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Einst wurde Daraen, die ganze Welt, mit sieben Steinen, den Geschenken der höchsten und einzigen Göttin Iah, von den Hoch-Aedan, den Kindern der Ahar erschaffen. Doch nicht alle der Hoch-Aedan waren mit ihrer Schöpfung zufrieden, und so bekriegte Urehel seine eigenen Brüder und Schwestern und brachte Finsternis, Schrecken und Tod über Sedäa. Auch die Neugeborenen, die ersten Menschen, die auf Tanuhal erwacht waren, schienen machtlos gegen den schwarzen Fürsten aus Um-Atra zu sein.
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Seitenzahl: 697
Veröffentlichungsjahr: 2018
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Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Kapitel 16
Kapitel 17
Kapitel 18
Kapitel 19
Kapitel 20
Kapitel 21
Kapitel 22
Kapitel 23
Kapitel 24
Kapitel 25
Kapitel 26
Kapitel 27
Kapitel 28
Kapitel 29
Im Herbst 887 des Dritten Alters der neuen Zeitrechnung wurde in der Hafenstadt Dinambad, welche nun der Sitz der Fürsten von Miénast war, ein Mädchen mit dem Namen Marániel geboren. Zumeist aber wurde sie nur Mara genannt. Das Mädchen hatte noch drei ältere Brüder namens Enwir, Anwar und Diam. Alle vier Kinder hatten auffallend glattes und schönes Haar - und bis auf Enwir, der von allen der Älteste war - hatten sie dunkles, fast schwarzes Haar, und allesamt meergraue Augen, wie ihr Vater Fürst Ráhad, Herr von Dinambad und Schwager des Verwahrers der Krone von Miénast, Dinhad II., der Ráhads ältere Schwester Aminas zur Frau genommen hatte.
Fürst Ráhads Frau Iornieth war bei der Geburt ihrer Tochter einem plötzlich aufgetretenen Fieber erlegen, sodass Mara sie niemals zu Gesicht bekommen hatte. Und auch ihre Brüder, die zu dieser Zeit selbst noch sehr jung gewesen waren, hatten bald schon vergessen, wie ihre Mutter ausgesehen hatte. Aber dennoch hatte es ihnen an nichts gefehlt. Der Fürst von Dinambad war ein äußerst wohlhabender Mann und schon immer sehr beliebt unter dem Volk der prunkvollen Hafenstadt gewesen und er hatte keinerlei Kosten und Mühen gescheut, um seine Kinder glücklich zu machen.
Am selben Tag als Mara geboren worden und ihre Mutter dabei gestorben war, war eine junge Frau in die Stadt gekommen, die dem trauernden und überforderten Fürsten den Dienst angeboten hatte, sich um das neugeborene Mündel zu kümmern. Ihr Name war Adraéth. Und obwohl sie stets ihr Haar hübsch zusammengeflochten getragen hatte, sodass es ihre spitzen Ohren zur Gänze verdeckt hatte, hatten die Menschen in der Stadt schnell erkannt, dass sie eine von dem „Unsterblichen Volk“ gewesen war. Und viele hatten sich gewundert, was eine der Aedan in ihrem Land wollen könnte und wieso sie nicht von Maras Seite gewichen war. Einige wenige hatten gar befürchtet, sie wäre eine Hexe oder dergleichen und sie hatte das Mädchen für finstere Zwecke missbrauchen wollen. Aber sämtliche Befürchtungen waren schnell vergessen gewesen, denn Adraéth hatte sich viele Jahre lang sehr gut um Mara gekümmert, die sie recht schnell ins Herz geschlossen hatte.
„Auf einer gewaltigen Insel, einst karg und verlassen, schien es die Natur mit den wenigen Überlebenden der gewaltigen Flutwelle, die den ganzen Kontinent Tanuhal, ihre vormalige Heimat, unter den Massen des umzingelnden Meeres versenkte, gut zu meinen, denn bei ihrer Ankunft blühten die unbefleckten Felder und Pflanzen auf und reißende Bäche mit klarem, trinkbarem Wasser sprangen aus Quellen hoch in den Bergen hervor und bahnten sich schlängelnd ihre Wege durch die noch unberührte Landschaft“, hatte Adraéth erzählt, während Mara neben ihr am Brunnen im Garten vor dem Palast des Fürsten gesessen und voller Neugierde zugehört hatte. „König Manardur II., einer der Letzten, in denen das Blut der Haládan floss, ließ sich mit seinem treuen Gefolge am Gestade auf der westlichsten Seite der großen Insel nieder, die man fortan Farham nannte, was in Haldron Ferne Heimat bedeutet. An der Küste wurde eine pompöse Hafenstadt aus weißem Marmor und den hellsten Steinen errichtet, die den Namen Dinambad bekam. Von dort aus segelten über viele Jahre hinweg Schiffe über das Meer hinaus, um nach Überlebenden oder sogar anderen Bewohnern in dieser großen unbekannten Welt zu suchen. Doch es war vergebens. Gar selten kehrten die Seefahrer wieder zurück an die Küste von Farham. Die meisten von ihnen verschwanden für immer, da sie sich in den Weiten des Meeres verirrten und nie mehr zurückfanden. Und auch die wenigen Heimkehrenden kamen ohne neue Sichtungen zurück. Dort draußen lag nur noch das endlose große Beet von Ymbsetta, dem alles umzingelnden Meer, und sonst nichts mehr.“ Adraéth hatte kurz geschwiegen und das Mädchen dabei angesehen. „Aber stets waren die Schiffe nur gen Westen und Süden gesegelt. Niemand jedoch war bisher im Norden oder im Osten. Farham ist zwar groß, aber weißt du, was östlich von dieser Welt liegt?“
Marániel hatte ihren Kopf gehoben. „Das ist nicht Teil der Geschichte“, hatte das Mädchen verwirrt gesagt.
„Jeden Tag bittest du mich darum, dir etwas über diese Welt zu erzählen und doch willst du immer wieder nur diese eine Geschichte hören.“
„Weil du sie bisher noch nie zu Ende erzählt hast.“
„Zurecht“, hatte Adraéth gemeint. „Sie ist auch noch nicht zu Ende. Also, kannst du meine Frage beantworten?“
Marániel hatte daraufhin den Kopf geschüttelt. „Nein, kann ich nicht. Aber ich glaube nicht, dass im Osten nur Wasser ist. Das ist doch schon im Westen und im Süden. Und was ist im Norden? Sagst du’s mir?“
„Wenn du dazu bereit bist“, hatte Adraéth entgegnet. „Das bist du aber noch nicht. Deshalb lass mich fortfahren! Nachdem König Finian, Manardurs Urgroßenkel, weiter in den Osten von Farham vordrang und bis zum Silbernen Wald von Faldar hinaus wanderte, wo er zum ersten Mal auf andere Bewohner dieser Welt traf, überkam ihn ein ungutes Gefühl und er begann, sich um die wertvollen Habseligkeiten und Reichtümer seiner Ahnen zu sorgen. Aufgrund dessen ließ er eine gewaltige Festung in die Ausläufer des größten Berges des Grauen Gebirges Tin Uael, dem Mâhl, bauen, die von drei gigantischen Mauern und einem riesigen, sichelförmigen Ringwall, dessen Enden zu beiden Seiten in das Gebirge hinein gemeißelt waren, geschützt wurden. Und dorthin zog Finian nach dessen Fertigstellung und er gab der Festung den Namen Mahlrit, welche von nun an als die Hauptstadt des Königreiches Miénast galt. Doch obwohl die Bewohner des Faldar-Waldes nicht feindlich gesinnt waren und in Frieden mit den Neuankömmlingen leben wollten, traute Finian ihnen nie zur Gänze. Und er versuchte stets, diese Fremden aus seinem Land fernzuhalten.
Aber noch vor Anbeginn der Zeit der Menschen, lange bevor die Erstgeborenen der Haládan das Licht der Welt erblickten, lebten die Aedan bereits auf Farham. Sie waren groß und schmal, allesamt mit hellem, meist blondem oder weißem langen Haar und blauen Augen, und mit auffallend spitzen Ohren, die sie unverkennbar von den Menschen unterschieden. Sie waren unsterblich und lebten seit ihrer Auferweckung durch die Entstehung aller Welten auf Sedäa - so lautete der Name Farhams in Aerin, ihrer Geburtssprache. Und obwohl sie nicht sterben konnten, fanden einige von ihnen dennoch den Tod - etwa durch einen Feind oder auch durch eigene Hand.
Die Hoch-Aedin Mylias war die Herrin von Faldar und eine nahe Blutsverwandte von Elfor, dem Herrn von Dunhir, nördlich des Tin Elwech und von Thergil, dem Herrn der Aedan, die im Wald von Thrad lebten, und zusammen waren alle Drei die ältesten und die letzten verbliebenen aller sieben Hoch-Aedan auf ganz Sedäa.
In seiner blinden Gier und Furcht vor den Aedan erkrankte König Finian schließlich und starb kinderlos bereits im Alter von 29 Jahren. Als fünfter regierender Herrscher wurde daraufhin seine jüngere Schwester Fala zur Königin ernannt, die ihren Hauptsitz in die Gärten von Folares, nordwestlich des Tin Uael gelegen, verlegte.
