Die Pfeiler der Macht - Ken Follett - E-Book
Beschreibung

Das Haus Pilaster, eine der angesehensten Bankiersfamilien Londons, wird insgeheim von der schönen Augusta beherrscht. Hinter einer Fassade der Wohlanständigkeit treibt sie rücksichtslos ihre ehrgeizigen Pläne voran, die schon bald das Fundament des Finanzimperiums erschüttern und Die Pfeiler der Macht ins Wanken bringen. Wird es Hugh Pilaster gelingen, den drohenden Ruin des Bankhauses abzuwenden und damit sein eigenes Lebensglück und das vieler anderer Menschen zu retten?

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EPUB
MOBI

Seitenzahl:909


Inhalt

Cover

Titel

Impressum

DANKSAGUNG

PROLOG - MAI 1866

TEIL I - MAI 1873

1. Kapitel

2. KAPITEL - JUNI 1873

3. Kapitel - Juli 1873

4. Kapitel - August 1873

5. Kapitel - September 1873

TEIL II - JANUAR 1879

1. KAPITEL

2. Kapitel - April 1879

3. Kapitel - Mai 1879

4. KAPITEL - JUNI 1879

5. Kapitel - Juli 1879

Teil III - September 1890

1. KAPITEL

2. KAPITEL - OKTOBER 1890

3. Kapitel - November 1890

4. Kapitel - Dezember 1890

EPILOG - 1892

Stammbaum der Familie Pilaster

Unsere Empfehlungen

Ken Follett

DIE PFEILERDER MACHT

Roman

Aus dem Englischen vonTill R. Lohmeyer und Christel Rost

BASTEI ENTERTAINMENT

Vollständige E-Book-Ausgabe

des in der Bastei Lübbe AG erschienenen Werkes

Bastei Entertainment in der Bastei Lübbe AG

Für die Originalausgabe:

Copyright © 1993 by Ken Follett

Titel der englischen Originalausgabe: »A Dangerous Fortune«

Für die deutschsprachige Ausgabe:

Copyright © 1994/2015 by Bastei Lübbe AG, Köln

Titelillustration: © Johannes Wiebel, punchdesign, München,

unter Verwendung von Motiven von Shutterstock.com

Vignetten: Markus Weber, Guter Punkt, München

Umschlaggestaltung: Johannes Wiebel, punchdesign, München

E-Book-Produktion: Urban SatzKonzept, Düsseldorf

ISBN 978-3-8387-0338-1

www.bastei-entertainment.de

www.lesejury.de

DANKSAGUNG

Den folgenden Freunden,Verwandten und Kollegen danke ichfür die großzügige Hilfe,die sie mir während der Entstehungdieses Buches gewährt haben:

CAROLE BARON

JOANNA BOURKE

BEN BRABER

GEORGE BRENNAN

JACKIE FARBER

BARBARA FOLLETT

EMANUELE FOLLETT

KATYA FOLLETT

MICHAEL HASKOLL

PAM MENDEZ

M. J. ORBELL

RICHARD OVERY

DAN STARER

KIM TURNER

ANN WARD

JANE WOOD

AL ZUCKERMAN

PROLOG – MAI 1866

An jenem Tag, an dem die Tragödie ihren Lauf nahm, standen alle Schüler der Windfield School unter Hausarrest und durften ihre Zimmer nicht verlassen.

Es war ein heißer Samstag im Mai. Normalerweise hätten sie den Nachmittag auf dem Rasen im Süden des Internats verbracht, wo die einen Cricket gespielt und die anderen ihnen vom schattigen Saum des Bischofswäldchens aus zugesehen hätten. Aber es war ein Verbrechen geschehen. Vom Schreibtisch Mr. Offertons, des Lateinlehrers, waren sechs Goldmünzen gestohlen worden, und alle Schüler standen unter Verdacht. Bis zur Entlarvung des Diebes mussten die Jungen in ihren Zimmern bleiben.

Micky Miranda saß an einem Tisch, in den schon Generationen gelangweilter Schulbuben ihre Initialen geritzt hatten, und blätterte in einer Regierungsbroschüre mit dem Titel Ausrüstung der Infanterie.

Gewöhnlich faszinierten ihn die Abbildungen von Schwertern, Musketen und Gewehren, doch heute war es so heiß, dass er sich nicht konzentrieren konnte. Ihm gegenüber, auf der anderen Seite des Tisches, sah sein Zimmergenosse Edward Pilaster von seinem Lateinheft auf. Er war gerade dabei, Mickys Tacitus-Übersetzung abzuschreiben. Mit einem tintenbeklecksten Finger deutete er auf die Vorlage und sagte: »Das Wort da kann ich nicht lesen.«

Micky sah sich das Wort an. »Decapitated, enthauptet«, sagte er. »Im Englischen das gleiche Wort wie im Lateinischen: decapitare.« Latein fiel ihm leicht, was daran liegen mochte, dass viele Wörter im Spanischen ganz ähnlich klangen. Spanisch war Mickys Muttersprache.

Edwards Feder kratzte wieder übers Papier. Von Unruhe getrieben stand Micky auf und trat ans offene Fenster. Kein Windhauch war zu spüren. Sehnsüchtig sah er über den Stallhof zu den Bäumen hinüber. Am Nordrand des Bischofswäldchens lag ein verlassener Steinbruch mit einem schattigen Teich. Das Wasser dort war kalt und tief …

»Komm, geh’n wir schwimmen«, sagte er unvermittelt.

»Geht nicht«, gab Edward zurück.

»Geht doch, wenn wir durch die Synagoge rausgehen.« Die »Synagoge« war das Zimmer nebenan, das sich drei jüdische Schüler teilten. In Windfield wurde Religion undogmatisch unterrichtet, man tolerierte jeden Glauben, weshalb das Internat für jüdische Eltern ebenso akzeptabel war wie für Mickys katholischen Vater und Edwards Eltern, die sich zum Methodismus bekannten. Allerdings hatten jüdische Schüler – tolerante Schulpolitik hin oder her – immer unter einem gewissen Maß an Hänseleien zu leiden. »Wir steigen in der Synagoge durchs Fenster, springen aufs Waschhausdach, klettern auf der Giebelseite vom Stall runter und schleichen uns in den Wald.«

Edwards Blick verriet, dass er Angst hatte. »Wenn du erwischt wirst, setzt’s den Rohrstock!«

Der »Rohrstock« war ein harter Eschenknüppel, den Dr. Poleson, der Direktor, schwang. Zwölf schmerzhafte Hiebe waren die Strafe für Entweichen aus dem Arrest. Micky hatte die Prügelstrafe schon hinter sich – wegen verbotenen Glücksspiels –, und ihn schauderte allein bei dem Gedanken daran. Aber die Gefahr, heute erwischt zu werden, war nicht groß – wohingegen die Vorstellung, die Kleider abzustreifen und nackt ins Wasser zu springen, äußerst verführerisch war. Micky glaubte schon fast, das kühle Nass auf seiner verschwitzten Haut zu spüren. Er betrachtete seinen Zimmergenossen. Der war nicht besonders beliebt hier: zu faul, um ein guter Schüler, zu plump, um sportlich zu sein, und viel zu eigensüchtig, um sich Freunde zu machen. Edwards einziger Freund war er, Micky, und Edward mochte es überhaupt nicht, wenn Micky mit anderen Jungen loszog. »Ich frag mal Pilkington, ob er mitmacht«, sagte Micky und ging zur Tür.

»Nein, lass das«, widersprach Edward nervös.

»Warum denn nicht?«, fragte Micky. »Du bist einfach viel zu feige.«

»Ich bin nicht zu feige«, behauptete Edward nicht sonderlich überzeugend. »Ich muss noch Latein machen.«

»Dann mach’s. Ich gehe solange mit Pilkington schwimmen.« Einen Augenblick lang schien Edward auf seinem Standpunkt beharren zu wollen, doch dann gab er klein bei. »Na schön, ich komme mit«, sagte er widerwillig.

Micky spähte zur Tür hinaus. Gedämpfte Geräusche erfüllten das Haus, doch im Gang ließ sich weit und breit kein Lehrer blicken. Micky schoss hinaus und verschwand im angrenzenden Zimmer. Edward folgte ihm auf den Fersen.

»Tag, ihr Hebräer«, grüßte Micky.

Zwei Jungen, die am Tisch Karten spielten, streiften ihn nur mit einem kurzen Blick und vertieften sich wieder in ihr Blatt, ohne ein Wort zu verlieren. Der dritte, Fatty Greenbourne, aß gerade Kuchen. Seine Mutter schickte ihm ständig Fresspakete. »Tag, ihr beiden«, sagte er liebenswürdig. »Stückchen Kuchen gefällig?«

»Himmel, Greenbourne! Du mästest dich wie ein Schwein«, tadelte Micky.

Fatty zuckte nur mit den Schultern und mampfte ungerührt weiter. Da er nicht nur Jude, sondern auch dick war, wurde er noch mehr gehänselt als die anderen, aber es schien ihm nichts auszumachen. Sein Vater, so hieß es, war der reichste Mann der Welt. Vielleicht ist Fatty deshalb so unangreifbar, dachte Micky. Er ging zum Fenster, riss es auf und sah sich draußen um. Der Stallhof lag verlassen da.

»Was habt ihr vor, ihr zwei?«, fragte Fatty.

»Schwimmen gehen«, sagte Micky.

»Das gibt ‘ne Tracht Prügel.«

»Ich weiß«, sagte Edward, und es klang ziemlich kläglich.

