Die Stille im Dorf - Karl Blaser - E-Book

Die Stille im Dorf E-Book

Karl Blaser

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Beschreibung

"Das Glück lässt sich nicht einfangen wie ein entlaufenes Schaf" Ein kleines Dorf in der Eifel, ein raues, ursprüngliches Stück Deutschland. Mit höchst authentischen Charakteren – im Mittelpunkt das junge Bauernmädchen Margarete und ihre Familie – lässt Karl Blaser seine Leser die Kriegs-, Wiederaufbau- und die Wiedervereinigungs-Jahre nachempfinden. Ein Lehrstück fürs Leben, das von menschlichen Abgründen, Ängsten und Unzulänglichkeiten ebenso erzählt wie von Sehnsucht und Hoffen, von Auf- und Abstieg, Abschied und immer wieder Neuanfang.

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Seitenzahl: 482

Veröffentlichungsjahr: 2018

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Karl Blaser

Die Stille im Dorf

 

 

 

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Inhaltsverzeichnis

Titel

Karl Blaser

Prolog

Erstes Buch – Der Krieg

1

2

3

4

5

6

7

8

9

10

11

12

13

14

15

16

17

18

19

20

Zweites Buch – Aufbruch

21

22

23

24

25

26

Drittes Buch – Entscheidungen

27

28

29

30

Nachwort

Liste der wichtigsten Romanfiguren:

Impressum neobooks

Karl Blaser

Die Stille im Dorf

Roman

Impressum:

Text: © Copyright by Karl Blaser, Köln

www.karlblaser.de

Umschlag: Harry Bessler-Herrmann, Köln

Druck: epubli, ein Service der neopubli GmbH, Berlin

Printed in Germany, 2018

ISBN: 978-3-7467-6102-2

„Die Sonne geht an

keinem Dorf vorüber“

(Afrikanisches Sprichwort)

Allen Frauen,

denen Unrecht und

Gewalt widerfährt

Prolog

Wenn es Nacht wird, gehen die Menschen im Dorf spielen. So nennen sie es, wenn sie sich im Winter in ihren Häusern treffen, um sich Geschichten zu erzählen. Der Winter ist die Zeit alter Geschichten. Das Dorf erinnert sich. Nicht wie die Stadt, die alles vergisst.

Da ist zum Beispiel die Geschichte von der Eule, die schon seit Jahr und Tag im Kirchturm wohnt. Die Kapelle ist mit grau-blauem Schiefer beschlagen, sie sieht aus, als sei sie mit lauter kleinen, sich überlappenden Pfannkuchen belegt. Die Glocke im Turm schlägt dreimal am Tag: Bim bam bim bam, bim bim bam bim bam, bim bam bim bam. Ihre hohen Töne ziehen über die grünen Hügel mit dem ewig grauen Himmel. Nur selten verirrt sich ein Fremder in diese Gegend, von der es heißt, dass sie trostlos sei und arm. Der Himmel über der Eifel ist einsam, und die Erinnerung kommt und geht wie ein alter Hund.

Einmal, auf einem Jagdausflug, soll der deutsche

Kaiser aus dem fernen Berlin zufällig hier im Dorf aufgetaucht sein. Hoch zu Ross sei er durch die schlammige Straße geritten, geradeaus, ohne abzusteigen. »Schade, dass hier Menschen wohnen«, soll Wilhelm II.

in seinen Bart gegrummelt und nicht einmal dem Dorfvorsteher einen Blick zugeworfen haben. Von diesem Preußen war nichts zu erwarten, und doch haben sie dem Kaiser den Nürburgring zu verdanken. Er war es, der in dieser menschenleeren Gegend die Idee hatte, eine ewige Rennstrecke zu bauen. Hier und nirgendwo anders sollte sie entstehen. Das ist schon lange her. Aber die Menschen im Dorf haben die Geschichte vom Jagdausflug des Kaisers nicht vergessen, und sie erzählen sie sich noch heute, so wie die Geschichte von der alten Eule.

Es heißt, wenn sie im stillen Flug den Kirchturm

bei Tag verlässt, hat der Zimmermann einen neuen Sarg geleimt, noch bevor sie wieder zurück ist in ihrem Nest. Alles kündigt sich an: der lange Winter, der trockene Sommer, die fetten und die mageren Jahre, die Freude und der Schmerz, Krankheit, Leben und Tod, Krieg und Frieden.

Das Dorf vergisst nichts.

Erstes Buch – Der Krieg

1

April 1944

Der Fisch war schuld, dass Margarete kopfüber aus dem Fenster fiel. Wie so etwas geschehen konnte? Ohne dass sie jemand geschubst oder gestoßen hatte?

Das ist eine gute Frage.

Es ist der Anfang dieser Geschichte.

»Geh und hol die Heringe aus der Tonne im Keller«, befiehlt die Mutter, die in der Küche das Essen vorbereitet, schon zum wiederholten Mal. Anna schleudert ihrer Tochter einen giftigen Blick entgegen. 

Margarete rümpft trotzig die Nase.

»Du weißt doch, dass ich Hering nicht ausstehen kann.«

»Morgen ist Karfreitag«, raunzt Anna. »Langsam müsstest du wissen, dass an Karfreitag Fisch gegessen wird. Nirgendwo, auf keinem Tisch hier in der Gegend, wirst du morgen Fleisch auf dem Teller finden.«

»Ich hasse Hering! Ich hasse Hering!«

Margarete schmollt. Sie stampft mit dem Fuß auf

den knarrenden Holzboden.

»Und ich kann es nicht leiden, wenn du nicht hören willst«, antwortet die Mutter. »Eine Frau muss lernen, zu gehorchen. So störrisch wie du bist, kriegst du nie einen Mann.«

Ihr Vater Johann, der ebenfalls am Küchentisch sitzt und mit Jupp und Rudi am heiligen Nachmittag Karten spielt, wirft der Tochter einen strengen Blick zu.

»Stimmt. Deine Mutter hat Recht. Nun geh schon und hol den Hering aus dem Keller«, sagt Johann in scharfem Ton.

Jupp und Rudi konzentrieren sich auf das Blatt in ihren Händen. Ihnen ist es egal, was bei Familie Gross an Karfreitag auf den Tisch kommt. Unruhig rutschen sie auf ihren Stühlen hin und her. Das Spiel läuft nicht gut. Sie haben schlechte Karten auf der Hand.

Draußen erwacht der Frühling. Er kommt spät in diesem Jahr. Es ist ein sonniger Gründonnerstagnachmittag. Die Bauern des Dorfs schwitzen auf ihren Feldern. Die Saat muss in die lehmige Erde. Es ist höchste Zeit. Im Dorf herrscht Arbeitsstimmung. Die Tage sind noch kurz. Nur Johann sitzt gelassen mit den zwei Rentnern in seiner gut beheizten Küche und hat Besseres zu tun, als sich auf dem Feld abzurackern. Das Pflügen, Eggen und Säen überlässt er anderen: Marek, seine Frau Marsena und seine Tochter Hanka sind es, die auf Johanns Feldern malochen müssen. Die drei ‚Polacken‘, wie Johann sie nennt, leben seit Kriegsausbruch auf seinem Hof. Es sind polnische Zwangsarbeiter, Fremdarbeiter genannt, die nachts im Stall bei den Tieren schlafen und tagsüber von früh bis spät für den Ortsbauernführer schuften müssen. Johann und die anderen Bauern im Dorf empfinden nichts Unrechtes dabei, dass die ‚Untermenschen‘, wie sie beschimpft werden, ohne Lohn und erst recht ohne Dank ihre schwere Arbeit tun. Johann ist besonders streng mit den Polen. Er hat Marek verboten, ihm ins Gesicht zu sehen. An diesem Nachmittag ist der reiche Bauer guter Laune, hat er doch gerade beim Kartenspiel eine Glückssträhne: Jupp und Rudi verlieren eine Partie nach der anderen, und neben Johanns vollem Schnapsglas türmen sich die Kupferpfennige, die er den beiden aus der Tasche gezogen hat.

Margarete hat sich aus der Küche gestohlen, aber anstatt in den Keller zu gehen, wie alle denken, ist sie schmollend in ihr Zimmer im ersten Stock geflüchtet und hat sich dort eingeschlossen. Die Neunzehnjährige hasst diesen Bauernhof! Nicht um alles in der Welt kann sie sich erklären, warum die göttliche Vorsehung sie hier, ausgerechnet über einem Bauerndorf in der Vulkaneifel, abgeworfen hat. Weder dem Land noch dem Hof kann sie etwas Positives abgewinnen. Als kleines Mädchen hat sie geträumt, dass sie auf eine lange Reise geht; dass ein Engel einschweben und sie an einen Ort tragen werde, an dem sie glücklich ist: wo sie schicke Kostüme anhaben darf; wo sie ihr hübsches braunes Haar nicht mehr unter einem Kopftuch, und ihre langen Beine nicht unter einem dicken wollenen Rock verbergen muss. Aber Margaretes Traum bleibt ein Traum. Nichts geschieht, und dabei ist sie schon fünf Jahre aus der Dorfschule entlassen. Niemand kommt, der sie mitnimmt auf eine Reise. Der Engel lässt auf sich warten.

Stattdessen ist Krieg.

