Verlag: Edition Atelier Kategorie: Gesellschafts- und Liebesromane Sprache: Deutsch Ausgabejahr: 2017

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Sicherung: Wasserzeichen

E-Book-Beschreibung Die Stille der Gletscher - Ulrike Schmitzer

Grüne Gletscher und gestohlenes Wasser. Als Wissenschaftsredakteurin für den Radiosender Ö1 kommt Ulrike Schmitzer mit den spannendsten und vielfältigsten Themen in Berührung – von Kulturwissenschaft über Zeitgeschichte bis zum Weltraum. Oft wird sie davon auch zu einer literarischen Bearbeitung inspiriert (weshalb ihre Bücher alle hervorragend recherchiert sind). Ihre Leidenschaft, den Dingen auf den Grund zu gehen und allgemein gängige Meinungen zu hinterfragen, überträgt die Autorin auf ihre Roman-Figuren. Das sind meist starke, wissbegierige Frauen, die ihren Weg gehen, auch wenn sie dabei manchmal stolpern. In ihrem neuen Roman "Die Stille der Gletscher" hangelt sich eine freiberufliche Fotografin von Auftrag zu Auftrag und sucht daneben auch die künstlerische Erfüllung. Als sie für eine Umweltschutzorganisation alte Gletscherfotos mit neuen Aufnahmen vergleichen soll, nützt sie diese Gelegenheit, Menschen, die mit Gletschern arbeiten, für ein Fotobuch zu porträtieren. Bald ereilt sie der Verdacht, dass nicht nur der Klimawandel Schuld am Gletschersterben trägt. Als auch noch die Leiche einer vermissten Biologin gefunden wird, ahnt sie schon, dass es sich um Mord handelt. Was als spannendes Projekt begonnen hat, wird zu einem Wettlauf gegen die Zeit – zum Glück hat sie ein kundiges Team an ihrer Seite ... Witzig, rasant & gut recherchiert. Ulrike Schmitzer bringt in "Die Stille der Gletscher" ein beängstigendes Zukunftsszenario in die Alpen.

Meinungen über das E-Book Die Stille der Gletscher - Ulrike Schmitzer

E-Book-Leseprobe Die Stille der Gletscher - Ulrike Schmitzer

ULRIKE SCHMITZER

Die Stille der Gletscher

ROMAN

Inhalt

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Kapitel 23

Kapitel 24

Kapitel 25

Kapitel 26

Kapitel 27

Kapitel 28

Kapitel 29

Kapitel 30

Kapitel 31

Kapitel 32

Kapitel 33

Kapitel 34

Kapitel 35

Kapitel 36

Kapitel 37

Kapitel 38

Kapitel 39

Kapitel 40

Kapitel 41

Kapitel 42

Kapitel 43

Nachwort von Dr. Michael Staudinger, Direktor der Zentralanstalt für Meteorologie und Geodynamik, ZAMG

Glossar

Literatur

1

»Hoppla«, sagt Fritz.

Ich kenne den Gondelführer Fritz gerade einmal zwanzig Minuten, und schon befinden wir uns in einer Krise.

»Jetzt hat es uns hinausgeworfen.«

Das ist mir nicht entgangen. Die Gondel hängt in vierzig Metern Höhe, und sie schwankt vor und zurück. Fritz zieht sein Funkgerät aus der Plastikfolie an der Gondelwand und meldet einen Störfall.

»Dauert nicht lang«, sagt er.

Die vier Araber kichern und machen Fotos mit dem iPhone. Sie machen Fotos von sich selbst, nicht vom Gletscher. Fritz hat die Situation souverän unter Kontrolle.

»No problem!«, sagt er und lächelt freundlich.

Und dann flucht er. Wird wohl doch länger dauern.

»Da, schau«, sagt er und zeigt auf einen Felsblock.

Ich sehe nichts.

»Da war früher Eis. Vor zwei, drei Jahren haben wir schon einmal so eine extreme Hitze gehabt, fast dreißig Grad, da rinnt dir der Gletscher davon. Wenn wir nachher über die Zwölferstütze fahren, dort ist die Randzone, da musst du dann schauen.«

Fritz beobachtet den Gletscher seit seiner Kindheit. Der Gletscher war immer da, und er war immer Teil seines Lebens. Im Sommer ist er oft mit dem Vater auf den Gletscher gegangen. Vor fünfzig Jahren war er eineinhalb Kilometer groß, jetzt erstreckt sich das Eis nur noch über einen Kilometer. Fritz zeigt auf eine Baustelle, auf der gerade zwei Männer mit gelben Baustellenhelmen auf dem Kopf arbeiten. Mehr sieht man von oben nicht.

