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Fünf Jahre ist es inzwischen her, dass Keno sich von Romy getrennt hat. Fünf Jahre, seit die Schwärze über sie hereingebrochen war. Dabei wollte Romy doch nichts weiter, als Keno zur Seite stehen, bei all den Qualen, die er für die nächsten Jahre allein ihretwegen zu ertragen hatte. In ihrer Verzweiflung beschließt Romy sich dem Willen ihres verstorbenen Vaters zu fügen und kehrt zurück zu René. Ihr verhasster und zutiefst eifersüchtiger ex-Freund. Fortan befindet sie sich wieder in einer Welt voller Leere und Oberflächlichkeiten. Als Romy eines Tages von ihrer Chefin dazu beauftragt wird eine Hochzeit zu planen, ahnt Romy noch nicht, dass der zukünftige Bräutigam niemand Geringeres als Keno selbst ist. Doch wie war das möglich? Immerhin hätte er erst in frühestens zwei Jahren vor ihr stehen können. Während Romy und Keno sich in einer Spirale aus Lügen befinden, muss sie zusätzlich erkennen, dass die Vergangenheit eine böse Wahrheit für sie bereithält.
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Seitenzahl: 480
Veröffentlichungsjahr: 2025
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Carolin Hertel wurde am 22.12.1988 in Bielefeld, Deutschland, geboren. Heute lebt sie gemeinsam mit ihrem Ehemann und den drei Kindern in Herford. Bereits von Kind auf war sie fasziniert vom geschriebenen Wort, und fasste ihre ersten kleinen Geschichten im Alter von sechs Jahren zusammen. Die Leidenschaft zum Schreiben von Büchern hat Carolin Hertel nie verloren, sodass sie während der Elternzeit ihren ersten Roman eigenständig verfasste. Mit Die Stimmen im Hintergrund ist nun ihr viertes Buch auf dem Markt erschienen.
Für meine Mutter.
Du bist der schönste Stern am Himmel.
„Was du liebst, lass frei. Kommt es zurück, gehört es dir – für immer.“
-Konfuzius
Er
Fatales Wiedersehen
Sempre tuus
Eine Spirale aus Lügen
Worte einer Freundin
Verwirrende Wahrheit
Ein krankhafter Wunsch
Lamm, Heilbutt oder Roastbeef?
Heimlicher Beschützer
Ein paar Minuten zu zweit
Bloß eine Option
Keno
Strittige Blicke
Eine Scheune voller Erinnerungen
Überraschungsgast
Gefangene im eigenen Haus
Frau Wagnis
Giftige Realität
Dice game
Schließlich und endlich
Ein großer Tag
Er
Der Regen prasselte geräuschvoll gegen das Fenster und hinterließ stets neue Spuren auf der Scheibe, denen Romy verträumt folgte. Draußen tobte ein heftiger Wind und brachte die Äste der Bäume wild zum Tanzen. Es war eine stürmische Nacht, die wohl kaum gezielter zu Romys Stimmung hätte passen können. Sie sah zum Wecker auf ihrem Nachttisch und verharrte mit dem Blick auf der Uhrzeit. Ihr Magen zog sich schmerzhaft zusammen, als sie darauf wartete, dass die Ziffern sich veränderten. Schließlich war es so weit- Mitternacht. Mit Tränen in den Augen sah sie wieder hinaus aus dem Fenster und bemühte sich um eine ruhige Atmung, um keinen Mucks von sich zu geben. Doch so sehr Romy sich auch dagegen wehrte, sie war machtlos gegen ihre Gedanken, die sie gerade an diesem Tag brutal an die Vergangenheit erinnerten. Fünf Jahre waren inzwischen vergangen. Fünf Jahre, die sie darauf wartete, dass der Schmerz allmählich nachließ. Schwach schloss Romy die Lider und sah dabei umgehend seine blauen Augen vor ihrem Geiste. Sie roch seinen Duft, der sie stets an Zedernholz und Minze erinnerte und spürte nebenbei seine Qualen, die er genau in diesem Moment zu ertragen hatte. Alles war ihre Schuld gewesen. Hätte Romy ihn doch damals nie angerufen, dann würde es ihm zumindest heute gutgehen. Zwei Jahre musste er noch durchhalten. Dann würde er endlich erlöst sein und hoffentlich sein wohlverdientes Glück finden. Ohne sie. Dass er sie nicht mehr liebte, verstand Romy inzwischen.
Wie von selbst wanderte ihre Hand zum Hals und legte sich um das Medaillon, das er ihr vor Jahren geschenkt hatte.
Zerrüttet wischte Romy sich die Tränen von der Wange, atmete tapfer durch und tapste leise auf Zehenspitzen zurück ins Bett. Vorsichtig hob sie die Bettdecke an und legte sich darunter, ohne René dabei zu berühren. Einen Moment lauschte sie auf sein gleichmäßiges Schnarchen. Erst als Romy sich sicher sein konnte, dass er nicht mitbekommen hat, wie sie aus dem Bett gestiegen war, schloss sie die Augen und verweilte noch eine Weile mit ihren Gedanken in der Vergangenheit. Währenddessen gaukelte sie sich vor, er würde sie nur noch ein einziges Mal berühren. Dabei war es Romy gleichgültig, wie quälend die Konsequenzen hinterher für sie sein würden. Der Schmerz würde sowieso nie abklingen. Das hatte Romy mittlerweile gelernt.
Fatales Wiedersehen
»Wann sehen wir uns heute Abend?«, fragte René, als er frisch geduscht zu Romy in die Küche kam.
»Ich weiß nicht genau. Ich denke, ich werde gegen achtzehn Uhr fertig sein«, antwortete sie und trank einen Schluck von ihrem Kaffee.
»Das passt gut. Dann reserviere ich uns einen Tisch beim Italiener und hole dich nach der Arbeit ab.«
»Das ist nicht nötig. Das Restaurant erreiche ich auch gut zu Fuß«, sagte Romy und hoffte, dass René sich darauf einlassen würde.
Einen Moment musterte er sie durchdringend, doch dann begann er zu lächeln und betrachtete sie von Kopf bis Fuß.
»Wie du meinst. Aber denk dran hübsch auszusehen. Du weißt, ich möchte bei Robert einen guten Eindruck hinterlassen.«
Romy achtete konzentriert darauf, nicht genervt die Augen zu verdrehen. Wie sehr ihr diese Geschäftsessen zum Halse hinaus hingen. René arbeitete beim Finanzamt und warb seit ein paar Monaten fast krankhaft um eine leitende Position in seiner Abteilung. Keine Frage, mit seinen 28 Jahren konnte er inzwischen auf eine ziemlich beachtliche Karriere zurückblicken. Trotzdem widerstrebte es Romy ständig bei seinen Treffen dabei sein zu müssen. Doch sie verhielt sich still und ertrug das Theater, das sie jedes Mal vor den anderen spielten, um einen guten Eindruck bei den Leuten zu hinterlassen.
»Du musst mich nicht ständig daran erinnern. Ich weiß, welch großen Wert du darauf legst und wie viel dir diese Treffen bedeuten«, antwortete Romy und verharrte in seinem Blick. Seine grünen Augen schauten in ihre, während Romy den herben Duft seines Parfüms deutlich wahrnahm.
»Gut«, sagte René und betrachtete sie mit seinem typischen Blick, der Romy daran erinnern sollte, dass es schon einmal andere Zeiten gegeben hat.
»Ich muss dann mal los. Bis heute Abend«, sprach er und küsste sie knapp auf die Stirn.
Romy bemühte sich um ein Lächeln, das sie angestrengt beibehielt, bis er zur Tür hinaus war. Erst hinterher atmete sie hörbar aus. Sie blieb am Tisch sitzen und trank in aller Ruhe ihren Kaffee leer. Währenddessen war es im Haus so still, dass man eine Stecknadel hätte fallen hören können. Ausschließlich das Ticken der Wanduhr war zu vernehmen. Es war ein großes Haus. Zu groß. Größer als sie es gebraucht hätten. Aber René hatte seine und Romys Zukunft schon vor Jahren geplant und erwartete, dass sie schon in naher Zukunft mit der Familienplanung begannen. Ein Gedanke, der Romy in Schrecken versetzte. Die Heirat, die sie seit zwei Jahren geschafft hatte immer wieder erfolgreich zu verschieben, stand nun im nächsten Sommer bevor. Romy versuchte, nicht an das Datum zu denken, sonst würde sie umgehend in Panik verfallen.
Nachdem sie das Geschirr abgewaschen hatte, nahm sie ihren Trenchcoat von der Garderobe und blickte ein letztes Mal in den Spiegel. Die Nacht hatte sie gezeichnet, das war nicht zu leugnen. Dicke Augenringe zeichneten sich auf ihrem Gesicht ab und wirkten trotz des Makeups leicht dunkel. Ihre Augen waren stark gerötet und Romy fand, dass sie im Allgemeinen sowieso etwas blass wirkte. Trotzdem strich sie sich das lange blonde Haar glatt und straffte die Schultern. Daraufhin griff Romy nach ihrem Schlüssel und verließ das Haus, um zur Arbeit zu gehen.
