14,99 €
Eine Kleinstadt in Südindien: Die muslimischen Frauen leben in einer abgeschlossenen, von Männern dominierten Welt. Weil ihre Familie kein Geld hat, muss Firdaus als Teenager einen älteren, fremden Mann heiraten. Sie wehrt sich vehement gegen die Ehe, bis sie schließlich von der Gemeinschaft verstoßen wird. Wahida hat zumindest eine Vorstellung, was Freiheit bedeutet: Einige Jahre hat sie bei ihrem Onkel in der Großstadt gelebt. Doch mit fünfzehn Jahren muss auch sie sich den Traditionen beugen und ihren Cousin heiraten. Alles, was ihnen bleibt, sind Kompromisse und kleine Rebellionen.
Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:
Seitenzahl: 904
Veröffentlichungsjahr: 2015
Eine Kleinstadt in Südindien: Die muslimischen Frauen leben in einer abgeschlossenen, von Männern dominierten Welt. Die Teenager Firdaus und Wahida müssen sich den Traditionen beugen und werden gegen ihren Willen verheiratet. Alles, was ihnen bleibt, sind Kompromisse und kleine Rebellionen.
Zur Webseite mit allen Informationen zu diesem Buch.
Salma (*1968) ist eine tamilische Schriftstellerin. Mit dreizehn Jahren musste sie auf Druck ihrer Familie die Schule verlassen und heiraten. Ihre Gedichte schrieb sie heimlich in Notizbücher. Bereits ihre ersten Veröffentlichungen über die Stellung der muslimischen Frauen erregten Aufmerksamkeit.
Zur Webseite von Salma.
Ingrid von Heiseler (*1936) studierte Germanistik und Theologie. Sie ist als Übersetzerin und Lektorin tätig.
Zur Webseite von Ingrid von Heiseler.
Dieses Buch gibt es in folgenden Ausgaben: E-Book (EPUB) – Ihre Ausgabe, E-Book (Apple-Geräte), E-Book (Kindle)
Mehr Informationen, Pressestimmen und Dokumente finden Sie auch im Anhang.
Salma
Die Stunde nach Mitternacht
Roman
Aus dem Englischen von Ingrid von Heiseler
E-Book-Ausgabe
Draupadi @ Unionsverlag
HINWEIS: Ihr Lesegerät arbeitet einer veralteten Software (MOBI). Die Darstellung dieses E-Books ist vermutlich an gewissen Stellen unvollkommen. Der Text des Buches ist davon nicht betroffen.
Dieses E-Book des Draupadi-Verlags erscheint in Zusammenarbeit mit dem Unionsverlag.
Die Originalausgabe erschien 2004 unter dem Titel Irandaam Jamangalin Kathai.
Die deutsche Erstausgabe erschien 2011 im Draupadi Verlag, Heidelberg.
Wir danken Herrn Dr. Heinz-Horst Deichmann, Honorarkonsul von Indien, für die Förderung dieser Publikation.
Originaltitel: Irandaam Jamangalin Kathai (2004)
© Salma (Pseudonym für Rajathi Samsudeen aka Rokkaiah Malik)
© by Draupadi Verlag, Heidelberg 2022
Alle Rechte vorbehalten
Umschlag: Anton von Heiseler
Umschlaggestaltung: Martina Heuer
ISBN 978-3-293-30881-7
Diese E-Book-Ausgabe ist optimiert für EPUB-Lesegeräte
Produziert mit der Software transpect (le-tex, Leipzig)
Version vom 07.06.2022, 17:15h
Transpect-Version: ()
DRM Information: Der Unionsverlag liefert alle E-Books mit Wasserzeichen aus, also ohne harten Kopierschutz. Damit möchten wir Ihnen das Lesen erleichtern. Es kann sein, dass der Händler, von dem Sie dieses E-Book erworben haben, es nachträglich mit hartem Kopierschutz versehen hat.
Bitte beachten Sie die Urheberrechte. Dadurch ermöglichen Sie den Autoren, Bücher zu schreiben, und den Verlagen, Bücher zu verlegen.
Falls Sie ein E-Book aus dem Unionsverlag gekauft haben und nicht mehr in der Lage sind, es zu lesen, ersetzen wir es Ihnen. Dies kann zum Beispiel geschehen, wenn Ihr E-Book-Shop schließt, wenn Sie von einem Anbieter zu einem anderen wechseln oder wenn Sie Ihr Lesegerät wechseln.
Viele unserer E-Books enthalten zusätzliche informative Dokumente: Interviews mit den Autorinnen und Autoren, Artikel und Materialien. Dieses Bonus-Material wird laufend ergänzt und erweitert.
Durch die datenbankgestütze Produktionweise werden unsere E-Books regelmäßig aktualisiert. Satzfehler (kommen leider vor) werden behoben, die Information zu Autor und Werk wird nachgeführt, Bonus-Dokumente werden erweitert, neue Lesegeräte werden unterstützt. Falls Ihr E-Book-Shop keine Möglichkeit anbietet, Ihr gekauftes E-Book zu aktualisieren, liefern wir es Ihnen direkt.
Wir versuchen, das Bestmögliche aus Ihrem Lesegerät oder Ihrer Lese-App herauszuholen. Darum stellen wir jedes E-Book in drei optimierten Ausgaben her:
Standard EPUB: Für Reader von Sony, Tolino, Kobo etc.Kindle: Für Reader von Amazon (E-Ink-Geräte und Tablets)Apple: Für iPad, iPhone und MacE-Books aus dem Unionsverlag werden mit Sorgfalt gestaltet und lebenslang weiter gepflegt. Wir geben uns Mühe, klassisches herstellerisches Handwerk mit modernsten Mitteln der digitalen Produktion zu verbinden.
Machen Sie Vorschläge, was wir verbessern können. Bitte melden Sie uns Satzfehler, Unschönheiten, Ärgernisse. Gerne bedanken wir uns mit einer kostenlosen e-Story Ihrer Wahl.
Informationen dazu auf der E-Book-Startseite des Unionsverlags
Cover
Über dieses Buch
Titelseite
Impressum
Unsere Angebote für Sie
Inhaltsverzeichnis
DIE STUNDE NACH MITTERNACHT
Einführung1 – Rabia sah durchs Fenster ihres Klassenzimmers in den …2 – Rabia erwachte sehr früh am Morgen. Gewöhnlich stand …3 – Als Firdaus beim ersten Hahnenschrei erwachte, sagte ihr …4 – Rabia kam von der Schule nach Hause …5 – An diesem Tag war die Hitze sogar noch …6 – Amina wachte um Mitternacht mit einem Schreck auf …7 – Rabia, ist Ahmad hier?« rief Nafiza vom Vordereingang …8 – Rabia kam es so vor, als würde durch …9 – Rabia stand an der Ecke der Straße und …10 – Kader saß an der Kasse ihres gemeinsamen Ladens …11 – Es war etwa acht Uhr morgens. Da Freitag …12 – Sherifa wischte die Vorderveranda ihres Hauses. Ihr Arm …13 – Nafiza hatte das Gefühl, dass ihr ganzer Körper …14 – Mariyayi zog mit einem Haken an einem langen …15 – Rahima wachte bei Tagesanbruch auf. Für gewöhnlich ging …16 – Nuramma lief das Wasser im Mund zusammen …17 – Rabia und Madina gingen auf ihrem Weg in …18 – Rabi und Siddhi saßen in der Passage vor …19 – Als Sherifa ihr Kind weinen hörte, stand sie …20 – Firdaus öffnete die Tür des Hühnerstalls und nahm …21 – Laylathul Qadr nahte, die Nacht der Bevollmächtigung des …22 – Zohra ging auf die Terrasse, denn sie wollte …23 – Rabias Mutter und Tante waren schon um drei …24 – Kader saß neben Rahima auf dem Bett und …25 – Es war ihr eigenes besonderes Stadtfest. Die Klänge …26 – Rabia rannte nach Hause, um Zohra die Neuigkeit …27 – Sainu und ihre Schwiegertochter kamen gerade nach Hause …28 – Die Frauen hatten sich scharenweise in Rabias Haus …29 – Als alle gegangen waren, sagte Zohra zu Rahima …30 – Es waren nur noch zwei Tage bis zur …31 – Nach den Asar-Gebeten versammelte sich die Gemeinde aufgeregt …32 – Firdaus schloss aus dem Ausdruck in Aminas Gesicht …33 – Der Geruch des Hennas, das auf dem Mahlstein …34 – Als alle Vorbereitungen für das Abendessen getroffen worden …35 – Wahida konnte nicht schlafen, weil sich das Henna …36 – Sobald Rabia aus dem Auto gestiegen war …37 – Es war Mitternacht, und Wahida war vom Schweigen …38 – Sherifa machte ihr unordentliches Zimmer sauber und räumte …39 – Madina stand auf der Straße und wartete …40 – Mitten in der Nacht wachte Nuramma hungrig auf …41 – Mumtaz nahm ein Stück der Wäsche, die im …42 – Suleiman kam aus der Moschee, wo er den …43 – Das Sonnenlicht lastete schwer auf der Straße …44 – Wahida lag äußerst erschöpft auf ihrem Bett und …45 – Sainu badete die Zwillinge. Diese Aufgabe war jetzt …46 – Madina trug einen Stapel Bücher unterm Arm …47 – Der Schmerz