Die Stadt Ys - Thomas Harlan - E-Book

Die Stadt Ys E-Book

Thomas Harlan

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Beschreibung

Von Geisterstädten, doppelten Leben, vergeblichen Lieben 1937 trifft Stalin eine Entscheidung, die es den Feinden schwermachen soll, Wotkinsk, Geburtsort Tschaikowskis und Mittelpunkt der russischen Rüstungsindustrie, zu zerstören. Er läßt die Stadt ein zweites Mal erbauen, 52 Kilometer entfernt von der ersten, mit zweitem Schwanensee, mitsamt zweitem Geburtshaus Tschaikowskis, zweitem Klavier, Bett und zweiten Originalpartituren – nicht aber den riesigen Munitionsfabriken, die nur unter Wotkinsk I liegen. Wotkinsk I war fortan auf keiner Karte mehr zu finden. So ist eine der vielen, ineinander verwobenen Geschichten aus «Die Stadt Ys». Sie handeln von Apparatschiks, Heroen, Idioten, Künstlern, Städten und Grenzen. Sie spielen in Kasachstan, im Ural, an der Kurischen Nehrung, in Vietnam und an der Grenze zum Iran. In diesem literarischen Raum ersteht eine Welt, die seit 1989 versunken ist, aber unauslöschlich im historischen Gedächtnis erhalten bleiben wird: die Welt des sowjetischen Reiches und seiner Satellitenstaaten. «Der Leser ist nichts Geringerem ausgesetzt als einem Akt der Magie.» (Süddeutsche Zeitung)

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Seitenzahl: 347

Veröffentlichungsjahr: 2013

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THOMAS HARLAN

DIE STADT YS

und andere Geschichten vom ewigen Leben

GESAMMELTE WERKE

in Einzelausgaben

Band4

Das vorliegende Werk wurde vom

Deutschen Kulturfonds e.V. gefördert.

Mitarbeit: Jean-Pierre Stephan

Juliusz Burgin & Leonard Borkowicz in memoriam

für Ramsey Clark und seine Benazir seinen Otelo und

für Aldo und Peter und Peter und auch für Jörg

für die Sechshundert Seelen der Anna von Cortina

und für Christopher und für Vera und für Katrin und

für Alice und für Chester und für Enrico für dich.

Wann die Stadt Ys Ker versank, weiß Gott. Sie brach von der Landmasse der Britannia-in-paludis ab, sie brach unter dem Geheul der Sirene Maria Morgan, der unmöglichen Liebe König Gradlons, ab, und versank. Seitdem wandert sie. Sie wandert noch heute. Sie verließ, Schwärmen toter Seelen folgend, auf der Flutwelle von Saint Génolé die Bucht von Douarnenez, und wanderte, erst nordnordost-, dann ostwärts. 1944 erreichte sie mit den Novemberstürmen in 55Grad 13Sekunden nördlicher Breite 20Grad 55Sekunden östlicher Länge die Küste bei Neustadt-Kunzen, der schmalsten Stelle der sich hier aus dem Samland lösenden Landzunge, der Kurischen Nehrung. Dort, zwischen Haff und Meer, grub sie sich ein. Ihr erstes Opfer, Neustadt-Kunzen, zog die Stadt Ys an sich, als die Deutschen noch da waren; sie zog es mit den Deutschen an, auf halbem Wege zwischen Nidden, Nida, und Pillkoppen, Morskoïe, dort, wo Wanderdünen sie später begruben. Seitdem decken Neustadt-Kunzen Dünen zu, die jeweils im Monat November weiterwandern, so, als wäre es den Versunkenen nach, obschon sich Ys längst in den Festlandsockel gefressen hat. Dort, unter Rußlands Grundwasserspiegeln, folgt Ys-die-Versunkene den unterirdischen, auch von Wünschelrutengängern nie entdeckten, wohl magnetischen Flußläufen, Adern, der Laukne vielleicht, der Memel nach, und bleibt, im Frühjahr jeweils, oder des Sommers, stehen, still, doch für einen Augenblick nur: Dann reißt sie, zieht sie die Dörfer an, und zu sich herab, die Städte, die Häusermeere, die Geschichten in den Häusermeeren, die erzählten und die nie erzählten, die sacht, freiwillig schon früh zu ihr hin sich absenkenden Ländereien, auf denen Geschichten wachsen und Tag für Tag einem anderen Wasserspiegel, wenn nicht gar dem Toten näherrücken und, in den Gesichtern schon eingeschüchterter Anrainer, Kolonisten, Matrosen ihrer aller zukünftigen Untergang widerspiegelnd, abwärts in die Tiefe des Erdinneren drängen. Alljährlich erscheint dann, wie an Gedenktagen, über der Wanderdüne, die Neustadt-Kunzen bedeckt, die Turmspitze, ein Hahn, der Wetterhahn, und dreht sich, wirbelt, und die Glocke läutet Sturm; sie läutet, obwohl Neustadt-Kunzen nie irgendwohin mehr zurückkehren wird, die Rückkehr von Neustadt-Kunzen an die Oberfläche ein, und tönt, wenn die Zeit gekommen ist, aus der Erde, und kehrt in die Unterwelt zurück. Seitdem treffen sich in ihr die Geschichten, die nie erzählt worden waren, alljährlich mit den Geschichten, die erzählt worden waren, und werden erzählt, oder, weil es sie nicht mehr gibt, erfunden.