»Planänderung!«, rief Nicole mit einem breiten Grinsen, als Romy gerade einen Fuß in die Agentur gesetzt hatte.
Verwundert lagen ihre Augen auf dem Gesicht ihrer Chefin, die mit einem aufgesetzten Lächeln auf sie zugeeilt kam.
»Was genau für eine Planänderung?«, wollte Romy wissen und reichte ihr den Cappuccino, den sie für Nicole aus der Bäckerei nebenan mitgebracht hatte.
»Vanessa wurde heute Nacht ins Krankenhaus eingeliefert. Blinddarmentzündung. Sie haben sie gleich operiert. Aber es geht ihr gut, und das ist schließlich die Hauptsache. Dennoch wird sie für zwei bis drei Wochen ausfallen. Deshalb meine Süße, musst du ihren Auftrag übernehmen.«
»Ich soll die Silverberg-Hochzeit organisieren?«, fragte Romy erschrocken und zeigte perplex mit dem Finger auf sich.
»Was ist so schlimm daran? Du bist ein Organisationstalent. Ich wüsste keinen, der besser dafür geeignet wäre«, entgegnete Nicole überrascht.
Unbeeindruckt zog Romy eine Augenbraue hoch und sah ihre Chefin vielsagend an.
»Wenn Phil und Jana mit ihren eigenen Aufträgen beschäftigt sind, gibt es auch derzeit keinen anderen außer mir«, wies sie Nicole trocken darauf hin.
»Ja, ja. Das vielleicht auch«, winkte sie schnell ab. »Das ändert aber nichts daran, dass du trotzdem ein Genie bist.«
»Was ist mit dir?«, fragte Romy und zeigte auf Nicole.
»Ich?«, staunte ihre Chefin und machte große Augen.
»Süße, ich habe genug mit dem Mittelaltermarkt zu tun. Du weißt genau, dass dieser Auftrag eine entscheidende Chance für Timeless Events ist. Deshalb habe ich ihn ja auch persönlich übernommen. Unsere Eventagentur befindet sich noch in der Anfangsphase. Wir brauchen jeden Auftrag, den wir kriegen können.«
Romy seufzte einmal auf und trank einen Schluck von ihrem Cappuccino.
»Außerdem bin ich dein Boss. Wenn ich dir sage, du planst diese Hochzeit, dann planst du sie auch«, bemühte Nicole sich um einen strengen Ton, stemmte die Hände an ihre fülligen Hüften und versuchte, ihr Auftreten mit einer seriösen Maske zu unterstreichen.
Eisern hielt Romy ihrem Blick stand, doch bereits nach den ersten Sekunden begann sie kläglich zu scheitern und gab letzten Endes auf. Romy mochte ihre Chefin sehr und wusste, wie glücklich sie sich schätzen konnte, ein wunderbares Verhältnis zu ihr zu pflegen. Nicole hatte Romy damals in dem Hotel kennengelernt, in dem sie ihre Ausbildung zur Hotelfachfrau abgeschlossen hatte. Romy war damals für die Planung einer Firmenfeier verantwortlich gewesen, bei der Nicole zu dieser Zeit noch selber angestellt gewesen war. Offenbar gefiel ihrer Chefin die Art, wie Romy die Dinge ausrichtete und bat sie diskret um einen Anruf. Noch am selben Abend erzählte ihr Nicole von ihren Plänen selbst eine Eventagentur gründen zu wollen und fragte Romy, ob sie nicht gerne für sie arbeiten wolle. Natürlich unterbreitete Nicole ihr ein attraktives Angebot, das sie kaum abschlagen konnte. Also kündigte Romy einige Wochen später im Hotel und arbeitete seit jeher für Nicole als Eventmanagerin.
»Okay, okay. Ich übernehme den Auftrag«, beruhigte Romy sie und lächelte.
»Großartig. Vanessa hat die Kalkulationen bereits erstellt. Ich habe sie dir auf deinen Schreibtisch gelegt. Morgen Mittag findet der erste Termin zur Begutachtung der vorgeschlagenen Location statt. Aber das kannst du dir alles selber ansehen.«
»Ist gut«, sagte Romy und ging gemeinsam mit Nicole in ihr eigenes kleines Büro.
Sie legte den Trenchcoat ab und nahm die Akte zu Vanessas Auftrag in die Hand.
»Oskar und Elke Silverberg«, las Romy die Namen laut vor und blickte daraufhin zu ihrer Chefin. »Scheint sich um ein älteres Brautpaar zu handeln.«
»Nein, nein. Oskar und Elke sind die Eltern der Braut. Weil sie die Auftraggeber sind, tauchen nur ihre Namen auf den Verträgen auf.«
»Und wie heißt das Brautpaar?«, wollte Romy wissen.
»Das weiß ich nicht. Du wirst es ja morgen erfahren«, lächelte Nicole und war plötzlich weitaus besser gelaunt als noch vor ein paar Minuten.
»Ich muss dann mal los und noch einen wichtigen Anruf erledigen. Wir sehen uns nachher«, sagte sie, hauchte Romy einen Luftkuss zu und verließ im Anschluss ihr Büro.
Gedankenversunken ließ Romy sich auf ihrem Stuhl nieder und begann Vanessas Auftrag zu ihrem Eigenen zu machen. Sie war sich nicht ganz sicher, ob sie die Richtige für diese Position war. Bisher hatte sie meist Konzerte und private Firmenfeiern ausgerichtet. Aber erzählen zu können, dass sie bald auch Erfahrungen mit der Planung von Hochzeiten hatte, reizte sie schon etwas. Außerdem war Romy für alles dankbar, dass sie im Moment ablenkte. So dachte sie weniger an ihn und an die Tatsache, wie sehr er in diesem Augenblick zu leiden hatte. Romy sog tief die Luft ein, während ihre Hand, zu dem Medaillon an ihrem Hals wanderte. Ein typisches Verhalten ihres Unterbewusstseins, sobald sie einen Gedanken an ihn zuließ.
Am Abend musste Romy sich beeilen um zum Restaurant zu kommen. Sie war schon eine halbe Stunde zu spät dran und hetzte nun in ihren hochhakigen Schuhen zum Fahrstuhl, um nicht noch mehr Zeit zu verlieren. Während sie in die oberste Etage fuhr, zog Romy sich die Lippen nach und strich sich die Haare ordentlich hinter den Ohren glatt. Ihre Lust auf dieses Treffen hielt sich stark in Grenzen. Sie wäre am liebsten nach Hause gegangen, hätte sich bequeme Klamotten angezogen und sich mit einer Pizza vor den Fernseher gehockt. Doch sie setzte tapfer ihr perfekt erlerntes Lächeln auf und wartete darauf, dass sich die Türen des Fahrstuhls öffneten.
Das Restaurant war heute gut besucht und jeder Tisch schien besetzt zu sein, was die Suche nach René erschwerte.
»Kann ich Ihnen helfen?«, fragte eine junge Kellnerin, die mit einem freundlichen Lächeln auf Romy zukam.
»Ja, bitte. Ich bin auf der Suche nach Herr Heine.«
»Kommen Sie mit«, sagte sie und ging mit ihren langen Beinen voraus.
Kurz darauf führte sie Romy hinter eine Säule, wo sie René sogleich entdeckte.
»Vielen Dank«, flüsterte sie der Kellnerin höflich zu und lächelte.
Als René Romy sah, warf er ihr für eine winzige Sekunde einen verärgerten Blick zu. Doch er gab sich Mühe seinen Frust zu verbergen und zog angestrengt die Mundwinkel nach oben.
»Da bist du ja«, sagte er und küsste Romy dezent auf die Wange, als sie sich neben ihn setzte.
»Bitte entschuldige. Ich habe einen neuen Auftrag zugeteilt bekommen und musste daher etwas länger arbeiten«, erklärte sie ihr Zuspätkommen und blickte zu Robert.
»Hallo Robert, es freut mich, Sie wiederzusehen«, sprach Romy höflich und reichte ihm die Hand.
Dass er heute in Begleitung gekommen war, überraschte sie hingegen etwas.
»Ganz meinerseits«, lächelte Robert zurück und sah zur Seite. »Darf ich vorstellen? Romy, das ist Corinna. Corinna, das ist Romy. Renés Verlobte.«
Unvermittelt bekam Romy bei dem Wort eine Gänsehaut. Sie hasste es, als Renés Verlobte vorgestellt zu werden. Sie bezeichnete sich ja nicht einmal selbst so.
»Hallo«, lächelte Romy und begrüßte sie ebenfalls mit einem Handschlag.
In der Zwischenzeit schenkte René ihr ein Glas Rotwein ein und teilte Romy mit, dass er für sie Lamm zum Essen bestellt hatte. Romy bemühte sich um eine dankbare Mimik, obwohl sie keinerlei Grund dazu hatte, ihn anzulächeln. Sie hasste Lamm, was er genau wusste. Dennoch war René der Meinung, je öfter sie es essen würde, desto eher würde es Romy eines Tages schmecken. Doch bisher zwängte sie sich das Gericht vielmehr hinunter als ihm etwas davon abgewinnen zu können.