»Sie sprengen den Fels, damit sie Liftstützen versetzen können«, sagt Fritz. »Der Permafrost, auf dem sie bisher gebaut waren, taut auf.«

Die Seilbahn ruckelt und fährt langsam wieder los.

»Das mit der Gletscherschmelze muss man auch nicht so negativ sehen«, sagt Fritz, aber seine Augen sprechen eine andere Sprache. »Die meisten Skifahrer sind ohnehin nur noch die Kunstschnee-Pisten gewohnt. Die könnten auf Naturschnee gar nicht mehr fahren. Die da unten, was die zusammenfahren! Schau dir das an!«

Wir sind fast am Gipfel angekommen.

Fritz schüttelt den Kopf. Ich frage ihn, was der große, mit weißer Folie überspannte Hügel dort drüben ist.

»Das ist das Schneedepot. Was schätzt du, wie hoch der Haufen ist?«

»Keine Ahnung. Fünfzehn Meter?«

»Fünfundzwanzig Meter!«, sagt er triumphierend.

»Wie kommt der denn dahin?«, frage ich. »Schmilzt der bei der Hitze nicht?«

»Den haben wir im Winter mit den Pistenraupen zusammengeschoben, dann ein weißes Filzvlies drüber, und fertig ist der Reserveschnee. Was schätzt du, wie breit der Haufen ist?«

»Keine Ahnung«, sage ich wieder.

»Zweihundert Meter!«

Ich nicke anerkennend, vermutlich sind die Schneehaufen auf anderen Gletschern kleiner, sonst würde er das wohl nicht so betonen.

»Und wie lange hält der?«, frage ich.

»Der hält schon eine Zeit lang. Damit haben wir ein bisschen Spielraum. Die Gäste wollen schließlich Schnee sehen. Echten Schnee.«

Die Araber steigen aus der Gondel. Sie haben sich im Tal feste Winterschuhe und einen Anorak ausgeliehen. Es gibt schon vier Geschäfte, die auf die neuen Herausforderungen reagiert haben. Früher haben sie Ski und Skischuhe an die Touristen verliehen, aber die neue Gästeschicht kann gar nicht skifahren. Die will nur Schnee schauen. Und den gibt es nur noch auf dem Gletscher. »Gletscherbahnen« steht in großen Buchstaben auf dem Rücken der Araber. Oben am Gipfel stürzen sie sich gleich auf den zentimeterdünnen Streifen mit Frischschnee. Und simulieren eine Schneeballschlacht. Das haben sie wahrscheinlich im Internet gesehen. Sie lachen und wälzen sich im Schnee. Ich kann gar nicht sagen, was daran eigenartig ist. Es sieht irgendwie aus wie Spaß, aber es ist keiner. Fritz hat damit jedenfalls keine Freude.

»Jetzt müssen wir bis zur Ankunft der nächsten Gruppe gleich wieder beschneien«, sagt Fritz verärgert. »Die sind wie Kinder«.

Die Araber merken erst jetzt, wie kalt der Schnee ist und dass ihre Hosen nass geworden sind. Davon war im Internet keine Rede. Sie pusten sich die warme Luft in die zusammengefalteten Hände.

Ich sehe mich um und entdecke gleich neben der Bergstation eine Schneekanone. In der Garage dahinter stehen mindestens zehn von ihnen.

»So viele?«, frage ich Fritz.

»Die Schneekanonen müssen dem Gletscher immer weiter nachrücken. Jedes Jahr wird ihr Einsatzgebiet größer. Deshalb brauchen wir immer mehr von denen.«

Fritz muss zurück ins Tal. Die Gondel ist schon wieder voll mit Touristen, die genug vom Gletscher haben. Er zeigt mir noch den Weg zum Gletschermuseum, obwohl der gar nicht zu übersehen ist. Große Bildtafeln weisen zum Museum, das erst vor kurzem in den Berg gebaut wurde.

Ein Mann mit Tirolerhut empfängt eine Gruppe von Chinesen. Die Chinesen wissen vermutlich nicht, dass wir nicht in Tirol sind. Er muss noch warten, bis die Gruppe komplett ist. In der Zwischenzeit frage ich den Mann mit dem Tirolerhut, ob zurzeit viele Touristen kommen.

»Siehst ja«, sagt er.

Ein gesprächiger Führer, ideal für den Job, denke ich. Neugierig bin ich aber trotzdem.

