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In elf malerischen Kurzgeschichten machen unsere Protagonisten in einer verzauberten Welt tiefgreifende Erfahrungen. So wandeln und entfalten sie sich schmetterlingsgleich zu etwas Neuem, aufregend Anderem. Das lädt ein zum Träumen, Philosophieren, Entspannen, Loslassen und vielleicht sogar zu einem tiefen und seltenen Sich-Verstanden-Fühlen in einer chaotischen, hastigen Zeit. Ob mit Plüschdecke und Tee in gemütlicher Wochenendstimmung, als tröstliche Lektüre an einem Regentag, auf der langen Heimfahrt nach getaner Arbeit oder als Teil einer erholsamen Abendroutine - die Geschichten passen an viele Stellen des modernen Alltags. Sie unterhalten, laden hier und da zum Schmunzeln ein und unterstützen auf liebevolle Weise die persönliche Weiterentwicklung. Zwischen den Buchdeckeln des Sammelbands eröffnet sich eine Welt voller Magie, unaufdringlicher Denkanstöße und zauberhafter Kreaturen.
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Seitenzahl: 123
Veröffentlichungsjahr: 2021
Der Sonne, die mein Universum war.
Für deine Liebe und deinen Glauben an mich.
Für dein unermessliches Leuchten, deinen Mut.
Für mein Leben.
Für alles.
Für unausgesprochene letzte Worte.
In Liebe
Den Reisenden aus Karamell.
Für Seelenrettung auf hoher See.
Für Kraft, Freundschaft und Vertrauen.
Für die neuen Horizonte, die ihr mir zeigt.
Für unsere Abenteuer und Reisen.
Für alles, was ihr seid.
Dem neuen Stern.
Für deine Klarheit, für deine Unerschrockenheit.
Für dein hell brennendes Feuer und deine Stärke.
Für deine ganze kostbare Existenz.
Für die neue Welt, die du erschaffst.
Für jeden, gemeinsamen Augenblick.
GEWIDMET
DIE DAME AUS ZUCKER
FIGUELLE
MIDAS
DAS BLUMENHERZ
FINAIS
DIE VERRÜCKTE UND IHRE KINDER
MA.Y
VAL VON ERRAT
DER APOTHEKER
VÖRPUN
ARKANIA
In der Stadt des Abends lebte eine vornehme Dame. Jeden Spätnachmittag flanierte sie im roten Schein der untergehenden Sonne die immer gleiche Straße auf und ab, in der sie lebte. Jeden Tag trug sie dasselbe weiße Kleid. Es stammte aus einer Industrieanlage. Irgendjemand hatte es für sie genäht. Irgendwann einmal. Es war unwichtig. Ihre Hände waren von Spitzenhandschuhen bedeckt. Sie waren mit der Zeit steif, ja geradezu spitz und kantig geworden. Stets schritt die Dame unter ihrem weißen Spitzenschirm die Straße entlang, der über und über mit einem glitzernden Film überzogen war, als wäre er aus tauendem Eis. Bloß schien er weicher zu sein: so sanft und hart zugleich wie Zuckerwatte.
Ihre Schritte kannten kein irdisches Ziel. Sie setzte einen Fuß vor den nächsten und kam sie an einem Ende der Straße an, so machte sie sich zum anderen auf. Sie lief immer denselben Weg, Tag für Tag. Oft entglitt ihr ein Seufzen, wenn sie kehrt machte. Doch das Seufzen erlaubte sie sich nur dann, wenn sie sicher sein konnte, dass niemand es hörte. Denn die Dame klagte nicht. Eigentlich ging es ihr ja gut. Eigentlich – das war ein hartes Wort, wenn man es genau bedachte. Eigentlich bedeutete: in Gedanken, aber nicht im Herzen.
Ach, weh ihrem Herzen!
Es schlug unter dem immer gleichen weißen Kleid einen immer gleichen Takt. Das Pochen war ein beruhigender Anker, ein Zeichen für Zeit und Leben und für all die Dinge, die sie liebte. Dachte die vornehme Dame in Weiß an ihr liebevolles Herz, entglitten ihre Züge zu einem unkontrollierten, kurzen Lächeln. Sie verbarg es schnell hinter den Spitzenhandschuhen und einem scharfkantigen Fächer. Denn ein Lächeln war eine Einladung und die vornehme Dame lud niemanden ein.
Tagein tagaus setzte sie die Schritte auf die gleiche Straße, ohne dass sich ihr Lebensraum dadurch erweiterte. Sie lief gleich einem Hamster in einem Laufrad auf dem immer gleichen Flecken Erde. Hinter dem Ende der Straße lag die große weite Welt. Dort gab es Freiheit, dachte die Dame oft. Doch war es ihr nicht erlaubt, die unsichtbare Grenze am Ende der Straße zu überschreiten.