»Erzählen Sie, Romy. Um was für einen neuen Auftrag handelt es sich?«, hakte Robert interessiert nach und blickte aufmerksam in ihre Richtung.
»Es geht um eine Hochzeit.«
»Eine Hochzeit? Das klingt spannend«, entgegnete er.
»Und es ist so romantisch«, schwärmte Corinna, während sie schlagartig Roberts Hand berührte.
»Ich denke, ich werde zu beschäftigt mit der Organisation sein, um es romantisch zu finden«, lächelte Romy und nippte an ihrem Rotwein.
Es ärgerte sie, dass René ihr kein Wasser bestellt hatte. Auch Wein hatte Romy nie besonders gemocht. Wenn sie schon Alkohol trank, dann griff sie gerne ganz schlicht zu einer Flasche Bier. Aber René war der Meinung, dass dieses Getränk nicht in die Hände einer Dame gehörte und ignorierte deshalb ihren Geschmack.
»Abwarten, abwarten. Bestimmt kommt die Romantik auf, sobald sie damit konfrontiert werden. Eine Hochzeit ist doch immer etwas Besonderes. Seit wann sind Sie beide eigentlich schon zusammen?«, wollte Corinna wissen und schaute neugierig von Romy zu René.
»Seit fünf Jahren«, antwortete Romy ihr freundlich.
»Das ist nicht ganz richtig. Eigentlich sind es elf Jahre«, korrigierte René sie und lächelte daraufhin angespannt.
»Was denn nun? Fünf oder elf Jahre?«, brachte Robert sich lachend ein.
»Es sind elf. Die Trennung vor einigen Jahren zähle ich nur ungern mit«, klärte René ihn auf.
Krampfhaft biss Romy die Zähne aufeinander, als sie unverhofft seine blauen Augen vor sich sah. Dabei fühlte sie bei dem Gedanken an ihn, schlagartig eine Wärme in sich aufsteigen, die ihr das Herz zerriss.
»Sie waren getrennt? Wie lange?«, fragte Corinna und schien plötzlich ganz aufmerksam zu sein.
»Nicht ganz ein Jahr«, antwortete René und Romy bemerkte sofort, den fahlen Beiklang in seiner Stimme.
René und sie sprachen nicht über diese Zeit in ihrem Leben. Eine Zeit, in der Romy ihr Herz an jemand anderes verlor. Eine Zeit, in der sie es geschafft hatte, sich von René zu lösen und der Manipulation ihrer Familie zu entfliehen. Doch als er sie verließ, war es dunkel um Romy herum geworden und sie sah keinen anderen Ausweg, als zurück zu René zu gehen. Lieben würde sie sowieso nie wieder können. Das hatte sie bereits getan, mit ganzer Seele. Niemals könnte sie diese Liebe einem anderen widmen. Auch wenn er sie nicht mehr wollte.
»Was ist passiert?«, fragte Corinna und schien vollauf interessiert an ihrem Privatleben zu sein.
Für ein paar Sekunden wurde es unangenehm still am Tisch. Romy war sich unsicher, ob nun sie oder René sprechen sollte.
»Nun, wie das häufiger mal der Fall bei längeren Beziehungen sein kann, zog eine kleine Schwärmerei Romy von mir fort«, antwortete René so beiläufig wie es ihm nur möglich war. Aber Romy hörte den bitteren Beigeschmack in seiner Stimme deutlich heraus. Sie wusste, wie schwer es René fiel bei dem Thema ruhig zu bleiben. Sie selber hatte ja schon Schwierigkeiten damit, entspannt auf dem Stuhl zu sitzen und sich keines ihrer Gefühle anmerken zu lassen.
Kleinere Schwärmerei…, dachte sie verbittert.
Hätte Romy damals nicht den Anruf getätigt, der ihn von ihr getrennt hatte, würden sie vielleicht heute noch zusammen sein. Schnell vergrub sie den Gedanken an die Vergangenheit tief im inneren ihres Gedächtnisses. Sie durfte nicht an ihn denken. Sonst lief sie Gefahr, vor allen in Tränen auszubrechen.
»Ach, mach dir nichts draus, René. Sobald eine Frau merkt, was gut für sie ist und was sie verloren hat, kommt sie schon von ganz allein zu einem zurück«, lachte Robert und zwinkerte ihm arrogant zu.
»Dem kann ich nur zustimmen. So war es dann am Ende ja auch«, pflichtete René ihm bei und legte den Arm um Romys Schulter.
Währenddessen hatte Romy das Gefühl, sich gleich übergeben zu müssen und schluckte Magensäure hinunter. Einen winzigen Moment fragte sie sich, ob sie nicht einfach die Wahrheit hinausschreien und klarstellen sollte, wie anders doch alles gewesen war. Doch so schnell der Gedanke kam, so schnell war er auch wieder verschwunden. Schließlich war sie ganz alleine auf der Welt und hatte niemanden mehr außer René. Romys Mutter starb an einer koronaren Herzkrankheit, als sie gerade mal zwei Jahre alt war. Ihren Vater verlor sie vor sieben Jahren an Krebs und ihre Stiefmutter, die den Tod ihres Mannes nie überwunden hatte und dadurch täglich zum Alkohol griff, erkrankte an einer Leberzirrhose, die ihr letztes Jahr endgültig zum Verhängnis wurde.
Romy war in der siebten Klasse gewesen, als ihr Vater Karsten, René das erste Mal mit nach Hause gebracht hatte. Er hatte ihn dazu beauftragt, ihr Nachhilfeunterricht in Mathe zu geben. Weil Romy und René daher mehr Zeit miteinander verbrachten als sonst irgendjemand, passierte, was passieren musste und sie verliebten sich ineinander. Da war Romy gerade vierzehn gewesen. Karsten und ihre Stiefmutter Susanne liebten René wie einen Sohn und konnten sich nichts Schöneres vorstellen, als das er eines Tages zu ihrer Familie gehören und Romy heiraten würde. Darum redete ihr Vater recht früh auch schon auf seine Tochter ein, sie solle ja an seiner Seite bleiben und ihn irgendwann, wenn der Tag gekommen war, zum Mann nehmen. Somit hielt Romy sich krampfhaft an dem Wunsch ihres Vaters fest, nachdem er ihr so überraschend das Herz gebrochen hatte, und ging wieder zu René zurück.
Während die Männer sich während des Essens über diverse Finanzen unterhielten, fragte Corinna Romy weiterhin nach ihrer Arbeit aus. Romy wurde das Gefühl nicht los, dass sie die Gelegenheit absichtlich nutzte, um Robert heraushören zu lassen, wie sehr sie sich selbst eine eigene Hochzeit mit ihm wünschte.
»Wann soll denn die Hochzeit stattfinden? Und was genau gibt es bis dahin noch zu tun?«, fragte Corinna stark interessiert.
»Der Termin ist schon in zwei Monaten. Das Brautpaar scheint es offenbar ziemlich eilig zu haben. Deshalb denke ich, dass die nächsten Wochen auch recht anstrengend werden können. Wir müssen uns um die Location kümmern, einen Cateringservice engagieren, die Torte aussuchen, passende Musik wählen… So was halt alles. Mehr erfahre ich dazu aber morgen, wenn ich selbst mit dem Brautpaar gesprochen habe. Doch vom Budget her lässt sich sagen, dass mir viele Möglichkeiten offen stehen«, erklärte Romy, ohne zu viel zu verraten.
Verträumt lächelte Corinna.
»Wenn ich heiraten würde, würde ich mir eine klassische Hochzeit wünschen«, schwärmte sie.
Höflich erwiderte Romy ihr Lächeln, während ihr nicht entging, dass sie Robert immer wieder von der Seite aus erwartungsvoll betrachtete. Romy musste sich dazu ermahnen, nicht genervt mit den Augen zu rollen.
»Verliebt zu sein, ist das Schönste auf der Welt. Nicht wahr?«, träumte Corinna weiter.
Sogleich verspürte Romy einen heftigen Stich in ihrer Brust.
»Ja«, antwortete sie bloß und wagte es nicht zur Seite zu blicken.
Romy spürte genau, dass sie plötzlich von René beobachtet wurde. Also nahm sie sich beisammen und legte ihre Hand auf seine, damit er beruhigt war.
Auf der Fahrt nach Hause war es heute unangenehm still zwischen René und Romy. Beide wussten, dass an diesem Abend zu viel über die Vergangenheit gesprochen wurde. Für gewöhnlich ignorierten sie, was damals zwischen ihnen geschehen war und Romy versuchte angestrengt, René jeden Tag davon zu überzeugen, dass er der Richtige für sie war und sie sich dem Willen ihres Vaters fügte. René selbst, schien damit leben zu können. Vorausgesetzt, man sprach nicht über jene Zeit, in der Romy ihn damals verlassen hatte.
»Wir müssen mal wieder meine Eltern besuchen gehen«, sagte er und brach die Stille.
»Das stimmt«, entgegnete Romy und sah währenddessen aus dem Fenster.
