzige Möglichkeit war, sich humorvoll zu geben? Tim konnte sich nicht mehr erinnern. Er wusste nur noch, wie das Mädchen dagesessen hatte. Fast jeder Körperteil war hingebungsvoll ihm zugewandt: Kopf, Schultern, Knie, Füße – eine Körperhaltung, die gleichermaßen komisch, veralbernd und intim aussah.

Tim wischte den Wasserdampf vom Rasierspiegel und rieb sich prüfend übers Kinn. Er hatte sehr dunkles Haar, und sein Bart, falls er ihn sprießen ließe, wäre dicht und struppig. Der Rest seines Gesichts war – milde ausgedrückt – durchschnittlich. Das Kinn war zu kurz, die Nase spitz, und zu beiden Seiten des Nasenrückens befanden sich zwei weiße Punkte, wo seit fünfunddreißig Jahren das Gestell einer Brille ruhte. Der Mund war zwar nicht klein, aber ein bisschen verkniffen, die Ohren waren zu groß, und die Stirn war intellektuell hoch.

Ein Gesicht, in dem nichts zu lesen war, weil es nichts zu lesen gab. Ein Gesicht, das darauf trainiert war, Gedanken zu verbergen, statt Gefühle zu zeigen.

Tim schaltete den Elektrorasierer an, zog eine Grimasse, um die gesamte linke Wange ins Blickfeld zu bekommen, und begann mit der Rasur.

Hässlich war er nicht gerade. Manche Mädchen fuhren auf hässliche Männer ab, hatte er sich sagen lassen – ob derartige Verallgemeinerungen über Frauen zutrafen, konnte er aus Mangel an Erfahrung nicht beurteilen –, doch Tim Fitzpeterson passte nicht einmal in diese zweifelhaft beneidenswerte Kategorie von Männern. Vielleicht war es an der Zeit, sich einmal wieder Gedanken darüber zu machen, zu welcher Kategorie er denn zählte.

Der zweite Club, den sie am vergangenen Abend besucht hatten, gehörte zu jenen Etablissements, die Tim niemals freiwillig aufsuchen würde. Er war kein Musikliebhaber, und falls er einer gewesen wäre – eine Schallplatte mit diesem ohrenbetäubenden, rhythmisch stampfenden Lärm, der jede Unterhaltung wie ein Schwarzes Loch verschluckte, hätte er niemals in seine Plattensammlung aufgenommen. Dennoch hatte er zu der Musik getanzt – dieses ruckende, zuckende, exhibitionistische Gehüpfe, das in diesem Schuppen gang und gäbe zu sein schien. Es hatte Tim sogar Spaß gemacht, und vermutlich hatte er sich ganz wacker geschlagen; denn ihm waren keine mitleidigen oder erheiterten Blicke seitens der anderen Gäste aufgefallen, wie er befürchtet hatte. Vielleicht war es ihm erspart geblieben, weil viele Gäste in seinem Alter gewesen waren.

Der Discjockey, ein bärtiger junger Mann in einem T-Shirt, auf das – ein für Tim unfassbarer Fauxpas – die Worte »Harvard Business School« aufgedruckt waren, legte irgendwann eine sehr langsame Ballade auf, die offenbar von einem Amerikaner mit schleppendem Südstaatenakzent gesungen worden war, der sich eine schwere Erkältung zugezogen hatte. Tim und das Mädchen waren gerade auf der kleinen Tanzfläche gewesen, als die Musik einsetzte. Das Mädchen hatte sich an ihn geschmiegt und ihm die Arme um den Hals gelegt. Da hatte Tim gewusst, dass sie mit ihm ins Bett gehen wollte und dass er sich nun entscheiden musste, ob auch er Lust hatte, mit ihr zu schlafen. Als er ihren kleinen, heißen Körper spürte, der wie ein nasses Handtuch an ihm hing, traf Tim diese Entscheidung sehr, sehr schnell. Er senkte den Kopf – das Mädchen war ein bisschen kleiner als er – und murmelte ihr ins Ohr: »Komm mit zu mir, ja? Wir trinken noch ’nen Schluck in meiner Wohnung.«

Im Taxi hatte er sie dann geküsst – so etwas herrlich Verderbtes hatte er seit vielen Jahren nicht mehr getan. Der Kuss war lüstern und gierig gewesen, wie der Kuss in einem schwülen Traum, und Tim hatte dabei die Brüste des Mädchens betatscht, die so wundervoll klein und fest unter dem dünnen Stoff ihres Kleides waren, und sie hatte an seinem Hosengürtel genestelt – und schließlich hatten beide sich kaum noch beherrschen können, bis sie in Tims Wohnung waren.

