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Ich hatte von einer Stadt gelesen, die vor der Wahl stand, ihr Rathaus teuer zu restaurieren oder - noch teurer - neu zu bauen, und für beide Lösungen nicht das Geld hatte. Daraus wurde die Idee geboren, die Bürger aufzufordern beziehungsweise ihnen anzubieten, Anteile am Wert des Rathauses zu erwerben. Dies war die Keimzelle meiner Idee. Allerdings wollte ich den Bürgern die ganze Stadt verkaufen. Wir hatten einen Plan, zu seiner Durchführung war es erforderlich, dass einer von uns zum Bürgermeister der Stadt gewählt wurde Natürlich waren wir uns darüber im klaren, dass bis dahin noch viel Wasser die Eider hinunterfließen würde. Viele Schritte waren nötig, um dieses Ziel zu erreichen Die Gründung einer neuen "Bewegung". Die Gründung einer Zeitung, um die neue "Bewegung" bekannt werden zu lassen und tonnenweise Schmutz über den politischen Gegner ausschütten zu können. Die Gewinnung von Mitgliedern Die Beteiligung an den nächsten Kommunalwahlen. Die Entsendung von Mitgliedern in die Ratsversammlung und schließlich die Erringung der Mehrheit im Rat oder jedenfalls die Erreichung des Status eines Züngleins an der Waage, um bei der nächsten Bürgermeisterwahl ein entscheidendes Wort mitreden zu können Blieb dabei nicht die Moral auf der Strecke? Mitnichten. Ich hatte meine persönliche Moral, und die hieß: Jeder Handel ist ehrenwert, außer der mit der eigenen Seele Und letztlich wollten sie alle betrogen werden, irgendwie. In jedem von uns steckt (mehr oder weniger verborgen) der Wunsch, der Vater des Gedankens ist. Eine Haltung, die - wie vieles - im Englischen kürzer und prägnanter mit "wishful thinking£ bezeichnet wird.
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Seitenzahl: 171
Veröffentlichungsjahr: 2018
Die Stadt der Betrüger
Nichts (oder nur wenig), was in diesem Buch steht, ist wahr. Doch wenn jemand behauptet, es könnte nie wahr werden ...
“Wir werden geboren, ohne sprechen zu können, und sterben, ohne dass wir etwas sagen konnten. Unser Leben verläuft zwischen der Stille dessen, der schweigt, und der Stille dessen, der nicht verstanden wurde, und um all dies herum flattert, wie eine Biene an einem Ort ohne Blumen, unbekannt ein sinnloses Schicksal.” (Fernando Pessoa, portugiesischer Dichter und Literat).Personen:
1.Die Viererbande:
a) Peter Stein - freier Handelsvertreter, Alter 33, unverheiratet.
b)Jürgen Pohl - Inhaber eines (ererbten) Feinkostgeschäftes, Alter 44, geschieden.
c)Dieter Kaiser - Studienrat an einem der drei hiesigen Gymnasien, Alter 43, verheiratet mit Ingrid Kaiser, geb. Doritz; ebenfalls Lehrerin, jedoch an der städtischen Realschule, zwei Kinder im Heranwachsendenalter, ein Sohn (Karsten, 17) und eine Tochter )Anna, 16).
d)Norbert Kahl - evangelischer Pfarrer an der Christkirche, Alter 39, unverheiratet und ohne Aussicht auf baldige Eheschließung
2. Die Opfer
a) Die Banker, die das große Geschäft wittern und darüber ihr kritisches Urteilsvermögen verlieren.
b) Die Intelligenzija, die gerne einem Betrug auf den Leim geht, wenn er den Charakter eines geistreichen, wenn auch nicht unbedingt logischen Theorems annimmt.
c) Die Parteien, die bisher das Schicksal der Stadt bestimmten und sich von der Futterkrippe nicht verdrängen lassen wollen.
d) Die Notabeln, die Angst davor haben, mit Amt und Würde auch ihre Bedeutung zu verlieren.