Fast dreihundert Jahre später hatte Mandir, der neunte König, zwei Söhne namens Miendir und Andor, die sich - letztlich wohl aufgrund kindischer Kleinigkeiten - zerstritten und das stark gewachsene Volk spalteten. Miendir, der ältere der beiden Brüder, erbte die Krone des Vaters und regierte das Königreich Miénast mit dessen Hauptstadt Mahlrit, in der er sein restliches Leben lang wohnte. Andor jedoch verließ seine frühere Heimat mit ein paar wenigen Getreuen und zog auf die Ostseite des Tin Uael, wo er, an fruchtbaren Feldern gelegen, im Süden die Stadt Suthawen erbaute und sie mit einer einfachen, hölzernen Palisade umzäunte. Und dieses kleine Dorf, das schnell an Größe gewann, wurde die Hauptstadt des neu gegründeten Königreiches Anros.
Taladan, Miendirs Enkel und Sohn von Taradan, der von einer monströsen Kreatur erschlagen wurde, war einer der ersten Herrscher des gespaltenen Königreiches und seit dem Untergang von Tanuhal, der gegen einen Feind in den Krieg ziehen musste.
Tiefer im Land, im Nordosten, weit hinter dem Tin Elwech, geschützt vom Tin Ferrior, dem Eisernen Käfig, einer monströsen Gebirgskette, die sich in der Mitte zu einem riesigen Kreis formte und nur durch eine schmale Öffnung im Süden betretbar war, erhob sich unbemerkt ein Schatten in der Dunkelheit, die das hohe Gebirge übers Land warf. Um-Atra hieß diese Ebene, Totes Land - eingekeilt im unüberwindbaren Gebirge - wo seit mehreren tausend Jahren, lange vor der Ankunft der Haládan unter König Manardur II., ein dunkler Hexenmeister im Stillen eine Armee von schrecklichen Kreaturen züchtete: Celkûn hießen die kleineren Wesen, die menschenähnlich waren, aber krumm liefen und zum Fürchten aussahen. Die größten Monster wurden Nemar genannt, und sie waren mit grauer schuppiger Haut bedeckt, die ledern und matt war. Und sie hatten jeweils nur vier Finger an ihren missgestalteten Klauen.
Ihr Herr hieß Urehel, der Meister der Dunkelheit und des Verderbens.
Einst war er einer der Erstgeborenen, der sieben Hoch-Aedan, und schuf mit den Kindern der Ahar das Festland Sedäa mit all seinen prächtigen Seen, hohen Bergen, saftigen Feldern, frischen Blumen, dichten Bäumen, tiefen Bächen und weiten Küsten, welches ihnen von ihren Schöpfern, die im Mencael, dem Himmel über den Sternen wohnten, als Geschenk gegeben wurde.“ Adraéth hatte kurz geschwiegen und das Mädchen dabei prüfend angesehen. „Kannst du die Namen aller Hoch-Aedan aufzählen?“
Mara hatte kurz überlegen müssen. „Sieben an der Zahl waren es, sagtest du“, hatte sie dann zögernd begonnen. „Laeva und Argeniel, die zusammen sämtliche Pflanzen und Tiere schufen. Thergil, der das Wasser mit allen Flüssen und Seen gestaltete, und seither im Wald von Thrad lebt, der bis an die Küste zu Ymbsetta heranreicht, damit er von dort aus das Meer überblicken kann. Und Elfor, der Herr des Lebens nach dem Tod, der in den hohen Berghängen des Sonnengebirges im Norden in Dunhir lebt. Mylias in Faldar, dem Silbernen Wald, die Herrin der Liebe und der Güte. Der Mächtigste unter ihnen, Vaago, der Gebieter über das Licht, das alle Welten erleuchtet. Und der Eine, der nicht mehr zu ihnen gezählt werden darf, seit er sich gegen sein eigenes Volk gerichtet und beinah all ihr Wirken und Schaffen vernichtet hatte, um sie allesamt zu regieren, war Urehel.“ Mara hatte Adraéth mit großen Augen angeschaut.
„Erzählst du mir heute von der Schlacht der Tausend Tode vor den Toren von Um-Atra, wo nun das Meer der vergossenen Tränen liegt?“
„Ach.“ Die Frau hatte daraufhin geseufzt. „Heute nicht, mein liebes Kind. Es ist schon spät. Morgen allenfalls, wenn ich die Zeit dazu finde.“ Ihr war deutlich anzusehen gewesen, dass sie in ihren Gedanken von etwas sehr geplagt wurde, aber was das war, hatte niemand erraten können. „Doch bei diesem Teil der Geschichte sind wir noch lange nicht, denn es war nicht Urehel, der dort sein Ende gefunden hatte.“
„Wer dann?“
Adraéth hatte das Mädchen streng angesehen. „Wenn du die ganze Geschichte hören willst, musst du dich gedulden, Kind.“
Viele weitere Tage waren seither vergangen, jedoch ohne, dass Adraéth dem neugierigen Mädchen noch mehr von den Ereignissen der vergangenen Zeitalter erzählen hatte können, denn mit den vergehenden Jahren, wo Mara älter wurde, hatte das Kind immer öfter schreckliche Alpträume bekommen, die ihr sehr zugesetzt hatten.
„Ist es wieder der Schatten?“, hatte Adraéth sorgsam gefragt, nachdem sie das weinende Mädchen in die Arme genommen hatte.
Unter Tränen hatte Mara lange geschwiegen. Nur sehr selten war es ihr möglich gewesen, über ihre Träume sprechen zu können, oft aber hatte sie nichts davon erwähnt. An diesem Tag aber war es ihr doch möglich gewesen, sich zu öffnen, und sie hatte dann gesagt: „Er wächst, fast so wie ein Baum oder eine Blume. Im Norden, weit oben im Norden.
Hinter den hohen eisernen Bergen und unter den dunklen Wolken wächst er.“ Maras Augen waren vor Entsetzen weit aufgerissen. „Ich kann ihn nicht sehen, denn er scheint keinen Körper zu haben, zumindest keinen wie wir. Aber ich kann ihn spüren, und er tut mir weh. Er kennt meinen Namen. Er ruft mich ständig danach, bis ich ihn dann vor mir sehe, den Schatten.“ Dann hatte sie zu zittern begonnen und war ängstlich zusammengezuckt.
Jedes Mal hatte Adraéth das Mädchen anschließend ganz lange fest in den Armen gehalten und immer hatte sie dabei mit bitteren Qualen zusehen müssen, wie sehr das Mädchen darunter gelitten hatte. „Es wird alles wieder gut, mein liebes Kind“, hatte die Frau stets gesagt. Doch hatte es den Anschein gemacht, dass sie sich damit nur selbst zu belügen hatte wollen. „Das war nur ein Traum. Hier kann dir der Schatten nichts anhaben. Hier wirst du immer sicher sein; ganz egal, was passieren mag, ich werde dich stets beschützen.“
Da diese schrecklichen Träume jedoch beinahe jede Nacht wiederkehrten und ständig schlimmer wurden, musste Adraéth schnell handeln. Sie verließ Dinambad für einige Tage und kehrte zusammen mit einem alten Mann zurück.
Er trug einen weiten grauen Mantel und ein dunkelbraunes weites Gewand darunter. Sein Bart war lang und grau, an manchen Stellen schon mit weißen Strähnen, und seine streng blitzenden Augen lugten unter seinen buschigen dunklen Augenbrauen hervor.
„Du hättest mich schon viel eher holen sollen“, sagte er zu Adraéth und setzte sich neben Mara ans Bett, die ihn verwirrt ansah. „Hab keine Angst, mein Kind! Ich bin Dartur, einer der drei Zauberer. Und ich bin gekommen, um dich von deinem Leiden zu befreien.“
„Angst hab ich gar keine“, sprach das Mädchen. Ein freudiges Glitzern trat in ihre Augen. „Du siehst ja nicht wie einer aus, der mir etwas böses will. Ein Zauberer bist du, tatsächlich? Kannst du mir denn einen Zaubertrick oder sonst irgendetwas Magisches zeigen? Nur zu gerne würde ich das sehen.“
„Ein anderes Mal“, sagte der alte Mann. „Ich bin nicht den weiten Weg hierhergekommen, um dir einen Zaubertrick zu zeigen.“
„Schade.“ Mara sank traurig den Kopf. „Aber wie willst du mir denn helfen?“, fragte sie und blickte mit großen Augen zu ihm hoch.
„Kannst du diese Träume verschwinden lassen? Bitte! Sie tun so sehr weh und immerzu bin ich deswegen so müde, aber ich habe Angst davor, schlafen zu gehen. Bitte mach, dass es endlich aufhört!“
„Ich versuche mein Bestes, aber versprechen kann ich dir nichts - so leid es mir tut. Mein Wirken kann hier womöglich gar nichts nützen. Aber bevor ich dir helfen kann, muss ich erst sehen, was du siehst. Schließe deine Augen!“, befahl er und legte seine Hand mit offener Handfläche auf ihre Stirn, als würde er bei ihr Fieber messen wollen.