Obwohl sich die Dame stets an die ungeschriebenen Regeln ihrer Welt hielt, gab es viele Probleme in ihrem Leben. Jeden Tag bewältigte sie so gut es ihr gelang und wahrlich es gelang ihr gut. Niemand sonst konnte ihr Leben führen, niemand sonst konnte verstehen, wie es ihr erging.
Kaum eine Aufgabe konnte sie erledigen, ohne dass jemand dicht zu ihr trat, sie umschmeichelte und an ihr leckte. Sie schmeckte süß und alle wussten davon. Die vornehme Dame war aus Zucker gegossen. Jeder wollte sie einmal kosten. Doch wehe, wenn sie sich ihnen zu gleichmütig ergab; noch schlimmer war es nur, wenn sie sich wehrte. So und so zehrten all die vielen Zungen an ihrem Körper, ihrer Seele. Ohne, dass sie nach den ungeschriebenen Regeln ihrer Welt etwas dagegen zu tun vermochte. Die Dame aus Zucker hielt inne. Sie war am Ende der Straße angelangt.
Wenn es regnete, verbarg sie sich hinter Glas und sah hinaus in die immer gleiche Straße. Dann waren auch die anderen Bewohner der Stadt nicht unterwegs. Die Dame liebte den Regen. Was hätte sie darum gegeben, hinausspringen zu können in das frische Nass, das sich in Pfützen sammelte, alles hinfort wusch aus den schmutzigen Straßen und aus dem Herzen. Der Regen machte so frei und leichtmütig um das sonst schwere Herz. Sicher wäre die Dame aus Zucker ihrer Straße längst entkommen – wäre sie eben nicht aus Zucker und schmeckte nicht so süß. So sagte man.
Im Sommer suchte die Dame in Weiß den Schatten und die Kälte. Denn in der Sonne schmolz sie. Gerade wenn es heiß wurde, kamen die anderen und kosteten von ihr. Einige brachen ganze Stücke von ihrem Kleid ab, das, einmal zerstört, nie wieder gerichtet werden konnte. Andere leckten ihr über die Wangen, den Hals oder die Beine. Einige wenige kosteten sogar von ihren Schuhen und ihrem Haar. Die Dame aus Zucker wartete dann geduldig ab, bis die Leiber gestillt und der Weg bis zum Wendepunkt der Straße endlich frei war. Dann lief sie. Auf und ab. Ab und auf.
Die Dame aus Zucker war oft draußen in den Straßen. Zuhause hielt sie nichts. In ihrem Haus wohnten raunende Geister, deren Wehklagen und immer gleiches Beschweren die Dame nicht lange ertragen konnte. Nur bei Regen blieb ihr keine Wahl, dann verbarg sie ihren zuckrigen Körper hinter den schützenden Wänden ihres Hauses. Oft machten die Geister sich einen Spaß daraus, Kreise um die vornehme Dame zu fliegen, wenn sie im Wohnzimmer saß und ein Buch lesen wollte. Sie umflogen sie dann immer schneller, bis die Dame aufstand und etwas anderes tat. Sie ärgerte sich nicht darüber. Ärger verklang seit langem schon in einem Meer aus Gleichmut.
Wenn andere ihren Weg kreuzten, sah die Dame aus Zucker stets geradeaus. Sie fixierte dann etwas Fernes mit den Augen und besonders mit den Gedanken. Sie hörte dann auf da zu sein bis es wieder einen lebenswerten Platz für sie in der Welt gab, zu dem sie zurückkehren konnte. Sie tauchte ab, hinein in eine sichere Welt, in die nur die Seele fliehen konnte. Nicht der Körper. Das war schade.
Die Dame aus Zucker gehörte nicht in die Stadt des Abends. Sie fühlte es schon seit langem. Vielleicht sogar seit Anbeginn.
Sie besaß keinen Spiegel. Denn sie wollte die Leere nicht sehen, die dort blieb, wo einst ein Schuh, ein Saum, ein Haar, ein Finger oder ein anderes Stück von ihr gewesen war, das die gierigen Zungen ihr entrissen hatten. Sie sah nie an sich herunter. Es ängstigte sie zu Tode. Es war so gefährlich, einladend süß und wasserlöslich zu sein. Man bediente sich hemmungslos an ihr, als gäbe es sie gar nicht. Ihr Leben war ein pausenloses, immerwährendes, qualvoll langsames Verschwinden, in das sich die stetige Hoffnung darauf mischte, dass sich die Dinge ändern würden. Irgendwann.
