17,99 €
Niedrigster Preis in 30 Tagen: 17,99 €
»Dieser Blick auf aktuelle russische Lebenswelten ist einzigartig.« Deutschlandfunk Kultur.
Eine junge Frau ist mit ihrem Vater und ihrer Geliebten unterwegs nach Moskau. Der Vater ist Fernfahrer, seit er vor zehn Jahren seine Frau und seine Tochter in Ust-Ilimsk, Sibirien, verließ, weil der Boden dort für ihn zu heiß wurde. Tagsüber fuhr er Taxi, nachts räumte er mit seinen Kumpanen fremde Wohnungen aus. Die Tochter hat den Vater zehn Jahre lang nicht gesehen, aber auf der LKW-Fahrt durch die endlos weite Steppe lernt sie ihn und sein Leben kennen. In feinen Bildern zeichnet Oxana Wassjakina das Porträt eines einfachen Mannes, dessen Weg von Alkohol, Drogen, Gewalt und schlechtbezahlter Arbeit geprägt ist, und der sich erstmals seiner Tochter anvertraut, die ihm trotz aller Fremde noch ein Stück Familie ist.
»Harte, kompromisslose Prosa ist das. Und gerade deshalb von strahlender Schönheit. Kein geringes Risiko, im Russland von heute.« WDR.
Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:
Seitenzahl: 294
Veröffentlichungsjahr: 2024
»Vaters Tod schien zufällig. Herausgerissen aus der Welt. Aber in Wirklichkeit war alles anders. Sein toter Körper hatte alles aufgesogen. Er war nicht leer, er war vollgespickt mit Bedeutungen. In ihm hat sich die Geschichte der meisten russischen Männer seiner Generation materialisiert. Wenn du glaubst, dass etwas einfach so passiert, dann irrst du dich. Alles hat seine Ursachen und Folgen. Die Welt ist ein zusammenhängendes Ding, und sogar die Verlassenheit hat einen Ursprung. Sogar ich hatte einen Vater.« Oxana Wassjakina
»Eine wichtige neue Stimme. Furchtlos und klar. Jung und klug. Geschult an russischen wie westlichen Vorbildern, vertraut mit zeitgenössischen LGBTQ-Diskursen. Und doch: ganz sie selbst.« Uli Hufen, WDR
Oxana Wassjakina, 1989 in Ust-Ilimsk an der Angara (Sibirien) geboren, arbeitet als Autorin, Kuratorin, Herausgeberin und feministische Aktivistin. Sie hat das Gorki-Literatur-Institut besucht und ist heute eine international bekannte Autorin, die in Russland immer wieder Anfeindungen ausgesetzt ist. 2023 erschien bei Blumenbar ihr erster Roman »Die Wunde«. Inzwischen hat sie diesem Roman einen zweiten und dritten Band – »Die Steppe« und »Die Rose« – hinzugefügt und ihn so zu einer Trilogie über ihre Familie erweitert.
Maria Rajer, 1987 in Ust-Kamenogorsk (Kasachstan) geboren, studierte Slawistik und Germanistik an der Staatlichen Universität St. Petersburg und der Humboldt Universität zu Berlin. Seit 2013 arbeitet sie als freie Übersetzerin aus dem Russischen. Zu den von ihr übersetzten Autor:innen gehören Mascha Alechina, Dmitri Gluchowski, Wassili Grossman und Andrej Platonow.
Einmal im Monat informieren wir Sie über
die besten Neuerscheinungen aus unserem vielfältigen ProgrammLesungen und Veranstaltungen rund um unsere BücherNeuigkeiten über unsere AutorenVideos, Lese- und Hörprobenattraktive Gewinnspiele, Aktionen und vieles mehrFolgen Sie uns auf Facebook, um stets aktuelle Informationen über uns und unsere Autoren zu erhalten:
https://www.facebook.com/aufbau.verlag
Registrieren Sie sich jetzt unter:
http://www.aufbau-verlage.de/newsletter
Unter allen Neu-Anmeldungen verlosen wir
jeden Monat ein Novitäten-Buchpaket!
Oxana Wassjakina
Die Steppe
Roman
Aus dem Russischen von Maria Rajer
Cover
Titel
Inhaltsverzeichnis
Impressum
Titelinformationen
Informationen zum Buch
Newsletter
Widmung
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Kapitel 16
Kapitel 17
Kapitel 18
Kapitel 19
Kapitel 20
Erläuterungen
Impressum
Gekettet an die Mündungen osmanischer Kanonen, schüttelt die Steppe Kettenglieder ab, beäugt die Hügelgräber und zerstört sie, entwurzelt in der Dunkelheit die Zunge und zieht die Schlinge stetig enger, durch die sich mühevoll ein Laster schleppt.
Alexej Parschikow, »Die Steppe«
Das scheinbare Schweigen der Steppe ist ihre Stimme…
Wera Chlebnikowa
TORSO. Nur wer die eigene Vergangenheit als Ausgeburt des Zwanges und der Not zu betrachten wüsste, der wäre fähig, sie in jeder Gegenwart aufs höchste für sich wert zu machen. Denn was einer lebte, ist bestenfalls der schönen Figur vergleichbar, der auf Transporten alle Glieder abgeschlagen wurden, und die nun nichts als den kostbaren Block abgibt, aus dem er das Bild seiner Zukunft zu hauen hat.
Walter Benjamin, »Einbahnstraße«
Ich habe die Steppe aus dem Flugzeugfenster betrachtet. Weißt Du, wie sie aussieht? Wie ein sehniges Stück gelb gewordenes Fleisch. Kupferfarbene Linien durchziehen wie dicke Schlangen den Sand, graue Flüsse durchziehen den Sand. Steppe ist nicht Wüste, in der Steppe sieht man Leben. Graue und blaue Gräser. Zirpende Insekten, kalte Nattern; im Wolgadelta sind die Würfelnattern flink.