»Warum immer ich«, fragt sie sich. »Warum krieg ich immer nur den Zipfel von der Wurst?« Und sie gibt sich selbst die Antwort: »Weil außer mir niemand da ist.«

Margarete hat noch einen Bruder, Micha, der ist nur zwei Jahre älter als sie, und alle sagen, er sei auch klüger. Margarete findet das ungerecht. Aber an dem, was die Leute sagen, ist was dran: In der Schule hat Micha immer ihre Hausaufgaben gemacht und ihr vorgesagt. Für Margarete war das bequem. Sie hatte Micha im Rücken, auf den Bruder konnte sie sich verlassen. Alle Kinder des Dorfs saßen in einem Raum. Die Kleinen vorn, die Großen hinten. Vorne die Tafel, hinten an der Wand die Weltkarte mit dem Globus, der aussah wie ein bemaltes Osterei. Es waren viele Kinder, und es waren viele Jungs. Die sind nun alle im Krieg, so wie ihr Bruder. Auch er, wie alle jungen Männer, ist eingezogen und unter Waffen gestellt worden. Einige sind in Italien, andere in Frankreich. Sogar aus Afrika kam Feldpost mit einem Foto von dem kleinen Herbert. Der hätte viel zu erzählen gehabt, wenn er wiedergekommen wäre. Aber vor drei Monaten ist er gefallen. Micha haben sie an die Ostfront abkommandiert, nachdem er nur kurz im lothringischen Pont-à-Mousson eine Grundausbildung am Gewehr erhalten hat. Von dort ist sein letztes Lebenszeichen, ein zerknitterter Brief, angekommen. Er hat alle schön grüßen lassen und geschrieben, dass er in der Kirche Sankt-Martin des kleinen Städtchens, das am Fuß eines Hügels gelegen sei, am Sonntag dem französischen Priester als Messdiener assistiert habe.

»Es war alles genauso wie bei uns. Hier sprechen sie in der Kirche auch Latein«, hat er geschrieben. »Mir scheint, die Franzosen haben denselben Gott wie wir.«

Margarete zweifelt daran. Das Reich hat doch allen, auch den Franzosen, den Krieg erklärt. Es hat die Welt besetzt, und in Deutschland ist jetzt Hitler der Gott.

»Macht euch keine Sorgen. Ich komme bestimmt bald gesund nach Hause. Der Krieg dauert nicht lange«, war noch in Michas Brief zu lesen.

Es ist eine Weile her, dass sie dieses letzte Lebenszeichen von ihm erhalten haben.

Wenn Margarete eines hasst, dann ist es Fisch. Erst recht Hering. Pfui Teufel! Nicht nur, dass sie keinen Fisch essen mag: Sie kann Fisch nicht riechen. Schon der kleinste Luftzug, der den typischen Geruch weiterträgt, verursacht bei ihr auf der Stelle Brechreiz. Aber darauf scheint niemand da unten in der Küche Rücksicht zu nehmen. Ihr unüberwindlicher Ekel ist denen völlig egal. In den Keller soll sie hinabsteigen und vier übelriechende Heringe aus der immer noch halbvollen Tonne herausfischen. Einen für sie, einen für die Mutter, zwei für den Vater. Schon beim Gedanken, diese dicht verschlossene Holztonne zu öffnen, wird ihr auf der Stelle schlecht. Sofort würde der Gestank entweichen und sich im ganzen Haus festsetzen. Er kriecht überall hin, wie die Ratten. Noch Tage später ist er zu riechen. Sie weiß nicht, wie alt die Leichname sind, die in der Tonne lagern. Ihre Mutter hat die Ladung im letzten Herbst, oder war es der vorletzte oder der vorvorletzte, so genau kann Margarete sich nicht mehr erinnern, von einem fliegenden Händler gekauft und in einen Sud aus Wasser und Pökelsalz eingelegt. Salz konserviert. Damit kann man sogar Leichengeruch überdecken. Wieviel Salz es wohl braucht, um den Geruch der Kriegstoten zu überdecken, fragt sie sich.

Die Mutter hat das Fass luftdicht mit einem Gummiring zwischen Deckel und Gefäß verschlossen, wo die Fische in ihrem Salzgrab offenbar bis in alle Ewigkeit, Amen, haltbar sind. Bei Bedarf an Frei- oder Feiertagen landen sie stinkend auf dem Teller. Der Vater kann gar nicht genug davon kriegen, er allein isst mindestens zwei Heringe auf einen Streich, und da Margarete dankend verzichtet, würgt er anschließend, laut schmatzend, auch noch einen Dritten herunter. Übelriechend eingelegte Heringe gibt ihnen der Winter, frische Süßwasserforellen dagegen bringt der Sommer. Die Dorfburschen bringen sie heim, sie fangen die Forellen mit bloßen Händen aus dem kleinen Eschbach oder aus der etwas größeren Elz, die sich unweit vom Dorf durch die Täler schlängeln, bevor sich der Eschbach in die Elz und die Elz in die Mosel und die Mosel in den Rhein ergießen. Der Fischfang der Dorfjungen geschieht natürlich heimlich. Fischen und Jagen sind strengstens untersagt. Wer das Verbot missachtet, der muss »ins Dipo«, wie sie hier sagen; der landet im Gefängnis. Der Jagdpächter aus Düsseldorf namens Hugo Sander, ein reicher Industrieller, hat die Jagdrechte gepachtet, und ihm allein gehören alle wilden Tiere und die Fische. Er bedroht jeden Jungen mit Anzeige, aber bis jetzt hat es noch keinen erwischt. Gottlob taucht er nur gelegentlich hier auf, so wie früher der Kaiser aus Berlin. Die Hohe Eifel liegt weit vom Schuss. Kein Mensch interessiert sich dafür. Sander hat einen Aufseher eingesetzt: den alten Friedrich mit der Glatze, der am Dorfrand wohnt und ein Jagdgewehr trägt. Aber der lässt eine Fünf grade sein. Toni, sein Ältester, ist als Erster im Dorf gleich zu Kriegsbeginn gefallen. Friedrich verliert kein Wort darüber. Er zeigt keine Gefühle.

Im letzten Sommer, weil die Jungen alle im Krieg waren, ist Margarete allein losgezogen und hat versucht, Forellen zu fangen. Das war ein großer Reinfall. Und zu allem Übel hat Friedrich sie auch noch auf frischer Tat ertappt und ihr die Haarzöpfe langgezogen.

»Wenn ich dich noch einmal erwische, du dumme Göre, dann kommst du nicht mehr so glimpflich davon. Ich werd‘s deinen Eltern stecken«, hat er geschrien, und sie war weggelaufen.

Friedrich hatte den Vorgang aber nicht gemeldet.

Das wilde Getier der Eifel ist Sanders Eigentum, aber die Dorfjungen lassen sich davon nicht beeindrucken. Und wenn sie zurück sind aus dem Krieg, dann gehen sie sicher im Sommer wieder auf die Pirsch. Dann legen sie am Ufer des Eschbachs wieder ihre Mannesprobe ab. Sie suchen einen jungen Grünfrosch oder eine kleine Kröte, spießen sie auf einer Weidenrute durch Mund und After auf und braten sie über dem Lagerfeuer. Jeder Junge im Dorf, der Vierzehn geworden ist und die Schulzeit beendet hat, muss diese Kröte schlucken. Wer es nicht tut, der wird bis auf die Unterhose ausgezogen, bekommt den Arsch versohlt und muss, mehr oder weniger nackt, ins Dorf nach Hause laufen, und alle können dann sehen, dass er die Probe nicht bestanden hat und eine Memme ist. So einer hat es später schwer, ein Mädchen aus dem Dorf zu freien. Toni war einer davon, aber nun ist er ja gefallen. Der Grünfrosch, das muss noch gesagt werden, ist immer stark verschmort, sodass er mehr nach einem Stück Kohle als nach Fleisch schmeckt. Es ist also halb so schlimm. Margarete, die mehr mit den Jungs als mit ihren Altersgenossinnen gespielt hat, könnte eher einen verkohlten Grünfrosch als eine gebratene Forelle essen. Sie war das einzige Mädchen, das einmal bei dieser männlichen Mutprobe hatte dabei sein dürfen. 

Margarete verschmäht nicht nur Fisch in aller Form. Sie hasst auch jede Art der Hausarbeit. Sie kann nicht kochen, und sie macht keinerlei Anstalten, es zu erlernen. Dabei hat ihre Mutter Anna nichts unversucht gelassen, ihr das Kochen und alle übrigen Dinge des Haushalts beizubringen, aber bis jetzt, bis zu ihrem Neunzehnten, sind diese Versuche mehr oder weniger erfolglos im Sande verlaufen. Und Johann kümmert sich nicht um die Erziehung der Tochter. Sie werde schon einen tapferen Mann finden, pflegt er zu antworten, wenn seine Frau Anna ihn darauf anspricht. Die Männer würden Schlange stehen, um seiner Tochter den Hof zu machen. Und in der Tat: Margarete ist eine gute Partie.