Nachdem sie Zuhause angekommen waren und Romy unter die Dusche sprang, legte sie zuvor noch schnell die passende Kleidung für morgen zurecht, damit sie direkt ins Bett gehen konnte, sobald sie fertig war. Romy war müde von dem Tag und fand, dass sie zu viel damit beschäftigt gewesen war, darauf aufzupassen, was sie sagte. Doch als sie ins Schlafzimmer ging und in der Dunkelheit spürte, wie Renés Arme sich um ihre Taille legten und er ihren Hals zu küssen begann, versteifte Romy sich auf der Stelle. Sie verspürte absolut kein Verlangen danach ihm jetzt näher zu kommen. Allerdings hatte die Erfahrung gezeigt, dass sein Ärger am schnellsten auf diese Weise verflog. Deshalb atmete sie tief ein und drehte ihren Körper in seine Richtung, um ihn besser küssen zu können. Doch sie hoffte inständig, dass es schnell gehen und René anschließend zufrieden sein würde. Um zumindest etwas dabei zu fühlen, schloss Romy ihre Augen und stellte sich wie so oft schon dabei vor, dass er es war, der sie in diesen Momenten berührte. Er war der einzige Mann auf der Welt gewesen, bei dem sie je das Gefühl von Leidenschaft erfahren hatte- und Liebe. Jedenfalls dachte sie das.
René bemerkte nie, dass Romy mit ihren Gedanken ganz woanders war, wenn sie miteinander schliefen. Vielleicht lag es daran, dass es ihm sowieso egal war, wie sie dabei empfand, weil es hauptsächlich um seinen Spaß ging. Mit René war es immer das gleiche, was Romy nicht nur langweilte sondern auch anwiderte. Verloren ließ sie seine Lust über sich ergehen und versuchte jegliche Geräusche einzudämmen, um sich ihre ganz eigene Fantasie vorzuspielen.
Am nächsten Tag telefonierte Romy mit Vanessa, um bestmöglich auf das Treffen mit den Silverbergs vorbereitet zu sein.
»Mach dir keine Sorgen, ich schaffe das. Du siehst jetzt erst einmal zu, dass du wieder auf die Beine kommst«, sprach Romy in das Headset.
Sie saß in ihrem Auto und war seit einigen Minuten auf dem Weg zur Location. Um sich noch die wichtigsten Informationen einzuholen, hatte sie Vanessa angerufen, die den Auftrag anfangs angenommen hatte.
»Das bezweifle ich gar nicht. Ich gebe zu, die Zeit ist etwas knapp, aber ich bin sicher, du wirst die Hochzeit besser organisieren als ich es je könnte. Und mach dir wegen des Brautpaares und der Eltern keine Gedanken. Die sind eigentlich ganz nett. Du solltest nur nicht zu sehr auf den Bräutigam schauen, der ist nämlich extrem heiß«, lachte Vanessa schwach.
Die Operation schien ihr noch stark in den Knochen zu sitzen.
»Keine Sorge, ich denke, ich bin inzwischen professionell genug, um einem charmanten Aussehen zu widerstehen«, lachte Romy und sah sich während der Fahrt die Gegend an.
»Wart´s nur ab und sag hinterher nicht, ich hätte dich nicht gewarnt«, scherzte Vanessa weiter.
»Ruh dich lieber wieder aus. Ich weiß jetzt alles, was ich wissen muss. Ich wünsche dir gute Besserung.«
»Danke. Wenn du trotzdem noch Fragen haben solltest, kannst du mich jederzeit anrufen«, bot sie ihr freundlich an.
»Ich danke dir«, sagte Romy und legte auf.
Eine halbe Stunde später, hatte das Navi Romy ans Ziel geführt. Sie schaltete den Motor aus und nahm sich einen Moment die Zeit, um das alte Schloss zu betrachten, dass das Brautpaar sich für die Location ausgesucht hatte. Es wirkte ein bisschen wie ein altes Bauernhaus, während es umgeben war von einem romantischen Bach und unzähligen Weiden und Birken, die den Gesamteindruck Märchenhaft erscheinen ließen. Romy verstand auf Anhieb, dass Menschen den Wunsch hegten, hier heiraten zu wollen. Sie griff nach ihrer Tasche und dem schweren Ordner und stieg aus dem Wagen. Es war sonnig und ein süßer Frühlingsduft drang Romy sanft in die Nase. Vom gestrigen Niederschlag war nichts mehr zu bemerken. Romy strich sich den Blazer glatt und ging langsam auf das Schloss zu.
Als sie neben einer großen Grünfläche entlangschritt, schlichen sich erste Visionen in ihr Gedächtnis, wie eine Feier an diesem bezaubernden Ort aussehen konnte.
Ein wunderbarer Platz für eine Hochzeit, dachte Romy und bekam einen ersten Anflug von Freude auf den Auftrag.
Vor einem großen Tor blieb sie stehen und las auf einem Schild, dass die Gastronomie sich im Erdgeschoss befand. Ein letztes Mal sah sie auf die Uhr. Romy lag hervorragend in der Zeit. Zehn Minuten früher als verabredet, so, wie sie es sonst auch immer handhabte.
»Guten Tag«, sagte Romy zu einer Mitarbeiterin. »Können Sie mir sagen, ob Familie Silverberg schon da ist? Ich bin hier mit ihnen verabredet.«
»Ja, sie sind draußen auf der Terrasse«, antwortete die Frau freundlich und zeigte Romy mit dem Finger, in welche Richtung sie gehen musste.
»Ich danke Ihnen«, lächelte Romy und schritt voraus.
Auf dem Weg kreuzte sie einen großen Spiegel, in welchen Romy einen letzten Blick hineinwarf. Sie hatte ihre blonden Haare zu einem ordentlichen Zopf zusammengebunden und sich für einen beigefarbenen Hosenanzug entschieden. Um nicht ganz steif zu wirken, tauschte sie heute Morgen ihre Bluse gegen ein weißes schlichtes T-Shirt aus. Damit sie trotzdem noch stilvoll aussah, hatte sie sich ein leichtes Tuch um den Hals gebunden und dezenten Schmuck angelegt. Nur das Medaillon, das sie nie abnahm, versteckte sie unter dem leichten Stoff ihres Shirts.
Anschließend sprach sie sich stumm Mut zu, während sie selbstbewusst nach draußen schritt. Auf der Terrasse entdeckte Romy sogleich einen Mann und eine Frau auf die Vanessas Beschreibung passte, und die sich auffällig die Gegend ansahen.
»Herr und Frau Silverberg?«, sprach Romy absichtlich etwas lauter und lächelte beide höflich an.
»Ja?«, antworteten sie und drehten sich überrascht um.
»Guten Tag, ich grüße Sie. Mein Name ist Romy Cramer, ich bin Ihre neue Eventmanagerin. Frau Koch wurde gestern Nacht leider wegen einer Blinddarmentzündung operiert und fällt nun für einige Wochen aus. Deshalb ersetze ich meine Kollegin und bin nun für Sie zuständig«, erklärte Romy und reichte beiden die Hand.
Verblüfft betrachtete man Romy und schien sichtlich verwirrt über die Situation zu sein.
»Oh, davon hat uns aber niemand in Kenntnis gesetzt«, stammelte Frau Silverberg und warf Romy sogleich einen abschätzenden Blick zu.
»Wir bitten um Entschuldigung, aber alles ging wirklich sehr schnell. Ich kann Ihnen jedoch versichern, dass sich nichts ändern wird.«
»Wir haben schon einiges mit Frau Koch besprochen«, fügte Herr Silverberg skeptisch hinzu.
So unzufrieden, wie die beiden sich gaben, war Romy klar, dass sie alles andere als zufrieden mit der Situation waren. Umso wichtiger erschien es ihr, die Familie von ihrem Können zu überzeugen.
»Das weiß ich. Ich habe die gesamte Kalkulation studiert und versichere Ihnen, dass ich bestens vorbereitet bin, gemeinsam mit Ihnen verschiedenste Ideen auszuarbeiten und eine unvergessliche Hochzeit für Ihre Tochter zu planen«, versprach Romy selbstbewusst.
»Na ja«, murmelte Frau Silverberg und zuckte leicht mit der Schulter.
»Wir haben wohl keine andere Wahl«, fuhr sie fort und lächelte ihrem Mann unsicher zu.
Romy gab sich Mühe, ihre Bemerkung nicht persönlich zu nehmen und bemühte sich weiterhin darum, professionell zu bleiben.
»Ich verspreche Ihnen, Sie werden es nicht bereuen.«
»In Ordnung. Unsere Tochter und ihr Verlobter müssten auch jeden Augenblick hier sein«, sagte Herr Silverberg und sah sich nach ihnen um.
»Möchten Sie noch warten, oder wollen Sie sich schon an einen Tisch setzen und etwas zu trinken bestellen?«, fragte Romy.
»Ich denke, wir setzen uns schon einmal. Allerdings bevorzuge ich es bei dem wunderbaren Wetter draußen zu bleiben, wenn es Ihnen nichts ausmacht«, lächelte Frau Silverberg und wirkte dabei etwas verkrampft.
»Überhaupt nicht. Sehr gerne sogar«, entgegnete Romy und zeigte zu einem der vielen Tische.