Micky schwang sich aufs Fensterbrett, robbte rückwärts und ließ sich dann auf das nur ein paar Zentimeter tiefer liegende Schrägdach des Waschhauses fallen. Er meinte, eine Schieferpfanne knacken zu hören, doch das Dach hielt. Als er aufblickte, sah er Edwards ängstliche Miene im Fenster. »Komm schon!«, raunte er ihm zu, kletterte das Dach hinunter, fand ein Abzugsrohr und ließ sich daran zu Boden gleiten. Eine Minute später landete Edward neben ihm.

Micky spähte um die Ecke. Kein Mensch war zu sehen. Er fackelte nicht lange und flitzte über den Hof in den Wald. Erst als ihn die Bäume so weit verbargen, dass er sicher war, von den Schulgebäuden aus nicht mehr gesehen zu werden, machte er halt und holte Luft. Gleich darauf tauchte Edward neben ihm auf.

»Geschafft!«, sagte Micky. »Kein Mensch hat uns gesehen.«

»Sie schnappen uns bestimmt, wenn wir zurückkommen«, maulte Edward.

Micky lächelte. Mit seinem glatten Blondhaar, den blauen Augen und der großen Nase, die wie eine breite Messerklinge wirkte, war Edward ein Engländer wie aus dem Bilderbuch. Er war ein großer Junge mit breiten Schultern, stark, aber unbeholfen. Er besaß keinerlei Stilgefühl, und entsprechend schlecht saßen seine Kleider.

Beide Jungen waren gleichaltrig, nämlich sechzehn, doch damit erschöpften sich ihre Gemeinsamkeiten auch schon: Micky mit seinem dunklen Lockenschopf und seinen dunklen Augen war peinlichst genau auf seine Erscheinung bedacht. Unordentlichkeit oder gar Schmutz waren ihm verhasst.

»Kein Vertrauen, Pilaster?«, stichelte Micky. »Hab ich nicht immer gut auf dich aufgepasst?«

Edward grinste besänftigt. »Schon gut. Los jetzt!« Sie schlugen einen kaum sichtbaren Pfad durch den Wald ein. Unter dem Laubdach der Buchen und Ulmen war es angenehm kühl, und Micky fühlte sich allmählich besser. »Was machst du in den Sommerferien?«, fragte er Edward.

»Im August sind wir immer in Schottland.«

»Habt ihr eine Jagdhütte dort?«, fragte Micky. Er hatte die Ausdrucksweise der englischen Oberschicht aufgeschnappt und wusste, dass »Jagdhütte« selbst dann die korrekte Bezeichnung war, wenn es sich dabei um ein Schloss mit fünfzig Zimmern handelte.

»Wir mieten eine«, erwiderte Edward. »Aber wir gehen nicht jagen. Mein Vater hat für Sport nicht viel übrig, weißt du.« Micky erkannte den abwehrenden Ton in Edwards Stimme und fragte sich, was er bedeuten mochte. Er wusste, dass sich die englische Aristokratie im August auf der Vogeljagd und den Winter über auf der Fuchsjagd vergnügte. Er wusste außerdem, dass kein Aristokrat seine Söhne nach Windfield schickte. Die Väter der Windfield-Eleven waren keine Grafen und Bischöfe, sondern Geschäftsleute und Ingenieure, Männer also, die keine Zeit zu verschwenden hatten, weder aufs Jagen noch aufs Schießen. Die Pilasters waren Bankiers, und wenn Edward sagte, sein Vater hätte nicht viel übrig für Sport, so gab er damit indirekt zu, dass seine Familie nicht gerade zu den oberen Zehntausend zählte.

Dass die Engländer Müßiggängern mehr Respekt entgegenbrachten als arbeitenden Menschen, war ein Umstand, der Micky immer wieder aufs Neue amüsierte. In seinem eigenen Land hatte man weder vor ziellos dahintreibenden Adligen noch vor hart arbeitenden Geschäftsleuten Respekt. Dort achtete man nur die Macht. Was mehr konnte ein Mann begehren, als Macht über andere zu besitzen – die Macht, zu ernähren oder verhungern zu lassen, die Macht, einzukerkern oder zu befreien, zu töten oder am Leben zu lassen?

»Wie steht’s mit dir?«, fragte Edward. »Wo verbringst du denn den Sommer?«

Auf diese Frage hatte Micky nur gewartet. »In der Schule«, lautete seine Antwort.

»Hier? Soll das heißen, dass du die ganzen Ferien über in der Schule bleibst?«

»Was denn sonst? Heimfahren kann ich nicht. Allein für den Hinweg brauche ich sechs Wochen – ich müsste schon umkehren, bevor ich überhaupt zu Hause wäre.«

»Das ist ja grässlich.«

Das mochte schon sein – nur: Micky hegte gar nicht den Wunsch, nach Hause zu fahren. Seit dem Tod seiner Mutter war ihm sein Vaterhaus verhasst. Dort gab es inzwischen nur noch Männer: seinen Vater, seinen älteren Bruder Paulo, mehrere Onkel und Vettern und dazu vierhundert Gauchos. Der große Held für all diese Männer war Papa, doch für Micky war er ein Fremder: kalt, unnahbar, ungeduldig.

Ein noch größeres Problem für Micky war Paulo. Der war ebenso stark wie dämlich, hasste den geschickteren und klügeren Micky, und nichts bereitete ihm größeren Spaß, als seinen kleinen Bruder zu demütigen. Wo immer sich eine Chance bot, aller Welt vorzuführen, dass Micky unfähig war, einen Stier mit dem Lasso einzufangen, ein Pferd zuzureiten oder eine Schlange mit einem Kopfschuss zu töten, wurde sie von Paulo weidlich genutzt. Besonderes Vergnügen bereitete es ihm, Mickys Pferd zu erschrecken, sodass es scheute und Micky nichts anderes übrig blieb, als sich in Todesängsten mit fest geschlossenen Augen an den Hals des Tieres zu klammern, bis es, nach wilder Jagd über die Pampa, erschöpft stehen blieb.

Oh nein, Micky wollte in den Ferien nicht nach Hause. Aber er wollte auch nicht in der Schule bleiben. Er spekulierte auf eine Einladung der Pilasters, den Sommer mit ihnen zu verbringen. Da Edward nicht sofort von selbst auf den Gedanken kam, ließ Micky das Thema fallen. Er war überzeugt, dass es wieder zur Sprache kommen würde.

Sie kletterten über einen verfallenden Weidezaun und stiegen eine kleine Anhöhe hinauf. Von oben war bereits der Teich zu sehen. Zwar waren die behauenen Wände des Steinbruchs ziemlich steil, doch jeder halbwegs gelenkige Junge fand ohne Schwierigkeiten hinunter. Das tiefe Wasserloch am Grunde schimmerte in trübem Grün und beherbergte Kröten, Frösche und ein paar Wasserschlangen.

Micky stellte verblüfft fest, dass sich schon drei andere Jungen im Wasser befanden.

Das Sonnenlicht brach sich an der Wasseroberfläche. Micky kniff die Augen zusammen und versuchte, die nackten Gestalten zu erkennen. Es waren drei Windfield-Schüler aus der Untertertia. Der karottenrote Schopf gehörte zu Antonio Silva, der trotz seiner Haarfarbe ein Landsmann Mickys war. Tonios Vater mochte nicht so viel Land besitzen wie der von Micky, doch die Silvas lebten in der Hauptstadt und hatten einflussreiche Verbindungen. Auch Tonio konnte in den Ferien nicht nach Hause fahren. Da er jedoch Freunde an der Botschaft von Cordoba in London hatte, musste er nicht den ganzen Sommer über in der Schule bleiben.

Bei dem zweiten Jungen handelte es sich um Hugh Pilaster, einen Vetter Edwards, wiewohl die beiden nicht die geringste Ähnlichkeit aufwiesen: Der schwarzhaarige Hugh hatte ein schmales, ebenmäßiges Gesicht, und sein lausbübisches Grinsen war unverwechselbar. Edward konnte ihn nicht leiden, denn Hugh war ein guter Schüler, neben dem er selbst wie der Trottel der Familie wirkte.

Der dritte Schwimmer war Peter Middleton, ein eher schüchterner Knabe, der gewöhnlich die Nähe des selbstbewussteren Hugh suchte. Drei Dreizehnjährige also, allesamt mit weißen, unbehaarten Körpern, dünnen Armen und schlaksigen Beinen.

Dann bemerkte Micky noch einen vierten Jungen. Er schwamm für sich allein am anderen Ende des Teiches. Er wirkte älter als die anderen drei und schien nicht zu ihnen zu gehören. Aber er war zu weit entfernt, als dass Micky sein Gesicht hätte erkennen können.

Edward setzte ein boshaftes Grinsen auf: Er sah eine Gelegenheit, den anderen einen Streich zu spielen. Verschwörerisch legte er den Finger auf die Lippen, bevor er an der Steilwand hinunterturnte. Micky folgte ihm schweigend.

Als sie den Vorsprung erreichten, wo die Jüngeren ihre Kleider abgelegt hatten, waren Tonio und Hugh untergetaucht, um irgendetwas zu erforschen, während Peter in aller Ruhe seine Bahnen zog. Er war der Erste, der die beiden Neuankömmlinge entdeckte.

»Oh nein!«, stöhnte er.

»Sieh da, sieh da«, sagte Edward. »Ihr wisst doch, dass das, was ihr hier treibt, verboten ist, oder?«

Jetzt hatte auch Hugh Pilaster seinen Vetter entdeckt und rief ihm zu: »Für dich ist es genauso verboten!«

»Ihr haut besser ab, bevor man euch erwischt«, erwiderte Edward ungerührt und hob eine Hose vom Boden auf. »Aber seht zu, dass eure Kleider nicht nass werden, sonst weiß jeder sofort, wo ihr wart.« Dann warf er die Hose mitten in den Teich und brach in wieherndes Gelächter aus.