in ihrem Unterleib hielt Wahida davon …48 – Um Mitternacht stand Wahida, da sie nicht schlafen …49 – Firdaus fühlte sich schwach. Sie lag zusammengekrümmt auf …50 – Es war Freitag. Am frühen Morgen hatten alle …51 – Nachdem sie den Leichnam weggebracht hatten, lag Amina …52 – Wahida lehnte sich gegen eine der Säulen in …53 – Wahida ging auf die Terrasse, um die Wäsche …54 – Rabia lag auf der Chaiselongue in der Halle …55 – Wahida war so glücklich, dass sie sich kaum …56 – Wahida war überrascht, dass ihr Elternhaus so völlig …57 – Als Wahida von Rabia gehört hatte, dass sich …58 – Vor einer Woche hatte die Schule wieder angefangen …59 – Nafiza stieg zur Terrasse ihres Hauses hinauf …60 – Allah, deine grenzenlose Gnade«, sagte Sikandar, setzte sich …61 – Madina und Rabia saßen gemeinsam in einer Ecke …62 – Zohra tat vom Herunterschlucken ihrer Tränen die Kehle …63 – Rahima rührte den Reis mit einem Löffel um …64 – Sherifa hatte seit zwei Tagen das Bett nicht …65 – Wahida öffnete die Augen nur einen Spalt breit …66 – Seit Rabia gehört hatte, dass Ahmad nach Hause …Anmerkung der ÜbersetzerinWorterklärungenPersonenverzeichnisMehr über dieses Buch
Über Salma
Über Ingrid von Heiseler
Andere Bücher, die Sie interessieren könnten
Zum Thema Indien
Zum Thema Asien
Zum Thema Islam
Zum Thema Frau
Kannan Sundaram
An einem Sommermorgen im Jahre 1994 arbeitete ich in meinem neuen, neu eingerichteten Büro der Zeitschrift Kalachuvadu im Vorgarten meines Hauses. Der Raum hat große Fenster nach Westen und Norden. Ich sitze mit dem Gesicht nach Osten und blicke auf das Vordertor. Ein großes Fahrzeug fuhr dort vor. Ich sah einige Köpfe, meist die von Frauen, die ihre Sari-Duppatas über den Kopf gezogen hatten. Einige waren schon ausgestiegen und warteten vor dem Tor, bis auch die anderen ausgestiegen waren, damit sie alle zusammen in einer Gruppe hereinkommen konnten. Wir erwarteten sie. Ich wusste, dass eine von ihnen Salma war. Sie kam meinen Vater Sundara Ramaswamy (1931–2005) besuchen, der ein bekannter, tamilisch schreibender Schriftsteller war. Mein Vater führte ein offenes Haus, deshalb waren wir an Besucher gewöhnt. Einige kündigten sich an, aber die meisten kamen zu allen möglichen Tageszeiten unangekündigt zu uns. Es wurde immer reichlich Essen zubereitet, um unerwartete Gäste zu beköstigen. Im oberen Stockwerk gab es Gästezimmer. Ein Literaturmagazin schrieb einmal: »Verschwenden Sie Ihr Geld nicht, indem sie sich ein Zimmer in einem Hotel in Nagercoil reservieren lassen. Gehen Sie einfach zu Suraas Haus!«
Er war auch sehr darauf bedacht, junge Talente zu fördern. Täglich schrieb er einige Briefe, die meisten an debütierende Schriftsteller. In diesen Briefen teilte er ihnen seine Ideen mit und machte ihnen Vorschläge für ihre Lektüre.
Das Tor öffnete sich und alle kamen ein wenig zögernd herein. Sie machten wahrscheinlich zum ersten Mal einen Besuch in einem nicht-muslimischen Haus. Ich erkannte Salma sofort, denn ich hatte schon einmal ein Foto von ihr gesehen. Ihr Sari reichte ihr gerade bis über die Fußknöchel, so wie Frauen vom Dorf Saris tragen, und sie bewegte sich unsicher, was wohl auf ihre relativ zurückgezogene Lebensweise zurückzuführen war. Aber in meiner Vorstellung – wahrscheinlich war meine Familie derselben Ansicht – war sie ein Wunder, dem zu begegnen wir mit Freude erwarteten.
Von einem gemeinsamen Freund hatten wir ihre Geschichte erfahren. Sie wurde gezwungen, die Schule zu verlassen, und sehr jung verheiratet. Ihre Mutter hatte eine schwere Krankheit vorgetäuscht und vorgegeben, sie liege auf dem Sterbebett. Dann hatte sie ihr das Versprechen abgerungen, sich verheiraten zu lassen. Inzwischen hatte Salma zwei Kinder, zwei Jungen. Sie liebte Literatur, war eine unersättliche Leserin und hatte zu schreiben begonnen. Mein Vater fand ihre Gedichte vielversprechend. Aber ihr Mann und ihre Schwiegerfamilie standen allein schon dem Gedanken, dass sie las und schrieb, feindlich gegenüber. Sie fanden das umstürzlerisch. Ihre eigene Familie war ihr auch keine große Hilfe.
Ihr Mann hatte instinktiv und richtig vermutet, dass sie gegen ihn schreiben würde. Dass ihre Gedichte oft die Dominanz der Männer kritisierten und ihre Entfremdung von dem System, in dem zu leben sie gezwungen war, offenbarten, verschärfte die Probleme mit ihrem Mann.
Wir hatten ihr geheimes Notizbuch mit ihren Gedichten gesehen. Ich war schockiert, als ich später erfuhr, dass sie viele ihrer Gedichte im Badezimmer geschrieben hatte, nicht weil sie eine Neigung zum Dadaismus gehabt hätte, sondern weil das der einzige Ort war, an dem sie in Ruhe gelassen wurde. Sie versteckte das Notizbuch gut, da ihr Mann den Verdacht hatte, dass es so etwas gebe, und oft Jagd darauf machte, vielleicht, weil er alles vernichten wollte.
Wir von Kalachuvadu setzten die Gedichte, korrigierten die Rechtschreibfehler und veröffentlichten ein Gedicht in der allerersten Ausgabe der Zeitschrift, die wir herausgaben, und einige weitere Gedichte nach etwa einem Jahr. Sie alle wurden unter dem von ihr gewählten Pseudonym Salma veröffentlicht. Ihre Gedichte erregten sofort die Aufmerksamkeit von Lesern und Leserinnen und von Kritikern. Uns erreichten viele Anfragen über ihre Person, aber wir stellten sicher, dass ihre Identität außerhalb unseres unmittelbaren Freundeskreises ein Geheimnis blieb, aber das gelang nur einige Jahre. Ihre Gedichte wurden weithin besonders dafür anerkannt, dass sie einen Trend für eine neue Art von Frauendichtung in Tamil gesetzt hatten. Frauen ihrer Generation wurden durch die Gedichte dazu angeregt, offen über ihren Körper und ihre Sexualität zu schreiben. Das brachte sie in die Schusslinie der Hüter der tamilischen Kultur. Islamische Fundamentalisten, die den Verdacht hegten, Salma sei eine Muslima, suchten eine Bestätigung dafür.
S. V. Rajadurai und V. Geeta, zwei bekannte Intellektuelle, übersetzten einige ihrer Gedichte ins Englische. Die Übersetzungen wurden in Indian Literature abgedruckt, einer Zeitschrift, die die Sahitya Akademi herausgibt.
Später wurden einige Gedichte in Hindi in Samakalin Bharathiya Sakithya veröffentlicht. Da aus naheliegenden Gründen ihre Kontaktadresse diejenige von Kalachuvadu war, las ich als erster einige Briefe von Lesern, die sie aus dem Gebiet zwischen Orissa und Kaschmir bekam. Ich teilte ihr diese Briefe über gelegentliche Telefonanrufe mit und merkte, wie sie die Anerkennung, die aus ihnen sprach, durstig aufsog. Das Schreiben von Literatur und die Bestätigung, die sie ihr einbrachte, wurden für sie zu einem hoffnungsvollen Lebenssinn.
1998 beschloss der Verlag Kalachuvadu Publications, den ich 1995 mit der Veröffentlichung von zwei Titeln begonnen hatte, im Dezember in Chennai vier Bücher herauszubringen. Sie wurden zu einem bahnbrechenden literarischen Ereignis in Tamil! Salma fuhr unter dem Vorwand, sie brauche eine medizinische Behandlung für eine nicht vorhandene Krankheit, nach Chennai, um an der Buchpräsentation teilzunehmen. Es war das erste Mal, dass sie an einer literarischen Veranstaltung teilnahm. Ihre Mutter wurde bei dieser Eskapade zu ihrer zögernden Komplizin. Es wäre undenkbar gewesen, dass sie alleine reiste. Eines Tages luden einige von uns sie in ein nahegelegenes Restaurant ein. Sie sah ihre Mutter an, bekam dann eine schweigende Antwort auf ihren fragenden Blick, die wir nicht deuten konnten, und kam mit.