K.V.CHLEBNIKOW, Reise durch das Kaliningrader Land,

Sowietsk (Tilsit) 1997

KURZGESCHICHTEN 

Die erste bis dritte

Die erste Geschichte ist kurz und bündig. Sie fängt gar nicht erst an. Sie bleibt dir im Halse stecken, Luszek! Luszek schluchzt anstatt. Wenn Luszek schluchzt, hörst du die Schloßhunde. So bitterlich hat noch nie ein Mensch! «Ich habe ein Alter erreicht, wo es erlaubt ist, nur noch zurückzublicken. Was habe ich angerichtet!» In der Tat. Was kann er noch anrichten, fragst du dich. «Ich bin ein Schwein!» Er steht vor seiner Bleibe, nimmt die Hornbrille ab, putzt das Glas, öffnet beim Reinigen der Augenwinkel den Mund wie ein Karpfen und gähnt. Den bösen Satz sagt Luszek mindestens ein Mal pro Tag. Meist weint er dabei nicht. Er blickt dann nur noch zurück. «Bis an den Horizont.» Da dämmert es ihm: «Schlimmer kann es nicht kommen. Wer hier sein Leben verbringt, weiß: Eine gute Nachricht kommt immer als schlechte daher; und schätzt sich drum glücklich. Ich schätze mich glücklich.» So beginnt und endet auch gleich schon wieder die zweite Geschichte. Luszek erwartet sich von einer Katastrophe viel, eigentlich alles. Sein Schwein setzt auf sie, sozusagen. «Oh Gott!» So stöhnt ein jugendlicher Held! Er ist sehr alt und groß und noch viel trauriger. Er ist trauriger und größer als irgendwer und neuerdings außerdem um ein paar Zentimenter kleiner. Er maß mal fast zwei Meter. Jetzt schrumpft er. Sagt er. Die Brust wird enger. «Das Herz macht nicht mehr mit.» Auch in diesem Punkt verschlägt es die Sprache. Der Schloßhund denkt an Frau und Sohn. Das Herzstück jeden Gedankens erinnert an den bürgerlichen Tod. «Ich starb tags darauf», sagt er. Wir stehen in Saska Kępa, im ‹Sächsischen Lager›, am Ostufer der Weichsel, als er das sagt – vor seinem Haus. Tags worauf, gestorben woran? – sagt er nicht, will er nicht. Nur: «Das war 1953.» Du mußt wissen, sage ich zu einem Freund, dem ich die Geschichte erzählen will und erklären, was «tags darauf» heißen könnte: Luszek war als Offizier der Roten Armee nach Polen zurückgekehrt, war 1945Woiwode von Stettin geworden und mit der Vertreibung der Deutschen befaßt («Meine Untat!»), dann Botschafter der Volksrepublik Polen in der chinesischen Volksrepublik, dann akkreditierter Vertreter des Politbüros beim Politbüro der Bruderpartei in Peking und vorher oder nachher Botschafter der Volksrepublik Polen in der tschechoslowakischen sozialistischen Republik und akkreditierter Vertreter des Politbüros beim Politbüro der Bruderpartei in Prag. Ein Nichts ist er jetzt. Seit 1956 schon – Genosse Niemand: Hilfs-Redakteur im Parteiverlag KiW. «Bierut», sagt er, wenn du ihn fragst, wenn du ihn auf Knien gebeten hast und es noch immer nichts nützt, und dann regnet es, und dann plötzlich nützt es doch, «bitte», sagt er dann: «also Bierut ruft mich an, der polnische Staatspräsident, in Prag: ‹Luszek, komm, komm sofort; ich brauche dich.› Am nächsten Morgen stand ich vor ihm, er stand, nein, hing, er hing im Wasser zwischen zwei Leibwächtern, machte ein paar Schwimmbewegungen, und sagte: ‹Danke, Luszek, daß du gleich gekommen bist. Es brennt.› Dazu mußt du wissen, daß Bierut eine Schwäche hatte für Wasser, er liebte Wasser, er liebte es so sehr, daß er ganze Regierungssitzungen im Flußbett abhalten konnte, die Minister auf Korbstühlen, am Ufer, und er, im schwarzen Präsidentenbadetrikot mit Monogramm ‹BB›, im Wasser, schwimmend oder nicht, paddelnd, und links und rechts von ihm die Bademeister-Leibwächter in langen, schwarzen Badeanzügen aus den Piłsudski-Badejahren, den prüden Dreißigern, auch sie, die ihn unter den Armen festhielten im Fluß, dazu mußt du wissen, daß die Residenz des Präsidenten an der Weichsel lag, nahe der Ortschaft Błota, an dieser Uferpromenade dem Vorort Falenica zugehörig, kurz, Fluß, das war die Weichsel, seine Regierungsweichsel, die an ihm vorüberfloß, von der hatte Bierut sich einen Arm abzweigen lassen, unterirdisch abzweigen und in seinen Residenzgarten umlegen und für das Weichselärmchen, am Residenzgartenzaun entlang, einen kreisförmigen Kanal durch den Park graben lassen, in den das Weichselwasser gepumpt und, wenn er ‹baden!› rief, auf ein Signal hin die Wellenpumpe angelassen werden konnte, um stehendes Wasser in bewegtes zu verwandeln und ihm den Eindruck zu vermitteln, wie Mao im Gelben Fluß in Flußmitte gegen die Strömung flußaufwärts zu schwimmen, so, daß es tatsächlich die echte war, die Weichsel, die mit ihm oder gegen ihn floß und er mit ihr auf ihren Wellen oder auch ohne, oder die Oberfläche nur leicht gekräuselt, vom Wind gekräuselt, je nach Lage und Gesundheitszustand, und so war das auch am Morgen, als ich vor ihm stand und er sagte, ‹nein, nein›, rief er aus, er rief aus dem Wasser, als würde ich schlecht hören: ‹Luszek, setz dich, willst du Kaffee?›, während er dies rufend immer noch Schwimmbewegungen machte zwischen seinen zwei schwarzen Engeln, die ihn über Wasser hielten wie einen das Wasser verdrängenden Schiffsleib, denn er konnte nicht schwimmen. Dazu mußt du wissen, daß kein Kommunist, kein Revolutionär je schwimmen konnte, die haben keine Zeit gehabt in der Jugend, schwimmen zu lernen oder irgendwo hinzufahren ans Wasser. Jedenfalls, Bierut, der schickte, jetzt, der schickte seine Adjutanten weg, den Kellner, die Leibwächter mit einer Geste, die so aussah, als wolle er Fliegen verjagen, dann paddelte er ein, zwei Meter vorwärts, an mich heran, bis ans Flußufer, und sagte, leise, so leise, daß niemand ihn hören konnte: ‹Luszek, tut mir leid, deine Frau ist eine Spionin, die muß weg, sofort, widersprich mir nicht, gib mir keine Erklärungen, ich lasse sie nach Kanada ausreisen, einen Prozeß wollen wir nicht, sowas schadet uns, du läßt dich morgen scheiden, los, fahr nach Prag, mach, was ich dir gesagt hab›, das sagte er im Wasser, um dann augenblicklich wieder die Leibwächter, die Kellner und Feldadjudanten zurückzuwinken, sich Kaffee im Wasser servieren und mich nach draußen begleiten zu lassen, das konnte ich noch sehen, wo eine Limousine des Auswärtigen Amtes auf mich wartete, und aus. Aus der Traum. Drei Wochen später war ich geschieden. Das Erziehungsrecht für meinen Sohn wurde mir zugesprochen. Meine Frau, Brigyta, verließ Polen noch vor Verkündung des Urteils. Sie lebt seitdem in Kanada. Ich habe nie wieder von ihr gehört. Auch mein Sohn hat nicht. Ich bin ein Schwein.» Als ich Luszek zum letzten Mal sah, war er einundachtzig Jahre alt und bei bester Gesundheit und immer noch das viel gerühmte Opfer faschistischer Polizeibüttel, der große, schmerzbesessene Held aus den Konzentrationslagern der ‹Sanacja›, der Vorkriegszeit. Er hatte mehrfach versucht, eines natürlichen Todes zu sterben, erzählte er; das sei ihm nicht gelungen. Am vierzigsten Jahrestag seiner Scheidung nahm er sich das Leben.

