Die Stadt - Walerjan Pidmohylnyj - E-Book

Die Stadt E-Book

Walerjan Pidmohylnyj

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Beschreibung

Walerjan Pidmohylnyj (1901–1937) hat mit »Die Stadt« 1928 einen Roman geschaffen, der von der psychologischen Prosa des französischen Naturalismus, die Pidmohylnyj selbst ins Ukrainische übersetzt hat, inspiriert ist und zum Kernbestand der ukrainischen literarischen Moderne gehört. Der Existenzialismus blitzt schon durch die Zeilen, die sanft ironische Erzählweise schlägt immer wieder in bissigen Spott um – und dennoch vermag Pidmohylnyj es auf atemberaubende Weise, von den sozialen und gesellschaftlichen Verwerfungen der Zeit nicht nur zu berichten, sondern sie uns erzählerisch vor Augen zu führen und begreifbar zu machen. Stepan, dessen Weg wir lesend miterleben, kommt voller Erwartungen und mit großen Zielen in die Metropole Kyjiw, wo er ein Studium beginnen und dabei mithelfen möchte, den Sozialismus aufzubauen. Die Stadt und ihre Bewohner faszinieren ihn, stoßen ihn aber gleichzeitig auch ab und genügen seinen überzogenen Ansprüchen nicht. Vor allem aber stürzen sie ihn in chaotische Verhältnisse und machen seine hehren Pläne zunichte: Als Stepan dann auch noch Feuer für die Schriftstellerei fängt, kommt er endgültig vom Kurs ab. Alexander Kratochvil hat in Zusammenarbeit mit Lukas Joura, Jakob Wunderwald und Lina Zalitok die abgründig schillernde Erzählung in ein elegant doppelbödiges Deutsch gebracht, mit einer Vielzahl an geschliffenen Formulierungen und zugespitzten Dialogen. »Die Stadt«, dieses Meisterwerk der ukrainischen Literatur des frühen 20. Jahrhunderts, fügt der vielstimmigen europäischen Moderne eine hierzulande bisher unbekannte weitere Facette hinzu.

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Seitenzahl: 545

Veröffentlichungsjahr: 2022

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Walerjan Pidmohylnyj

DIE STADT

Aus dem Ukrainischenvon Alexander Kratochvil,Lukas Joura, Jakob Wunderwaldund Lina Zalitok

Mit einem Nachwort von Susanne Frank,Lukas Joura, Alexander Kratochvil, Jakob Wunderwaldund Lina Zalitok

»Der Mensch hat sechs Eigenschaften: In dreien gleicht er einem Tier und in dreien einem Engel: Wie ein Tier isst und trinkt er, wie ein Tier pflanzt er sich fort, und wie ein Tier wirft er aus; wie ein Engel hat er Verstand, wie ein Engel geht er aufrecht, und wie ein Engel spricht er in der gesegneten Sprache.«

Talmud: Traktat Avot

»Wie kann man frei sein, Eukrites, wenn man einen Körper hat?«

Anatole France: »Thaïs«

INHALT

DIE STADT

ERSTER TEIL

ZWEITER TEIL

ANHANG

ANMERKUNGEN

UNERWARTET

NACHWORT

STADTKARTE KYJIW

BIOGRAFIEN

ERSTER TEIL

I

Es schien nicht mehr weiterzugehen.

Der Strom des Dnipro hing plötzlich in einer Bucht fest. Umschlossen von frühherbstlichen Ufern in verwaschenem Gelbgrün. Doch dann wendete der Dampfer, und das lange ruhige Band des Flusses zog sich weiter zu kaum merklichen Hügeln am Horizont.

Stepan stand auf Deck an der Reling, seine Augen versanken ziellos in der Ferne, die gleichmäßigen Schläge des Schaufelrades und die dumpfen Worte des Kapitäns durch den Lautsprecher lullten seine Gedanken ein. Auch sie hingen in der nebligen Ferne fest, wo der Fluss unmerklich verschwand, als wäre der Horizont die Grenze zu seinen Träumen. Der Blick des jungen Mannes schweifte über die nahen Ufer, er verfiel unerwartet in Rührung – an der Biegung rechterhand kam ein Dorf zum Vorschein, das die Wiesen bis jetzt verborgen hatten. Die Augustsonne wusch den Schmutz von den weißen Häusern, knüpfte ein Netz grauer Wege, die sich in Feldern verliefen und wie der Fluss irgendwo im Blau verschwanden. Eine Straße verlief quer durch die grenzenlose Ebene, vereinte sie mit dem Himmel und führte den lichten Raum ins Dorf. Und eine andere Straße, die sich zum Fluss hinabzog, brachte die Frische des Dnipro zu den Hütten. Das Dorf schlief in der Mittagssonne. Es lag ein Geheimnis in diesem Schlaf inmitten der Naturelemente, die diesen Flecken mit ihrer Kraft nährten. Hier am Ufer erschien das Dorf als die ureigene Schöpfung der Weite, als die zauberhafte Blüte der Erde, des Himmels und des Wassers.

Das heimische Dorf, das Stepan verlassen hatte, lag ebenfalls am Flussufer, und er suchte unwillkürlich nach Ähnlichkeiten zwischen beiden. Er spürte eine Verwandtschaft und dachte vergnügt, dass er genauso gut in diesen Hütten zu Hause sein könnte wie in jenen, die er zurückgelassen hatte. Mit Bedauern sah er, wie sich das Dorf mit jedem Schlag der Maschine weiter entfernte, in der Ferne verschwamm, bis es schließlich hinter einem Streifen widerlichen Dampferqualms vollständig verschwand. Stepan seufzte. Möglicherweise war es das letzte Dorf gewesen, das er vor der Stadt noch sehen sollte.

Er verspürte eine unklare innere Unruhe, als ob er im Heimatdorf und in all den anderen Dörfern, die er unterwegs gesehen hatte, nicht nur die Vergangenheit, sondern auch seine Hoffnung zurückgelassen hätte. Er schloss die Augen und gab der Traurigkeit nach, die sich in ihm breitmachte.

Als er wieder aufsah, stand Nadijka neben ihm an der Reling. Er hatte sie gar nicht kommen gehört. Er freute sich, dass sie von sich aus zu ihm gekommen war. Ruhig ergriff er ihre Hand. Sie erschauderte, und ohne den Kopf zu heben schaute sie auf die fächerartige Welle, die der Bug des Dampfers aufwarf.

Sie kamen zwar aus demselben Dorf, waren sich aber kaum je begegnet. Er kannte sie nur flüchtig, da sie sich nur selten bei dörflichen Geselligkeiten blicken ließ, aber er wusste, dass sie studieren wollte. Einige Male hatte er sie im Silbud gesehen, wo er die Bibliothek geleitet hatte. Aber eigentlich waren sie heute zum ersten Mal länger beisammen, und der gemeinsame Weg brachte sie einander näher. Sie waren unterwegs zum Studium in der großen Stadt, beide hatten Empfehlungsschreiben in der Tasche, vor beiden lag ein neues Leben. Sie überschritten gemeinsam die Schwelle zur Zukunft.

Freilich war ihre Lage ein bisschen besser als seine. Sie hatte stolz erzählt, dass ihre Eltern Lebensmittel schicken würden. Er hoffte einzig auf ein Stipendium. Sie sollte bei Freundinnen unterkommen, er hatte bloß einen Brief seines Onkels an dessen Bekannten, einen Kaufmann. Sie war von lebhafter Natur; er war ruhig und wirkte zurückhaltend. Im Laufe seiner ersten fünfundzwanzig Lebensjahre war er zunächst Pflegekind und Hirtenjunge, danach einfach ein junger Bursche, schließlich hatte er sich während der Revolution den Aufständischen angeschlossen, und in letzter Zeit hatte er als Dorfsekretär von RobSemLis gearbeitet. Nur in einem war er ihr gegenüber im Vorteil – er war belesen und hatte keine Angst vor den anstehenden Aufnahmeprüfungen. Im Lauf des gemeinsamen Tages auf dem Dampfer hatte er für sie viele Rätsel der Sozialwissenschaften gelöst, und sie hatte bezaubert seiner angenehmen Stimme gelauscht. Wenn sie für einen Augenblick nicht in seiner Nähe war, befiel sie auf der Stelle Langeweile und weitere, bisher nicht besprochene ökonomische Fragen fielen ihr ein. Wenn er dann anfing, sie ihr von neuem auseinanderzusetzen, wäre es ihr doch lieber gewesen, wenn der Bursche von etwas anderem erzählt hätte: Von seinen Hoffnungen, davon, wie er gelebt hatte, bevor sie sich kennenlernten. Doch sie bedankte sich für seine Erklärungen und sagte überzeugt: »Oh, Sie bekommen sicher ein Stipendium! Sie sind ja so gut vorbereitet.«

Stepan lächelte, es freute ihn, von dem blauäugigen Mädchen, die auf seine Fähigkeiten vertraute, gelobt zu werden. Tatsächlich hielt er Nadijka für die schönste Frau an Bord. Die langen Ärmel ihrer grauen Bluse kamen ihm anmutiger vor als manch nackter Arm, ihr Kragen ließ nur den Blick auf einen schmalen Streifen Haut zu, wo andere schamlos ihre Schultern und die Rundungen des Busens präsentierten. Sie trug einfache Schuhe mit flachen Absätzen, und ihre Knie schauten nicht bei jedem Schritt unter dem Rock hervor. Ihre Ursprünglichkeit gefiel Stepan, sie war seiner Seele nahe. Andere Frauen betrachtete er mit leichter Geringschätzung oder Furcht. Es schien ihm, dass sie ihn nicht beachteten oder gar verachteten in seiner ärmlichen Feldjacke, seiner rostroten Schirmmütze und seinen ausgeblichenen Hosen.