»Du gemeiner Kerl!«, schrie Peter und stürzte sich auf die im Wasser treibende Hose.

Micky lächelte amüsiert.

Edward griff sich einen Schnürstiefel und ließ ihn der Hose folgen.

Die Jüngeren gerieten allmählich in Panik. Edward nahm eine weitere Hose auf und warf sie in den Teich. Es war ein Heidenspaß zuzusehen, wie die drei Jüngeren schreiend nach ihren Kleidern tauchten, und Micky musste lachen.

Unverdrossen warf Edward ein Kleidungsstück nach dem anderen in den Teich, während Hugh Pilaster aus dem Wasser kletterte. Micky glaubte, er würde sofort die Flucht ergreifen, doch ganz unerwartet rannte Hugh direkt auf Edward zu und versetzte ihm einen kraftvollen Stoß, sodass der Größere, der sich nicht rechtzeitig umgedreht hatte, die Balance verlor. Er taumelte und stürzte kopfüber in den Teich. Es gab einen gewaltigen Platscher.

Das alles hatte nur Sekunden gedauert. Hugh schnappte sich einen Armvoll Kleider und turnte wie ein Affe die Wand des Steinbruchs hinauf. Peter und Tonio stimmten ein brüllendes Hohngelächter an.

Micky setzte Hugh nach, gab jedoch bald wieder auf, da er einsah, dass er den kleineren und behänderen Knaben nicht würde einholen können. Als er zurückkehrte, sah er als Erstes nach Edward. Zur Sorge bestand kein Anlass: Edward war wieder aufgetaucht und hatte sich Peter Middleton gegriffen. Immer wieder drückte er den Kopf des Jüngeren unter Wasser, um ihm sein Hohngelächter heimzuzahlen.

Tonio rettete sich derweilen ans Ufer, ein Bündel triefender Klamotten umklammernd. Er drehte sich um und sah, wie Edward Peter misshandelte. »Lass ihn in Ruhe, du blöder Affe!«, schrie er ihm zu.

Tonio war schon immer ein tollkühnes Bürschchen gewesen, und Micky fragte sich unwillkürlich, was er wohl im Schilde führte. Tonio lief ein Stück am Ufer entlang. Dann drehte er sich erneut um, diesmal mit einem Stein in der Hand. Micky rief Edward eine Warnung zu, doch es war schon zu spät: Mit erstaunlicher Zielsicherheit traf der Stein Edward am Kopf. Sofort breitete sich auf seiner Stirn ein heller Blutfleck aus.

Edward brüllte vor Schmerzen auf, ließ von Peter ab und schwamm wutentbrannt aufs Ufer zu, um Tonio nachzusetzen.

Die Hände immer noch um die Restbestände seiner Kleidung gekrampft und die Schmerzen missachtend, die der raue Boden seinen nackten Sohlen bereitete, hastete Hugh Pilaster durch den Wald. Dort, wo sich der schmale Pfad mit einem zweiten kreuzte, schlug er einen Haken nach links und rannte noch ein Stück weiter, bevor er sich in die Büsche schlug und im Unterholz verschwand.

Er wartete ab, bis sich sein rasselnder Atem wieder beruhigt hatte. Dann lauschte er angestrengt. Sein Vetter Edward und dessen Busenfreund Micky Miranda waren die miesesten Schweine der ganzen Schule: Drückeberger, Spielverderber und Kinderschinder, denen man tunlichst aus dem Weg ging. Doch jetzt war ihm Edward bestimmt auf den Fersen, denn schließlich hasste er ihn, Hugh, seit eh und je.

Schon ihre Väter hatten sich zerstritten. Toby, Hughs eigener Vater, hatte sein Kapital aus der Familienbank genommen und ein eigenes Unternehmen aufgezogen, einen Farbenhandel für die Textilindustrie. Das schlimmste Verbrechen, das ein Pilaster begehen konnte, war, der familieneigenen Bank sein Kapital zu entziehen – das wusste Hugh bereits mit dreizehn Jahren. Und er wusste, dass Onkel Joseph – Edwards Vater – seinem Bruder Toby diesen Fauxpas nie verziehen hatte.

Hugh fragte sich, was aus seinen Freunden geworden war. Bevor Micky und Edward aufkreuzten, waren sie zu viert im Wasser gewesen: Tonio, Peter sowie er selbst am einen und Albert Cammel, ein älterer Schüler, am anderen Ende des Teichs. Tonio war normalerweise mutig bis zur Tollkühnheit, aber vor Micky Miranda hatte er eine Höllenangst. Beide kamen sie aus einem südamerikanischen Land namens Cordoba, und Tonio hatte erzählt, die Mirandas seien eine mächtige und grausame Familie.

Hugh kapierte nicht ganz, was das heißen sollte, doch er sah nur allzu deutlich, was es bewirkte: Während kein anderer älterer Schüler vor Tonios Hänseleien sicher war, verhielt er sich Micky gegenüber auffallend höflich, ja geradezu unterwürfig.

Was Peter betraf, der starb sicherlich vor Schreck – er fürchtete sich ja sogar vor seinem eigenen Schatten. Blieb nur die Hoffnung, dass er den miesen Kerlen entwischt war.

Albert Cammel schließlich, der auf den Spitznamen Hump – Höcker – hörte, war nicht mit ihnen gekommen und hatte seine Kleider woanders abgelegt. Wahrscheinlich war er unbehelligt geblieben.

Auch er selbst war ihnen entkommen, doch das hieß noch lange nicht, dass er nun aus dem Schneider war. Seine Unterwäsche, seine Socken und seine Schuhe waren weg. Er würde sich triefnass in Hemd und Hosen in die Schule schleichen müssen – hoffentlich erwischte ihn keiner der Lehrer oder älteren Schüler dabei! Bei diesem Gedanken stöhnte Hugh laut auf. Warum muss ausgerechnet mir immer so was passieren?, fragte er sich. Ihm war hundeelend zumute.

Immer wieder hatte er Ärger, seit er vor achtzehn Monaten nach Windfield gekommen war. Das Lernen machte ihm nichts aus – er lernte gut und schnell, und für seine Klassenarbeiten erhielt er stets Bestnoten. Es waren die kleinkarierten Internatsregeln, die ihm so fürchterlich auf die Nerven gingen. Statt jeden Abend Viertel vor zehn im Bett zu liegen, wie es Vorschrift war, fand er immer wieder einen zwingenden Grund, bis Viertel nach zehn aufzubleiben. Orte, die zu betreten streng verboten war, zogen ihn geradezu magisch an. Sein Forscherdrang trieb ihn immer wieder in den Pfarrgarten, in den Obstgarten des Direktors, in den Kohlen- oder den Bierkeller. Er lief, wenn er gehen sollte, las, wenn er schlafen sollte, und schwätzte während des Gebets. Und immer wieder endete es so wie heute: Er fühlte sich schuldig, hatte Angst und haderte mit seinem Schicksal. Warum tust du dir das bloß an?, fragte er sich, wenn wieder einmal alles schiefgegangen war. Minutenlang herrschte Totenstille im Wald, während Hugh düster über seine Zukunft nachgrübelte. Würde er wohl eines Tages als Ausgestoßener enden? Als Verbrecher womöglich, den man ins Gefängnis warf oder als Sträfling nach Australien verbannte? Als Galgenvogel, der am Strick endete?

Im Augenblick schien wenigstens Edward nicht hinter ihm her zu sein. Hugh stand auf und zog sich Hemd und Hose an, beides noch nass. Dann hörte er ein Weinen.

Vorsichtig spähte er aus seinem Versteck – und erkannte Tonios karottenfarbenen Haarschopf. Langsam kam sein Freund den Pfad entlang, die Kleider in den Händen, triefnass, nackt und schluchzend.

»Was ist los?«, fragte Hugh. »Wo bleibt Peter?«

Urplötzlich wurde Tonio wild. »Das sag ich nicht! Nie!«, rief er. »Sie würden mich umbringen!«

»Na schön, dann lass es eben bleiben«, meinte Hugh. Es war das Übliche: Tonio hatte eine Höllenangst vor Micky, und was immer auch passiert sein mochte, Tonio würde kein Wort verraten. »Am besten ziehst du dich erst mal an«, schlug Hugh vor. Das war das Naheliegendste.

Tonio starrte wie blind auf das Bündel triefender Kleider in seinen Händen. Er stand offenbar unter Schock. Hugh nahm ihm das Bündel ab: Die Schuhe und die Hosen waren da, dazu eine Socke, aber kein Hemd. Er half Tonio beim Anziehen. Dann machten sie sich gemeinsam auf den Rückweg.

Tonio weinte nicht mehr, wirkte aber immer noch zutiefst erschüttert. Hugh konnte nur hoffen, dass die beiden Quälgeister Peter nicht allzusehr zugesetzt hatten. Außerdem kam es jetzt vor allem darauf an, die eigene Haut zu retten. »Wenn wir bloß irgendwie in den Schlafsaal kommen«, sagte er, »dann können wir uns frisches Zeug und andere Schuhe anziehen. Und wenn der Arrest erst mal aufgehoben ist, kaufen wir uns in der Stadt neue Kleider auf Kredit.«

»Einverstanden«, sagte Tonio dumpf und nickte.

Schweigend setzten sie ihren Weg durch den Wald fort. Erneut fragte sich Hugh, was Tonio so verstört haben mochte. Schikanen durch die Älteren waren schließlich nichts Neues in Windfield. Was mochte am Teich noch geschehen sein, nachdem ihm selbst die Flucht gelungen war? Von Tonio konnte er sich kaum Aufklärung erhoffen. Der sagte den ganzen Rückweg über kein Wort mehr.