»Sie ist noch so jung. Wir werden schon den Passenden für sie auftreiben«, wiegelt ihr Vater stets ab, und er hat noch gar nicht bemerkt, dass der Passende längst um seinen Hof herumgeschlichen ist wie ein läufiger Kater: Niklas, der einzige Sohn von Anne-Kathrin. Aber nun ist auch er im Krieg. Anne-Kathrin, die früh Witwe geworden war, wartet sehnsüchtig auf ein Lebenszeichen von ihrem Sohn. Die Ungewissheit, ob er noch am Leben ist, zerrt an ihren Nerven. Warum meldet sich Niklas nicht? Er ist der Einzige, den sie hat. Ohne ihn ist sie nur schwer in der Lage, ihren kleinen Bauernhof zu führen, sie ist selbst nicht mehr die Jüngste, und die Arbeit eines Bauern hier oben ist für eine Frau allein viel zu beschwerlich. Im November hat Niklas Geburtstag. Dann wird er zwanzig. An runden Geburtstagen, so hatte Anne-Kathrin gehört, gibt es für Frontsoldaten Heimaturlaub. Bis November ist es aber noch eine Weile hin. Da kann noch allerhand passieren. Sieben Monate sind eine lange Zeit, vor allem in Russland.

Ein gutaussehender Bengel ist dieser Niklas. Mit seinem breiten Kreuz, dem blonden Lockenschopf und den kleinen, leuchtend blauen Augen, kann er Frauen leicht den Kopf verdrehen. Seine Wahl ist auf Margarete gefallen. Ausgerechnet auf Margarete, die keinen Fisch mag und nicht kochen kann. Aber Margarete kann so unbekümmert über alles lachen. Nichts nimmt sie wirklich ernst. Als könne ihr nichts passieren; wie eine Marionette, die sicher an ihren Seilen geführt wird, so grazil und selbstbewusst kommt sie daher, als sei das Leben eine Schauspielbude. Margarete ist anders als die anderen Mädchen im Dorf. Sie entspricht so gar nicht dem Bild einer Bauerntochter. Sie trägt immer ansehnliche Kleider, die ihr die Mutter näht. Ihr dickes langes Haar glänzt in der Sonne, wenn sie es doch einmal wagt, ohne Kopftuch zu erscheinen. Der Vater schimpft deshalb mit ihr.

»Ein deutsches Mädel trägt Zöpfe«, sagt er.

Aber Margarete will kein Mädel sein. Sie will auch nicht, dass man sie ‚Gretel‘ oder ‚Gretchen‘ nennt. Sie ist eine junge Frau. Das ist etwas Anderes. Die stehen nicht am Herd. Die werden auch nicht auf dem Feld oder im Stall gesehen. Aber Feldarbeit muss sie ohnehin nicht machen. Dafür hat ihr im Dorf inzwischen unbeliebter Vater, den sie hinter vorgehaltener Hand den ‚Hitlerjohann‘ nennen, seine ‚Polacken‘.

Bevor Niklas in den Krieg ziehen musste, hat er allen Mut zusammengenommen und Margarete in der Scheune seine Liebe gestanden:

»Willst du meine Frau sein, wenn ich vom Krieg zurück bin?«

Niklas sagte das, als sei er auf dem Weg zum Markttag; als müsse er nur ein paar Einkäufe im Städtchen erledigen und sei abends wieder daheim bei ihr.

»Ja! Ja, Niklas, ja! Ich warte hier auf dich!«

Niklas nahm sie in den Arm. Sie küssten sich, fielen hinterrücks ins Heu.

»Wir werden Kinder haben«, schwärmte Niklas. Er streichelte ihren Bauch. »Viele, viele Kinder.«

»Ja«, antwortete sie. »Viele hübsche Kinder. Aber nicht hier. Nicht hier, in diesem verdammten Nest. Ich will weg von hier. Nur weg. Weg.«

Niklas schwieg. Er wollte nicht darüber nachdenken. Nicht jetzt.

»Glaubst du, dass dein Vater mich akzeptieren wird? Ich habe nicht viel Land unter den Füßen.«

»Ich weiß, ich weiß. Dafür hast du aber umso mehr Liebe im Herzen. Wir gehen weg von hier. Ist doch egal, was mein Vater denkt.«

Daraufhin hatte er ihr unter die Bluse gefasst und sie geküsst. Lange geküsst! Dieser Kuss hat Margarete verändert. Seitdem fragt sie die Mutter ab und an, wie man Kartoffeln kocht und einen Streuselkuchen backt. Das eine oder andere hat sie sogar schon von der Mutter gelernt, vor allem das Nähen interessiert sie. Die Mutter sagt immer, dass die Liebe durch den Magen des Mannes geht, aber Margarete hält das für dummes Zeug. Sie glaubt daran, dass die Liebe einer Frau alles verzeiht, auch, dass sie nicht kochen kann.

Was sie aber niemals zubereiten wird, ist Fisch.

Margarete hat sich in ihrem Zimmer eingeschlossen. Ihr kommt der Gedanke, einfach abzuhauen, den Nachmittag bei ihrer Freundin Elsbeth zu verbringen. Ihr Blick fällt auf den Apfelbaum, der genau vor ihrem Fenster steht. Seine hölzernen Arme ragen fast bis an die Hausmauern heran, sie muss sich nur etwas vorbeugen, um an einen der dickeren Äste zu gelangen und sich auf den Baum schwingen. Und schon hat sie es geschafft, ihrem Gefängnis zu entkommen.

»Soll den Fisch doch aus dem Keller holen, wer will«, murrt sie.

Am Ende wird die Mutter noch auf die Idee kommen, ihr zeigen zu wollen, wie man so einen Hering ausnimmt und verzehrfertig auf den Tisch bringt. Nicht auszudenken ist das. Sie weiß natürlich, dass der Hering zunächst einmal eine Nacht in Süßwasser gelegt wird, damit das Salz entweicht und er nach der langen Zeit in der üblen Brühe genießbar ist. Dann bereitet die Mutter irgend so eine Marinade zu, aus Milchrahm und weiß der Teufel was.

Als Margarete sich entschlossen aus dem Fenster im ersten Stockwerk des alten Bauernhauses lehnt und an einen Ast hangelt, bemerkt sie nicht, dass er morsch ist. Krachend bricht der tote Zweig ab, und Margarete fällt, mit einem lauten Schrei, tief nach unten auf die Streuobstwiese hinter dem Haus. Plumps! Donnerschlag! Stöhnen!

»Was war das für ein Geräusch?«, fragt Anna in der Küche.

»Hab nichts gehört«, antwortet Johann, der in seine Karten vertieft ist und gerade sein erstes Spiel zu verlieren droht.

»Hörte sich wie Margaretes Stimme an.«

»Die hast du doch in den Keller gejagt!«

»Sie müsste längst wieder hier sein«, sagt Anna, wischt sich die Hände an der Schürze ab und verschwindet nach hinten in die Speisekammer, wo es ein kleines Guckfenster hin zur Obstwiese gibt. Anna lugt mit ihrem kleinen Köpfchen aus dem Fenster. Vor ihrer Nase liegt die stöhnende Tochter.

»Mein Gott! Mein Gott! Johann!«

»Ja, was denn?«

»Komm! Komm schnell! Margarete liegt hinten auf der Wiese. Sie krümmt sich vor Schmerzen!«

Johann, dem es recht kommt, das Spiel zu unterbrechen, lässt die Karten fallen. Er eilt in die Speisekammer.

»Mein Gott, Margarete!«

Johann läuft zurück in die Küche.

»Kommt mit, ihr müsst mir helfen! Margarete liegt hinter dem Haus auf der Erde.«

Jupp und Rudi reißt es von den Stühlen. Sie folgen Johann in den Keller, dann durch den dunklen Flur. Aus einem der Räume führt eine Treppe in den Garten.

»Es scheint, als sei sie aus dem Fenster gefallen«, sagt Johann aufgeregt.

»Sieht ganz so aus«, antwortet einer der beiden Skatbrüder.

»Mein Gott, die Arme«, sagt der andere mit piepsiger Stimme.

»Schnell, heben wir sie vorsichtig hoch. Tragen wir sie ins Haus!«

Margarete ist jetzt bewusstlos. Aber sie atmet. Die Männer schleppen sie nach oben in ihr Zimmer und legen sie aufs Bett.

*

Es ist der zehnte April, Ostersonntag. Das vierte Kriegsostern im vorletzten Kriegsjahr. Während die Menschen im Dorf sich in der Frühe zu Fuß aufmachen, um in der Pfarrkirche Sankt Stephanus im Nachbarort Christi Auferstehung zu feiern, liegt Margarete mit schweren Kopfschmerzen in ihrem Krankenbett. Die Rote Armee befreit an diesem Tag die Stadt Odessa am Schwarzen Meer von der deutschen Besatzung, die dort ihren Nachschub für die auf der Krim stationierte 17. deutsch-rumänische Armee lagert. In Mantua und Verona werden an diesem Tag 935 italienische Juden verhaftet und nach Auschwitz deportiert.

Das Dorf weiß von allen diesen Vorgängen auf der Welt nichts, und Anna hat andere Sorgen. Sie wacht am Bett ihrer Tochter. Seit zwei Tagen hält sie nun schon ihre Hand und wartet auf den Doktor, der längst hätte da sein müssen. Sie schaut aus dem Fenster in die Ferne. Sie spürt, dass das Wetter umschlägt. Ein Windstoß.

Die Äste der Bäume auf der Streuobstwiese wanken.

Das Dorf hat sich zum Osterhochamt versammelt. Die Tochter liegt auf dem Bett. Sie schläft. Anna öffnet das Fenster. Dann nimmt sie einen Waschlappen, presst ihn über der Wasserschüssel mit beiden Händen aus. Sie legt ihn auf Margaretes Schläfen. Ein Luftzug weht durch den Raum. Margaretes Lider zittern, sie schlägt vorsichtig die Augen auf, erkennt das Gesicht der Mutter. Die Tochter lächelt. Aber auf Annas Frage, was denn passiert sei, kann sie keine Antwort geben.