Während die Brauteltern vorausgingen, betrachtete Romy sie sorgfältig. Angesichts ihrer Klamottenwahl, die auf den ersten Eindruck elegant und kokett schien, ließ sich erahnen, dass sie großen Wert auf Qualität legten. Frau Silverberg hatte langes blondiertes Haar und legte wohl mehr Makeup auf, als sie gebraucht hätte. Sie trug ein pinkfarbenes Kleid und hatte sich gegen den Wind einen eleganten Wollponcho umgelegt. Herr Silverberg hingegen, trug eine gutsitzende Jeans, mit einem blauen Hemd und einer grauen Steppjacke. Auf seinem Kopf schimmerte eine ausgeprägte Halbglatze, während das braune Haar drumherum stoppelkurz in sämtliche Richtungen wuchs. Er war groß und schlank und wirkte auf Romy, wie jemand gut situiertes aus der Baubranche.
»Aus den Unterlagen konnte ich nicht entnehmen, ob Sie von hier sind oder von weiter angereist kommen?«, begann Romy ein Gespräch, nachdem sie sich an einen der runden Tische setzten.
»Wir kommen aus Paderborn, sind aber gebürtig aus Detmold. Daher war es meinem Mann und mir auch so wichtig, dass unsere Emily eines Tages hier heiraten würde«, antwortete Frau Silverberg.
Höflich lächelte Romy sie an und hielt sich mit ihren eigenen Gedanken zurück.
»Das kann ich gut verstehen«, sagte sie, während sie eine ihrer Kladden mit den Unterlagen öffnete.
»Bevor wir uns voll und ganz auf die Planung konzentrieren können, muss ich vorab wissen, ob sich etwas an der Kalkulation geändert hat. Hier steht, dass von Ihnen ein Budget von fünfundzwanzigtausend Euro festgesetzt wurde. Das ist ein wunderbarer Betrag, mit dem wir durchaus arbeiten und eine herausragende Feier umsetzen können. Vor allem bei einer Personenanzahl von Hundertzwanzig Leuten. Hat sich daran irgendwas geändert?«, fragte Romy.
»Nein. Allerdings ist zu erwähnen, dass Emilys Brautkleid in dem Kostenplan miteingeplant wurde. Ist das relevant für Sie?«, wollte Frau Silverberg wissen.
»Auf jeden Fall. Das ist wichtig, um den Betrag hinterher vom Gesamtbudget abzuziehen. Hat Ihre Tochter sich denn schon für ein Kleid entschieden?«
»Noch nicht. Aber sie hat zumindest schon eine engere Wahl getroffen.«
»Vielleicht kann sie mir nachher einmal mitteilen, wie viel es ungefähr kosten wird, damit ich das schon einmal grob verrechnen kann. So kommen wir dann später auch nicht in irgendwelche Bredouillen.«
Gerade als eine Kellnerin zu ihnen an den Tisch kam, um die Bestellung aufzunehmen, klingelte das Handy von Herr Silverberg.
»Hallo, seid ihr schon da?«, fragte er und hörte dem Anrufer aufmerksam zu.
»Wir sitzen auf der Terrasse. …Alles klar, ich richte es aus. Bis gleich.«
Daraufhin legte er auf und steckte das Handy zurück in die Innentasche seiner Jacke.
»Unsere Tochter und ihr Verlobter sind gerade eingetroffen. Sie kommen jetzt zu uns«, teilte Herr Silverberg ihnen mit.
»Wunderbar, ich freue mich schon darauf das Brautpaar kennenzulernen«, sprach Romy und breitete den Rest ihre Unterlagen auf dem Tisch aus.
Schnell überflog sie noch einige ihrer angefertigten Notizen und ging rasch Punkt für Punkt in ihrem Kopf durch.
»Da sind sie ja!«, rief Frau Silverberg und stand vom Stuhl auf.
Romy blickte auf und registrierte zwei Personen händchenhaltend auf sich zukommen. Doch die Sonne blendete sie so grell, dass Romy kaum etwas von ihren Gesichtern erkennen konnte. Deshalb stand sie ebenfalls auf und schritt mit einem freundlichen Ausdruck auf beide zu. Aber je näher sie ihnen kam, desto mehr schwand ihr Lächeln und ihre Beine schienen mit jedem Schritt ein Stück mehr zu versagen. Romy blickte erstarrt auf die Gestalt des Bräutigams und war sich sicher, dass ihr Herz für einen Moment aufgehört hatte zu schlagen. Fassungslos betrachtete sie sein Gesicht. Währenddessen fühlte es sich an, als würde man ihr die Haut zum Brustkorb brutal aufreißen und stetig mit einer Nadel versuchen, hineinstechen. Das konnte nicht sein. Er konnte es nicht sein. Keno war noch für ganze zwei Jahre weg. Dieser Mann vor ihr, war sicher sein Doppelgänger, alles andere ergab keinen Sinn. Doch als das Paar gemeinsam mit Frau Silverberg auf sie zukam und er Romy ebenfalls zum ersten Mal entdeckte, stoppten seine Beine wie von selbst. In seinem Ausdruck lag das blanke Entsetzen, was Beweis genug für Romy war, dass er wahrhaftig vor ihr stand. Betroffen lagen Kenos Augen auf ihren.
Seine blauen Augen… Augen, die Romy schon immer in ihren Bann gezogen hatten. Augen, für die sie jederzeit gestorben wäre.
Was machte er hier?
»Frau Cramer, ich möchte Ihnen meine Tochter Emily und ihren Verlobten Keno vorstellen«, sprach Frau Silverberg munter und legte stolz einen Arm um die Schulter ihrer Tochter. »Keno, Emily, das ist Romy Cramer. Sie vertritt Frau Koch, die sich leider einer Operation unterziehen musste«, erklärte sie den beiden.
Romys Blick lag weiterhin regungslos auf Keno, der sie mit derselben Starre beäugte. Sie verstand die Welt nicht mehr. Aber ihr erster Impuls war es, in Tränen auszubrechen und Keno um den Hals zu fallen. Er hatte sich verändert. Seine dunklen Haare waren inzwischen stoppelkurz und auf dieselbe Länge rasiert, wie der Dreitagebart, den er sich inzwischen stehen ließ. Zudem schien sein Körperbau weitaus definierter zu sein als noch vor fünf Jahren. Das verriet ihr sein enganliegendes Shirt und die freien Unterarme. Obwohl die Haut um Kenos Augen mittlerweile tiefe Augenränder aufwies, war nichts von seiner Schönheit verloren gegangen. Er war weiterhin unverkennbar schön und besaß eine Ausstrahlung, die Romy von Anfang an auffällig anzog. Seine markanten Züge, die schon immer stark ausgeprägt waren, hatten Keno schon damals die Blicke der Frauen auf sich ziehen lassen.
»Hallo. Es freut mich Sie kennenzulernen«, sagte Emily und holte Romy mit ihrer feenhaften Stimme aus der Regungslosigkeit.
Benommen blickte Romy zur Seite und hatte nichts von dem verstanden, was gerade zu ihr gesagt wurde.
»Wie bitte?«, fragte sie abwesend.
Daraufhin musterte Emily Romy skeptisch und wiederholte ihre Worte noch einmal.
»Es freut mich Sie kennenzulernen. Ich bin Emily Silverberg.« Zerstreut reichte Romy ihr die Hand. »Und das«, fuhr sie fort, und zog Keno am Arm zu sich heran »ist mein Verlobter, Keno Dreyer.«
»Hallo«, sprach er und blickte Romy dabei eindringlich in die Augen. Bei dem tiefen Klang seiner Stimme, stießen Romy schlagartig die Tränen in die Augen. Rasch wendetet sie das Gesicht von ihm ab und senkte den Blick.
»Bitte entschuldigen Sie mich«, stammelte sie und flüchtete anschließend unüberlegt vom Platz.
Sempre tuus
Ohne abzuwarten eilte Romy an Keno vorbei, spurtete hastig zurück ins Restaurant und suchte schnell die Damentoilette auf. Sorgfältig drehte sie den Türknauf um und schloss hinter sich ab. Danach lehnte sie sich mit dem Rücken gegen die Tür und versuchte fürs Erste etwas zu Luft zu kommen. Als Romy spürte, dass ihre Beine nachgaben, glitt sie in der nächsten Sekunde auf den kalten Boden. Aufgeregt versuchte sie, ihre Atmung zu regulieren und sich zu beruhigen, doch die Tränen ließen sich nicht aufhalten. Tausend Gedanken schossen ihr durch den Kopf, wobei nur eine einzige Frage von bedeutender Wichtigkeit war. Wie konnte es sein, dass Keno hier war? Für ganze sieben Jahre sollte er weg sein. Warum war er also wieder da? Und wie hatte er Emily kennenlernen können? Nichts ergab eine logische Erklärung.
Aber zumindest war Romy sich endlich über eine Sache im Klaren: Keno liebte sie tatsächlich nicht mehr. Sonst hätte er nach ihr gesucht und gewiss keine andere Frau kennenlernen wollen, die er dann zur Frau nahm. Täglich hatte Romy mit ihm gelitten. Seine Qualen geteilt und sich die Schuld daran gegeben, dass er weg musste. Während er offenbar nichts Besseres zu tun hatte, als sein Leben wieder zu leben.
