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Ein Mann geht auf Reise und unternimmt eine Sammlung für seinen Auftrag, er trifft auf seltsame Gestalten. Ihn interesseren die Natur und die Menschen, die sich in seinen Seen widerspiegeln, seine Familie fürchtet, dass er es nicht schafft, so viele Aufgaben auf sich zu nehmen. Sie entdecken mit ihm ganz Europa und viele Gespenster.
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Seitenzahl: 97
Veröffentlichungsjahr: 2019
Tzerzinev
Die
Steigung Roman
© 2019 Tzerzinev
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Vorwort - Wozu ein Buch schreiben?
Viele Jahre werden vergehen, und ich werde niemals vergessen, was geschah, als ich den Auftrag bekam, die Seen in Europa zu dokumentieren. Wenig Stunden nimmt dagegen diese Lektüre in Anspruch, und deshalb verleiht es mir ein wunderbares Gefühl, endlich damit fertig zu sein, während die Seen selbst immer mein Gemüt betrüben werden. Wenn auch es in der Studie, die ich vornehmen sollte, um Schönheiten der Natur und wissenschaftliche Erkenntnisse sicherlich ging, da der in diesen Seiten niemals namentlich erwähnte Verlag auf solchen äußerst genauen Details bestand, muss ich gestehen, dass die zahlreichen Motive meiner Sehnsucht nach einer literarischen Abfertigung dieses Zeitgeschehens bei weitem niemals so auf diese anspruchsvolle Arbeit zu reduzieren sind. Die Beschäftigung mit dem Werk bestätigt mir im nachhinein, dass ich in diesen entfernten Jahren vor allem ansehnliche Menschen traf, die es verdienen, dass man von ihnen ein Portrait skizziert. Diese Portraits sollen anders ausfallen, als die Beschreibungen von Seen, damit jeder sich etwas Wahres vorstellen kann, was nicht mit der Wissenschaft zusammenhängt, sondern mit dem Zufall und der Lust an den Menschen, die sehr witzig sein können. Es waren zum Teil zufällige Begegnungen von Fachleuten, denen ich mein Anliegen erklärte, und die bereit waren, mich ein Stückchen zu begleiten. Weiterhin begab ich mich zu den Plätzen, wo ich beispielsweise Auskünfte erwerben konnte, und deren Reiz nicht nur mit dem Studium der Naturwunder zusammenhing. Es war sehr merkwürdig, an den Standorten meiner Expeditionen, Natur und Kultur mit Proben meiner Menschenkenntnis und meiner interkulturellen und sportlichen Fähigkeiten zu vermischen, so dass die Seen zeitweise wegen der Entdeckung auf fremdem Gebiet in Vergessenheit gerieten. Es geschah alles in Verbindung mit dem Einverständnis meiner Familie, die viele Strapazen hinnehmen und erleben musste. Niemals hätte ich erwartet, dass die nächsten Verwandten mir Ratschläge geben und ich verlagerte auf meine Kollegen, Berater, Freunde meine Sorgen. Denn ich muss sehr viel anschauen, Material finden und mich vor Ort noch einmal vergewissern, dass die Wege wirklich zum ersehnten Zielpunkt führen. Die Zusammenstellung der Schilderungen muss natürlich neutral und objektiv sein. Dennoch passiert es, dass mir ein besonderer Ort derartig gefällt, dass ich gern dorthin auf Urlaub hinfahren möchte und alle überzeuge, es sei eine
einwandfreie Reise, ohne mich zu rechtfertigen. Wenn ich jetzt nachdenken muss, warum diese Zeit mich, alles wohl erwogen, bewegte, denn ich hatte schon mehrere weniger aufregende Aufträge hinter mir, dann weil meine Fahrten nicht unbemerkt blieben. Ich musste mich in acht nehmen, dass meine Pläne nicht durchkreuzt wären, und dass sogar Aberglaube sich nicht einmischt. Tatsächlich wurde über diese Sache schon sehr viel geschrieben, und zwar von allen Seiten, zum Zweck des Tourismus ebenso wie zum Zweck des Wanderns oder der Fotografie. Sich abblitzen lassen, verweigern die Seen nicht, aber wohl die Menschen, die dort am Werk sind, Holzfäller, Biologen, dort am See wohnen, zelten, Hütten bauen, angeln, Baden und picknicken Also, wozu dieses Buch schreiben? Zuerst zürnt mir die Vorstellung, ein See sei einfach ein begrenzbares Fangbecken von Wasser, das von