Zögernd schloss das Mädchen ihren Augen. „Ich habe Angst“, sagte sie zitternd.
„Dir wird nichts geschehen“, sprach Dartur mit zugekniffenen Augen und flüsterte ein paar Worte in einer unverständlichen Sprache. Maras Stirn wurde plötzlich heiß und ihr ganzer Körper begann zu beben, und da konnte der Zauberer eine schattenhafte Gestalt sehen, dich sich um einen schwarzen, spitzzackigen Turm schlängelte und nach oben kroch. Sein Blick wanderte - wie die Gestalt - hinauf, wo sich der Schatten an der Spitze sammelte und um den Turm herum kreiste. Eine tiefe zermürbende Stimme rief den Namen des Mädchens.
Dabei zuckte Mara unter Schmerzen zusammen. „Es tut so weh“, klagte sie. „ER tut mir weh. Es soll aufhören.“
„Was spricht er?“, fragte Dartur, ihre Qualen nicht beachtend. „Was sagt er zu dir?“
„Seltsame Dinge“, antwortete das Mädchen gehemmt. „ER wiederholt oft meinen Namen. Und das tut schrecklich weh.“ Sie schluckte krampfhaft. „ER sagt, dass er mich kennt und weiß, was ich getan habe. Und ER will verhindern, dass dies wieder geschieht.“ Mara schrie voller Qualen auf. „Bitte! Mach, dass es endlich aufhört!“
Der Zauberer wirkte abwesend und ganz fern. Er faselte einige Worte in einer alten Sprache, die nicht einmal Adraéth zu verstehen vermochte, obwohl sie vieler fremder und ungebräuchlicher Sprachen mächtig war. Aber zumindest zeigte sein verworrenes Gebrabbel Wirkung.
Mara schlug ihre Augen weit auf und blickte den Zauberer an, dann lachte sie erleichtert und fiel ihm erfreut um den Hals. „Danke“, rief sie munter. „Es ist fort. Der Schmerz ist fort.“
Der Mann nickte entlastet. „Gut, dann ruh dich nun ein wenig aus! Ich werde in ein paar Tagen wieder kommen, um nach dir zu sehen.“
Etwas schwerfällig stand er dann vom Bett auf und ging in leicht gekrümmter Haltung hinaus, während Adraéth ihm eilig folgte.
Mara aber wurde schnell von ihrer langwierigen Müdigkeit übermannt und fiel sofort in einen tiefen und erholsamen Schlaf.
„Was hat das zu bedeuten?“ Adraéth hielt den Zauberer im angrenzenden Flur auf. „Du hast nun gesehen, was sie heimsucht. Ist es das, was ich befürchtet habe? Ist es ER? Und wenn ja, was will er von Mara?“
„Deine Befürchtungen haben sich bestätigt, und zwar alle, ausnahmslos“, meinte Dartur. „Es war sehr klug, mich zu holen, denn was ich sehen konnte, hat mir sehr viele Fragen beantwortet, die jedoch mit dem armen Mädchen gar nichts zu tun haben. Deine Herrin aber schien das Richtige vorhergesehen zu haben, denn sie ist es ohne jeden Zweifel. Aber verschone das Mädchen mit Einzelheiten! Sag ihr am besten überhaupt nichts davon! Sie wird ohnehin früh genug erfahren, was noch auf sie zukommt, da soll sie zumindest jetzt, wo sie noch ein Kind ist, auch weiterhin ein Kind bleiben dürfen.“
„Dann ist es also wahr? Alles, was die Herrin Mylias mir sagte? Es freut mich ganz und gar nicht, wie du dir bestimmt denken kannst. Das arme Ding musste schon genug Schmerz erfahren. Ist es denn nicht unrecht, dass ausgerechnet sie diesen Weg beschreiten muss? Wieso kann es kein andrer tun? Sofort würde ich an ihrer statt gehen.“
„Das ist mir bewusst“, sagte der alte Mann. „Ich selbst würde es auch tun, anstatt ein so schwaches und unschuldiges Kind damit zu belasten. Aber dies liegt weder in deiner noch in meiner Entscheidung. Nichts können wir an ihrem Schicksal ändern. Also bereite sie zumindest darauf vor, so gut es geht, aber verschrecke sie nicht mit der Wahrheit!“
„Ich belüge Mara ungern“, meinte Adraéth. „Aber mir ist wohl bewusst, dass die Wahrheit ihr sehr schaden würde. Ist es nicht besser, Dartur, wenn du hier bliebest? Diese Alpträume könnten wiederkehren und sie erneut heimsuchen.“
„Das werden sie nicht - zumindest nicht so bald, hoffe ich.
Außerdem plagen mich noch andere Sorgen. Hier habe ich viele Antworten auf die Fragen bekommen, die mich lange schon gequält haben. Obwohl dies ganz und gar unbeabsichtigt war. Aber Marániel scheint schon jetzt als junges Mädchen einen mächtigen Zauber zu besitzen.
Ich werde bald wiederkommen, doch erwarte mich nicht, denn wann es sein wird, kann ich jetzt noch nicht sagen. Erst muss ich nach Dunhir, um dort meine neugewonnenen Erkenntnisse mit dem Hoch-Aedan Elfor zu teilen. Dann muss ich schon wieder weiter.
Hoffentlich komme ich ohne Umwege nach Menyána, um mit den Wächtern des Ordens sprechen zu können, die, falls ich zu spät komme, ohne mich nach Norden aufbrechen und versuchen werden, Nyardin zurückzuerobern.
Einst wurde die Stadt vom letzten regierenden König Huandar erbaut, am Ufer des Nyar-Sees, und sie war die größte und prunkvollste Hauptstadt im ganzen Königreich Miénast. Nach dessen Niedergang im Ersten Alter wurde sie schließlich verlassen und das Volk zog in den Süden zurück nach Mahlrit. Aber all das weißt du ja bereits.
Seit einigen Jahren sind dort nun wilde Menschen von dem Volk der Cûmeri aufgetaucht, um zu plündern, was noch dagelassen wurde. Mit größter Wahrscheinlichkeit sind sie auf der Suche nach dem Stab von Nyardin, was einst das Szepter der Könige von Tanuhal war und von Manardur nach Farham gebracht wurde. Nach dem Ende des Nördlichen Königreiches Nyarost wurde es zur sicheren Verwahrung nach Dunhir gegeben. Aber das scheinen die Plünderer nicht zu wissen.“
„Wenn sie nur nach etwas an einem Ort suchen, wo es nicht ist, wieso lasst ihr sie dann nicht einfach blind weitersuchen?“, fragte Adraéth. „In den alten Ruinen schaden sie doch niemandem.“
„Weil sie es nicht nur dabei belassen. Sie plündern die umliegenden Ortschaften und greifen die nahen Dörfer an.
Erbarmungslos brennen sie alles nieder und erschlagen jeden, der ihnen in die Quere kommt, egal ob Mann oder Frau. Sogar Kinder töten sie, ohne dabei mit der Wimper zu zucken. Es erklärt sich also von selbst, dass dies nicht weiter so geschehen kann. Die Wächter müssen schnell handeln, und ich muss noch viel schneller zu ihnen gelangen. Lebe wohl, treue Freundin. Wir werden uns bald wiedersehen. Und achte mir gut auf Marániel.“ Mit diesen Worten ging der Zauberer eilends fort.
Die folgenden Jahre vergingen rasch.
Beinahe zu rasch für Adraéth, denn Mara wurde zusehends älter und mit jedem verstreichenden Tag hatte sie mehr Fragen, die in ihrem jungen Kopf brannten.
Dartur kam anfangs noch recht oft und regelmäßig zu Besuch, mindestens ein Mal alle drei Monate. Aber mit der Zeit war er immer seltener in Dinambad anzutreffen. Einmal sogar kam er ganze vier Jahre nicht mehr. Und da fingen die Leute an zu reden und zu befürchten, er würde wohl gar nicht mehr kommen.
„Das muss etwas mit diesem schrecklichen Schatten dort oben im Norden zu tun haben“, erklärten einige. „Bestimmt hat sich der alte Zauberer in seiner Sturheit in Angelegenheiten eingemischt, die zu groß für ihn gewesen sind und ihn in Schwierigkeiten gebracht haben. Nicht immer ist sein Ratschlag so weise, wie er es glaubt. Inithram (so wurde Dartur bei den Menschen Miénasts genannt) kann doch niemals wirklich alles wissen.“
„Alles weiß er auch nicht“, verteidigte Adraéth ihn. „Das hat er aber auch keineswegs behauptet. Aber Dartur weiß auf jeden Fall ausgesprochen viel, und das ist bei weitem mehr, als jeder von euch hier zusammen zu wissen glaubt. Also hört auf, ihn schlecht zu reden, denn nie hat er uns je im Stich gelassen, wenn wir seiner Hilfe benötigten. Und nie war auch nur einer seiner Ratschläge dumm oder unklug.“
Da traute sich keiner mehr etwas darauf zu entgegnen, denn Adraéth war in den vergangenen Jahren sehr beliebt unter dem Volk geworden. Und die Menschen in der Stadt vertrauten ihr blindlings. Alles, was sie sagte, glaubten die Leute ihr, ganz egal, was es war. Jedes ihrer Worte nahmen sie für bare Münze.