Zu dem versprochenen Drink war es gar nicht erst gekommen. Wir müssen in weniger als einer Minute ausgezogen und im Bett gewesen sein, dachte Tim selbstgefällig, als er nun die Rasur beendete und nach dem Rasierwasser Ausschau hielt. Im Wandschrank stand noch eine alte Flasche, und er rieb sich die Wangen ein.

Dann ging er zurück ins Schlafzimmer. Das Mädchen schlummerte immer noch friedlich. Tim nahm die Zigarettenschachtel aus seiner Anzugjacke und setzte sich in einen Stuhl am Fenster. Ich war richtig klasse im Bett, dachte er, musste sich dann aber widerwillig eingestehen, dass er sich selbst etwas vormachte: Das Mädchen war die Aktive gewesen, die Kreative. Nur ihrer Initiative war es zu verdanken gewesen, dass Tim im Bett Dinge getan hatte, die er sich mit Julia – selbst nach fünfzehn Ehejahren – nicht einmal hätte vorstellen können.

Julia. Tim starrte blicklos aus dem Fenster der Wohnung im ersten Stock, schaute über die schmale Straße hinweg auf die roten Ziegelsteinmauern des Viktorianischen Schulgebäudes und seinem kläglichen Hof mit den verblassenden gelben Linien eines Korbballfeldes. Was Julia betraf, hatten Tims Gefühle sich nicht geändert: Falls er sie gestern geliebt hatte, liebte er sie heute noch immer. Das mit dem Mädchen war schließlich eine ganz andere Sache. Aber redeten Dummköpfe sich nicht genau das ein, bevor sie sich in eine Affäre stürzten?

Nur nichts übereilen, ermahnte er sich. Für das Mädchen war die vergangene Nacht vielleicht nur ein einmaliges Gastspiel gewesen. Und Tim konnte sich nicht vorstellen, als Liebhaber einen besonders nachhaltigen Eindruck hinterlassen zu laben. Dennoch wollte er das Mädchen fragen, ob es mit ihnen beiden weitergehen könne, und welche Möglichkeiten es da gab. In diesem Fall musste er sich allerdings zuvor darüber klar werden, was seine Ziele und Wünsche waren. Aber das war kein allzu großes Problem. Die Arbeit im Dienste der Regierung hatte Tim gelehrt, sich vor jedem wichtigen Gespräch gewissermaßen selbst einzuweisen.

Wenn er sich mit komplizierten Sachverhalten auseinandersetzen musste, hatte Tim eine bestimmte Standardverfahrensweise entwickelt, und die wandte er jetzt an. Frage eins: Was habe ich zu verlieren?

Julia. Schon wieder. Die pummelige, kluge, stets zufriedene Julia, deren geistiger Horizont jedoch mit jedem Jahr ihrer Mutterschaft unaufhaltsam geschrumpft war. Es hatte eine Zeit gegeben, da Tim seine Frau auf Händen trug: Er hatte ihr jedes Kleid gekauft, das ihr gefiel; er hatte Romane gelesen, weil Julia sich für Romane interessierte, und er hatte sich umso mehr über seine politischen Erfolge gefreut, wenn auch Julia sich darüber gefreut hatte.

Doch nach und nach hatte der Schwerpunkt seines Lebens sich verlagert. Bald beherrschte Julia nur noch die unbedeutenden Dinge. Sie wollte in Hampshire wohnen, und weil es Tim im Grunde egal war, wohnten sie jetzt dort. Sie wollte, dass er karierte Jacken trug, doch der Westminster-Schick verlangte nüchtern-elegante Anzüge; deshalb trug Tim nun dunkle, kleinkarierte Anzüge in Grau und Tiefblau.

Je länger er seine Gefühle analysierte, desto deutlicher erkannte er, dass nicht mehr allzu viele Bindungen zu Julia bestanden. Ein bisschen nostalgische Rührseligkeit vielleicht, und ein verblassendes Bild von ihr waren geblieben: Julia mit ihrem Pferdeschwanz, wie sie in einem engen Kleid den Swing tanzte. War das Liebe? Tim hatte seine Zweifel.