Mir kam die Steppe wie ein weicher Bauch vor. Aus der Führerkabine von Vaters Lkw sah ich, wie sie dalag und ihre winzigen Erhebungen bewegte. Die Steppe – das ist Sand durchsetzt von Gräsern und kleinen weißen Blumen. Bloß nicht von der Betonstraße runter, sagte Vater, ziehst du nach rechts oder links, fahren sich die Reifen fest und du bist Geschichte. Vollbeladen machst du besser gar keine unnötigen Bewegungen, vor allem wenn du mit Stahlrohren beladen bist: Du bist schwer, beschleunigst schnell, und wenn du vom Gas gehst, rollst du noch aus und kommst sehr lange nicht zum Stehen.
Genau so, mit Stahlrohren beladen, war er einmal bei Tagesanbruch nach Wolgograd unterwegs. Der Morgen in der Steppe ist blendend rosa. Licht durchflutet den gesamten Raum, denn in der Steppe kennt es keine Grenzen. Erschöpft von der Nacht nickte Vater ein, sein Wagen rollte geradeaus über die Straße, während sich der Schlaf wie eine große, warme Hand über ihn legte, um ihm kurz darauf einen Stoß zu versetzen. Vater erwachte vom Knirschen und Quietschen. Sein Wagen fuhr noch, aber langsam. Er sah in den Rückspiegel, auf der Straße lag ein großer weißblauer Flatschen aus Metall. Zwei betrunkene Polizisten waren nach durchzechter Nacht mit zweihundert auf die Gegenfahrbahn gerast. Im Morgengrauen war niemand auf der Straße gewesen, nur der stahlrohrbeladene MAZ mit meinem schlafenden Vater in der Kabine. Der kleine flotte Mercedes war unter den Lkw gerutscht, hatte ihm einen leichten Schlag gegen den Rumpf verpasst, war zusammengefaltet worden und hatte die schlaftrunkenen, vom Rausch erschlafften Männerkörper in seinem Inneren zerquetscht.
Für Vater hatte der Vorfall keine Konsequenzen, es war klar, dass nur der Mercedes sich so eine Wendigkeit erlauben konnte. Damals war Vater schon fast taub, und der Krach hatte ihn zwar aus dem Schlaf gerissen, aber kaum erschreckt. Später sagte er ganz ungeniert: Jetzt habe ich es euch für alle heimgezahlt. Er fand es gerecht, dass die zwei Polizisten durch seinen MAZ zu Tode gekommen waren. Schuldig fühlte er sich nicht, ihn traf ja auch keine Schuld: Selbst, wenn er gebremst hätte, wäre sein Laster weitergerollt, und ausweichen konnte er auf dieser Straße nicht. Zwei weitere Polizisten kamen zum Unfallort und zuckten mit den Schultern: Pech gehabt. Sie überprüften Vaters Papiere, den Lieferschein für die Rohre und sagten noch mit Bedauern, wäre mein Vater eine halbe Stunde später aufgestanden, hätten sich ihre Wege nicht gekreuzt. Die Abzweigung zu dem Ort, an dem die beiden unter den Laster geratenen Polizisten hatten übernachten wollen, war nur wenige Kilometer entfernt. Vater schnaufte und dachte, Pech hatten sie gehabt, weil er gar nicht geschlafen hatte und weil sie Arschlöcher gewesen waren.
Wenn man Hühner transportiert, fährt man zum unablässigen Gegacker. Man verlädt sie bis unter die Plane, stapelt die flachen Käfige übereinander. Unterwegs krepieren sie und verfaulen in der Hitze. Bei Ankunft liegen in der unteren Käfigreihe lauter schlaffe weiße oder gelbe Körper, tot oder ganz kurz davor. Die halbe Ladefläche bedecken stinkende, dunkle Flecken und weißgrauer Vogelmist. Mit Wassermelonen ist es auch nicht besser, an Schlaglöchern platzen sie und laufen aus. Dann gammeln sie und stinken. Nach solcher Ladung muss man zum Besen greifen und den nassen Bretterboden sorgfältig fegen und anschließend noch mit hohem Wasserdruck die eingesickerte Feuchtigkeit vom Mist, Blut oder faserigen Fruchtfleisch herausspülen. Am liebsten fuhr Vater Rohre. Rohre krepieren nicht und werden auch nicht schlecht, so seine Meinung. Man holt sie, und ab geht die Fahrt, und wenn man Pause macht, braucht man sich um Planenschlitzer nicht zu sorgen, Rohre sind zu schwer. Dafür wurde ihm mal der ganze rohrbeladene Lkw geklaut, aber das erzähl ich dir ein andermal.
Früher war die Steppe ein Garten. Die Menschen hatten Bewässerungsanlagen gebaut und pflanzten in der Steppe alles an, was sie wollten: Sonne gibt es in der Steppe reichlich, deswegen konnten sie dreimal pro Sommer ernten. Purpurrote fleischige Ochsenherz-Tomaten, orange Kürbisse, Gurken, Weizen. Das alles gab es in der Steppe. Schaut man sich heute um, könnte man meinen, da wäre weit und breit nur Salzboden, auf dem blaue Wölkchen von Alhagi-Sträuchern schweben. Aber so ist es nicht. Gibt man der Steppe Wasser, ist sie zu vielem fähig.