»Warum brauchen die denn ein Museum am Gipfel, das ist doch ein herrliches Panorama?«, frage ich.

»Heute!«, sagt er. »Bei der Sonne! Aber was machst du mit den ganzen Leuten, wenn es regnet, wenn die Wolken in den Bergen hängen?«

Das habe ich mir noch nie überlegt. Was macht man am Berg, wenn man nichts sieht?

»Na, eben«, sagt er. »Jetzt kannst du ins Museum gehen. Die Bergkristalle bewundern und dir anhören, wie der Berg von innen klingt.«

»Da sind Bergkristalle drinnen?«, frage ich begeistert nach.

»Nein«, sagt er. »Schautafeln über Bergkristalle. Das reicht eh. Die meisten bleiben sowieso im Gletscherkino hängen.«

»Was gibt’s da zu sehen?«, frage ich, weil die Chinesen noch immer nicht vollzählig sind. Ein paar sind aufs Klo gegangen und scheinen nicht wiederzukommen.

»Einen Film.«

»Aha«, sage ich.

»Den Leuten musst du einen Film zeigen, in dem sie sehen, wie schön die Natur ist. Wenn sie dann aus dem Kino kommen, erkennen sie die Sachen wieder und freuen sich. Die können gar nicht mehr selber schauen«, sagt er.

»Wir verkaufen nicht die Berg- und Talfahrt. Wir verkaufen ein unvergessliches Erlebnis«, wird der Geschäftsführer der Gletscherbahnen später zu mir sagen.

Ich spaziere durch den mystisch beleuchteten Bergstollen, der Boden ist mit Gummimatten ausgelegt, er ist weich wie Gras. Man hört seinen eigenen Schritt nicht, obwohl jedes Räuspern ein Echo zurückwirft. Ich bin allein im Berg. Da hat sich jemand etwas einfallen lassen, man kann einen alten, vollbeladenen Holzkarren hochhieven und sich wie ein Bergarbeiter in alten Zeiten fühlen. In der nächsten Koje kommt eine Werbung für die Amethystwelt, die nicht weit entfernt ist. Wunderbare Lichtspiele! Zweihundert Meter geht es bergab, dann bricht der Stollen aus dem Berg aus, und ich stehe auf einer Plattform und blicke durch die Metallgitter in ein paar Hundert Meter Tiefe.

Ich stelle mein Stativ auf und fotografiere das Gletscher-Panorama, bevor ich im Berg zurück hinauf und zu den Punkten gehe, die mir die Umweltschutzorganisation aufgetragen hat. Von dort aus werden jedes Jahr Fotos gemacht, bis der Gletscher endgültig verschwunden sein wird. Der Fotograf, der das bisher gemacht hat, ist gestorben. Gut, dass er das Ende nicht erlebt, haben die Umweltschützer gesagt, das hätte er nicht verkraftet. Ich habe seine Fotos aus den Sechzigerjahren mit, die Perspektive muss stimmen, damit die Bilder dann im Zeitraffer geschnitten und abgespielt werden können. Damit die Dramatik besser zur Wirkung kommt.

2

Der Professor hat angeboten, mit mir auf den Gletscher zu fahren. Er kennt den Gletscher wie kein anderer. Seit fünfzig Jahren schon macht er Messungen auf dem Berg. Während seiner Studentenzeit hat er damit begonnen, aus reinem Forscherinteresse, sagt er. Erst im Lauf der Jahre stellte sich heraus, wie wertvoll eine derartige Langzeitreihenmessung ist.

»Das sind Daten, die kann mir niemand mehr nehmen«, meint er. »Die Forscher werden untereinander immer misstrauischer. Die Jungen eignen sich Daten an, die ihnen nicht gehören. Die wissen gar nicht mehr, dass man ins Feld hinaus muss, um Datenreihen zu bekommen. Dass man durch meterhohen Schnee waten muss, in Gletscherspalten zu stürzen droht und mit eisigem Wind zu kämpfen hat. Dass man meterhohe Schneeschächte graben muss. Die glauben, die Daten sind von alleine im Internet, die muss man nur herunterkopieren. Ich bin der einzige weltweit, der so lange Messreihen hat – fünfzig Jahre«, sagt er triumphierend zu mir. »Weltweit! Meine Daten kennt jeder Glaziologe von Grönland bis Chile! Ich hab 1963 begonnen, das war das erste Haushaltsjahr, und durch Extrapolationen und Berechnungen komm ich mit der Messreihe bis in die Vierzigerjahre zurück. Gut, es gibt noch andere Messreihen, die über fünfzig Jahre gehen, aber die hat nicht ein Forscher alleine gemacht. Ich kenne den Gletscher wie kein anderer.«

