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Drachen, Hexen, Magier und andere Fabelwesen. Gibt es so etwas wirklich? Diese Frage mussten sich Pia, Kira und Dejanira auf ihrer magisch spannenden Reise zum Raum der Erkenntnis stellen. Sie reisten mit einer geheimnisvollen, alten Frau Namens Morana auf Umwegen nach Rumänien zu einer alten Bauernburg. Das Abenteuer hatte noch nicht richtig begonnen, als Dejanira in einen 140 Meter tiefen Brunnenschacht stürzte...
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Seitenzahl: 341
Veröffentlichungsjahr: 2024
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Kapitel 1: Pia - Der erste Hinweis
Kapitel 2: Kira - Abreise
Kapitel 3: Dejanira - Die Nacht beim Clan
Kapitel 4: Pia - Aufbruch ins Abenteuer
Kapitel 5: Dejanira - München
Kapitel 6: Kira - Blick in die Seele
Kapitel 7: Dejanira - Fahrt nach Rumänien
Kapitel 8: Pia - Familienbande
Kapitel 9: Kira - Pause
Kapitel 10: Dejanira - Ein wenig von uns
Kapitel 11: Pia - Was ist wahr?
Kapitel 12: Dejanira - Viele Fragen
Kapitel 13: Pia - Hexenschule
Kapitel 14: Kira - Dunkle Mächte und ihre Einflüsse
Kapitel 15: Dejanira - Schwächen und Stärken
Kapitel 16: Pia - Was macht Älterwerden?
Kapitel 17: Kira - Wohlfühlen
Kapitel 18: Pia - Rumänien, die Bauernburg
Kapitel 19: Dejanira - Magie in der Nacht
Kapitel 20: Pia - Im Brunnen
Kapitel 21: Dejanira - Das erste Portal
Kapitel 23: Kira - Im Flur der Hexenschule
Kapitel 24: Pia - Die Wächter
Kapitel 25: Dejanira - Das Tor
Kapitel 26: Kira - Der blaue Gang
Kapitel 27: Pia - Gefährliche Gefährten
Kapitel 28: Dejanira - Fox!
Kapitel 29: Pia - Die Kugel
Kapitel 30: Kira - Körperlos
Kapitel 31: Pia - Neuer Mut
Kapitel 32: Kira - Richtige Zeit
Kapitel 33: Dejanira - Richtige Worte
Kapitel 34: Kira - Das Labyrinth
Kapitel 35: Pia - Gedanken
Kapitel 36: Kira - Der Elf
Kapitel 37: Pia - Im Labyrinth
Kapitel 38: Dejanira - Schutz im Labyrinth
Kapitel 39: Pia - Die dunkle Macht
Kapitel 40: Dejanira - Der magische Garten
Kapitel 41: Pia - Der Weg zum nächsten Stern
Kapitel 42: Kira - Schwamm im Kopf
Kapitel 43: Pia - Schluss mit lustig
Kapitel 44: Dejanira - Der Wiedergänger
Kapitel 45: Pia - Deja Vu
Kapitel 46: Pia - Der Raum der Erkenntnis
Kapitel 47: Kira - Liebe heilt alte Wunden
Kapitel 48: Dejanira - Die Suche nach dem Ausgang
Kapitel 49: Pia - Antworten
Kapitel 50: Pia - Die Zeremonie
Kapitel 51: Pia - Zu Hause
„Pia, reich mir bitte mal die Spitzhacke rüber!“ Hörte ich Ivan. „Der Brocken ist riesig.“ Ich reichte sie ihm das Werkzeug in das Erdloch, in dem er grade stand.
„Mama, Kinderarbeit ist verboten!“ lachte Kira.
Sie ist meine große Tochter. „Ihr seid keine Kinder mehr. Ihr beiden könnt mir über den Kopf schauen!“
„Wir sind Eure Kinder, und das werden wir immer sein!“ Wandte Dejanira, meine kleine Tochter ein.
Ich schüttelte lachend den Kopf.
„Kinder sind verpflichtet ihren Eltern zu helfen! Nehmt die Schaufeln, und schafft die gelockerte Erde aus dem Loch. Sonst wird das mit Eurem Schwimmteich nie was, und die Fische wandern noch aus.“ Ivan reichte den Mädels Werkzeug.
„Wie kamen wir eigentlich darauf, im Winter den Teich auszubauen?“ Knotterte Dejanira.
„Weil Deine Mutter diese Zeit für die Beste hielt. Wir haben Zeit, sind alle zusammen und man schwitzt nicht so schnell.“ Bekam sie von Ivan zur Antwort.
Ich gab ihr den ersten Eimer mit Erde nach oben. „Und wer im Sommer planschen will, muss vorher was dafür tun.“
„Touché!“ Dejanira bildete mit Kira eine Kette, um die Erde in den Schubkarren, und dann in eine Ecke des Gartens zu schaffen.
„Wie spät ist es inzwischen?“ Fragte ich nach einer gefühlten Ewigkeit und etlichen Eimern später.
„Warum? Hast Du noch ein Date?“ Kam es von einem der beiden Mädels.
„Nein, ich habe Hunger.“ Und rieb mir über den Bauch. „Und außerdem ist der Aushub schon so tief, dass ich kaum noch über den Rand schauen kann.“
„Naja, das ist bei Deiner Zwergengröße auch kein Kunststück!“ Neckte Ivan.
„Hey, kann ja nicht jeder so hochwachsen, wie Du. Du müsstest bei Deiner Elfengröße nur noch etwas schmaler sein.“ Ich schaute ihn schelmisch an.
Kira und Dejanira beobachteten Ivan und mich bei unserer Neckerei und schmunzelten.
„Also, wir haben kurz nach 13 Uhr.“ Kam dann von Dejanira.
„Heben wir noch ein wenig was aus, bis auch Ivan im Erdloch versteckt ist.“ Gab ich an. „Das sollte ausreichend sein.“ Wir machten uns wieder motiviert an die Arbeit.
„Was ist denn das?“ Bei einer der letzten Schaufeln Erde, die Ivan in einen Eimer heben wollte, hatte er etwas Größeres darauf liegen. Das war eindeutig kein Stein. „Nimmt das mal eine von Euch von der Schaufel runter?“ Er reichte es nach oben.
Kira nahm das Gebilde und klopfte die Erde ab. „Das Ding hat einen Deckel. Irgendein Gefäß?“ Sie versuchte es zu öffnen. Es tat sich nichts. Da dieses Gebilde scheinbar schon länger in der Erde gelegen haben mochte, hatte die Erde den Deckel an das Gefäß dran gebacken.
„Komm, lass uns das mal anschauen.“ Ivan kletterte aus dem Loch heraus. Ich folgte ihm.