Später verschwanden die Menschen. Na ja, was heißt, sie verschwanden … Sie hörten auf, sich um den Boden zu kümmern. Es kamen andere Zeiten. Die Sowchosen fielen wie Zwiebelschalen auseinander. Aber die Rohre von den Bewässerungsanlagen sind geblieben. Nun gehören sie niemandem mehr. Sie liegen da wie Krempel, aufbewahrt in Sand und Steppengras.
Wie sich jemand die Rohre einfach nehmen kann, fragst du, tja – indem er sie klaut. Das Land gehört ja niemandem, es wächst nichts darauf, die Rohre verkommen bloß. Also bestellen listige Geschäftsleute über eine Speditionsfirma einen Lkw, der kommt zum Feld, an dem ein Bagger die am Außenrand verlegten Rohre aus dem Sandboden hebt. Dann werden sie verladen und nach Moskau transportiert, um sie von dort nach Astrachan weiterzuverkaufen. Einmal brachte Vater so eine Ladung zum Lager nach Moskau, nicht weit von der Kaschirka. Da stand er ein paar Tage und wartete darauf, dass man ihm sagte, wie es weitergehen soll. Bis man ihn eines Morgens anrief und es hieß, bring sie zurück nach Wolgograd. Man hatte neue Dokumente ausgestellt, die Gewinnspanne erhöht und ihn wieder auf den Weg geschickt. Dorthin zurück, wo man die Rohre ausgegraben hatte. So wird aus nichts, aus rastloser Bewegung, Geld gemacht. Einmal fragte ich Vater, ob er das nicht unheimlich fände, sinnlos Rohre nach Moskau zu kutschieren, nur um sie dann wieder zurückzubringen. Nein, sagte er, Hauptsache das Geld stimmt.
Die Speditionsmitarbeiterin Raissa rief Vater an und sagte: Es gibt Rohre. Wir fuhren zu der Einsatzstelle bei Kapustin Jar. Wir hielten mitten in der Steppe. Keiner kam, heute nicht und morgen auch nicht. Aber jemand rief an und sagte, man komme in zwei Tagen, es war wohl was mit den Maschinen, entweder waren sie kaputt oder man hatte sie nicht rechtzeitig geklaut. Wir fuhren zum nächstgelegenen Markt und kauften Wodka, eine Stange Zigaretten, ein paar Dosen süße Kondensmilch, Dosenfleisch, zwei Roggenbrote und Bier. Das Bier trank ich auf dem Weg zum Parkplatz aus, solange es noch kalt war.
Ich fragte Vater gleich, wie lange wir warten müssten. Er wusste es nicht. Niemand wusste es. Alles hing vom Zufall ab, und dadurch wurde die Zeit groß, unkontrollierbar und zu nichts nutze. Das Warten wurde interessanter. Ich aß die Brotrinde auf, die ich in die Kondensmilch tunkte. Danach kochte ich Nudeln auf dem Gaskocher. In der Steppe liegt alles offen, man ist wie nackt in ihr. Der graue Laster stand mitten in der Ebene, die von Disteln und Wermutkraut überwuchert war, wir wohnten fünf Tage in ihm, bis ein Kran kam, um die Rohre zu verladen.
Warten hieß in dieser Welt, einer Welt der ausgedehnten grauen Weite, die Ereignisse voranzutreiben, ihnen den eigenen Willen aufzuzwingen. Warten war etwas Verbotenes. Man musste einfach leben. Es galt, jede Minute zu durchleben, die Nahrungsaufnahme, die Notdurft. Einfaches Essen ruhig und aufmerksam zu zerkauen, die von der Feuchtigkeit in der Nacht klamm gewordenen, knisternden Winston zu rauchen. Und das alles mit Genuss. Das Leben ist kurz, sagte Vater, kaum bist du aus der Muschi, schon geht es Richtung Grab. Am ersten Tag sprang ich aus der Kabine und ging von der Straße weg auf den Horizont zu. Ich lief geradeaus, um den Laster außer Sichtweite zu bekommen, aber er blieb immer hinter mir. Ich lief und lief, doch er verschwand nicht. Irgendwann ging mir die Kraft aus, ich zog die Hose herunter und hockte mich hin. Ein Urinstrahl kullerte zwischen meinen Sandalen, sammelte kleine Splitter toter Gräser und den weißen mehligen Staub in sich auf. Abends ist der Himmel in der Steppe lieblich, mal taubengrau, mal zartrosa wie eine Zunge. Lange weiße Wolken sind wie Laken an dem hellen Himmel aufgespannt. Windstille, alles erstarrt, die Zeit steht still, sogar die Wolken ruhen über der Erde. Allmählich wird es dunkel, und nur die Dunkelheit zeigt an, dass sich hier, in der Steppe, etwas verändert.
Ich ging zurück, der Laster wurde immer größer. Später lief ich nicht mehr in die Steppe, ich hockte mich zum Pinkeln einfach hinter einen Reifen, wo Vater mich nicht sehen konnte.
In der Steppe kommt alles um vor Langeweile. Wir aßen verkochte Muschelnudeln und tranken Wodka. Es herrschte brütende Hitze, weswegen ich nicht betrunken wurde, sondern nur blöde und schweigsam. Auch Vater machte der Wodka mürrisch, er motzte eine Weile herum und schlief auf der abgewetzten Liege ein.
Tagsüber überdeckt das grelle unbezähmbare Licht den Steppenlärm. Du schaust in die Weite, und dir bleibt nur, zu staunen – über die Unendlichkeit der Steppe und darüber, dass sie dir ständig, ständig in die Augen kriecht. Da ist kein Ort, an dem man ihr entkommen könnte, du musst sie aushalten, begreifen, akzeptieren, wie sie ist: groß, etwas verwaist und eintönig.