Die vierte

Siehst du: Die erste Geschichte war kurz und bündig. Sie fing gar nicht erst an. Auch die zweite blieb im Halse stecken. Die dritte auch. Wenn Luszek heulte, hörtest du die Schloßhunde, bitte. So bitterlich hatte noch nie ein Schloßhund. «Ich habe ein Alter erreicht, wo es erlaubt ist, nur noch mit den Wölfen! Was habe ich damit angerichtet!» In der Tat. Mit wem noch heulen?, fragte ich mich. Jeder, der, wie ich, hier lebt, weiß: Eine gute Nachricht kommt immer als schlechte verkleidet daher; und schätzt sich drum glücklich. Ich schätze mich glücklich. Ich lebe in einer sehr kleinen Wohnung, auf einem winzigen Fleck. Wer wüßte besser als ich, was auf einem winzigen Fleck leben heißt: Schon wartet eine größere Wohnung auf dich. So verstehe ich die Anzeichen der Zeit. Anzeichen gibt es viele, verständliche und unverständliche; die meisten deuten auf Besserung hin. Vorbotin ist in diesem Fall ausnahmsweise mal wieder meine Putzfrau: Achtung! Sie kommt an einem Wochentag, an dem sonst nie die Putzfrau kommt! Das ist mehr als nur ein Anzeichen! Die Putzkolonne macht für mich eine Ausnahme! So verstand ich das, so verstehe ich das heute noch. Ich muß vorausschicken, daß ich nicht freiwillig hier bin; ich lebe hier zwangseingewiesen. Meine Wohnfläche befindet sich im Gästehaus ‹Zgoda›. In Wahrheit ist ‹Zgoda› kein Gästehaus; es ist ein Ort der Verbannung. Der Umstand, daß ich verbannt wurde, ist eng verknüpft mit der Tatsache, daß ich in meiner Bewegungsfreiheit eingeschränkt bin: Meine Papiere wurden eingezogen; so nennt das die Bürgermiliz. Auch die Bankkarte. Ich kann mich nicht mehr ausweisen; und soll auch nicht können; auch nicht Geld abheben. Von der Anordnung, mir das Wohnen zur Untermiete zu untersagen, hat die Kaderabteilung des Verlags mich direkt in Kenntnis gesetzt. Von der Kontosperre auch – später; erst sollte ich mal scheitern. Grund? Liegt auf der Hand: Ich habe mich ungewollt mit den Ordnungshütern angelegt, will sagen, mit dem Innenminister. Ich habe den Minister verleumdet. Nun, die Verleumdung stammt nicht von mir; was ich gesagt habe, steht in einem Dokument aus dem Jahre 1943 und in einem zweiten aus dem Nachkriegsjahr 1946.Und die Dokumente stammen aus dem Innenministerium! Um nicht vom Hundertsten ins Tausendste zu fallen, sage ich nur dies: Die Archivarin des Innenministeriums ist eine an der Weltgeschichte nicht interessierte Idiotin: sie hat all ihre Schätze, scheißegal, ob aus Zarenzeit, erster Republik, Besatzungszeit oder Volksrepublik, alphabetisch geordnet. Mehr sage ich dazu nicht. Auch die Spitzelberichte. Auch die über mich. Insofern ist der außerplanmässige Besuch der Putzkolonne bei mir an einem Mittwoch nicht unschuldig. Wenige Minuten nur, nachdem die Frau zu scheuern begonnen hat, erscheint nämlich in der Wohnungstür ein Scheibenreinigungsdienst, der alsbald wie besessen mit einem Gummischwammbesen das Fenster traktiert und den Kulturpalast zum ersten Mal seit langer Zeit in voller Herrlichkeit vor mir erstrahlen läßt; so dreckig war mein Fenster! Es ist eine Pracht! Klar. Unmittelbar darauf trifft, aha, eine Delegation der ‹Zgoda›-Dienstleistungs-Leitung ein, ‹Zgoda›-Gästehausdirektor, Assistent und Hilfskräfte, denen in meiner Gegenwart aufgetragen wird, die Vorhänge abzunehmen, ‹zwecks chemischer Reinigung›. Bitte. Daß Direktor und Assistent die Ausführung der Arbeiten durch Hilfskräfte persönlich überwachen, ist nicht die einzige Ausnahme, die mich stutzig macht. Die zweite ist, daß der Assistent selbst Hand anlegt, um den Scheibenwischern zu zeigen, wie man Scheiben wischt, und der Scheibenwischer sich für seine Drecksarbeit auch noch entschuldigt. Die dritte Überraschung, erquickend und labend, kommt mit dem Abend: Warschau ist bereits ein Lichtermeer, als mein Freund Luszek eintrifft, um mich, täglich wie sonst auch – mal mittags, mal abends – zum Essen einzuladen. Ich habe drei Freunde, die mich über die Runden kommen lassen – die eine ist meine Freundin, die andern sind Luszek und Adolf, Adolf Rudnicki, ein großer, geiziger Schriftsteller, der mir täglich gegen Mittag Geldscheine unter die Tür schiebt, und auch manchmal einen Gruß. Genau genommen ist Luszek mein Mitarbeiter. Er heißt eigentlich Leonard, Leonard Borkowicz, und arbeitet im Parteiverlag auf der untersten Stufe, als Hilfs-Redakteur, und für mich. Leonard Borkowicz hat bereits ein bewegtes Leben hinter sich, als die Partei ihn fallen läßt. Das weiß ich von ihm. Dabei muß immer wieder daran erinnert werden, daß in einem sozialistischen Land leitende Genossen, die fallen gelassen werden sollen, nicht irgendwohin fallen dürfen, sondern in den jeweiligen Parteiverlag fallengelassen werden müssen. Tief unten hinein in unseren Parteiverlag ist zum Beispiel Berman, Jakub, gefallen, der ehemalige Chef der Geheimpolizei, der jetzt Hilfskraft ist und jeden Tag am Arm seiner Frau und in Begleitung seines Pekinesen in der Smolna-Gasse 13 erscheint, um seinen Dienst anzutreten. Luszek, der nicht nur sich, sondern auch Berman für ein Schwein hält und schon, als er die Wohnung betrat, sich darüber gewundert hatte, daß die Vorhänge fehlten, macht mich, während wir beide noch am Fenster stehen und einen Blick auf den hell erleuchteten Kulturpalast werfen und dabei Jakub erwähnen, flüsternd – warum flüsternd? – darauf aufmerksam, daß auch in der Wohnung gegenüber jetzt die Vorhänge fehlen und auch Möbel, und zieht mich vorsichtig – warum vorsichtig? – vom Fenster weg. Tatsächlich kann man gut erkennen, daß in der abgedunkelten Wohnung, in deren Fenstern sich die Lichter anderer Fenster spiegeln und sogar der ganzen Stadt, Personen am Werk sind und sich an etwas zu schaffen machen, wahrscheinlich an einem Gerät. Durch Luszeks Wachsamkeit jedenfalls beruhigt und auf schlechte Nachrichten gefaßt, schlage ich vor, abendessen zu gehen. Dann gehen wir auch. Wir gehen in die Kantine des Journalistenverbandes, hier in der Nähe. Schon im Gehen spricht Luszek erneut über seine Scheidung. Seine Scheidung ist Anlaß, ihn wieder von sich «Schwein» sagen zu lassen und einer weiteren Geschichte lauschen zu müssen, einer fünften, die noch trauriger ist als er selbst, aber leider falsch; deswegen erzähle ich sie hier auch nicht nach. Jedenfalls, als ich zu meiner Geschichte und in das Gästehaus zurückkehre, beschließe ich kurzerhand, die Wohnung zu betreten, ohne das Licht anzuknipsen, ich betrete also die Wohnung und finde im Dunkeln, was finde ich da, da finde ich am Fußboden einen Zettel und einen Umschlag mit Geldscheinen– Grüße von Adolf. Dann stelle ich mich ans Fenster, auf Zehenspitzen, sicherheitshalber. Auf der gegenüberliegenden Straßenseite erkennt man jetzt Vorhänge, neue, weiße, plüschdicke und, sieht man genauer hin, zwischen den Vorhängen das Objektiv einer Kamera. Wer hier lebt wie ich, weiß spätestens jetzt, daß es Zeit ist, für sich und sein Bett einen toten Winkel zu suchen; dann erst schlafe ich ein und schätze mich glücklich in Erwartung der guten Nachricht und überhaupt. Und dann: nichts! Fünf Tage lang: nichts; kein Blickfeld; niemand im Bilde. Und am sechsten, dann, Post – ein Donnerwetter! Bevor ich mich dazu erkläre und das Ereignis schildere, kurz Folgendes: Die schönsten Menschen, denen ich je im Leben begegnet bin, waren Kommunisten. Das stimmt, so wie ich es sage. Es gibt keine Schöneren. Gab keine, wird keine geben, Kommunisten gibt es nicht mehr, sie sind ausgestorben. Etwas, womit ich nicht fertig werde, ist der Unterschied zwischen den Kommunisten und dem Kommunismus. Warum es ihn gibt, begreife ich nicht. Doch er ist da, da ist er: Der Kommunismus kann mit den Kommunisten nichts anfangen; sie stören ihn. Weil aber der Kommunismus von Kommunisten gemacht wird und also von denen, die ihn machen, nicht gestört werden kann, wird er eben doch gestört; woraus man den Schluß ziehen muß, daß, wer den Kommunismus, ja, wie soll man das sonst nennen, wer den Kommunismus ‹macht›, aufhören muß, Kommunist zu sein und sich in eine Sache verwandelt, die gute Sache des Kommunismus; doch wie er dabei den Widerspruch überbrückt zwischen dem Kommunisten, der er ist oder war, und dem Kommunismus, der ihn zum Kommunisten gemacht hat, weiß ich nicht; überbrücken kann man Widersprüche ohnehin nicht, nur auflösen, aber das ginge jetzt zu weit; und wahrscheinlich geht sowieso alles zu weit und wahrscheinlich ist der Tod der Kommunisten, die für den Kommunismus gestorben sind und noch immer sterben, der Tod des Kommunismus, und so sind also die Schönen, die einmalig der besseren Welt ähnlichen, der herrlichen Welt verwandten Wesen einmalig herrlich und der Tod auch der guten Sache und die Sache schlecht und umso schlechter als das Gute noch lange nicht tot. Überbrückt doch, Kinder, um Gottes willen, nichts! Punkt. Absatz.