Schilfen, oder irgendeinem Gras, angefüllt mit irgendeinem Geröll sei. Dazu käme vielleicht eine Farbe, mit der sich die Oberfläche ziere, und es käme hinzu eine Wasserbewegung dank dem Wind oder dank unzähligen Wasserfischen und Libellen, mit denen er sich bevölkert. Diese Farbe, so lautet die gängige Meinung, könne blaugrün, graumeliert, rot-blau je nach Tageszeit sein. Ich spreche gegen die Idee des Sees überhaupt, denn ein Wasserbecken ist es nicht, es ist vielmehr eine besondere und unumgängliche Tiefe. Für mich, der ich zwar als Wissenschaftler geboren, aber als Fotograph und Künstler sehr tätig bin, bedeutet Tiefe etwas Unheimliches, wodurch ich mich dem Freudschen Experiment des Unheimlichen annähere. Sowohl in die Geschichte der Region als auch in die Tradition des Volkes reicht die Bandbreite der Erfahrungen am See eines Menschen. Nehmen wir an, Sie fahren vielleicht tausendmal am Chiemsee vorbei und bleiben nicht stehen? Was ist da der verbleibende Eindruck des Sees, den Sie verpassen, und von dem Sie ohnehin nur eine leichte Ahnung bekommen haben. Sie erhalten durch schnelles Hinschauen auf den Steg zwischen zwei Baracken am Seeufer ein Bild davon und fahren weiter vorbei. Kein Halt, da die Grenze zu Österreich in Aussicht ist und Ihnen zuwinkt. Ich bin Deutscher, meine Wurzeln schlagen weit zurück in die Vergangenheit meiner Heimat, leider, gibt es dort, wo ich geboren bin, keinen See. Ich entdeckte einen See erst nach der Widervereinigung, als ich eine Studiereise nach Norddeutschland nach Mecklenburg unternahm. Was heisst entdecken? Ich stampfte mit den Füssen drin, badete lang, spielte Wasserball und sammelte Gras, ich fotografierte Vögel, Storche, Enten. Ich legte einen Fund zusammen. Mir gefällt es an diese Zeit zu denken, da die wilde Gegend auch an den Geburtsort meiner Lebensgefährtin in Niederösterreich erinnert, wo es einen Naturpark gibt; dort sind die Seen gewaltig und können zu Fuß überquert werden. Nichtsdestotrotz, meine erste schlimme Erfahrung war, dass ich mit den Schwiegereltern einen schlimmen Unfall in einem Nachbarort hatte. Statt am See zu faulenzen, musste ich mich von Garage zu Garage plagen. Wir wurden abgeschleppt, die Schwiegereltern waren mürrisch und grollten mir, meine Frau blieb stur im Wagen sitzen und sagte kein Wort, sie schüttelte den Kopf und grübelte. Damals gab es keine Kinder und keinen Freund. Der See verabschiedete sich mit dem schlimmen Motorschaden. So gewann ich die Zugreisen auch lieb. Wir mussten heimfahren, nachdem wir eine Woche in der Stadt verweilt hatten. Wir wohnten bei den Schwiegereltern, statt zu zelten. Ich langweilte mich und griff zu Reiseführern der Region, ich entwickelte ein Gespür für das Authentische. Die Menschen, die vor allem, so kam mir vor, das Wasser immer wieder abtasten, ob es kalt oder warm, trüb oder hell sei. Viele Tierarten waren mir wichtig, aber die Fotos waren nicht immer die besten, so kritisierte ich. Was gab mir Recht dazu? Ich erinnerte mich, dass ich einmal mit meinem Vater vor Jahren in der Kindheit an einem See geangelt hatte, er hatte darauf bestanden, mir seine Fischerausrüstung zu zeigen und war so stolz, mir selbst Kindheitserinnerungen zu erzählen, als er mit seinem Vater angeln ging. Das ging auf 20 Jahre zurück und das Wetter war am frühen Morgen trüb und kalt, das Wasser schimmerte, sodass man glauben könnte, kleine Fische würden den See bevölkern, es sollte Karpfen und Dorsche geben, dennoch waren ihm die Fische nicht geheuer, ja sogar eine Aversion hatte er gegen sie, er mochte sie weder am Tisch noch nirgends! So duldete er die Erzählung vom Vater und lachte insgeheim, dass er lieber nicht angeln gehen möchte, Außer es gäbe Hechte und Zander, die waren ihm am Allerliebsten wegen ihrer Farben,