„Was ist das?“ Hauchte Dejanira ehrfürchtig, nahm Kira den Gegenstand aus der Hand und drehte und wendete ihn.
„Das rechteckige Etwas sieht aus, wie eine Schatulle. Von ihr geht irgendwas aus. Etwas Seltsames! Findet Ihr nicht?“ Erkundigte ich mich bei den anderen. Mir wurde warm.
Kira und Dejanira hatten nur Augen für die Schatulle. Es kam nur ein leises „Mhm“ und sie nickten.
„Lasst uns weiterarbeiten!“ Ivans wandte sich mit einem Male auf befremdliche Weise von unserem Fund ab und wirkte plötzlich sehr blass. „Ihr könnt den Fund nachher weiter betrachten!“ Ivans Stimme hörte sich belegt an.
„Was ist los mit Dir? Geht’s Dir gut?“ Fragte ich besorgt.
„Kann ich Dir nicht sagen. Ansonsten fühle ich mich noch fit.“ Knurrte er und sprang wieder in das Erdloch.
Irgendetwas störte mich an seiner Aussage, wie auch an seiner Blässe, und seiner Reaktion. Ungeachtet dessen, wie fahl er aussah, wandte Ivan sich wieder der Arbeit zu.
„Ich bring die Schatulle erstmal in die Werkstatt. Ist das ok?“ Schaute Kira mich fragend an. Ich nickte. Dejanira gab ihr unseren Schatz.
Kurz darauf tauchte Kira wieder auf und half weiter.
„Sagt mal, müssen wir so einen Fund nicht einer Behörde melden?“ Hakte Dejanira nach.
„Wie kommst Du denn darauf?“ Fragte ich.
„Das haben wir mal in der Schule gelernt. Wenn man einen Schatz findet, dann muss man das angeben.“ Erklärte sie.
„Dazu muss es ein Schatz sein.“ Wandte ich ein. „Wir haben Dich zwar zu Ehrlichkeit erzogen, aber die darf jetzt noch etwas hintenanstehen, finde ich. Wir sollten zuerst unsere Neugierde stillen, bevor wir den Schatz auf nimmer wiedersehen irgendwelchen Behörden überreichen.“
„Alles klar!“ Dejanira lachte zustimmend.
Kurze Zeit später war der Erdaushub zu unserer Zufriedenheit erledigt.
„Lasst uns dennoch eine kurze Snackpause einlegen, um dann nochmal richtig durchzustarten. Ich würde heute gerne noch Betonieren. Das Wetter ist richtig gut dafür.“ Motivierte Ivan.
„Wow, Ivan! Ich werde Dich nicht bremsen! Ich dachte schon, Du seist nicht mehr so fit. Jedenfalls hast Du vorhin kurz so ausgesehen!“ Ich steckte die Schaufel in die Erde.
„Nein. Alles gut!“ Er lächelte mich an.
Nach unserer Pause zogen wir das Betonieren nach alter Kunst zügig durch. Das Resultat war so, wie wir es uns vorstellten.
„So! Jetzt haben wir uns alle eine warme Dusche verdient!“ Ich klopfte Dreck und Staub aus meiner Kleidung.
„Ja!“ Lachte Kira. „Nicht nur, dass wir alle furchtbar stinken! Mir tun die Knochen weh. Das warme Wasser wird guttun.“
Nachdem wir gemeinsam aufgeräumt hatten, verschwanden wir alle im Haus.
Sauber und geduscht saßen wir zusammen beim Abendessen und sprachen nochmal über unseren besonderen Fund.
„Seid Ihr noch fit?“ Fragte ich in die Runde. Mich schauten drei müde Gesichter an.
„Was hast Du vor?“ Erkundigte sich Kira.
„Da wartet was in der Werkstatt.“ Ich hatte meinen Satz noch gar nicht vollständig ausgesprochen, da standen drei wissbegierige Menschen vor mir, die wieder so viel Energie in sich hatten, um mir zu folgen. „Ach! Das geht wieder?“
Wir mussten loslachen und liefen Richtung Werkstatt.
Als wir bei dem Fundstück ankamen, verlor Ivan erneut die Farbe in seinem Gesicht.
„Was ist denn los mit Dir? Das ist jetzt schon das zweite Mal, dass Dir die Farbe aus dem Gesicht läuft.“ Erkundigte sich Kira.
„Keine Ahnung. An sich geht’s mir gut.“ Brummte Ivan.
Ich griff nach dem Gegenstand, klemmte ihn in den Schraubstock und versuchte, den Deckel zu lösen. Die anderen standen um mich herum und schauten zu.
„Geht das nicht etwas schneller?“ Drängelte Dejanira.
Ich schaute sie stirnrunzelnd an.
„Sorry, ich bin halt total neugierig!“
Behutsam kratzte ich mit einem Schraubendreher den Deckelrand frei, und hebelte. Es tat sich nichts. „Magst Du mir die Schatulle bitte öffnen. Ich habe offensichtlich nicht die Kraft dafür.“ Bat ich Ivan.
Er blickte auf das Gefäß. Es dauerte einen Moment, bis er seine Hand oben auflegte, um dann mit liebevoller Gewalt mit dem Schraubendreher am Deckelrand entlang zu hebeln. Er wackelte mit der Hand am Deckel. „Verdammt!“ Er zog die Hand weg.
„Was?“ Ich schaute auf seine Hand.
„Ich habe mich verletzt!“ Dabei blickte er auf seine Handfläche. Aus einer kleinen Wunde trat Blut heraus. Er wischte es an seiner Hose ab. Dann griff er wieder den Deckel, hebelte nochmal kräftiger, scheinbar ein wenig wütend, unter dem Rand entlang. Schließlich gab der Deckel nach, ohne, dass die Schatulle kaputt ging. Wir starrten gebannt hinein, was da zum Vorschein kam.
Da war ein Stoffbeutel.
Kira griff danach und öffnete ihn vorsichtig. Sie lugte hinein. Anschließend schüttete sie behutsam fünf verschiedenfarbige, funkelnde Steine auf ihre Hand.
„Leg sie hier hin.“ Forderte Dejanira, und zeigte auf die Werkbank. Kira tat, was ihre Schwester forderte.
In der Schatulle lag noch ein in schwarze Tierhaut gebundenes, dickeres Buch. Im Leder des Einbandes waren verschiedene, sich mir nicht erschließende Muster geprägt. Ein silbrig-goldenes Pentagramm, was im Leder eingelassen war, hob sich deutlich von den anderen Mustern ab. Die Linien waren breit gezogen. An der Spitze eines jeden äußeren Zackens des Pentagramms waren tiefere Mulden in das Leder geprägt. So tief, dass Ivans Fingerkuppe darin zum Liegen kommen würde. Mit seinem Zeigefinger fuhr er die Linien des Pentagramms nach. Sein Blick schien fokussiert.