Die fünfte

Hier zwischenzeitlich der Bericht, den ich angesichts der beschriebenen Lage der Genossin dott. Laura Conti vom Mailänder Institut Feltrinelli zukommen ließ und als ‹Geschichte Nr.5› bezeichne: Ich verließ, wie vom Verlag gewünscht, Warschau und Gästehaus ‹Zgoda› mit Gepäck am 2.November und begab mich mit meinem Wagen nach Falenica und dort wiederum an die vom Verlag angegebene Adresse. Mir vorausgefahren war die Redakteurin Jadwiga Smolińska, die mich in meine neue Wohnung einwies. Die mir zur Verfügung gestellte Wohnung besteht aus zwei Räumen in der ersten Etage einer ansonsten leerstehenden Villa. In beiden Räumen befinden sich Kachelöfen. Die Wohnfläche der unbewohnten Villa beträgt etwa 2000m2, die meiner beiden Räume etwa 80m2. Die Villa liegt am Weichselufer. Sie ist von der Weichsel durch eine schmale, geteerte Uferstraße getrennt. Eigentümer der Villa ist Ignacy Śpiewak, ein Arbeiter, der die verfallene Immobilie nach Auskunft der Smolińska von einer im Ausland lebenden Tante geerbt haben soll und sie aus Kostengründen nicht selbst bewohnen kann. Śpiewak und Frau besitzen neben der Villa auch noch ein im Park des Anwesens gelegenes Gartenhäuschen. Das Gartenhäuschen, auf Pfählen gebaut, groß wie ein größeres Zimmer, ist, wohl weil einstmals Hühnerstall, nur über eine Leiter erreichbar; es wird von vier Personen bewohnt: dem Paar Śpiewak und einem zweiten, unbekannten, erheblich älteren Paar. Śpiewak ist in den Straßenbahn-Ausbesserungswerken als Elektroschweißer tätig, die Ewa Ś. in einem staatlichen Wäschereibetrieb. Das Anwesen grenzt im Nordwesten an die Residenz des Kardinal-Primas von Polen, im Südosten an das ehemalige Gästehaus des Staatspräsidialamtes. Die Residenz ist bewohnt, das Gästehaus versiegelt; auch die dazugehörige Bootsanlegestelle ist es; das gegenüberliegende Weichselufer abgesichert, weil unbebaut. Die Miete wird durch den Verlag entrichtet, der auch die Pauschale für Heiz-, Verpflegungs- und Reinigungskosten an das Vermieter-Ehepaar übernimmt. Telefonanschluß besteht nicht. Ignacy Ś. verläßt das Haus wochentags gegen 6 h 30 früh, Ewa Ś. circa eine Stunde später. Mittagessen wird jeweils für den folgenden Tag zubereitet und auf dem Kachelofen warm gehalten, das Abendessen gegen 19 h 00 in der Küche der leeren Villa, und auch dort serviert. Zwischen 7 h 30 und 16 h 00 stehen wochentags Küche und Werkstatt leer. Ewa Ś. kehrt um 16 h 00 von der Arbeit heim, Ignacy Ś. gegen 18 h 00, betrunken meist, meist mit Beschimpfungen empfangen, bisweilen Handgreiflichkeiten. Paar II zeigt sich tagsüber nie. Es verläßt erst in der Dunkelheit das Häuschen; dann, und nur bei Mond, sieht man es unsicher über die Treppen in den Garten hinabklettern, nach allen Seiten Ausschau halten, den Garten durchquerend hinter Hecken verschwinden, um dann, drei bis vier Stunden später, in den Stall zurückzusteigen. Im Stall selbst brennt kein Licht. Hühner hört man nicht, auch Stimmen nicht, nur gelegentlich Schreie, Gepolter (Holz) – Tätlichkeiten, angeblich, der Ś.Wer Paar II ist, verrät Ignacy erst nach einem letzten Schluck aus der Flasche am fünften Freitag nach meiner Ankunft, Zahltag, als Ewa ihn – warum? – nicht erwartet. «Zum Tode», sagt Ignacy; dann: «Peng-peng». Will sagen: «verurteilt». Ignacy will «verurteilt» zeigen, schwankt, weiß nicht mehr, wo das Genick ist, zeigt sich den Vogel. Erst später, lange, nachdem es geknallt hat, plappert der Schwindsüchtige («mein armer Zahnstocher» – Ewa Ś.) auch das letzte Geheimnis noch aus: «Alles abgekartet.» Als die obengenannten Namenlosen, die Piotr und Sylvia Puchalski, die Puchalsci, wie man in Polen sagt, 1950, 1950 [?], verhaftet werden, sind sie – bunte Hunde, Träger, beide, des Banners der Arbeit, Objekte unverhohlener Begierde zahlloser Neider – er, Direktor des Warszawa-Ersatzteillager-Zulieferbetriebes ASTRA, sie, Musterbetriebs-Direktionssekretärin in Otwock. Allein der großen Zahl nicht enden wollender Hinweise aus der werktätigen Bevölkerung (nicht etwa der örtlichen Kontrollkommission) verdanken die Geschworenen derIII. Strafkammer des Woiwodschaftsgerichts die Aufdeckung des Falles ‹Volksrepublik Polen versus Bürger Puchalski Piotr u.a.