und weil sie viel seltener waren. Zum Angeln wäre es viel besser auf hohe See zu fahren, das könnte er sich vorstellen, das müsste spannend sein. Es war einzig und allein die Liebe zu seinem Verwandten, die ihn überzeugt hatte, dabei zu sein und das über sich ergehen zu lassen. Rund um ihn zischten die Mücken und die Libellen versuchten sich in seinen Manteltaschen zu verstecken. Schön waren sie schon mit ihren blauen Flügeln, die flatterten, als wären sie von einem winzigen Motor angetrieben, darunter befanden sich riesige Libellen, zwar ungefährlich, aber trotzdem so verlockend für das Auge, dass an die Fische vergaß. So nannte ich die Libellen Seelibellen für sehr lange, bis ich an einem anderen See wieder Libellen sah, die nannte ich Seelibellen. Sie ging es eine Weile fort und ich erreichte ungeheure Ziffern. Ich gewann keine Liebe zum Angeln, weil ich niemals auf hoher See auf einem Fischerboot gestanden habe, geschweige denn, dass ich dazu eingeladen worden wäre. Libellen sind laut und emsig, sie haben ständig mit den Tieren und Menschen zu tun und wohnen im Schilfrohr bei uns, zahm sind sie nicht natürlich, sondern sehr neugierig und willig. Später erfuhren meine Kinder von meinem Interesse für die Fauna und folgten mir manchmal auf Touren, bei denen sie lernten, auf Details der Behausung von Tieren und Menschen zu achten. Viele Seen sind unbewohnt, bei anderen gibt es nur Restaurants, andere sind sehr bevölkert, andere werden es werden, wenn man so weiterbaut. Ich kann mich nicht widersetzen, denn ich muss alle registrieren. Der Auftrag stellt mich vor eine Aufgabe, die Jahrzehnte dauern kann. Auf wen kann ich mich verlassen? Gerade diese Frage ist interessant, denn ich sollte europäische Seen erkunden, dennoch wird mein bester Freund gerade ein Amerikaner werden. Ich begründe mein Abenteuer durch die Erfahrung am Wasser und blicke hinunter durch die Flut. Ich ersuche meinen einzigen wahren Freund zu verstehen, was das bedeutet, wenn der Wind ganz oben auf einem Kreidefelsen über dem Meer um die Ohren pfeift und alles wegfegt, dass nur noch ein Gebüsch vom Hinabstürzen schützen kann. Solche Augenblicke, die man echt erlebt, sind ein Geschenk des Himmels. Oben auf dem Felsen spürte ich die Angst vor dem Abgrund, ich sah verwundert und zitternd um mich herum das spärliche Gras und die Spaziergänger, die in aller Eile bis zum Strand hinunterliefen. Jedesmal wagte ich mich hinauf, dreist und trotzig, und der Wind schnappte mich und machte mit mir, was er wollte, bis auf die Furcht blieb ich stur und flog niemals davon. Immerhin war ich jung und unerfahren, ich würde auch niemals mehr diesen Felsen besichtigen, der in der Vergangenheit unbeaufsichtigt und menschenleer sich für Ausflüge öffnete, es war Betrug an meiner Naturliebe. Ich muss daran denken, meinem Abenteuerfreund auf der Karte diesen Punkt zu zeigen, wo der steile Kreidefelsen merkwürdigerweise noch steht, aber er ist verwittert, er konnte der Zeit nicht standhalten und wurde aufgegeben. Ich habe nicht nachgelassen zu fragen, welche Naturplätze menschenfreundlich sind und welche nicht. Genauso ist es mit den Seen. Dort oben über dem Meer habe ich eine Mütze verloren, sie flog ins Meer 150 Meter hinunter, einen Bleistift, weil ich zeichnen wollte, eine Zeitschrift, die ich lesen wollte. Ich möchte damit anfangen, wohin ich mit meiner Familie reiste, da sie erpicht war, mich vom Burnout zu schützen und deshalb zu anderen sehenswerten Plätzen mitnahm. Sie hoffte mich zu zerstreuen, wo kein Seeufer oder Seetang zu finden war und ließ mich Menschen kreuzen, die anders als ich aussahen, nicht dieselben Gedanken oder sogar dieselbe Herkunft hatten, also keine Deutschen, die Medienwissenschaft studiert hatten. Und darüber hinaus auch tiefe Kenntnisse der Wasserwelt trotzdem besitzen, wie eben Igor, dessen Mutter bereut, dass man am See sich gelegentlich zum Wild-Schwimmen erdreiste und dabei die reine Naturwelt, wie sie gewachsen sei, zerstöre. Von ihr bekam ich ein Geschenk, wodurch meine persönliche Geschichte sich überhaupt änderte.
I-
Die Steigung