Aber die Frau selbst ging mit gemischten Gefühlen fort. Auch ihr erschien es als äußerst ungewöhnlich, dass der alte Zauberer schon so lange nicht mehr gekommen war. Doch ihre Zweifel wollte sie nicht laut aussprechen, zumindest nicht solange noch ein kleiner Funken Hoffnung bestand.
Als Mara dann achtzehn Jahre alt wurde, veranstaltete ihr Vater ein großes Fest zu ihrem Geburtstag. Viele Freunde und Verwandte von Nah und Fern kamen angereist, nur um ihr zu ihrem Ehrentag zu gratulieren und sie mit kostspieligen Geschenken zu beglücken.
Tagsüber herrschte ein berauschendes Festgelage mit leckeren Speisen und edlen Tropfen. Bis in den späten Abend hinein wurde ausgelassen gefeiert und getrunken, aber Mara hatte die ganze Zeit damit zu tun, die zahlreichen Präsente, die man nur für sie mitgebracht hatte, auszupacken: Viele schöne Kleider aus feinen und teuren Stoffen waren darin, und glänzender Schmuck für Hals, Ohren und Finger aus Gold, Silber und den allerseltensten Diamanten. Die junge Prinzessin wurde mit großen Reichtümern und luxuriösen Habseligkeiten geradezu überhäuft, aber sie konnte sich dennoch nicht so richtig freuen, obwohl sie sich das natürlich keinesfalls anmerken ließ, denn dies wäre ausgesprochen unhöflich gewesen. Gleichwohl aber konnte sie die Angst, die in ihr heranwuchs, nicht verdrängen und, dass Dartur nun schon seit fast fünf Jahren nicht mehr zu Besuch gekommen war, ließ ihren Verdruss nur noch größer werden.
Doch als sie ein ganz besonderes Geschenk in den Händen hielt, vergaß sie für einen Moment all ihre Sorgen. Das Mädchen sprang voller Freude auf und sofort waren alle Festgäste um sie herum still und schauten nur auf sie. Mit glitzernden Augen starrte Marániel zu ihrem Vater, während sie mit beiden Händen den Griff eines wunderschönen Schwertes umklammerte. Der Griff war aus Perlmutt und hatte die Form eines weißen Schwanes, der seine Flügel emporstreckte. Die Klinge war schmal und äußerst scharf.
„Auf ganz Farham gibt es nur vier Exemplare davon“, sagte Fürst Ráhad und trat näher auf seine Tochter zu. „Und jedes einzelne von ihnen ist mehr wert als all meine Schatzkammern zusammen. Jedem deiner Brüder habe ich eines dieser Schwerter jeweils zu 18. Geburtstag geschenkt, so wie auch dir - ganz gleich, dass du kein Mann bist. Und ich hoffe, du wirst es nicht benutzen müssen. Aber wenn doch, dann wird es dir treue Dienste erweisen.“
Marániel brachte kein Wort heraus. Die Freude übermannte sie. Es fühlte sich unglaublich an, endlich einmal nicht anders als ihre Brüder behandelt zu werden. Jauchzend fiel sie ihrem Vater in die Arme.
Die anderen Geschenke waren zwar ebenfalls schön und wertvoll, doch mit dem Schwanenschwert konnte keines dieser edlen Präsente mithalten.
Und während sich Mara wieder dem Auspacken widmete, fielen ihre Gedanken wieder zurück auf Dartur und seine ungewöhnlich lange Abwesenheit. Sie sorgte sich um das Wohl des alten Mannes, den sie in ihr Herz geschlossen hatte, und den sie nun - in ihrer wachsenden Furcht - mehr denn je vermisste. Und bis spät nach dem Abendmahl hatte sie den ganzen Tag, seit die ersten Sonnenstrahlen hinter den Bergen fahl durch die dunklen Wolken hervorgekrochen waren, gehofft, er würde zumindest zu ihrem Geburtstag kommen.
Aber er kam nicht.
Und als auch die letzten Gäste fort waren und Mara nur noch mit ihrer Familie und einigen wenigen Frauen und jungen Mädchen aus der Stadt zurückblieb, überkam sie ein tiefer Kummer und sie befürchtete, dem Zauberer sei etwas zugestoßen oder aber er fand kein Interesse mehr an ihrer Gesellschaft. Deshalb zog sie sich schweigend in ihre Kammer zurück und ließ all ihre prächtigen Geschenke links liegen. Weinend legte sie sich ins Bett und zog die Decke bis über den Kopf hoch.
Es klopfte dreimal an der Tür.
Stille.
Mara setzte sich auf. Die Kerze auf der hölzernen Kommode neben ihrem Bett war schon bis auf die Hälfte heruntergebrannt. Etwas verwirrt blickte sie um sich. Es war mitten in der Nacht. Wie spät es wirklich war, wusste sie nicht.
Ehe sie sich wieder hinlegen wollte, da sie glaubte, das Geräusch nur geträumt zu haben, klopfte es erneut. Dieses Mal aber lauter und eindringlicher.
„Wer ist da?“, fragte das Mädchen vorsichtig. „Und warum stört Ihr mich so spät nachts?“
„Hier ist ein alter Freund“, antwortete ein Mann mit einer tiefen raumfüllenden Stimme, die es vermochte Hoffnung, gleich einem brennenden Feuer, in den Herzen der Hörenden zu entfachen. „Und wieso ich so spät nachts hier bin, beantworte ich dir nicht, denn eigentlich bin ich sehr früh morgens hier; früher als ich es beabsichtigt habe. Aber da ich nun schon mal hier bin, bitte ich dich, Marániel, öffne mir die Tür und lass mich herein, damit wir ungestört sprechen können! Es unterhält sich äußerst unangenehm zwischen einer geschlossenen Tür.“
Hoch erfreut sprang Mara aus dem Bett heraus und rannte zur Tür, die sie mit einem Schwung aufriss und dem Mann, der dahinter stand, in die Arme fiel.
„Ist es schon zu spät, dir zu deinem Geburtstag zu gratulieren?“, fragte der alte Mann.
„Niemals könntest du in irgendeiner Weise zu spät sein?“, konterte sie froh.
Dartur lachte entzückt auf. „Nun denn, alles Gute zum Geburtstag.“ Er drückte das Mädchen sanft, bevor er dann gemeinsam mit ihr eintrat und an ihrer Seit auf dem Bett Platz nahm. „Wie geht es dir? Adraéth berichtete mir, dass deine Alpträume wiedergekehrt sind. Ist das wahr?“
„Naja, irgendwie schon.“ Mara begann zu überlegen. „Dieses Mal aber ist es ein wenig anders. Schmerzen spüre ich dabei keine mehr, aber dafür große Angst und Kummer. Dieser Schatten - ER - er ist immer noch in meinem Kopf. Und ich frage mich, was er da denn überhaupt will. Adraéth gibt mir keine Antworten darauf. Sie weicht jeder meiner Fragen aus, so als würde sie etwas vor mir verbergen wollen. Kannst wenigstens du mir die Antworten darauf geben oder wirst auch du mich nur anlügen, so wie sie?“
„Adraéth hat dich nie belogen“, begann der Zauberer mit ruhiger Stimme. „Denn ich wüsste es, wenn dies anders wäre. Sie hat dir nur nicht die ganze Wahrheit gesagt. Das ist ein nicht zu verkennender Unterschied. Aber auch das tat sie nur, weil ich sie darum gebeten habe.