»Kopf«, ist das einzige Wort, das sie hervorbringt.

Margaretes Erinnerung an den Fenstersturz scheint wie weggeblasen. Ihr Atem ist schwach. Sofort schläft sie wieder ein. Anna macht weiter Umschläge aus Kamillenblüten und bandagiert damit Margaretes Kopf. Wo der Arzt nur steckt?

»Der muss jeden Augenblick kommen«, sagt Johann mit lauter Stimme, als er gereizt aus der Kirche wiederkommt und ins Zimmer poltert. »Der kriegt ein Problem, wenn er sich nicht bald hier blicken lässt.«

»Geh«, sagt Anna. »Schau mal nach den Polen. Heute ist Ostern. Da wirst du sie doch nicht hungern lassen?«

Johann verschwindet mürrisch aus dem Raum. Er zieht, wenn auch widerwillig, seine braune Uniform aus, streift seine Hitlerbinde ab und schlüpft in seine Arbeitshose. Dann steckt er seinen Kopf wieder durch die Tür des Schlafzimmers. Anna sitzt noch am Bett, in der Hand einen Rosenkranz.

»Ich schau mal nach, was die Arbeiter treiben. Ich habe sie im Hochamt gesehen. Sind sogar brav zur Kommunion gegangen, die drei verdreckten katholischen Polacken.«

»Die haben wenigstens einen Gott und ein Gebot. Den Herrgott interessiert es nicht, ob jemand gewaschen ist«, antwortet Anna mit bitterer Stimme.

»Was willst du damit sagen?«, fragt Johann mit spitzer Zunge.

Anna schweigt. Johann macht einen großen Satz durch die Kammer. Mit einem lauten Schlag verriegelt er das Fenster.

»Willst du unser Töchterchen umbringen? Sie holt sich ja noch eine Lungenentzündung bei dem Durchzug«, schimpft er.

»Geh jetzt! Geh, und kümmere dich wenigstens heute mal um den Hof. Lass nicht immer andere deine Arbeit tun«, antwortet seine Frau.

Johann wirft seinem Weib einen missmutigen Blick zu. Irgendetwas muss im Hochamt vorgefallen sein. Vielleicht ist die Osterpredigt des Pfarrers, den Johann unter Beobachtung hat, nicht nach dem Geschmack des Ortsbauernführers ausgefallen. Vielleicht läuft es an der Front nicht rund, wer weiß, denkt Anna.

»Sag mir Bescheid, wenn Margarete wieder zu sich kommt«, sagt er.

»Mach ich.«

Johann verlässt das Schlafzimmer und steigt die Treppenstufen hinab.

Im Haus ist es still. Erst gegen Abend trifft endlich der Landarzt ein: Doktor Prinz. Er wirkt müde und abgekämpft, und er hat Hunger. Seine tiefliegenden Augen sind mit schwarzen Rändern unterlegt, die Wangen eingefallen. Er ist von eher kleiner, zierlicher Gestalt. Das Gesicht trägt jungenhafte, fast weibliche Züge, und sein Alter ist schwer zu schätzen. Die Menschen wissen nicht viel über ihn, nur, dass er nicht verheiratet ist. Was ihn hierher in diese Gegend verschlagen hat, kann niemand sagen. Jedenfalls kommt er nicht von hier. Sein Hochdeutsch hat irgendeinen regionalen Einschlag, aber Anna, die nie über die Eifel hinausgeschaut hat, kennt sich mit Mundarten nicht sonderlich aus. Bayerisch ist es jedenfalls nicht, es ist auch kein schwäbischer Akzent. In dem Haus, in dem der Doktor lebt, hat zuvor ein Jude gewohnt. Immerhin hat dieser Prinz als Arzt einen guten Ruf.

»Möchten Sie eine Tasse heiße Kuhmilch? Die kommt frisch aus dem Euter.«

»Sehr gerne«, antwortet der Doktor. Er berichtet, dass im Ruhrgebiet, wo seine Mutter lebe, nur noch wenige Züge führen, da die Gleise bombardiert würden. Die intakten Bahnen stünden unter dem Beschuss britischer Tiefflieger.

»Ich habe Angst, dass meiner Mutter etwas passiert ist. Ich habe seit zwei Wochen nichts mehr von ihr gehört«, erzählt der Arzt.

Hier in der Eifel sei es dagegen friedlich wie im Garten Eden. Anna stutzt etwas. Vielleicht ist der Ruhrpott ja seine Heimat, denkt sie.

»Nun ja«, antwortet Anna, »wie man‘s nimmt. Sehen Sie sich nur meine Tochter an. Sie ist aus dem Fenster gestürzt. Ich mache mir große Sorgen um sie.«

Der Arzt nimmt einen großen Schluck aus der Tasse mit der heißen Milch, dann greift er nach seiner Ledertasche.

»Wo ist die Patientin?«

»Oben im Schlafzimmer.«

Anna geht voraus, der Arzt trabt ihr hinterher, die engen Stiegen hoch in den ersten Stock zu Margarete. Sie schwitzt und faselt im Wahn. Es sind unverständliche Wortfetzen, die sie hervorbringt.

»Ihre Tochter hat Fieber«, erklärt der Arzt. Er beginnt, sie abzutasten, klopft auf Brust und Bauch, zieht an den Armen, tastet die Füße ab nach Reflexen. Margarete öffnet einen Spalt weit die Augen. Ihr Gesicht glüht. Ihre Lippen bewegen sich, als wolle sie etwas sagen.

»Sie hat eine Gehirnerschütterung!« Doktor Prinz ordnet kalte Wadenwickel an. »Die senken das Fieber. Wie ist das passiert?«

Anna schüttelt nur unwissend mit dem Kopf. Es habe einen Knall und einen Schrei gegeben. Erst ein Knall, dann der Schrei. Man sei nach hinten gelaufen, habe die Tochter, am Boden liegend, sich krümmend vor Schmerzen, auf der Streuobstwiese unter dem Apfelbaum vorgefunden.

»Ruhe, Ruhe, Ruhe und nochmals Ruhe«, verordnet der Arzt. »Eigentlich müsste sie ins Krankenhaus zur Beobachtung, aber das ist zwecklos. Der Transport schadet ihr mehr, als dass er nützt. Sie muss viel trinken!«

»Ja«, antwortet Anna. »Ich achte darauf.«

Der Arzt klappt seinen Koffer zu. Er fühlt noch einmal Margaretes Puls.

»Schimpfen Sie nicht mit ihr, wenn sie wieder zu sich kommt. Aufregung ist Gift. Sie behält sonst ihr Leben lang Kopfschmerzen.«

»Das fehlte noch. Das kann hier keiner gebrauchen.«

Anna hat ihm ein Paket mit Lebensmitteln zurechtgelegt, das sie ihm in die Hand drückt: selbstgemachte Butter, ein Brot, Kartoffeln, rote Beete, ein Stück Schinken.

»Sie könnten mir einen Gefallen tun«, sagt der Arzt. »Haben Sie ein rohes Ei für mich?«

»Aber sicher! Gerne!«

Anna eilt in die Vorratskammer. Sie kommt mit einem braunen, rohen Ei zurück.

»Es ist frisch von heute.«

Sie hält ihm das Hühnerei vor die Nase.

»Eine dünne Stopfnadel, bitte!«

Anna wühlt in der Schublade. Sie reicht ihm eine Nadel. Der Arzt pikst die Ober- und die Unterseite des Eis mit einer Nadel durch, dann setzt er es auf den Mund und saugt es vor Annas staunenden Augen leer.

»Köstlich«, sagt er und seufzt. »Ich habe schon nachts von rohen Eiern geträumt. »Einfach köstlich!«

Anna hat dem Arzt zugeschaut, wie er genüsslich das Ei ausgeschlürft hat. Sie schüttelt den Kopf. Wie kann einer nur von einem rohen Ei schwärmen? Niemand hier in den Weiten der Eifel käme auf so eine Idee.

»Wie gesagt: Viel Ruhe, keine Aufregung und deshalb keine Schuldzuweisungen an ihre Tochter. Das würde sie nur aufregen.«

»Viel Glück für Ihre Frau Mutter«, ruft Anna ihm zu, als er sich mit dem prallgefüllten Proviantbeutel im Hof auf sein klappriges Fahrrad schwingt und davonradelt.

Der Tag ist trübe. An der Hohen Acht hat es in der Nacht sogar Frost gegeben. Die Wiesen sind mit weißem Raureif überzogen, wie eine Zuckerglasur. Anna schließt die Fensterläden, befeuert die Öfen. Sie muss an Doktor Prinz denken und setzt sich wieder neben die Tochter ans Bett. Margarete atmet ruhig. Sie schläft. Draußen ist es wieder kälter geworden. Der Winter will in diesem Jahr einfach nicht weichen.

Der Krieg schon eher.

Aber noch sind längst nicht alle Toten gezählt.