Die Nacht in der Steppe ist ohrenbetäubend laut. Sie ist schwarz und voller Gezirpe, das dir mit tausend Nadeln in den Körper sticht. In so einer Nacht zu schlafen fällt sehr schwer, sie greift dich förmlich an. Die Steppe bei Nacht ist eine Armee von Bogenschützen, die mit ihren elektrischen schwarzen Pfeilen auf dich zielen.
Die Gräser raunen immerzu von schrecklicher Gefahr, die Grillen kreischen, und die Schwüle der Nacht lässt dich deinen eigenen Körper riechen. Es ist, als würdest du mit Blut übergossen in der Steppennacht; der überwältigende Duft von abkühlendem Wermut und Schierling vermischt sich mit dem Schweißgeruch und anderen säuerlichen Körperflüssigkeiten. In der Steppennacht erfährst du deinen Körper auf kargen, abgewetzten Laken. Das macht schreckliche, quälende Kopfschmerzen. Der Wind trägt Brand- und Kotgestank heran. Die Steppe greift dich an, und du liegst wie nackt da, im Fahrerhaus eines Lasters, schaust aus dem schwarzen Fenster.
Insekten zirpen in der Steppe, doch du siehst sie nicht. Vögel fliegen in der Steppe, balzen und verschwinden in den Himmel, in die weite Stille. Es gibt nichts in der Steppe, woran der Blick sich halten könnte, dort gibt es nur die Weite. Manchmal trägt der Wind Überreste eines Plastikbechers heran, du hebst sie auf, und sie zerfallen in der Hand wie uraltes Pergament. Alles in der Steppe zerfällt und verwest. Vater warf seine Zigarettenstummel und Limoflaschen direkt aus dem Fenster, ich fragte, wieso, und er erwiderte, die Steppe nimmt es sich. Die Steppe nahm sich wirklich alles, ich habe keine Ahnung, wo es blieb. Alles in ihr zerfiel und starb, als wäre sie ein vernichtendes Geräuschfeld, das jedes hineingeratende Objekt auf molekularer Ebene zerstörte.
Vater liebte die Steppe. Vermutlich, weil sie ein vollkommen gleichgültiger Raum war. Sie hörte nicht auf, und jede Gefahr war schon von Weitem zu erkennen. In der Steppe lebten kleine Kreuzottern und Nattern, aber sie fürchteten den Lärm und blieben im Verborgenen. Manchmal sah man einen Steppenroller. Im Wind wirkten seine Bewegungen tierhaft, und auch er selbst schien wie ein atmender Körper. Aber er war tot, auch wenn er mit seiner Bewegung trockene weiße Samen säte.
Weißt du, Vater hatte nichts außer der Steppe, die er als sein Zuhause betrachtete, er liebte sie für ihre Weite. Er besaß nichts. Der Stellplatz für den Lkw in einer Garage gehörte nicht ihm, sondern irgendeinem Bekannten. Um ihn zu nutzen, musste er zu seinem kleinen, zerkratzen Samsung greifen und SMS schreiben. Er wusste nicht, wie man Leerzeichen setzt oder zwischen Groß- und Kleinbuchstaben wechselt, deswegen waren seine SMS durchgehend klein geschrieben und durch Punkte getrennt. Wie eine Fahrradkette. Bekam er keine Antwort, rief er an und fragte, ob es freie Plätze gibt. Man sagte nie nein, und er brachte seinen MAZ auf den Stellplatz, um ihn zu putzen und zu reparieren. Und was zu reparieren gab es immer, das kannst du mir glauben.
Auch der MAZ gehörte ihm nicht. Er hatte ihn zum Arbeiten von jemandem geliehen. Für einen eigenen Laster hätte er viel Geld gebraucht, und er war immer abgebrannt. Er mochte die Weite, weil man nicht zahlen musste, um sie bei sich zu haben und sie ohne Ende zu betrachten. Die Weite gab es umsonst, Vater konnte nämlich wirklich nicht verstehen, wie die Welt so geizig zu ihm sein konnte.
Es hieß, dass bald das System »Platon« installiert werden sollte, dann müsste er nicht nur das Logistikunternehmen, sondern auch den Staat bezahlen. Wofür?, fragte er, angeblich wollen sie für das Geld die Straßen reparieren, die meinen, wir würden sie mit unserem Gewicht zerstören. Aber wofür sind die Straßen sonst da, wenn nicht dafür, dass wir darauf fahren. Und wem gehört die Straße? Die gehört dem Staat, also dem Menschen, dem Autofahrer und dem Trucker. Ich bezahle Raissa und bin beim Fernfahrerbüro gemeldet, dort zahle ich schon Steuern. Warum soll ich auch noch für die Straße zahlen? Wenn wir in die Oblast Wolgograd kommen, siehst du selbst, was sie da für Straßen haben. Wolgograd nenn ich nur Wichsergrad, weil dort die Bullen hundsgemein sind und die Straßen keiner repariert – die pfuschen nur. Wenn ich mit meinem Kumpel über diese Straßen fahre, kann ich mit den Reparaturen gleich wieder von vorn anfangen. Man muss die Dinge richtig machen, so dass es auch hält. Nicht so wie diese Wichser. Sobald wir in die Oblast Wolgograd kamen, fing Vater an, derb zu fluchen. Aber ich merkte den Unterschied selbst an meinem Hintern: Die Straßen waren so kaputt, dass Vater alle siebzig Kilometer stehen blieb, um sich vom Geruckel zu erholen. Bei dem Geruckel wollte man nichts essen, und Rauchen war absolut widerwärtig. Aber wir rauchten trotzdem eine nach der anderen. Nicht aus Lust, sondern aus Langeweile und Ohnmacht gegenüber den Wolgograder Straßen.