Und seine Töchter Katie, Penny und Adrienne? Quatsch, das war eine ganz andere Sache. Nur Katie war alt genug, um Begriffe wie Liebe und Ehe begreifen zu können. Und die Kinder bekamen ihren Vater ohnehin nicht allzu oft zu sehen, denn Tim war der Meinung, dass auch ein bisschen Vaterliebe eine große Hilfe sein konnte. Auf jeden Fall war es besser, als gar keinen Vater zu haben. In dieser Hinsicht gab es keine Diskussionen. Tims Meinung stand fest.

Und dann war da noch seine Karriere. Eine Scheidung mochte einem Staatssekretär keinen großen Schaden zufügen, doch einen Mann in höherem Amt konnte eine Scheidung ins Verderben stürzen. Einen geschiedenen Premierminister hatte es noch nie gegeben, und genau auf diesen Job hatte Tim Fitzpeterson es abgesehen.

Insofern hatte er sehr viel zu verlieren – im Grunde genommen alles, was ihm lieb und teuer war. Tim wandte den Blick vom Fenster ab und schaute zum Bett hinüber. Das Mädchen hatte sich auf die Seite gedreht, das Gesicht von Tim abgewandt. Der Kurzhaarschnitt stand ihr gut; dadurch kamen ihr schlanker Hals und die schön geformten Schultern besser zur Geltung. Ihre Haut war leicht gebräunt, der Rücken gerade, die Taille schlank – und was darunter war, wurde zurzeit vom zerwühlten Bettlaken verborgen.

Es gibt noch so viel Unentdecktes, dachte Tim. Vergnügen war ein Wort, für das er in seinem bisherigen Leben wenig Verwendung gehabt hatte; jetzt aber drängte es sich machtvoll in seine Gedanken. Er konnte sich nicht erinnern, wann er sich das letzte Mal so richtig vergnügt hatte, falls überhaupt. Vergnügen? Nein. Zufriedenheit? Ja. Wenn er einen fundierten Bericht verfasst hatte, zum Beispiel; oder wenn er in einer der ungezählten Schlachten in Parlamentsausschüssen oder im Unterhaus einen Sieg davongetragen hatte. Selbst ein gutes Buch oder ein edler Wein konnten ihm Zufriedenheit verschaffen. Aber das rein körperliche, lustvolle Vergnügen, das dieses Mädchen ihm beschert hatte, war etwas Neues für ihn.

Tja, das waren also die Für und Wider. Tims Standardverfahrensweise verlangte nun, sie gegeneinander abzuwägen, um festzustellen, welches das größere Gewicht besaß. Diesmal aber wollte es mit seiner bewährten Methode nicht so recht klappen. Einige von Tims Bekannten behaupteten, dass sie sowieso nichts taugte. Wahrscheinlich hatten sie recht. Vielleicht war es ein Fehler, davon auszugehen, dass Argumente gezählt werden konnten wie Banknoten. Seltsamerweise fiel Tim das Thema einer Philosophievorlesung ein: »Die Irreführung des menschlichen Verstandes durch sprachliche Mittel«. Was ist länger: ein Flugzeug oder ein Einakter? Was ist mir lieber: Zufriedenheit oder Vergnügen?

Bald schwirrte Tim der Kopf. Er stieß ein lautes, zorniges Schnauben aus; dann warf er einen hastigen Blick aufs Bett, um festzustellen, ob er das Mädchen geweckt hatte. Sie schlief noch. Gut.

Draußen auf der Straße, knapp hundert Meter entfernt, hielt ein grauer Rolls-Royce am Bordstein. Niemand stieg aus. Tim schaute sich die Sache genauer an und sah, wie der Fahrer eine Zeitung aufschlug. War der Mann ein Chauffeur, der jemanden abholen sollte? Jetzt, um halb sieben in der Frühe? Oder war er ein Geschäftsmann, der die Nacht durchgefahren und zu früh ans Ziel gelangt war? Tim konnte das Nummernschild nicht lesen, aber er konnte erkennen, dass der Fahrer ein großer Mann war, groß genug, um das Innere des Rolls-Royce so winzig wie das eines Mini-Cooper erscheinen zu lassen.