Er war hochgewachsen, gut gebaut, das Gesicht gebräunt. Doch seit einer Woche war er unrasiert, was seinem Aussehen etwas Liederliches verlieh. Stepan hatte dichte Brauen, große graue Augen, eine hohe Stirn, sinnliche Lippen. Seine dunklen Haare kämmte er nach hinten, wie es viele junge Männer vom Dorf taten – und neuerdings auch so mancher Dichter.

Stepan ließ seine Hand auf Nadijkas warmen Fingern ruhen und schaute nachdenklich auf den Fluss, auf die steilen Sandufer und einsamen Bäume. Auf einmal richtete sich Nadijka auf und sagte mit ausgestrecktem Arm: »Da, bald sind wir in Kyjiw.«

Kyjiw! Das war die große Stadt, in der er studieren und leben würde. Das war das Neue, in das er eintauchen wollte, um seine langgehegten Träume zu verwirklichen. Wie, Kyjiw ist schon so nah? Stepan wurde unruhig und fragte: »Wo ist eigentlich Lewko?«

Sie blickten sich um und entdeckten am Bug eine Gruppe Landleute, die es sich mit einer Mahlzeit bequem gemacht hatte. Auf einem ausgebreiteten Bauernhemd lagen Brot, Zwiebeln und Speck. Lewko, ein Student der Agrarökonomie, der auch aus ihrem Dorf kam, war dabei. Er war prächtig gelaunt und besser genährt, als seine Statur es eigentlich zuließ, früher wäre ein hervorragender Pope aus ihm geworden, heutzutage jedoch ein mustergültiger Agronom. Schon sein Vater, Großvater und Urgroßvater waren Bauern gewesen, und so konnte er den Leuten vom Land ebenso mit Bibelsprüchen wie mit einem gelehrten Rat helfen. Er studierte fleißig, lief überall in einem traditionellen Überzieher herum und ging leidenschaftlich gern zur Jagd. Während zweier nicht gerade üppiger Jahre in der Stadt hatte er aus dem Revolutionsslogan »Wer nicht arbeitet – darf nicht essen« sein Credo »Wer nicht isst, kann auch nicht arbeiten« abgeleitet, das er bei jeder Gelegenheit auf alle möglichen Fälle anwendete. Hier auf dem Dampfer bewirteten ihn die Dörfler mit ihrer rustikalen Kost, und er versorgte sie dafür mit interessanten Geschichten über den Planeten Mars, die Agrarökonomie in Amerika und das Radio. Sie staunten und fragten ihn vorsichtig, ein wenig ungläubig lächelnd, über Gott und die Welt aus.

Lewko gesellte sich lächelnd, sich auf etwas kurzen Beinen wiegend, zu seinen Bekannten. Gute Laune und ein Lächeln gehörten als grundlegende Eigenschaften zu seiner Einstellung der Welt gegenüber. Weder Armut noch Studium konnten seiner Gutmütigkeit etwas anhaben, die unter den stillen Weiden des Dorfes gereift war. Stepan und Nadijka hatten ihre Bündel bereits geschnürt. Noch eine Drehung des Steuerrades, und linkerhand erstreckte sich hinter den sandigen Hügeln am Ufer der graue Streifen der Stadt. Der durchdringende Ton des Dampfers, der langgezogen vor einer Pontonbrücke pfiff, hallte in Stepans Innerem als schmerzliches Echo wider. Für einen Augenblick vergaß er, dass sich seine Wünsche eigentlich erfüllten, und blickte wehmütig auf das weiße Dampfwölkchen über der Sirene wie auf die letzten Spuren seiner Vergangenheit. Als das Pfeifen plötzlich abriss, breitete sich in seiner Seele Totenstille aus. Er spürte, dass ihm lächerliche Tränen in die Augen stiegen, die in seinem Alter und seiner Lage eigentlich völlig unangebracht waren, und es überraschte ihn, dass der Tränenquell trotz aller Leiden und Mühen noch nicht ausgetrocknet war, dass er nur überdeckt war und nun so plötzlich und unpassend zu fließen begann. Dies brachte ihn so durcheinander, dass er errötete und sich abwandte. Aber Lewko bemerkte seine Fassungslosigkeit. Er legte ihm die Hand auf die Schulter und sagte:

»Nimm’s dir nicht so zu Herzen.«

»Ist schon gut«, entgegnete Stepan verlegen.

Nadijka überschüttete Lewko mit Fragen. Sie fragte ihn nach jedem Hügel, jeder Kirche, ja fast schon jedem Haus. Dabei stellte sich heraus, dass Lewko nicht viel von der Stadt kannte. Natürlich wusste er, wo die Lawra ist und die Säule mit dem heiligen Wolodymyr, aber ob der Hügel, auf dem sie steht, auch nach dem heiligen Wolodymyr benannt ist, da war er sich bereits nicht mehr so sicher. In Kyjiw bewegte er sich nur in seinen engen, ausgetretenen Kreisen, zwischen der Leninstraße, wo er wohnte, und seinem Institut. Er verließ sie so gut wie nie, im Winter war er bestenfalls dreimal im DerschKino Nr. 5 gewesen, um sich amerikanische Abenteuerfilme anzusehen, und nur selten fuhr er mit dem Zug Kyjiw–Teteriw zur Jagd. Aber damit konnte er Nadijkas zunehmend lebhafte Neugierde nicht stillen. Diese Häuserflut, so niedlich und komisch anzusehen aus der Ferne, faszinierte sie, und ihr fröhliches Lachen verriet ihre Freude, dass auch sie dort wohnen werde.

Bald wurde ihre Aufmerksamkeit jedoch von etwas anderem gefesselt. Sie beobachtete die Motorboote, die röhrend über den Fluss sausten, und die Ruderboote mit braungebrannten Sportlern mit freiem Oberkörper, die ihre Muskeln anspannten und fröhlich auf dem Wellenschlag des Dampfers schaukelten. Einige tollkühne Schwimmer johlten ausgelassen und sprangen ganz nah beim Schaufelrad ins Wasser. Kurz darauf glitt wie ein weißes Phantom eine Dreimaster-Jacht am Dampfer vorbei.

»Schaut, schaut nur!«, rief Nadijka beim Anblick der ungewöhnlichen dreieckigen Segel. An Bord waren drei junge Männer und ein Mädchen, das sich ein Tuch umgewickelt hatte. Sie schien wie eine Rusalka aus den alten Märchen, die man nicht anders als beneiden konnte.

Je näher sie Kyjiw kamen, desto reger wurde der Verkehr auf dem Fluss. Vor ihnen lag inmitten des Dnipro eine sandige Insel mit einem Strand, zu der drei Motorboote unentwegt Badegäste brachten. Die Stadt erstreckte sich vom Hügel hinab zum Ufer. Von der Revolutionsstraße rollte eine bunte Welle von Jungen und Mädchen, Frauen und Männern die breite Treppe hinab – ein quirliger Strom heller Leiber, die sich nach einem Bad in der Sonne und im Wasser sehnten. In diesem Getümmel war kein Platz für schlechte Laune – dort, am Rande der Stadt, begann eine neue Welt, die Welt der elementaren Freuden. Wasser und Sonne umfingen die, die gerade noch mit Füllfedern und Kontorswaagen hantiert hatten. Die jungen Männer glichen dem sagenhafte Kyj, die jungen Frauen der märchenhaften Lybid. Ihre Monate lang in Kleidern gefangenen Körper erblühten nun, befreit und nackt wie Bronzestatuen in flimmernder Hitze, gleich den Barbaren an den Ufern des Nils. Für einen Moment pulsierte das blanke, ursprüngliche Leben in ihnen, und einzig die hauchdünne Badebekleidung erinnerte an den Jahrtausende währenden Strom der Zeit.

Der Kontrast zwischen den trostlosen Bauten am Ufer und dem ungetrübten Badespaß wirkte auf Nadijka seltsam und wunderbar. Gerade in diesem Gegensatz spürte sie die Vielfalt städtischen Lebens und dessen Möglichkeiten. Das Mädchen hielt ihre Begeisterung nicht zurück. Sie wurde von der bunten Palette der Kleider und Körper geblendet, von den zartrosa Körpern, die erstmals in die Sonne tauchten, bis hin zu den dunkel gebräunten, die die brennenden Strahlen des Sommers gestählt hatten.

Leidenschaftlich wiederholte sie immer wieder:

»Wie schön das ist! Wie schön!«

Stepan teilte ihre Euphorie keineswegs. Ihm war der Anblick der nackten, besinnungslosen Menschenmenge zutiefst zuwider. Und es enttäuschte ihn, dass Nadijka diesen ausgelassenen, triebhaften Haufen anziehend fand. Mürrisch sagte er:

»Purer Spaß an der Freud!«

Lewko sah sich die Leute genauer an:

»Sie sitzen tagaus, tagein an Schreibtischen, na, und hier schlagen sie ein wenig über die Stränge.«

Sie gingen im dichten Gedränge von Bord, blieben ein wenig abseits stehen und ließen den Strom der Passagiere vorbeiziehen. Nadijkas Begeisterung legte sich. Die Stadt, die von Ferne weiß und licht im sonnigen Dunst geschwebt hatte, hing nun dunkel und schwer über ihr. Schüchtern blickte sie sich um. In ihren Ohren dröhnte das Schreien der Marktweiber, das Pfeifen, das Rattern der nach Darnytsia fahrenden Autobusse und das gleichmäßige Schnaufen der Dampfmaschine einer nahen Mühle.