2

November 1944

An einem trüben Novembermorgen 1944 erreicht Niklas endlich den Steinbüchel. Von dem kleinen, mit Ginster und kargen Fichtenbäumen bestandenen Hügel schaut er hinab auf das schlafende Dorf. Es ist kalt. Niklas wirft den schweren Tornister ab und rammt ihn in die Erde. Dann setzt er sich darauf, zieht einen sorgfältig in Silberpapier verpackten Zigarettenstummel aus der Tasche der durchnässten Uniform, zündet ihn an. Hier sitzt er und raucht und schaut auf die Häuser wie auf ein Gemälde, das in einem Pariser Museum hängt. Tagelang hat er schweigend, dicht an dicht mit seinen verletzten Kameraden, in einem verlausten Waggon gehockt. Weg, nur weg von der Ostfront, wo sich eine Tragödie abspielt und die Russen unaufhaltsam nach Westen vorrücken.

In Koblenz, von wo aus der Zug rheinabwärts Richtung Bonn weiterfuhr, ist Niklas aus dem Abteil gesprungen, mit seinem schweren Gepäck ist er die Moselweinberge hinaufgeklettert und landeinwärts über die Hügel geflohen. Eine Woche ist es her, dass der Hauptmann ihn zu sich in den Unterstand rufen ließ.

»Heimaturlaub, Soldat!«

Niklas hatte ihn ungläubig angestarrt.

Ob er verstanden habe, brüllte der Vorgesetzte. Mit seinem sächsischen Akzent klang es nicht einmal bedrohlich. Aber Niklas kapierte noch immer nicht.

»Hast du taube Ohren, Soldat?«

»Jawohl! ... Nein!«, stotterte Niklas.

»Ja, was denn nun?«

»Jawohl, Herr Hauptmann!«

»Ach, wegtreten! Sonst überlege ich mir’s noch anders«, kläffte es aus dem spitzen Mund.

Heimaturlaub. Der Krieg schickte ihn eine Zeit lang nach Hause.

Hier sitzt Niklas auf seinem Tornister: unten das Dorf, darüber der runde Mond. Er hat kein Gesicht und klebt wie eine blassgelbe Scheibe schräg über den Häusern, als wolle er jeden Augenblick herunterfallen. Von weitem sieht das Dorf im Mondschein aus wie ein kleiner grauer Klecks. Im Gestrüpp, zwischen Ginster und Wacholderhecken, wo sie als Kinder Verstecken gespielt hatten, paaren sich Katzen, krächzend, wimmernd, lustvoll und laut stoßen sie ihre Liebesschreie in die Stille hinein. Wenn sich Katzen bei Vollmond laut vereinen, so sagt man hier, werden in einem Haus Zwillinge geboren.

Niklas rafft sich auf und geht hinunter ins Dorf, an der Kirche vorbei, bis ans Ende der Straße, wo das Haus steht, in dem er wohnt. Penelope, die Schäferhündin, fast blind, niemand weiß, wie alt sie ist, hat ihn schon längst kommen hören. Sie hat ihn am Schritt erkannt. Ihren Namen verdankt das Tier dem kahlköpfigen Dorflehrer, der den Schulkindern einmal die Geschichte der treuen Prinzessin Penelope aus Sparta erzählt hatte, die zwanzig Jahre lang auf die Heimkehr ihres Ehemannes Odysseus hatte warten müssen. Winselnd kratzt das Tier mit den Pfoten von innen an der Eingangstür. Der Schlüssel liegt immer noch versteckt hinter dem hohlen Bruchstein in der Hauswand. Als er die Tür öffnet, springt die Hündin ihn an, außer sich vor Freude tänzelt sie um seine Beine. Er bückt sich zu ihr hinunter, und Penelope leckt mit ihrer warmen Zunge durch sein Gesicht, dreht sich im Kreis, pinkelt auf seine Schuhe, springt ihn an, als wolle sie sich entschuldigen, dass sie kurz eingenickt war, während er weg war. Niklas rennt die Treppenstufen hoch, Penelope ihm hinterher, in dem kleinen Zimmer unter dem Dach schläft die Mutter. Von dem Gepolter ist sie wach geworden. Anne-Kathrin richtet sich im Bett auf.

»Niklas?«

»Ja, Mutter.«

»Mein Junge, mein guter Junge! Ich hatte Angst, du kommst nicht mehr wieder.«

»Natürlich komme ich. Aber Russland liegt ja nicht gerade vor der Haustür. «

»Mein Gott, Russland! Du bist da! Mein Junge!«

»Hast du meine Nachricht nicht bekommen?«

»Doch, Johann hat sie persönlich vorbeigebracht. Und den ganzen Nachmittag hockte er in der Küche. Als ich gesagt hab, ich würde einen Apfelstreusel backen, ist er nicht gegangen, bis der Kuchen aus dem Ofen war und hat sich gleich zwei große Stücke servieren lassen. Ach, Niklas, ich habe den ganzen Abend auf dich gewartet, aber dann bin ich wohl eingeschlafen. Wie spät ist es?«

»Es wird bald hell«, sagt er.

»Du musst sehr müde sein. Ich hab deine Schlafkammer hergerichtet und den Ofen angemacht.«

»Ein warmes Bett?«

»Sie sagen, dass der Krieg bald zu Ende ist. Stimmt das? Ich lass dich nicht mehr gehen! Ich hab geträumt, es wäre Frühling, und wir würden mit dem Ochsen aufs Feld im Krähwinkel fahren.«

»Der Krieg dauert bestimmt nicht mehr lang. Der Spuk ist sicher bald vorüber.«

»So viele junge Männer in deinem Alter aus dem Dorf werden vermisst. Mein Gott, Niklas, ich hatte solche Angst um dich!«

Niklas setzt sich auf die Bettkante und nimmt die Mutter in den Arm.

»Morgen in der Früh werde ich zu Johann Gross gehen. Ich werde dem Herrn Ortsbauernführer sagen, dass ich es nicht mehr allein schaffe ohne dich, und dass du hier auf dem Hof mehr gebraucht wirst als in Russland.«

»Nein«, sagt sie dann. »Ich geh jetzt gleich!«

Anne-Kathrin wirft die Bettdecke zurück und will aus dem Bett springen. Niklas hält sie zurück, nimmt sie in den Arm.

»Lass es bleiben, Mutter. Es ist mitten in der Nacht. Das ist keine gute Idee.«

»Ja, vielleicht hast du Recht. Ich warte bis zum Morgen. Jetzt bring ich ihn damit nur auf die Palme.«

Niklas nickt.

»Bestimmt. Leg dich wieder schlafen.«

»Hauptsache, du bist da«, sagt Anne-Kathrin.

Seufzend sinkt sie zurück ins Kopfkissen.

»Ich laufe schon nicht weg«, sagt Niklas und lächelt. »Schließlich hab ich Geburtstag.«

»Ich weiß, mein Junge. Wir werden feiern. Und alle werden kommen, du wirst sehen! Es ist alles vorbereitet. Alle wissen Bescheid.«

»Das hast du richtiggemacht. Morgen feiern wir, dass die Schwarte kracht.«

Niklas steht auf und geht in seine Schlafkammer. Die durchweichte Uniform klebt an der Haut. Er zieht sie aus, rückt den Stuhl heran und hängt die nassen Kleider zum Trocknen darüber. Auf der Kommode liegt frische Wäsche für ihn bereit. Im Ofen knistert das Feuer. Er wird wieder Bauer werden, wenn der Krieg aus ist. Er wird wie früher sähen, ernten, das Haus streichen, die Wiesenzäune reparieren, abends der Mutter beim Brotbacken helfen, aus Vaters alter Tasse trinken und den Mehlschwalben beim Nestbau zusehen. Vor allem aber wird er Margarete heiraten und mit ihr Kinder haben. Viele Kinder. Niklas liebt Margarete. Er kann es kaum erwarten, sie wiederzusehen. Die Mutter weiß davon nichts. Er traut sich nicht, es ihr zu sagen. Wenn alles nur so einfach wäre!

Als kleiner Junge träumte er davon, im Herbst mit den Schwalben auf und davon zu segeln. Aber inzwischen weiß er: Ein Bauer muss graben, wo er steht. Sein Leben ist hier, nicht anderswo. Niklas will kein Zugvogel sein. Er gäbe alles, könnte er nur bleiben.

Bei Margarete.

Bei seiner Mutter.

Bei Penelope.

*

Niklas hat Geburtstag. Er wird zwanzig. Das halbe Dorf ist am Abend zum Spielen in Anne-Kathrins kleine Küche gekommen, verrußt und schwarz ist sie, stumpf und abgegriffen. Ein Schrank, ein Tisch, ein paar Stühle, eine schmale Holzbank am Fenster, von dem aus man den Kirchplatz sehen kann. Das Marienbild an der Wand, das abgehängt wurde, hat ein vergilbtes Viereck über der Eingangstür hinterlassen.