Als wir durch die Stadt gingen, wurde offensichtlich, dass sie Mühe hatte, die Menschenmengen auf Bürgersteigen und Straßen zu ertragen. Im Restaurant war es ein besonderer Anblick, ihr beim Essen eines Dosai zuzusehen. Wieder tat sie etwas zum ersten Mal. Wir neckten sie gnadenlos, aber sie genoss jede Einzelheit. Ihren Sinn für Humor hat sie sich bis heute bewahrt.
Ein paar Wochen später fuhr Salma nach Madurai, das nicht fern von ihrem Dorf ist, zu einer Versammlung von Kalachuvadu-Lesern. Wieder gab sie einen Arztbesuch vor. Sie war schon ein kleiner Star geworden und wurde von den Organisatoren aufgefordert, ein paar Worte zu sprechen. Mir wurde das später erzählt und ich bekam auch von den Hörkassetten einen Eindruck. Salma ging auf die Bühne (wieder ein erstes Mal!), stand ein paar Minuten vor dem Mikrofon und versuchte ein paar Worte zu sprechen, ging dann aber langsam zu ihrem Platz zurück, ohne dass es ihr gelungen war, ein einziges Wort hervorzubringen.
Inzwischen veröffentlichten wir weiter ihre Gedichte, aber auch einige gute Buchrezensionen, die scharfsinnig und kühn waren. Am Ende des letzten Jahrtausends veranstaltete Kalachuvadu gemeinsam mit anderen eine World Tamil Conference in Chennai, ›Tamil-ini 2000‹. Salma verbrachte alle drei Konferenz-Tage dort und begegnete Schriftstellern aus aller Welt. Am Tag vor der Konferenz veranstaltete Kalachuvadu eine Buchpräsentation. Salmas erste Gedichtsammlung wurde bei dieser Gelegenheit gemeinsam mit einigen anderen Büchern präsentiert. Als das Buch präsentiert worden war, weigerte sich Salma, auf die Bühne zu gehen, denn sie fürchtete, dass es, wenn das Foto in der tamilischen Presse abgedruckt würde, in ihrem Dorf und ihrer Familie einen Aufstand gäbe. Aber trotz dem wachsenden Druck wurde sie als Schriftstellerin immer selbstsicherer. Ihr Mann beschimpfte sie gewöhnlich und wurde manchmal gewalttätig. Eines Tages rief sie mich weinend an. Mit großer Mühe brachte ich sie dazu, über das, was geschehen war, zu sprechen. Ich war schockiert! Ihr Mann war wütend, dass sie als Schriftstellerin berühmt wurde, und trat sie ins Gesicht. Er schmierte ihr den Schmutz von den Sohlen seiner Schuhe ins Gesicht. Sie wurde dabei nicht körperlich verletzt, aber es bewirkte, dass sie sich wie ein Stück Dreck fühlte. Sie ertrug alles tapfer und setzte ihr Schreiben fort.
Salma wurde von einer Freundin mit dicken Notizbüchern beschenkt, und spontan fing sie im Jahr 2000 an, ihren Roman zu schreiben. Sie stellte ihn 2001 fertig, aber sie hatte Angst, ihn mir zu Veröffentlichung zu übergeben, weil sie eine Gegenreaktion von Gemeinde und Familie befürchtete.
Dann trat eine vollkommen unerwartete Wende ein. Ein Jahrzehnt zuvor war das Panchayat Raj eingeführt worden, was bedeutete, dass jedes Dorf einen Vorsitzenden und Mitglieder des panchayat (Dorfversammlung) wählte, die die lokalen Angelegenheiten regeln sollten. Im Oktober 2001 sollte gewählt werden. Salmas Panchayat, Thuvarankurichi, war in diesem Jahr für eine Frau reserviert. Ihr Mann hatte gehofft, sich bewerben zu können, und war nun gezwungen, Salma zu bitten, an der Wahl teilzunehmen. Sie war einverstanden, und damit begannen sich ihre Fesseln zu lockern. Ihre Familie, die bis dahin versucht hatte, sie wie eine Gefangene im Haus zu halten, überredete sie nun, auf die Straßen zu gehen und Stimmen zu sammeln. Plakate, auf denen sie zu sehen war, wurden überall im Wahlbezirk aufgehängt. Sie hielt auch ein paar öffentliche Versammlungen ab. Ihr Image als Schriftstellerin förderte ihre Chancen, da sie dadurch als gebildete Frau erschien, die wohl auch mit den Angelegenheiten eines Panchayats fertigwerden würde. Die Medien in Tamil und Englisch wendeten dieser Muslima, die sich für ein öffentliches Amt zur Wahl stellte, ihre Aufmerksamkeit zu. Ihr Mann hatte vielleicht gehofft, hinter der Bühne die Fäden ziehen zu können, aber die Dinge entwickelten sich nicht zu seinem Vorteil. Sie konnte mit den Regierungsbeamten verhandeln und sie nötigen, die Forderungen ihres Panchayats zu erfüllen, was ihr Mann ganz sicherlich niemals erreicht hätte.
Ich erinnere mich an ein besonderes Ereignis. Sie hatte ein Mitglied vom Rajya Sabha, dem Oberhaus des indischen Parlaments, Cho Ramaswamy, angerufen und ihn um eine Unterredung gebeten. Cho, der legendäre Herausgeber des Thuklak magazine, war von der rechten Hindupartei, der BJP, für Rajya Sabha aufgestellt worden. Als er Salma fragte, worüber sie mit ihm sprechen wolle, bat sie ihn, ihr Panchayat mit Geld aus dem Etat auszustatten, über den alle Parlamentsmitglieder verfügen konnten. Er sagte, sie solle ihre Zeit nicht mit einer Verabredung mit ihm vergeuden, er wisse von ihr, und versprach, ihr einige Zehntausende Rupien für ihr Budget zu überweisen, was er auch unverzüglich tat. Salma gehörte zu den wenigen Schriftstellern in Tamil, die durch ihre Literatur Bedeutung erlangten.
Aufgrund dieser schnellen Veränderung ihrer Stellung wurden in ihrem Haus die Karten neu gemischt. Salma schrieb und publizierte von nun an offen und bekam ihre Zeitschriften und Briefe nach Hause geschickt. Nun war sie bereit, mir ihren Roman zur Veröffentlichung zu schicken. Sie hatte ihn in verschiedene Notizbücher geschrieben und besaß keine Abschrift. Mit der Post wollte sie die Notizbücher nicht schicken, denn sie fürchtete, sie könnten verloren gehen. Also schickte ich jemanden in ihr Dorf, der sie abholen und mir ins Büro bringen sollte. Sie hatte den Text mit ihrer Kinderschrift in Notizbücher verschiedener Größe und auf aneinander geheftete Blätter geschrieben. Einige Rechtschreib- und Grammatikfehler waren sofort zu erkennen. Ich empfand Mitleid, wenn ich an das Unglück dachte, dass sie die Schule so früh hatte verlassen müssen. Aber ich las alles mit großem Interesse und war vom Leben der Muslime, besonders der Frauen, in einem tamilischen Dorf fasziniert. Wir korrigierten und überarbeiteten in den folgenden zwei Jahren den Text sorgfältig, dabei arbeiteten wir manchmal mit Salma zusammen. Der Roman wurde im Dezember 2004 veröffentlicht und von der bekannten feministischen Autorin, Aktivistin und Professorin Susie Tharu in der Landmark-Buchhandlung in Chennai präsentiert.
Nachdem sie eine Persönlichkeit der Öffentlichkeit und die Vorsitzende des Panchayats geworden war, wurde offensichtlich alles, was sie tat, von ihrer Gemeinde genau beobachtet und kritisiert. Dann wurde sie zu Seminaren und Konferenzen in Delhi, Sri Lanka und Pakistan eingeladen. Ihre Familie konnte sie weder überallhin begleiten noch konnte sie sie aufhalten. Dass eine muslimische Frau alleine reiste, war in ihrem Dorf unerhört und führte zu einigem Aufruhr. Im Fernsehen trat sie mit unverhülltem Kopf auf und wurde auch dafür kritisiert. Ihre politischen Gegner im Dorf lasen ihre Gedichtsammlungen und den Roman sehr genau. Sie rissen provozierende Zeilen aus ihren Gedichten aus dem Zusammenhang und stellten sie auf Plakaten aus. Die religiösen Hierarchien wurden von ihren Gedichten und dem Roman bis ins Mark getroffen. Salma musste für das alles emotional, sozial und politisch einen hohen Preis zahlen. Protagonisten und Protagonistinnen ihres Romans wurden von ihrer Dorfgemeinschaft identifiziert, und die Vorbilder wurden »ordnungsgemäß« informiert, was Salma in eine gefährliche Situation brachte. Abschnitte aus ihrem Roman, die die Dorf-Führerschaft kritisierten, wurden herausgenommen und dem Dorfältesten vorgelesen. Als wir den Umschlag für ihren Roman entwarfen, hatte ich einen Fotografen in Salmas Dorf geschickt, und wir benutzten für die erste Auflage das Foto einer Straße. Eine Frau, die auf dem Bild in einem Hauseingang saß, wurde identifiziert und darüber informiert, dass Salma ihr Bild für den Umschlag ihres glaubensfeindlichen und vulgären Romans verwendet habe. Die Frau kam täglich zu Salma ins Haus und belästigte sie mit Entschädigungsforderungen.