Und bevor du deshalb böse wirst, lass mich dir sagen, dass es manchmal sehr von Vorteil ist, wenn man nicht immer alles weiß. Unwissenheit kann einen oft vor großem Leid bewahren. Aber ich sehe dir deutlich an, dass du nicht mehr ganz so unwissend bist. Dein starker, tiefer Kummer steht dir deutlich ins Gesicht geschrieben. Da Adraéth dir jedoch nie mehr erzählt hat als gut für dich war, stellt sich mir nun die Frage, woher du wohl etwas erfahren hast und wie viel du mittlerweile schon weißt.“
„Wieso kümmert dich das?“ Mara stand plötzlich fahrig auf und stellte sich dem Zauberer gegenüber. „Fast ganze fünf Jahre warst du nicht mehr hier. Vieles hat sich seither verändert. Ich habe mich verändert. Bevor ich dir sage, was ich weiß, will ich, dass du mir sagst, was du alles weißt, über mich und diesen grauenvollen Schatten!“
„Da gibt es nicht viel zu erzählen“, sprach Dartur friedlich. „Warum gerade DU von IHM in deinen Träumen heimgesucht wirst, verstehe ich selbst nicht ganz, denn es ergäbe nur dann einen Sinn, wenn er wüsste, wer du wirklich bist. Aber das weiß er nicht mit Sicherheit, und so kann er es nur vermuten. Solange er sich seiner Befürchtungen nicht ganz und gar sicher sein kann, wird dir nichts geschehen. Wieso du IHN aber tatsächlich in deinen Träumen sehen kannst - und das so deutlich und klar, als stünde er vor dir - liegt wohl viel mehr an dir, als an ihm.“
„Willst du damit sagen, dass ich IHN nur sehen kann, weil ich es so will?“, fragte Mara verwirrt und aufgebracht. „Wieso sollte ich das wollen? Es gibt nichts Schrecklicheres auf dieser Welt, das man sehen könnte. Wieso also ausgerechnet ER?“ Sie schüttelte energisch den Kopf. „Nein, Dartur, ich tue das auf keinen Fall freiwillig, denn nichts möchte ich lieber, als IHN nicht mehr sehen zu müssen.“
„Das alles geschieht unbewusst. Du machst dies gewiss nicht mit Absicht. Aber dennoch will irgendetwas in dir IHN sehen. Denn oft kann es auch von Nutzen sein, wenn man seinen Feind im Auge behält. Und außerdem hast du mir all die Jahre wertvolle Antworten dadurch gegeben, ohne es überhaupt zu merken.“
„Aber wieso ich?“, fragte das Mädchen etwas ruhiger. „Wer bin ich, Dartur? Was meintest du damit, wer ich wirklich bin? Wer oder was bin ich, dass ich ihn sehen kann? Ich bin doch nur ein Mensch, eine einfache Sterbliche und ein Kind noch dazu - nichts weiter.“
Da stand der Zauberer ebenfalls auf und legte sorgsam seine Hand auf ihrer schmale Schulter. „Du bist sehr viel mehr als das. Und bald schon wirst du erkennen, wie viel mehr es wirklich ist. So sehr ich es auch möchte, ich kann dir deine Fragen nicht beantworten - zumindest noch nicht. Aber gräme dich nicht deswegen! Es wäre ganz und gar umsonst. Die Zeit allein wird dir all die Antworten geben, die du wissen musst. Ich aber kann dir nicht mehr darüber sagen.“
„Wieso bist du dann hier? Wolltest du mich nur wegen meiner Träume ausfragen, so wie sonst auch? Da komme ich mir benutzt vor und ausgepresst, wie ein Stück Obst. Aber wenn du unbedingt wissen willst, was ich sehen konnte, dann bitte.
Viele dunkle Höhlen und Stollen, tief verborgen unter einem gigantischen Gebirge sah ich. Die meisten davon waren eingestürzt. Aber nicht alle. Manche lagen frei. Und ich hörte etwas, das einem Heulen oder Jammern ähnelte. Doch vielleicht war es nur der Wind, der durch die offenen Klüfte brauste. Ich sah mich selbst, wie ich durch die Stollen umherstreifte. Aber ich ging nicht, ich rannte, so als wäre ich auf der Flucht vor etwas. Doch es war sonst niemand in den Höhlen. Nur ich und dieses Ding.“ Mara schwieg kurz und sah zu Dartur hoch, ehe sie dann fortfuhr. „Es war schwarz und rund und ich hielt es so kräftig in der Hand, als würde ich fürchten, jemand könnte es mir stehlen. Was ist das für ein Ding? Eine Münze oder ein Ring vielleicht? In den alten Sagen wird von Zauberringen erzählt. Ist das etwa einer dieser Ringe? Oder vielleicht nur ein Edelstein? Groß genug dafür wäre das Ding auf jeden Fall.“ Erneut blickte Mara den Zauberer an. „Geht es darum? Bist du deshalb so oft und lange fort? Viele seltsame Sachen geschehen hier seit dieser finstere Schatten vom Norden her langsam über unsere Länder zieht. Es ist als würde ER mit seinen endloslangen Armen ausgestreckt nach etwas suchen. Und ich bin es schon mal nicht, das weiß ich mittlerweile. Aber was ist es dann? Dieses Ding in meinen Händen vielleicht? Kann denn wirklich ein bisschen Wahrheit in all dem dummen Gerede der Leute stecken?“ Sie sah den Zauberer fragend und zweifelnd an. „Du bist auch schon mal besser darin gewesen, deine Sorgen zu verhüllen. Oder sind es bereits so viele davon geworden, dass sie dich allesamt einnehmen und erdrücken? Ich sehe in deinen Augen ein kleines Funkeln und es sagt mir, dass du etwas sehr bereust. Aber was das ist, kann ich darin nicht erkennen. Stets waren deine zahlreichen Belehrungen klug und hilfreich, wenn auch manchmal engstirnig und recht eigensinnig, aber niemals ist uns dadurch etwas Schlechtes widerfahren. Was also bereust du so sehr, dass es anfängt, dich innerlich zu zerfressen?“
Dartur ging ein paar Schritte zur Seite und blieb mit dem Rücken zu ihr stehen. „Du siehst sehr viel - mehr als jene wenige, die weise Seher sind und ganze Jahrzehnte vorauszusagen vermögen. Aber was du sehen kannst, ist nicht ganz so groß, wie es den Anschein erwecken mag.
Zumindest jetzt nicht mehr.“ Er drehte sich zu Mara um. „Doch ich habe es bereut - sehr sogar - und zwar jeden einzelnen Tag.“ Er schwieg kurz und dachte nach. „Nicht dich hast du gesehen. Denn dort in diesen Höhlen warst du noch nie. Das wissen wir Beide. Und ich hoffe sehr, dass du auch niemals dorthin gehen musst. Es war Haradan, Huandars, des letzten Königs Sohn, den du gesehen hast. Er war es, der dort war, mit diesem Ding in seinen Händen.“ Dartur seufzte. „Es war kein Ring.
So etwas wie Zauberringe gibt es nicht. Du solltest wirklich nicht alles glauben, was so erzählt wird. Das sind meist nur Ammenmärchen und Mythen. Nicht aber die Geschichten der sieben Steine, der Alyarel. Und es war einer von diesen.“
„Die Alyarel?“ Mara starrte den Zauberer erschrocken und neugierig zugleich an. „Welcher von ihnen ist es denn? Nur über drei von ihnen ist bekannt, dass sie noch auf Farham sind. Der rote Stein von Mylias, der braune Stein von Elfor und der grüne Stein Thergils. Von den anderen weiß ich nichts. Ist es denn einer von denen?“
„Das kann ich nicht genau sagen. Vielleicht ist es auch keiner davon und stattdessen etwas ganz anderes“, antwortete Dartur.
Mara wich zutiefst verängstigt zurück. „Aber was kann es dann sein? Etwa der eine Stein, von dem alle seit jeher glaubten, er wäre in den endlosen Weiten von Ymbsetta verloren gegangen?“ Bei dem Gedanken, dass es wirklich dieses eine Ding sein könnte, wurde ihr übel und schwindlig.
„Vermutlich“, sagte der alte Mann und schwieg einen Augenblick lang, um seine vielen Gedanken neu ordnen zu können. „Mit größter Wahrscheinlichkeit ist er es. Aber ganz sicher bin ich mir noch nicht. Eine letzte Prüfung muss vorher noch geschehen, ehe wirklich kein Zweifel mehr bestehen kann. Aber das ist eine ganz andere Geschichte und mit dieser will ich dich nicht behelligen.“
„Auch nicht, wenn ich aber genau darüber etwas erfahren möchte?“
„Ja, auch dann nicht. Und überdies hinaus weißt du jetzt schon mehr als viele andere - mehr als dir guttut. Und ich bin nicht den weiten Weg zu dir gereist, um darüber mit dir zu sprechen, denn das hat noch ein wenig Zeit.
Ich sorge mich sehr um dich, das muss ich wohl oder übel zugeben. Die Gegebenheit, dass du bestimmte Dinge und sogar ganze Geschehnisse sehen kannst, zeigt mir, dass sich alle Befürchtungen bestätigt haben. Vor dir liegt ein großes Schicksal. Nicht mehr allzu lange musst du auf dessen Erfüllung warten.“ Er kam etwas näher und blieb direkt vor ihr stehen.
„Du bist ein ganz besonderes Mädchen, Marániel, mit außergewöhnlichen Begabungen. Und dein sehnlichster Wunsch, endlich selbst etwas in diesen finsteren Tagen bewirken und verbessern zu können und stattdessen nicht mehr zurückbleiben zu müssen, wird sich demnächst schon erfüllen. Viel mehr aber kann ich dir zu dieser Zeit noch nicht sagen.“ Etwas müßig ging er auf die Tür zu und drehte sich dann wieder um. „Leider muss ich dich schon wieder verlassen. Aber ich versichere dir, dass es nicht noch einmal fünf Jahre dauern wird, bis wir uns wiedersehen. Ich habe noch einiges zu erledigen, das nicht warten kann und von dem du wahrscheinlich nicht mal erfahren wirst. Einstweilen aber muss ich nochmal fort und dich in Adraéths Obhut zurücklassen.“ Er öffnete die Tür. „Quäl dich nicht weiter mit deinen vielen Fragen, denn noch vor dem Ende wird sich alles aufklären!“ Und mit diesen Worten trat er hinaus.
„Welches Ende, Dartur?“, fragte Mara hoffnungslos und ging ihm ein paar Schritte hinterher. „Unseres?“
Der Zauberer stoppte rasch und schaute nachdenklich und betroffen zu ihr zurück.