3. Die Statisten
Die “schweigende Mehrheit”, die damit geködert wird, dass sie Mitbesitzer ihrer Stadt werden kann, indem sie Aktien der “Stadt AG” zu einem Vorzugspreis erwirbt.
4. Die Stadt
Wenn man die Stadt beschreibt, muss man zuerst ihre Vergangenheit beschreiben, um ihre Gegenwart zu verstehen.
Nur im Traum überlagern sich Zeit und Raum, fließen ineinander und werden eins: Im Traum war alles einfach, Zeit und Raum, Vergangenheit und Gegenwart bildeten keinen Widerspruch, sogar die Zukunft schien manipulierbar. Ich hielt alles in einer Hand. Manchmal gelang es mir, die Vergangenheit in die Zukunft zu verlängern. Doch wenn ich erwachte und mich in der Gegenwart wieder fand, musste ich feststellen, dass mein Traum mir Projekte als realisierbar vorgegaukelt hatte, die einen Schönheitsfehler hatten: Sie negierten den Faktor Zeit, und ich hatte mittlerweile festgestellt, dass die vergeudete, verschwendete Zeit zur größten Hypothek eines Lebens werden konnte. Ich musste dringend etwas unternehmen, um diese Hypothek in ein Guthaben zu verwandeln.
Ich habe etwas übrig für Geschichten mit einem Happyend. Manchmal treiben sie mir die Tränen in die Augen wie beißender Rauch oder schneidender Januarwind. Sie erwecken eine Fiktion von grenzenloser Brüderlichkeit und Liebe unter den Menschen, die der Realität in den seltensten Fällen standhält.
Doch manchmal greifen Engel in unser Leben ein, wenn ihr Handeln auch vom göttlichen Zufall bestimmt ist.
Ich weiß nicht, wie ich anfangen soll. Natürlich hat jede Geschichte einen Anfang und (meistens) auch ein Ende. Der Anfang ist am schwierigsten, genauso wie es schon das Sprichwort sagt: Aller Anfang ist schwer. Wenn man erst einmal einen gewissen Erzählfluss gefunden und der Geschichte eine Struktur verpasst hat, kann man sie abspulen wie einen Faden von einem mehr oder weniger dicken Wollknäuel. Einmal angeschoben, gewinnt sie eine Eigendynamik, entblättert sich wie eine Blume, “entpackt” sich automatisch, bis auch ihr letzter Krümel einen Platz auf Papier, weiß wie frisch gefallener Schnee, oder in einer Datei auf der Festplatte eines Computers gefunden hat.
Apropos Krümel, meine Freunde nennen mich Krümel. Schon seit der Schulzeit. Selbst ich weiß nicht mehr, wie ich zu diesem Spitznamen kam. Er ist eine Tatsache, wenn auch sehr viel trivialer als unsere Geschichte, die an einem Abend auf der Landstraße zwischen Bokelholm und Westensee begann.
*
Spritzig, con brio, ging man früher dem Tod entgegen. Unter klingendem Spiel starb es sich leichter, das war eine feststehende Tatsache. Nicht umsonst hatten fröhliche Trommelwirbel und Fanfarenstöße Jahrhunderte lang den Tod auf dem Schlachtfeld begleitet. Sie waren ein Schutzwall gegen die Angst und hinderten am Nachdenken über Sinn oder Unsinn des eigenen Opfers. Beim nächsten Waffengang würden klingendes Spiel und Ehrensalven über Massengräbern vielleicht keinen Sinn mehr ergeben. Man würde am vergifteten Wasser oder an der verpesteten Luft sterben, wo blieb da das Heldentum? Ich überlegte, dass es besser war, erst gar nicht darüber nachzudenken und dem Tod so zu begegnen, wie es unserer Zeit entsprach: ungläubig, als einem gut gelungenen Werbegag, der sich später als falscher Zauber entlarvt.
Wenn man jung stirbt, sollte man auf jeden Fall dort begraben werden, wo man die Spiele der Kindheit gespielt hat, wo die Herzen junger Freunde dich beweinen, deren Tränen noch heiß sind und nicht eingetrocknet wie die der Alten, für die der Tod nur die Einlösung eines überfälligen Wechsels ist.
