Die Spur des Anderen - Patrick Chamoiseau - E-Book

Die Spur des Anderen E-Book

Patrick Chamoiseau

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Beschreibung

Robinsons Situation ist von schöner Modernität: Er hat sich ganz individuell neu zu erfinden. Das musste wohl die Fantasien all jener Individuen bereichern, die in das Korsett der Gemeinschaften, der Kulturen und Zivilisationen gezwängt waren. Robinson reflektierte bereits die heutige Vereinzelung und ihre Problematik. Die Frage bleibt, wie man sich ohne die Krücke der Gemeinschaft und der Zivilisationsstandards selbst erfinden kann. Patrick Chamoiseau

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Seitenzahl: 290

Veröffentlichungsjahr: 2014

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Cet ouvrage a bénéficié du soutien des programmes d‘aide à la publication de l‘Institut français / Dieses Buch erscheint im Rahmen des Förderprogrammes des Institut français Paris.

Titel der Originalausgabe:L’émpreinte à Crusoé© 2012 Éditions Gallimard, ParisLektorat: Angelika Andruchowicz© 2014 Verlag Das Wunderhorn GmbHRohrbacher Straße 18D-69115 Heidelbergwww.wunderhorn.de

Alle Rechte vorbehalten. Kein Teil des Werkes darf in irgendeiner Form (durch Fotografie, Mikrofilm oder ein anderes Verfahren) ohne schriftliche Genehmigung des Verlags reproduziert werden oder unter Verwendung elektronischer Systeme verarbeitet, vervielfältigt oder verbreitet werden.

Gestaltung: Ingrid Sauer, Cyan, Ehrle und Sauer GmbH, HeidelbergUmschlaggestaltung: Leonard KeidelUmschlagabbildung: © Mario Cravo NetoISBN 978-3-88423-459-4

PATRICK CHAMOISEAU

Die Spur des Anderen

Roman nach Robinson Crusoe

Aus dem Französischenvon Beate Thill

Gewidmet Seiner DurchlauchtComte Guillaume Pigeard de Gurbert,einfach so, vorbehaltlos,aber ohne eine Philosophie.

P. C.

Ich glaube, es ist unmöglich, getreu nach dem Leben Entzücken und Jubel der Seele zu beschreiben, wenn sie, so kann ich wohl sagen, aus dem Grabe zurückgeholt worden ist.

Daniel Defoe, Robinson Crusoe1

Meine Einsamkeit greift nicht nur die Verständlichkeit der Dinge an. Sie untergräbt ihre Existenz selbst.

Michel Tournier, Freitag oder Im Schoß des Pazifiks2

So ist Werden ausgelöscht und verschollen der Untergang.

Parmenides, Vom Wesen des Seienden3

Wir wollen also vom Eingeständnis der Unverständlichkeit ausgehen.

Victor Segalen

Es gibt kein Hinterland. Man kann nicht hinter sein Gesicht zurücktreten.

Édouard Glissant

Das Inventar der Wirklichkeit – welch kolossale Aufgabe.

Frantz Fanon

Inhalt

Tagebuch des Kapitäns

1. Der Idiot

Tagebuch des Kapitäns

2. Das kleine Ich

Tagebuch des Kapitäns

3. Der Künstler

Tagebuch des Kapitäns

Aus der Werkstatt

Tagebuch des Kapitäns

22. Juli – im Jahre des Heils 1659. – Diese Reisen in die Neue Welt halten für mich immer Überraschungen bereit, obwohl ich weiß Gott in den letzten zwanzig Jahren viele unternommen habe. Beim ersten Morgengrauen trafen wir auf ein Meer blauer, glitzernder Algen, mit einem rosigen Schimmer, der sich auch auf den Himmel und den Stoff der tief hängenden Wolken übertrug. Nach dem Sturm, den wir gerade überstanden hatten, war dies, als ob wir nun in die Welt eines heiteren Feenmärchens kämen, in dem die Wirklichkeit leicht zu zittern begann …

Der Wind war schwach, dennoch habe ich das Segel ein wenig räffen lassen, damit die Mannschaft diesen höchst beeindruckenden Moment miterleben konnte. Alle hingen an der Reling, einige sind an den Tauen hinaufgeklettert oder haben sich auf dem Ausguck zusammengedrängt, und in staunendem, fast religiösem Schweigen haben wir dieses Wunder betrachtet, das unser Schiff sehr sacht durchschnitt …

Wir werden Santo Domingo und danach Brasilien wohl in absehbarer Zeit erreichen, im Schiffsbauch ist es ruhig, keine Schreie, nur der schreckliche Gestank, den ich ein weiteres Mal mit einem Guss heißen Essigs und stark riechender Kräuter bekämpfen ließ.