Ich beobachtete ihn. Seine Ehrfurcht war ihm deutlich anzusehen. Er verhielt sich seltsam. Seine Stirn war in Falten gelegt. Als ob er versuchte, sich an etwas zu erinnern. Ich schaute auf das Buch. Das Buch wirkte sehr alt. Er führte seinen Finger immer weiter über die Linien des Pentagramms. Dann schaute Ivan wieder ins Gesicht. Ivan sah aus, als fasste er allen Mut zusammen, um das Buch mit beiden Händen anzufassen und aus der Schatulle heraus zu nehmen. Er atmete schwer, und hielt kurzzeitig die Luft an.
Als er das Buch herausgeholt hatte, hielt er es achtungsvoll beiden Händen vor sich. Er wirkte wie hypnotisiert von diesem Buch. Ich legte meine Hand auf seinen Unterarm. Er zuckte kurz zusammen, und er löste sich aus seiner Haltung, um das Buch auf der Werkbank abzulegen.
„Darf ich?“ Er wich einen Schritt zur Seite. Ich schlug das Buch auf. Keine der Seiten war beschriftet, und sie waren vergilbt. Die Ränder der Buchseiten waren nicht mehr einheitlich. Sie wirkten abgegriffen. Ich runzelte die Stirn. Ein unbeschriebenes, sehr altes Buch.
„Da steht ja nichts!“ Hörte ich Kira sagen. „Dann lass uns die Steine anschauen.“ Schlug Kira vor. Die Steine glitzerten unwiderstehlich in ihrer jeweiligen Farbe. Sie waren rot, grün, gelb, blau und lila. Sie waren rein und klar. Im Durchmesser wirkten sie ein bis zwei Zentimeter. Ich nahm den lilafarbenen Stein in die Hand, um ihn gegen das Licht zu halten. Das brach sich darin und brachte seine Farbe zur vollen Geltung.
Ich nahm wahr, dass Ivan seinen Kopf schüttelte. Ich blickte zu ihm rüber.
Seine Haare auf den Armen stellten sich mit einem Male auf. „Ich geh!“ Erklärte er unvermittelt. „Der Fund raubt mir zu viel Zeit. Ich will mich nicht weiter damit beschäftigen.“
Seine Reaktion war seltsam. Sein vorheriges Verhalten passte nicht mit seiner jetzigen Aussage zusammen.
„Was ist denn damit?“ Sprach ich ihn darauf an.
„Das kann ich Dir nicht so genau erklären. Ich habe nur so ein seltsames Gefühl. Und der Fund beunruhigt mich etwas. Die Sachen strahlen etwas Mysteriöses aus, was mir nicht unbekannt ist. Aber ich kann das Gefühl nicht richtig zuordnen. Und Du weißt, dass ich nicht abergläubisch bin. Aber, als ich das Pentagramm auf dem Buch gesehen habe, in Kombination mit den Steinen, hat es mir einen gewaltigen Stich in die Magengrube versetzt.“ Beschrieb er seine Reaktion. „Diesen Stich in der Magengrube hatte ich schon einmal gehabt. Allerdings kann ich mich nicht mehr an den Zusammenhang erinnern. Bitte lass es auf sich beruhen, und frag mich im Moment nicht weiter.“
Im Gehen drehte er sich nochmal um „Wenn Ihr Hilfe braucht, bin ich bereit dazu, wenn es mir möglich ist.“
„Ihr könnt Euch die Sachen gerne noch etwas genauer anschauen, wenn Ihr wollt. Ich muss nach Ivan schauen.“ Erklärte ich Kira und Dejanira und lief hinter ihm her.
„Nachvollziehbar. Ich komme auch mit. Hier in der Werkstatt ist es mir im Moment zu frisch.“ Dejanira hatte sich die Steine angeschaut. Sie legte sie zurück in das Säckchen und das Buch wieder in die Schatulle, die immer noch von Erde verdreckt war. Beide kamen ebenfalls ins Haus.
Ivan war im Wohnzimmer. Er hatte seine normale Hautfarbe zurück. Das war seltsam.
Ich bereitete einen Snack zu, der gerne angenommen wurde. Wir setzten uns gemeinsam noch auf die Couch. Dann unterhielten wir uns über unseren Fund.
Dejanira und Kira berichteten ebenfalls davon, dass der Schatz bei ihnen etwas ausgelöst hatte. Ihnen sei am ganzen Körper warm geworden, als sie so nah an den Dingen standen, und dass es in den Fingern und Füßen gekribbelt hatte.
„Ich bin froh, dass ich mit den Phänomenen nicht alleine bin!“ Gab ich auch meine körperlichen Erscheinungen zu. „Ich bin mal gespannt, was uns damit noch passiert! Ich hoffe ja irgendwie, dass wir es mit okkulten Dingen zu tun haben.“ Und rieb mir die Hände.
„Mama! Reichen Dir Deine Geister nicht, die hier ab und zu durch das Haus rumpeln?“ Kira schaute mich erstaunt an.
„Hoffentlich spielst Du uns keinen Streich.“ Merkte Dejanira Richtung Ivan an.
„Du glaubst doch nicht etwa, dass ich inzwischen ein guter Schauspieler bin?“ Entgegnete er betroffen.
„Nein. Eigentlich nicht. Schauspielern konntest Du noch nie.“ Gab sie zu.
Kira, Dejanira und ich unterhielten uns ein wenig über die Sachen, dass wir sie noch genau betrachten mussten, und deren Dasein ergründen sollten. Ivan hörte uns zu. Immerhin lächelte er. Ich beobachtete ihn.
Es war kein entspanntes Lächeln, wie sonst, wenn er unsere Abenteuerlust erkannte.
„Egal, was passieren wird, Ihr seid bitte vorsichtig!“ Warnte er uns unvermittelt. Er behielt sein Lächeln im Gesicht. Ich erkannte, wie angestrengt das war, und ließ mir nichts anmerken.
„Also bleibt es dabei?“ Frage ich nach. „Wir schauen uns die Sachen genauer an?“
„Wenn wir im Moment mit dem Teich nicht weitermachen müssen, sehr gerne!“ Bestätigte Dejanira.
„Nein,“ erklärte Ivan, „da gibt es im Moment nichts weiter zu tun. Der Beton muss richtig durchtrocknen. Und das brauch bei der Witterung mindestens die drei Tage.“
„Sehr schön!“ Freute sich Dejanira. Kira und ich schlossen uns der Freude an. Somit hatten wir ausführlich Zeit für mystische Angelegenheiten.