Die erste Kategorie hatte ich schon verpasst, und die zweite sollte noch lange auf mich warten, wenn es nach mir ging.
Je älter man wird, um so weniger verspürt man den Wunsch, die Dinge zu ändern. Man setzt seine verbliebenen Kräfte sparsam ein und verwendet sie darauf, das Morgen zu erreichen, weil schon das Übermorgen unerreichbar sein könnte.
Mit 33 Jahren fühlte ich mich noch jung genug, um einen neuen Anfang zu wagen, aber schon zu alt, um noch zu glauben, dass der Marschallstab im Tornister ausreichte, um das eigene Glück zu schmieden. Man musste schon gehörig schieben, um nicht geschoben zu werden.
Außerdem hatte ich das Gefühl, dass die Welt immer schneller einer Situation entgegensteuerte, in der wir nur noch die Restposten einer Rasse waren, die aufeinander einschlugen, im Totalausverkauf wegen Liquidation; mit Niedrigpreisen ausgezeichnete Waren, die am Ende verschleudert wurden, weil es für sie keinen Käufer mehr gab.
Irgendwie roch die Zukunft schon heute nach Verwesung und sollte doch erst morgen geboren werden.
Jürgen war mit 44 Jahren der Älteste von uns. Allerdings hatte er noch die Figur eines Dreißigjährigen. An seinem durchtrainierten Körper, der durch den regelmäßigen Besuch eines Fitnesszentrums seine Paßform nicht verlor, war kein überflüssiges Gramm Fett. Sein schwarzes Haupthaar litt noch unter keinen Ausfallserscheinungen, die Wirkung seiner eindrucksvollen strahlendblauen Augen untergrub noch keine Tränensäcke, und über den Backenknochen war die Haut noch straff gespannt. Er war der typische Fall eines enttäuschten Anhängers der “Schönen neuen Welt” von Aldous Huxley und deswegen auf der Suche nach bleibenden Werten in einer Welt, deren oberste Maxime nicht gerade die Werterhaltung ist, sondern die sich eher im schnellen Konsum erschöpft.
Dieter war einer der verlässlichsten Menschen, die ich bisher in meinem Leben getroffen hatte. Sein Humor war so trocken wie die Wüste Gobi, er war der einzige von uns, der verheiratet war und im wahrsten Sinne des Wortes (dank seiner beachtlichen Größe von 1,92 m) auf zwei Kinder herabblicken konnte. Möglicherweise nicht mehr lange, denn Sohn und Tochter - beide im Heranwachsendenalter - waren nach ihm geraten, jedenfalls was die Wachstumshormone betraf. Als Studienrat an einem hiesigen Gymnasium, der in den Fächern Geographie und Geschichte unterrichtete, war er kein Freund besonderer körperlicher Betätigung, was sich in einem leichten, doch unverkennbaren Bauchansatz auswies. Sein Gesicht allerdings strafte dieses Attribut der Lebensmitte Lügen. Wenn es sich unter seiner blonden Mähne zu einem Lachen verzog, wirkte es wie das spitzbübische Grinsen eines Jungen, der seinem Vater gerade die Erhöhung des Taschengeldes abgetrotzt hat.
Norbert schließlich hielt als evangelischer Pfarrer an der Christkirche die Verbindung zum Transzendentalen aufrecht. Eine Verbindung, von der man nie wissen konnte, ob sie nicht doch zu irgend etwas taugte, und wenn es sich nur darum handelte, den Segen höherer Mächte für ein Unternehmen zu erflehen, das er (als theologische Rechtfertigung) in die Rubrik: Gebt Gott, was Gottes, und dem Kaiser, was des Kaisers ist, eingeordnet hatte. Eigentlich sah er mit seinem kantigen, solariumgebräunten Gesicht und seinen groben Händen gar nicht wie ein Geistlicher aus. Auch verfiel er nie in den salbungsvollen Tonfall, der viele seiner Berufskollegen auszeichnete. Manchmal zweifelte ich an der Richtigkeit seiner Berufswahl und hätte ihm eher einen Preis für die Unvereinbarkeit von Amt und Mandat verliehen. Er übte ein Amt aus, für das ihm die Kirche wahrscheinlich nie das Mandat erteilt haben würde, hätten seine Oberen auch nur geahnt, welchen Ketzer sie an ihrer Brust großgezogen hatten. Sicher gab es Dinge, an die Norbert glaubte, aber der Gott der Kirche gehörte nur sehr bedingt dazu.