Als ihr die Tatsache mehr und mehr ins Gedächtnis gelangte, schaffte Romy es endlich aufzustehen. Sie sah nichtsahnend in den Spiegel und erschrak bei ihrem Anblick. Hektisch kramte sie in ihrer Tasche nach dem Makeup und machte sich in aller Eile etwas frisch. Währenddessen rauchte ihr Kopf weiterhin voller Fragen. Wie nur sollte Romy die Hochzeit dessen Mannes planen, den sie selbst nie aufgehört hatte bedingungslos zu lieben? Ob sie einfach abhauen sollte? Sie könnte sich durch den Hintereingang hinausschleichen und anschließend bei Timeless Events kündigen. Doch dann fiel ihr Nicole ein und Romy wusste, dass sie ihre Chefin niemals enttäuschen konnte. Aber was um alles in der Welt sollte sie jetzt tun? Eine Weile betrachtete Romy ihr Spiegelbild. Sie fühlte genau, dass ihr Herz von neuem zerbrach, was ein klares Indiz dafür war, dass ihre Liebe zu Keno nie nachgelassen hatte. Doch davon durfte nie jemand erfahren, am wenigsten er. Sehr wahrscheinlich war Keno die ganze Sache ebenfalls zuwider, und es wäre nicht verwunderlich, wenn er Romy für die Vergangenheit abgrundtief hassen würde. Schließlich war sie der Grund, warum er alles verloren hatte. Auch wenn er damals alles tat, um sie vom Gegenteil zu überzeugen, und ihr immer wieder versichert hatte, dass er für sie jederzeit wieder so handeln würde.
Endlose Minuten später beschloss Romy schweren Herzens, dass sie es Keno schuldig war, die schönste Hochzeit aller Zeiten für ihn zu organisieren.
Nur wie sollte sie das anstellen, ohne dabei selbst zugrunde zu gehen?
Verzweifelt atmete Romy ein, als sie widerwillig die Damentoilette verließ. Obwohl sie furchtbare Angst hatte zurückzugehen, trat sie tapfer einen Schritt vor den anderen. Draußen saßen alle am Tisch und wendeten Romy das Gesicht zu, nachdem sie die Terrasse betrat. Romy verbot sich strikt zu Keno zu sehen und wusste, dass sie der Familie nach ihrem bescheuerten Abgang eine Erklärung schuldig war.
»Bitte entschuldigen Sie, dass ich Sie eben so abrupt stehen ließ. Ich hatte etwas im Auge und musste es schnell ausspülen.«
»Sie haben uns wirklich einen kleinen Schrecken eingejagt. Wir dachten schon, Sie würden uns im Stich lassen«, erwiderte Frau Silverberg aufgebracht und musterte Romy, als sei sie irgendein fremdes Wesen. »Aber ich gebe zu, dass man ihnen die geröteten Augen tatsächlich ansieht. Geht es denn wieder?«
»Ja, danke«, sagte Romy leise.
Erschrocken stellte sie fest, dass nur noch der Stuhl neben Keno fei war. Hätte er sich nicht wenigstens darum kümmern können?
Großzügig schob sie den Stuhl zurück, um so eine Distanz zu Keno aufzubauen und vermied dabei jeglichen Blickkontakt mit ihm.
»Ist Vanessa denn in Ordnung?«, erkundigte Emily sich plötzlich bei Romy und schien ernsthaft interessiert an der Gesundheit ihrer Kollegin zu sein.
»Ja, es geht ihr soweit gut. Sie hatte einen entzündeten Blinddarm, der schnellstens entfernt werden musste.«
»Wir haben uns nämlich vor einer Woche alle etwas besser kennengelernt und ich muss gestehen, dass ich es schon etwas schade finde, dass sie unsere Hochzeit nicht organisieren wird. Ohne Ihnen dabei zu nahe treten zu wollen«, gestand Emily und wirkte sichtlich enttäuscht.
»Ich verstehe das. Aber wie ich eben schon zu Ihren Eltern gesagt habe, wird sich nichts ändern.«
»Wie viele Hochzeiten haben Sie denn bisher schon geplant?«, wollte Emily wissen.
Als sie nebenbei ganz selbstverständlich nach Kenos Hand griff, zog sich Romys Magen krampfhaft zusammen.
»Ich muss gestehen, dass ich noch keine Hochzeit organisiert habe. Aber ich war schon für unzählige Konzerte und Firmenfeiern verantwortlich«, antwortete Romy ehrlich und bemühte sich um ein Lächeln.
Dass Keno ihr ausdrücklich zuhörte, machte Romy extrem nervös. Dauernd spürte sie seinen Blick auf ihrem Gesicht, was sie erheblich ins Schwitzen brachte.
»Vielleicht sollten wir doch eine andere Agentur aufsuchen. Eine, die sich speziell auf Hochzeiten konzentriert«, flüsterte Frau Silverberg ihrem Mann zu.
Nichts hätte sie sich Sehnlicheres wünschen können, als dass diese Familie den Auftrag so schnell wie möglich zurückzog. Doch dann kam ihr Nicole in den Sinn und Romy dachte daran, wie sehr ihre Chefin mit ganzem Herzblut versuchte, Timeless Events nach ganz oben zu bringen. Zudem war Nicole immer fair Romy gegenüber gewesen und war ihr in jeder Lebenslage verständnisvoll entgegen getreten. Daher könnte Romy es nicht ertragen, sie jemals zu enttäuschen.
»Bitte«, begann sie leise zu sprechen. »Geben Sie mir eine Chance. Lassen Sie mich Ihnen meine Ideen vorstellen. Sollte Ihnen nichts davon gefallen, können Sie sich immer noch nach einer anderen Agentur umsehen. Allerdings garantiere ich Ihnen, dass es für Timeless Events und mich persönlich oberste Priorität hat, seinen Kunden den bestmöglichen Service zu bieten.«
Einen Moment tauschten Emily und ihre Eltern intensive Blicke aus. Während Romy auf ihre Antwort wartete, krallte sie unbemerkt ihre Fingernägel in das Sitzkissen. Keno hatte anscheinend nichts Besseres zu tun, als sie permanent zu beobachten und machte damit die ganze Situation zu einem fatalen Desaster.
»Überredet. Berichten Sie uns von Ihren Ideen«, entschied Frau Silverberg und war weiterhin um ein Lächeln bemüht.
Aufgeregt wendete Romy sich ihren Notizen zu und gab ihr Bestes, um zu ignorieren, dass die Liebe ihres Lebens neben ihr saß.
»Zuerst muss ich wissen, ob ihnen die Location hier zusagt. Wie ich aus den Unterlagen entnehmen konnte, gibt es für Sie noch eine Alternative. Ein Hotel in der Stadt, ist das richtig?«
»Das stimmt«, nickte Emily.
»Okay, wenn Sie sich allerdings für das Schloss hier entscheiden, würde ich mich noch heute um eine feste Reservierung kümmern. Sie beide heiraten relativ zeitnah, darum haben wir weitaus weniger Spielraum, als es gewöhnlich der Fall wäre«, erklärte Romy ruhig und sah ausschließlich Emily beim Sprechen an. Währenddessen nervte es sie, dass die Worte nicht flüssig über ihre Lippen kamen. Mit Professionalität hatte das wenig zu tun. Romy konnte nur hoffen, dass sie sich mit der Zeit etwas beruhigte.
»Was meinst du, Schatz?«, sagte Emily und drehte ihren Körper in Kenos Richtung.
Zögernd folgte Romy ihrem Blick und versuchte, bei ihrem eigenen Schmerz nicht zu verbrennen.
»Hm?«, war alles was er sagte und sah seine Verlobte verwirrt an.
»Wo wäre dir eine Hochzeit lieber? Hier, auf diesem wunderbaren Anwesen oder in dem Hotel, das wir uns letztens angesehen haben?«
»Ist mir egal«, antwortete Keno matt und blickte für eine Sekunde betroffen in Romys Augen.
Irritiert beäugte Emily ihn.
»Ist dir egal?«, wiederholte sie seine Worte verblüfft. »Wie meinst du das?«, fragte sie.
Angespannt schaute Keno seiner Verlobten in die Augen.
»Entscheide du«, war alles was er sagte.
Romy spürte, dass die Stimmung deutlich sank und wusste aus Erfahrung, dass es ihre Aufgabe war, etwas dagegen zu unternehmen.
»Vanessa hat aufgeschrieben, dass Sie sich eine Trauung im Freien wünschen«, mischte Romy sich ein und versuchte, freundlich zu klingen.
»Ja, das fänden wir sehr schön«, antwortete Emily und sah lächelnd zu ihrer Mutter.
»Dann«, sagte Romy und zeigte auf die Location, »sollten Sie sich für das Schloss hier entscheiden. Es bietet nicht nur die Möglichkeit draußen zu feiern, sondern ist das gesamte Ambiente doch überaus romantisch.«
Romy Stimme flachte zum Ende des Satzes ab und sie atmete tief ein, um den Schmerz weiterhin zu ertragen.
»Ich würde mich auch freuen, wenn wir hier heiraten könnten«, sagte Emily und sah flehend in Kenos Richtung.