Um alles auf der Welt wollte sie ihr Schicksal wenden, aufbegehren und das eine Mal laut in die Straße schreien: Mag sein, ich bin aus Zucker, aber ich bin frei! Doch die Dame war gut erzogen, deshalb schrie sie nie; und war auch nie frei.
An einem wolkenverhangenen, grauen Tag im Frühling war es draußen kalt. Eiskristalle zogen sich über die Fenster im Haus der süßen Dame. Ihr Blick verfing sich daran. Eis war etwas Faszinierendes: Es war steinhart, doch erfuhr es Wärme, schmolz es zu Wasser. Vielleicht, ersann die Dame, gab es von allem, das da war auf der Welt, verschiedene Stadien. Je nachdem, in welcher Umgebung es gerade existierte, war ein und dasselbe ein kräftiger Eiskristall oder fließendes Wasser, das durch jeden Spalt entkam.
Vielleicht könnte sie selbst bitter schmecken, wenn es hagelte. Oder nach Galle riechen, wenn es eiskalt war. Sie wusste es nicht, denn sie verließ ihr Haus ja nur bei Sonnenschein aus Vorsicht vor dem Regen, in dem sie sich auflösen würde. Vorsicht hatte man die Dame aus Zucker ihr ganzes Leben lang gelehrt. Auf Vorsicht verstand sie sich gut. Oft dachte sie „Bestens!“, doch „Gut“ musste genügen. Es war sonst anmaßend, auch das hatte man ihr lange beigebracht. So blieb alles wie es war: unversucht. Mit der Zeit schwand die Hoffnung der Dame aus Zucker auf Veränderung vollends und je weniger Hoffnung sie hegte, desto mehr verzehrten sie Hass und Verzweiflung. Es gab keinen Ort für sie als diesen einen immer gleichen, unerträglichen.
An einem heißen Tag im Sommer stand die Dame wieder am Ende der Straße an der unsichtbaren Grenze, die sie nicht überschreiten durfte. Sie sah weit hinaus in die Ferne, bis zu dem Ort, an dem alles zu einem verschwamm. Reglos stand sie so da für Stunden. Die anderen in der Straße tuschelten und rotteten sich um sie herum zusammen, um sich am köstlichen Süß der Dame zu laben. Obwohl sie sich nicht wehrte, kamen sie oft in Scharen. Sie fühlten sich dann überlegen und waren es nie. Sie waren klein und schwach. Sie waren niemand. Etwas in der Seele der Dame zerbrach, als sie dies dachte. Ein altes Innehalten zerbarst in tausend Teile. Tief in ihr richtete sich etwas auf, wie ein Vogel in einem Käfig, der zum ersten Mal im Leben seine Schwingen ausbreitete. Dem Käfig zum Trotz. Sie wirbelte herum, sah die Meute und – rannte.
Ihr Atem rasselte noch, als sie die Tür ihres Hauses zu warf. Die Geister darin raunten missbilligend auf, doch die Dame schenkte ihnen keine Beachtung. Die Geister schimpften sie unsägliche Namen. Doch das hielt die Dame aus Zucker an diesem Tag nicht mehr zurück. Ihre Füße trugen sie bis zur Küche. Dort schürte sie den Ofen an, bis er hell glühte. Sie nahm ihren Schirm, den Fächer und – sprang hinein.
Von diesem Tag an schnitten sich all die anderen an den scharfen Kanten. Die gierigen Zungen bluteten dann schmerzend und lange, bis sie lernten sich zu zügeln. Denn von diesem Tag an war die Dame aus Zucker nicht mehr die Dame aus Zucker, sondern die Reisende aus Karamell. Gehärtet und glühend heiß war sie dem Feuer ihrer Wut entstiegen.
Und keine unsichtbare Grenze vermochte es mehr sie zu halten.
Figuelle war ein ganz normales Mädchen. Sie lebte mit ihren Eltern in einem großen Haus, in dem es keine Treppen gab. Dafür Fenster und zwar große, hohe, durch die man den weiten Garten sehen konnte, wenn man auf dem Sofa saß und aus tiefen Tassen heiße Schokolade schlürfte. Figuelle war ein glückliches Mädchen. Sie liebte die Schmetterlinge und sorgte sich bei Regen um deren Flügelstaub. Einst hatte Figuelle jemand erzählt, dass Schmetterlinge von Feen verzaubert wurden, sodass sie Flügel bekamen und von kriechenden Raupen im Salatbeet zu wundersam bunt tänzelnden Schmetterlingen wurden, die Schlag um Schlag mit ihren winzigen, zauberhaft bemalten Flügeln die größten Distanzen zurückzulegen vermochten.