*
Wir vier wären uns nie begegnet, wenn ich nicht an jenem Abend auf einer dunklen Landstraße mit meinem Wagen eine Panne gehabt hätte. Und das wiederum hätte bedeutet, dass unser Leben (voraussichtlich) keine so einschneidende Änderung erfahren hätte, wie sie uns bevorstand.
Ein am Straßenrand abgestelltes Auto und ein schwacher Lichtschimmer vom Seeufer wiesen mir den Weg zu drei Anglern und einem Holzkohlengrill, auf dem mehrere Koteletts schon eine gesunde Bräune aufwiesen. Wir stellten fest, dass wir nicht weit voneinander entfernt wohnten. An diesem Abend wurde eine verrückte Idee geboren.
Ich hatte von der Stadt gelesen, die vor der Wahl stand, ihr Rathaus teuer zu restaurieren oder - noch teurer - neu zu bauen, und für beide Lösungen nicht das Geld hatte. Daraus wurde die Idee geboren, die Bürger aufzufordern beziehungsweise ihnen anzubieten, Anteile am Wert des Rathauses zu erwerben.
Ich dagegen wollte ihnen die ganze Stadt verkaufen.
Blieb dabei nicht die Moral auf der Strecke? Mitnichten. Ich hatte meine persönliche Moral, und die hieß: Jeder Handel ist ehrenwert, außer der mit der eigenen Seele. Ich hatte zu unterscheiden gelernt zwischen legalen, weniger legalen, etwas illegalen und überwiegend illegalen Geschäften. Sie alle störten mein Selbstverständnis nicht besonders, solange ich sie erfolgreich beenden konnte und niemand darunter leiden musste, der es meiner Meinung nach nicht verdient hatte. Mit meiner Seele ließ ich allerdings nicht spaßen, sie war unverkäuflich. Wenn ich vielleicht auch Schwierigkeiten gehabt hätte zu definieren, wo meine Seele aufhörte und mein Geschäftssinn begann.
Letztlich wollten sie alle betrogen werden, irgendwie. In jedem von uns steckt (mehr oder weniger verborgen) der Wunsch, der Vater des Gedankens ist. Eine Haltung, die - wie vieles - im Englischen kürzer und prägnanter mit “wishful thinking” bezeichnet wird.
Natürlich hatten einige wirklich etwas zu verlieren. Die Politiker die Futterkrippe und die Notabeln Amt und Würde und damit ihre Bedeutung. In der Brust der Banker wohnten dagegen, wie so oft, zwei Seelen. Sie witterten ein großes Geschäft, und doch sagte ihnen ihr Instinkt, dass etwas an dem Braten, den sie schnupperten, ihnen Magenschmerzen bereiten könnte. Aber nach mehr oder weniger langem Kampf mit ihrer besseren Einsicht siegte in der Regel ihre Habgier, die selten ausgeprägter anzutreffen ist als bei einem Banker.
*
Manche Dinge passieren, obwohl kein Buchmacher darauf eine Wette annehmen würde: Politik ist angeblich die Kunst des Möglichen. Doch seiner Natur nach ist dieses Mögliche eine Variable und keine feste Größe. Sie wird aus einer Reihe von Parametern gebildet, die zu ihrer Definition sorgfältig untersucht werden müssen. Deshalb war unsere erste Aufgabe die möglichst objektive Bewertung des Umfelds, in dem wir uns bewegten: die Stadt, ihr soziales Gefüge, ihre Politiker, die Parteien, denen sie angehörten, sowie die Entwirrung des Geflechtes von Abhängigkeiten, denen ihre wichtigsten Persönlichkeiten ausgesetzt waren. Denn alle Beziehungen basieren auf einem enggestrickten Netz von Interdependenzen. Erst wenn man sie erkannt hat, ist man zum Angriff auf die feindlichen Stellungen gut gerüstet.