„Ich möchte nicht sterben“, sagte das Mädchen aufgelöst. „Zwar fürchte ich den Tod nicht -zumindest nicht meinen eigenen - aber ich kann und will meine Familie nicht sterben sehen. Genug Tod und Leid habe ich in meinem Leben schon erfahren müssen, als dass ich dies auch noch ertragen könnte. Wenn du aber im Vorhinein schon weißt, dass wir alle scheitern und sterben werden, wieso gibst du dir dann weiterhin noch so viel Mühe? Ist dies denn somit nicht ganz und gar sinnlos?“
Dartur kam zurück in die Kammer und legte seine Hand auf Maras Schulter. „Es ist nicht sinnlos, wenn auch nur ein einziger für das Gute kämpfen will. Auch, wenn er ein noch so großer und dummer Narr sein mag. Nein, es ist nie und nimmer sinnlos, denn noch besteht Hoffnung. Zwar ist es nicht sehr viel, aber trotzdem ausreichend genug, um es zu wagen.
Lange wirst du hier noch in Frieden leben können und vielleicht wird der Krieg nicht ganz bis nach Dinambad reichen. Nimm nicht alle meine düsteren Worte so ernst! Ich bin ein alter, ausgelaugter Mann, da rede ich manchmal viel zu schwarzseherisch daher, ohne, dass ich mir dessen überhaupt bewusst bin. Aber falls es dich tröstet und beruhigt, ich habe immer noch Hoffnung darauf, dass wir ein gutes Ende haben werden.
Und solange diese Hoffnung besteht, sollst du nicht in Angst leben müssen.“ Er seufzte. „Also leb wohl, einstweilen. Mögen wir uns in absehbarer Zeit wieder sehen.“ Dann machte er geschwind kehrt und ging fort.
Und eine ganze Weile noch blieb Mara reglos im Raum stehen und dachte über seine Worte nach, doch die Müdigkeit gewann bald die Oberhand über ihre Gedanken und darum legte sie sich wieder zurück ins Bett und schlief rasch ein.
Und für ein paar Stunden zumindest war ihr Schlaf erholsam und angenehm. Aber gegen Morgen hin änderte sich dies jäh und Mara wurde von einem markverzehrenden Alptraum geplagt, der viel schmerzhafter und grausamer war, als all ihre Träume zuvor zusammen:
Sie sah Mahlrit, die Hauptstadt Miénasts. Es war Tag, doch der Himmel war von dichten grauen und schwarzen Wolken bedeckt, sodass ein trübes und fahles Licht auf die Stadt fiel. Unzählbar viele Kreaturen in eisernen Rüstungen bedeckten die gesamten Felder vor den Stadtmauern, sodass der sonst grün blühende Boden nicht mehr zu sehen war. Und hier und da standen riesige Belagerungsmaschinen, wie Rammböcke, Katapulte oder hohe Belagerungstürme verteilt, die von großen, dickhäutigen Gestalten - viel größer und fülliger in der Masse als alle anderen auf dem Feld - bedient wurden.
Schreie hallten durch die Luft und eine blutige Schlacht entbrannte.
Die Tore wurden geöffnet und eine Heerschar an edelmutig anzusehenden Reitern brach in das Schlacht geschehen. Allen voran ritt ein junger Mann mit hellblonden kurzen Locken. Die junge Frau erkannte ihn sofort, denn es war ihr Vetter Ferhael, Dinhads jüngster Sohn. Es sah nicht gut aus für ihn und seine Männer. Die Feinde übermannten sie und warfen alle zu Boden. Schließlich auch Ferhael.
Mara wollte laut schreien, aber ihre Stimme blieb stumm.
zu sehen, der mit unbändiger Wucht gegen das robuste Tor geschlagen wurde.
Plötzlich schien Mara gleichzeitig noch etwas anderes sehen zu können.
Möglicherweise war es König Huandar, der gefolgt von einigen berittenen Männern einen ausgetretenen Pfad an einem Fluss entlang ritt.
Aber viel mehr erblickte Mara nicht mehr.
Alles war verschwommen, so als würde überall Wasser und Nebel um sie herum sein, aber in Wirklichkeit schien sie nun zu schweben.
Darauf folgte lange Zeit nur reine Dunkelheit.
Langsam konnte Mara dann einen Mann in edler Rüstung erkennen, der ein prunkvoll verziertes Schwert in den Händen hielt. Er war sehr groß, von hohem Wuchs und schien von edler Abstammung zu sein. Sein Haar war dunkel und kraus. Doch mehr konnte die junge Frau nicht erkennen, denn sie sah ihn nur von hinten. Als dann eine drohende tiefe Stimme mehrmals den Namen Ealdur rief, als würde die Stimme den Mann fürchten, wusste sie es. Dies war Huandars Erbe, der rechtmäßige König von Miénast.
Daraufhin jedoch sah sie ein loderndes Feuer, das ihr ganzes Blickfeld um sie herum langsam einnahm, bis nichts anderes mehr zu sehen war.
Ein finsterer, schwarzer Schatten zeigte sich vor ihr und rief sie unter Einwirkung von Gewalt beim Namen.
Mit einem entsetzlichen Schrei erwachte Mara schließlich und setzte sich erschrocken auf. Sie war schweißgebadet und ganz blass im Gesicht. Das Atmen fiel ihr schwer und sie zitterte am ganzen Leib.
Es dauerte auch nicht lange, da kam Adraéth gehetzt zu ihr hereingerannt und setzte sich zu ihr ans Bett. „Was ist passiert?“, fragte die Frau besorgt. „Hattest du wieder diesen Traum von dir unter den Bergen?“
„Nein.“ Mara schüttelte ausgelaugt den Kopf. „Ich sah Mahlrit.
Die Hauptstadt wurde belagert von abertausenden grausigen Wesen und riesengroßen Monstern.“ Sie hielt kurz inne und atmete angestrengt durch. „Und ich habe Ferhael gesehen. Er ist vor den Toren gefallen.“ Da begann sie bitterlich zu weinen, denn ihr Vetter war ihr lieber und teurer als manch andrer in ihrer Familie.
Adraéth nahm das Mädchen mitfühlend in die Arme. „Es war nur ein Traum. Ferhael wird nicht sterben, mein Kind, und Mahlrit wird auch nicht belagert werden. Was du gesehen hast, wird nicht geschehen.“
Mara blickte zu ihr hoch und wischte sich die Tränen aus dem Gesicht. „Und was ist wenn doch? Nicht mich habe ich unter den Bergen in den Höhlen gesehen, sondern Haradan, Huandars Sohn. Dartur hat mir von ihm erzählt. Und es war womöglich einer der sieben Steine, den er in seinen Händen hütete, oder auch etwas anderes. Aber Dartur vermutet, ebenso wie ich, dass es der schwarze Stein ist, Haradans Fluch, Urehels Stein.“
Bei der Erwähnung dieses schrecklichen Namens wich Adraéth entsetzt zurück. „Sprich seinen Namen nicht aus!“, rief sie. „Es ist schon schlimm genug, dass er dich mit diesen Träumen quält, aber seinen Namen laut auszusprechen, bringt noch viel größeres Unheil mit sich.“
„Ich habe keine Angst vor ihm“, meinte das Mädchen mutig.
„Egal wie mächtig er einst gewesen ist, jetzt ist er nur noch ein dunkler Schatten ohne richtige Gestalt. Ich fürchte ihn nicht, denn er kann mir nichts tun.“
„Einstweilen vielleicht, ja, da magst du recht haben. Aber unterschätze niemals seine vielen Mächte und seine zahlreichen Verbündeten, die nicht nur ein Schatten sind, sondern eine materielle Gestalt haben, mit der sie dir sehr wohl etwas antun können.“ Adraéth seufzte niedergeschlagen. „Ich weiß nicht, welche törichten Flausen dir der Zauberer in den Kopf gesetzt hat, aber ich höre es ungern, wenn du so sprichst, denn du weißt nicht mal annähernd genug, um die Gefahr aus dem Norden richtig einschätzen zu können. Bevor du also etwas Unkluges und Unüberlegtes sagst, solltest du doch besser schweigen.“
„Ich habe nun schon lange genug geschwiegen“, sagte Mara.