In der tamilischen Literatur haben wenige so sehr gekämpft und einen so hohen Preis dafür, dass sie Schriftsteller sein konnten, gezahlt. Muslimische Zeitschriften veröffentlichten unter dem Vorwand, sie kritisierten ihren Roman, beleidigende Angriffe auf sie. Kalachuvadu wurde wegen der Veröffentlichung angegriffen. Dass im Roman erzählt wird, muslimische Frauen hätten Liebesbeziehungen mit Hindu-Männern, erregt bis heute die Gemüter der Religiösen. Noch in diesem Jahr war Salma auf dem Cover einer muslimischen Zeitschrift zu sehen, die einen beleidigenden Artikel enthielt. Im Mittelpunkt stand ihre Facebook-Seite, in der es hieß, sie sei »Atheistin«. In dem Artikel war auch davon die Rede, dass ihre muslimischen Romanheldinnen als Ehebrecherinnen dargestellt würden, die vor allem mit Hindu-Männern liiert seien. In allen diesen Diskussionen über Sexualität im Roman wurde niemals die Tatsache erwähnt, dass ein muslimischer Mann im Roman ganz offen eine langanhaltende Liebesbeziehung zu einer hinduistischen Dalit-Frau hat. Nicht die Sexualität an sich, sondern die politischen Implikationen dieser Sexualität ärgerten ihre Kritiker. Ihre vernichtende Kritik der männlichen Dominanz und der Unterdrückung der Frauen durch religiöse Vorschriften goss Öl ins Feuer. Sie bekam den Titel der tamilischen Taslima Nasreen, also der mutigen bangladeschischen Schriftstellerin, die das, was sie als frauenfeindliche Tendenzen im Islam auffasste, in Frage stellte. Salma dagegen hat mit aller Sorgfalt vermieden, die Grundtendenzen des Islam in Frage zu stellen. Daher konnten die religiösen Extremisten und die Geistlichkeit ihr nicht wirklich etwas anhaben.
2006 wurde sie wegen ihrer schriftstellerischen Arbeit zum Chicago University Norman Cutler Memorial Seminar eingeladen. Der National Book Trust, das British Council und die Sahitya Akademi luden sie zu Buchmessen in Frankfurt, London und China ein. Aber während die Anerkennung ihrer Schriften zunahm, behinderten die Politik und die damit verbundenen hektischen Aktivitäten ihr Schreiben immer stärker.
Als sich ihre recht erfolgreiche Amtszeit als Vorsitzende des Panchayats ihrem Ende näherte, regte ihre Familie sie dazu an, der politischen Partei DMK beizutreten. Im Jahre 2006 standen die Parlamentswahlen an, deshalb trat sie als Vorsitzende des Panchayats zurück und kandidierte für einen Sitz im Thuvarankurichi-Parlament, das bis dahin die Hochburg der regierenden AIADMK-Partei gewesen war. Sie verlor die Wahl knapp, nur ein paar tausend Stimmen fehlten. Aber die Partei erkannte ihre Fähigkeiten und ernannte sie zur Vorsitzenden des Sozialen Wohlfahrts-Ministeriums. Hier arbeitet sie noch heute. Sie kann zwar vielen unterdrückten Frauen und Kindern helfen und für die Rechte einer geschlechterumgreifenden Gemeinde kämpfen, aber ihre Schriftstellerei hat darunter gelitten. Sie kann sich nun nicht mehr freimütig über soziale Themen äußern, denn sie muss ihre Stellung und auch die Ansichten der Partei berücksichtigen. Es ist zu befürchten, dass der Partei das gelingen wird, was ihrer Familie durchaus nicht gelungen ist: sie zum Schweigen zu bringen.
Kannan Sundaram leitet den Verlag »Kalachuvadu Publications« und gibt die Monatszeitschrift »Kalachuvadu« heraus. Der hier veröffentlichte Text darf nur mit ausdrücklicher Genehmigung des Autors in eine andere Sprache übersetzt werden.
E-Mail-Adresse des Autors: [email protected].
Rabia sah durchs Fenster ihres Klassenzimmers in den Regen hinaus. In der Nähe der Schule, gleich neben dem Schulhof, stand der von der Tischler-Innung gestiftete Asaari-Brunnen. Sie hatte ihre Freude daran, die Regentropfen so stetig auf das hohe Geländer, das ihn umgab, fallen und dann wegspritzen zu sehen. Das Wasser, das in den Brunnen fiel, würde gutes Trinkwasser sein, aber das Wasser, das wegspritzte, floss nur in den Gully. Ab und zu blies ihr die Brise, die durch das Fenster fuhr, eine Handvoll Regentropfen ins Gesicht. Die Freude darüber überwältigte sie. Wenn sie nun auf Amma gehört hätte und heute nicht in die Schule gekommen wäre! Alle wussten, dass an Regentagen weder Lehrer noch Lehrerinnen zum Unterrichten in die Schule kamen. Rabia und ihre Freundinnen lachten über sie, sie kicherten miteinander. »Sie haben Angst, dass sie nass werden, wenn sie nach einer Unterrichtsstunde von einer Klasse in die andere gehen müssen.« Die Angst der Lehrer machte den Tag zu einem Freudentag für die Kinder. Sie verbrachten die Zeit auf die angenehmste Weise. Sie erzählten einander Geschichten und hielten kleine Wettkämpfe ab.
»Ei, Rabia!«
Sie drehte sich mit einem Ruck um, als sie ihren Namen hörte. Die Klassensprecherin Uma sagte: »Da ist jemand gekommen, der dich sucht. Besser du gehst und siehst selbst, was er will.« Rabia stand auf und fragte sich, wer das sein mochte. Sie ging an den anderen Kindern vorbei zur Tür. Der Chauffeur Mutthu stand da und hielt einen Regenschirm über sich.
»Amma hat gesagt, ich soll dich abholen.«
»Warum?« frage Rabia. Sie verstand gar nicht, was er wollte.
»Woher soll ich das wissen? Komm, wir gehen«, sagte er und sein Ton ließ keinen Aufschub zu. Aber sie hatte überhaupt keine Lust, die Klasse zu verlassen, die durch den Regen so angenehm geworden war. »Ich kann nicht einfach so mitkommen. Ich muss erst den Lehrer um Erlaubnis bitten. Geh schon mal vor und lass mir den Regenschirm da!«
»Ich denke nicht daran! Geh gleich fragen und komm mit nach Hause, sonst ist Amma böse auf mich. Komm schon! Komm sofort! Sag ihnen Bescheid und wir gehen!«
Aber sie gab nicht nach: »Nein, ich muss erst noch was schreiben, sonst lässt mich der Lehrer nicht weg. Bitte geh schon mal allein!«
Mutthu gab ihr widerstrebend den Schirm und ging.
Rabia war sehr erleichtert. Sie würde bald nach Hause gehen, sie könnte dann den ganzen Weg zu Fuß machen. Sie würde zusammen mit den anderen gehen, im Regen nass werden und durch die Pfützen, die sich gebildet hatten, spritzen und planschen. Schon der Gedanke daran machte sie glücklich.
»Warum schicken sie dir wohl das Auto? Meinst du nicht, dass es etwas Wichtiges sein könnte?« fragte Uma. In ihrem Gesichtsausdruck lag eine Spur von Bedauern.
»Ich bin ganz sicher, dass es nichts Wichtiges ist. Sie haben den Wagen wohl nur geschickt, weil sie nicht wollen, dass ich bis auf die Haut nass werde, das ist alles«, antwortete sie kurz angebunden, ging zu ihrer Bank und setzte sich.
Rabia bemerkte die neidischen Blicke ihrer Klassenkameraden, weil der Wagen ihretwegen gekommen war und sie ihn zurückgeschickt hatte. Das erfüllte sie plötzlich mit Stolz. Aus den Augenwinkeln vergewisserte sie sich, ob Ramesh sie ansah. Sie war enttäuscht, dass er es nicht tat.