Der Gletscher hat ein Eigenleben. Er kommt und er geht. Es ist nicht so, dass er sich immer nur zurückzieht. Es hat Jahre gegeben, da ist der Gletscher vorgerückt. 1965, das war ein unheimlich spannendes Jahr, da waren die Sommer kühl und die Winter schneereich, daher haben die Gletscher an Masse aufgebaut, sie haben wieder vorzustoßen begonnen. Das Sonnblickkees-hat zehn Millionen Kubikmeter an Masse zugenommen, da hat sich ein riesiges Nährgebiet aufgebaut.

»Was glauben Sie, wie die jungen Kollegen neidisch sind, dass ich noch einen Vorstoß erlebt habe! Und gemessen habe!«

Als wir am Gletscherrand ankommen, zeigt mir der Professor eine Hinweistafel: »Gletscherlehrpfad«. Er zieht seine Jacke aus, lässt die Sonne auf seine braungebrannten Arme strahlen. Er ist trotz des Aufstiegs überhaupt nicht verschwitzt.

»Den haben sie ohne mich gemacht«, sagt er.

Ich weiß nicht, ob er mehr enttäuscht oder verärgert ist.

»Den haben sie ohne mich gemacht«, sagt er noch einmal. »Davon hab ich nichts gewusst. Und jetzt ist der Lehrpfad voller Fehler, ein Wahnsinn!«

Der Professor will mit mir den Lehrpfad abmarschieren und mir alle Fehler zeigen.

»Ja, gerne«, sage ich, »aber lieber später«.

Ich will zuerst meine Fotos machen. Wir sind schon um drei Uhr in der Früh aufgestanden, um ein schönes Licht zu haben. Jetzt ist das Licht hervorragend.

»Herrlich«, sage ich. »Das sollten wir nutzen.«

»Wie lange wird der Gletscher noch da sein?«, frage ich, während ich die schmutzigen Schneereste in den Fokus nehme.

»Wenn es so weitergeht, ist das Kees in dreißig Jahren verschwunden. Man spricht davon, dass in fünfzig Jahren nur noch die Hälfte der Gletscher da sein wird, und wenn die Erwärmung so schnell voranschreitet, dann könnten in hundert Jahren nur noch vielleicht zehn bis fünfzehn Prozent der jetzigen Alpengletscherfläche da sein«, sagt der Professor. »Den hier will ich jedenfalls bis zum bitteren Ende begleiten. Mal sehen, wer zuerst verschwindet.«

Der Professor grinst.

Der Professor hat noch immer ein kleines Büro an der Universität. Und das, obwohl er schon seit zehn Jahren in Pension ist. Dank seiner Messreihe kann er jedes Jahr wieder Fördergelder aufstellen und zwei Assistenten beschäftigen. Einer von ihnen soll später einmal die Messreihe übernehmen. Das Schlimmste wäre, wenn es zu einer Lücke käme. Dann wären all die Jahre umsonst gewesen. Der Professor hat kein Jahr ausfallen lassen. Als er sich einmal im Urlaub ein Bein gebrochen hat, ist er pünktlich wie jedes Jahr zu seinen Messpunkten gegangen. Es war eine Qual und ein Kampf gegen die Schmerzen und gegen den Berg, aber er hat es geschafft. Auf seinem Schreibtisch liegen stapelweise Artikel. In den Regalen stehen Bücher, die sich blockweise aneinanderreihen. Es sind Bücher, die er selbst geschrieben hat. Bücher, die noch in Folie verpackt und dutzendweise eingereiht sind. Dazwischen liegen überall Steine. Er nimmt einen Stein und gibt ihn mir in die Hand.

»Das Stück, das Sie jetzt in Händen halten, ist zehntausendzweihundert Jahre alt«, sagt er stolz.

Ich zucke automatisch zurück.

»Kann ich das einfach so halten, ohne Handschuhe?«, frage ich.

Der Professor lacht.

»Das ist nur Holz. Das ist ein Baumstamm von einer Zirbe. Dort, wo heute die Gletscherzunge ist, war damals ein Zirbenwald. Der war schon im Labor und ist durchanalysiert.«

Er kramt herum und sucht etwas. Einen Schlüssel. Er schließt damit den Aktenschrank auf und nimmt ein Fotoalbum heraus. Das Album ist voll mit historischen Fotografien.