Das Internat bestand aus sechs Gebäuden, die einst den Mittelpunkt eines großen Gutshofs gebildet hatten. Ihr Schlafsaal befand sich in der ehemaligen Meierei unweit der Kapelle. Um dorthin zu gelangen, mussten sie eine Mauer übersteigen und den Spielhof überqueren. Sie erkletterten die Mauer und spähten hinüber.

Das Spielfeld lag verlassen vor ihnen, wie Hugh erwartet hatte. Dennoch zögerte er. Allein der Gedanke daran, wie der Rohrstock auf sein Hinterteil klatschte, ließ ihn zusammenzucken. Aber ihm blieb keine andere Wahl. Er musste in die Schule und sich trockene Sachen anziehen.

»Die Luft ist rein«, zischte er. »Los jetzt!«

Gemeinsam sprangen sie über die Mauer und hetzten über das Spielfeld in den kühlen Schatten der steinernen Kapelle. Immerhin – bis jetzt war alles gut gegangen. Sie schlichen sich um die Ostseite, indem sie sich dicht an der Wand hielten. Als Nächstes kam ein kurzer Sprint über die Auffahrt und in ihr Gebäude. Hugh verharrte reglos. Kein Mensch war zu sehen. »Jetzt!«, flüsterte er.

Die beiden Jungen rannten über den Weg. Doch dann, als sie die Tür bereits erreicht hatten, schlug das Verhängnis zu. Eine vertraute, autoritätsgewohnte Stimme erklang: »Pilaster, mein Junge, sind Sie das?« Da wusste Hugh, dass das Spiel verloren war.

Das Herz rutschte ihm in den Hosenboden. Er blieb stehen und drehte sich um. Ausgerechnet in diesem Moment musste Mr. Offerton aus der Kapelle kommen! Jetzt stand er im Schatten des Portals, eine hochgewachsene, missgelaunte Gestalt in College-Talar und Barett. Hugh unterdrückte ein Stöhnen: Mr. Offerton, genau der Lehrer, dem das Geld gestohlen worden war! Der war der Letzte, der Gnade vor Recht ergehen ließ! Und das bedeutete unwiderruflich den Rohrstock. Unwillkürlich verkrampften sich Hughs Gesäßmuskeln.

»Kommen Sie her, Pilaster!«, befahl Dr. Offerton.

Hugh schlurfte hinüber, Tonio im Schlepptau. Er war der Verzweiflung nahe. Warum lasse ich mich bloß immer wieder auf solch riskante Unternehmen ein?, dachte er.

»Ins Büro des Schulleiters, sofort«, sagte Dr. Offerton.

»Jawohl, Sir«, sagte Hugh kleinlaut. Es wurde immer schlimmer! Wenn der Direktor sieht, in welchem Aufzug ich umherlaufe, fliege ich womöglich von der Schule. Was soll ich nur Mutter sagen? »Also ab!«, befahl der Lehrer ungeduldig.

Beide Jungen machten kehrt, doch Dr. Offerton sagte: »Sie nicht, Silva.«

Hugh und Tonio sahen sich fragend an: Weshalb sollte Hugh bestraft werden, Tonio aber nicht? Doch Befehl war Befehl, und Fragen waren nicht gestattet. Also entkam Tonio in den Schlafsaal, während Hugh sich auf den Weg zum Haus des Direktors machte.

Schon jetzt konnte er den Rohrstock spüren. Er wusste, dass er weinen würde, und das war noch viel schlimmer als der Schmerz. Denn mit seinen dreizehn Jahren fand Hugh sich eigentlich schon zu alt für Tränen.

Das Haus des Direktors lag am anderen Ende des Schulgeländes, doch so langsam Hugh auch vorwärtsschlich – er kam viel zu früh an. Und das Hausmädchen öffnete die Tür schon eine Sekunde nach dem Klingeln.

Dr. Poleson erwartete ihn in der Diele. Der Schulleiter war ein kahlköpfiger Mann mit dem Gesicht einer Bulldogge, doch aus irgendeinem Grunde sah er nicht so aus wie erwartet. Das Donnerwetter, mit dem Hugh gerechnet hatte, blieb aus. Anstatt sofort Aufklärung darüber zu verlangen, weshalb Hugh nicht nur aus dem Arrest entwichen, sondern darüber hinaus auch noch tropfnass war, öffnete der Direktor schlicht die Tür zu seinem Büro und sagte ruhig: »Hier herein, mein Junge.« Er spart sich seine Wut für die Prügel auf, dachte Hugh und betrat klopfenden Herzens das Büro.

Zu seiner heillosen Verblüffung sah er dort seine Mutter sitzen.

Noch schlimmer – sie weinte!

»Ich war doch bloß schwimmen!«, platzte Hugh heraus.

Hinter ihm schloss sich die Tür, und er merkte, dass der Schulleiter gar nicht mit hereingekommen war.

Erst jetzt begann es ihm zu dämmern: Das alles hatte nichts mit dem Arrest zu tun und nichts mit dem Schwimmen. Es ging auch nicht um die verlorenen Klamotten und nicht darum, dass er Mr. Offerton halb nackt in die Arme gelaufen war. Er hatte das entsetzliche Gefühl, dass alles noch viel, viel schlimmer war.

»Was ist los, Mutter?«, fragte er. »Warum bist du gekommen?«

»Ach, Hugh«, schluchzte sie, »dein Vater ist tot.«

Samstag war der schönste Tag der Woche, fand Maisie Robinson. Am Samstag bekam Papa seinen Lohn. Dann gab es Fleisch zum Abendessen und frisches Brot.

Sie saß mit ihrem Bruder Danny auf der Eingangsstufe und wartete darauf, dass Papa von der Arbeit kam. Danny war dreizehn, zwei Jahre älter als Maisie, und sie himmelte ihn an, obwohl er manchmal gar nicht nett zu ihr war.

Das Haus war Bestandteil einer Reihe feuchter, stickiger Wohnquartiere im Hafenviertel einer Kleinstadt an der Nordostküste Englands und gehörte der Witwe MacNeil. Sie bewohnte das vordere Zimmer im Parterre, die Robinsons lebten im Hinterzimmer, und im ersten Stock hauste eine weitere Familie. Wenn Papa von der Arbeit kam, würde Mrs. MacNeil ihn auf der Türschwelle abpassen und sofort die Miete kassieren.

Maisie hatte Hunger. Gestern hatte sie ein paar zerhackte Knochen beim Fleischer erbettelt, und Papa hatte eine Rübe gekauft und Eintopf daraus gekocht. Das war ihre letzte Mahlzeit gewesen. Aber heute war Samstag!

Sie versuchte, nicht an das Abendessen zu denken, denn dann tat ihr der Bauch nur noch mehr weh. Um sich abzulenken, sagte sie zu Danny: »Heute Morgen hat Papa ein Schimpfwort gebraucht.«

»Was hat er gesagt?«

»Er hat Mrs. MacNeil eine paskudniak genannt.«

Danny kicherte. Das Wort bedeutete Schurkin. Nach einem Jahr im neuen Land sprachen die Kinder fließend Englisch, doch ihr Jiddisch hatten sie nicht vergessen.

Ihr richtiger Name war nicht Robinson, sondern Rabinowicz. Mrs. MacNeil hasste sie, seit sie wusste, dass sie Juden waren. Sie hatte nie zuvor einen Juden gesehen, und als sie ihnen das Zimmer überließ, war es in dem Glauben geschehen, die neuen Mieter seien Franzosen. In dieser Stadt gab es wohl keine Juden. Die Robinsons hatten auch nie hierhergewollt: Ihre Überfahrt hatten sie für eine Stadt namens Manchester gebucht, wo es viele Juden gab, und der Kapitän hatte ihnen vorgeflunkert, dies hier wäre Manchester. Als sie den Betrug bemerkten, hatte Papa gesagt, sie würden sparen, bis sie nach Manchester ziehen könnten – doch dann war Mama krank geworden.

Mama war noch immer krank, und sie waren noch immer hier. Papa arbeitete am Hafen in einem hohen Speicherhaus, über dessen Tor in großen Lettern Tobias Pilaster & Co. stand, und Maisie fragte sich oft, wer der »Co.« sein mochte. Papa arbeitete als Buchhalter bei Pilaster und erfasste die Farbenfässer, die hereinkamen und hinausgingen. Er war ein sorgfältiger Mann, ein gewissenhafter Protokollant und Listenschreiber.

Mama war das genaue Gegenteil von ihm, unternehmungslustig und wagemutig. Sie war die treibende Kraft gewesen, als es um die Übersiedlung nach England ging. Mama liebte Feste, Reisen, schöne Kleider und Gesellschaftsspiele und lernte gerne neue Menschen kennen. Darum liebt Papa sie auch so sehr, dachte Maisie: Weil Mama genau das ist, was er nie sein kann.

Doch inzwischen war Mama nur noch ein Schatten ihrer selbst. Den ganzen Tag lang lag sie auf der alten Matratze, döste und schlief; das blasse Gesicht glänzte vor Schweiß, und ihr Atem war heiß und übel riechend. Der Doktor hatte gesagt, man müsse sie täglich mit vielen frischen Eiern und Sahne und Rindfleisch wieder aufpäppeln – und dann hatte Papa ihn mit dem Geld bezahlt, das eigentlich fürs Abendessen vorgesehen war. Inzwischen fühlte sich Maisie jedes Mal, wenn sie etwas aß, schuldig, weil sie wusste, dass sie Nahrung zu sich nahm, die ihrer Mutter vielleicht das Leben retten konnte.