Figuelle bastelte ein Haus für die Schmetterlinge, besser gesagt einen Unterschlupf. Dann stand sie bei Regen am Fenster und hielt Wache, ob die Flugtierchen den Unterschlupf fänden und darin sicher wären. An einem Tag legte ihr lieber Vater Figuelle die Hand auf die schmale Kinderschulter und sagte, ohne sich zu ihr hinzuknien:
„Die Schmetterlinge kommen zurecht, Figuelle. Sie wissen, wie sie sich schützen können. Im rechten Moment entdecken sie große Blätter, Blüten oder Äste unter denen sie Schutz finden. Sorge dich nicht um die Schmetterlinge, mein Schatz. Pass lieber gut auf dich auf! Du bist noch so klein und musst selbst noch lernen, wo du dich verstecken kannst, wenn die Welt unwirtlich wird.“
Der Vater war ein guter Mann. Er war alles, was ein Vater nur sein konnte: Stattlich, einfühlsam, stark und er wusste alles über die ganze, weite Welt! Er tröstete Figuelle, wenn sie es mit der Angst bekam, weil Monster hinter Ecken in Schatten lauerten. Dann fand sie in seinen Armen Schutz. Was wollte der Vater denn bloß? – Figuelle wusste doch längst schon, wo sie Zuflucht in der Welt fand: Beim Vater und der Mutter! Ach, die liebe Mutter! Die allerliebste Mutter! Figuelle konnte sich nicht vorstellen, jemanden mehr zu lieben als ihre Mutter und ihren Vater und ihre Geschwister und sie alle liebten Figuelle mindestens genauso innig.
Eines Sommers allerdings veränderten sich die Dinge. Die Eltern benahmen sich von einem Tag auf den nächsten seltsam ... sie brachten Blumen – so viele Blumen! – in Figuelles Zimmer und niemand räumte es mehr auf. Alles blieb so wie es war. Als wäre die Zeit im Kinderzimmer zum Stillstand gekommen. Stattdessen stellten die Eltern überall im Haus Bilder von Figuelle auf. Bilder vom Urlaub am See, vom Skifahren in den Bergen und vom ersten Schultag. Bald schon war das ganze Haus von oben bis unten wie ein Figuelle-Tempel. Sie sammelten sich alle oft im Wohnzimmer, aber es war nicht mehr so wie früher. Irgendetwas war anders, aber Figuelle konnte sich keinen Reim darauf machen. Natürlich fragte sie die Eltern:
„Mama, Papa, was habt ihr? Wieso seid ihr plötzlich so traurig? Habe ich etwas Falsches gemacht?“
Aber die Eltern antworteten nie. Sie fingen dann bloß an bitterlichst zu weinen. Es war ein Mysterium.
Auch aus den Geschwistern war kein Wort herauszubekommen. Figuelle versuchte es oft. Sie trat dann dicht an den Bruder und die Schwester heran, die Zwillinge waren und einige Jahre älter als Figuelle. Dann flüsterte sie ihnen ins Ohr:
„Wisst ihr, was die Eltern haben? Planen sie etwa, uns einen Streich zu spielen? Tun sie so, als wären sie traurig und planen in Wirklichkeit eine Überraschungsfeier für uns?“
Aber die Geschwister wurden dann stets nur ganz blass im Gesicht, wie aus Wachs sahen sie dann aus. Manchmal schlugen sie sich auch ans Ohr, ganz so als wäre Figuelle eine Fliege ... und auch sie weinten dann.
Die Tage vergingen einer nach dem anderen und Figuelle konnte sich einfach keinen Reim auf das Verhalten ihrer Familie machen. Aber sie machte sich wenig Sorgen. Alles wendete sich schließlich stets zum Besten. Dieser Gedanke machte ihr Mut und so rannte und tollte sie weiterhin über die strotzende Sommerwiese im Garten, tanzte den Schmetterlingen hinterher und versuchte die Bälle ihrer Geschwister zu fangen, wenn diese auf dem Rasen spielten. Aber sie ließen Figuelle nicht mehr mitspielen. Ohnehin spielten sie viel seltener, seit alles so – seltsam geworden war. Mutter und Vater gingen auch kaum noch aus dem Haus. Sie saßen vor den Bilderrahmen, die sie aufgehängt hatten und weinten und weinten und weinten. Es mussten Meere gewesen sein. Figuelle baute Schiffe aus Papier, damit die Eltern nicht noch in ihren Tränen ertranken. Sie befuhr mit ihnen die weiten Welten des weichen Wohnzimmerteppichs, während alle auf dem Sofa beisammen saßen und schwiegen und weinten.