Madina, die neben ihr saß, meinte: »Wirklich gut, dass du gesagt hast, dass du nicht mitgehst! Wir gehen alle zusammen nach Hause und das wird sehr lustig!«
»Klar, genau deshalb wollte ich nicht mit dem Auto fahren«, sagte Rabia, drehte sich wieder um und sah zu, wie vor dem Fenster der Regen niederging. Der Anblick der Blüten, die, schwer vom Regen, vom Pannir-Baum fielen, war sehr schön! Wenn sie nach Hause gingen, musste sie unbedingt alle Blüten aufheben und in ihre Schultasche stecken. Von allem in der Schule war ihr der Pannir-Baum das Liebste. Sie saß sehr gerne darunter und las. Immer, wenn sie ihn ansah, stieg Verwunderung über seine riesige Größe in ihrem Inneren auf. Schon oft hatte sie Amma gefragt, warum es sonst nirgendwo in der Stadt einen solchen Baum gebe. Amma machte der Sache mit wenigen Worten ein Ende: »Woher soll ich das wissen, Kind? Es gibt sonst eben keinen und so ist es nun mal!« Rabia beschloss, noch am selben Tag ihre Tante um eine Antwort auf ihre Frage zu bitten. Ihre Tante war in der Stadt aufgewachsen, sie kam nicht vom Lande wie Amma.
Obwohl sie ja den Regenschirm hatte, war sie, als sie von der Schule bis nach Hause gekommen war, durch und durch nass. Als Zohra ihre Tochter sah, packte sie die Wut. Sie schrie nicht und sie schimpfte nicht, aber der wütende Ausdruck ihres Gesichts zeigte ihre Gefühle sehr deutlich.
»Du machst dir nicht die Mühe, nach Hause zu kommen, wenn wir nach dir schicken! Was lernst du da überhaupt für einen Unsinn? Wegen deiner Sturheit kommen wir hier nicht weiter!« Als Zohra Rabia von Nahem sah, erstarrte sie. Rabias weiße Bluse war völlig durchnässt und zeigte ihren gesamten Oberkörper. Zohra war bestürzt, als sie die Brüste ihrer Tochter sah. Sie waren für ihr Alter sicherlich zu weit entwickelt. Sie packte Rabia bei den Schultern und schüttelte sie. »So kommst du also aus der Schule! Oh Allah! Alle müssen sich an dir sattgesehen haben! Sollte ein junges Mädchen nicht wenigstens ein bisschen Schamgefühl haben? Muss ich dir auch das noch beibringen?« Sie lamentierte laut und machte sich daran, Rabias Haar mit einem Handtuch zu trocknen.
Rabia verstand nicht, worüber sich Zohra beklagte. Sie fragte sich, worum es ging, und sah an sich hinunter. Der obere Teil ihrer Brust war bis auf die Haut durchnässt und zeichnete sich deutlich ab. Als sie das sah, war auch sie verwirrt. Zohra war mit dem Haartrocknen fertig. »Geh jetzt, geh und zieh dich um und mach dich fertig. Wir müssen zu deiner Tante Zunaida gehen. Wir dachten, wir sollten nicht einfach weggehen und dich alleine im Haus lassen – und so dankst du uns das!« Zohra schimpfte vor sich hin und ging in die Küche.
Wieder fühlte Rabia eine Glückswelle in sich aufsteigen. Sie freute sich, dass sie ausgehen wollten und dass sie am Abend weder lernen noch zur Madrasa gehen musste. Sie rannte, so schnell sie konnte, in ihr Zimmer, schloss die Tür und zog ihre Schuluniform aus. Tante Rahima sah herein und fragte: »Bist du gerade nach Hause gekommen, Rabia?« Sie lief auf ihre Tante zu und umarmte sie. Sie sah zu ihr auf und fragte: »Warum gehen wir zur Tante?«
»Weißt du noch nicht, dass Tante Zunaida gerade gestorben ist? Darum gehen wir dahin«, antwortete Rahima. »Ja, beeil dich und mach dich fertig. Deine Amma ist schon böse auf dich.« Rabia mochte Zunaida nicht sehr, deshalb war sie wegen ihres Todes nicht besonders traurig. Eilig zog sie einen langen Rock und eine Bluse aus ihrem Kleiderschrank und schlüpfte hinein. Ihr langes Haar war noch nicht ganz trocken, es fühlte sich feucht an. Sie dachte, dass ihre Mutter schimpfen würde, wenn sie das wüsste, und flocht ihr Haar so, wie es war, eilig zusammen. Dann stellte sie sich schnell, zum Aufbruch bereit, an die Tür.
Wieder hörte sie ihre Mutter »Rabia!« rufen und lief in die Küche. »Hier, trink die Milch. Wenn du fertig bist, nimm diese Tragetasche in die Hand. Wir nehmen nur unsere Dupattas und kommen auch«, sagte Zohra und schob den Riegel der Küchentür zu.
Rabia trank ihre Milch und ging wieder zur Vordertür. Draußen nieselte es noch etwas. Aus dem Fenster des gegenüberliegenden Hauses sah Farida: »Rabia, wohin geht ihr? Vielleicht geht ihr alle zum Trauerhaus?«
»Ja, wir gehen zu dorthin«, antwortete Rabia.
Als Mutthu Faridas Stimme hörte, stieg er aus dem Auto, das er gleich vor der Haustür geparkt hatte. Aber sobald er sich umdrehte, um zum Fenster hinaufzusehen, wandte Farida schnell den Kopf weg.
Mutthu lachte. »Warum macht sie das, Rabia? Bin ich eine Art Gespenst oder böser Geist? Fürchtet sie sich so sehr, dass sie sich gleich verstecken muss?«
»Farida ist schon erwachsen, oder? Wie sollte also ein Mann sie sehen dürfen? Weißt du nicht, dass sie sich den Männern nicht zeigen darf?« fragte Rabia ein wenig wichtigtuerisch.
Amma und Tante Rahima kamen aus dem Haus. Mutthu setzte sich auf den Fahrersitz. Rabia wollte gerade vor den anderen ins Auto steigen, aber Zohra hielt sie auf, gab ihr einen Davani und sagte: »Hier, leg das um.« Sie nahm es und blinzelte irritiert, als wollte sie sagen: »Was soll ich denn damit?«
»Scht! Man sieht deine Brust, weißt du das nicht? Im Trauerhaus werden jede Menge Leute sein. Willst du dich vor die alle hinstellen und so unanständig aussehen? Außerdem wird dein Onkel schimpfen. Ein Mädchen muss bescheiden sein, weißt du! Mach jetzt, was ich dir sage«, zischte ihr Zohra ins Ohr.
Rahima wurde ärgerlich: »Warum schikanierst du das Kind so? Ist sie plötzlich eine erwachsene Frau oder was? Du hast ständig etwas an ihr auszusetzen«, tadelte sie Zohra. Zu Rabia sagte sie: »Wickele dich jetzt erst mal darin ein, um deiner Mutter einen Gefallen zu tun.«
Zohra legte den Davani selbst um Rabia. Der Wagen fuhr ab, sobald sie eingestiegen waren. Amma und Tante hatten den Körper ganz und gar mit ihren weißen Dupattas bedeckt. Rabia quetschte sich zwischen sie und kauerte sich zusammen.
*
Das Haus der verstorbenen Zunaida war nur zwei Straßen entfernt. Sie waren schon fünf Minuten später dort. Vor dem Haus war ein großer Pandal errichtet. Viele Männer saßen dort schweigend auf Stühlen, die für sie dorthin gestellt worden waren. Obwohl es erst fünf Uhr war, war es wegen des Regens schon recht dunkel geworden. Amma und Tante stiegen aus dem Auto, bedeckten ihre Gesichter so, dass nur die Augen heraussahen, eilten an den Männern, die dort versammelt waren, vorbei und betraten das Haus. Rabia ging langsamer. Sie kam noch nicht mit dem neuen Davani zurecht und zog überall daran, um ihn ihren Schritten anzupassen. Die Wehklage aus dem Innern des Hauses erfüllte sie mit Grauen, das sie im Magen fühlte.
Rabia betrat zögernd das Haus und zitterte ein wenig. Der Geruch von Rosen-Räucherstäbchen stieg ihr in die Nase und sie wurde noch ängstlicher. In der Mitte der Halle lag Zunaidas Leichnam auf einer großen Bank, die Beine waren nach Westen ausgestreckt. Das Weinen kam von allen Seiten. Rabia erschauerte, als sie den mit einem weißen Tuch bedeckten Leichnam sah. Sie hatte Angst, sie würde die Tragetasche fallen lassen, und fasste sie fester. Sie versuchte, ihre Ängste darin zu verstecken.
Langsam schlich sie sich zu ihrer Mutter und hielt sich dabei nahe bei der Wand, bis sie sie erreicht hatte. Sie setzte sich zwischen Amma und Tante. Unter die Bank hatten sie eine mit Salz gefüllte Maldova-Büchse gestellt, in die sie eine ganze Packung Räucherstäbchen gesteckt hatten. Als sie auf den Rauch starrte, der in einer großen Wolke von den Räucherstäbchen aufstieg, rumorte es in ihren Eingeweiden.