Maisie und Danny hatten sich das Stehlen beigebracht. An Markttagen gingen sie auf den Marktplatz und mausten Kartoffeln und Äpfel von den Ständen. Zwar wachten die Händler mit Adleraugen über ihre Ware, doch hin und wieder wurden sie abgelenkt – durch einen Streit übers Wechselgeld, durch raufende Hunde oder einen Trunkenbold –, und dann grapschten die Kinder nach allem, was sie erwischen konnten. Wenn sie Glück hatten, lief ihnen ein reiches Kind über den Weg, das nicht älter war als sie, und dann taten sie sich zusammen und raubten es aus. Solche Kinder trugen immer etwas bei sich – eine Orange oder eine Tüte voller Süßigkeiten, und sehr oft sogar ein paar Pennys. Maisie hatte ständig Angst, sie könnten ertappt werden – Mama würde sich in Grund und Boden schämen. Aber meistens war der Hunger größer als die Angst.

Als sie aufblickte, sah sie eine Traube von Männern die Straße entlangkommen. Wer sie wohl waren? Für Dockarbeiter waren sie noch ein wenig zu früh dran. Sie hielten zornige Reden, fuchtelten mit den Armen und stießen ihre Fäuste in die Luft.

Erst als sie näher kamen, erkannte Maisie Mr. Ross, der im ersten Stock wohnte und wie Papa bei Pilaster arbeitete. Wieso kam er schon nach Hause? Waren die Männer alle gefeuert worden? Nach Mr. Ross’ Zustand zu urteilen war das gut möglich. Sein Gesicht war puterrot angelaufen; er fluchte und schimpfte über »dumme Trottel, lausige Blutsauger und verlogene Schweinehunde«. Als die Gruppe das Haus erreicht hatte, wandte er sich brüsk ab und stampfte durch die Tür, sodass Maisie und Danny sich wegducken mussten, um nicht unter seine genagelten Stiefel zu geraten.

Als Maisie wieder aufblickte, sah sie Papa. Er war ein schmaler Mann mit schwarzem Bart und sanften braunen Augen, der den anderen in einiger Entfernung und mit gesenktem Kopf folgte. Er wirkte so niedergeschlagen und hoffnungslos, dass Maisie hätte weinen können.

»Was ist passiert, Papa?«, fragte sie. »Warum kommst du so früh?«

»Kommt mit rein«, sagte er so leise, dass Maisie ihn gerade eben noch verstand.

Beide Kinder folgten ihm ins Hinterzimmer. Dort kniete er sich neben die Matratze und küsste Mama auf die Lippen. Sie erwachte und lächelte ihn an, doch er erwiderte ihr Lächeln nicht.

»Die Firma ist kaputt«, sagte er auf Jiddisch. »Toby Pilaster hat Bankrott gemacht.«

Maisie verstand nicht, was er damit meinte, doch nach Papas Tonfall klang es wie eine Katastrophe. Unwillkürlich sah sie Danny an: Er zuckte die Achseln. Auch er begriff es nicht.

»Aber warum?«, fragte Mama.

»Es hat einen finanziellen Zusammenbruch gegeben«, sagte Papa. »Gestern hat eine große Bank in London Pleite gemacht.«

Mama runzelte die Stirn und versuchte sich zu konzentrieren. »Aber wir sind hier nicht in London«, sagte sie. »Was soll das heißen?«

»Genaueres weiß ich auch nicht.«

»Also hast du keine Arbeit mehr?«

»Keine Arbeit und auch kein Geld.«

»Aber heute haben sie dich doch bezahlt.«

Papa senkte den Kopf. »Nein, sie haben uns nicht bezahlt.«

Wieder sah Maisie Danny an. Das verstanden sie. Kein Geld bedeutete kein Essen, für keinen von ihnen. Danny war sichtlich erschrocken, und Maisie hätte am liebsten geweint.

»Aber sie müssen dich bezahlen«, flüsterte Mama. »Du hast die ganze Woche über gearbeitet, sie müssen dich bezahlen.«

»Sie haben kein Geld«, sagte Papa. »Sie sind bankrott. Bankrott heißt, anderen Leuten Geld zu schulden und sie nicht bezahlen zu können.«

»Aber du hast doch immer gesagt, Mr. Pilaster ist ein anständiger Mann.«

»Toby Pilaster ist tot. Er hat sich erhängt, gestern Abend, in seinem Londoner Büro. Sein Sohn ist so alt wie Danny.«

»Aber wie sollen wir nun unsere Kinder ernähren?«

»Ich weiß es nicht«, gestand Papa, und dann fing er zu Maisies Schrecken an zu weinen. »Es tut mir so leid, Sarah«, sagte er, während die Tränen in seinen Bart rollten. »Ich habe dich an diesen grauenvollen Ort gebracht, wo es keine Juden gibt und niemanden, der uns hilft. Ich kann den Arzt nicht bezahlen, ich kann keine Medizin kaufen, ich kann unsere Kinder nicht ernähren. Ich habe völlig versagt. Es tut mir so leid, so schrecklich leid.« Er beugte sich vor und vergrub sein tränennasses Gesicht an Mamas Busen. Mit zitternder Hand strich sie ihm übers Haar.

Maisie war entsetzt. Papa hatte noch nie geweint! Das schien das Ende aller Hoffnungen zu sein. Womöglich mussten sie nun alle sterben.

Danny stand auf, sah Maisie an und deutete mit dem Kopf zur Tür. Sie erhob sich, und auf Zehenspitzen verließen die beiden Kinder das Zimmer. Maisie setzte sich auf die Eingangsstufe und fing an zu weinen. »Was sollen wir bloß tun?«, schluchzte sie.

»Wir müssen weglaufen«, sagte Danny.

Bei seinen Worten bildete sich ein kalter Knoten in Maisies Brust.

»Das können wir nicht«, sagte sie.

»Wir müssen. Wir haben nichts zu essen. Wenn wir bleiben, verhungern wir.«

Maisie war das egal, doch plötzlich ging ihr ein anderer Gedanke durch den Sinn: Mama würde von sich aus zu Tode fasten, um ihren Kindern Nahrung zu verschaffen. Mama würde sterben, wenn sie blieben. Also mussten sie gehen, um Mamas Leben zu retten.

»Du hast recht«, sagte Maisie zu Danny. »Wenn wir weggehen, wird Papa vielleicht genug zu essen für Mama auftreiben können. Wir müssen wirklich gehen, um ihretwillen.«

Mit einem Mal wurde ihr das ganze Ausmaß des Unglücks bewusst, das ihre Familie getroffen hatte. Es war sogar noch schlimmer als an dem Tag, als sie aus Viskis hatten fliehen und das brennende Dorf hinter sich zurücklassen müssen. Ein eiskalter Zug hatte sie fortgebracht, mit ihrer gesamten Habe, die nicht mehr als zwei Segeltuchtaschen füllte. Damals war Maisie klar geworden, dass Papa sich allezeit um sie kümmern würde, was immer auch geschehen mochte. Jetzt aber musste sie sich um sich selbst kümmern.

»Wohin gehen wir?«, fragte sie flüsternd.

»Ich gehe nach Amerika.«

»Nach Amerika! Wie?«

»Im Hafen liegt ein Schiff, das mit der Morgenflut Richtung Boston ausläuft – wenn es dunkel ist, klettere ich an einem Seil an Bord und verstecke mich in einem der Boote.«

»Du fährst als blinder Passagier«, sagte Maisie, und in ihrer Stimme schwang ebenso viel Angst wie Bewunderung mit.

»Genau.«

Als Maisie ihren Bruder betrachtete, sah sie zum ersten Mal, dass über seinen Lippen ein Bartflaum zu sprießen begann. Er wurde allmählich ein Mann, und eines Tages würde er den gleichen schwarzen Vollbart tragen wie Papa. »Wie lange dauert die Fahrt nach Amerika?«, fragte sie.

Er zögerte und wirkte ein wenig stur, als er antwortete: »Ich weiß nicht.«

Ihr ging auf, dass er sie nicht in seine Pläne einschloss, und ihr wurde elend und ängstlich zumute. »Wir bleiben also nicht zusammen«, sagte sie traurig.

Sein Blick war schuldbewusst, aber er widersprach ihr nicht. »Ich geb dir einen guten Tipp«, sagte er. »Geh nach Newcastle. Zu Fuß bist du in vier Tagen dort. Es ist eine große Stadt, größer noch als Danzig – dort fällst du keinem auf. Schneid dir die Haare kurz, klau dir ein Paar Hosen, und tu so, als wärst du ein Junge. Such dir einen Mietstall, und hilf, die Pferde zu versorgen – mit Pferden konntest du schon immer gut umgehen. Wenn du deine Sache gut machst, kriegst du Trinkgelder, und vielleicht stellen sie dich nach einer Weile sogar richtig ein.«

Maisie konnte sich nicht vorstellen, ganz auf sich allein gestellt zu sein.

»Ich würde lieber bei dir bleiben«, sagte sie.

»Das geht nicht. Es wird schon schwierig genug für mich alleine. Ich muss mich verstecken, mir was zu essen klauen und so. Da kann ich mich nicht auch noch um dich kümmern.«

»Du brauchtest dich nicht um mich zu kümmern. Und ich wäre mucksmäuschenstill.«

»Ich würde mir aber Sorgen um dich machen.«

»Aber mich ganz allein zu lassen macht dir keine Sorgen?«

»Von heute an müssen wir selber für uns sorgen!«, gab Danny schroff zurück.

Maisie erkannte, dass sie ihren Bruder nicht würde umstimmen können – das war ihr noch nie gelungen, wenn Danny sich erst einmal etwas in den Kopf gesetzt hatte.

Voller Furcht im Herzen fragte sie: »Wann sollen wir gehen? Morgen früh?«

Danny schüttelte den Kopf. »Jetzt gleich. Sobald es dunkel ist, muss ich mich an Bord schleichen.«

»Ist das wirklich nötig?«

»Ja.« Wie zum Beweis dafür stand er auf.