Ich hatte einen Plan geschmiedet, doch ich wusste, dass bis zu seiner Durchführung noch viel Wasser die “Eider” hinunterfließen würde.
Viele Schritte waren nötig, um sein Ziel zu erreichen:
Die Gründung einer neuen “Bewegung”.
Die Gründung einer Zeitung, um die neue “Bewegung” bekannt werden zu lassen und tonnenweise Schmutz über den politischen Gegner ausschütten zu können.
Die Gewinnung von Mitgliedern.
Die Beteiligung an den nächsten Kommunalwahlen.
Die Entsendung von Mitgliedern in die Ratsversammlung und schließlich die Erringung der Mehrheit im Rat oder jedenfalls die Erreichung des Status eines Züngleins an der Waage, um unser Projekt erfolgreich in die entscheidende Abstimmung schicken zu können.
Zuerst trafen wir uns in einem großen, kahlen Raum, der Jürgen als Warenlager für sein Geschäft diente. Hier standen ein alter Schreibtisch und neuerdings auch mehrere (wacklige) Bürostühle. Die Heizung übernahm ein elektrischer Heizkörper, denn eine Zentralheizung gab es nicht.
“Wir haben uns viel vorgenommen.” Das waren meine einleitenden Worte zu unserem ersten Treffen, an die ich mich noch erinnere, als wäre es erst gestern gewesen.
“Es sieht wie eine Aufgabe aus, der selbst Sisyphus nicht gewachsen gewesen wäre. Ich bin der Überzeugung, dass es zu schaffen ist.
Mit viel Tatkraft, Phantasie und der schwarzen Kunst modernen Marketings.”
Anfangs gab es auch Zögern und sogar Widerstand.
“Wir müssen die Dinge realistisch sehen", wandte Jürgen ein. Er war der Älteste und hatte vielleicht deswegen die meisten Bedenken.
“Realistisch! Der Traum von heute kann die Realität von morgen sein.
Realistisch!” Man entnahm Norberts entrüsteter Stimme, welchen Wert er einer solchen Aussage beimaß.
“Viele Utopien wurden bisher nur deswegen nicht verwirklicht, weil es niemanden gab, der fest an sie geglaubt hat.”
“Ich weiß, der Glaube kann Berge versetzen”, spottete Dieter.
“Lach nicht. Auch wenn es nur in der Bibel steht, ist es deswegen noch lange nicht falsch.”
“Trotzdem muss unser Unternehmen sehr gut geplant werden, soll es Aussicht auf Erfolg haben. Auf den Glauben allein können wir uns dabei nicht verlassen.” Mit diesen Worten griff ich schließlich in die Debatte ein, um etwas Öl auf die Wogen der allgemeinen Erregung zu gießen.
Beifälliges Kopfnicken zeigte an, dass diesem Leitsatz alle zustimmten.
“Also", sagte ich, “machen wir uns an die Arbeit.”
Wir tranken in dieser Nacht mehrere Flaschen Wein aus und waren uns so nahe, wie man nur von Wein und einer großen Idee berauscht sein kann. Wir scherzten, lachten und glaubten fest daran, das Ei des Kolumbus entdeckt zu haben, und selbst wenn es das nicht sein sollte, waren wir sicher, dass wir unseren Spaß haben würden und die anderen das Nachsehen. Vielleicht konnten wir hinterher ein neues Leben anfangen und nur noch das tun, wozu uns bisher Zeit und Geld gefehlt hatten.