Stepan drehte sich aus seinem Machorka eine Zigarette und rauchte. Er hatte die Angewohnheit, nach dem Anzünden auszuspucken, aber hier schluckte er die Spucke mit den bitteren Machorkakrümeln hinunter. Alles um ihn herum war seltsam und fremd. Er sah eine Schießbude, wo man mit Luftpistolen schoss, Stände mit Eis, Bier und Kwas, Marktweiber mit Brötchen und Sonnenblumenkernen, Knaben mit Karamellen, Mädchen mit Körben voll von Aprikosen und Kirschen. Unzählige Gesichter zogen an ihm vorbei, fröhliche, ernste, betrübte, und irgendwo schrie eine Frau, die man bestohlen hatte, Halbwüchsige spielten. Das sah alles so gewöhnlich aus und hatte auch früher schon so ausgesehen, als seine Füße noch über weichen Dorfboden liefen. Und so wird es auch weiterhin sein. Er war fremd hier.

Die Passagiere verliefen sich. Das Schiff wurde entladen. Träger mit nacktem Oberkörper balancierten mit Säcken, Taschen und Früchten beladen über schwankende Balken. Danach trugen sie Rinderhälften und rollten stinkende Fässer von Bord.

Lewko ging voran und zeigte ihnen den Weg. Auf der Revolutionsstraße trennten sie sich: Stepan ging hinab nach Podil, die anderen beiden in die Altstadt.

»Wenn was ist, kannst du auch bei mir wohnen«, sagte Lewko. »Hast du meine Adresse aufgeschrieben?«

Stepan verabschiedete sich rasch von ihnen und bog rechts ab, von Zeit zu Zeit fragte er Passanten nach dem Weg. Als er an einer Buchhandlung vorbeikam, blieb er vor dem Schaufenster stehen und betrachtete die Bücher. Von klein auf waren sie ihm lieb und teuer. Als er noch nicht lesen konnte, hatte er als kleiner Junge oft in dem einzigen Buch geblättert, das im Haus seines Onkels zu finden war, ein uraltes Journal mit endlosen Portraits von Zaren, Erzbischöfen und Generälen. Aber es waren nicht die Bildchen, die ihn fesselten, sondern die gleichmäßig verlaufenden schwarzen Zeichen. Er erinnerte sich nicht einmal, wie er lesen gelernt hatte. Es war anscheinend wie zufällig passiert. Dann las er laut und freudig die Worte, ohne zu wissen, was sie bedeuteten.

Er stand lange vor der Vitrine, las stumm Titel, Verlage und Erscheinungsjahre der Bücher. Einige, dachte er, könnten ihm im Studium nützlich werden. Die Masse der Bücher verwirrte ihn, und besonders erstaunte ihn, dass er nur ein einziges Buch fand, das er schon gelesen hatte. Die Bücher hier schienen all das Fremde zu verkörpern, das er instinktiv fürchtete, all die Unsicherheiten, die er in der Stadt meistern musste. Entgegen jeglicher Vernunft und allen früheren Überlegungen zum Trotz begannen den jungen Mann, anfangs noch als stumme Fragen, trostlose Gedanken zu bedrängen.

Weshalb hatte er nur herkommen müssen? Was würde weiter werden, wie würde er leben? Würde er hier scheitern und dann als Bettler nach Hause zurückkehren? Warum war er nicht in die nächste Provinzstadt zur Lehrerausbildung gegangen? Warum diese kindischen Träume von der Hochschule und von Kyjiw? So stand der junge Mann vor der kleinen Buchhandlung in Podil, die ihn so verwirrte und ins Grübeln stürzte, dass er schon überlegte, zum Hafen zurückzukehren.

»Die Reise hat mich erschöpft«, dachte er.

Auf diese Erschöpfung schob er auch seine müden Beine und seine Unlust, sich zu bewegen. Dabei fühlte er sich wie ein Bote, der eine wichtige, ihm selbst jedoch fremde Mission zu erfüllen hatte. Seine langgehegten Wünsche kamen ihm plötzlich wie fremder Zwang vor, dem er sich stumpf und doch widerwillig unterordnete. So schleppte er sich weiter, getrieben von seinen für den Moment verblassenden, aber unauslöschlichen Träumen.

Am Nyschni Wal fand er die Hausnummer 37, trat durch die Gartentür in den Vorgarten und klopfte auf der Veranda an die abweisende, wurmstichige Tür. Nach einer Weile öffnete ihm ein Mann in Weste, mit Kinnbärtchen und grau meliertem Haar. Das war also der Fischhändler Luka Demidowytsch Hnidy, der Stepans Heimatdorf Tereweni während der Revolutionsjahre und der Not in den Städten zum Drehkreuz seines Warenaustausches gemacht und im Haus seines Onkels genächtigt hatte.

Nun war es an dem Fischhändler, sich dafür zu revanchieren – auch wenn diese Zeit längst vorbei und es nicht unbedingt angenehm war, sich an sie zu erinnern. Er sah Stepan ein wenig erschrocken über seine Brille hinweg an, riss den Umschlag hektisch auf, senkte den Blick auf den Brief und wich lesend ins Haus zurück.

Stepan blieb allein vor der geöffneten Tür stehen. Seine Bündel drückten ihm auf die Schulter, sodass er sie ablegen musste. Eine Weile wartete er ab, dann setzte er sich auf die Stufen der Veranda. Die Straße vor ihm war menschenleer. Die ganze Zeit über war hier kein einziger Fußgänger weit und breit zu sehen, lediglich ein Fuhrmann fuhr auf seinem Wagen vorbei, die Zügel baumelten herab. Stepan begann sich sehr konzentriert eine Zigarette zu drehen, wie man es tut, wenn man hartnäckige, aber sinnlose Gedanken loswerden möchte. Ruhig feuchtete er den Rand des groben Machorkapapiers an, brachte das Ergebnis vorsichtig in Form und bewunderte es noch eine Weile. Die Zigarette war ziemlich gerade geworden, zum Ende hin lief sie spitz zu, wodurch man sie besser anzünden konnte.

Er steckte sie sich zwischen die Lippen, schlug einen Schoß seiner Jacke zurück und griff in seine zwar einzige, aber tiefe Hosentasche. Auf der anderen Seite hatte der Schneider am Stoff gespart, in der vollkommen richtigen Annahme, es gäbe Menschen, denen eine Hosentasche genüge. Die Natur könnte sich, der Überlegung des Schneiders folgend, bei vielen Menschen ein Auge oder Ohr sparen, wie man es in den Mythen von den Zyklopen lesen kann. Nachdem er all seine Schätze in der Hosentasche ertastet hatte – ein Messer, eine alte Geldbörse, ein zufällig entdeckter Knopf und ein Tuch –, fischte er eine Streichholzschachtel heraus. Sie war leer. Sein letztes Streichholz hatte er am Hafen aufgebraucht. Stepan warf die Schachtel auf den Boden und zertrat sie mit dem Stiefel.

Da er nun nicht rauchen konnte, bekam er umso mehr Lust darauf. Er stand auf und ging zum Gartentor. Dort hielt er nach einem rauchenden Passanten Ausschau – vergeblich. Die Straße war nach wie vor menschenleer. Eine Reihe niedriger altmodischer Häuser wurde am Ufer von schon lange nicht mehr gestrichenen Hütten abgelöst. An der nächsten Straßenecke hörte das Pflaster auf. Eine einsame, kahle Pappel zitterte seltsam vor einem Fenster.

Plötzlich rief jemand an der Eingangstür seinen Namen. Stepan zuckte zusammen, als ob man ihn auf frischer Tat ertappt hätte. Hnidy rief ihn zu sich.

»Ich werde hier wohnen«, dachte Stepan bei sich. Der Gedanke erschien ihm so merkwürdig wie die Pappel, die er gerade erblickt hatte.

Aber Hnidy führte ihn nicht ins Haus, sondern in den Garten dahinter, zur Scheune. Stepan folgte ihm und musterte ihn von hinten. Der Händler ging gekrümmt und war schlecht auf den Beinen. Obwohl er nicht sonderlich groß war, wirkten seine dünnen Beine lang und unbeweglich. Stepan dachte bei sich: Wie leicht könnte ich dem die Beine brechen!

Am Schuppen schloss Hnidy die Tür auf, öffnete sie und sagte:

»Hier werden Sie unterkommen.«

Über seine Schulter konnte Stepan in die winzige Kammer blicken. Es war eine kleine Schreinerei. An der Wand stand eine Werkbank, und auf den Brettern darüber lag Werkzeug. Auf der gegenüberliegenden Seite konnte man durch ein winziges Fenster sehen, wie es langsam dämmerte. Der Geruch von Sägespänen und frisch geschlagenem Holz lag in der Luft. Stepan war so verwundert, dass er unwillkürlich fragte:

»Hier also?«

Hnidy klapperte mit den Schlüsseln, wandte sich um und schaute Stepan durch die Brillengläser an:

»Sie wollen doch eh nicht lange bleiben, oder?«

Sein Gesicht war voller Falten. In seinem Blick lag etwas Gequältes.

Stepan trat vorsichtig ein und legte seine Bündel in die Ecke. Als er sich dabei bückte, sah er durch einen Spalt zwischen den Holzbrettern seine Nachbarn – am Verschlag wiederkäuende Kühe. Ein Viehstall – das sollte also seine Bleibe sein?! Wie ein Tier, ein richtiges Rindvieh … Sein Herz pochte plötzlich spürbar, und das Blut schoss ihm ins Gesicht. Er richtete sich auf, zornesrot und wütend schaute er in Hnidys welkes Gesicht, das, so schien es, keine Spur von Träumen, Gedanken oder auch nur einfachen Bedürfnissen aufwies, und sagte mit einem Gefühl der eigenen Überlegenheit:

»Geben Sie mir ein Streichholz. Zum Rauchen.«

Hnidy schüttelte den Kopf.