Maisie tat es ihm gleich. »Sollen wir irgendwas mitnehmen?«

»Was denn?«

Sie zuckte mit den Schultern. Sie besaß kein Kleid zum Wechseln, keine Erinnerungsstücke, nichts. Es gab auch kein Geld und keine Lebensmittel, die sie hätten mitnehmen können. »Ich möchte Mama einen Abschiedskuss geben«, sagte Maisie. »Lass es sein«, sagte Danny mit rauer Stimme. »Sonst kommst du nicht von hier weg.«

Er hatte recht. Wenn ich jetzt zu Mama gehe, klappe ich zusammen und erzähle ihr alles, dachte Maisie und schluckte heftig. »Also gut«, sagte sie, während sie mit den Tränen kämpfte. »Gehen wir.«

Seite an Seite schritten sie davon.

Am Ende der Straße hätte Maisie sich gerne noch einmal umgedreht und einen letzten Blick auf das Haus geworfen. Doch sie hatte Angst, sie könnte schwach werden und umkehren. Also ging sie weiter und drehte sich nicht mehr um.

Ausschnitt aus der Londoner Times:DER CHARAKTERDESENGLISCHEN SCHULJUNGEN

Der Stellvertretende Untersuchungsrichter von Ashton, Mr. H.S. Wasbrough, leitete gestern im Bahnhofshotel von Windfield die gerichtliche Untersuchungskommission zur Aufklärung der Todesursache im Falle des 13-jährigen Schülers Peter James St. John Middleton. Der Knabe war in einem stillgelegten Steinbruch, unweit der Windfield School, in einem Teich schwimmen. Zwei ältere Schüler hatten, wie dem Gericht mitgeteilt wurde, gemerkt, dass er in Schwierigkeiten geriet.

Einer der beiden, Miguel Miranda, gebürtig aus Cordoba, sagte als Zeuge aus, sein Begleiter, der 16-jährige Edward Pilaster, habe sich seiner Oberbekleidung entledigt und sei ins Wasser gesprungen, um den Jüngeren zu retten, jedoch ohne Erfolg.

Der Schulleiter von Windfield, Dr. Herbert Poleson, sagte aus, der Aufenthalt im Steinbruch sei den Schülern untersagt, doch es sei ihm bekannt, dass diese Anordnung gelegentlich übertreten werde. Die Jury kam zu dem Schluss, dass ein Unfalltod durch Ertrinken vorliege.

Abschließend verwies der Stellvertretende Untersuchungsrichter auf die Tapferkeit des Schülers Edward Pilaster, der versucht habe, seinem Freund das Leben zu retten, und sagte, der Charakter des englischen Schuljungen, geformt von Institutionen wie Windfield, sei ein Faktum, auf das wir mit Fug und Recht stolz sein dürften.

Micky Miranda war hingerissen von Edwards Mutter.

Augusta Pilaster war eine große, stattliche Frau in den Dreißigern. Sie hatte schwarzes Haar und schwarze Augenbrauen und ein hochmütiges Gesicht mit hohen Wangenknochen, einer geraden, scharf geschnittenen Nase und einer starken Kinnpartie. Strenggenommen war sie nicht schön und schon gar nicht hübsch, aber ihr stolzes Gesicht besaß eine unglaubliche Ausstrahlung. Zu der gerichtlichen Untersuchung trug sie einen schwarzen Mantel und einen schwarzen Hut, was die Dramatik ihres Auftritts noch verstärkte. Doch das eigentlich Faszinierende an ihr war der untrügliche Eindruck, dass sich unter ihren sittsamen Kleidern ein wollüstiger Körper verbarg und dass ihre arrogante, gebieterische Haltung eine leidenschaftliche Natur kaschierte. Micky vermochte sich ihrer Persönlichkeit nicht zu entziehen, ja, er konnte kaum den Blick von ihr wenden.

Neben ihr saß ihr Gatte Joseph, Edwards Vater, ein hässlicher Mann um die Vierzig, der unentwegt eine Leichenbittermiene zur Schau trug. Er besaß die gleiche Hakennase wie Edward und hatte den gleichen hellen Teint, doch seine blonden Haare wichen allmählich einer Glatze, für die der buschige Backenbart wohl einen Ausgleich schaffen sollte. Micky fragte sich, was eine so eindrucksvolle Frau dazu bewegt haben mochte, diesen unansehnlichen Mann zu heiraten. Nun ja, er hatte Geld, sehr viel Geld – das war wohl der Grund.

Sie saßen in einer Mietkutsche, die sie vom Bahnhofshotel in die Schule brachte: Mr. und Mrs. Pilaster, Edward und Micky sowie Dr. Poleson, der Schulleiter. Micky fand es erheiternd, dass auch der Direktor offensichtlich Augusta Pilasters Charme verfallen war. Er erkundigte sich, ob die Untersuchung sie ermüdet habe und ob sie sich in der Kutsche wohlfühle; er befahl dem Kutscher, langsamer zu fahren, und am Ende der Fahrt sprang er als Erster aus dem Wagen, um Mrs. Pilaster beim Aussteigen die Hand reichen zu können. Sein Bulldoggengesicht verriet eine Erregung, wie Micky sie noch nie an ihm beobachtet hatte.

Alles war gut gegangen bei der gerichtlichen Untersuchung. Obwohl Micky innerlich furchtbare Ängste ausgestanden hatte, hatte er eine Engelsmiene aufgesetzt, um die Geschichte zu erzählen, die Edward und er sich ausgedacht hatten. Die scheinheiligen Briten nahmen es unglaublich genau mit der Wahrheit, und wäre man ihm auf die Schliche gekommen, wäre er geliefert gewesen, so viel stand fest. Aber die Geschichte vom heldenhaften Internatsschüler hatte das Gericht dermaßen entzückt, dass niemand sie in Frage gestellt hatte. Edward war nervös gewesen und hatte bei seiner Aussage gestottert, doch der Untersuchungsrichter hatte auch dafür verständnisvolle Worte gefunden. Edward, so meinte er, sei wohl noch nicht darüber hinweggekommen, dass seinen Rettungsversuchen kein Erfolg beschieden war. Edward solle sich doch keine Vorwürfe machen …

Von den anderen Schülern war keiner vorgeladen worden. Hugh war noch am Tag des Unglücks aus der Schule genommen worden, weil sein Vater gestorben war. Von Tonio verlangte man keine Aussage, weil niemand wusste, dass er gesehen hatte, wie Peter starb. Micky hatte ihn unter fürchterlichen Drohungen zum Schweigen verdonnert. Zwar gab es noch einen unbekannten Zeugen, den Jungen, der am anderen Ende des Teichs gebadet hatte, doch der hatte sich nicht gemeldet.

Peters Eltern hatte der Schicksalsschlag so hart getroffen, dass sie nicht erschienen waren. Sie hatten ihren Anwalt geschickt, einen alten Mann mit verschlafenen Augen, dessen einziges Ziel es war, die Sache mit möglichst geringem Aufwand hinter sich zu bringen. Anwesend war lediglich Peters älterer Bruder David; er hatte sich ziemlich aufgeregt, als der Anwalt darauf verzichtete, Micky und Edward kritisch zu befragen. Mit einer abwehrenden Handbewegung wies der alte Mann Davids geflüsterten Protest zurück. Ein Glück, dachte Micky, und war dem Anwalt überaus dankbar für seine Trägheit. Er war sich ziemlich sicher, dass Edward schon bei der ersten skeptischen Frage in die Knie gegangen wäre.

Im staubigen Wohnzimmer des Direktors nahm Mrs. Pilaster Edward in die Arme und küsste ihn auf die Stirn, wo Tonios Stein eine Wunde hinterlassen hatte. »Mein armer, geliebter Junge«, sagte sie.

Von dem Steinwurf hatten Micky und Edward niemandem erzählt, denn dann hätten sie erklären müssen, was Tonio dazu veranlasst hatte. Nach ihrer Version hatte Edward sich den Kopf angeschlagen, als er nach Peter tauchte.

Beim Tee lernte Micky eine ganz neue Seite an seinem Freund kennen. Edward saß auf dem Sofa neben seiner Mutter. Unablässig tätschelte und streichelte Augusta ihren »Teddy«, doch statt peinlich davon berührt zu sein wie andere Jungen seines Alters, schien Edward das zu mögen und schenkte seiner Mutter sogar ein gewinnendes Lächeln, das Micky noch nie an ihm gesehen hatte. Sie ist richtig vernarrt in ihn, dachte Micky – und Edward gefällt das.

Nachdem man minutenlang nichts als belanglose Höflichkeiten ausgetauscht hatte, stand Mrs. Pilaster plötzlich auf und brachte damit die Männer ganz durcheinander. Hastig rappelten sie sich auf. »Sie wollen gewiss rauchen, Dr. Poleson«, sagte sie und, ohne seine Antwort abzuwarten, fuhr sie fort: »Mr. Pilaster wird Sie auf eine Zigarre in den Garten begleiten. Teddy, mein Lieber, du begleitest deinen Vater. Ich werde mir ein paar Minuten stiller Einkehr in der Kapelle gönnen. Vielleicht kann Micky mir den Weg dorthin zeigen.«

»Aber gewiss doch, aber gewiss doch«, stammelte der Direktor und überschlug sich geradezu in seinem Eifer, Augustas Befehlen unverzüglich nachzukommen. »Los, los, Miranda!«

Micky war beeindruckt. Wie mühelos diese Frau die Männer zum Spuren brachte! Er hielt ihr die Tür auf und folgte ihr hinaus.