„Es ist noch nicht ganz so spät. Ich bin furchtbar neugierig, und würde gerne nochmal zu den Sachen gehen.“ Erklärte Dejanira.
Ich schloss mich an, und Kira folgte ebenfalls.
„Ja. Ich geh nochmal an den Oldtimer. Ihr findet mich in der Halle.“ Ivan hüpfte in seine Arbeitshose.
„Nehmen wir die Sachen mit ins Haus, und gehen damit ins Bastelzimmer? In der Werkstatt ist es zu kalt.“ Fragte Kira.
„Klar! Ich warte oben im Bastelzimmer.“ Und lief Richtung Treppenhaus unseres verwinkelten Hauses.
Dejanira begleitete ihre Schwester. Sie kamen bald ins Zimmer, in dem ich durch das Bücherregal in der Ecke schaute. Kira legte die Sachen auf den Holzboden.
Wir setzten uns auf Kissen ebenfalls auf den Boden.
Es gab eine Zeit, da waren meine Mädels viel jünger, und in ihrer Phantasie oftmals in einer Hexenwelt unterwegs. Ich fühlte mich in diese Zeit zurückgeworfen. Damals ließ ich mich, wenn sie mich in ihre Welt mitnahmen, auf ihre Phantasiespiele gerne ein, und lebte mit ihnen den einen oder anderen Tag in einem „Elfenwald“.
Wir waren verkleidet und spazierten durch den nahegelegenen Wald. Ivan war stets der Elf, der dafür Sorge zu tragen hatte, dass die Hexendamen im Hexenwald ankamen.
Oder wir waren im Keller. Dort war eine weitere Küche eingerichtet, in der frittiert, gebacken, gefärbt und andere Dinge gemacht wurden, die putz- und geruchsintensive Hinterlassenschaften produzierten. Das war unsere „Hexenküche“. Wir stellten rote, grüne oder gelbe Zaubergetränke zusammen. Dann zauberten wir blaue Hartweizenzauberschnüre und aßen sie mit schwarzer Soße. Für mich war es ein Spiel. Für die Mädchen schien es immer ihre Wirklichkeit zu sein. Diese Ausflüge aus dem Alltag waren wunderschön.
Die Echtheit ihrer Welt würde sich mir später erklären!
Die heutigen Ereignisse sprachen eine deutliche Sprache. Was heute geschah, war spannend. Meine Mädchen waren älter. Viel älter, um heute solche Spielchen mit mir machen zu wollen. Dennoch holte mich diese Zeit ein, und warf mich in ihre damalige Phantasiewelt zurück. Und jetzt? Was steckte dahinter?
„Wo bist Du, Mama?“ Sprach mich Dejanira an. „Bist Du in der Vergangenheit unterwegs?“
Ich schaute sie erstaunt an. „Ja. Du etwa auch?“
Sie nickte.
„Mir geht es ebenfalls so.“ Gab Kira zu.
„Ihr seid eigentlich nicht mehr im Alter der magischen Zeit.“ Stellte ich fest.
„Mag ja aus Deiner Sicht so sein. Nur erleben wir gerade etwas sehr Reales, Mama. So, wie damals alles real für uns Kinder war. Magst Du Dich darauf einlassen?“
Ich nickte zögerlich. „Dann lasst uns loslegen!“
Kira und Dejanira waren wieder mit demselben Enthusiasmus bei der Sache, wie früher.
Was mir an der Sache nicht gefiel, war nicht nur Ivans körperliche und mentale Reaktion, sondern auch, wie uns die alte Zeit dabei einholte. Ich fand das nicht ganz normal. Den Gedanken wischte ich vorerst in den Hintergrund.
Wir bestaunten das Buch, die Schatulle und die Steine.
„Da ist nichts weiter Besonderes dran.“ Kam mit einem Male von Kira.
„Da muss was sein! Ich bin davon überzeugt!“ Dejanira nahm nochmal alles in die Hand und drehte und wendete jedes einzelne Teil.
Ich schaute auf die Uhr und stellte fest, dass wir eine weit fortgeschrittene Stunde hatten. „Machen wir Schluss für heute.Ich kann keinen klaren Gedanken mehr fassen.“
Die Mädchen nickten zustimmend. „Wir können die Sachen ausgebreitet auf dem Boden liegen lassen.“ Dejanira verließ als letzte das Zimmer. Ich beobachtete sie. Sie schaute auf die Sachen, und schloss langsam die Türe.
„Was machst Du?“ Fragte ich sie. „Meinst Du, die Sachen laufen weg?“
„Wer weiß.“ Sie schaute kurz zu mir, lächelte, und zog die Türe hinter sich zu.
Wir gingen nach unten, ins Wohnzimmer.
Ivan war inzwischen ebenfalls da. „Ich muss auch ganz ehrlich sagen, dass ich keine Schraube richtig eindrehen konnte. Nicht, dass mir kalt war. Mir fehlt es an Konzentration. Habt Ihr mehr herausfinden können?“
„Uns ging es gerade genauso.“ Stimmte Kira zu. „Die Sachen machen was mit uns.“
Sechs Augenpaare schauten Kira ernst an. „Was denn? Habe ich was Falsches gesagt?“
„Nein,“ beschwichtigte Ivan. „Du hast nur gerade was Wahres ausgesprochen. Kommt!“ Er klopfte mit der Hand auf die Couch. „Lassen wir uns nach Mitternacht noch ein wenig berieseln.“
Der Fernseher lief. Der Ton war ganz leise. Ivan drehte ihn auch nicht lauter. Das war für ihn untypisch. Ich schob es im Moment darauf, dass es inzwischen spät war und er nicht mehr richtig beim Fernsehen war.
Die Mädels begannen sich über den Fund ausgelassen zu unterhalten. Ivan hörte zu.
„Lasst uns für heute Feierabend machen!“ Sagte er nach einiger Zeit.
Die beiden verdrückten sich in Richtung ihrer Zimmer.