Niklas fühlt sich mehr und mehr unwohl zwischen den vielen Bauernleibern, die in die Küche drängen. Er schüttelt ihre Hände, klopft ihnen auf die Schultern. Endlich tänzelt auch Margarete, begleitet von Anna und Johann, in die Stube. Sie lächelt und schwingt mit den Hüften, als habe sie ein Vorspiel am Theater. Anna küsst ihre Cousine Anne-Kathrin auf die Wange, sie sind sich eng verbunden. Um ein Haar wäre auch Margarete ihrem Niklas um den Hals gefallen, ihr Herz pocht, es droht sich zu überschlagen. Fast wird ihr schwindelig, als sie in seine blauen Augen sieht, die leuchten wie zwei Sterne. Sie will seine Haut streicheln. Ihn berühren. Ihn küssen. Aber das geht nicht. Niemand weiß, dass sie sich in der Scheune nahgekommen sind und sich ein Versprechen gegeben haben. Und so bleibt es nur bei einem freundlichen: »Schön, dass du mitgekommen bist, Margarete.«

Am liebsten würde Niklas alle rausschmeißen, in hohem Bogen. Am liebsten würde er mit der Faust auf den Tisch hauen und rufen: Haut ab, verpisst euch! Sauft euren billigen Fusel woanders! Warum lasst ihr mich nicht in Ruhe! Geht doch nach Hause, Schweine füttern, Kühe melken und geduldig wie die Schafe hier oben am Nürburgring abwarten, bis der Spuk vorüber ist. Gern würde er in die Welt schreien, dass er Margarete liebt! Aber zuallererst muss er es der Mutter sagen. Er atmet tief durch. Verkrampft versucht er, mit allen zu scherzen, mit ihnen zu lachen, denn seinetwegen sind sie gekommen. Immer wieder sucht er Margaretes Blick. Sie sitzt eingequetscht neben ihrem Vater am anderen Tischende. So weit weg von ihm. Sie lächeln sich verstohlen an. Sie prosten sich zu. Den Abend lang. Wie hübsch Margarete ist! Niklas kann die Augen nicht von ihr lassen: Wann wird er ihre Lippen berühren? Wann haben sie sich ganz für sich allein?

Einen aufgesetzten Holunderlikör nach dem anderen kippt der Soldat sich hinter die Binde. In der Eifel gedeiht der ‚Sambucus nigra‘, der Schwarze Holunder, besonders üppig, er wächst mit seiner weißen Blütenpracht im Frühjahr und den dunkelrot leuchtenden Beeren im Spätsommer an jeder Scheunenmauer, in jedem Garten. Der Likör fließt süß durch Niklas’ Kehle, besänftigt seine Wut, dass er nicht mit Margarete allein sein kann, wo die Zeit doch kostbar ist, der Zeiger der Uhr sich so schnell dreht, dass ihm schwindelig wird; wo die Herzen der Verliebten pochen, dass es alle hören müssten: dumdediedum, dumdediedum, dumdediedum. Ein paar Tage nur, dann muss er wieder fort.

Die Gäste haben sich um den Küchentisch versammelt, besser gesagt, hier rekelt und fläzt sich die bäuerliche Gesellschaft, sie kann sich kaum noch auf den wackeligen Stühlen halten. Alles stammelt und lallt, rülpst, furzt und röhrt das ewige Lied vom schönen Westerwald, das auch hier in der armen Eifel gesungen wird, als sei die Zeit stehen geblieben; als wüssten nicht alle, dass in Deutschland längst andere Lieder gegrölt werden. Nicht über die kalte Eifel, nicht über den steinigen Hunsrück, nicht über den buckligen Westerwald: An der russischen Ostfront, da pfeift der Wind so kalt!

Eingezwängt zwischen den dampfenden Leibern hockt Niklas in der inzwischen wieder trockenen Gefreitenuniform, lächelt gequält, prostet brav den Gästen zu. Ihm dröhnt der Kopf. Die Mutter schleicht um ihn wie eine Katze um ihr einziges Junges.

Niklas wird zwanzig. Er liebt Margarete, die inzwischen auch einen roten Kopf bekommen und zu viel Holunderschnaps getrunken hat. Soll er sich bei so einer Feier über ein paar besoffene Bauerntölpel beklagen? Wer beschimpft da seine Gäste, auch wenn sie noch so falsche Lieder singen? Sollen sie doch ihren Spaß haben, sich herumlümmeln, die Gläser umstoßen, den Schnaps über Joppe und Kleid, über den Tisch und die roten Holzdielen kippen, die mit Ochsenblut poliert sind, dass sie selbst im schummrigen Licht noch glänzen.

»Trink einen Schnaps mit deinen Leuten, Niklas!«, fordert ihn die Mutter auf.

Kamerad Paul hätte bestimmt auch nicht gekniffen. Paul, den an seinem Achtzehnten, ganze zwei Wochen war es her, eine russische Granate zerfetzt hatte. Das Nachmittagslicht fiel in ihren Schützengraben, wo sie, eng nebeneinander gekauert, seit Stunden in der Kälte ausgeharrt hatten, als Pauls Leib in tausend Stücke zerbarst. Klein und hager war er gewesen, eher unscheinbar, das Gesicht rundlich, die Augen leuchtend, immer hellwach. Er beklagte sich nie, nicht einmal darüber, dass sie keine Handschuhe, keine Socken, keine Stiefel hatten, um diesem verdammten russischen Winter zu trotzen. Vielleicht ist es dem Alkohol geschuldet, dass Niklas immerzu an den schmächtigen Hamburger Kameraden Paul denken muss.

Die Erinnerung ist wie ein trübes Maar.

Paul hatte ihm am Morgen verraten, dass er an diesem Tag Geburtstag habe, aber nur Niklas sollte es wissen.

»Warum hast du keinen Urlaub beantragt, du Dummkopf?«

Paul schwieg. Er schüttelte den Kopf.

»Ich weiß nicht«, antwortete er, »wahrscheinlich denkst du jetzt, dass ich verrückt bin. Aber ich weiß es wirklich nicht.«

Niklas zog einen Zigarettenstummel hervor, den er mit Daumen und Zeigefinger festhielt und mit einem Streichholz anzündete.

»Da, nimm!«

Niklas hielt dem Hamburger den glühenden Tabakrest vor die Nase, Paul nahm einen tiefen Lungenzug und begann zu hüsteln.

»Das ist alles, was ich dir zum Geburtstag schenken kann. Ein paar Züge von meiner Zigarette«, sagte Niklas.

Paul nickte nur. Er machte nie viele Worte, schweigsam war er, in sich gekehrt. Aber an diesem Morgen sprudelten die Sätze aus ihm heraus wie das Wasser aus den Eifler Dorfbrunnen. Er plauderte von Hamburg, von seiner Familie, seinen Eltern, die erst spät geheiratet hatten und schon alt waren, er erzählte von seiner jüngeren Schwester, die von Geburt an leicht gehbehindert und deshalb nicht im BDM aufgenommen worden war. Sie besäßen einen Krämerladen, der liege mitten in der Stadt. Sogar Senatoren zählten zu ihren Kunden, die halbe Bürgerschaft kaufe bei ihnen ein. Es gebe nichts, das nicht aufzutreiben sei. Paul behauptete, er könne alles besorgen.

»Haben wir nicht, gibt’s nicht«, sagte er. »Sobald meine Schwester verheiratet ist, werde ich das Geschäft übernehmen.«

Selbst hier, in der russischen Hölle, schmiedete Paul noch Pläne. Niklas hörte ihm andächtig zu.

Auch der Krieg war für Paul eine Art Handel, er stellte ihn nicht infrage.

»Was man nicht ändern kann, muss man ertragen«, sagte er, als sei es ausgemacht, dass er seine Heimatstadt, die Alster, seine Eltern und seine Schwester wiedersehen und den elterlichen Laden übernehmen werde.

Paul dachte nicht an die Hölle, nicht an den Tod. Vor ihm lagen Hamburg, der Hafen, das weite Meer. Er konnte sich nicht im Entferntesten vorstellen, dass man auch an Land, in Schlamm und Schnee, absaufen kann wie auf einem Schiff. Warum er bei der Infanterie und nicht bei der Marine gelandet war, wusste er selbst nicht. Anders als der lange Niklas war er ja klein und hätte locker in ein U-Boot gepasst. Hier hockten sie: der Junge aus der Stadt und der Junge vom Land, so verschieden. Zwei deutsche Welten, die sich in Russland begegnet waren, saßen nebeneinander im Schützengraben und zogen an Niklas‘ Zigarettenstummel, der ihren Hunger unterdrückte.

»Die Einschläge kommen näher«, sagte Paul. »Bald geht’s wieder los.«

*

Niklas schaut aus dem Fenster. Er weiß, dass Paul nicht kommen wird. Am Tisch geht es inzwischen drunter und drüber. Margarete ist näher an ihren Verlobten herangerückt. Sie prostet ihm zu. Die Gesichter der Bauern sind blau und rot angelaufen, schweißglänzend, zerfurcht. Sie sind wie aus Baumwurzeln geschnitzt. Die Dörfler kippen sich den Schnaps in ihre rohen Kehlen, einen nach dem anderen, immer hinein damit. Michel spielt auf der Ziehharmonika. Er gehört zu den armen Bauern im Dorf, sein Feld liegt an einem abseits gelegenen Nordhang, wo keine Sonne hin scheint und die Disteln höher wachsen als der Hafer, der dem kleinen Mann gerade mal bis an die Waden reicht. Im Stall stehen eine magere Kuh und eine Ziege, die weniger meckert als Ilse, seine Frau. Sie schämt sich, wenn Michel nach dem Spiel seinen verschwitzten Hut rundgehen lässt und um ein Almosen bittet.

»Heil, Gross!«, ruft Michel. Er prostet Hitlers Ortsbauernführer zu.