Amma hielt Nafiza in den Armen und klopfte ihr tröstend auf den Rücken. »Weine nicht, Nafiza. Das alles war uns so bestimmt. Weine nicht.«
Aber Nafiza hörte nicht auf zu weinen. Sie rief laut: »Oh, meine Mutter, du hast mich geboren und jetzt lässt du mich als Waise zurück! Du lässt meinen Vater allein in der Welt! Wer ist für uns noch da? Oh Allah, warum hast du uns das angetan!«
Als sie laut weinte, weil sie den Schmerz nicht mehr ertragen konnte, stimmten einige andere Frauen mit ein und erhoben ihre Stimme in Wehklage. Nafizas hübsches rundes Gesicht war vom Weinen angeschwollen. Ihr aufgelöstes Haar fiel über ihre Stirn und bedeckte ihr Gesicht. Sie schluchzte sehr und lag Amma in den Armen. Inzwischen sah Rabia ihre Tante an und wollte die Tragetasche loswerden. Sie sagte sich, sie müsse die Tasche übergeben und dann, so schnell sie konnte, hinauslaufen. Sie sagte leise: »Tante, ich habe Angst. Darf ich bitte rausgehen?«
Rahima verstand die Angst des Kindes, nahm ihr die Tasche ab und flüsterte: »Ja, geh nur.« Dann versuchte sie Nafiza zu stützen, sodass sie sich aufsetzen könnte. Gleichzeitig rief sie: »Gibt es hier eine, die bitte Kaffee in eine Tasse gießt, damit ich Nafiza etwas zu trinken geben kann?«
Rabia war sehr erleichtert. Sie stand auf, ging schnell an der Menge vorüber und kam an die frische Luft. Sie sah sich nach allen Seiten um und suchte nach einem bequemen Platz, wo sie sich setzen könnte. Nachdem sie geprüft hatte, welcher der beiden leeren Stahlstühle der bessere war, nahm sie sich den schwarzen, hob ihn geräuschlos an und stellte ihn gegen die Wand. Durch den Regen war der Boden überall mit Matsch und Schlamm bedeckt. Sie setzte sich vorsichtig und hielt ihren Rock über die Waden.
Kamal, Zunaidas Mann, saß etwas von ihr entfernt. Sie sah ihn genau an, um zu sehen, ob er weinte. Sie fragte sich, warum er keine Tränen in den Augen hatte. Einmal hatte sie Amma gefragt: »Weinen Männer nie?«
»Warum fragst du das?«
»Nur, weil ich noch nie gesehen habe, dass ein Mann weint. Hat Allah sie so gemacht, dass ihnen keine Tränen in die Augen kommen?«
Amma hatte gesagt: »Dummchen! Männer dürfen nicht weinen. Sie weinen nie. Sie sind ja nicht wie Frauen.«
Rabia fing an sich zu langweilen. Sie sah um sich und ihre Blicke suchten Ahmad. Wenn wenigstens er hier wäre, dann könnten sie die Zeit damit verbringen, miteinander zu plaudern.
*
Zohra und Rahima versuchten Nafiza dazu zu bringen, etwas Kaffee aus einer Tasse zu trinken. »Du hast seit heute Morgen unaufhörlich so sehr geweint, so geht es doch nicht! Trink wenigstens einen Schluck, Liebe. Deine Mutter ist als Vaavarasi gestorben, ihr Mann lebt noch. Das ist doch gut. Wer hat schon so viel Glück, denk nur!« sagten sie zu ihr, um sie zu trösten. Nach einigen Schluchzern schüttelte Nafizia heftig den Kopf, als ob sie ihr schlechtes Gewissen abschütteln wollte. Sie legte ihren Kopf wieder in Zohras Schoß und jammerte: »Oh Mutter! Du hast mich geboren! Wann sehe ich dich wieder?«
Rahima erhob ein wenig die Stimme und schalt sie: »Warum weinst du nur so unnütz? Wird deine Mutter sich nicht elend fühlen, dort wo sie jetzt ist, wenn du so weiterweinst? Ist das nicht eine Sünde?« Nach diesem Vorwurf jammerte Nafizia etwas weniger.
Rahimas Magen zog sich zusammen. Es roch aufdringlich nach Räucherstäbchen, dazu nach dem Atem und den Körpern der vielen Frauen. Das Zimmer war vollgestopft und es kam keine frische Luft herein. Sie zog den Dupatta über ihr Gesicht, damit niemand sehen konnte, wie sie sich die Nase zuhielt.
Kader kam herein und sagte laut: »Mm, es wird Zeit für die letzten Vorbereitungen, meine Damen, fangen Sie jetzt an. Das Begräbnis muss zur Maghrib-Zeit stattfinden. Waschen Sie jetzt den Leichnam!«
Rahima war erleichtert, als ihr Mann das sagte. Sie trieb die anderen an, das Begräbnis vorzubereiten. Sie stand auf und rief: »Alle aufstehen, meine Damen. Wir müssen die Bank zum Waschplatz tragen!«
Sofort trugen vier oder fünf Frauen eine weitere Bank hinaus, die gegen die Wand gelehnt hatte, und kamen zurück, um den Leichnam hinauszutragen. Sobald sie hinausgegangen waren, weinte Nafiza noch lauter.
Asiamma und die anderen wuschen den Leichnam. Sie hängten einen Sari im Hof auf, der einen Sichtschutz bildete. Eine Schüssel mit bereits gemischter Lux-Seife stand dort. Sie wuschen den Leichnam und wickelten ihn in ein weißes Leichentuch, das schon rituell rein und vorbereitet war. Rahima bemerkte, dass die Männer darauf bedacht waren, dass das Begräbnis stattfände, bevor es wieder zu regnen anfangen würde. Wenn es bis nach Maghrib verschoben würde, wäre es zu dunkel und dann würde es zu schwierig, zum Friedhof zu kommen. Wenn der Strom ausfiele, würde es noch mehr Probleme geben.
Das Haus war von Schweigen erfüllt. Stille Sorge glitt über die Gesichter aller Frauen, die dort versammelt waren. Das Ritual der Leichenwäsche hatte jede der anwesenden Frauen einen Augenblick lang zum Nachdenken über den eigenen Tod gebracht. Alle Gesichter zeigten Hilflosigkeit und Angst, weil unausweichlich für jede Einzelne von ihnen eines Tages der Augenblick des endgültigen Abschieds von Haus und Familie kommen musste.
Zohra dachte an ihre Mutter. Warum hatte ihre Mutter Amina nicht auch als Vaavarasi vor ihrem Mann sterben dürfen? Wenn sie daran dachte, wie schwer das Witwenleben für ihre Mutter war, kamen ihr unwillkürlich die Tränen. Plötzlich hob sie die Hände und betete mit lauter Stimme: »Allah, schenke uns Frauen das gnädige Geschick, vor unseren Männern zu sterben! Schenke uns einen guten Tod wie diesen!« Einige fielen voller Trauer mit einem tief empfundenen »Amen« ein.
Der Leichnam war nun für das Begräbnis bereit und wurde auf einer Matte aus Palmblättern, die auf eine Bank gelegt worden war, in der Mitte der Halle aufgebahrt. Die Art, wie der Leichnam dalag, dicht und fest von Kopf bis Fuß eingewickelt, sodass nur das kleine eingesunkene Gesicht zu sehen war, verstörte Rahmina auf eigenartige Weise. Um sich vor diesem quälenden Gefühl zu schützen, versuchte sie ihre Blicke in eine andere Richtung zu lenken, aber es gelang ihr nicht.
Asiammas Stimme ertönte: »Wer noch ein letztes Mal ihr Gesicht sehen möchte, der soll sie jetzt ansehen!« Sofort erhoben sich Stimmen aus allen Richtungen und erfüllten noch einmal das Haus. Alle waren bewegt, als sie Nafiza zu ihrer Mutter laufen und niederfallen sahen, um ihr Gesicht zu küssen. Dabei weinte sie laut. Zwei Frauen packten sie und brachten sie gewaltsam weg, während einige Männer mit einer Bahre hereinkamen, den Leichnam darauflegten, ihn mit einem grünen Tuch bedeckten und hinaustrugen. Asiamma erhob ihre Stimme und begann mit aufgehobenen Händen die Gebete des letzten Abschieds zu intonieren.
Nach dem Gebet war das Haus wieder still, so still, als ob es aus einem Schweigen erbaut wäre, das niemand hätte zerstören können. Die Frauen sammelten ihre Dupattas und Schals zusammen, legten sie um, sagten Salaam zu den anderen und machten sich auf den Nachhauseweg. Nafiza lehnte sich gegen die Wand, sie war von all dem Weinen ganz erschöpft.
Rahima und Zohra wechselten Blicke, denn sie fragten sich, ob sie noch bleiben müssten, bis die Männer vom Begräbnis zurückkämen, nachdem sie die letzten Gebete für die Tote gesprochen hätten. Ruhig und ohne dass es eine andere sah, nahm Rahima Zohras Hand und drückte sie. Gleichzeitig gab sie ihr mit den Augen ein Zeichen. Sie und Zohra sagten Salaam zu den anderen Frauen und gingen hinaus. Rahima dachte noch daran, die Tasche mitzunehmen, die neben ihr stand.
Beide Frauen waren sehr müde. Sobald sie aus dem Haus kamen, steckte Rabia den Kopf aus dem Auto und winkte ihnen. Zohra stieg ins Auto und fragte sofort: »Wo warst du die ganze Zeit? Ich habe dich drin überhaupt nicht gesehen!«
»Ich hatte Angst«, antwortete Rabia.