*
Seit 50 Jahren regierte der Dupolismus das Land; zwei Parteien teilten sich die Regierungsgewalt. Das machte zwar einen demokratischen Eindruck, verdeckte jedoch in Wirklichkeit nur einen ausgeklügelten Verschiebebahnhof, nach dem jeder auf der Grundlage einer (selbstverständlich geheimen) Absprache irgendwann an der Reihe war. Wenn das Wahlergebnis anders ausfiel als die Vereinbarung über den rotierenden Machtwechsel es vorsah, trat die Opposition, die danach eigentlich an der Reihe war, die Regierung zu übernehmen, in eine große Koalition mit der aus den Wahlen siegreich hervorgegangenen Partei ein. Eine wirtschaftliche oder außenpolitische Krise, die einen solchen Schritt rechtfertigte, herbeizureden war nicht schwer, wie die letzten Jahrzehnte gezeigt hatten. Dieser Schritt öffnete den Weg zur Machtteilhabe, den das Wahlergebnis versperrt hatte, und alle waren wieder glücklich und zufrieden.
Als Ventil für den (betrogenen) Wähler wurde auf den Ebenen unter der Zentralgewalt das Parteienleben gefördert, und auch die Gründung neuer Parteien wurde unterstützt, mit der Einschränkung allerdings, dass für den Einzug in das Bundesparlament ein Stimmenanteil von 20% der abgegebenen Stimmen nötig war und Wahlbündnisse - um diesen Anteil zu erreichen - nicht zulässig waren.
Der Dupolismus war die Klammer, die Volk und Staat einte; sie war nach innen elastisch und nach außen unverrückbar. Sie ließ sich zusammendrücken, aber nicht erweitern. Sie war wie ein eiserner Ring, dessen Durchmesser eine maximale Größe darstellte, die keine Ausdehnung zuließ. Wer diese Grenze überschritt, war ein Staatsfeind und vogelfrei. Er befand sich im freien Fall, den nichts aufhalten konnte. Seine Existenz wurde ausgelöscht, es hatte ihn nie gegeben.
In den Geschichtsbüchern an den Schulen wurde die parlamentarische Vielparteienvergangenheit als zügelloser Pluralismus gegeißelt, der nur Instabilität und Verfall von Ordnung und Autorität hervorgebracht habe. Erst mit der Etablierung des Zweiparteiensystems, dem Sieg des “Dupolismus” also, hätten die Verhältnisse sich zum Positiven gewendet. Dass dieser “zügellose Pluralismus” in den unteren territorialen Gliederungen, wie Städten und Gemeinden, Kreisen und Ländern, beibehalten wurde, sei dennoch kein Widerspruch, sondern trage nur den unterschiedlichen Realitäten vor Ort Rechnung und diene außerdem einem Dekantierungsprozess der politischen Meinungsbildung, der auf nationaler Ebene im Zweiparteienparlament münde. Wobei in dieser Darstellung unerwähnt blieb, dass auch die unteren Gliederungen der beiden staatstragenden Parteien gegenüber ihren Konkurrenten aufgrund der Tatsache privilegiert waren, dass jeder sie als Ableger der Regierungsparteien sah und sie deshalb zum Beispiel auch ein wesentlich höheres Spendenaufkommen hatten als die anderen Parteien, die nie die Chance haben würden, auf nationaler Ebene die Macht zu übernehmen.
In den letzten Jahren wurde die Stadt von einer so genannten Ampelkoalition regiert, wobei die Farben allerdings mit der Weltanschauung der betreffenden Parteien nicht übereinstimmten. Nur die Zahl stimmte, es waren drei Parteien. Eine nannte sich die “Wir für Uns”-Partei, die andere hieß die “Partei des richtigen Weges”, und die dritte war die “Rechts vor Links”-Partei. Die einzige Oppositionspartei war die “Statt”-Partei. Eines war ihnen allen gemeinsam: sie setzten ihr eigenes Wohlergehen mit dem der Bürger gleich, eine ebenso einfache wie nützliche Gleichung, die aufging, bis wir kamen, die “Neuen Konservativen”. Wir predigten alte Ideale wie Treu und Glauben, Zucht und Ordnung, Sparsamkeit und Kampf gegen jede Verschwendung. Was uns leicht fiel, weil wir nicht daran glaubten.