Die Jungs bei den Garagen sagten, dass Vater nach der Fernfahrer-Reform nicht nur anderthalb Rubel pro Kilometer wird zahlen müssen, sondern auch noch ein System eingerichtet werden soll, das die Erholungs- und die Arbeitsphasen der Trucker kontrolliert. Damit würde man ihn überwachen: Wie lange er fährt, wie lange er Pause macht. Arbeitet er zu lange, erhebt das System automatisch ein Bußgeld. Ich bin doch selbstständig, sagte Vater. Ich kann mir keine Pausen leisten, ich kriege keinen Stundenlohn wie die Jungs von Magnit, die fahren deutsche MANs, die können schlafen, wenn sie es müssen, essen und scheißen, wenn sie es müssen. Bei denen hängen Kameras in den Kabinen. Da läuft alles nach Plan wie bei den Kaninchen. Und ich sag dir, die lassen sich Zeit. Die schlafen, und die Firma zahlt. Ich kann das nicht. Meine Stunde Schlaf, die kostet. Wer weniger schläft, der fährt mehr, der bringt auch seine Ladung schnell ans Ziel und kann wieder zurück. Und Raissa fragen, wie es um neue Ladung steht. Warum muss ich, ein freier Mann, fahren, wenn es mir einer sagt, und halten, wenn es mir einer sagt.
Vater war nicht geizig, Geld war ihm für nichts zu schade. Er konnte bloß nicht damit umgehen. Für den MAZ zahlte er fünfzehn- bis zwanzigtausend pro Monat und legte noch mal genauso viel für Reinigung und Reparaturen hin. Papiere hatte er für den MAZ keine. Wie auch für seinen neuner Lada nicht. Er hatte sich den Wagen einfach von einem Bekannten geliehen; jeden Monat gab er ihn für kurze Zeit zurück und legte etwas Geld drauf.
Einmal war er nach drei Touren nach Hause unterwegs, er legte seinen Lohn unter die Hülle des Beifahrersitzes und kurbelte beide Fenster herunter. Es war Frühling. Weißt du, wie die Steppe im Frühling blüht? Du atmest den Wermutduft ein, und bist hin, die Steppe erfüllt dich ganz. Und dann sind da noch die rosa Büsche mit den kleinen Blüten, die wie rosa Wolkeninseln aussehen. Du atmest den Duft ein und spürst keine Freiheit, nein, es ist, als atmetest du Schwermut. Eine traurige Verwaistheit. Vater hatte alle Fenster heruntergekurbelt, um die Steppe einzuatmen, um diese Verwaistheit zu fühlen. Hatte den Kassettenrecorder eingeschaltet, einen CD‑Player besaß er nach wie vor nicht, im Handschuhfach waren die Goldenen Hits von Michail Krug. Die legte er ein und fuhr vergnügt vor sich hin. Er fuhr und sang … oder jaulte vielmehr freudig. Irgendwann sah er aus dem Augenwinkel orangefarbene Vögel aus dem Fenster flattern. Es war die Steppe, die unter der Sitzhülle des Beifahrers seinen Lohn herausriss. Wo will man die Fünftausenderscheine suchen? Die Steppe hat sie sich genommen.
Ich habe dir gesagt, dass die Steppe aus dem Flugzeugfenster wie ein weicher Bauch aussieht. Aber in Wirklichkeit ist sie harter, vom Wind zusammengepresster beiger Sand. Sie ist gewaltig. Du betrachtest sie aus dem Fenster, und sie erscheint dir freundlich, du bittest sie: Versteck mich doch in deinem weißen Gras hinter einem Hügel, und sie lockt dich mit ihrer Bauchfalte. Du läufst und läufst zu diesem Hügel, und dann entpuppt er sich als flach und hart, und da ist nichts, um sich zu verstecken.
Das Plastikband einer Musikkassette hat sich an einem scharfen, festen Halm verfangen und pfeift im Wind. Ausgeblichen von der Sonne ist es blau, der Halm nickt. Menschenhaft ist dieses Nicken, schicksalsergeben. Alles hier bewegt sich, ist irgendwohin unterwegs. Die Wolken werden vom Wind getrieben, der Wind jagt ein Stück Plastikflasche über den Sand. Jemand hat es als Schippe verwendet. Das Plastik schleppt sich vorwärts, und du hörst das unendliche Rascheln aller Dinge, die dich hier umgeben. Das Rascheln wendet sich an dich, aber dich hört es nicht. Die Blindheit der brutalen Natur des Südens macht Angst. Hab keine Angst.
Wie bin ich darauf gekommen, dass die Steppe ein freundlicher weicher Bauch wäre? Wir waren zwei Tage von Astrachan nach Moskau unterwegs. Vater hatte eine Tour, er fuhr leer nach Moskau, um dort Federvieh zu holen. Wir fuhren leer, aber der Wagen war keine Leichtigkeit gewohnt und widersetzte sich unserer fröhlichen Bewegung. Der Kumpel, wie Vater seinen Laster nannte, soff immer wieder ab, und irgendetwas in ihm klopfte.
Wir hätten einen Tag brauchen sollen, aber wir brauchten zwei. Vater hatte mich und meine Geliebte Lisa mitgenommen. Lisa war eine kleine Frau, weswegen wir sie hinten in der Schlafkoje sitzen ließen, und wenn wir eine Polizeikontrolle passierten, zogen wir den Vorhang zu, um sie zu verstecken. Als wären wir zu zweit unterwegs. Denn drei Insassen waren in einem MAZ verboten.