Weil er keinen Ton von sich gab, war Romy gezwungen, zu ihm zu sehen. Nachdenklich blickte er auf die Tischplatte, mit harten Zügen auf dem Gesicht und einer tiefen Furche zwischen den Brauen.
»Das müsst ihr wissen«, sagte er schließlich und schaute knapp zu Emilys Eltern.
»Auch wenn wir die Kosten übernehmen, solltest du zumindest etwas dazu sagen«, antwortete Herr Silverberg.
»Ihr wisst, was ich davon halte«, entgegnete Keno.
»Und du weißt, dass mir das egal ist«, lachte Herr Silverberg und drehte sich gleichzeitig zu seiner Tochter um. »Nichts ist mir zu teuer für meine kleine Prinzessin.«
Während Emily ihren Vater anhimmelte, blickte Keno zurück zu Romy. Sie sahen einander vertraut in die Augen und Romy wurde das Gefühl nicht los, dass es für ihn genauso schmerzhaft war sie wiederzusehen.
Doch die Vermutung schwand, als Romy sich in Erinnerung rief, wie gleichgültig sie Keno doch war. Schnell wendete sie den Blick von ihm ab und versuchte unter Anstrengung, ihrer Arbeit weiter nachzukommen.
Romy machte einen Vorschlag nach dem nächsten, schrieb sich alle Wünsche, die Emily und ihre Eltern äußerten, von Hand auf und plante es grob in ihre Kalkulation mit ein.
Nachdem sie für heute fertig waren, packte Romy ihre Sachen schneller zusammen, als nötig gewesen wäre und konnte es kaum erwarten, endlich von diesem Ort zu verschwinden.
»Da wir in den nächsten Wochen eng zusammenarbeiten werden, würde ich es begrüßen, Frau Cramer, wenn wir uns ein bisschen besser kennenlernen würden. Gehen Sie doch morgen Abend mit uns essen. Das haben wir mit Ihrer Kollegin Vanessa auch so gemacht«, schlug Frau Silverberg plötzlich vor.
Im Normalfall hätte Romy sofort zugesagt, doch die Umstände ließen sie zögern. Sie wollte nicht mit Keno an einem Tisch sitzen und so tun, als würde sie ihn nicht kennen. Andererseits war ihr aber bewusst, dass es wichtig war, der Familie ein gutes Gefühl zu vermitteln und das Romy sich ihr Vertrauen verdienen musste. Abzusagen schien deshalb keine Option zu sein.
»Das klingt vernünftig«, stimmte Romy angespannt zu und drückte den Ordner fest gegen ihre Körpermitte.
»Sehr schön. Dann rufe ich Sie morgen an und teile Ihnen mit, wo genau wir uns treffen werden«, bestimmte Frau Silverberg und lächelte zufrieden.
»Ich freue mich drauf«, erwiderte Romy und gab sich größte Mühe, ebenfalls freundlich auszusehen.
Daraufhin verabschiedete sie sich. Weil sie der Höflichkeit halber gezwungen war jedem die Hand zu reichen, pochte ihr Herz unvermittelt auf, als sie bei Keno ankam. Romy schaute nicht zu ihm auf, als er seine Hand in ihre legte. Nie hätte sie geglaubt, jemals wieder diese Wärme zu fühlen, die stets nur bei ihm aufkam. Romys Fantasie reichte sogar so weit, dass sie sich einbildete, er würde sie länger als angemessen wäre, berühren.
Anschließend verließ sie Familie Silverberg und machte sich auf den Weg zum Restaurantmanager, um mit ihm über die Reservierung zu sprechen. Auf dem Weg konnte sie deutlich spüren, dass Kenos Blick auf ihrem Rücken lag. Was Romy fast zum Einknicken gebracht hätte.
»Du bist heute so abweisend«, sprach René, als sie gemeinsam am Tisch in ihrer Küche saßen und etwas zu Abend aßen.
Romy bekam kaum einen Bissen runter und stocherte bloß mit der Gabel in ihrem Salat herum.
»Es ist nichts«, antwortete sie und sah für eine halbe Sekunde zu ihm.
»Du weißt, ich hasse es, wenn du lügst. Raus damit, was ist los?«
Romy wusste, dass sie etwas sagen musste. René würde sonst misstrauisch werden und nicht aufhören sie zu bedrängen.
»Die Arbeit ist etwas stressig gerade«, murmelte sie schließlich.
»Wegen dem neuen Auftrag?«
Mechanisch blickte Romy auf, und sah ihm in die Augen.
»Ja«, antwortete sie knapp und freute sich, dass das nicht einmal gelogen war.
»Was ist damit?«, wollte René wissen.
Romy schwieg eine Weile.
Sie bemühte sich darum, ihre Tränen in Zaum zu halten. Geweint hatte sie vorhin schon genug. Romy hatte sogar ihre Chefin angerufen und versucht, sie zu überreden, dass Jana den Auftrag übernehmen sollte. Doch Nicole erklärte ihr noch einmal, dass kein anderer bis auf Romy Zeit dafür hatte und sie davon überzeugt war, dass sie nach Vanessa die beste Wahl für diesen Job war. Also nahm Romy es hin und versuchte seitdem, eine Lösung für ihr Problem zu finden. Romy tat alles, um nicht an Keno zu denken, doch sie scheiterte kläglich und hatte rund um die Uhr das Gefühl, keine Luft zu bekommen. Seit fünf Jahren war ihr klar, dass sie ihn immer noch liebte, doch spätestens seit heute war Romy klar geworden, dass Keno ihr gesamtes Herz besaß. Darum hielt sie es für absurd, zu glauben, sie könne seine Hochzeit ausrichten.
»Romy?«, hörte sie Renés Stimme.
»Ja?«
»Was ist mit der Arbeit?«, startete er einen zweiten Versuch.
Romy atmete ein und überlegt hastig, was sie sagen sollte.
»Ich weiß einfach nicht, ob ich das schaffe.«
»Wieso solltest du es nicht schaffen?«
Während sie ihm in die Augen blickte, spürte sie erneut die Tränen in sich aufsteigen.
»Ich weiß es nicht«, flüsterte sie verzweifelt.
René legte die Gabel beiseite und betrachtete Romy skeptisch.
»Mit dir stimmt doch etwas nicht.«
Weil seine Stimme sich verändert hatte und um eine Nuance gesunken war, schlugen bei Romy sogleich die Alarmglocken. Schnell riss sie sich zusammen und achtete angestrengt auf ein besseres Auftreten.
»Doch, es ist alles in Ordnung. Wahrscheinlich bin ich nur wieder zu selbstkritisch.«
Misstrauisch lag Renés Blick auf ihrem.
»Wirklich, du musst dir keine Gedanken machen. Sicher bin ich nur nervös, weil ich bisher nie mit Hochzeiten zu tun hatte«, versuchte sie ihn weiter zu überzeugen, dass alles in Ordnung war.
»Okay«, antwortete René schließlich, musterte sie aber weiterhin kritisch.
Hinterher wischte er sich mit der Serviette den Mund ab, stand anschließend vom Stuhl auf und teilte Romy mit, sich im Wohnzimmer etwas Sport ansehen zu wollen. Erleichtert blickte sie ihm nach und krallte sich vor Anspannung die Fingernägel in die Haut.
Direkt nachdem René die Küche verlassen hatte, wurde Romy vom Druck übermannt. Sie brach stumm in Tränen aus und hielt sich kraftlos die Hände vors Gesicht.
Hastig wischte sie sich über die Wangen und trank ihr Glas Wasser in wenigen Zügen leer. Eine Weile blieb Romy noch regungslos am Tisch sitzen und nahm sich die Zeit, um nachzudenken. Sie war ratlos, was die nächsten Wochen betraf und suchte verbissen nach einer Lösung. Während ihre Gedanken ihr keinen Raum für Anderes ließen, umschlossen ihre Finger fest das Medaillon, welches Keno ihr damals zum Abschied geschenkt hatte. Es sollte sie an ihn erinnern und Romy nie vergessen lassen, dass sie seine große Liebe war. Zumindest hatte er das damals zu ihr gesagt.
Bei der Erinnerung musste sie lachen. Dass Keno es für sie mit einer persönlichen Gravur verewigen ließ, hat er sicher bereits vergessen. Sempre tuus, stand auf Latein drauf geschrieben und war sicher nur ein Einfall von bedeutungslosen Emotionen gewesen, die ihn dazu verleitet hatten.
Dennoch, Romy weigerte sich zu leugnen, dass das Medaillon ihr nichts bedeutete. Es war der einzige Beweis für sie in den letzten Jahren gewesen, dass es eine Zeit gab, in der er sie einmal aufrichtig geliebt hatte.
Romy schloss die Augen und versuchte einen Weg zu finden, wie sie den morgigen Tag überstehen konnte, ohne von den Qualen erstickt zu werden.