»Dann warst du die ganze Zeit hier draußen bei den Männern?« fragte Zohra aufgeregt. Aber Rahima ärgerte sich und schaltete sich ein: »Pah«, sagte sie, »kannst du nicht Ruhe bewahren? Erst einmal war es ziemlich falsch, dass du sie überhaupt hergebracht hast. Hätte sie außerdem auch noch die ganze Zeit über im Haus bleiben sollen?«
Danach sagte keine mehr etwas. Rabia lehnte sich trostsuchend an die Schulter ihrer Tante.
Rabia erwachte sehr früh am Morgen. Gewöhnlich stand sie noch in der Dämmerung auf, allerdings ging es ihr mehr darum, die Früchte aufzulesen, die unter dem Badam-Baum lagen, als darum, in der Madrasa den Koran zu rezitieren. Allen anderen Kindern ging es ebenso. Sie wetteiferten miteinander, wer zuerst dort war, um die meisten Früchte zu sammeln.
Zohras Stimme hielt sie auf, als sie gerade, wie gewohnt, ihren Kopfschal und Koran nahm und loslaufen wollte. »Was ist denn, Amma?« fragte sie und blieb an der Eingangstür stehen.
»Hast du dich ordentlich gewaschen, ehe du den Koran angefasst hast?«
»Habe ich, Amma«, antwortete Rabia, stieg die Stufen zur Straße hinunter und begann zu laufen. Nach dem Dämmerungs-Gebet wäre niemand an der Moschee außer dem Muezzin Bawa, der gerade zum Gebet rief. Rabia mochte ihn sehr. Wenn sie morgens dort ankam, goss er für gewöhnlich Wasser über die Erde, die er auf eine große Eisenplatte gesiebt hatte. Rabia hockte sich immer neben ihn.
»Wofür ist das, Muezzin Bawa?«
»Warte, Kind, ich erzähls dir«, sagte er. Er gab ihr dann eine Tasse und sagte: »Geh und tauche sie in den Wassertrog und bring sie mir gefüllt zurück!« Sie ging dann schnell das Wasser holen.
»Sagen Sie mir jetzt, wofür es ist?« wiederholte sie dann immer.
Er kratzte sich leicht den Bart und sagte: »Sieh mal, das ist so ein Spiel, so wie du mit deinen Töpfen und Pfannen kochen spielst. Du kannst zusehen!« Er wischte dann immer sehr sorgfältig den Boden vor sich und legte die nasse Erde so mit einem Löffel darauf, dass Hügelchen in geraden Reihen entstanden, als wäre es eine Reihe Iddlis. Sie wusste, dass er ihr nicht die Wahrheit sagte. Sie ergriff dann seine Hand und bat ihn: »Führ mich nicht an der Nase herum, Bawa! Wozu machst du jeden Tag diese Schlamm-Iddlis? Sag mir doch bitte, wozu!« Obwohl ihm ihr eifriger Gesichtsausdruck ein schlechtes Gewissen machte, sagte er dann nie etwas, sondern lachte nur still. Wenn er lachte, sah er mit seinem kurzen Backen- und Schnurrbart und den Zähnen, die sich zwischen seinen dunklen Lippen zeigten, sehr merkwürdig aus.
Es war für Rabia und ihre Freundinnen ein Rätsel, wozu er jeden Tag diese Schlamm-Iddlis machte und dass jeder Mann, der in die Moschee zum Beten kam, einen Schlammkuchen nahm, bevor er in der Toilette verschwand. Eines Tages fragte Ahmad sie in neckendem Ton: »Wisst ihr Mädchen, wie man diese Dinger nennt?« Sein Ungestüm und sein lautes Benehmen verkündeten, dass er ein wichtiges Geheimnis kannte und dass sie, wenn sie es wissen wollten, ihn auf die richtige Art bitten müssten.
Madina und Rabia berieten miteinander und waren sich einig, dass sie von ihm überhaupt nichts erfahren wollten. Sie wussten, dass er sich richtig gedemütigt fühlen würde, wenn sie ihn einfach nicht beachteten.
»Na, wollt ihr es nicht wissen? Los, fragt mich doch«, sagte er, rollte mit den Augen und versuchte sie einzuschüchtern.
»Wir wollen überhaupt nichts wissen. Verschwinde oder wir sagen es dem Hazrat, hast du verstanden?« drohte Madina
Ahmad ging und setzte sich in eine Ecke, aber seine Zunge zuckte, als ob sie entschlossen wäre, ihnen von sich aus das zu sagen, was er wusste. Er versuchte, sich zu beherrschen, aber es gelang ihm nicht. Er drehte sich zur Wand und sagte zu ihr:
»Das heißt ›Delakatti‹! Es gibt ein paar dumme Mädchen, die gar nicht viel wissen, die unwissenden Dinger«, sagte er. Aber Rabia und Madina hatten an diesem Tag nur Ohren für das neue Wort.
Rabia hatte das Wort oft gehört, wenn ihr Vater Karim mit ihrer Mutter über Leute redete, die er kannte. Er gebrauchte das Wort als Beschimpfung: »Er ist für mich nur ein Delakatti! Ich kann ihn rauswerfen, wann ich möchte.«
Sie hatte die ganze Zeit über Muezzin Bawa dabei beobachtet, wie er mit den Händen in die Schlammmischung griff und wie er sie sehr sorgfältig verteilte. Plötzlich bekam sie einen Schreck, denn an diesem Morgen sah sie keine einzige Frucht unter dem Badam-Baum liegen.
»Bawa, warum gibt es heute keine Früchte?«
»Ja, wie ist das möglich? Guckt nur! Der Ober-Hazrat hat sie alle selbst aufgehoben. Geht nur und nehmt euch welche!« Er zeigte auf den Ober-Hazrat, der seinen Turban abgenommen und in den Schoß gelegt hatte. Er saß da und hielt seine Kette von Daspih-Gebetsperlen in der Hand. Rabia rannte ganz glücklich zu ihm. Als sie nahe bei ihm war, sah er sie mit seinen freundlichen Augen an und lud sie ein: »Komm her, Kind!«
»Asalaam aleikum, Hazrat-nga«, sagte sie höflich und setzte sich neben ihn.
»Aleikum salaam. Und was möchtest du, Madame? Möchtest du vielleicht ein paar Früchte?« Er sah sie misstrauisch an.
»Nein, nein, ich wollte dich nur sehen«, sagte Rabia und senkte verlegen den Kopf.
Er sah mit seinem dünnen Körper und der faltigen Haut sehr klein und eingeschrumpelt aus. Sein Rücken war krumm. Seine Augen lagen tief in den Höhlen. Seine Nase war sehr lang und sein Bart wallte. Er hatte die Finger in den Bart gesteckt und kämmte ihn damit. Er hatte Kinder sehr gern. Oft hob er die Früchte selbst auf, verteilte sie an alle und genoss den Anblick ihrer Freude. Die ganze Zeit über ließ er seine Perlen durch die Hände gleiten und murmelte: »S’Allah«. Dabei kaute er seine Betelblätter. Die Kinder mochten ihn auch. Wenn in einer Familie ein Kind krank wurde, gab man ihm Wasser, das der Bawa beim Maghrib-Gebet gesegnet hatte, und gleich wurde das Kind wieder gesund. Selbst wenn die Hindu-Kinder Uma oder Ramesh krank wurden, brachte ihnen jemand aus ihrer Familie das heilige Wasser. Uma fragte dann Rabia erstaunt: »Ist er ein großer Heiliger, ein Avulia oder so etwas? Mein Fieber war sofort weg und es hatte auf Dr. Saravans Spritze überhaupt nicht reagiert!«
Niemand mochte den Unter-Hazrat, Rabia und Madina am allerwenigsten. Wenn sie aus dem Koran rezitierten und nur ein einziges Wort falsch aussprachen, dann kniff er sie in die Oberschenkel. Rabia merkte, dass er sie nicht nur, um sie zu bestrafen, in die Schenkel kniff. Nur die Jungen schlug er mit dem Stock. Die Mädchen kniff er in die Schenkel.
Wenn sie ihn nur ansah, erfüllte sie das mit Scham und Abneigung. Was die Sache noch schlimmer machte, war, dass er sie oft dazu aufforderte, sich neben ihn zu setzen. Er sagte: »Komm, Rabia, setz dich neben mich. Deine Mutter hat mir gesagt, ich soll dich wirklich gut unterrichten.« Er streichelte oft ihre Wange und kniff sie in die Wange. Dann hätte Rabia am liebsten geweint. Sie sagte zu Madina: »Ich kann es nicht ertragen, von diesem Kerl Rezitieren zu lernen!«
»Das geht nicht nur dir so. Ich kann ihn auch nicht ausstehen!« stimmte Madina ihr zu.