› wegen Verbrechens des Raubes, der Unterschlagung, der Hehlerei d. i. des Verbrechens der heimtückischen Überführung staatlicher Automobilersatzteilproduktionsstätten in private Pelztierproduktionsstätten d. i. des Verbrechens der hinterhältigen Einrichtung unterirdischer Pelztier-Buchten in den Untergeschossen der Automobilersatzteillager und -produktionsstätten d. i. der Zuchtfarmen von Nerzen Sumpfottern Wasserwieseln Bisamratten zum Nachteil von Automobilersatzteilproduktionsstätten und -lager d. i. des Verbrechens der Verschwörung d. i. innerparteilicher Wühlarbeit und/​oder Ermunterung Werktätiger der Automobilproduktionswerkstätten zu verbrecherischer Verschwörung vermittels Gewinnbeteiligung d. i. der Vorteilsnahme d. i. nichts anderes als des Verbrechens der Bildung parteifeindlicher Gruppen durch Spaltung d. i. Zersplitterung d. i. Individualisierung und/​oder Privatisierung d. i. Bildung genossenschaftlicher Großhandelskonglomerate -kombinate für Pelze & Felle d. i. US-Dollarkontenguthabend. i. räuberisch erwirtschafteter Gewinne d. i. die Vorstellungskraft des durchschnittlichen Werktätigen überfordernder d. i. durch Einfuhr lebender Nerze Wasserwiesel Steinhunde undsoweiter der Autonomen Sozialistischen Sowjetrepublik der Komi aus der Union der sozialistischen Sowjetrepubliken in die Volksrepublik zum Nachteil der Autonomen Sozialistischen Sowjetrepublik der Komi sowie der Volkswirtschaft Volkspolens erzielter Gewinne d. i. nach Aufdeckung des Falles ‹Volksrepublik Polen versus Bürger Puchalski Piotr u.a.› d. i. des allseitigen Bekanntwerdens d. i. des Skandals von Otwock sowohl als auch nach Sistierung von Lebendmaterial sowie Ausstoßung aus Partei & gesellschaftlichen Organisationen die Verurteilung/​Aburteilung der unter Ausnutzung des Ehrentitels ‹Verdiente Arbeiter des Volkes› von den obengenannten Puchalskis & Komplizen in den ASTRA-Dreher- und Elektroschweißerbrigaden ‹Ernst Thälmann› und ‹Jan Fučík› erreichten Planspitze 1 in der Kategorie Musterbetrieb Kraftfahrzeugmontage gemeinschaftlich angezettelten & verübten Verbrechen zum Tode durch Erhängen des Puchalski Piotr und der Puchalska Sylvia, lese ich, «Die sind so gut wie tot», sagt Ignacy, «immer noch so gut wie», als wir das Pärchen durch das Gebüsch zurückhuschen sehen in den Stall, aber wie die Puchalskis den Galgen umschifft haben, sagt er nicht, er sagt «großzügig» und nochmal nur «das war großzügig» und dann nochmal nach einer Denkpause ausnahmsweise auch noch «da war die mal großzügig die Partei» und schon nichts weiter mehr, als Śpiewak-Frau, «Ewunku!», am Horizont anrollt, eine riesige, ihr Fahrrad durch den Matsch schiebende Kugel an ihrem Zahnstocher vorbei mit Lockenwicklern und Händen wie Tennisschlägern, die schwergewichtig Einkaufstaschen an uns entlangziehen lassen und, geballt, Mann-Śpiewak allein anläßlich des knallharten Aussprechens seines Namens zusammenzucken läßt. Daß die Puchalskis nicht mehr heißen, wie sie mal hießen, sondern eben jetzt Puchalski, erfahre ich erst an einem anderen Zahltag im Tauwetterwinter von Śpiewak und auch, daß die Untermiete der Stallmitbewohner an die Śpiewaks durch das Woiwodschaftsgericht entrichtet wird, ein Rätsel, wieso durch das Woiwodschaftsgericht, ist meine Frage, worauf Luszek bei seinem ersten Besuch in Falenica die Antwort weiß an einem Sonntag, als ich ihm die Geschichte erzähle und er mir erzählt, daß das nun folgende Jahr 1954 infolge der erzählten Ereignisse auf Beschluß der Partei der Vereinigten Arbeiter zum ‹Jahr der Aufrichtigkeit› ausgerufen ward. «Jeder wollte mal unehrlich gewesen sein», erzählt er, «jeder mal schuldig, mal Dieb, reuig, Räuber, ein Sichvergreifender am Volkseigentum, mal in den Genuß kommen des Gnadenerweises, mal die brüderliche Hand der Vergebung spüren, das Klopfen auf seine Schulterblätter, den Bruderkuß, die Hartgesottenen mal sanftmütig. Oh du Jahr der Aufrichtigkeit! Parteizellen buhlen um verrottete Parteisekretäre, Genossen um Zurschaustellung ihrer Fehler, Schundliteratur um Ächtung der Literatur, Wahlfälscher um Bürgermeister, Abfüllbetrüger um betrogene Tankstellen, alle um alles ist nichts! Ja, unschuldig ist lebensgefährlich! Schon meldet sich hie ein schreiendes Unrecht als Milchpanscher, da der Freigesprochene als Jahrhundertbetrüger, dort ein Nicht-Mörder als Geständnissüchtiger lebenslänglich, hü ein Einsitzender freiwillig als Vogelfreier, hott der freie Mann als bitte bitte als Zu- als Zu- als Zuchthäusler, Zuhälter! Erlassen der Gesamtstrafe? Erlassen! Gnadenerweis volkspolenweit! Ein Wettkampf, geradezu! Jeder will mal dabei gewesen sein, jeder sich mal bezichtigen, mal dürfen, mal nicht anders können dürfen, jeder mal jeden! Eine Zier! Fürwahr eine Zier!» Dann schreite ich mit Luszek die Anwesensgrenze ab zwischen Śpiewak-Villa und ehemaliger Residenz des Präsidialamtes und gedenke des Bierut, Bołeslaw, und eines Kanals, den er sich hatte von der Weichsel hier herübergraben lassen in meine Nachbarschaft von Häftlingen denke ich von wem sonst, während ich mich glücklich schätze im Besitz neuerdings & unendlich dankbar immer größer werdenden Wohnraums. Luszek läßt nicht locker: «Wir Aufrechten! Wieviel Schuld hat uns gerettet! Wie ausgiebig sind wir für unsere Vergehen belohnt worden!» «Von vorn!» Er: «Gut.» Dann ich: «Jetzt bin ich dran!»