Als es im Haus still war, und Ivan und ich in unserem Schlafzimmer verschwunden waren, konnte ich mich nicht mehr zurückhalten. „Was war denn los mit Dir?“
„Das Buch mit dem Pentagramm, die Steine, die Schatulle, das alles macht mich nervös. Abgesehen davon, dass das alles irgendwie zu Hexenschnickschnack gehört, an den ich so nicht recht glauben mag, ist mir das alles unheimlich. Ich kann Dir nicht genau erklären, was es ist.“ Er schwieg einen Moment. „Weißt Du, ich bin nicht abergläubisch. Ich stehe auch immer hinter Deiner Intuition, Eingebung, Hellseherei, nenne es, wie Du willst, wenn Du wider besseren Wissens Deine Dinge machst – die Du dann immer sehr gut machst, keine Frage. Aber da will uns doch jemand einen Streich spielen.“
Ich streichelte ihm über den Kopf. „Na, wenn schon.“ Entgegnete ich. „Dann ist es ein toller Streich. Es hat die Mädels und mich angefixt, wir können zusammen mal wieder etwas völlig Verrücktes machen. Keiner von uns hat die nächsten drei Tage etwas Konkretes vor. Wir können somit die Zeit mit völlig ‚Sinnlosem‘ füllen und Spaß dabei haben. Und wenn Du die Schatulle nicht dort irgendwie hingebracht hast, finden wir vielleicht heraus, wer es war. Nur was mich sehr verwundert, dass Du körperlich und mental auf diese Sachen reagierst.“
Ivan schaute mich lange schweigend an. Dann schüttelte er leicht den Kopf.
„Ich kann Dir das nicht genau erklären. Im Moment ist es nur ein Gefühl, das ich nicht zuordnen kann. Das wurmt mich gerade sehr. Aber sobald ich etwas greifen kann, sag ich Dir das. Lass uns schlafen. Die Schufterei steckt mir in den Knochen.“
Wir gaben uns einen Gute-Nacht-Kuss. Arm-in-Arm gekuschelt schlief ich ein. Mitten in der Nacht wurde ich von Ivans unruhigem Schlaf geweckt. Er schwitzte, obwohl es kalt im Zimmer war. Winterliche Luft zog durch das gekippte Fenster ins Schlafzimmer hinein. Ich legte meine Hand auf seine Brust. Dann wurde er ruhiger. Der Mond war fast voll. Das kalte Licht schimmerte durch die Ritzen des Rollladens. Ich schaute Ivan an. Sein Gesicht war zu mir gedreht, die Augen waren geschlossen. Er schlief wieder fest. Mit seinem Gesicht stimmte plötzlich etwas nicht. Es hatte sich ganz kurz verändert. Ich konnte jedoch nicht ausmachen, was die Veränderung war. Ich schaute ihn an und schlief darüber ein.
Am nächsten Morgen saßen wir zum Frühstück beisammen.
Kira und Dejanira hatten sich vor dem Frühstück darum gekümmert, die Schatulle zu putzen.
„Das Buch und die Steine haben wir wieder reingelegt. Auch die Steine habe ich mit einem Tuch etwas abgerieben. Sie glänzen nun noch mehr.“ Erklärte Dejanira freudestrahlend.
„Wo sind die Sachen jetzt?“ Fragte Ivan.
„Wir haben alles in Mamas Bastelzimmer auf das Fensterbrett gelegt.“
Er schaute Kira argwöhnisch an. „Was?“ Fragte sie.
„Tut mir leid, dass ich so komisch drauf bin.“ Erklärte Ivan. „Unser Fund beunruhigt mich etwas, und ich kann immer noch nicht genau sagen, warum.“
Kira lächelte nach der Erklärung. „Du wirst schon noch darauf kommen, und es uns dann sagen.“ Versuchte sie Ivan etwas aufzumuntern.
Das machten die Mädchen immer, wenn er geknickt war. Ivan nickte und wirkte müde. Ich legte den Finger über die Lippen, um den Mädchen Schweigen anzudeuten. Wir ließen Ivan in Ruhe seinen Kaffee trinken, der ihm seine Lebensgeister langsam einhauchte.
Nach dem Frühstück sprang er in seine Arbeitskleidung, um an seinem Oldtimerprojekt zu arbeiten.
„Gehen wir gleich wieder zu den Sachen?“ Bettelte Dejanira.
„Natürlich!“ Gab ich zurück. „Welch eine Frage!“
Schneller, als sonst, räumten die Mädchen den Tisch nach dem Frühstück ab, und wir verschwanden im oberen Stockwerk.
Ich setzte mich wieder auf den Holzboden. Dejanira platzierte sich dazu, und Kira holte die Schatulle vom Fensterbrett und kam damit zu uns. Kira legte sie zwischen uns. Ich öffnete unsere kleine Schatztruhe und legte die Herrlichkeiten vor uns auf den Boden. Wir schauten sie uns abwechselnd erneut an.
Ich sah nicht mehr, als am Abend zuvor. Nachdem Dejanira den Einband des Buches nochmals betrachtet hatten, schlug sie das Buch wieder auf. Außer vergilbte, und allem Anschein nach unbeschriftete Papierseiten, war weiterhin nichts zu sehen.
„Das ist offensichtlich ein Hexenbuch, würde ich jetzt einfach mal behaupten.“ Kam es entschlossen von Dejanira. „Pentagramme haben immer was damit zu tun. Oder es ist ein Teufelsbuch.“
Kira und ich schauten sie mit einem Schmunzeln an.
„Ich meine das ernst. Das sieht man doch in jedem Film dieses Genre.“ Erklärte Dejanira.
„Na gut, Schwesterlein. Schenken wir Deiner Aussage einfach mal Glauben. Mit welchem magischen Spruch zaubern wir die Buchstaben sichtbar auf das Papier? Hast Du noch einen aus der Hexenschule parat?“ Kira runzelte gekünstelt die Stirn, als sie ihre Schwester foppen wollte.
Dejanira ging auf die Frage zunächst nicht ein. Sie schaute sich suchend um. Währenddessen nahm Kira die Steine in die Hand, und hielt sie gegen das Licht, das zum Fenster hereinfiel.
Ich nahm die Schatulle zu mir. Auf ihr waren ebenfalls Muster zu erkennen, es schien Holz und Metall zu sein, die denen auf dem Buch ähnelten. Wenn uns jemand einen Streich spielen wollte, hatte sich dieser jene sehr viel Mühe gegeben. Ich knipste die Stehlampe hinter mir zusätzlich an, um die Schatulle genauer betrachten zu können. Es befand sich noch Erde in den Linien der Muster. Ich pustete beherzt darüber, um sie wegzublasen.
Plötzlich hatte ich das Gefühl, mir schwirrten die Muster vor den Augen. Schnell schloss ich die Augen, in der Hoffnung dieses aufkommende Schwindelgefühl wieder loszuwerden. Das funktionierte. Als ich die Augen wieder öffnete, um auf die Schatulle zu schauen, stellte ich fest, dass sich die Linien tatsächlich bewegten.
Erstaunt und erschrocken zugleich schaute ich zu Kira und Dejanira. Sie waren jedoch zu sehr mit den Steinen und dem Buch beschäftigt, und bemerkten meine Blicke nicht. Ich war gerade im Stande ein „Schaut mal her!“ Zuflüstern, um ihre Aufmerksamkeit zu bekommen.