1. Der Idiot

Herr, ich wurde wiedergeboren in jenem Jahr, ich wusste nicht, welches es war, auf meiner vergessenen Insel zur Stunde der Tagundnachtgleiche, wahrscheinlich genau in dem Moment, als ich das Gefühl hatte, mich zwischen zwei Lichtmassen zu schieben: eine ging vom Lodern des Ozeans aus und die andere bestand in dem erbarmungslosen Gleißen des Strandes; was sich da zwischen den beiden vordrängte, war nicht so sehr mein Körper, mein Sonnenschirm, meine Fetzen aus Tierhäuten, meine klappernde Muskete, auch nicht der Säbel, der mir am Ende meines Gehänges an das Bein schlug; nein, es war ein körperlicher und geistiger Hochmut, das Ergebnis einer Einsamkeit von zwanzig Jahren, in denen ich trotz allem das Unglück hatte niederzwingen können;

ich war wieder zu diesem Teil der Insel gegangen, da ich seit einiger Zeit das Gefühl hatte, außer Gefahr zu sein; ich glaubte, das letzte Stadium an Ordnung und Organisation erlangt zu haben, von dem mich nichts mehr zurückwerfen konnte; ich hatte die Dämonen des Blutes, des Fleisches und des Geistes besänftigt, Ängste gezähmt und auch jene Rückfälle überwunden, in denen ich mich so manches Mal gesuhlt hatte wie diese fleckigen Kröten dort unten im Mangrovensumpf; aber wichtiger war: Ich hatte mir die Gabe der Sprache bewahrt; sogar die Fähigkeit zu schreiben; und wenn auch das merkwürdige Büchlein, das ich aus der gestrandeten alten Fregatte geborgen hatte, nie zu meinem klaren Verständnis gelangte, so war ich doch dabei geblieben, es Tag für Tag aufzuschlagen, mit Lust darin zu blättern, regelmäßig darin zu lesen, sowie den liturgischen Brauch zu üben, einige seiner verrätselten Sätze, meist in zufälliger Auswahl, abzuschreiben;

sehr lange war ich nicht mehr dort gewesen, an jenem Ort, wo ich zur Herbst-Tagundnachtgleiche Land berührt und, noch ohne es zu wissen, eine endlose Tragödie ganz ohne Zeugen eröffnet hatte; indem ich den Strand vergaß, ließ ich auf meine Weise die Hoffnung auf ein Entkommen von dieser Insel fahren, fast wie den Schluchzer einer möglichen Rückkehr, so formte sich mein Wille, diese Insel, meine Einsamkeit, meine Verzweiflung, meine Selbstvergessenheit und meine Tränen hinzunehmen, und mir daraus mit viel Arbeit, Ordnung und Vernunft das Material für mein Schicksal zu bereiten; sobald ich konnte, habe ich jenen bitteren Jahren also den Rücken gekehrt, vertan mit dem Spähen nach einem Segel auf dem salzigen Metall, das den Horizont zulötete; diese ersten Jahre waren ohne Leben gewesen, nur davon erfüllt, auf einen Besuch hoffend hin und her zu laufen, und ihn zugleich zu fürchten aus Angst vor den eingeborenen Kannibalen der Gegend; dann habe ich eines Tages dieses Ufer verlassen, einfach so, ohne vorherige Überlegung, zunächst, um mich von diesem Strand und seinem vergeblichen Warten zu entfernen; dann, um das Innere der Insel zu erkunden und sie endlich einmal am Kragen zu packen; aus Sorge, nicht wieder der anfänglichen Furcht zu verfallen, hatte ich diesen Ort von meinen Äckern und Weiden gestrichen und aus meinem großen Zivilisationswerk entfernt; ich ging nicht mehr hin; kam nicht einmal in die Nähe, stieß ihn einfach zurück in seine niedere Wildheit; doch nun, in dem neuen Stolz, in dieser Befreiung, die mir endlich ein erschwindeltes Glück schenkte, konnte ich mit dem Schritt eines Großen Herrn zurückkehren, ungetrübten Sinns, ohne Furcht, nur mit der Befriedigung, in einem einzigen Blick den dramatischen Ort des Beginns und die Herrlichkeit zu erfassen, die ich mit eigener Leistung errungen hatte;

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

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