„Diese Zeit ist jetzt vorbei. Ich will nicht mehr länger still herumsitzen und warten, bis irgendetwas geschieht.“ Plötzlich stieg sie aus dem Bett heraus und flitzte zur Tür. „Ist Dartur noch hier? Ich muss ihm berichten, was ich sah. Er muss es erfahren.“
„Er ist schon fort. Der Zauberer hat die Stadt verlassen, als du noch tief und fest geschlafen hast. Wohl recht viele Wegstunden wird er nun bereits von hier entfernt sein.“
Mara wandte sich Adraéth zu und kam ein paar Schritte näher ans Bett heran. „Ich muss mit ihm sprechen. Es ist von äußerster Dringlichkeit.“
„Willst du ihm etwa folgen?“ Adraéth schnaubte leicht. „Was hat er nur zu dir gesagt, dass du plötzlich so verändert bist, Kind? So habe ich dich noch nie erlebt.“
„Nicht was er sagte hat mich verändert, sondern das, was er nicht sagte“, meinte das Mädchen weise. „Bitte, ich brauche deine Hilfe! Ich muss ihm hinterher. Und wenn ich schnell genug bin, dann habe ich ihn auch bestimmt bald eingeholt.“
„Eingeholt?“ Adraéth starrte das Mädchen verwirrt an und stieg aus dem Bett heraus. „Du weißt doch gar nicht, wo er ist oder wo er hin will. Wie möchtest du ihn dann einholen? Nein, da werde ich dir nicht helfen. Das ist doch irrsinnig.“
„Ich weiß ganz genau, wohin er will. Dartur hat von einer letzten Prüfung erzählt, durch die er schließlich die Sicherheit bekommen kann, dass das Ding wirklich das ist, was er vermutet. Und ich weiß auch, wo sich dieses Ding aufhält. Nämlich bei den Halbmenschen von Nanglorin, die weit oben im Norden, westlich von Nyardin leben. Und obwohl ich ungern alles glaube, was die Leute hier in der Stadt so erzählen, so weiß ich, dass es dieses Mal wahr ist. Ich konnte auch ihn in den dunklen Höhlen sehen, den Jungen - aber nur ein einziges Mal, und dort nahm er diesen einen Gegenstand mit. Und vom zahlreichen Gerede auf den Straßen habe ich erfahren können, wo diese seltsamen Kerle ihre Heimat haben.“ Sie blickte Adraéth eindringlich und flehend an. „Du musst mich auch gar nicht begleiten. Ich reite schnell und verkleidet, sodass man mich nicht erkennt, wenn ich es will. Aber du musst stattdessen meinem Vater und meinen Brüdern, sollten sie neugierig werden - was sie ganz bestimmt werden - nur sagen, dass ich nach Mahlrit geritten bin, um meinen Onkel und dessen Söhne zu besuchen! Das wird sie beruhigen, denn mein Vater hat mich schon mehrere Male ersucht, in die Hauptstadt zu kommen, um meine Verwandtschaft wiederzusehen. Das ist alles, was ich von dir verlange. Ich werde zurück sein, ehe sie merken, dass dies nicht der Wahrheit entspricht, ich verspreche es dir.“
„Denkst du wirklich, ich lasse dich einfach so fortgehen? Ich bin hier, um mich um dich zu kümmern. Wie kann ich das aber tun, wenn du nicht ebenfalls hier bist?“
„Du weißt selbst am allerbesten, dass ich nicht das bin, was alle glauben. Du weißt, ich bin viel mehr als das. Also sorge dich nicht um mich! Ich bin alt genug, um auf mich selbst Acht geben zu können. Mir wird schon nichts geschehen. Aber je länger du mich nun noch zurückhältst, desto länger und weiter muss ich fort von hier, um Dartur einzuholen. Also bitte, lass mich gehen!“
Adraéth seufzte geschlagen. „Na gut, dann geh schon, wenn du unbedingt willst! Es ist ohnehin zwecklos, dich davon abhalten zu wollen - dazu bist du viel zu stur. Dann werde ich eben tun, was du von mir verlangst, aber glaube nicht, dass ich dies gern tue. Lieber wär es mir schon, wenn du hierbleiben würdest. Doch mir scheint, alles was ich sage hat genauso viel Sinn, als würde ich gegen eine Wand reden. Also geh und gib Acht!“
Erfreut fiel Mara ihr in die Arme und rannte dann fort.
In aller Früh verließ sie, auf einem großen grauen Ross, die Stallungen, verkleidet und vermummt, sodass sie ganz und gar unerkennbar war, und ließ die Hafenstadt mit eiligem Tempo hinter sich. Über die alte Hauptstraße kam sie nach Osten auf Mahlrit zu, die in Sicherheit eingekeilt zwischen zwei großen Vorsprüngen des Tin Uael stand und vom schneebedeckten Mâhl, gleich einen gigantischen Haupt, gekrönt war. Dort folgte sie der Handelsstraße nach Süden, die über mehrere Wegstunden am Flussbett des Uael entlang führte und Mahlrit mit Suthawen verband.
Ihre Reise war weiter und länger als sie erwartet hatte, denn Mara war nach mehreren Tagen bereits in Anros angekommen und hatte den alten Zauberer noch immer nicht entdeckt. Aber nun, da sie schon so weit gekommen war, wollte sie nicht mehr umkehren. Und in ihrer kindlichen Sturheit und ihrer unwissenden Dummheit beschloss sie, selbst in den Nordwesten zu reiten, um diesen einen Jungen zu finden - denn nur da konnte Dartur zuletzt noch sein, so vermutete sie es zumindest.
Über viele Tage und Nächte hinweg kam sie ihrem Ziel immer näher. An der Pforte von Anros angekommen, konnte sie in weiter Ferne im Norden die südlichen Ausläufe des Tin Elwech entdecken.
„So weit bin ich noch nie gekommen, dass ich das Gebirge der Sonne mit eigenen Augen sehen kann“, dachte sich Mara, und schaute in die weite Ferne, aber Nebel und Wolken verbargen die Berggipfel vor ihren Blicken. Doch ein seltsamer und furchterregender Schauer überkam sie, als sie dabei an die dunklen Höhlen und Stollen denken musste, die sie in ihren Träumen gesehen hatte, obwohl sich diese an einem ganz anderen Ort befanden.
Sie ritt weiter und kam in ein weites ebenes Land, das auf den ersten Blick verlassen zu sein schien, aber hier und da von wenigen kleinen Hütten aus Holz besiedelt war.
Zur Mittagsstunde, acht Tage später, erreichte Mara die Stadt Rist.
Früher war die ganze nördliche Gegend zwischen dem Tin Uael und dem Tin Elwech dicht bevölkert und Rist war das größte Handelszentrum darin gewesen. Doch nun war die weite Ebene verlassen und wirkte trostlos und düster. Nicht umsonst wurde ihr der Name Verlassene Lande gegeben. In der Stadt jedoch lebten noch viele Menschen, deren Vorfahren einst von Nyardin hergezogen waren. Eine knapp 3 Meter hohe Mauer aus ungeschliffenen, grauen Steinen umzäunte die dicht aneinander liegenden Häuser, die am nahen Bergkamm auf einer Erhöhung standen. Vier große Torbögen, die mit einer Zugbrücke verbunden waren, weil ein selbst angelegter breiter Teich kreisförmig an der Mauer entlanglief, waren in den vier Himmelsrichtungen ausgelegt.
Und da hindurch führte jeweils ein breite Straße - worin viele schmale Gassen und Seitenwege hineinmündeten - in die Mitte der Ortschaft, zu einem gigantischen Brunnen, der auf dem weitläufigen Marktplatz westlich von dem Haus des Bürgermeisters, das von allen Gebäuden das größte war, lag.
Durch das Osttor betrat Mara die Stadt und stieg aus dem Sattel. Sie führte ihr Pferd, das auf den Namen Celegrin hörte, an der Seite neben sich her und ging auf den Brunnen zu.
Sieben ovale Steine zierten ihn in einem Kreis herum, die größer waren, als ein ausgewachsener Mann. Und am Sockel jedes Steines hockte ein Kind, gemeißelt aus schneeweißem Stein - heller und klarer als Marmor - und mit dem Blick zum Himmel hinauf gerichtet. Der Brunnen der Sieben Kinder wurde er genannt und war den sieben Hoch-Aedan gewidmet, die Farham einst erschaffen hatten. Denn obwohl die Menschen im Süden von Miénast und auch teilweise in Anros die Aedan seit jeher fürchteten, wurden sie weiter nördlich im ehemaligen Königreich Nyarost hoch angesehen und verehrt.
Die junge Frau schritt auf den Brunnen zu und entdeckte eine Inschrift, die mit feinen Linien in den Stein gemeißelt war.
bharan an Ahar,
umbetta tira neynnar,
aurae vel, ehr e lica,
decere craer, cler e varca.
bharan an Ahar,
neynnanwen ar Sirdar.
tharneyn sean terlae,
olyenna man e irjae.
bharan an Ahar,
termen neyn en majnar,
ar Sirdar, tala aurae,
en armaren lara verae.
bharan an Ahar,
sech ienna mar anadar
ach disna etir archat,
nim lewin athare hat
bharan an Ahar,
termen neyn en manyar.
Der Rest der Inschrift war zu verschwommen, um es noch lesen zu können.
Marániel betrachtete die Buchstaben mit Erstaunen, denn dieses Gedicht war in der Sprache der Hoch-Aedan geschrieben, die jedoch kaum mehr zu sprechen vermag - ganz besonders keine Menschen. Mara selbst hatte diese alte Sprache einst von Adraéth gelehrt bekommen, doch sie kannte sonst niemanden mehr, der diese ebenfalls beherrschte. Aber sie wollte sich darüber nicht weiter den Kopf zerbrechen und versuchte stattdessen, das Gedicht in die allgemeine Sprache zu übersetzen.
Die Kinder der Ahar alle Sieben,
hinab auf die Erde sie stiegen.
Schufen Gräser, Wälder und Meere,
verbannten Dunkelheit, Kälte und Leere.
Die Kinder der Ahar alle Sieben,
waren dann selbst auf Sedäa verblieben.
Nun von unten blicken sie in die Ferne,
hinauf in den Himmel zu Mond und Sterne.