Sie hielten kurz inne, und legten das Buch und die Steine zur Seite, und rückten zu mir.
„Was hast Du gemacht?“ Fragte Dejanira.
„Ich habe nur die Erde aus den Ritzen des Musters weg gepustet.“ Antwortete ich leise. „Kurz darauf hörte das Spektakel auf. Die Linien standen wieder still.“
„Mach das nochmal.“ Bat Kira.
Ich pustete nochmals über die Schatulle.
Und wieder kamen die Linien für eine kurze Zeit in Bewegung.
Dejanira legte den Finger auf die Linien. Dann schaute sie verwundert. „Ich spüre nichts unter meinen Fingern.“ Sie wischte sachte über die Schatulle. „Anhalten kann ich diese Wellen auch nicht.“
„Also können wir das nur sehen, aber nicht anfassen.“ Stellte Kira fest.
„Lass mich mal pusten!“ Bat Dejanira. Bei ihr tat sich nichts.
Kira versuchte, in gleicherweise das Muster in Bewegung zu bekommen, was ihr auch nicht gelang.
„Dann mach Du nochmal. Das geht wohl nur bei Dir.“ Forderte Dejanira mich erneut auf. Und es funktionierte abermals, als ich drüber pustete. Das Spiel hätte den ganzen Tag so weiter gehen können. Dabei drehte und wendete ich die Schatulle, um einen Hinweis auf die Funktionsweise zu bekommen.
„Wir haben sie von allen Seiten angeschaut und alles daran abgesucht. Ich habe keine Ahnung, wie dieser Mechanismus funktioniert.“ Gab ich nach einiger Zeit auf und beschloss, die Schatulle wieder auf das Fensterbrett zu stellen. „Lasst uns nach den Steinen und dem Buch schauen.“
Und wir wandten uns den beiden Sachen zu. Ich versuchte mir keine weiteren Gedanken um diese seltsame Schatulle zu machen. Was mir sehr schwer gelang.
Dejanira hatte die Steine in der Hand. Sie hielt einen nach dem Anderen vor die Lampe.
„Es gibt keine sichtbaren Einschlüsse. Sie sind schön klar und wirkten rein.“
„Im Bücherregal ist noch das alte Edelsteinbuch. Das wird uns bei der Bestimmung helfen.“ Ich stand auf, holte es und gab es Dejanira.
„Sag mal, was treiben diese Steine eigentlich die ganze Zeit?“ Knurrte Dejanira nach einiger Zeit, als sie in dem Buch geblättert hatte.
„Was ist los?“ Erkundigte ich mich.
Kira kam ihr zuvor. „Jedes Mal, wenn ein Stein von uns gerade genau unter die Lupe genommen wurde, und die Abbildung im Buch scheinbar mit dem Stein übereinstimmt, verändert sich etwas daran!“ Enttäuschung schwang in ihrer Stimme mit.
„Dann will der Stein nicht bestimmt werden.“ Kommentierte ich die Enttäuschung.
Zwei Augenpaare schauten mich etwas säuerlich an. „Du sagst immer so was Komisches. Gegenstände haben doch keinen eigenen Willen.“ Kira wirkte frustriert.
„Lass es doch gerade mal dabei. Dann sind es einfach schöne, magische Steine. Vertrau mir. Es kommt eine Zeit, da wissen wir, welche Steine es sind, und welchen Sinn sie haben.“
„Gib sie her.“ Dejanira hielt die Hand auf. Kira legte ihr die Steine in die Hand. „Ich tu sie zur Schatulle.“
„Wenn das so weiter geht, dass wir hier nichts und gar nichts für uns lösen können, dann setzen wir das auf die Liste ‚schöner Zeitvertreib‘. Sicher hat Ivan was damit zu tun.“ Wägte Kira ab.
„Wir sind noch nicht am Ende angekommen.“ Entgegnete Dejanira. „Überleg doch mal! Ivan ist seit je her ein Schauspieler. Wenn er uns einen Schabernack spielen wollte, hätte er Schauspielunterricht nehmen müssen. Dafür hat Ivan zu sehr auf die Sachen reagiert. Und Ich bin mir sicher, seine Reaktionen darauf waren echt. Vielleicht sollten wir das Zeug auch eher Reliquien oder Werkzeuge des Okkulten nennen. Mir wird es auch langsam unheimlich. Gerade mit der Schatulle. Und auch die Steine scheinen zu machen, was sie wollen.“ Dejanira kam in Fahrt. „Ihr zwei scheint da ja nochmal abgebrühter zu sein, so sich bewegende Linien mit schönem Zeitvertreib abzutun. Ist ja wohl wirklich der Knaller! Und die Steine! Wir haben sie uns jetzt eine halbe Ewigkeit angeschaut, gedreht und gewendet, und jedes Mal wirkte das Innere der Steine plötzlich etwas anders, sei es die Farbe oder auch winzige Pünktchen, die darin auftauchen. Das haben wir alle drei gesehen. Oder etwa nicht?! Abgesehen von dem Geheimnisvollen, ist mir die ganze Zeit schon wieder so warm. Wie gestern, als wir die Sachen in der Werkstatt vor uns hatten. Das Fenster habe ich inzwischen auch auf gemacht. Es ist Winter!“
Kira und ich schauten zum Fenster. Jetzt, wo Dejanira etwas dazu gesagt hatte, merkte ich, dass es im Zimmer frisch war.
„Der Eifer hat uns wohl gepackt. So war es früher auch schon, wenn wir zusammen unsere Hexenspiele gespielt hatten.“ Versuchte ich zu entgegnen. Kira schaute mich stirnrunzelnd an. Ich lächelte verlegen und schwieg zunächst. Ich wusste, dass sie mit ihrem Blick Recht hatte, die Sache gefälligst ernst zu nehmen.
„Und was nun?“ Ich schaute beide erwartungsvoll nach weiteren Ideen an.
„Ich glaube, Dejanira hat Recht. Was uns die Utensilien hier so bieten, ist mit Technik nicht herzustellen. Jedenfalls wüsste ich nicht, wie man sie so unsichtbar einbauen könnte.“ Gab Kira zu bedenken.
„Was machen wir jetzt mit dem Buch? Das haben wir uns noch nicht genauer vorgenommen. Leere Seiten, altes Papier. Der Einband. Nehmen wir uns das jetzt vor?“ Schlug ich vor. „Und widersprecht mir bitte, aber eine gewisse Anspannung oder auch schlechte Laune ist ebenfalls im Raum, oder?“ Ich hielt kurz inne. „Können wir die bitte wieder ablegen? Wir schauen uns jetzt nochmal das Buch genauer an, und dann gehen wir was essen.“
Beide nickten zustimmend, und ließen ihre hochgezogenen Schultern entspannt nach unten sinken.