Eine Spirale aus Lügen
Bevor Romy am nächsten Abend zum Treffen mit Familie Silverberg und Keno ins Restaurant fuhr, hatte sie noch kurz mit ihrer besten Freundin Marie telefoniert. Eigentlich wollte sie ihr von den aktuellen Geschehnissen berichten, doch weil Marie heute wegen der Arbeit stark in Eile war, hielt Romy sich fürs Erste mit ihren Neuigkeiten zurück. Sie hätte ihr gerne von Keno und der Hochzeit erzählt und alles für einen hilfreichen Ratschlag ihrer Freundin gegeben. Marie kannte Keno noch von früher und war damals schwer bestürzt gewesen, als die Dinge sich so furchtbar entwickelt hatten und er fortgehen musste. Würde sie nicht inzwischen in London wohnen, wäre Romy noch gestern zu ihr gefahren und hätte sich an ihrer Schulter ausgeheult. Doch die Umstände ließen nur einen Anruf über Videotelefonie zu, was Romy im Moment ausreichen musste. Dennoch nahm sie sich vor, Marie demnächst alles zu erzählen und sich anzuhören, was ihre Freundin zu diesem schrecklichen Dilemma zu sagen hatte.
Weil Romy nicht genau wusste, ob man heute bei dem Treffen auch Weiteres zusammen mit ihr planen wollte, nahm sie vorsichtshalber ihr Tablet mit. Sie kannte das Restaurant, zu dem Frau Silverberg sie heute eingeladen hatte. Da es sich am Stadtrand von Detmold befand, wurde keiner wegen der Entfernung benachteiligt. Etwas, dass Romy sehr aufmerksam von ihr fand.
Auf der Fahrt wurde sie inzwischen derartig nervös, dass sich eine leichte Übelkeit bemerkbar machte. Romy hatte immer noch keine Ahnung, wie sie Keno am besten ignorieren oder zumindest gleichgültig behandeln sollte. Romy war sich sicher, wenn sie sich nicht schnellstens etwas einfallen ließ, würde es auffallen, dass etwas zwischen ihr und Keno nicht in Ordnung war. Dessen war sie sich absolut sicher.
Eine Viertelstunde später, parkte Romy ihren Wagen auf dem dazugehörigen Parkplatz und schaltete den Motor aus. Gerade als sie aussteigen wollte, fiel sie zurück in ihren Sitz und blickte zerrüttet auf ein Auto, dessen Modell und Kennzeichen ihr nur allzu bekannt war.
»Nein, nein, nein«, flüsterte sie panisch und spähte regungslos zu dem Wagen vor ihr.
Keno wiederzusehen war schon die reinste Folter, aber das seine Mutter anscheinend auch anwesend sein sollte, gab Romy den Rest. Esther war ihr immer wie eine eigene Mutter gewesen, und dass sie ihr damals ebenfalls so abrupt den Rücken kehrte, nachdem Keno sie verlassen hatte, war ein herber Schlag für Romy gewesen, der bis hin zur Zerrissenheit gereicht hatte. Darum stieg ihr die Angst bis zum Hals und sorgte dafür, dass Romy sich für einen Augenblick nicht bewegen konnte.
»Das alles ist doch eine Katastrophe«, flüsterte sie bekümmert und vergrub das Gesicht in ihren Händen.
Was, wenn Nellie auch dabei war? Romy würde es nicht verkraften in die Augen von Kenos kleiner Halbschwester zu sehen und sich ihren vernichtenden Blicken zu stellen. Immerhin war es Nellie gewesen, die ihr damals die alleinige Schuld daran gab, dass man ihr den geliebten Bruder zum zweiten Mal entrissen hatte. Womit sie ja nicht unbedingt falsch lag. Schon damals, als Nellie noch ein kleines Mädchen von zehn Jahren war, hatte sie Romy vorgeworfen sie abgrundtief zu hassen, weil Keno ihretwegen erneut fort musste.
Wie hatte Romy auch nur so naiv sein und glauben können, dass bei dem heutigen Treffen nur Emilys Familie dabei war? Seit wann war Romy so unprofessionell? Hätte sie auch nur ansatzweise damit gerechnet, dass sie heute Esther oder Nellie wiedersehen würde, wäre sie nicht gekommen. Romy hätte sich krank gemeldet oder sich absichtlich das Bein gebrochen. Es war schon schwer genug einen von ihnen zu ignorieren, wie sollte sie nur Kenos ganze Familie ausblenden? Gott, was sollte sie tun, wenn auch Thomas dabei war? Schon immer war Romy für Kenos Vater ein Dorn im Auge gewesen. Von Anfang an, hat er nicht versteckt, dass er nichts von ihr hielt. Darum konnte sie sich nicht vorstellen, dass er ihr Spiel mitspielen würde, sofern er auch im Restaurant saß. Romy blieb daher nur zu hoffen, dass Kenos Verhältnis zu seinem Vater bis heute angespannt blieb und Thomas erst gar nicht eingeladen wurde. Auch wenn sie wusste, dass der Gedanke fernab vom Guten war. Vielleicht hatte sie Glück und er war wie so oft auf einer seiner Geschäftsreisen?
Romy wurde kalt und sie spürte, wie die Übelkeit in ihr aufstieg. Am liebsten würde sie den Motor starten und rasend davonfahren. Ihr war danach das Land zu verlassen und nie wieder zurückzukommen.
Aber wie durch ein Wunder schien sie noch genug Kraft zu besitzen, atmete mehrmals tief durch und stieg hinterher tapfer aus dem Auto. Aufmerksam kontrollierte sie den Parkplatz und suchte weiter ängstlich nach diversen Kennzeichen, die ihr bekannt vorkommen könnten.
Als Romy das Restaurant betrat, entdeckte sie direkt im Anschluss Frau und Herr Silverberg, die gemeinsam mit Emily und Keno am Tisch ganz links saßen. Eine brünette Frau, die gegenüber von Keno saß und Romy den Rücken zugedreht hatte, war unverkennbar Esther. Neben ihr saß ein Mann, von dem Romy auf Grund seiner dunklen Haarfarbe ausschließen konnte, dass es sich um Thomas hielt. Erleichtert atmete sie für einen kurzen Moment aus.
Daraufhin trat sie nervös einen Fuß vor den anderen und ignorierte es, wie stark ihre Beine zu kribbeln angefangen hatten. Mit jedem Atemzug beschleunigte sich ihr Puls etwas schneller, was dazu führte, dass ihr gesamter Körper leicht zu beben begann. Heimlich warf sie einen Blick auf Keno. Er hatte Romy noch nicht bemerkt, doch er wirkte mit seinem strengen Blick sichtlich angespannt. In seinem weißen Shirt, das einen starken Kontrast zu seinem dunklen Hauttyp bildete, sah er unverschämt gut aus. Schon jetzt war es Romy kaum möglich ihren Blick von ihm abzuwenden. Es war genau wie früher.
Als Keno sie schließlich bemerkte, spannte sein Körper sich automatisch an und sie sah, dass er sich umgehend aufrechter auf seinen Stuhl setzte. Während er Romy durchdringend in die Augen blickte, wurden seine Gesichtszüge schlagartig weich und Romy gaukelte sich eine Sekunde vor, er würde sie voller Sehnsucht betrachten. Auch Emily bemerkte Romy und lächelte breit.
»Da sind Sie ja«, rief sie erfreut und stand von ihrem Platz auf.
Aufgeregt kam Emily auf Romy zu und begrüßte sie glücklich. Zum ersten Mal nahm Romy sich die Zeit und betrachtete die Frau, mit der Keno sein Leben teilen wollte ganz genau. Gestern war sie zu aufgewühlt gewesen, um sich auf Emilys Aussehen zu konzentrieren. Aber jetzt nahm Romy sich genug Zeit sie genauestens zu studieren. Das erste, das ihr auffiel, war, dass Emilys Gesicht von ungewöhnlich weichen Zügen umrundet wurde. Dadurch wirkte sie seltsam jung und ließ sie automatisch zart und liebevoll erscheinen. Ihre glatten blonden Haare, die ihr bis zu den Schultern reichten, fixierte sie, wie gestern zuvor schon, mit einem schlichten Haarreif. Emily war sehr schlank und ungefähr so groß wie Keno. Ihre schmalen Lippen passten zu der kleinen Stupsnase, die sie hatte. Gestern war Romy schon aufgefallen, dass sie einen auffällig eleganten Kleidungsstil besaß, der kaum zu ihren fünfundzwanzig Jahren passte. Trotzdem war Emily unverkennbar schön und sie konnte durchaus verstehen, warum Keno sich in sie verliebt hatte.
»Hallo«, sagte Romy und reichte ihr die Hand.
»Wir freuen uns so, dass Sie gekommen sind. Ich möchte Ihnen unbedingt meine zukünftige Schwiegermutter vorstellen. Kommen Sie«, drängte Emily und nickte zum Tisch, an dem alle saßen.
Romys Herz begann ungesund schnell zu schlagen und sie nahm alle Kraft zusammen, um sich nichts anmerken zu lassen. Gleichzeitig hoffte sie, dass Keno seine Mutter eingeweiht und mit ihr über die ganze Katastrophe gesprochen hatte.
»Romy, das ist Esther. Die beste Schwiegermutter, die man sich nur wünschen kann«, lächelte Emily breit und sah mit rosa Wangen zu Kenos Mutter.