Lisa wollte eigentlich nach Moskau, um ein Studium an der Hochschule für moderne Kunst zu beginnen, aber dann bat sie, dass wir sie schon in Uljanowsk absetzten. Dort erwartete sie jemand. Und ich wollte nach Moskau, um am Literaturinstitut zu studieren. Die Fahrt sollte von Stolz gekennzeichnet sein, aber da war nur eine zerknautschte Beklommenheit.
Vater mochte Maxim Gorki. Nach Gorki war das Institut benannt, an dem ich kreatives Schreiben lernen wollte. Vater sagte, Gorki sei ein Barfüßler gewesen, wie er selbst und alle seine Freunde. Ich fühlte mich unwohl dabei, mich als eine Barfüßlerin zu betrachten. Ich fühlte mich unwohl wegen meiner Armut und Unbehaustheit. Ich fühlte mich unwohl, weil Vater sich Gorki so kompromisslos aneignete. Er glaubte, Gorki sei ein ehrlicher Mann von unten gewesen – war er ja auch. Gorki empfand sich bis zuletzt als arm und konnte mit seinem Besitz nichts anfangen. Er konnte nur Dinge verschenken. Vater war genauso, er wusste nicht, wie man von seinem Geld lebt. Er kannte nur das Leben auf Rädern.
Was ein Leben auf Rädern heißt, fragst du. Vater sagte, dass jedem Trucker, der was auf sich hält, eine Anderthalbliter-Flasche Wasser und ein paar Tropfen Spülmittel genügen, um sich zu waschen. Am liebsten war ihm natürlich Fairy. Die grasgrüne Flüssigkeit roch streng und schäumte gut. Mit Fairy wusch er sich, Geschirr und alles, was in seinem Wagen war und gewaschen werden musste. Das war sein begrenzter, karger Alltag, einen anderen hatte er nicht. Essen, trinken, einigermaßen sauber sein und fahren.
Er stellte einen zerkratzten Kanister auf die Stufe seines Lasters. Der Kanister hatte einen Metallhahn, um kein Wasser zu verschwenden. Man musste den Hahn vorsichtig aufdrehen und das Wasser tropfenweise nutzen. Sorgfältig seifte er Arme und Gesicht mit Fairy ein, das sich schnell in zähen, homogenen Schaum verwandelte: erst grau an den Unterarmen und dann ganz schwarz vom Öl und Diesel an den Händen.
In der Koje hatte er ein kleines Bett mit einer speckigen gelben Decke, worin er während seiner Touren schlief. Die Koje war für zwei Personen ausgelegt, wie ein Schlafwagen im Zug, denn es ist vorgesehen, dass ein Trucker mit einem Kollegen fährt, der ihn abwechselt und unterhält. Vater parkte auf einem Stellplatz neben Ölweiden, zog die ausgeblichenen Baumwollvorhänge aus alten Laken zu und schlief. Es galt, den Lkw so abzustellen, dass rechts und links neben ihm andere Laster parkten. Sonst bestand die Gefahr, dass nachts ein Kühlwagen von Magnit kommt, und dann war es das mit dem Schlaf. Der Krach ist nicht auszuhalten. Deswegen fuhr Vater an Stellplätzen, wo schon Magnit-Laster standen, gleich weiter. Die veranstalten einen Höllenlärm, beschwerte er sich, in ihren klimatisierten Kojen kriegen sie ja selbst nichts mit. Aber was soll ich denn machen? Ich hab keine Klimaanlage, ich schlaf mit offenem Fenster, um frische Luft zu haben.
Wir waren zu dritt unterwegs und hatten beschlossen, die Nacht nicht auf einem Autohof zu verbringen, der war zu weit weg. Wir hielten einfach auf dem Seitenstreifen. Vater fragte, wie wir schlafen wollen. Es gab nur zwei Betten, und wir waren zu dritt. Ich sagte, wir würden in der Steppe schlafen. Da werdet ihr zerstochen, wandte Vater ein. Ich sagte, macht nichts, wir ziehen uns den Schlafsack über den Kopf. Er wühlte auf seinem Bett herum und gab mir eine helle Fleece-Decke, die wir uns unterlegen sollten, damit es nicht so hart war.
In der schwarzen Nacht schlenderten wir schweigend durch die Steppe, die im Dunkeln strahlte. Die Steppe glitzerte und wirkte wie ein Meer aus giftiger schwarzer Flüssigkeit. Wie Erdöl. Und sie kreischte. Auf der Suche nach einem guten Schlafplatz liefen wir immer weiter.
Aber es gab keinen geeigneten Platz. Und je weiter wir in die Dunkelheit der Steppe vordrangen, desto unheimlicher wurde ihre Grenzenlosigkeit. Erschien ein Platz zunächst eben, stellte sich bald heraus, dass die Fläche von harten grauen Grasbüscheln durchsetzt war. Irgendwann waren wir zu müde, um weiterzugehen, und beschlossen, uns einfach etwas freizuräumen.
Lisa hielt die Taschenlampe, die andauernd ausging. Ihr Licht stieß auf kleine Steppensteinchen und Hügel, deren schwarze Schatten in dem fahlen gelben Licht noch schwärzer wirkten. So schwarz, als hätte man sie aus der Hülle der Welt ausgeschnitten.