»Ich rauche nicht … Und Sie, seien Sie mal lieber vorsichtig mit dem Holz.«

Er machte die Tür zu, das Klappern seiner Schlüssel war aber noch eine Weile zu hören. Stepan lief in großen Schritten in seinem Kämmerchen auf und ab. Jeder seiner Schritte kam einem Wutanfall gleich. Solch eine Demütigung hatte er nicht erwartet. Auf Hunger und Not war er vorbereitet, aber nicht auf einen Kuhstall. Auch wenn er früher selbst Kühe gehütet hatte. Aber wie konnte es sein, dass nach der Revolution und all den Aufständen, an denen auch er beteiligt gewesen war, ein x-beliebiger Händler, ein dünnbeiniges Nichts, sich nun das Recht herausnahm, ihn in einen Stall zu sperren?

Die rasch einsetzende sommerliche Abenddämmerung ließ immer weniger Licht durch das kleine Fensterchen. Stepan blickte nach draußen. Hinter einer Reihe gleichförmiger Dächer ragte ein Schornstein hervor. Schwarze Rauchschwaden trieben in die graublaue Dämmerung, als zögen sie durch den Himmel den Tiefen des Weltalls zu.

Das grobe Zigarettenpapier war inzwischen eingerissen, und der Tabak krümelte heraus. Er drehte sich eine neue und ging hinaus ins Freie. Was soll’s, dachte er, drehte um und ging zurück ins Haus, um sich in der Küche Feuer zu holen. Es gab keinen Grund, sich zu genieren, denn letzten Endes waren das hier ja auch nur Menschen. Unerwartet erblickte er auf der Veranda einen jungen Mann, und als Stepan sich zu ihm beugte, um nach Feuer zu fragen, sagte der:

»Nehmen Sie sich doch eine von meinen.«

Erstaunt, aber gefasst griff Stepan nach einer Zigarette. Er nahm tiefe Züge und betrachtete, wie dieser junge Mann achtlos den Rauch ausstieß. Als Stepan sich bei ihm bedanken wollte, schüttelte er, in Gedanken vertieft, nur den Kopf.

In seinem Kämmerchen legte Stepan sich auf die Werkbank. Er versank im duftenden und berauschenden Rauch. Verträumt schloss er die Augen und beschloss, dass alles gut war. Dass er in einem Viehstall war, schien ihm auf einmal recht amüsant. Zweimal klopfte er zum Gruß mit der Faust an die Wand des Kuhstalls, lachte laut auf und öffnete die Augen. Hinter dem Fenster, über dem Schornstein, hing die Neumondsichel.

II

Als Stepan aufwachte und sich hastig von seiner Werkbank erhob, war es draußen schon hell. Sein Körper war ganz taub vom Liegen auf dem nackten Holz. Ungeachtet seiner Müdigkeit rieb er sich ängstlich die Augen. Heute sollte die Aufnahmeprüfung sein, hatte er etwa verschlafen? Dann erinnerte er sich daran, dass der Test erst für ein Uhr anberaumt war, beruhigte sich ein wenig, streckte sich und massierte seinen verspannten Nacken.

Ein leises, monotones Plätschern war zu hören hinter der Wand, die seine Behausung vom Stall trennte. Die Kühe wurden gemolken. Das beruhigte ihn – es war also noch früh. Er setzte sich auf die Werkbank, strich sich mit den Händen über die Knie, senkte sein ungekämmtes Haupt und dachte nach. Die Einzelheiten des gestrigen Tages zogen an ihm wie an einem Faden aufgereiht vorbei. Die Selbstbespiegelung hatte er sich wohl schon in seinen Kindertagen angewöhnt, als er auf das Vieh aufpasste und im Feld lag oder Körbe und Leinen flocht. Jetzt, wo er den vergangenen Tag Revue passieren ließ, war er mit sich unzufrieden. Er verspürte Zweifel und Niedergeschlagenheit – kurz gesagt, etwas, das man Willensschwäche nennt. Aber das, ermahnte er sich, durfte nicht sein. Er war die neue Kraft, die zur Aufbauarbeit aus den Dörfern herbeigerufen wurde. Er war einer von denen, die die verdorbene Vergangenheit ablösen und mutig eine neue Zukunft errichten sollten. Selbst für diese aromatische Zigarette, die ihm dieses Bürgersöhnchen abgetreten hatte, schämte er sich nun.

Stepan strich sich das Haar aus der Stirn und begann sich rasch anzuziehen. Er schüttelte seine Feldjacke aus, strich mit dem Ellenbogen über seine Hosen, um sie vom Staub zu befreien, und leerte seine Bündel aus. Zum Vorschein kamen Essen, ein Soldatenmantel aus der Zarenzeit und Wechselwäsche. Mit dem leeren Beutel begann er die Stiefel zu säubern, spuckte darauf und polierte. Nun war er bestens für den Tag gewappnet.

Anstatt sich jetzt zu waschen – dafür war keine Zeit –, beschloss er nach der Prüfung ein Bad im Dnipro zu nehmen und jetzt erst einmal zu frühstücken. Er hatte noch drei Laib Brot, einen halben Pud Weizenmehl, vier Pfund Speck, zehn hartgekochte Eier und einen Sack Buchweizen bei sich. Unerwartet rollten auch ein paar Kartoffeln aus dem Beutel heraus, was Stepan ein lautes Lachen entlockte. Als er all seine Essensbestände auf der Bank ausgebreitet hatte, schnürte er seinen Wanderkessel vom Beutel los. Er wollte gerade mit dem Brotschneiden beginnen, als ihm plötzlich der Gedanke an Turnübungen in den Sinn kam. Denn schließlich wollte er den Tag wie ein Städter beginnen, so, als ob er sich schon ganz in seiner neuen Umgebung eingelebt hätte. Es war wichtig, sich zuallererst eine Routine aufzuerlegen, denn Normen und Regeln waren ein Erfolgsgarant!

Stepan erhob sich und suchte ein geeignetes Gerät für seine Übungen. Er ging zur Bank, stemmte sie einige Male hoch und freute sich über seine Gelenkigkeit und die Härte seiner Muskeln. Er stellte die Bank wieder ab, war aber immer noch nicht zufrieden. Liebevoll strich er sich über den Bizeps, sprang in die Höhe, um sich an einem niedrigen Dachbalken festzuhalten, und begann immer schneller und mit wachsendem Enthusiasmus Klimmzüge zu machen. Und als er schließlich abließ, war er vor Anstrengung und Freude ganz rot. Er drehte sich zur Tür, wo er eine Frau erblickte, die eine Milchkanne trug. Diese sah ihn ängstlich und beunruhigt an.

»Ich habe hier geschlafen«, stammelte Stepan, »man hat es mir erlaubt.«

Sie schwieg. Stepan fühlte sich etwas unwohl – nicht, weil er ohne die Feldjacke dastand oder weil ihm sein hautenges Hemd bei den Übungen aus dem Gürtel herausgerutscht war wie bei einem Kind. Für ihn stellte Kleidung nur einen Schutz vor der Kälte dar, aber er verstand auch, dass er es mit seinen Turnübungen übertrieben hatte und sie weder seiner Ehre noch seinem Ansehen hier förderlich waren. Auch könnte diese Melkmagd rumerzählen, dass er versucht habe, in den Dachboden einzudringen. Er warf sein Haar zurück und wollte, da er die Unterhaltung für beendet hielt, sein Frühstück einnehmen. Sie aber trat in seine Kammer, blickte auf seine Sachen und stellte den Eimer mit der Milch auf den Boden.

»War es sehr hart, hier zu schlafen?«, fragte sie traurig und ein wenig müde, während sie mit der Hand über die Werkbank strich.

»Hm, na ja«, murrte Stepan unwirsch.

Aber sie ging nicht weg. Was wollte sie denn? Was sollten diese seltsam aufmerksamen Blicke? Er setzte eine unmissverständlich düstere Miene auf.

»Ich bin hier die Hausherrin«, gab sie schließlich zur Erklärung. »Darf es etwas Milch sein?«

Die Hausherrin melkte selbst die Kühe? Ah, die Gewerkschaft hatte ja Rechte für die Dienerschaft erkämpft. Von einer Melkerin, seiner Genossin quasi, hätte er die Milch selbstverständlich angenommen. Aber auf Almosen von der Hausherrin konnte er gerne verzichten.

»Ich möchte keine Milch«, antwortete er.

Die Hausherrin aber hatte ihm, ohne seine Antwort abzuwarten, schon etwas in seinen Kessel eingeschenkt.

»Im Hof kann man sich waschen, da ist ein Wasserhahn«, fügte sie noch hinzu und ging mit dem Eimer davon.

Stepan schaute ihr hinterher. Sie hatte so einen üppigen, rundlichen Rücken, wie man ihn vom reichlichen Essen bekommt! Verärgert warf er sich die Feldjacke über und knöpfte sie zu. Er schnitt sich Speck und Brot ab. Beim Essen dachte er über die Prüfung nach. Er hatte nichts zu befürchten, in Mathematik war er stark. Um sich selbst zu testen, ging er die Flächenformeln aller Figuren, die quadratischen Gleichungen sowie die Beziehungen zwischen den Winkelfunktionen im Kopf durch. Dabei rief er sich freilich unbewusst vor allem das in Erinnerung, was er am besten konnte und wiegte sich daher angenehm in der Sicherheit seines Wissens. An die Sozialwissenschaften verschwendete er erst recht keinen Gedanken, so viele Abhandlungen hatte er im Dorf gelesen. Und täglich mehrere Zeitungen. Dazu kamen noch seine soziale Herkunft und seine Revolutions- und Berufserfahrung! Alles in allem war er also bestens gewappnet an der Bildungsfront.