Unsere Bewegung tauften wir die “Neuen Konservativen”. Als Verein mit politischen Zielen ließen wir uns als “Der Radikalkonservative Bund” in das Vereinsregister eintragen.
Wir waren kein Geheimbund, der seine Ziele per Definition vor der übrigen Bevölkerung geheimhält, sondern der seltene Fall einer verspätet festgestellten kongenialen Übereinstimmung der Lebensplanung von vier Menschen, oder einfacher und klarer ausgedrückt: wir hatten uns gesucht und gefunden. Zwar hätten wir ohne einander leben können, aber das, was wir vorhatten, hätte keiner von uns allein vollbringen können.
*
Es gibt Leute, die spucken nur aus, was andere vorgekaut haben.
Bei diesem Satz musste ich an den Vater von Inge denken, mit der ich schon so gut wie verlobt gewesen war.
Sie war ein hübsches Mädchen gewesen. Mit einem schmalen Gesicht, dessen zwei Hälften so deckungsgleich waren wie die Seiten eines gleichschenkligen Dreiecks. Ich hatte ihre großen schwarzen Augen bewundert. Sie schienen das ganze Gesicht zu bedecken. Ihr rehbraunes Haar trug sie zu einem Knoten nach hinten gekämmt. Aber einige Strähnen fielen ihr ins Gesicht. Sie war eine herbe Schönheit ohne milde Töne. Später war mir der richtige Ausdruck für ihr Gesicht eingefallen: Es war ein strenges Gesicht. Vielleicht trug der schmallippige Mund zu diesem Eindruck bei. Den hatte sie von ihrer Mutter, sie sahen sich sehr ähnlich.
Zuerst war unsere Lust aufeinander ungebremst gewesen, unsere Gefühlsausbrüche eruptiv. Einen Augenblick waren wir ein kochender Geysir und im nächsten Moment eiskaltes Gletscherwasser, das die Glut löschte, bis zum nächsten Ausbruch. Und alles reduzierte sich auf den salzigen Schweiß, der von ihren Brüsten in meine Augen drang, ihre Lippen, die gierig meine Zunge suchten, unsere aufeinander gepressten Schenkel, die wie Nut und Feder ineinander verhakt waren, den erlösenden Schrei, wenn alles vorbei war.
Doch schon bei unserem ersten Zusammentreffen hatte ich das Gefühl gehabt, dass sie mich erkundete wie ein Goldsucher, der seinen Claim absteckt. Dass sie auf der Flucht aus einer Beziehung war, die für sie aber nur wirklich beendet sein konnte, wenn sie durch eine neue Beziehung ein Fait accompli geschaffen hatte, hatte ich erst später begriffen.
Das Ende unserer Beziehung läutete ein Telegramm ein, das ich ihr von einer Reise schickte, auf der ich meine nächste große Liebe getroffen hatte: “SCHWANGERER CHINESIN BEIM AUSSTEIGEN GEHOLFEN STOP ZUG VERPASST STOP PETER
Diese ‘nächste große Liebe’ hatte auf den Namen Inés gehört und war das Ergebnis einer Ehe zwischen einem Deutschen und einer Spanierin. Ich hatte sie in Barcelona kennen gelernt.
O ja, ich erinnerte mich noch gut an sie.
Sie liebte es, andere Leute zu provozieren. Ich erinnerte mich an einen Einkaufsbummel durch den “Corte Inglés”, das große Kaufhaus in Barcelona. Wir suchten eine Hose für mich. Nach der ersten Anprobe verließ ich die kleine Umkleidekabine und stellte mich Inés vor. Prüfend betrachtete sie mich von vorne und hinten.
“Es stimmt”, sagte sie dann mit einem bekräftigenden Kopfnicken.
“Was stimmt?” fragte ich etwas irritiert.
“Spanische Hosen sind arschbetonter. Die Latinos gucken alle mehr auf den Arsch in der Hose - früher war der Analverkehr immer noch das beste Verhütungsmittel.”