Ich zog das Buch in unsere Mitte. Da war zunächst nichts zu entdecken. Nur die leeren Seiten zeigten sich beim Durchblättern.
„Was wäre, wenn wir etwas Pflanzenöl auf der ersten Seite verreiben?“ Kiras Idee hörte sich interessant an. „Dann wird die Seite etwas durchsichtig. Vielleicht zeigt sich dann etwas.“
„Ich geh die Flasche holen.“ Dejanira sprang auf und verschwand aus dem Zimmer.
Bald kam sie wieder. Dann benetzte sie ihren Finger mit Öl, und strich damit über die erste Seite. Die Idee funktionierte! Es kamen tatsächlich Buchstaben und Worte, die über die gesamte Seite gingen, zum Vorschein: ‚Stein um Stein, so soll es sein. Du findest die Ordnung, wenn Dein Herz ist rein.‘
Dejanira hielt inne.
„Wow!“ Rutschte es Kira raus.
Ich staunte auch nicht schlecht und froh, dass die Stimmung wieder aufgehellt war.
„Los! Mach weiter! Schmier das Öl auch gleich auf die nächste Seite!“
Dejanira folgte den Worten ihrer Schwester. Als sie auch auf der nächsten Seite das Öl auf das Papier verteilte, blieb das Öl gar nicht darauf haften. Es entstanden Ölperlen. Sie rollten aufeinander zu, sammelten sich zu Größeren zusammen, rollten von der Buchseite herunter und landete auf dem Holzboden.
Dort erstarrte das Öl zu einer festen Masse!
„Das gibt’s doch nicht!“ Vorsichtig nährte sich Dejanira mit ihren Fingern einem dieser erstarrten Tropfen. Als sie ihn berührte, wurde er flüssig und zog in das Holz des Bodens ein.
„Alles weg! Noch nicht mal ein kleiner Rand bleibt auf dem Holz übrig!“ Es war keine Spur von einem Tropfen Öl auf dem Boden.
Kira rutschte unruhig hin und her.
Dejanira stand auf. „Ich kann nicht mehr!“ In ihr war wieder Anspannung aufgekommen.
Kira und ich taten ihr gleich und standen auf.
Ich schüttelte mich aus. „Los, bewegt Euch. Etwas Bewegung lockert uns auf!“
Als Dejanira sich heruntergefahren hatte, setzte sie sich wieder auf den Boden. „Was passiert da?“ Hauchte sie.
Kira und ich warteten einen Moment. „Einatmen, Ausatmen.“ Sagte ich laut, mehr zu mir selbst. Aber Kira machte, was ich sagte. Dann setzte ich mich wieder.
Kira blieb noch einen Augenblick stehen. Sie schaute sich alles von oben an, dann kam sie zu uns auf den Boden.
Dejanira nahm die Steine in die Hand, murmelte ein paar Mal die beiden Sätze aus dem Buch vor sich her. „Stein um Stein, so soll es sein. Du findest die Ordnung, wenn Dein Herz ist rein.“ Sie schaute die Steine an. „Ich glaube, ich brauch noch das Hexenbuch.“ Und zog es zu sich heran. Sie schlug es zu. Dann schaute sie sich den Buchdeckel nochmal genauer an. Sie fuhr kurz mit ihrem Zeigefinger durch jede Mulde. Dann legte sie die Steine jeweils in eine Vertiefung hinein. Erst tat sich nichts.
„Was braucht es Magisches?“ War meine Überlegung. „Lasst uns den Kreis schließen!“ Als ich Kiras Hand zu meiner Rechten und Dejaniras Hand zu meiner Linken nahm, gaben sie sich ebenfalls die Hände. Und unser Kreis schloss sich.
„Mama? Bist Du eine Hexe?“ Fragte Dejanira unvermittelt.
„Klar, ich bin die Oberhexe.“ Scherzte ich.
Sie schaute mich sehr ernst an.
„Warum fragst Du?“ Ich sah sie überrascht an.
„Naja, was Du da machst, machen doch nur Hexen. Das konnte ich in meinen Büchern lesen. Und das haben wir damals in unserer nächtlichen Hexenschule ebenfalls gelernt.“
„Eure Hexenschule war doch nur ein Kindheitsspiel, was wir lange gespielt haben. Das waren doch nur Träume und Eure magische Zeit, oder?“ Mir wurde mulmig, als ich die uralten Erinnerungen hochholte.
Dejanira schaute mich lange durchdringend und schweigend an. Ich widerstand ihrem Blick. Dabei merkte ich, dass Kira mich ebenso anschaute. Was war hier los? Wussten die beiden mehr, als sie zugaben?
„Lassen wir das im Moment.“ Unterbrach Kira die Situation.
Dejanira nickte kurz. Ich war froh um die Unterbrechung. Irgendwas passierte mit uns und um uns herum.
Dejanira schaute auf das Buch und die Steine. „Stein um Stein, so soll es sein. Du findest die Ordnung, wenn Dein Herz ist rein!“ Kam es entschlossen aus Dejanira heraus. Sofort verbanden sich die Steine mit dem Buchdeckel mit einem Aufblitzen.
„Was passiert da?“ Quiekte Kira. „Das Buch frisst die Steine auf!“
Das Leder begann sich um die Steine zu winden. Zudem stieg plötzlich aus den Buchseiten Rauch heraus.
Ich ließ Kira und Dejanira erschrocken los, rutschte vom Buch weg, zog meine Hände vor meine Augen und lugte durch einen Fingerschlitz.
Das Leder löste seine Umarmung sofort von den Steinen, als wir drei keine körperliche Verbindung mehr zueinander hatten. Sie lagen wieder lose oben auf. Der Rauch verzog sich. Ich nahm die Hände vom Gesicht und schaute die Mädchen an. Noch immer hatte ich den Schreck in den Gliedern sitzen. Sie schauten mich wortlos und schwer atmend an.
Dann griff Kira meine Hand. Sie zog mich zu sich. „Komm schon! Hier geht’s weiter.“
Dejanira reichte mir ihre Hand. „Lass es geschehen!“
Also schlossen wir erneut den Kreis. Das Buch und die Steine verbanden sich, es blitzte wieder und erneut kam Dunst aus den Buchseiten heraus.
„Weiter festhalten!“ Rief Dejanira. Ich hielt beide so feste, ich konnte.
Dann ließ der Spuk langsam nach. Es so schien, als ob das Buch die Verbindung mit den Steinen endgültig eingegangen hatte.