»Auf Niklas! Prost«, antwortet Johann. »Auf unsere jungen Helden! Heilige Flamme glühe und erlösche nie fürs Vaterland!«

Anne-Kathrin steht am Ofen, füllt den süßen Holunderschnaps weiter in die Becher, stellt eine neue Flasche auf den Tisch und schaut argwöhnisch auf Margarete, die sich allzu eng an Niklas anschmiegt, was aber niemand außer ihr zu bemerken scheint. Nur die Mutter, mit ihrem siebten weiblichen Sinn, ahnt etwas. Anne-Kathrin und Anna sind Cousinen. Niklas und Margarete sind blutsverwandt. Solche Ehen zwischen Verwandten gelten als Schande. Aber die Liebe: eine Schande? Der Schnaps ist Margarete und Niklas inzwischen ziemlich in den Kopf gestiegen, sodass sie sich nicht mehr unter Kontrolle haben. Niklas hat unter dem Tisch die Hand auf Margaretes Oberschenkel gelegt, aber Anne-Kathrin, die Katze, die als einzige noch nüchtern ist, hat es bemerkt.

Im Dorf halten sie zusammen, im Dorf ist niemand allein, im Dorf arbeiten die Männer auf dem Feld, die Frauen durchstreifen im Herbst alle zusammen den Wald: Müßiggang ist Teufelsgang, predigt der Pfarrer in der Kirch. Die Weiber sammeln also Holunderbeeren. Der Eifelwald ist im Herbst voll davon. Er leuchtet im faden Sonnenlicht dunkelrotblau. Zu Hause angekommen, leeren sie ihre Eimer und Weidenkörbe, und sie setzen ihren Schnaps für den Winter auf. Jedes Haus hat seinen Anteil an Flaschen, keine der Frauen geht leer aus, keine hat mehr oder weniger Pullen als die andere auf den Fensterbänken stehen.

Niklas sitzt mit eingezogenen Schultern zwischen all den Bauern, Mägden und Tagelöhnern, dem Müller und seiner Frau, der unglücklichen Anna, die eines Tages, was ein großer Fehler war, ihren Mann Johann aus der Stadt mit hier aufs Dorf gebracht hatte, verliebt bis über beide Ohren in diesen Schurken. Johann ist als Erster in Hitlers Partei eingetreten. Er begrüßt die Kühe im Stall mit ‚Heil Hitler‘. Seine Wahrheit dröhnt aus dem neuen Volksempfänger ‚VE 301‘, den der Propagandaminister baugleich hat produzieren lassen; dessen Typenbezeichnung auf den dreißigsten Januar verweist, den Tag der Machtübernahme der braunen Heilsclique. Hinter Johanns Rücken nennen sie den klumpfüßigen Goebbels ‚et Jüppje‘ oder ‚Humpelstilzchen‘. Johann Gross ist die Stütze des Reichsnährstands im Dorf, seine Ehre ist unantastbar. Der Erbhofbauer ist so etwas wie Hitlers Vertreter, er geht mit Hakenkreuzbinde durch Dorf, Stall und Scheune, und er stolziert mit braunen Scheuklappen durch die Welt. Es werde nicht mehr lange dauern, dann würden die Deutschen das Protektorat über die Vereinigten Staaten von Nordamerika übernehmen, die Freiheitsstatue würde zum alten Eisen geworfen und Amerika in einen blühenden Garten verwandelt, posaunt er herum. Natürlich hat er eine gute deutsche Frau, Anna, die das dunkelblonde Haar nicht offen trägt wie ein Luder, natürlich ist er verheiratet mit Blut und Boden. Zucht und Lebensquell sind sein geistig‘ Brot, das tägliche Brot des neugeborenen deutschen Volks. Wenn Johann am Tisch sitzt, muss man aufpassen, was man sagt, zumindest so lange er nüchtern ist. Johann liebt die Frauen, und er liebt Hochprozentiges, von beiden kann er nicht genug kriegen.

Wie Öl schmiert der dunkelrote Schnaps die heiseren Schlünde. Eine Flasche nach der anderen wird geköpft. Niklas schaut hinaus. Es hat geschneit. Durch das kleine Küchenfenster fällt Licht auf den Hof. Die Töne des Akkordeons wirbeln durch die Küche. Wenn sie doch nur abhauten!

»Wisst ihr, wa-warum et Jüppje so eine gr-gr-große Klappe bekommen hat?«, fragt Edmund Pommerich über den Tisch.

Edmund wohnt gleich gegenüber. Er ist schüchtern und stottert und zuckt.

»Mit einem gro-o-oßen Schwanz hä-hä-hätte er nichts anfangen können«, beantwortet er die Frage selbst, mit dem linken Auge zwinkernd. Ein schmuddeliges Tuch verdeckt das rechte, das er bei einem Unfall auf dem Feld verloren hat, mit einem Hautfetzen ist es zugenäht worden. Ein Glasauge, so einen Luxus, kann sich hier niemand leisten. Sonntags trägt Edmund aber eine feine Augenklappe. Die Haare zerzaust, sieht er dann aus wie ein Pirat, der sich aufs Land verlaufen hat.

»Das muss ich melden«, stammelt Gross.

»Wisst ihr, wie wir in den Schützengräben singen?«, fragt Niklas in die Runde.

Von Michel hat er das Akkordeonspielen gelernt. Er greift nach dem Quetschbeutel, schiebt sich die Riemen über die Schultern und setzt das Instrument auf seinen Schoß. Niklas beginnt zu spielen und singt:

»Unter der Laterne, vor dem großen Haus,

sitze ich am Abend und suche eine Laus:

Die mich den ganzen Tag gequält

und mir vom Russendreck erzählt.

Und das ist nicht so schön,

das glaubt Lili Marlön.

Unter meinem Hemde, wohl auf des Bauches Rund,

grabbeln Partisanen, und das ist nicht gesund.

Und sollt ich solch ein Tierlein sehn,

so wird ihm gleich ein Leid geschehn.

Sein End’, das ist ein Knall,

so geht’s den Läusen all.

Und die Landser beten überall zugleich:

Herr im Himmel droben, schick uns heim ins Reich!«

»Bravo!«, ruft Margarete. 

Alle klatschen in die Hände.

Niklas gibt Michel das Akkordeon zurück. Der Bauer spielt noch einmal das Lied vom schönen Westerwald, während der Frontsoldat seiner heimlichen Braut einen flüchtigen Kuss auf die Wange drückt. Die Mutter dreht ihnen gerade den Rücken zu, niemand nimmt es zur Kenntnis: Der viele Schnaps vernebelt Blick und Verstand.

»Ich weiß, dass es keinen Sinn mehr hat, wenn du zurück an die Front gehst«, flüstert der alte Jockem Niklas zu.

In der Scheune habe er ein Radio versteckt, erzählt er ihm mit gedämpfter Stimme. Abends, in der hintersten Ecke, höre er den Engländer ab. Tonnenweise würde es Bomben auf die deutschen Städte regnen.

»Die Amerikaner haben Aachen erobert und Heinsberg, Jülich, Euskirchen und Düren schwer bombardiert«, sagt er leise.

Warschau sei zerstört, und die Rote Armee habe bereits Belgrad eingenommen. Die Front sei zusammengebrochen. Die Russen hätten die Weichsel überquert, die Wehrmacht habe dem Ansturm nur wenig entgegenzusetzen, die Menschen aus den Ostgebieten seien auf der Flucht.

»Wer weiß, wie lange die sich da hinten noch über die Ostsee retten können. Bald werden wir die Rechnung zahlen«, tuschelt Jockem. »Dann kriegt auch Johann sein Fett ab!«

»Unkraut vergeht nicht«, entgegnet Niklas und wiegelt ab. Johann ist schließlich sein zukünftiger Schwiegervater. »Wer weiß das besser als wir Bauern! Wollt ihr, dass der Iwan auf unseren Feldern das Regiment übernimmt? Wir müssen uns auf unsere erfahrenen Heeresführer verlassen, uns kleinen Leuten bleibt gar keine andere Wahl.«

»Erfahrene Führer? Dass ich nicht lache!« Jockem hüstelt spöttisch. »Der Herr Reichsmarschall Göring hat in Karinhall gesessen und seinen Wanst gemästet, statt die Luftwaffe auf der Höhe zu halten. Der ist schuld, dass alles in Schutt und Asche liegt, der ganz allein. Der Krieg ist verloren, die Ostfront längst zusammengebrochen, hörst du, Niklas?«

»Wart‘s nur ab, bis der Frühling kommt, Jockem, dann marschieren wir wieder vorwärts. Du wirst sehen: Das Blatt wird sich noch mal wenden.«

»Hör auf, dir was vorzumachen, Junge! Rumänien hat im August mit den Alliierten einen Waffenstillstand geschlossen und Deutschland den Krieg erklärt. Paris ist bereits an die Alliierten übergeben. Die Amerikaner haben nordwestlich von Trier die Reichsgrenze überschritten. Das Spiel ist aus«, raunt Jockem leise.

»Das hab ich gehört!«, lallt Johann. »Woher willst du das wissen, du Lump? Hörst du etwa den Feind ab? Das werde ich dir austreiben, na warte! Kein Wort davon ist wahr! Der Krieg geht weiter vorwärts! Heil unserem Führer!«

»Drohst du mir etwa? Willst du mich anzeigen?«

Erbost springt Jockem vom Stuhl.

