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Eine etwas andere Weihnachtsgeschichte. Der Autor nähert sich mitttels erzählerischer Betrachtungen einem Unglück.
Das E-Book Die stille Note-public wird angeboten von Books on Demand und wurde mit folgenden Begriffen kategorisiert:
Weihnachten anders, Aphorismen, Humor, Erzählerische Betrachtungen, Unglück
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Seitenzahl: 51
Veröffentlichungsjahr: 2022
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Empfohlenes Lesetempo
Teardrop
Avishai Cohen, Big Vicious
Vom Spazierengehen
Von der Katastrophe
Vom Scheitern
Vom Helfen
Das Maxi Herz
Epilog
Anhang
Stellen wir uns vor…
… dieses Buch beginnt wie ein Film, so wie viele Filme schon begonnen haben. Schwarzbild. Noch vor der Aufblende eines Bildes wird der Zuseher vorerst Zuhörer und mithilfe eines unangenehm laut eingespielten, dramatisch hektischen Sounds gleich am Anfang emotional gestresst. Was ich normalerweise gar nicht leiden mag, wenn der Ton eines Films verrät, wie man gleich fühlen wird. Das schrille Folgetonhorn eines Rettungsautos vermischt sich mit hochtourigen Motorengeräuschen und wirrem Verkehrslärm einer asiatischen Metropole, somit recht klischeehaft. Und lässt den Herzschlag des gemeinen Hörers trotzdem sprunghaft ansteigen, denn die nun aus dem Blickwinkel einer helfenden Begleitperson eingeblendeten Bilder von hektischen Hilfeleistungen an einer reglos im Rettungsauto liegenden Person werden die unangenehmen Vorahnungen des nun Betrachters bestätigen.
Die folgende sprunghafte Szenenmontage von der Ankunft des Rettungswagens im Spital bis zur Öffnung des Brustkorbs des leblosen Körpers vermittelt eine klare Botschaft: Eile ist geboten. Es gilt, keine Zeit zu verlieren.
Klarheit als Fantasieanleitung mag ich sehr, überall hole ich mir gerne Anregungen, um dem eigenen, oft wirren Gedankenlabyrinth entkommen zu können. Die Verfrachtung des nun entnommenen Herzens in eine Box, in ein anderes Krankenzimmer, in einen anderen Patienten wird, ärgerlich ähnlich den vielen profanen Ärzteserien, ohne Rücksicht auf realistische Plausibilität und Glaubwürdigkeit erfolgen, aber immerhin die hektische Reise der Kamera und die des Tones vor einem EKG-Kontrollmonitor für Lebensfunktionen zum Stillstand und endlich Ruhe bringen.
Totenstille? Totenruhe? – Nein.
Mit der zögerlichen Wiedererweckung des Sinusknotens als primären elektrischen Taktgeber der Herzaktion ist die Übertragung der Lebensvitalität von einem Menschen zu einem anderen erfolgreich gelungen und eindeutig zum Ausdruck gebracht. Gelegenheit erhabene, tröstende Musik einzuspielen. Vorzugsweise die Arie der Pamina aus Mozarts Zauberflöte, eine von Toningenieuren gerne verwendete und bewährte Klangkulisse für gelungene chirurgische Eingriffe. Haben Sie die Melodie im Kopf? „Ach ich fühl’s … So wird Ruh’ im Tode sein!“
Es wird sich wohl auch eine Künstlerin, ein Künstler im Bereich Computer/Animatio/Motion/Graphik finden lassen, um die oszillierende EKG-Kurve des Herzschlags auf dem Kontrollmonitor schlankerhand in die Textblöcke eines nun einzublendenden Titels zu verwandeln. Eine leichte Fingerübung für jahrelang Ausgebildete, die dem Produzenten des Films, also angenommen mir, wegen der lukrativen Herausforderung dieser kurzen Sequenz ewig dankbar sein können. Falls niemand zur Verfügung steht, weil einfach wieder einmal das Geld fehlt, reicht für unsere Vorstellungskraft wohl auch eine simple Weißblende. Das letzte Bild verschwindet in einer weißen Pixel-Suppe. Ein Text, schwarz, und nun eben auf Weiß, ist zu lesen – der Titel: Die stille Note.