Die Durchsicht seiner Dokumente stellte ihn zufrieden. Alles war in bester Ordnung. In den Papierstapeln fand sich sein ganzes Leben der letzten fünf Jahre wieder: der Aufstand gegen den Hetman, der Kampf gegen die weißen Banden, die Kultur- und Facharbeit. Manches las er sogar richtig gern. Was er nicht alles mit- und durchgemacht hatte! Als Gefangener war ihm die Flucht vor der Erschießung gelungen. Er hatte an Versammlungen und Demonstrationen teilgenommen, Manifeste geschrieben und sich am Kampf gegen Analphabetismus und Trunksucht beteiligt. Wie schön war es, all das in Form von Stempeln und Siegeln, in gleichmäßigen, schreibmaschinengeschriebenen Zeilen sowie in der unförmigen Klaue von halben Analphabeten zu sehen.

Stepan erhob sich lebhaft, steckte die Unterlagen ein, spitzte seinen Bleistift und bereitete Schreibpapier vor. Er musste los. Nachdem er das Essen mit seinem Beutel zugedeckt hatte, blieb er kurz bei der Milch stehen. Er war richtig durstig. Nach dem Speckbrot brauchte er etwas zum Nachspülen. Die Milch würde ja sowieso schlecht bei der Wärme. Er nahm den Kessel, leerte ihn in einem Zug und schmiss ihn auf die Werkbank. Einem geschenkten Gaul schaut man nicht ins Maul!

Er ging ins Freie, schob den Riegel vor und trat auf die Straße hinaus. Bevor er sich aber zum Institut aufmachte, wollte er noch bei der Gewerkschaft vorbeischauen, um nach Arbeit zu fragen. Heute fand er sich in der Stadt gut zurecht und schenkte den Straßen daher wenig Beachtung. Er konzentrierte sich so auf sein wichtiges Vorhaben, die Arbeitssuche, dass er seinen Blick eher nach innen als nach außen richtete.

Im Palast der Arbeit fand Stepan unter den Hunderten von Büros nur mit Mühe die Abteilung für Land- und Forstwirtschaft. Da er seine Angelegenheit für besonders dringend hielt, beschloss er, sich direkt an den Abteilungsleiter zu wenden. Er musste warten, aber das störte ihn nicht. Denn zum einen war es erst zehn Uhr, und zum anderen wartete er hier auf der Bank im Kreise Gleicher. Um keine Zeit zu verlieren, bat er seinen Sitznachbarn um eine Zeitung und machte sich mit den Weltnachrichten vertraut, die ihm für die Sowjetunion förderlich schienen, dann blätterte er weiter zur Rubrik »Dorfleben«, um diese mit großem Enthusiasmus zu lesen. Als er erfuhr, dass man in Hluchary auf Ansuchen des Dorfrates einen unfähigen Agronomen austauschte, dachte er bedauernd: »Das sollten sie bei uns auch machen, aber die Leute haben ein Brett vorm Kopf.«

Aufmerksam las er über die Umstände eines Diebstahls in der Genossenschaft in Kindratiwky, den Kampf gegen die Schnapsbrennerei im Bezirk Kaharlyk und die vorbildliche Zuchtstation im Städtchen Radomyschl. Bei jeder Zeile und jeder Ziffer stellte er einen Vergleich zu seinem eigenen Dorf an und kam zu dem Schluss, dass man es da keineswegs schlechter hatte als anderswo.

»Kulturvermittler – das ist es, was wir brauchen«, schwärmte Stepan. Er war froh, dass er sein Dorf nur vorübergehend, für drei Jahre, verlassen hatte und danach zurückkehren würde, gewappnet für den Kampf gegen Trunksucht, Diebstähle und die Untätigkeit der lokalen Behörden.

Schließlich war er an der Reihe, beim Abteilungsleiter vorzusprechen. Stepan schritt über die Schwelle und fürchtete, das Gesicht in dem Sessel neben dem Tisch, die gepolsterten Möbel und der Teppichboden würden ihm allzu fremd erscheinen. Man war hier ja nicht irgendwo, sondern in Kyjiw! Aber schnell beruhigte er sich. Die Einrichtung im Büro des Abteilungsleiters unterschied sich nur geringfügig von den Möbeln im Bezirksverwaltungsbüro, das gleichzeitig als Büro für die Bezirksleitung der Gewerkschaft verwendet wurde – außer vielleicht in Bezug auf das Kanapee an der Wand: Von so einem Luxus hätte man in der Provinz nicht einmal träumen können. Aber selbst wenn, wäre da sowieso kein Platz für so etwas gewesen.

Der Abteilungsleiter war ein bodenständiger und geradliniger Mann. Aber Stepans Anfrage verblüffte ihn. Als Bezirksaktivist sollte ihm doch bekannt sein, wohin er sich mit solchen Anfragen zu wenden habe? Zuerst müsse man eine Versetzung beantragen und sich dann bei der Arbeitsvermittlung melden. Für alles gebe es eine festgesetzte Ordnung, und das sei auch allgemein bekannt, und außerdem solle man seine Zeit, die Zeit eines vielbeschäftigten Mannes, nicht mit so etwas verschwenden!

Ein wenig niedergeschlagen verließ Stepan das Büro. All das, was ihm der Leiter gesagt hatte, wusste er wirklich schon. Aber das war schließlich … die normale Prozedur! Stepan hatte insgeheim gehofft, dass man für seine aktive Rolle in der Revolution und seine vorbildliche Arbeit in der Gewerkschaft eine kleine Ausnahme machen würde. Zudem war er ja an die Hochschule empfohlen worden und sollte besondere Unterstützung erhalten. Aber der Abteilungsleiter wollte sich nicht einmal seine Unterlagen anschauen. Das war hart, aber auch gerecht, das musste er sich eingestehen! Hier konnte man nicht auf den kurzen Dienstweg hoffen!

Als er die Arbeitsvermittlung gefunden hatte, fand er heraus, dass diese nur mittwochs und freitags für Parteienverkehr geöffnet war. Und heute war ausgerechnet Montag. So waren die Regeln, und man konnte keinerlei Ausnahmen machen, auch nicht für Leute mit langer Anreise. Darüber habe man aber per Rundschreiben die Bezirksorganisationen rechtzeitig informiert, teilte ihm die Sekretärin mit. Und beiläufig wies sie ihn auf die Liste von Dokumenten hin, die er für den Antrag brauche. Stepan bemerkte mit Schrecken, dass ihm einige Unterlagen fehlten, die er auf die Schnelle nicht auftreiben konnte.

So erwartungsvoll er den Palast der Arbeit betreten hatte, so niedergeschlagen verließ er ihn wieder. In diesem Augenblick wurde ihm klar, dass er hier keine Anstellung finden würde. Er war einer von Hunderten. In der Zeit, bis er seine Unterlagen zusammengesucht hatte, würden andere die freien Stellen bekommen. Hatte es dann überhaupt Sinn, sich darum zu kümmern? Man hatte ihn ja zum Studium hierher kommandiert, also müsste ihm der Staat auch behilflich sein. Er musste sich nach einem Stipendium umschauen. So musste es sein. Er selbst hatte es in der Hand.

Auf der Straße hatte er plötzlich einen Einfall. Wieso ging er nicht einfach in einen größeren Betrieb? Vielleicht brauchte man dort einen gewitzten Sekretär? Fragen kostet ja nichts, und sollte nichts frei sein, dann ging er eben wieder. Vielleicht würde es ja funktionieren. Dieser Gedanke spornte ihn an. Tief in ihm steckte ein starker Glaube an seinen eigenen Schicksalsweg, denn wie jeder hatte er die Eigenschaft, sich selbst als einzigartig auf dieser Welt zu betrachten. Er ging in Richtung eines großen Eingangsportals mit der Aufschrift »Staatsverlag der Ukraine« und eilte schnellen Schrittes in die zweite Etage. Im ersten Büro unterhielten sich ein paar junge Männer auf einem Sofa, in der Ecke klapperte eine Schreibmaschine, und an den Wänden standen große Regale mit Büchern. Stepan hielt eine Minute inne, setzte eine zerstreute Miene auf und schlenderte dann weiter, sodass man ihm nichts ansah und ihn nicht vorzeitig wegschickte. Sein Blick suchte das Schild mit der Aufschrift »Leitung«, das er erst auf der dritten Türe ausmachen konnte. In dem Moment als er nach der Türklinke greifen wollte, sprach ein Mann, der in der Nähe an Manuskripten arbeitete, ihn plötzlich an:

»Der Leiter ist nicht da. Was gibt es denn, Genosse?«

Stepan versank im Boden, murrte »Ich bin geschäftlich hier« und trat den Rückzug an. Am Ausgang hörte er etwas, was aller Wahrscheinlichkeit nach über ihn gesagt wurde:

»Der wollte sicher seine Gedichte bei uns unterbringen.«

Und dann lachten sie. An der Tür drehte er sich um und sah den jungen Mann, der das gesagt hatte. Er saß inmitten der anderen jungen Männer auf dem Sofa und trug ein graues, locker sitzendes Hemd mit dünnen Streifen. Als er die Treppe hinunterging, dachte Stepan verwundert über die Worte nach, die er eben gehört hatte.

»Was für Gedichte? Was wollen die denn mit Gedichten?«

Aber sein Tatendrang ließ nicht nach. Und obwohl es ihm auch im zweiten Betrieb nicht gelang, mit dem Leiter zu sprechen, und er im dritten gleich im ersten Raum eine Liste mit entlassenen Mitarbeitern sah, ging er noch in einen vierten. Der Direktor war in seinem Büro und empfing ihn.