»Und ob ich das tue!«

»Dann tu’s doch, gleich morgen, wenn du wieder nüchtern bist. Schreib deinem Führer einen Liebesbrief! Trotzdem hat es sich bald ausgerommelt! Seine Panzer haben schon längst den Rückwärtsgang eingeschaltet!«

»Genug jetzt«, fährt Niklas dazwischen. »Ich werde meine Kameraden nicht im Stich lassen. Basta.«

»Richtig!«, ruft Johann. »Richtig! So redet ein deutscher Soldat! Habt ihr das gehört? Ihr werdet euch alle noch wundern!«

Der Volkssturm werde alles niederschlagen. Mutig sei der Germane, treu bis in den Tod. In Marzabotto hätten Wehrmacht und SS ein Exempel statuiert und gezeigt, wie man mit Widerständlern verfahre. Das solle allen eine Lehre sein.

»Mart … a … baaa«, nuschelt Marlies, die Melkerin bei Hermann Mahlberg, dem reichsten Bauern im Dorf. Er fehlt an diesem Abend. Marlies kommt nicht aus der Eifel. Sie spricht nie über ihre Vergangenheit, aber ihr bayerischer Akzent verrät ihre Herkunft. Im Dorf erzählen sie sich, dass sie in einem Heim aufgewachsen sei. Irgendwann hat sie auf Mahlbergs Hof gestanden und gefragt, ob es Arbeit für sie gebe. Ein kräftiges Weibsbild könne er immer gebrauchen, hat Hermann geantwortet und sie auf der Stelle eingestellt. Es heißt, die beiden hätten einen Klüngel.

»Noch ‘nen Schnaps! Her damit!«, fordert die burschikose Marlies. Sie schiebt ihren leeren Becher über die Tischplatte. Darunter knetet Gross ihre dicken Schenkel. Ihre Bluse ist halb aufgeknöpft und gibt einen tiefen Einblick auf ihren prallen Busen.

»Niemand darf es wagen, die Hand gegen einen Deutschen zu erheben«, sagt Johann über den Tisch.

»Genau, und deshalb lass deine dreckigen Pfoten von mir!«, brummt Marlies mit rostiger Stimme. Hurenböcke seien die Nazis! »Alles Hu … huuuren …! Lass dassss! Scher dich weg! Geh deine Hüüühner ffficken!«

Die Nazis hätten doch alle zwei Familien.

Die Küchendielen knarren, die Bauern tanzen, und die Töne aus Michels Akkordeon überschlagen sich fast: deutsche Gretel, deutscher Hans gehn des Sonntags gern zum Tanz!

»Versteck dich!«, haucht Jockem Niklas ins Ohr. Er hat sich neben ihn auf die Bank gesetzt.

»Geh auf keinen Fall zurück an die Ostfront. Versteck dich hier in den Wäldern! Die Russen mähen alles nieder. Sie marschieren auf Berlin.«

»Und das ist schließlich immer noch unsere Reichshauptstadt«, lallt Küsters Jupp.

Er ist einer von Johanns strammen braungefärbten Parteigängern, vor denen man sich in Acht nehmen muss. Aber Jockem nimmt kein Blatt mehr vor den Mund.

»Scheiß auf die Hauptstadt und das Reich«, murmelt er.

»Schluss jetzt! So zu reden, ist keinem Deutschen erlaubt!« Johann beugt sich mit hochrotem Kopf vor. Er springt auf und streckt seine Hand aus zum tausendjährigen Gruß: »Heil Hitler!«

»Ja, ja, ja, ein Volk, ein Führer. Nicht mal warme Kleider haben unsere Männer an der Front. Soll Niklas barfuß gegen die russischen Panzer kämpfen?«, fragt Jockem ruhig und schüttelt mit dem Kopf.

»Jetzt reicht’s aber wirklich!« Niklas schlägt mit der Faust auf den Tisch. »Hört auf, euch zu streiten!«

»Jawohl!«, sagt Johann und haut das leere Schnapsglas auf den Tisch. »Jawohl, Niklas! »Seht ihn an, unseren Soldaten! Wie gut sie ihm steht, diese deutsche Uniform!«

Margarete nickt betrunken mit dem Kopf. Er ist wirklich ein fesches Mannesbild, ihr Niklas.

»Eine Unifo-o-o-o-rm steht nicht jedem«, lispelt sie.

»Der Krieg ist trotzdem verloren!« Jockem gibt nicht klein bei.

»Sieg Heil! Wir werden den Endsieg mit einem großen Dorffest feiern«, ruft Johann laut in den Raum.

Er werde den Führer persönlich einladen. Persönlich! Ob sie vergessen hätten, wer den Nürburgring und die Hunsrückhöhenstraße gebaut und ihrer armen Gegend Arbeit gebracht habe?

»Sieg Heil! Auf den Führer!«, grölt er durch die Küche und prostet dem Hitlerbild zu, das schräg an der Wand hängt.

»Dem wird‘s da über dem Ofen jedenfalls nicht kalt«, sagt Jupp. Sein Sohn ist vor drei Wochen gefallen.

»Jockem hat recht«, flüstert die rothaarige Monika Niklas zu. »Versteck dich! Bleib hier!«

Er schüttelt den Kopf.

»Wir haben Befehl, bis zum Schluss Widerstand zu leisten. Kapitulation kommt nicht infrage. Für niemanden! Sieg oder Untergang! Das ist eine Frage der Ehre.«

»Ehre? Ehre, wem Ehre gebührt! Was faselst du jetzt noch von Ehre?«, fährt Monika ihn an.

Niklas solle klug sein und dableiben im Dorf. An die Mutter solle er denken, nicht an Ehre und nicht an den Führer.

»Was, wenn sie auch dich verliert?«, fragt Monika. Ihre Augen blitzen zornig. »Das bricht ihr das Herz! Dann hat sie niemanden mehr! Bleib hier! Dieser Krieg kennt keine Ehre!«

Niklas hat genug.

»Es ist schon spät. Geht nach Hause!«, ruft er in die Runde und Margarete nickt.

Sie greift unter dem Tisch nach seiner Hand. Der alte Jockem steht auf, streichelt nachdenklich seinen grauen Bart, der sein Gesicht fast vollständig verdeckt. Er zieht den Filzhut tiefer ins Gesicht. Er schlurft zur Tür und dreht sich noch einmal um.

»Überleg’s dir gut, mein Junge. Überleg’s dir gut! Die Kriegstage sind gezählt.«

»Ja, ja«, sagt Niklas und winkt ab.

Auf seinen krummen Nussbaumstock gestützt, verschwindet der Alte in der kalten Nacht.

»Versteck dich! Bleib hier! Schwör’s! Schwör mir dat op de Hellije Schrift«, fordert Christel mit einem bestätigungsheischenden Blick auf Küsters Jupp, der seine Sakristeigehilfin mit glasigen Augen anstarrt.

Christel ist des Küsters rechte Hand. Wie er hat sie einen Schlüssel zur Kirche. Sie ist für den Blumenschmuck der Kapelle verantwortlich, und es gilt allein als ihr Verdienst, dass der Straßenaltar des Dorfes am Fronleichnamstag dreimal in Folge zum schönsten Altar der Pfarrgemeinde gekürt worden ist. Zu der Pfarrei im Herzen der Hohen Eifel gehören immerhin fünf weitere miteinander konkurrierende Haufendörfer. Die fromme Christel genießt das Vertrauen des strengen Pfarrers Dederich, der sich nicht scheut, den Messdienern während des sonntäglichen Hochamts vor seinen versammelten Schäflein eine durch das gesamte Kirchenschiff schallende Ohrfeige zu erteilen oder sie an den Haaren zu ziehen. Und auch der Dorfschullehrer, dessen schlagende Hand ohnehin recht locker sitzt, singt rühmende Lieder auf Christel und lobt ihren unermüdlichen Einsatz für das deutsche Vaterland.

»Op de Hellije Schrift«, wiederholt Christel, die sich damit brüstet, als Einzige im Dorf die Bibel ganz gelesen zu haben. »Schwör mir dat in die Hand, Niklas!«

»Ja, ja, ich schwör’s«, sagt Niklas genervt. »Jetzt geht! Es ist spät! Schleicht euch!«

Er öffnet die Tür, schiebt sie alle hinaus. Einer nach dem andern torkelt betrunken vom Hof. Johann verlässt als Letzter das Haus. Er bemerkt, dass Margarete noch am Küchentisch sitzt.

»Margarete! Was ist mit dir? Willst du hier etwa übernachten?«

Margarete erhebt sich schwerfällig und schlingert dem Vater in die Arme.

»Mein Gott, wenn Frauenzimmer zu viel trinken.«

Er greift seiner Tochter unter die Arme, alleine kann sie unmöglich auf ihren Beinen stehen. Anne-Kathrin wirft den beiden einen verächtlichen Blick hinterher, als sie über den Hof schwanken und im Dunkeln verschwinden. Anna ist früher nach Hause gegangen. Anne-Kathrin wird mit ihr reden. Ihre Tochter soll die Finger von ihrem Sohn lassen. 

Niklas verriegelt die Tür. Einen schönen Geburtstag haben sie ihm beschert, den süßen Holunder der Mutter vernichtet, die nur wenig von diesem Krieg weiß und vielleicht doch mehr ahnt, als er gedacht hat. Aber was können sie hier tun? Mit ihren Sensen und Mistgabeln nach Berlin ziehen wie damals die wütenden Pariser Marktweiber gen Versailles? Den Führerbunker stürmen, in dem sich die letzten Getreuen Hitlers verschanzt haben? Das alles macht keinen Sinn. Der Ortsbauernführer würde alle verraten, noch bevor sie das Dorf verlassen hätten: Johann würde sie alle in ihren Hühnerställen einsperren.