»Da, schau«, sagt er.

Ich weiß nicht, was er meint. Ich sehe den Gletscher in seiner vollen Pracht.

»Warte«, sagt er und hält mir Satellitenaufnahmen vor die Nase.

»Dein Herz schlägt auch für den Gletscher«, sagt er. »Das hab ich gleich gesehen.«

Ich nicke.

»Siehst du«, sagt er, »der Gletscher verändert sich. Ich gehe immer am gleichen Tag. Vier Mal im Jahr. Jedes Jahr. Das sind Stellen, da kommt sonst keiner hin. Da spazierst du nicht mal so eben vorbei.«

Er macht eine bedeutungsschwangere Pause.

»Ich habe Bohrlöcher gefunden. Probebohrungen. Irgendjemand bohrt meinen Gletscher an.«

»Bohrlöcher wofür?«, frage ich.

»Ich habe keine Ahnung. Es gibt kein Projekt da oben, das ist alles Naturschutzgebiet. Da gibt’s nichts zu bohren.«

»Vielleicht ein Forschungsprojekt?«, frage ich.

Der Gletscherforscher schnaubt.

»Das wüsste ich!«, sagt er laut. »Ich gehe nächste Woche wieder hinauf. Außerplanmäßig.«

3

Die Umweltschutzorganisation hat mir für jedes neue Foto ein Extrahonorar geboten. Jedes neue Foto heißt, ein historisches Gletscherfoto zu finden und es mit dem heutigen Zustand zu vergleichen. Das Abschmelzen sichtbar zu machen. Sie sagen, sie brauchen das gar nicht unbedingt für die Dokumentation des Klimawandels, den bezweifelt inzwischen niemand mehr. Außer ein paar rechtspopulistische Politiker. Es ist vielmehr ein Service für nachfolgende Generationen, sie sollen die letzten Reste der Gletscher noch zu sehen bekommen. Es soll ein »Museum der Gletscher« werden. Das ist eine Idee, die vom isländischen Künstler Ólafur Elíasson inspiriert ist. Elíasson dokumentierte die Gletscher auf Island in allen Ausformungen, die das Eis ausbildete. Solche Details wollen sie gar nicht, sie wollen einfach eine schöne Totale.

Doch wer weiß, vielleicht kehrt sich die Geschichte schneller wieder um als erwartet, und es ist wie damals, als 1815 der Vulkan Tambora in Indonesien ausbrach. Das darauffolgende Jahr war das Jahr ohne Sommer. Wegen der Ernteausfälle brach eine Hungersnot aus, aber die Kälte hatte auch noch andere Auswirkungen: Die Gletscher stießen vor. Damals setzte ein erster Tourismusboom im Hochgebirge ein, alle wollten die Gletscher in ihrer vollen Pracht sehen. Lord Byron bezeichnete den Gletscher als einen erhabenen Ort ewiger Stille und kristalliner Reinheit.

Vulkane gäbe es genug, die wieder einen solchen Klimawandel auslösen könnten. In Island zum Beispiel würde der Ausbruch der Bárðarbunga genügen, um das Weltklima zu verändern.

»Na, wie geht’s?«, fragt Erik am Telefon.

Seit einiger Zeit ist er in Reykjavik, um Vulkane zu erforschen. Er hat sich auf Gletschervulkane spezialisiert. Manchmal ruft er jede Woche an, und dann wieder drei Wochen nicht.

»Brauchst du Geld?«, frage ich ihn jedes Mal, wenn er anruft, und er verneint auch diesmal wieder.

In der Familie ist er jetzt derjenige, der ein fixes Einkommen und keine Geldprobleme hat. Er wusste immer schon, dass er Wissenschaftler werden will, schon als kleines Kind wünschte er sich einen Chemiebaukasten und ein Mikroskop. Er sezierte Fliegen und Ameisen und spießte Schmetterlinge auf Nadeln auf, der geborene Naturforscher. Ich habe ihn in seinem Interesse unterstützt, aber nicht gelenkt. Schritt für Schritt hat er selbst die Welt entdeckt, und ich habe nur zugesehen, mit welcher Begeisterung er die Natur eroberte. Als Kind bettelte er den Leiter der Wolfsstation so lange an, bis er im Sommer drei Wochen lang mitarbeiten durfte. Als Jugendlicher schrieb er dem Leiter des Sonnblick-Observatoriums, ob er ihn im Sommer auf die Wetterbeobachtungsstation begleiten darf – und er durfte.