Dort waren zwar gepolsterte Möbel und eine riesige Wanduhr zu sehen, der Direktor selbst aber war jung und kein Schnösel. Das Schicksal lächelte Stepan zu. Der Direktor bat ihn, sich zu setzen, und hörte sich rauchend seine Geschichte bis zum Ende an. Dann drückte er die Zigarette aus und sagte:

»Das habe ich selbst alles durchgemacht, ich bin ein roter Direktor. Es ist unsere vorrangige Aufgabe, die Arbeiter- und Bauernjugend in Arbeit zu bringen. Das ist der einzige Weg, unsere Kader aufzufrischen. Denn wir wissen, dass nur junge Hände in der Lage sind, den Sozialismus aufzubauen. Kommen Sie doch in zwei, drei Monaten noch mal vorbei.«

Als er den Betrieb verließ, übermannte ihn ein Gefühl von Enttäuschung. Der freundliche Empfang beim Direktor empörte ihn bis ins Mark. Es fühlte sich an, als ob man ihm alle Türen direkt vor der Nase zugeschlagen hätte – manche einfach so, andere mit zuvorkommender Freundlichkeit. Zwei, drei Monate! Mit einem Tscherwonez und drei Laib Brot in der Tasche! Und nur infolge der Barmherzigkeit eines Krämers konnte er in dessen Stall schlafen! Stepan vergrub seine Hände in den Jackentaschen, schritt durch die Menschenmassen auf der Straße und vermied dabei, irgendjemandem in die Augen zu sehen. So als ob in jedem Mund schon ein verachtungsvolles Wort für ihn bereitläge. Er war ein Pechvogel!

Die Uhr auf dem Gebäude der OkrWynKonKom stoppte abrupt den Fluss der trüben Gedanken. Es war dreiviertel zwölf, und um ein Uhr begann die Prüfung. Hastig fragte er nach dem Weg und eilte los. Es beruhigte ihn, mit der Prüfung ein genaues Ziel vor Augen zu haben. Sollte er durchfallen, wofür brauchte er dann noch eine Anstellung? Aber tief im Inneren war er fest davon überzeugt, dass er die Prüfung glücklich bestehen würde. Der Gedanke an die Möglichkeit, dass er durchfallen könnte, erschien ihm wie ein Scherz. Im Takt seines sicheren Schrittes konnte Stepan der Trübsalsspirale entkommen. Letzten Endes war es lächerlich, dass er dachte, er müsse nur antanzen und alle würden ihm zu Füßen liegen. Er musste sich vor Augen halten, dass in den vergangenen Jahrhunderten alles auch ganz gut ohne ihn funktioniert hatte.

Feen und Magier gab es weder heute, noch hatte es sie jemals gegeben. Nur mit Ausdauer und harter Arbeit konnte man etwas erreichen. Und der Gedanke, man könnte auf Anhieb seinen Platz in der städtischen Maschinerie einnehmen, erschien ihm jetzt selbst kindisch. Ihm wurde klar: Er musste die Prüfung bestehen, ein Stipendium bekommen und studieren. Und der Rest würde sich von selbst ergeben. Es gab studentische Organisationen, Fachschaften, Mensen … Aber für all das musste man Student sein. Und er musste immer im Hinterkopf behalten: Solche wie dich gibt es Tausende!

Auf den Gängen des Instituts herrschte solch ein Gedränge, dass Stepan sich verlief, ohne es zu bemerken. Der Menschenstrom zog ihn mit, und Stepan ließ sich von ihm treiben, ohne Plan und Ziel. Erst als der Strom vor einem Vorlesungssaal anhielt, konnte er fragen, wo denn die Prüfungen stattfänden. Es stellte sich heraus, dass er hier genau richtig war und dass man umgehend beginnen würde. Die Frage seines Nachbarn aber warf Stepan aus der Bahn:

»Und Sie, Genosse, waren Sie denn schon bei der Aufnahmekommission?«

Aufnahmekommission? Davon wusste Stepan gar nichts. Musste man dort hin? Und wo war die denn? Auf der dritten Etage?

Mit aller Kraft bahnte er sich den Weg durch die Prüflinge, schlug sich zu den Treppen durch und eilte in die dritte Etage. Und was, wenn er sich verspätete und die Kommission schon geschlossen war? Das hast du von deiner Arbeitssuche! Vor Scham und Aufregung ganz rot betrat er das Zimmer, in dem die Kommission tagte. Nein, sie war noch da. Sie teilten ihm die Nummer hundertdreiundzwanzig zu.

Vier Stunden später hatte er die Aufnahmekommission überstanden und bekam einen Platz in der Prüfung am übernächsten Tag. Hungrig und enttäuscht trottete er nach Hause. Er verstand natürlich, dass man eine Aufnahmekommission brauchte und nicht all die fünfhundert Neuen, die auf die Hochschule abkommandiert worden waren, an einem Tag durchprüfen konnte. Aber trotz dieser logischen Erklärungen konnte er kein Verständnis dafür aufbringen. Er begann zu begreifen, dass Ordnung eine schöne Sache ist, wenn man sie sich selbst willentlich auferlegt, aber eine sehr unangenehme, wenn sie von anderen kommt. Er war ganz hinüber. Der Gedanke an den morgigen freien Tag ließ ihn erschaudern.

Als er den Podil erreichte, ging er, wie er es sich am Morgen vorgenommen hatte, zum Dnipro, um zu baden. Da er Lust hatte zu rauchen, kaufte er sich unterwegs eine Schachtel Zündhölzer, obgleich er befürchtete, dass ihm vom Tabak übel werden könnte. Er würde erst einmal baden gehen, dann eine Kleinigkeit essen und sich erst dann eine Zigarette genehmigen. Baden aber ließ man ihn nicht. Das war nur am Strand möglich, und dazu musste man vom Ufer auf die Insel kommen. Das kostete fünf Kopeken mit dem normalen und zehn mit dem Motorboot. Zwei Kopeken für die Streichhölzer plus fünf machte sieben Kopeken. Diese Ausgaben konnte er sich nicht leisten, denn außer seinen Erwartungen, die sich vielleicht als leer entpuppten, hatte er nur noch einen Tscherwonez, also zehn Karbowanez, um sich vor all der Not und den unerwarteten Ereignissen, auf die er in dieser Stadt treffen konnte, zu schützen. Und es konnte ja sein, dass er, sollte er zurück nach Hause, ins Dorf, fahren müssen, Geld für eine Fahrkarte brauchen würde. Er machte sich klar, dass er so eine Möglichkeit im Auge behalten musste.

Anfangs wollte er dem Ufer entlang die Stadt verlassen, um dort in der Einsamkeit zu baden, und dann am Abend in sein Kämmerchen zurückkehren. Aber sein Körper war so ermattet und der Hunger war, gepaart mit so einer schrecklichen Müdigkeit, in seine Glieder gefahren, dass er sich entschied, sich einfach nur das Gesicht zu waschen. Nachdem er die Kappe abgesetzt und den Kragen aufgeknöpft hatte, schaute Stepan sich verängstigt um und steckte die Hände ins Wasser. Es schüttelte ihn, so sehr ekelte er sich davor. Trotzdem zwang er sich dazu, sich zu waschen. Dann trocknete er sich mit einem schmierigen Taschentuch ab und trottete zum Nyschni Wal zurück.

In seiner Kammer war noch alles so, wie er es hinterlassen hatte. Er zwang sich, ein paar Eier hinunterzuschlucken und drehte sich dann gierig eine Zigarette. Aber rauchen konnte er auch nicht. Die Trockenheit rief in seiner Kehle ein unangenehmes Kratzen hervor, das ihn dazu veranlasste, die Zigarette auf den Boden zu werfen und mit seinem Stiefel auszudrücken. Er zog die abgetragene Feldjacke aus, deckte die Werkbank damit ab und legte sich der Länge nach darauf, die Beine aber baumelten am Ende herab. Außerstande, an irgendetwas zu denken, blickte er gleichgültig in die Dämmerung im Fenster. Rauch aus dem Kamin zog über den grauen Himmel.

III

Am nächsten Nachmittag brach Stepan zu einem Besuch bei Lewko auf. Gestern noch wäre es ihm unangenehm gewesen, einem seiner Bekannten zu begegnen, doch heute wollte er jemanden sehen, sich mit jemandem unterhalten. Am Morgen hatte er sich ein paar Scheiben Brot abgeschnitten, Speck, ein paar Kartoffeln und Graupen eingepackt und sich dann am Ufer entlang in Richtung Stadtrand aufgemacht. Er war auf der Suche nach einem ruhigen Plätzchen ohne Gesellschaft, doch dazu musste er vom Hafen fast drei Werst laufen. Einige Male hätte er sich fast schon niedergelassen, aber immer wieder stieß er auf einen Fischer oder ein Marktweib, das auf Überfahrt wartete. Schwer war es hier, sich von seinen Mitmenschen abzusondern, aber Stepan ging geduldig immer weiter und ließ die Stadt allmählich hinter den Uferzungen des mäandernden Flusses zurück.

Schließlich entdeckte er eine kleine Bucht zwischen zwei Felshängen, wo es ruhig und menschenleer war. Hier zog er Schuhe und Mantel aus und baute seinen Kessel auf. Nachdem er ein wenig trockenes Gras gesammelt hatte, entfachte er ein Feuer unter dem Topf, wusch den Buchweizen, schälte die Kartoffeln und schnitt den Speck in Scheiben. Er wollte eine Grütze machen. Dafür legte er großzügig Holz unter, dann zog er sich aus und legte sich ans Ufer in die warme Morgensonne. Jede Viertelstunde läuteten von ferne die Glocken der Lawra, und dieses Läuten, untermalt vom Geplätscher des Wassers, weckte in ihm eine stille Sehnsucht.