Oder (Wúshēng de yīnfú), falls ein chinesischer Distributor gefunden wurde. Oder etwas theatralisch übertrieben: The Ghost Note – bei großem internationalem Interesse. Was inhaltlich nicht dasselbe bedeutet. So wie der Inhalt von Filmtiteln bei der Übersetzung in Landessprachen ja oft auf der Strecke bleibt.
„Ghost Note“ ist ein musikalischer Begriff aus der Welt der Schlagzeuger, eine leise, schwache, aber eben sicher keine stille Note, die einem Rhythmus erst den richtigen Drall und Drive verschafft. Die stille Note hingegen kann viele Aufgaben erfüllen.
Mit dem Titel fadet auch die Musik aus, und wir tauchen ein in die friedliche, windstille Ruhe eines Sonnenaufgangs über einer Meeresbucht Südthailands. Mit uns beobachtet ein junger Mann, Thai, ausführlich konzentriert, die Wasserbewegungen des Meeres, bevor er in seiner engen Uniformjacke mit der Aufschrift „Tsunami Early Warning System“ ein Longtail-Boot besteigt und mit dem Diesel-Außenbordmotor die Ruhe wie auch die recht glatte Oberfläche des Meeres spaltet. Wahrscheinlich wird er eine dieser neu installierten Pegelstationen ansteuern und technisch prüfen. Jene Messgeräte, die seit den verheerenden Flutwellen die Wasserstands-Daten des Meeres kontinuierlich erfassen und an das Tsunami-Frühwarnzentrum senden, wo dann gekoppelt mit seismologischen Daten ein Modell für Frühwarnungen errechnet werden kann. An diesem Tag ist die Welt in Ordnung, zumindest lässt die Interpretation der Gesten der jungen weiblichen Mitarbeiterin des Frühwarnzentrums dies vermuten.
Wir verlassen nun langsam gedanklich die suggerierten Filmsequenzen, die vollständig aus dem Zusammenhang gerissen, scheinbar ohne Sinn nebeneinanderstehen. Sie sollen darauf abzielen, wie das schöne Wort „suggerieren“ schon andeutet, einen ganz bestimmten Eindruck entstehen zu lassen, der mit den Tatsachen – möglicherweise – nicht übereinstimmt.
Wir blenden das Bewegtbild aus und wenden uns dem analogen Buch zu, dem reinen Text ohne begleitende Fantasieunterstützung und manipulative musikalische Gefühlslenkung. Erstaunlicherweise wird dem geschriebenen Wort immer noch mehr Wahrheitsgehalt zugesprochen als dem bewegten Bild. Trotz der immensen Anstrengungen, authentische Wirkung zu erzielen, verharrt der Film doch meist in der Lüge. Der österreichische Film gewiss, könnte man meinen, wenn auch ich mich von der modernen männlichen
Seuche zur Verallgemeinerung anstecken ließe. Meisterlich zwar hie und da, wie in Hanekes Werk, mit Grandezza, und doch recht oft perfide in Seidl-Filmen oder einfach billig bei Schalko.
Wer aber nicht gänzlich auf die Kraft der Fiktion verzichten möchte, findet in den sporadisch auftauchenden textbegleitenden QR-Grafiken den emotionalen Code in das Gehirn des Autors.
Äh, viel Vergnügen.
Schritt-Tempo
Rollin’on chrome
Aphrodelics
Ich bin erst später dazu gekommen. Zwei Missgeschicke ändern die gewohnten Bahnen meines bewegten Lebens, auf denen ich so routiniert Kurven zog. Zwei kleine Interventionen, und schon verrücken die Zahnräder, legen einen anderen Gang und eine andere Richtung ein. Ein Bücken nach einem im Garten liegenden vertrockneten Ast. Ein Stich im Rücken wird die Bewegungsgeschwindigkeit und Bewegungslust des Körpers abrupt zum Stillstand bringen und erst mit der Zeit und nur mithilfe gekonnter orthopädischer Eingriffe wieder etwas Fahrt aufnehmen lassen. Gemächlich zwar, anfangs mit Hoffnung auf Besserung, aber mit eindeutigem Zwang, Verhaltensvorlieben zu ändern. Fußball treten, Skifahren. Undenkbar. Auch Tennis spielen in Super-SlowMotion ergibt nur Sinn, wenn sich auch der Ball langsamer bewegt, wozu er nicht bereit ist. Sport ohne Ball fühlt sich generell erbärmlich nach Luftgitarre an, aber sobald Gegner ihr Spiel mitleidend unterbrechen, wird es Zeit, die Sportart zu