Die siebente

Es war einmal eine Stadt, die hieß Rho. Die Stadt ist immer noch eine Stadt, aber nicht mehr die, die sie mal war, Rho, die Stadt der Hunde. Die Stadt, die sie mal war, war klein, kleiner als eine Stadt eigentlich groß sein sollte, und mager, ein Gürtel, der um ein Rieselfeld herumgeschnürt war mit Häusern, zweistöckigen und dreistöckigen und vier Wänden, die fett von Ruß in der Sonne glitzerten mit ihrem schwarzen Schmalz und drei Bevölkerungen darin, einer wohlhabenden mit großen Gärten und Gärtnern und Hunden, und einer armen, da wohnten die Stahlkocher, und einer Kinderstadt, und die Kinder da drin noch viel schwärzer als die Stadt und die Bettchen, wo denken Sie hin, in Werkhallen, in Stahlwerken, Elektroschmelzöfen, auf Roheisenhalden, Bläserkinder, Kellerkinder, Dachbödenkinder, Simsen-, Öfenkinder, Konvertbühnenkinder in Spielhütten, Wachhundehütten, Hütten, was sage ich, bis in die Schlote hinauf, die waren erloschen im Schamott, da waren die Kinder drin unter sich oben und die Eltern unter sich aus Todesangst unten wegen der alten Abgase und eben wegen der Kinder, erzählte Marco Müller, ein Meister der Liebe zum Kino, den chinesischen Absolventen der Moskauer Allunionshochschule für Filmkunst anläßlich einer Aussprache der Meisterklasse für Darstellungskunst, anläßlich des Jahrgangsabschiedessens in der Imbißstube Pyong-Yang – eine Geschichte, die er ‹Die Geschichte der für den Gerechtigkeitssinn ihrer Kinder berühmten Stadt Rho› nannte, und die eigentlich eine Liebesgeschichte war, Es war einmal eine Stadt war nämlich eine Marco-Müller-Erzählung, sagte der Chinese, der sie jetzt nacherzählen sollte, Und wenn sie nicht gestorben sind, sagte ein anderer Chinese, Sie sind aber!, sagte der erste Chinese, Rho ist ein Dreckhaufen, habe Müller geantwortet, Rho sei immer schon ein Dreckhaufen gewesen, erzählt Müller, sagte der Chinese, Schrott!, Schrott!, erinnerte er sich, Wieso denn das?, fragte einer, bekam aber keine Antwort, so groß war das Durcheinander, weil alle das schreckliche Ende der Geschichte schon kannten und es jetzt schnell nochmal hören wollten, denn Schon damals war, fuhr der Chinese fort, war Rho eine Deponie gewesen, habe Müller gesagt zum Beispiel, Zum Beispiel?, fragte einer, und Damals, wann soll denn das damals gewesen sein, damals?, ein anderer, der noch nie einen Mucks gesagt hatte, Immer noch, sagte einer aus Italien, Achso, du da aus dem Land der langen Haare, sagte ein Pole, weil, erklärte er uns und den anderen Chinesen, so heißt Italien auf polnisch, ‹Langhaarien›, Kommt da nicht der Müller her aus Langhaarien?, fragte der Italiener, Schrott, Schrott, nichts als, zitierte der Chinese jetzt Müller, er ließ sich nicht ablenken, ein rostbraunes, sich um den nördlichen Autobahnring von Mailand schmiegendes ehemaliges Juwel der italienischen Stahlindustrie, rief er, eine Stadt des Kapitalverbrechens, eine verlorene, eine Stadt ohne Kern, eine in Dämpfe, Nebel, in Chlor gehüllte, in Rotbraun, in ƴ-Schwefel, in Gift, in sechswertig rauchende, in Säuren, in ölige, in siedende, in Partikel, Sulfide sich auflösende, in 2-3-7-8-tetrachlorbenzoldioxinhaltige, atemabschnürende, in stockende, Glieder atrophierende, in willenlose Körper übergehende Willen der hundertprozentigen Anteilseigner des elsässisch-lombardisch-protestantischen Stahlriesens ‹Falck S.p.A.›, der, am Walde vor der Brianza den Bewohnern des Giftriegels in Schwaden dem umzingelten Müll vorauseilend und, selbst kaum mehr in Bewegung, selbst nun schon Gift und nie mehr verfliegend, alles mit sich überziehend, sich selbst & ihr Stadtgut, ihre Hühnchen, Möpse, Arbeiter, ihre Haustiere, unter der gelben Dunstkappe sinnfällig eins war mit dem Stillstand in gegenseitiger Einvernahme dem schmächtigen Kubikraum zulieb ihnen untertan anvertrauter, den Abquetschungen ihrer Leiber gegen Lohnfortzahlung ausgesetzter menschlicher Reste noch an der Arbeit, zitierte er, immer lauter werdend, singend fast schon – so ein Geschwafel! – Marco Müllers ‹Abschiedsrede auf Rho und ihre Kinder, auf ihre Kinder und ihre Hunde›, wobei nach und nach bei der Rede auf Rho herauskam, daß es gar keine Stadt Rho gab, die so war, wie sie der Müller beschrieben hatte, weil der Müller sich das Märchen von der Stadt Rho erfunden hatte, aus den Fingern gesaugt hatte, um nicht von der Stadt sprechen zu müssen, die er eigentlich meinte, nämlich von der Stadt Sesto San Giovanni, die eigentlich keine Stadt war, sondern eine Vorstadt von der Großstadt Mailand oder ein Stadtteil, wo die Hunde waren, die bei den Kindern waren, die seine Kinder waren in den Elektroschmelzöfen, auf den Roheisenhalden, seine Bläserkinder, Keller-, Dachbödenkinder, Simsen-, Öfenkinder, Konvertbühnenkinder in ihren Spielhütten, Wachhundehütten, Hütten. Ja, warum denn bloß, klagte der Chinese weiter, weinte der Chinese fast, warum nicht von San Giovanni sprechen, ja, vielleicht ja, weil einer der Helden später in der Geschichte ‹Giovanni› heißen soll, deshalb, wobei es jetzt ein für allemal bei Rho bleiben sollte, bei Rho, der Stadt der Hunde, während die um die Pyong-Yang-Tische versammelten Meisterschüler schon, die das Müller-Märchen noch einmal erzählt bekommen wollten, darauf warteten, daß die Geschichte vom Ende der Hunde endlich einen Sinn bekäme. Bekam sie aber nicht. Müller wollte das so, sagte der Exil-Chinese; er wolle ziellos erzählen, mal drauf los, habe Müller gesagt, denn allein auf diese Weise, sagte der Chinese, käme eine Geschichte gut voran an ihr Ende; wobei die Verteidigungsrede auf die Verzögerungstaktik des bereits abgereisten Müller insbesondere den ostasiatischen Kommilitonenanteil, soweit es die Hunde anbetraf, immer nervöser machte; wobei andere Ostasiaten den obengenannten, nur nacherzählenden Exil-Chinesen bedrohten, sich der Exil-Chinese aber nicht abhalten ließ und zwei weitere Chinesen dessenthalben handgreiflich wurden, ein Exil und ein Festland, das Festland alsbald Taiwan bombardieren ließ, dann Pyong-Yang, dann Korea beleidigte, dann die Kellnerin, dann den Bürgermeister von Rho, als ein zweifelsohne alten Kaderschmiedefamilien entsprungenes norditalienisches Muttersöhnchen sich