Auf einmal erhob er sich und sprang ins Wasser, schwamm, planschte, tauchte, johlte aus Spaß. Danach zog er sich gar nicht erst an und machte sich mit Heißhunger über seine Grütze her. Die hatte sich schon eingedickt und gluckerte vor sich hin. Eilig fischte er mit einem Stöckchen Kartoffeln und Speckstücke heraus und schluckte sie hinunter, ohne dabei auch nur zu kauen. Da er keinen Löffel besaß, tunkte er Brotscheiben in die dickflüssige Masse und verschlang eine nach der anderen. Der Kessel war zügig geleert, die letzten Reste weggeputzt – Stepan legte sich daneben auf seine Jacke und zog seine Unterwäsche wieder an. Die Hitze drückte ihm die Lider zu. Bevor er auch nur daran denken konnte, sich eine Zigarette anzuzünden, war er schon eingeschlafen.

Ebenso spontan erwachte Stepan. Über seinem Kopf schimmerte das unendliche Blau des Himmels, und über seinen Körper lief ein Schauer, wie man ihn spürt, wenn man aus dem Wasser steigt. Er lag im Schatten eines Hügels, hinter dem inzwischen die Sonne verschwunden war. Es war abgekühlt, und das hatte ihn geweckt. Stepan erhob sich, rieb sich die Augen und begann sich anzuziehen. Der Schlaf zur ungewohnten Zeit hatte seine Gedanken getrübt und seine Muskeln ermatten lassen.

Der junge Mann setzte sich ans Ufer in die schräg einfallenden Strahlen der untergehenden Sonne. Und hier, in der klaren Ruhe der letzten Sommertage, ergriff ihn ein schmerzliches Gefühl von Einsamkeit. Er konnte nicht ausmachen, woher diese Traurigkeit kam, hätte sie auch nicht in Worte fassen können, aber seine Gedanken schleppten sich zäh und schwer dahin und erstarrten schließlich völlig kraftlos und leer. Eine derartig nagende Willenlosigkeit verspürte er zum ersten Mal, sie umwehte seine Seele mit einer düsteren Todesahnung. Sein Blick floss mit der Strömung davon, dorthin, wo er aufgewachsen war, wo er gekämpft hatte. Die sandigen Ufer, die sich vor ihm ausbreiteten, die Einsamkeit und der warme Wind, all das erinnerte ihn an die Ruhe seines Dorfes und verstärkte seine Sehnsucht. Denn hinter dem Hügel nahm er die Stadt wahr und sich selbst wie eine der zahllosen, unbemerkten Ameisen in dieser steinernen Ordnung. Eigentlich stand die Verwirklichung seiner Träume kurz bevor, und doch fühlte er sich hier wie ein Verstoßener, der mit der heimischen Erde auch den Frühling und die blühenden Felder zurückgelassen hatte.

Da kam ihm plötzlich Nadijka in den Sinn. Und die Erinnerung an sie wurde lebendiger, erblühte da, wo sich gerade noch Einsamkeit ausgebreitet hatte. Wie im Scherz hatte sie sich vor ihm versteckt, und nun kam sie duftend und lachend aus diesem Versteck hervor. Bei der Erinnerung an die Berührung ihrer Hand durchfuhr ihn ein warmer Schauer. Er erinnerte sich an das Treffen auf dem Dampfer, an ihre Worte, in denen er jetzt nach der ersehnten Sicherheit suchte. Jeder ihrer Blicke, ihr Lachen leuchtete in sein Herz, legte dort verzweigte Liebespfade an.

»Sie sind ja so gut vorbereitet! Sie bekommen sicher ein Stipendium!«

Ja, ja! Er hatte Talent und strotzte vor Kraft. Er konnte hartnäckig sein. Da, wo sich ein Hindernis nicht einfach umstoßen ließ, könnte er sich wie ein Holzwurm durchbeißen. Tage, Monate und Jahre! Sie musste nur entgegenkommen, und zusammen würden sie als Sieger in die Stadt einziehen.

»Nadijka!«, flüsterte er.

Ihr Name allein verhieß ihm Hoffnung, und immer wieder wiederholte er ihn, wie ein Symbol seines Sieges.

Schleunig brach Stepan nach Hause auf, getrieben von dem einen Gedanken an seine unerwartet aufgetauchte Liebste. Wie eine Zauberin wischte sie all seine Sorgen weg und wurde zum Allerwichtigsten, was er erobern musste. Der Wunsch, sie zu sehen, wurde so stark, dass er sich entschloss, jetzt gleich zu ihr zu gehen.

Nachdem er zu Hause die Feldjacke ausgeschüttelt und seine Stiefel mit seinem leeren Wanderbeutel und ein bisschen Spucke gereinigt hatte, beschlichen Stepan doch wieder Zweifel. Es stimmte zwar, Nadijka war auf dem Dampfer nett zu ihm gewesen und hatte ihn eingeladen, sie zu besuchen, aber sie war auch sehr übermütig gewesen – war das nicht vielleicht ein Anzeichen dafür, dass sie schon einen Liebsten hatte? Diesen verdrießlichen Gedanken schüttelte er schnell ab – Nadijka war doch, genau wie er, zum allerersten Mal in dieser Stadt. Aber konnte es nicht sein, dass sie im Laufe der zwei Abende seit ihrer Ankunft schon jemanden getroffen und sich verliebt hatte? Dass die Liebe unerwartet erwacht, das wusste Stepan aus eigener Erfahrung. Und schließlich, auch wenn er ihr damals gefallen hatte, wie konnte er, der nicht einmal ein festes Dach über dem Kopf hatte, diese Zuneigung weiter befeuern? Da würde er zu ihr kommen, ein armer Junge vom Dorf, in dieser lärmenden Stadt … Was würde er ihr sagen, was hätte er zu bieten? Was er brauchte, war Unterstützung – doch die Frauen suchten ja selbst nach einer helfenden Hand.

Stepan setzte sich auf eine Bank und dachte lange nach, und schließlich beschloss er, Nadijka erst nach seinen Prüfungen aufzusuchen. Er würde sie als Student besuchen, nicht als Junge vom Dorf, und er würde ihr sagen: Hier, das habe ich geschafft, ich habe mich als würdig erwiesen. Dieser Gedanke beruhigte ihn. Aber daheim konnte er trotzdem nicht mehr ruhig herumsitzen, und so brach er zu Lewko auf.

Zum Glück traf er ihn zu Hause an. Das Erste, was dem Besucher dort auffiel, war die strenge Ordentlichkeit des ärmlichen Studentenzimmers. Die Einrichtung war zwar sicher nicht luxuriös – eine kleine lackierte Holztruhe, ein einfacher Tisch, ein Ausklappbett, zwei Stühle und ein selbstgezimmertes Regal an der Wand –, aber der Tisch war mit einem sauberen grauen Papiertischtuch gedeckt, die Bücher gleichmäßig gestapelt, auf der Truhe eine schwarz-rot karierte Decke ausgebreitet, das Fenster mit traditionell besticktem Spitzentuch geschmückt, das Bett gemacht. Darauf lag die teuerste Zierde und der ganze Stolz des Gastgebers: eine doppelläufige Flinte samt lederner Patronentasche. Die in gerader Linie an der Wand hängenden Portraits (auch sie waren mit Tüchern geschmückt) strahlten eine fürsorgliche Hand, Gemütlichkeit und Ruhe aus – Schewtschenko, Franko und Lenin. Neid und Unsicherheit ergriffen von Stepan Besitz, als er diese behagliche Behausung betrachtete.

Der Gastgeber selbst saß im Unterhemd am Tisch und arbeitete über ein Buch gebeugt. Seinen Gast begrüßte er trotzdem gleich freundlich, bot ihm einen Stuhl an und begann ihn auszufragen, wie er sich an seinem neuen Wohnort eingerichtet habe. Und hier konnte Stepan seine Scham kaum mehr unterdrücken. Er antwortete kurz, dass er gut angekommen sei, in einem Zimmer wohne, das über den Sommer frei sei, bis im Herbst irgendein Verwandter seines Hauswirts einziehen würde, dass es also keinen Grund zur Klage gebe, und dass er bald sein Stipendium bekommen würde und dann ins Haus des KUBUTsch umziehen könne, wenn er erst ein richtiger Student sei. Die Prüfung fände schon morgen statt, aber davor fürchte er sich überhaupt nicht. Er habe schließlich Revolutionserfahrung vorzuweisen.

»Und wie geht es Ihnen? Sie haben ja ein schönes Zimmer!«, wandte sich Stepan dann an Lewko, so verschüchtert, dass er seinen Gastgeber sogar siezte.

Lewko lächelte nur spöttisch. Was hatte er für dieses Zimmer durchgestanden! Vor zwei Jahren hatte er es zugeteilt bekommen, und die Wohnungsbesitzer hatten ihn feindselig empfangen. Er bekam von ihnen zunächst nicht einmal Wasser, und die Toilette sperrten sie ihm zu. Diese Vermieter waren zwei alte Leute, ehemalige Lehrer. Einer der beiden hatte am Gymnasium Latein unterrichtet, aber heutzutage wurden tote Sprachen nicht mehr gelehrt, und er musste für einen Hungerlohn in einem Archiv arbeiten. Mit der Zeit hatten sie sich aber näher kennengelernt, und inzwischen waren sie regelrecht befreundet. Man trank gemeinsam Tee, und hin und wieder wurde auch gekocht. Angenehme Menschen im Grunde, wenn auch sicher Angehörige der alten Welt.