Tim wandte sich wieder seinem Dilemma zu. Wie machen wir es in der Politik, fragte er sich, wenn wir uns mit zwei machtvollen, aber gegensätzlichen Forderungen konfrontiert sehen? Die Antwort kam sofort: Wir überlegen uns eine Vorgehensweise, die beide Forderungen erfüllen kann – sei es nun tatsächlich oder nur zum Schein. Die Parallelen seines privaten Dilemmas mit dem politischen Alltag waren offensichtlich. Er würde mit Julia verheiratet bleiben und eine Affäre mit dem Mädchen haben. In Tims Augen war dies eine sehr politische Lösung seines Problems, und das gefiel ihm.

Er zündete sich eine Zigarette an und dachte über die Zukunft nach. Es war ein angenehmer Zeitvertreib. Ja, sagte sich Tim, ich werde mit dem Mädchen noch viele weitere Nächte in dieser Wohnung verbringen, und gelegentliche Wochenendurlaube in einem Hotel auf dem Lande; vielleicht ist sogar ein zweiwöchiger Urlaub in südlichen Gefilden drin, an irgendeinem kleinen, verschwiegenen Strand in Nordafrika oder der Karibik. Im Bikini muss das Mädchen umwerfend aussehen.

Angesichts dieser Hoffnungen verblassten andere. Tim war fast geneigt zu glauben, sein ganzes bisheriges Leben verschwendet zu haben; aber er wusste, dass dieser Gedanke dann doch ein bisschen übertrieben war. Verschwendet hatte er sein Leben nicht, doch es kam ihm jetzt so vor, als hätte er seine ganze Jugend damit verbracht, vierteilige Divisionen zu addieren, ohne die Differenzialrechnung entdeckt zu haben.

Er beschloss, mit dem Mädchen über das Problem und dessen Lösung zu reden. Falls sie bezweifelte, dass es eine Lösung gab, würde er ihr Mut machen und sie darauf hinweisen, dass es seine Spezialität war, Kompromisse zu finden.

Aber wie sollte er anfangen? »Schatz, ich möchte noch einmal die Nacht mit dir verbringen. So viele Nächte wie möglich.« Hörte sich ganz gut an. Was würde sie antworten? »Ich auch.« Oder: »Ruf mich unter dieser Nummer an.« Oder: »Tut mir leid, Timmy, ich bin ein Mädchen für eine Nacht.«

Nein, Letzteres bestimmt nicht. Vergangene Nacht hatte es auch dem Mädchen viel zu viel Spaß gemacht – warum, mochte der Teufel wissen. Jedenfalls war er etwas Besonderes für sie. Das hatte sie schließlich gesagt.

Tim erhob sich und drückte die Zigarette aus. Ich gehe jetzt zum Bett, sagte er sich, und dann ziehe ich ganz langsam die Decke von ihr herunter und guck mir ein Weilchen ihren nackten Körper an. Dann lege ich mich neben sie und küsse sie auf den Bauch, und auf die Oberschenkel, und auf die Brüste, bis sie aufwacht. Und dann vernasche ich sie noch einmal.

Er nahm den Blick von dem Mädchen, schaute aus dem Fenster und schwelgte in freudiger Erwartung. Der Rolls-Royce stand immer noch an der Straße; er sah wie ein großer grauer Felsblock aus, der in den Rinnstein gerollt war. Aus unerfindlichen Gründen fühlte Tim sich durch den Wagen gestört. Ach Quatsch, denk nicht mehr daran, sagte er sich und ging zum Bett.

2

Felix Laski hatte nicht viel Geld, obwohl er ein sehr reicher Mann war. Sein Vermögen steckte in Aktien, Beteiligungen, Immobilien und diversen nebulösen Investitionen, beispielsweise einem zur Hälfte fertiggestellten Drehbuch für einen Spielfilm oder dem Drittelanteil an der Erfindung eines Geräts zur Herstellung von Instantkartoffelchips. Die Zeitungen berichteten gern und oft darüber, dass Laskis Besitztümer in Bargeld umgewandelt Abermillionen Pfund ausmachten, und Laski wies ebenso gern und oft darauf hin, dass es praktisch unmöglich sei, seine Reichtümer in Bargeld zu verwandeln.

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