Ich musste an eine Szene denken, die einige Jahre zurücklag.
Wir lagen in den Dünen, unsere schweißnassen Körper gegeneinander gepresst: Ich hatte sie meine "Strandfee" getauft. Unsere Gruppe hatte sich, wie nach einem Drehbuch, das alle vorher gelesen hatten, schnell in Paare aufgeteilt. Sie wusste, ich wusste, dass wir zu viel getrunken hatten. Doch ich bin ehrlich genug zuzugeben, dass es auch passiert wäre, wenn wir nüchtern geblieben wären. Vielleicht war ich nicht die Wunschvorstellung in den Träumen jedes jungen Mädchens. Doch ich war jung, schlank, muskulös, vom Surfen braun gebrannt, meine braunen Augen verließen eine hohe Stirn unter einer Mähne blonder Haare. Und wenn ich lächelte, war es vielleicht für sie wie eine Umarmung vor dem Orgasmus (Entschuldigung, wenn ich übertreibe). Ich spürte, wie sie von meinen Füßen an mir hoch glitt wie eine Schlange. Sie legte ihre Arme um meinen Nacken, meinen Rücken und presste die Hände gegen meine Wangen. Wir rollten über den heißen Dünensand. Ich kniete auf ihr, und als ich mich in sie hineinbohrte, musste sie vor Schmerzen schreien. Nur Liebe, das wusste ich, als ich wieder nüchtern war, Liebe war nicht im Spiel gewesen.
Das mehr oder weniger ungetrübte Zusammenleben zwischen Menschen, gleich auf welcher Ebene, funktionierte nach meinen Erfahrungen nur durch ein gerütteltes Maß an Heuchelei, positiv ausgedrückt könnte man allerdings auch von Selbstverleugnung sprechen. Wir sagen in den seltensten Fällen, was wir wirklich denken und scheuen den Konflikt. So heucheln wir uns durch. Sagt man doch einmal, was man denkt, kann das dramatische Folgen haben: kaputte Beziehungen, den Verlust des Arbeitsplatzes. Man wird isoliert. In gewisser Weise ist Heuchelei deswegen auch eine Tugend, schließlich, wo kämen wir hin, wenn jeder ausspräche, was er gerade denkt.
Als wir uns das erste Mal begegneten, trug sie weiße Jeans und eine kornblumenblaue, unterhalb des Bauchnabels zusammengeknotete Bluse. Das Blau der Bluse kontrastierte vorteilhaft zu ihrem weizenblonden Haar, das sie zu einem Knoten nach hinten gekämmt und mit einer roten Schleife zusammengebunden trug. Sie kam nach ihrer Mutter; sie hatte die gleiche zierliche Stupsnase, auf der einige rötlich schimmernde Sommersprossen thronten, ihre wie ein Zirkumflex geformten Augenbrauen und einen schmallippigen Mund, der dem Gesicht eine nicht zu ihrem Alter passende Strenge verlieh.
Ich stutzte, da war es wieder, dieses Wort: Strenge.
Vielleicht hatte ich mich immer für den falschen Typ Frau interessiert.
Doch um auf den Vater von Inge zurückzukommen. Er war der Vorsitzende der Fraktion der “Statt”-Partei in der Ratsversammlung. Ein unangenehmer Mensch, süß und klebrig wie ein Fliegenfänger, mit den toten Augen einer Schlange, von sich und seiner Partei so überzeugt wie die katholische Kirche vom Dogma der päpstlichen Unfehlbarkeit.
Als Führer der einzigen (wahren) Oppositionspartei mussten wir trotzdem versuchen, ihn uns gewogen zu stimmen. Das würde aufgrund meiner kurzen gemeinsamen Vergangenheit mit seiner Tochter allerdings keine leichte Aufgabe sein.
Die Führer der drei Regierungsparteien überboten sich an Farblosigkeit, was für ihre Beschreibung ein beinahe unüberwindliches Hindernis ist.