»Du solltest sie auch kennenlernen«, verkündete Lewko, »wir trinken gleich zusammen Tee!«

Stepan setzte sich zunächst zur Wehr – er hatte doch gar keinen Hunger! –, aber der Student hörte ihm nicht zu, zog gemächlich ein Hemd an und verließ den Raum, ohne vorher auch nur seinen Gürtel umzuschnallen.

»Komm! Der Tee steht auf dem Tisch … Komm schon!«, rief er zufrieden.

Er nahm den etwas verloren dreinschauenden Stepan bei der Hand, der sich nur aus Höflichkeit widersetzte, aber eigentlich liebend gerne die Städter sehen und kennenlernen wollte. Lewko konnte sie ihm nicht ersetzen, denn der würde, wie auch er selbst, nach einer gewissen Zeit die Stadt verlassen und in sein Dorf zurückkehren – ein zwar nicht zufälliger, aber eben doch nur ein zeitweiliger Weggefährte. Und so trat Stepan, ein wenig beschämt und darauf bedacht zu schweigen und hauptsächlich zu beobachten, in das Zimmer eines echten Städters, eines ehemaligen Gymnasiallehrers noch dazu.

Dieses Zimmer machte den Eindruck eines Lagers für ein seltsames Sammelsurium an Gegenständen, wobei es schien, als wären die Möbel aus verschiedenen Zimmern hierher geflüchtet und dann vor lauter Schreck erstarrt. Und der Platz reichte absolut nicht für sie aus, ein Teil der Möbel drängte sich an der Wand, der andere türmte sich in der Zimmermitte. Ein breites Ehebett schaute unter einem zu kleinen Paravent hervor und stieß an ein Bücherregal, in welchem das ausgeschlagene Glas durch düsteren braunen Karton ersetzt worden war. Neben dem Schrank, und so, dass es unmöglich war, diesen ungehindert zu öffnen, stand eine reliefverzierte Anrichte, die mit ihrem Oberteil so an die Wand gelehnt war, dass sie nicht umkippen konnte. Unter dem Fenster zur Rechten war ein mit Noten vollgestopftes Bücherregal untergebracht – dabei gab es im Zimmer gar kein Klavier. Gleich neben dem Fenster, und dieses sogar ein wenig verdeckend, stand ein imposanter Kleiderschrank mit Spiegeltür – der einzige Gegenstand hier, der sich Bestimmung und Sauberkeit bewahrt hatte. Direkt gegenüber dem übergroßen Bett thronte ein abgewetzter türkischer Diwan, und auf einer länglichen Holzkonsole, die an seiner Lehne angebracht war, reckte ein Grammophon zwischen einigen gleichmäßigen Plattenstapeln seinen Trichter in die Höhe.

In der Ecke neben der Eingangstür schimmerte eine Burschujka schwarz – ein Blechofen, mit dem man im Winter das Zimmer heizt und im Sommer kocht. Von dort aus zog sich an der Decke entlang ein breites Rohr bis zur Zimmermitte, wo es eine scharfe Biegung machte und schließlich in der Wand über dem Bücherregal verschwand. Das Zimmer war zwar groß, aber so mit Sachen vollgestellt, dass dazwischen nur Platz für einen kleinen Spieltisch blieb, den man wohl zum Essen benutzte. Dieser Tisch wirkte winzig zwischen seinen gigantischen Nachbarn. Auf ihm wurde dann der Tee serviert – ein blauer Teekessel, vier Tassen, Zucker in einem Schüsselchen und ein paar Scheiben Brot auf einem Teller.

Lewko machte Stepan mit dem Hausherrn bekannt. Andrij Wenedowytsch war ein munterer alter Mann mit ganz von grauem Haar überwuchertem Gesicht, der mit seinen Bewegungen und Verneigungen Feierlichkeit und Selbstachtung ausstrahlte. Seine Frau hatte kaum noch Zähne, weshalb Stepan ihre Begrüßungsworte nicht verstand. Gebeugt, mit vertrocknetem Gesicht und zitternden Händen, bat sie in ihrer unverständlichen Sprache zu Tisch und begann vorsichtig, den Tee einzuschenken.

Andrij Wenedowytsch lobte Stepan für dessen Vorhaben zu studieren, brachte aber gleichzeitig seine Unzufriedenheit mit dem heutigen Bildungssystem zum Ausdruck und damit, dass erfahrene Pädagogen von der Arbeit ausgeschlossen seien. Unvermittelt fragte er:

»Können Sie eigentlich Latein?«

Stepan wurde wegen der plötzlichen Aufmerksamkeit des Hausherrn ihm gegenüber ganz verlegen, errötete und bekannte, dass ihm zwar die Existenz der lateinischen Sprache bewusst sei, er sie aber nie erlernt habe, weil man doch heutzutage Latein nicht mehr brauche. Man konnte Andrij Wenedowytsch ansehen, wie sehr ihm diese Aussage missfiel. Latein – unnötig! Ob der junge Mann denn wisse, dass der Klassizismus der einzige Ausweg aus dem herrschenden Obskurantismus sei, wie er es auch schon zu Zeiten des religiösen Obskurantismus gewesen sei! Kehrte die Menschheit nur zurück zu ihm, so würde sie auch zu einem erleuchteten Weltverständnis zurückfinden, zur Ganzheit von Natur und Schöpferkraft des Menschen.

Laut und leidenschaftlich tönte die Stimme des ehemaligen Lehrers. In immer größerer Erregung überschüttete Andrij Wenedowytsch Stepan mit Namen und Sprichwörtern, deren Bedeutung und Inhalt ihm unverständlich blieben. Er sprach vom goldenen Jahrhundert des Augustus und vom römischen Genie und wie dieses die ganze Welt erobert hätte, und wie es im Dunkel des Jetzt als heller Stern der Rettung leuchtete. Vom Christentum, das Rom gemeuchelt habe, und davon, wie es schließlich selbst von Rom in die Knie gezwungen worden sei, in der Renaissance. Von seinem Liebling, Lucius Annaeus Seneca, dem Erzieher Neros, den man in Intrigen und Ränke zu verwickeln versucht hatte, diesem unvergleichlichen Philosophen, der, zum Tode verurteilt, selbst Hand an sich gelegt, sich eine Vene aufgeschnitten hatte, wie es sich für einen Weisen geziemt. Von dessen Tragödien, den einzigen, die uns von den Römern erhalten seien, und von den Dialogi, aus denen er De Providentia auswendig rezitieren könne. Und diesem Seneca, der in vollendeter Synthese Stoa und Epikureismus vereinigt habe, diesem Genius des römischen Genius, dem unterstellte man Kontakte mit dem Apostel Paulus, diesem beschränkten Adepten einer Gefängnisreligion, die Rom einmal zugrunde richten sollte!

Es wurde Abend im Zimmer, und das Zwielicht gab der Stimme des Lehrers etwas Prophetisches. Die ganze Zeit über redete er furchteinflößend auf Stepan ein. Als dem aber auffiel, dass Lewko daneben ganz ruhig seinen Tee zu sich nahm, fasste er sich ein Herz und trank sein Glas aus – und schon verloren die rhetorischen Ausführungen des Hausherrn ihre Anziehungskraft. Und daneben saß unscheinbar die Hausherrin und versteckte sich mit ihren schmalen Schultern hinter dem bauchigen Teekessel.

»Ich bin zwar alt, aber noch nicht vom alten Eisen!«, verkündete der Greis. »Ich fürchte den Tod nicht, und mein Geist ist ruhig und klassisch erleuchtet …«

Zurück in Lewkos Zimmer sagte Stepan:

»Also, das war mal ein Alter! Der ist ja noch … munter!«

»Er ist ein bisschen verrückt, was sein Latein angeht«, lachte Lewko, »aber er ist wirklich ein guter Mensch. Und er kann viel erklären. Ein kluger Opa ist er, weiß alles.«

Schon in der Tür fragte Stepan:

»Ja, und Latein, kann das etwa wirklich noch irgendwer brauchen?«

»Der Teufel braucht das«, lachte Lewko, »aber sonst ist die Sprache tot. Mehr gibt’s dazu nicht zu sagen.«

Er begleitete seinen Freund noch hinaus auf die Treppe, lud ihn ein, vorbeizukommen, wann immer er Lust verspüre – gerne auch einfach so, ohne festen Anlass.

IV

Während er die Leninstraße zum Chreschtschatyk hinabging, dachte Stepan über vieles nach. Das Treffen mit Lewko hatte ihn bestärkt. Er sagte sich, dass Lewkos Weg auch ihm bestimmt sei, und unwillkürlich begann er seinen Freund zu beneiden. Er konnte sich nichts Besseres vorstellen als dessen ordentliches Zimmer! Ruhig und aufgeräumt arbeitete Lewko da vor sich hin, er würde seine Prüfungen bestehen, sein Diplom erhalten und dann gebildet und somit als neuer Mensch in sein Dorf zurückkehren. Und er würde das neue Leben mit sich dorthin bringen. Genauso musste er es machen. Deutlich spürte er jetzt das ganze Gewicht seiner Verpflichtungen, die er beinah aus den Augen verloren hatte, seit er den fremden städtischen Boden betreten hatte. Er erinnerte sich an den Abschied im Dorf und tauchte in diese Erinnerung ein wie in einen warmen Strom. Wie hatte er auch nur für eine Minute seine Freunde vergessen können, die dort zurückgeblieben waren, ohne Hoffnung auf Befreiung aus ihrem Elend? Und zum Gruß lächelte er ihnen von fern zu.