Die Kinder der Ahar alle Sieben,
wären sie doch nur hier geblieben.
Auf Sedäa, der Welt die sie schufen,
doch heimwärts ihr Mütter sie schon rufen.
Die Kinder der Ahar alle Sieben,
nur sechs von ihnen waren verblieben.
Denn einer ward grausam und verdorben,
ließ alles Leben vernichten und ermorden.
Die Kinder der Ahar alle Sieben,
wären sie doch nur hier geblieben.
Dies war ein recht altes Gedicht, lang vergessen in den Ländern des Südens, denn Mara kannte es nicht. Aber es gefiel ihr recht gut und gerne hätte sie auch den Rest des Textes gelesen. Doch die Zeit drängte und sie konnte nicht noch länger vor dem Brunnen verweilen. Also ging sie weiter. Und sie tat so als würde sie nicht merken, wie sie von allen Seiten her angestarrt wurde, aber hier und da hob sie dann doch ihren Blick und sah in die verwirrten Gesichter der Männer und Frauen, die sie erstaunt beobachteten. Ganz offensichtlich war es hier nicht alltäglich, dass eine Frau auf Reisen ging, noch dazu eine so junge Frau, die überdies hinaus auch noch ganz alleine unterwegs war.
Neben einem Gasthaus, von dem laute Rufe und wildes Gelächter herausdrang, gefolgt von Pfeifenrauch und dem miefigen Geruch abgestandenen Bieres, stand ein junger Mann, der mit einer hölzernen Heugabel in den Händen blumig duftendes Heu in einen Futtertrog schöpfte.
Mara ging geradewegs auf ihn zu. „Guten Tag“, sagte sie und blieb vor ihm stehen. „Habt Ihr vor wenigen Tagen zufällig einen alten Mann gesehen? Er ist in braunen Farben gekleidet und hat einen langen grauen Bart mit weißen Strähnen.“
„Wenn Ihr den Zauberer Dartur meint, dann lautet meine Antwort ja. Wenn nicht, dann lautet sie nein“, entgegnete der Mann keuchend und ließ die Gabel im nebenbei liegenden Heuhaufen stecken.
„Ja, ihn meine ich.“ Mara war sehr erleichtert. Ihre bloßen Vermutungen hatten sie doch tatsächlich auf den richtigen Weg geführt. „Ist er noch hier?“
„Nein. Dartur ist nur eine einzige Nacht hier geblieben. Er kam spät abends und brach in aller Frühe schon wieder auf.“ Der junge Mann überlegte einen Augenblick lang. „Das liegt, glaube ich, schon drei Tage zurück.“ Neugierig sah er Mara dann an. „Ist es nicht gefährlich, ganz allein durch die Länder zu reisen? Ihr müsst von sehr weit her gekommen sein, denn Ihr seht recht müde aus und Euer Gesicht kommt mir nicht bekannt vor. Was wollt Ihr denn überhaupt von ihm?“
„Mit ihm sprechen will ich“, antwortete sie rasch, ohne auf die restlichen seiner Fragen einzugehen. „Wisst Ihr zumindest, wohin er gegangen ist?“
„Gegangen ist gut.“ Der junge Mann lief vor Wut rot an. „Geritten ist er. Hat einfach unser bestes und schnellstes Pferd gestohlen.
Ninwrith, das Ross des Bürgermeisters, hat er ohne zu fragen einfach mitgenommen. Und mir hat man dann die Schuld dafür gegeben.“ Er schöpfte erzürnt das Heu wieder in den Trog und fuchtelte dabei wild mit der hölzernen Gabel herum. „Jetzt muss ich all das hier machen und die Ställe reinigen, als wäre ich ein einfacher Lehrbub. Keine Ahnung, wo der alte Narr hin ist. Aber er hat die Straße nach Norden genommen, ist mit einem dieser Wächter des Ordens aufgebrochen, der in der Stadt auf ihn gewartet hat.“
„Wächter? Was sind das für welche? Und was ist dieser Orden?“
Etwas ruhiger geworden, antwortete der Mann darauf: „Sie sind die letzten Überlebenden der Haládan, die aus dem fernen Süden gekommen sind. Der Orden bezieht sich allem Anschein nach auf die Heimatstadt ihrer Vorfahren. Tanuhal hieß sie, glaube ich. Und der Orden hat seit jeher dem König der Haládan als seine persönliche Leibwache gedient. Geschickte Jäger sind sie. Streifen unbemerkt durch die Wälder und erlegen alle möglichen Kreaturen. Arwin, mein kleiner Bruder sagt, er habe einen von ihnen gesehen als er im Dunkelwald nach Pilzen gesucht hat. Und dieser soll einen gewaltigen Troll - dreimal so groß wie ich - mit nur einem einzigen Pfeil zu Boden gebracht haben.“ Er schüttelte den Kopf. „Aber wer weiß, ob das nicht alles nur erfunden ist? Arwin ist, was solche Sachen angeht, keine recht vertrauenswürdige Quelle.“
„Wo kann ich ihn finden?“, fragte Mara.
„Wen? Meinen Bruder?“ Der junge Mann lachte. „Wozu? Ihr glaubt doch wohl nicht etwa, was er gesehen hat oder? Trolle gibt es nicht, pflegt mein weiser alter Herr immer zu sagen. Und Arwin ist doch noch ein Kind. Wer weiß, was alles an seinen Geschichten schon wahr sein kann.“
„Die Trolle kümmern mich nicht und auch nicht, ob es sie nun gibt oder nicht. Dennoch ich hoffe sehr, keinem von ihnen je begegnen zu müssen. Diese Wächter aber sind es, die mein Interesse geweckt haben. Und wenn Euer Bruder weiß, wo ich sie finden kann, wäre mir damit sehr geholfen.“
„Ich wüsste nicht, wieso ich einer Fremden helfen soll“, schnaubte der Mann und rümpfte die Nase. „Das hat mir bisher immer nur Schwierigkeiten eingebracht.“
„Und wenn ich Euch etwas dafür gebe?“, flehte sie ihn an. „Ich kann Euch gut bezahlen.“
„Nein, nein, nein.“ Er schüttelte vehement den Kopf. „Euer Geld will ich nicht. Das nützt mir hier gar nichts.“ Dabei fiel sein Blick auf Celegrin und seine Augen weiteten sich voller Gier. „Dieses edle Tier möchte ich haben.“
Mara wich mit Celegrin etwas zurück. „Nein!“, rief sie. „Ihn gebe ich nicht her. Das ist eines der Rösser der Fürsten von Dinambad. Königliches Blut fließt durch seine Venen. Viel zu teuer ist er mir. Keiner ist schneller oder gar treuer als Celegrin.“
„Pech“, sagte der Mann und wandte sich wieder seiner Arbeit zu. „Dann kann ich Euch leider nicht sagen, wo mein Bruder ist.“
Zögernd überlegte das Mädchen eine Weile, und es kostete sie sehr viel Überwindung, ihr Pferd herzugeben, aber sie musste Dartur um jeden Preis und so schnell wie möglich finden. „Also gut, Ihr könnt ihn haben“, sagte sie mit gebrochener Stimme und hielt ihm wehmütig die Zügel entgegen.
„Wunderbar“, rief der Mann und nahm die Zügel in die Hand. „Ihr werdet sehen, nirgendwo ist dieser Prachtkerl besser aufgebhoben, als bei mir.“ Er strich Celegrin mit den Fingern übers Fell. „Arwin ist mit den Nachbarskindern, den Gärtners, unten im Südviertel hinter der alten Gerberei.“ Er zeigte nach Süden hinunter. „Einfach die Straße da entlang. Ihr werdet ihn sicherlich nicht überhören.“
„Danke“, brachte Mara nur heraus, während sie ihr treues Pferd traurig anblickte. Dann ging sie die Straße nach Süden hinab, die sie in ein heruntergekommenes Viertel brachte, wo viele Häuser leer standen und manche davon schon zerfallen waren.
Es dauerte nicht lange, bis sie die ohrenbetäubenden Schreie mehrerer Kinder hören konnte, die auf einem großen Hof hinter einem verlassenen Gebäude herumtobten. Mara blieb am Wegrand stehen und schaute ihnen amüsiert zu.
„Uargh! Ich bin ein Troll! Uargh! Ich mach‘ euch alle platt!“, schrie einer von ihnen und stapfte schwerfällig, als wäre er riesengroß und sehr dick, in einen grauen Jutesack gehüllt, auf die anderen Kinder zu, die daraufhin um Hilfe rufend davon rannten.
Dann sprang ein anderer Junge von einem Holzfass an der Seite herunter. Er trug einen dunkelbraunen Mantel, der ihm viel zu weit war und deshalb auf dem Boden hinter ihm her streifte, und die Kapuze hatte er über den Kopf gezogen, sodass er kaum etwas sehen konnte. Mit einem Spielzeugbogen und einem einfachen dünnen Ast, der wohl einen Pfeil darstellen sollte, zielte er auf den Troll.
„Nimm dich in Acht!“, rief er. „Ich bin ein Wächter des Ordens, und ich werde dich erschießen, wenn du dich nicht ergibst.“