Der Job in Island war ein Glücksfall.

»Und du?«, fragt er und lacht, »brauchst du Geld?«.

Ich lache auch. Lustig ist es aber eigentlich nicht.

4

Ein paar Wochen später schlage ich die Zeitung auf und lese im Chronikteil eine kleine Meldung: »Gletscherleiche freigelegt. Am Presena Gletscher wurde durch die hochsommerlichen Temperaturen wieder eine Gletscherleiche freigelegt. Es handelt sich um einen Soldaten aus dem Ersten Weltkrieg. Schon im Jahr 2013 waren zwei Tote aus dem Ersten Weltkrieg geborgen worden. Damals konnten zwei rund zwanzig Jahre alte Soldaten der Österreichisch-Ungarischen Armee identifiziert werden. Sie waren bei Gefechten durch Granatsplitter tödlich am Kopf getroffen worden. Der neuerliche Leichenfund ist wieder ein Soldat, der Gletscherarchäologe Hans Sturm ist zuversichtlich, dass auch seine Identität über die Uniform geklärt werden kann.«

Ich möchte diesen Gletscherarchäologen treffen. Neben dem offiziellen Auftrag der Umweltschutzorganisation habe ich noch ein privates Projekt für ein Fotobuch. Ich porträtiere Menschen, die ihr Leben dem Gletscher widmen. Denn auch sie sind eine aussterbende Spezies. Der Gletscherarchäologe ist nach dem Professor erst mein zweiter Kandidat. Ich rufe ihn an und frage, ob ich zu seiner nächsten Grabung mitkommen darf. Er ist sehr offen und freut sich über mein Interesse. Seine Grabungszeit ist sehr eng begrenzt, meist nur Juli, August und September, in den letzten Jahren haben die Witterungsbedingungen aber sogar noch im Oktober Grabungen in den Hochgebirgsregionen erlaubt.

»Dann können Sie gleich mit aufs Hochjoch kommen, und dort Ihr Foto machen. Dort haben wir neue Funde und graben gerade.«

»Eine Gletscherleiche?«, frage ich.

Er lacht.

»Nicht jede Grabung ist eine Leiche«, sagt er.

»Ich dachte nur, wegen der Zeitungsmeldung«, sage ich etwas verlegen aufgrund meiner Sensationsgier.

»Aber vielleicht liegt ja noch eine unter dem Eis«, sagt er. »Man weiß ja nie! Kommen Sie mal, und dann schauen wir weiter.«

Am Gletscherrand sind nur ein paar Felsbrocken, zu einem Mugel aufgetürmte Steine und viel Matsch zu sehen. Die Stelle ist mit rot-weißem Baustellenband abgesichert.

»Das war der römische Opferplatz«, erklärt der Gletscherarchäologe. »Früher hat es hier Almwirtschaft gegeben, bevor das Eis das Gebiet übernommen hat. Es gab auch Bergwerke im Hochgebirge, in denen nach den wertvollen Bergkristallen gegraben wurde.«

Der Gletscherarchäologe hat schon ganze Bergwerke freigelegt. Er hat eine Sammlung von Ausrüstungsgegenständen von Bergleuten angelegt und dem Heimatmuseum im Ort vermacht. Ein touristischer Anziehungspunkt wie der Ötzi ist das nicht, aber durch die Publikationen ist der Fundort zumindest den vielen Hobbyarchäologen einen Besuch wert.

Der Hochgebirgsarchäologe sieht meine Enttäuschung. Eine tolle Kulisse für ein Hochglanzfoto gibt das nicht her.

»Ganz in der Nähe ist das freigeschmolzene Bergwerk«, sagt er.

Ich lächle hoffnungsfroh.

»Das wird Ihnen besser gefallen. Dort haben wir schon öfter Fotos gemacht, das kommt immer gut an.«

Mein Lächeln schwindet wieder. Ich will nicht das zehnte Foto vom selben Motiv machen, das geht gegen meine Fotografinnen-Ehre.

»Passt schon«, sage ich. »Ich seh mich ein bisschen um und suche uns eine interessante Perspektive. Wegen der Gletscherleiche wollte ich Sie noch etwas fragen …«

»Ach die«, sagt er. »Das ist nichts Besonderes. In Tirol haben wir von 1989 bis 2013 schon achtzehn Gletscherleichen geborgen. Und ich schätze mal, dass da oben noch rund sechstausend Leichen im Eis stecken.«

»Sechstausend?!«, sage ich und schaue nach oben zum Gipfel.