„Ich glaube, wir können uns loslassen.“ Dejanira zog langsam ihre Hand aus meiner. Die Verbindung der Steine hielt, während wir unsere auflösten.
Dejanira griff sofort nach dem Buch, hob es hoch, schüttelte und schlug es erneut auf. Die Steine blieben dabei fest in den Mulden liegen.
Kira schaute ihr über die Schulter. „Wir sind hier einer großen Sache auf der Spur mit viel Magie! Total verrückt!“
„Bist Du sicher, dass Magie existiert?“ Hörte ich mich fragen.
„Mama!“ Kira schaute mich entrüstet an. Sie zeigte auf das Buch. „Erkläre mir diese Technik!“
„Wie könnt Ihr Euch so darauf einlassen?“ Murmelte ich mehr zu mir, als zu den Mädchen.
„Das hast Du uns beigebracht. Schon vergessen? Die meisten Antworten kommen später. Deine Worte.“ Kira wirkte sauer.
Ich schwieg. Mir fiel im Moment kein passender Kommentar ein.
„Können wir uns beruhigen?“ Wandte Dejanira ein. Sie schaute Kira und mich nacheinander eindringlich an. „Also, weiter!“ Dejanira schlug die zweite Seite auf, auf der vorhin noch nichts stand. Sie las vor: „Geht, wohin der Wind Euch weht. Seid offen, dann könnt Ihr auf Magie hoffen. Zeigt, was Ihr habt, und begebt Euch auf die Jagd. Auf die Jagd nach dem Schatz des Lebens, und nichts ist vergebens. Lasst alles zu, und Ihr findet Eure innere Ruh‘.“
Sie blätterte weiter in dem Buch. „Seht!“ Und es waren weitere Texte, Bilder und Karten mit Wegbeschreibungen darin zu finden.
„Was ist das alles für Zeug?“ Wunderte sich Kira. „Ergibt das zweite Rätsel Sinn? Sollen wir jetzt irgendwohin gehen?“
„Wir sollten Ivan nachher beim Essen dazu befragen. Bestimmt hat er eine Idee.“ Schlug ich vor. Die Mädchen stimmten zu.
Als wir später, am Abend, zusammen am Tisch saßen, bekam Ivan ausführlich erzählt, was wir erlebt hatten. Er hörte uns schweigend zu. Noch nicht einmal ein „gibt’s nicht“ oder „das hört sich ganz schön spinnert an“ kam von ihm. Er verlor kein Wort.
„Du sagst ja gar nichts. Magst Du Dir mal anschauen, was wir entdeckt haben?“ Fragte Kira.
„Nein, seid bitte so gut, und lasst mich Abstand zu diesen Reliquien halten. Ich weiß immer noch nicht, was mit mir ist. Ich möchte nicht in der Nähe der Sachen sein. Auch Eure neusten Erzählungen sind mir einfach unheimlich!“
Kira schaute gekränkt drein. „Vielleicht könntest Du uns aber beim Entschlüsseln eines Reimes helfen, der im Buch steht?“ Fragte sie ihn, um die Situation zu entspannen.
„Natürlich. Dafür könnt Ihr mich haben!“ Lächelte er sie angespannt an.
Kira trug ihm dann den Reim vor.
Ivan überlegte, was die Worte bedeuten könnten. „Früher sind wir immer zu den Windrädern gelaufen. Das war schon ein ganz schöner Marsch. Der Wind weht auf dem Feld. Für Magie seid Ihr drei sowie immer offen gewesen, was Eure Geschichten von damals, und Euren heute noch bestehenden sechsten Sinn angeht. Vielleicht müsst Ihr einfach nur aufbrechen, und den Wind mit Euch reden lassen.“
Ich schaute ihn überrascht an. „Findest Du nicht, wir sollten unser Teichprojekt fertig machen und den Urlaub gemeinsam verbringen?“
„Nein. Wir müssen unser Projekt jetzt nicht fertig stellen.“ Antwortete Ivan. „Abgesehen davon können wir mindestens die nächsten zwei Tage nichts weiter am Teich bauen. Schaut Ihr mal, was Ihr erleben könnt. Vielleicht seid Ihr auch ganz schnell wieder da. Und wenn Ihr wieder da seid, können wir am Teich weiter bauen.“
Dejanira rutschte aufgeregt auf ihrem Stuhl hin und her. „Zelten im Winter! Mit meiner Schwester und Mama!“
Ivan schaute sie kopfschüttelnd an. Sie hielt inne. Dann fuhr er fort: „Außerdem könnt Ihr mir dann bestimmt auch was Spannendes erzählen. Ich gehe davon aus, dass ich Euch an Weihnachten wiedersehe?“ Endete er.
Ich wusste, dass Ivan das ernst meinte. Er gönnte uns drei Mädels von Herzen, ohne ihn Zeit miteinander verbringen zu können. Er genoss immer unsere mitgebrachten Geschichten von unseren getrennten Urlauben.
„Denkt daran, dass bald Vollmondnacht ist! Ich habe keine Ahnung, ob das für Euch von Bedeutung ist, und wollte Euch nur darauf aufmerksam machen.“
Ein Schauer zog mir über den Rücken. Manchmal war er unheimlich, wenn er sich auf uns, und unsere mystischen Angelegenheiten einließ.
„Los, wir müssen unsere Rucksäcke mit Allem packen, was wir brauchen können!“
Dejanira und ich sprangen sofort vom Tisch auf, und rannten nach oben, in unsere Zimmer.
Da waren ein paar Kleidungsstücke, ein kleines Zelt, Schlafsäcke und Geld einzupacken. „Mama!“ Rief Dejanira quer durch das Haus. „Wir brauchen Rucksäcke!“
„Ich komm!“ Hörte ich die Antwort von unten durch das Haus hallen.
Kurze Zeit später lief Mama an meiner Zimmertür vorbei. „Auf dem Dachboden sind die Reisetaschen.“
Ich folgte ihr. Dejanira kam ebenfalls aus ihrem Zimmer hinter her gehuscht. Der Dachboden war schon immer sehr geheimnisvoll. Dort waren alle möglichen Sachen gelagert. Vor allem alte Sachen. Schon oft stöberte ich dort oben herum, wenn ich alleine im Haus war.
Mama schaute sich suchend um. Hob hier etwas hoch, legte dort etwas zur Seite, bis sie fündig wurde. Sie drückte Dejanira und mir jeweils einen Wanderrucksack in die Hand, und für sich selbst zog sie einen Rucksack aus der hintersten Ecke unseres Taschenlagers.
„Wo kommt der denn her?“ Überlegte Mama halblaut.