erhob, einen Toast auf die Schule ausbrachte und auf russisch zu bedenken gab, daß Müller als Sohn einer ledigen Raumpflegerin des Vatikans wie auch im Vatikan gebürtig einer der zweitausendsiebenhundertundsechs insofern höchst seltenen Kirchenstaatstaatsbürgerexemplare war, zu denen nicht einmal der Papst zählte, der polnische, eingewanderte, betonte er, und also privilegiert und insofern nicht vertrauenswürdig und überdies kein zuverlässiger Zeitzeuge. Rho ging damals, wie man insbesondere damals so sagte, baden oder vor die Hunde, als Müller von ihr erzählte, wohl nur aus Spaß erzählte oder weil im Wettstreit mit chinesischen Tischgenossen und in zwölf chinesischen Sprachen oder Dialekten, die er sprach, zwölfmal erzählte, wie und warum vor die Hunde und baden. Er kannte Rho-die-Elende; er kannte sie besser als irgendwer. Er war in Rho – erst in Brasilien, dann in Rho – aufgewachsen und mit dem Stahlriesen eins- und großgeworden, sagten die einen, die ihn gut, sagten sie, besser kannten als alle anderen, aber das traf nicht zu. Marco Müller war Römer. Rho war nicht seine Stadt. Rho war seine Liebe. Er liebte Rho-die-Elende und, mehr noch als die Elende, ihre Hunde. Friede unter den Chinesen im Pyong-Yang kam insofern erst wieder auf, als einer aus einem Papier vorlas, das Müller zurückgelassen hatte und den Titel trug Bekundungen des Elektroschweißers Daniele F. betreffend die Stadt Rho in der Brianza und eine Tonbandabschrift war, die aus mehreren Seiten bestand und lautete ES WAR EINMAL EINE STADT DIE HIESS RHO, die Stadt ist zwar immer noch eine Stadt, aber nicht mehr die Stadt Rho, die sie einmal war, Rho, die Stadt der Hunde. Euch, die ihr hier sitzt und mir zuhört, es würde euch gar nichts schaden, laßt euch das gesagt sein, euch gelegentlich mal die Zeit wieder ins Gedächtnis zurückzurufen, in welcher es in Italien damals so schön drunter & drüber, ja, ereiferte sich der Vorleser, eine wunderbare Zeit, wo, wenn ein Journalist mal seinen Schnabel zum Beispiel mal zu weit aufmachte oder irgendwas gegen uns zum Beispiel hatte, wo da mit dem Vielschreiber kurzer Prozeß gemacht wurde und ritschratsch ihm eine Ladung Schrot in die Waden geschossen und hops, und mucksmäuschenstill war das Mäuschen, mucksmäuschen, denn wie nichts konntest du einen anno dazumal, einen wie nichts dahergelaufenen Presseschönling konntest du ruckzuck zum Krüppel machen und auf der Straße so jemand von weitem schon erkennen, wenn der zufällig mal zu auffällig vorbeihinkte, wer das war in Wirklichkeit, da wußtest du gleich, welch Knechtes Kind der war, was der im Schilde, weil, wir haben sogar ein Wort eigens dafür erfunden, ‹gambizzare›, ‹beinen›, beinemachen für wenn mal zum Beispiel die Preise verrückt spielten und wir eine Großmarkthalle, wenn wir die in Volkseigentum überführten, vergesellschaftlichten unter den Klängen des städtischen Musikkorps Santa Cecilia, wo uns die noch, die Fleischgroßhändler, wo die uns alle zu Kreuze gekrochen sind noch wie die Ameisen auf ihre Geldhaufen zurückgekrabbelt und uns den Kram noch hinterhergeschmissen haben und gebettelt um ihr Scheißleben, weil die nicht mehr ein noch aus wußten, hinterhergeschmissen, sage ich, und wegen der Hunde, was die angeht, hat Marco Müller bereits erzählt, jeder Chinese sprach davon, von der Hundegeschichte, so, wie die Müller erzählt hat nämlich, das: Giovanni und Lucia lebten in Gemeinschaftswohnungen, waren fünfzehn Jahre alt, er fünfzehn, sie vierzehn, sie lebten in zwei verschiedenen Gemeinschaftswohnungen und manchmal in einer dritten heimlich. Ihre Väter waren Landarbeiter aus der Basilicata und in den Jahren des Großen Sprungs nach vorn waren sie nach Rho gezogen und hatten sich bei der Falck als Stahlkocher verdingt und teilten sich jetzt in ihren großen, verkommenen, ehemaligen Herrenhäusern Küche und Bad mit anderen Stahlkocherfamilien, wenn sie nicht gestorben sind, aber sie sind nicht, als der Herd erlosch, gestorben, als die Gicht, wenn die Glocke, wenn der Rost, das Abstechen, als das Einblasen, wenn es aufhört, als der Heißwind, sage ich, als ihnen die Luft aus, wenn die Luft, das Licht, die Geduld, als das Ende sich nicht mehr hinzog, als bis hierher und nicht weiter es zu Ende ging, als schon nichts mehr, als nichts mehr ging, als sie vor die Hunde, als sie Kinder einfangen, die Steinewerfer einsammeln gingen, Steine sammeln, als die Gerichte, als das Faß, Zwischenrufe: Die Geschichte von den Hunden wolln wir hören! – Geduld! Geduld!, heller Wahnsinn, Knast, ein Jahr, für nichts und wieder nichts, Widerstand, als die Genossen, die Kinder, die Jugend von den Jugendgerichten zu Jugendstrafen, weil dem einen hat einer den Lieferwagen sich unter den Nagel, dem andern fliegt der Molotow in die Luft! Ach! Jetzt wird geahndet! Jetzt wird alles! Alles wird! Auch nichts! Nichts wird! Auch wenn nichts passiert ist: Knast! Geahndet! 1Jahr! Ohne Bewährung. Jetzt kommt die Zeit der vorrevolutionären Phantasie! Luszek lachte, als ich das sagte. Vorrevolutionäre Phantasie! Jetzt kommt die vorrevolutionäre Zeit, Genossen und Genossinnen, jetzt kommt, sagten Giovanni und Lucia, käme die Zeit, in der eine Antwort auf die uns alle bewegende Frage gefunden werden müsse, nämlich als die Martinsöfen, als das Gebläse, als den Stahlkochern die Kinder, allen, die Stilllegungen, die Aussperrungen, als ihnen die Aussperrungen, die Walzwerkschließungen, als vergeblich die Ausmauerungen, die Schächte, als sie vergeblich warteten, als die Hütten zu still für die uns alle bewegende Frage lagen, auf die eine Antwort gefunden werden mußte, nämlich, wie man die Sachen, die wir machen wollten, mit denen wir uns aber strafbar machten, wie man diese Sachen eben doch machen könne, ohne sich strafbar zu machen, woraufhin der rechtskundige Ehrenwerte Abgeordnete Onorevole Silverio Corvisieri, ein ehemaliger Gewalttäter, nur den einen guten Rat wußte: Keinen Blödsinn machen, ragazzi!, da kann euch niemand rauspauken, Gewalt gegen Sachen, bitte, aber keine Gewalt gegen Personen, bitte!, woraufhin Giovanni und Genossin Lucia und ihre Genossinnen und Genossen, die in der italienischen Sprache so vertraut compagni hießen, Mitbrötler – woraufhin sie der «Sache» von den sogenannten «Sachen» schnell auf die Schliche kamen, sie fanden nämlich nach allerlei Fragefeldzügen bei älteren, gebildeteren, das Brot mit ihnen teilenden Genossen und Genossinnen heraus, daß im bürgerlich italienischen Gesetzbuch zu «Sachen» jegliches bewegliche und unbewegliche Gut zählte, Immobilien und Autos, Panzerschränke und Vögel, und daß die Beschädigung einer Sache, auch die mutwillige, nie Haft, schlimmstenfalls nur eine Geldstrafe nach sich ziehen könnte in Höhe des beschädigten Werts beziehungsweise der Wertminderung des Beschädigten, und beschlossen deshalb, sie und die Kinder von Rho, Hundefänger zu werden. Sie verfaßten augenblicklich, und ohne das Papier sich auch nur einen Augenblick lang an ihre Fingerabdrücke erinnern zu lassen, einen BRIEF AN ALLE HUNDEBESITZER, das waren die Reichen, die Armen in Rho hatten keine Hunde, die hatten nur Katzen und Tauben, sie nannten den Brief DENKZETTEL und versahen ihn mit der Aufforderung, nicht etwa für die Streikkasse zu spenden, nein, weit gefehlt, das war ihnen verboten worden durch die Genossen Vertreter der Gewerkschaften, nein, für die Armen zu spenden, für deren Rechtsschutzhelfer und -beistände Geld einzuwerfen und für ihr Zubrot in ein schönes, neues hölzernes, blutrot lackiertes Sparschwein, das sie vor der Kathedrale von Rho aufgestellt hatten über einen Meter hoch zum Ärger des Domkapitulars von Santa Maria delle Lacrime neben Berninis Johannes dem Täufer, einer Kopie, von dem die Genossinnen sagten, daß Lucia sich in ihn über beide Ohren verliebt hätte, wobei der Ausdruck über-beide-Ohren, so erklärte ich es Luszek, zu einer vom lombardischen Proletariat der roten Intelligenz abgelauschten Faustregel gehörte, die hieß: Frauen sehen nicht, sie hören, sie verlieben sich blind. Daran mag es auch liegen, daß Giovanni dachte, allein durch das bloße Anschauen Lucias, denn sie war schön und auch zierlich, «porzellanen», nannte er sie, «eine Espe», obwohl sie nie zitterte–, daß allein durch das bloße Betrachten der Lucia, das Entgegennehmen der ihrer Bewegung entspringenden Geräusche des Zugetanseins und der hierdurch verursachten Wärme die Probleme der Arbeiterklasse gelöst werden könnten und Lebensfreude ab jetzt die Not ersetzen, wenn sie am Stadtteich lagen, wo die Frösche im Dreivierteltakt quakten, Wiener Walzer lang, wenn die Sonne aufging, oder unter, oder bei Regen, oder davor, oder immer, im Frühling und Sommer immer, dann auch, wenn sie den Reichen im Wege lagen, den ‹Witwen›, wie man sie hieß, wenn sie, die Hageren und Feisten, wie Gespenster mit Kinderwagen in den Auen an Wasserwegen entlangfuhren und sich selbst schon nicht mehr, ihre Oberweiten und die von Zellulitis geplagten Waden & Gesäße, die riesigen, bisweilen kugelartig durch die Welt rollenden Mutteranwärterinnenbehausungen schon nicht mehr sahen und anstelle dessen ‹das Pack›, nur die Wegelagerer, die Spötter aus der Unterschicht, die im Park von Rho ihren Hunden auflauerten. Als die Kriegskasse leerblieb, hing, am Sonntag, tatsächlich, vor der Frühmesse, ein erstes Opfer am Galgen des Portals von Santa Maria: der Pekinese ‹Tomi› des Uhrengroßhändlers F.Noch am Abend des gleichen Buß- und Bettages und des allseits mitempfundenen Schmerzes des Todes durch den Strang bereits sah sich die nun dergestalt eingeschüchterte Gemeinde mit einem von ‹Augusto il pazzo› – August dem Verrückten – unterzeichneten ZWEITEN BRIEF genannten Aufruf konfrontiert, in welchem ihr, ‹der Klasse›, unter Androhung weiterer Hinrichtungen für den Fall der Nichtbeachtung, die Fütterung gemeindeansässiger Hunde mit Geldscheinen sowie das tägliche Ausführen derselben zu Spaziergängen zwecks Entledigung der Notdurft im Stadtpark zwischen 16 und 18Uhr auferlegt wurde. Die gleichzeitig AN ALLE INSASSEN der Altenheime, Klosterschulen, Pfandleihhäuser, AN DIE SCHWESTERN DER HL. MARIA VON DEN TRÄNEN, an die Armenküchen, Badehäuser, die Fußballvereine ‹Curva Nord› und ‹Sinus Rho› und an alle Schüler des Liceo Technico ergangene Aufforderung, ihren Notgroschen künftighin in den Auswürfen und -scheidungen der o.g. Haustiere im Volkspark suchen zu kommen, schloß mit einem «Gruß an alle Bedürftigen» und dem Wunsch VIEL GLÜCK. Nun, die Erfolgreichsten unter den Stocherern waren die Blinden. Sie hatten die Kunst des Tastens im Blut. Sie fanden, mit weiß lackierten Spazierstöcken in Erdreich und Oberfläche rührend, mühelos alles, Dinge auch, die, wie zufällig mitgefütterte, mitverschluckte Eheringe, Brillanten, Sicherheitsnadeln, winzige Drohbriefe, Fingerhüte und 500-Lire-Münzen, mit dem bloßen Auge niemand sonst hätte entdecken können, oft, unschuldig, außerhalb der vorgeschriebenen Bannmeile Durchfällen zuliebe vorzeitig entschlüpfte, in Tarnfarbe getauchte, dem welken, herbstlichen Blattwerk auch dort noch sich anpassende Fäkalien etlicher Volksparkanlagen, in denen kein Bargeld fressender Hund je Bargeld gefressen hatte und unter dem Druck der Stoppuhr jugendlicher Terrorfreunde sich dem Genuß der Entledigung hätte hingeben können. An Sonntagen war der Park von Rho künftighin übervölkert. Gemeinderäte der faschistischen Sozialbewegung M.S.I. vermerkten allein für Juni 1977 im Vergleich zum Vorjahr eine Besucherzunahme von 730% sowie ein jähes Anschwellen der Umsätze, aus denen auf den Rückfluß von Erpressungsgeldern in den Einzelhandel geschlossen werden konnte. Rhos kommunale Umsatzsteueranteile stiegen im Jahre 1977 um 23%, sie erlaubten den Bau von 2,1km Umgehungsstraßen und einer Stahlbrücke sowie die Reparatur bzw. Neuanschaffung von Heizungsanlagen in Primarschulen. Das Verbrechen, besser: die mit krimineller Energie betriebene, jedoch lediglich zivilrechtlich verfolgbare kollektive Sachbeschädigung zahlte sich aus; sie illustrierte gewissermaßen das Prinzip gewöhnlicher Kapitalbildung, den ursprünglich auf Raub und Totschlag, dann nur noch auf Raub gegründeten Ursprung jeder Wohlstandsgesellschaft. Nur die Witwe Linuccia S., die sich aus dem Schweizer Exil mit finsteren, großindustriellen Machenschaften hervorgetan hatte, die darauf hinauslaufen sollten, durch Zuwendungen die Gewährung eines bischöflichen nihil obstat