Die Sterne spendeten kaum Licht. Und die Scheinwerfer des MAZ richteten ihre Strahlen auf die Straße. Unsere Schatten waren unheimlich und voneinander isoliert. Ich ging auf die Knie und warf große Steine zur Seite. Breitete die dünne Fleece-Decke und den Schlafsack darauf aus. Wir legten uns hin, was nicht einfach war, weil Steine und die Hügel verhärteten Steppensandes in unsere Rücken piekten. Aber ich sagte nichts, weil ich glaubte, dass Lisa, wenn ich ihr gegenüber eingestünde, dass es mir zu unbequem war, sie mir diese Schwäche nicht verzeihen würde. Sie sagte auch nichts. Ich weiß nicht, ob es ihr wehtat, auf der dünnen Decke zu liegen. Wir sprachen nicht miteinander. Es gab nichts zu sagen. Wir waren einfach zusammen.
Schweigend lagen wir da, in der schwarzen Steppennacht. In der Ferne war das Rattern des Lasters zu hören, Vater schlief noch nicht. Ich hörte sein freudiges Gejaule, das er von sich gab, wenn er sich vor dem Schlafen wusch. Die Steppe verbreitete den Klang seiner Stimme und den Lärm vorbeifahrender Autos. Sie verbreitete das leise Zirpen der Grashüpfer. Irgendetwas platzte neben meinem Ohr. Ich drehte den Kopf und sah einen großen Käfer. Er war glänzend braun und hart. Hastig bewegte er seine Beinchen auf dem Nylon des Schlafsacks. Sie rutschten auf dem blauen Stoff und er kämpfte hilflos dagegen an wie ein Ruderboot, das gegen den Strom schwimmt. Ich konnte seine Qualen nicht mitansehen und schnippte ihn ins Gras. Dort rappelte er sich nach dem unfreiwilligen Flug summend wieder auf, erhob sich langsam in die Luft, drehte eine Runde und entglitt in die Dunkelheit.
Die Nacht zirpte. Ich lag da und schaute in den von weißem Sternenlicht durchstochenen Himmel. Um ihn zu erfassen, genügten meine Augen nicht. Mein Körper genügte nicht, um ihn einzuatmen. Der Himmel blickte mich mit seinem Dunkel an. Eine klebrig kalte Hand legte sich auf meinen Unterarm. Ich drehte mich um, und mir fiel wieder ein, dass ich die Nacht mit der ruhigen, schweigsamen Lisa teilen musste. Sie hatte die Augen zu, und ich sah die feinen Fältchen auf ihren geschlossenen Lidern. Lisa atmete gleichmäßig, doch plötzlich schlug sie die Augen auf und drehte sich auf die Seite, um mich anzusehen.
Ich wandte mich ihr zu und sah ihr weißes Gesicht mit den schmalen Lippen und der Nase. Sie fragte, warum wir schwiegen. Ich wusste keine Antwort.
Sie legte die Hand auf meinen Bauch und wanderte unbeholfen abwärts unter meine Jeans. Ich fing die Hand ab und schob sie weg.
Ich sprach ständig mit der Steppe. Wenn ich auf Toilette musste, sagte ich: Hallo Steppe, ich komme, um zu pinkeln. Vor dem Schlafen flüsterte ich ihr Dankesworte in einen stacheligen Hügel, aus dem Gras wuchs. Der Hügel hatte etwas von einer großen, leuchtenden Hummel. Er nahm mein Flüstern auf, und das Geräusch verschwand irgendwo in ihm.
Der schwarze Nachthimmel kühlte ab, und alles um uns wurde von kaltem Tau überzogen. Zum Morgen hin erwachten kleine Fliegentierchen, die uns mit den ersten quälenden Sonnenstrahlen überfielen. Sie bedeckten mein Gesicht, und mir wurde die Haut, die über Nacht glänzenden Talg abgesondert hatte, erst recht zu eng. Ich wollte raus aus der blendenden Steppensonne. Aber noch mehr wollte ich raus aus meiner Haut, sie war unerträglich.
Ich fühlte mich wie zerschlagen, mein Bauch krampfte. Auf der hellen Jeans zeichneten sich dunkelrote Blutflecken ab. Die Steppe hatte sich in der Nacht den Preis für die Schlafstätte genommen.
Ich öffnete die Augen. Die Steppe drang als ein unvermeidlicher Schmerz in mich. Lisa schlief. Neben ihrem Kopf lag der kleine Schädel eines Nagers. Nachts hatten wir ihn nicht bemerkt und nur durch Zufall nicht zerdrückt. Lisa wachte auf, und ich zeigte ihr den Schädel. Die Knochen des toten Tiers weckten ihr Interesse. Sie pustete Staub und Grashalme vom Schädel, rubbelte mit dem Daumen die sonnenversengten Fleisch- und Fellreste ab. Nun war der Schädel vollkommen weiß, weißer als alle Steine und Gräser ringsum. Lisa legte ihn in ihre Umhängetasche, um ihn später zu malen. Sie stand auf und streckte sich, als wäre der Schlaf in der Steppe tief und erholsam gewesen.
Ob Vater wusste, was Lisa für mich war, fragst du. Nun ja, er war kein dummer oder unsensibler Mensch. Er sah, dass zwischen uns was lief. Und einmal überraschte er uns, als wir uns küssten.
Wir lagen auf dem Küchenboden. Das war unser Schlafplatz in Vaters Wohnung. Lisa stützte meinen Kopf mit ihrem Oberarm, ich lag auf ihrer schmalen Brust, so dass ich ihr Gesicht sehen konnte. Dass ich den Geruch ihres Mundes wahrnehmen und ihre dünnen Nasenflügel mit meiner Wange berühren konnte. Sie neigte den Kopf und küsste mich.
Im grellen Sonnenlicht lagen wir in Slip und T‑Shirt da. Wie das aussah, fragst du. Es sah wie ein Verbrechen aus. Die Scham brannte sich in meinem Inneren ihren Weg, er wurde immer breiter, bis sich mein ganzer Körper in einen Körper der Scham verwandelte.