In der Diele fragte er höflich: »Hätten Sie gerne einen Sonnenschirm, Mrs. Pilaster? Es ist recht heiß heute.«

»Nein, danke.«

Vor dem Haus des Direktors drückten sich eine Menge Jungen herum. Offenbar hatte sich die Neuigkeit, was für eine tolle Frau Pilasters Mutter war, wie ein Lauffeuer in der ganzen Schule verbreitet. Alle brannten darauf, sie zu sehen. Micky genoss es, dass er die Dame begleiten und durch die verschiedenen Höfe zur Kapelle führen durfte. »Soll ich hier draußen auf Sie warten?«, bot er an.

»Nein, komm mit herein. Ich will mit dir reden.«

Das Vergnügen, die faszinierende Frau herumzuführen, wich Unsicherheit und Nervosität. Was will sie von mir?, fragte sich Micky.

Die Kapelle war menschenleer. Mrs. Pilaster setzte sich in eine der hinteren Bänke und deutete auf den Platz neben ihr. Dann sah sie ihm geradewegs in die Augen und sagte: »Jetzt erzähl mir, wie es wirklich war.«

Augusta sah Überraschung und Furcht in den Augen des Jungen aufblitzen und wusste sofort, dass ihr Verdacht gerechtfertigt war.

Doch Micky hatte sich schon wieder gefangen. »Ich habe doch erzählt, wie es war«, lautete seine Antwort.

Sie schüttelte den Kopf. »Nein, das hast du nicht.«

Micky lächelte nur, und nun war es an Augusta, überrascht zu sein. Sie wusste, dass sie ihn ertappt und in die Defensive gedrängt hatte. Und doch war er imstande, sie anzulächeln! Nur wenige Männer hatten ihrer Willensstärke etwas entgegenzusetzen, und wie es schien, gehörte dieser Knabe trotz seiner Jugend bereits dazu. »Wie alt bist du?«, fragte sie.

»Sechzehn.«

Sie musterte ihn aufmerksam. Mit seinen dunkelbraunen Locken und der glatten Haut sah er geradezu aufregend gut aus, wenngleich die schweren Lider und die vollen Lippen einen Anflug von Dekadenz ahnen ließen. Seine Selbstsicherheit und seine glänzende Erscheinung erinnerten sie an den Grafen Strang …

Der Gedanke versetzte ihr einen Stich, und sie verdrängte ihn voller Schuldgefühle. »Peter Middleton war nicht in Gefahr, als ihr zu dem Teich kamt«, sagte sie. »Er schwamm putzmunter im Wasser herum.«

»Wie kommen Sie darauf?«, fragte Micky kühl zurück.

Sie spürte seine Angst – und doch blieb er vollkommen beherrscht. Der Junge war schon erstaunlich reif. Er zwang sie, gegen ihre Absicht mehr von ihrem Wissen preiszugeben, als sie vorgehabt hatte.

»Du vergisst, dass Hugh Pilaster dabei war«, sagte sie. »Er ist mein Neffe. Du hast wahrscheinlich gehört, dass sein Vater sich vergangene Woche das Leben genommen hat, deshalb ist Hugh heute nicht hier. Aber er hat seiner Mutter, also meiner Schwägerin, von dem Vorfall im Steinbruch erzählt.«

»Was hat er gesagt?«

Augusta runzelte die Stirn. »Er sagte, Edward hätte Peters Kleider ins Wasser geworfen«, gestand sie widerwillig. Es wollte ihr einfach nicht in den Kopf, wie Teddy so etwas tun konnte.

»Und dann?«

Augusta musste lächeln – der Junge drehte einfach den Spieß um. Statt sich von mir befragen zu lassen, horcht er mich aus!, dachte sie. »Erzähl du mir einfach, was passiert ist«, sagte sie.

Micky nickte. »Wie Sie wünschen.«

Seine Worte erleichterten und beunruhigten Augusta gleichermaßen. Sie wollte die Wahrheit wissen, fürchtete sich aber auch ein wenig davor. Armer Teddy, dachte sie bei sich, er wäre als Baby fast gestorben, weil mit meiner Milch etwas nicht stimmte. Er siechte dahin, bis der Arzt das Problem endlich erkannte und vorschlug, eine Amme einzustellen. Der arme Teddy ist heute noch genauso anfällig und empfindlich wie damals. Er braucht den Schutz seiner Mutter. Hätte ich meinen Willen durchgesetzt, hätte er niemals dieses Internat besuchen müssen, aber in diesem Punkt blieb sein Vater einfach unnachgiebig. Augusta wandte ihre Aufmerksamkeit wieder Micky zu.

»Edward hatte nichts Böses im Sinn«, begann er. »Es war reiner Unfug. Ich meine, dass er die Kleider der Jungen ins Wasser geworfen hat, war ein Scherz.«

Augusta nickte. Soweit klang alles ganz verständlich. Jungs in diesem Alter kabbelten sich ja ständig. Sicher haben sie auch den armen Teddy immer geärgert, dachte sie.

»Dann stieß Hugh Edward ins Wasser.«

»Der kleine Hugh war schon immer ein Unruhestifter«, sagte Augusta. »Er ist keinen Deut besser als sein erbärmlicher Vater.« Dabei dachte sie: Mit ihm wird es wahrscheinlich das gleiche böse Ende nehmen.

»Die anderen lachten, und da hat Edward Peters Kopf unter Wasser getunkt, um ihm eine Lektion zu erteilen. Hugh ist davongerannt, und Tonio warf mit einem Stein nach Edward.«

Augusta war entsetzt. »Er hätte das Bewusstsein verlieren und ertrinken können!«

»Hat er aber nicht. Stattdessen setzte er Tonio nach. Ich hab ihnen zugesehen. Auf Peter Middleton hat kein Mensch mehr geachtet. Tonio ist Edward schließlich ausgebüxt, und erst da merkten wir, dass Peter keinen Mucks mehr von sich gab. Wir wissen wirklich nicht, was ihm zugestoßen ist. Vielleicht verlor er die Kraft, als Edward ihn unter Wasser drückte, und bekam nicht mehr genug Luft, um noch ans Ufer zu schwimmen. Jedenfalls trieb er mit dem Gesicht nach unten im Wasser. Wir holten ihn sofort heraus, aber er war schon tot.«

Dafür konnte Edward eigentlich nichts, dachte Augusta. Unter den Jungen sind solche rohen Spiele doch üblich! Dennoch empfand sie große Dankbarkeit, dass diese Geschichte bei der Untersuchung nicht zur Sprache gekommen war. Micky hatte Edward gedeckt, dem Himmel sei Dank! »Was ist mit den anderen, die dabei waren?«, fragte sie. »Sie müssen doch wissen, was los gewesen ist.«

»Wir hatten Glück, dass Hugh noch am gleichen Tag die Schule verließ.«

»Und der andere Junge – Tony, nicht wahr?«

»Antonio Silva, kurz Tonio. Keine Sorge. Der ist ein Landsmann von mir und tut, was ich ihm sage.«

»Wie kannst du dir da so sicher sein?«

»Wenn er mir hier Schwierigkeiten macht, wird seine Familie zu Hause dafür büßen müssen. Das weiß er.«

Mickys Stimme klang auf einmal eiskalt. Augusta schauderte.

»Soll ich Ihnen einen Umhang holen?«, fragte Micky aufmerksam.

Augusta schüttelte den Kopf. »Und sonst hat niemand gesehen, was passiert ist?«

Micky runzelte die Stirn. »Als wir ankamen, schwamm noch ein vierter Junge im Teich.«

»Wer war das?«

Er schüttelte den Kopf. »Ich konnte sein Gesicht nicht erkennen«, sagte er. »Ich hatte ja keine Ahnung, dass es später wichtig sein würde.«

»Hat er gesehen, was passiert ist?«

»Das weiß ich nicht. Ich kann nicht genau sagen, wann er weggegangen ist.«

»Er war schon fort, als ihr die Leiche aus dem Wasser holtet?«

»Ja.«

»Wenn wir nur wüssten, wer das war«, sagte Augusta sorgenvoll.

»Vielleicht war er gar nicht von der Schule«, erwog Micky. »Er kann ebenso gut aus der Stadt sein. Aber wie auch immer – er hat sich nicht als Zeuge gemeldet, also kann er uns wohl kaum gefährlich werden.«

Er kann uns wohl kaum gefährlich werden.

Mit einem Schlag wurde Augusta klar, dass sie sich mit diesem Jungen auf etwas Unehrenhaftes, ja womöglich sogar Gesetzwidriges eingelassen hatte. Was für eine unangenehme Situation! Blind war sie in die Falle getappt, die Miguel Miranda ihr gestellt hatte.

Mit strengem Blick sagte sie: »Was willst du?«

Zum ersten Mal hatte sie ihn überrumpelt. Er wirkte verwirrt, als er fragte: »Wie meinen Sie das?«

»Du hast meinen Sohn gedeckt. Du hast heute einen Meineid geschworen.« Ihre Direktheit brachte ihn aus dem Gleichgewicht. Augusta nahm es befriedigt zur Kenntnis: Jetzt hatte sie das Heft wieder in der Hand. »Ich glaube nicht, dass du das aus reiner Herzensgüte getan hast. Ich glaube, du erwartest eine Gegenleistung. Warum sagst du mir nicht einfach, was du willst?«

Sie sah, wie sein Blick sekundenlang auf ihrem Busen verweilte. Einen irrwitzigen Augenblick lang glaubte sie, er wolle ihr einen unanständigen Antrag machen.

»Ich möchte gerne die Sommerferien bei Ihnen verbringen«, sagte Micky.