Wir lagen da im Morgenlicht, und ihre Achselhöhle roch nach blondem Haar. So riecht nasses Papier. Das alles hatte etwas von unerträglicher, anhaltender Kindheit, die sich plötzlich zwischen uns eingestellt hatte. Dieses Gefühl hielt an und quälte mich. Ich rang nach Luft, ich verspürte den unwiderstehlichen Wunsch, sie zu küssen. Mein Kopf dröhnte von dem drückenden roten Licht. Mein Slip wurde feucht, und das warme klebrige Sekret auf dem Einnäher kühlte sofort ab, als wäre eine junge Wobla darin verendet.
Du fragst, woher ich weiß, wie eine Wobla stirbt, ich sage es dir. Mein Urgroßvater war Fischer. Und zwar einer von der Sorte, an deren Vergangenheit sich niemand erinnert, denn er erzählte nichts von seiner Vergangenheit, er lebte in der Gegenwart wie alle alten Menschen. Niemand wusste, was er in seiner Jugend gemacht hatte – außer, dass die Operation Auguststurm[1] ihm das Leben gerettet hatte. Alle jungen Männer mussten an die Westfront, nur Urgroßvater schickte man an die Ostfront. Dort kämpfte er und kehrte heim. Sonst kehrte niemand aus dem Dorf heim, nur Urgroßvater und noch zwei junge Männer. Weil man sie in den Osten geschickt hatte, und das war ihre Rettung.
Ich wusste nichts über sein Leben, bloß, dass er im Krieg gewesen war. Wobei ich immer gedacht hatte, er hätte gegen die Deutschen gekämpft. Einmal ließ er mich auf den Rahmen seines Fahrrads aufsitzen, ich muss fünf gewesen sein, und wir fuhren zum Haus der Veteranen. Im Haus der Veteranen lief ein großer Ventilator, und die Fähnchen auf dem Modell eines Schlachtfelds flatterten im künstlich erzeugten Wind. Urgroßvater saß nicht am Tisch, sondern etwas abseits, und hörte zu, wie die Veteranen wichtige Angelegenheiten besprachen. Als sie sich über etwas ärgerten und fluchten, zischte er sie an, damit sie das in Anwesenheit eines Kindes ließen.
Mich faszinierte das Modell. Da war grüne Pappe anstelle von Gras, und in Brillantgrün getunkte Watte stellte Hügel dar. Auf einem dieser Hügel wehte ein Fähnchen aus roter Seide. Derjenige, der das gebastelt hatte, musste es aus dem fein gemusterten Stoff eines Seidenkleides oder Kopftuchs ausgeschnitten haben. Der Hügel war von Plastikpanzern umstellt. Und das Schlachtfeld war von Kakerlakenscheiße übersät. Der Modellarchitekt hatte mit Tapetenkleister gearbeitet, den die Kakerlaken aufgefressen hatten.
Die Veteranen bewirteten mich mit Tee, Mürbteigkeksen und Beerenkuchen. Im Haus der Veteranen waren alle Veteranen des Kriegs gegen die Deutschen. Nur Urgroßvater hatte nicht gegen die Deutschen gekämpft und deswegen überlebt. Der letzte Veteran des Auguststurms war noch vor meiner Geburt gestorben, und Urgroßvater fühlte sich unwohl zwischen den Helden des Großen Vaterländischen Krieges. Dennoch ließ er keine Veteranenversammlung aus, denn dort wurden wichtige gesellschaftliche Fragen entschieden und Lebensmittelpakete verteilt. An den Diskussionen beteiligte er sich nicht, er nahm bloß sein Paket mit den Keksen und dem Cognac entgegen, setzte sich abseits hin und ließ sich von seinem Schuldgefühl zerfressen, weil er am Leben geblieben war.
Als ich genug gespielt hatte, setzte ich mich auf den Linoleumboden neben Urgroßvater und fummelte an den Aluminiumklammern herum, die an seinen Hosenbeinen klemmten. Ich fragte ihn, wozu sie da seien, und er erklärte, dass Urgroßmutter böse werde, wenn seine Hose von der Fahrradkette schmutzig wird. Ich nahm die Klammern ab, um sie mir genauer anzusehen. Sie waren leicht und erinnerten an dumme kalte Fische. Eine Klammer war fest, die andere ging etwas leichter – mit der klemmte ich mir meine Nase ab, bis sie weiß wurde. Wieder zu Hause, befestigte Urgroßvater die Klammern am Rahmen und stellte das Rad in den Schuppen.
Urgroßvater nahm mich auch im Beiwagen seines Motorrads zum Angeln mit. Einmal sahen wir eine Kröte, die vom Tod auf die Größe einer Wärmflasche aufgedunsen war. Vater war auch dabei. Damals war er noch jung: Er hatte dichtes schwarzes Haar, und alle Zähne waren dort, wo sie hingehörten. Aber erinnere mich später noch mal daran, dann erzähle ich dir mehr von Vaters Körper.
Vater fand also die Kröte, die auf die Größe einer Wärmflasche aufgedunsen war, und rief mich. Wir schlenderten die Küste am Wolgadelta entlang. Alles stand unter Wasser, und wir wateten in unseren Gummistiefel durch eine Suppe aus Gras. Ich wollte die tote Kröte sehen. Also hob Vater sie über seinen Kopf. Ich wollte hin, aber da war ein Flussarm zwischen uns, zu breit, als dass ich hätte drüberspringen können. Vater sah erst zur Kröte, dann zu mir, und schleuderte sie lachend ins Gebüsch. Du fragst mich, wie sie war, die Kröte. Ich sag es dir: Sie war grau, tot und groß.