Das hatte sie nicht erwartet. »Warum?«

»Ich brauche sechs Wochen für den Heimweg. Deshalb muss ich in den Ferien in der Schule bleiben, ganz allein. Das ist entsetzlich langweilig. Für mich gäbe es nichts Schöneres, als den Sommer mit Edward zu verbringen. Laden Sie mich ein?«

Urplötzlich war er wieder ein ganz normaler Schuljunge. Augusta hatte schon damit gerechnet, er würde Geld fordern oder eine Anstellung beim Bankhaus Pilaster. Und dann dieser harmlose, beinahe kindische Wunsch!

Nun ja, ihm liegt wohl wirklich sehr daran, dachte sie. Schließlich ist er ja auch erst sechzehn.

»Es freut uns, wenn du deine Ferien bei uns verbringst«, sagte sie. Der Vorschlag war ihr gar nicht unangenehm. Micky Miranda war ein Filou, gewiss, und in seiner Art nicht zu unterschätzen. Aber er verfügte über perfekte Manieren und sah gut aus: ein angenehmer Gast. Vielleicht, dachte Augusta, übt er ein wenig Einfluss auf Edward aus. Wenn Teddy einen Fehler hatte, dann war es seine Ziellosigkeit. Micky war das genaue Gegenteil von ihm, und vielleicht übertrug sich ja ein wenig von seiner Willensstärke auf Teddy.

Micky lächelte strahlend. »Vielen Dank«, sagte er. Seine Freude wirkte aufrichtig.

»Du kannst jetzt gehen«, sagte Augusta. Sie wollte noch eine Weile allein bleiben und über das Gehörte nachdenken. »Ich finde selbst wieder zurück.«

Er erhob sich von der Bank, in der sie saßen. »Ich danke Ihnen sehr«, sagte er und streckte ihr die Hand entgegen.

Augusta schüttelte sie. »Ich bedanke mich bei dir. Du hast Teddy beschützt.«

Er verneigte sich, als wolle er ihr die Hand küssen, doch zu Augustas großer Verblüffung küsste er sie auf den Mund. Es ging so schnell, dass ihr keine Zeit blieb, sich abzuwenden. Sie wollte protestieren, doch bevor ihr die richtigen Worte einfielen, hatte er sich schon wieder aufgerichtet und war gegangen.

Empörend!, dachte sie. Nein, küssen hätte er mich nicht dürfen, schon gar nicht auf den Mund! Für wen hielt sich der Bengel eigentlich?

Im ersten Moment hätte sie ihre Ferieneinladung am liebsten wieder rückgängig gemacht, aber das ging natürlich nicht.

Warum eigentlich nicht?, fragte sie sich. Warum kann ich nicht von dieser Einladung zurücktreten? Ein Schuljunge hat sich unverschämt benommen, also lädt man ihn wieder aus.

Aber Augusta Pilaster war sich ihrer Sache keineswegs sicher, und das nicht nur deshalb, weil Micky ihrem Teddy eine üble Schmach erspart hatte. Es war viel schlimmer: Sie hatte sich mit ihm auf eine kriminelle Verschwörung eingelassen und war ihm nun ausgeliefert.

Micky Miranda hatte sie in der Hand.

Noch lange saß Augusta in dem kühlen Gotteshaus, starrte die kahlen Wände an und fragte sich beklommen, wie dieser hübsche, frühreife Knabe seine Macht nutzen würde.

TEIL I – MAI 1873

1. KAPITEL

Micky Miranda war dreiundzwanzig, als sein Vater nach London kam, um Waffen zu kaufen.

Señor Carlos Raul Xavier Miranda – für Micky seit jeher nur »Papa« – war ein kleiner, gedrungener Mann mit ausladenden Schultern. Aggressivität und Brutalität hatten tiefe Furchen in sein gebräuntes Gesicht gegraben. Im Sattel auf seinem kastanienbraunen Hengst, in ledernen chaparajos und Sombrero, mochte er eine eindrucksvolle, ehrfurchtgebietende Figur abgeben – hier jedoch, im Hyde Park, angetan mit Gehrock und Zylinder, kam er sich vor wie ein Idiot. Entsprechend übel war seine Laune. In diesem Zustand war er unberechenbar.

Sie sahen einander nicht ähnlich. Micky war groß und schlank und besaß regelmäßige Gesichtszüge. Wenn er etwas wollte, erreichte er es gewöhnlich mit einem Lächeln, nicht mit einem Stirnrunzeln. Er liebte die Annehmlichkeiten des Lebens in London über alles: schöne Kleidung, gute Manieren, linnene Bettwäsche und sanitäre Anlagen. Seine größte Sorge war, Papa könnte es sich in den Kopf gesetzt haben, ihn wieder mit nach Cordoba zu nehmen. Allein der Gedanke, seine Tage wieder im Sattel verbringen und des Nachts auf hartem Boden schlafen zu müssen, war Micky unerträglich – von der Aussicht, wieder unter die Fuchtel seines älteren Bruders Paulo zu geraten, der eine jüngere Ausgabe von Papa war, gar nicht erst zu reden. Sollte Micky eines Tages nach Cordoba zurückkehren, dann aus eigenem Entschluss und als bedeutender Mann, nicht als der jüngere Sohn von Papa Miranda. Er musste also seinen Vater davon überzeugen, dass er ihm hier in London mehr nutzen konnte als zu Hause.

Es war ein sonniger Samstagnachmittag, und sie flanierten über den South Carriage Drive. Der Park war bevölkert mit vielen gutgekleideten Londonern, die zu Fuß, zu Pferd und in offenen Kutschen das schöne Wetter genossen. Nur Papa war nicht in Genießerlaune. »Ich muss diese Gewehre bekommen!«, brummte er auf Spanisch gleich zweimal vor sich hin.

Micky antwortete in der gleichen Sprache. »Du könntest sie zu Hause kaufen«, bemerkte er versuchshalber.

»Zweitausend Stück?«, schnaubte Papa. »Ja, könnte ich wohl, aber dann pfeifen es die Spatzen von allen Dächern.«

Er wollte es also geheim halten. Micky hatte keine Ahnung, was Papa im Schilde führte. Der Preis für zweitausend Gewehre, zuzüglich der erforderlichen Munition, würde wahrscheinlich das gesamte Barvermögen der Familie verschlingen. Wozu brauchte Papa auf einmal so viele Waffen? Seit dem inzwischen legendären »Marsch der Gauchos«, als Papa seine Männer über die Anden geführt hatte, um die Provinz Santamaria von der spanischen Herrschaft zu befreien, hatte es in Cordoba keinen Krieg mehr gegeben. Und für wen waren die Waffen bestimmt? Alles in allem zählten Papas Gauchos, Verwandte, Pöstchenhalter und sonstige Anhänger keine tausend Köpfe. Papa hatte also vor, noch mehr Männer zu rekrutieren. Aber gegen wen wollten sie kämpfen? Darüber hatte er sich nicht geäußert, und Micky wollte ihn auch nicht danach fragen. Er fürchtete sich vor der Antwort.

Stattdessen sagte er jetzt: »Wie dem auch sei, Waffen von solcher Qualität bekommst du zu Hause ohnehin nicht.«

»Das stimmt«, sagte Papa. »Die Westley-Richards ist die beste Flinte, die ich je gesehen habe.«

Micky hatte Papa bei der Auswahl der Gewehre helfen können. Waffen aller Art hatten ihn schon immer fasziniert, und er hielt sich stets auf dem Laufenden, was die neuesten technischen Entwicklungen betraf. Was Papa brauchte, waren kurzläufige Gewehre, die auch für einen Reiter nicht zu unhandlich waren. Gemeinsam hatten sie die Fabrik in Birmingham besucht, in der die Westley-Richards-Karabiner hergestellt wurden, Hinterlader mit einem geschwungenen Abzugshebel, der ihnen den Spitznamen »Affenschwanz« eingetragen hatte.

»Außerdem arbeitet die Firma sehr schnell«, sagte Micky.

»Ich hatte mit einem halben Jahr Lieferfrist gerechnet. Aber sie brauchen nur ein paar Tage!«

»Das liegt an den amerikanischen Maschinen, die sie benutzen.« In früheren Zeiten, als die Feuerwaffen noch von Waffenschmieden mehr oder minder passend zusammengesetzt wurden, hätte es in der Tat ein halbes Jahr gedauert, zweitausend Gewehre zu bauen. Doch die modernen Werkzeugmaschinen arbeiteten so präzise, dass jedes Einzelteil eines bestimmten Modells genau zu allen anderen Einzelteilen passte. Eine gut ausgerüstete Fabrik konnte täglich Hunderte vollkommen identischer Gewehre herstellen, als handle es sich um Nähnadeln.

»Und die Maschine erst, die zweihunderttausend Patronen pro Tag herstellt!«, sagte Papa und schüttelte verwundert den Kopf. Doch dann schlug seine Laune wieder um, und er brummte grimmig: »Aber wie können die Geld verlangen, bevor sie liefern?«

Papa begriff nicht, wie der internationale Handel funktionierte. Er hatte sich eingebildet, der Fabrikant würde die Waffen nach Cordoba liefern und dort die Bezahlung entgegennehmen. In Wirklichkeit lief es genau andersherum: Die Zahlung war fällig, bevor die Waffen die Fabrik in Birmingham verließen.

Papa weigerte sich, Fässer voller Silbermünzen per Schiff über den Atlantik zu schicken. Mehr noch, er sah sich einfach nicht imstande, das gesamte Familienvermögen aus der Hand zu geben, bevor die Waffenlieferung sicher in Cordoba angekommen war.

»Es wird sich schon eine Lösung finden«, sagte Micky beschwichtigend. »Dafür sind Handelsbanken schließlich da.«

»Erklär mir das noch mal«, sagte Papa. »Ich will genau wissen, wie das gehandhabt wird.«