Auch die Jungen mochten ihn nicht, denn er schlug sie tüchtig. Ahmad sagte: »Dieser Bursche hat niemals geheiratet und hat auch keine Kinder. Wie könnte er uns mögen? Er schlägt uns, als wäre er ein wilder Mann aus dem Dschungel.« Aber Rabia wurde dann ärgerlich über Ahmad: »Du darfst die Hazrats nicht so beschimpfen, sonst kommst du in die Hölle. Weißt du denn nicht, dass das Höllenfeuer dich niemals an der Stelle verbrennen kann, wo der Stock des Hazrats dich getroffen hat?«
Er antwortete: »Das wäre dann gut, wenn ich in die Hölle käme. Aber was ist, wenn ich in den Himmel komme? Was hätten dann all die Schläge genützt, die ich hier unten bekommen habe?«
»Geh weg, dummer Kerl, ich will nicht mit dir sprechen.« Rabia verlor das Interesse an ihm.
Den Hauz, das Wasserbecken im Hof der Moschee, mochte Rabia von allem am liebsten. Er war auf der Höhe des Erdbodens angebracht und dort wusch sich die gesamte Gemeinde vor den Gebeten. Man ließ dort viele Fische laichen. Die Fische schwammen zwischen den Wasserpflanzen hindurch, hielten sich dort versteckt und spielten. Rabia wollte sie unbedingt an die Oberfläche locken, um sie zu beobachten. Sie vergaß an keinem Tag, etwas von ihrem Taschengeld für Futter auszugeben, das sie von einem Jungen kaufte, der es vor der Moschee anbot. Sie setzte sich neben den Hauz, brach es in Stückchen und warf es auf die Wasseroberfläche. Sofort kamen alle Fische wuselnd nach oben und kämpften miteinander. Es war ihr tägliches Ritual, diese Szene zu beobachten und zu genießen. Als Ahmad zu ihrer Mutter gegangen war und es ihr erzählt hatte, hatte Zohra Rabia ordentlich ausgeschimpft:
»Ich schicke dich in die Moschee-Schule, damit du den Koran zitieren lernst, nicht damit du da rumspielst. Ich hatte die Absicht, den Hazrats neue Kleider und Geld zu schenken, wenn du den Koran lesen kannst, bevor du erwachsen wirst. Aber du, alles was du tust, ist herumbummeln«, schimpfte ihre Mutter. In genau demselben Ton ermahnte ihre Mutter sie, bevor sie in die Moschee ging und sobald sie zurückkam: »Wasch jetzt dein Gesicht und pudere es. Du bist fast alt genug, um erwachsen zu werden.«
An jenem Morgen hatte Zunaidas Familie, wie es der Katab-Fatihah-Ritus des dritten Tages nach dem Begräbnis verlangte, während der Madrasa jedem Kind eine Rupie gegeben. Die Kinder freuten sich sehr. Viele Kinder kamen der Madrasa gegenüber in Kajas Laden zusammen und wollten verschiedene Süßigkeiten kaufen.
Madina flüsterte Rabia ins Ohr: »Gib das Geld nicht aus.« Rabia blinzelte. Sie verstand nicht, was ihre Freundin meinte. Madina erklärte es ihr: »Es ist Geld aus dem Totenhaus. Wir dürfen es nicht behalten. Wir wollen es ins Wasser werfen, das durch den Hauz fließt. Niemand sah, dass sie ihre Rupien wegwarfen. Rabia war nicht sehr glücklich darüber. Wenigstens hätte sie Futter für die Fische am nächsten Morgen kaufen können. Aber sie tat das, was Madina ihr sagte, denn sie glaubte, dass es einen guten Grund dafür gebe, wenn sie es sagte. Sie und Madina versteckten nichts und hatten keine Geheimnisse voreinander. Mit einer Ausnahme. Es war die Tatsache, dass Rabias junge Tante Firdaus von ihrem Ehemann den Talaq bekommen hatte und zu ihrer Mutter nach Hause zurückgekehrt war. Rabias Mutter Zohra hatte ihr verboten, auch nur eine Silbe zu irgendjemandem darüber zu sagen.
Tante Rahima war ärgerlich darüber: »Wie lange, denkst du, kann man so etwas wohl geheim halten? Wenn es nicht heute rauskommt, dann sicherlich morgen. Was erzählst du dem unschuldigen Kind?«
Rabia war irritiert gewesen, hatte dagestanden und die beiden angestarrt, denn sie verstand nicht, worum es bei dem Streit ging. Was bedeutete »Talaq«? Wen könnte sie fragen, um das herauszubekommen? Sie wusste es nicht. Vielleicht sollte sie Ahmad fragen?
Als Firdaus beim ersten Hahnenschrei erwachte, sagte ihr die vollkommene Dunkelheit, die sie umgab, dass es noch sehr früh am Morgen sei, noch nicht Zeit für die Bajar-Gebete. Ihre Augenlider waren vom Wachen und Weinen geschwollen und fühlten sich schwer an. Von irgendwoher hörte sie das Weinen eines Kindes. Es klang leise, denn es kam aus größerer Entfernung. Plötzlich war sie sich unsicher, wo sie sich befand. In der Dunkelheit tastete sie nach der Wand über ihrem Kopf. Der Schrank am Kopfende ihres Bettes, den ihre Finger berührten, belehrte sie darüber, dass sie im Haus ihrer Mutter war. Ihre Kehle schnürte sich zusammen, wenn sie daran dachte, dass im letzten Monat die wichtigsten Ereignisse ihres Lebens stattgefunden hatten und nun vorüber waren. Von nun an blieb ihr nichts mehr, woran sie sich hätte halten können. Sie hatte einen Monat gebraucht, um sich dieser Tatsache ganz bewusst zu werden: Alles war zu Ende. Von nun an konnte sie nicht mehr in der Außenwelt erscheinen. Die ganze Stadt würde sie verhöhnen, schlecht von ihr sprechen und sie mit Verachtung strafen.
Aber es wäre noch entsetzlicher gewesen, wenn sie sich gezwungen hätte, mit Yusuf zu leben. Das hätte sie nie im Leben akzeptiert. Sie hatte diese Entscheidung getroffen, weil sie wusste, dass sie außer dieser Not jede andere würde ertragen können. Ihre Mutter und ihre Schwester Zohra hatten sie, so sehr sie es vermochten, gebeten zu ihrem Mann zurückzugehen. Sie hatten sogar vor Verzweiflung geweint. Sie jedoch hatte nicht nachgegeben. Schließlich stimmten die beiden zu, dass sie um den Talaq bitten würden.
So sehr Firdaus auch darüber nachdachte, sie konnte immer wieder nur zu dem Schluss kommen, dass hauptsächlich ihre Schönheit sie in diese Situation gebracht hatte. Sie sagte oft zu sich selbst: »Warum wurde ich mit dieser Schönheit geboren? Warum musste ich so vollständig zerstört werden?«
Am Tag ihrer Hochzeit hatte die ganze Stadt dasselbe gesagt. Alle Frauen hatten in Hörweite geflüstert: »Das ist ja entsetzlich! Ist das wirklich das Beste, was sie für sie tun können, so wie die Dinge liegen?«
Eine Frau hatte verächtlich gesagt: »Er ist doch aus dem Ausland, nicht wahr? Er hat wahrscheinlich viel Geld. Da haben sie sich nicht weiter darum gekümmert, ob sie zusammenpassen. Versteht ihr, was ich meine?«
Firdaus war bewusst, dass ihre Worte sie provozieren sollten, aber sie hörte trotzdem zu. Ihr Herz schlug heftig. Tränen strömten ihr aus den Augen, als sie, hinter ihrem Schleier und ihrem Blumen-Kopfschmuck versteckt, mit hängendem Kopf dasaß. Ihr Bräutigam setzte sich neben sie, sein Seiden-Veshti raschelte. Die Haji-Amma sagte, er solle ihr Haar berühren und den Salawaat zum Lobe des Heiligen Propheten singen. Als seine Hand sie berührte, hätte sie sich am liebsten in Luft aufgelöst, sie wollte sich ganz und gar in sich selbst zurückziehen. Widerwille hatte sie erfüllt, noch bevor sie sein Gesicht gesehen hatte. Sie saß weiterhin da und ließ den Kopf nach vorn hängen. Dann nahm die Haji-Amma einen Handspiegel, schob die Blumen, die ihr Gesicht bedeckten, beiseite und sagte zum Bräutigam, er solle das Spiegelbild seiner Braut ansehen. Firdaus konnte ihn jedoch noch nicht sehen. Die Haji-Amma legte ihr das Tali um den Hals und führte alle Rituale alleine aus. Firdaus musste unbedingt sofort das Gesicht ihres Bräutigams sehen!
Man forderte sie auf, etwas Reis aus einem Gefäß zu nehmen. Sie sah seine Hände an, wie sie über den Reis strichen, den sie herausgenommen hatte. Sie erschrak beim Anblick dieser Finger. Sie waren sehr dunkel und lang und bis auf die Knochen abgemagert. Da brachte sie es nicht über sich, noch mehr Reis aus dem Gefäß zu nehmen. Die Frauen um sie herum drängten sie: »Los, Mädchen, greif noch ein paarmal zu, es wird spät.« Ihr war kaum bewusst, was sie tat, als sie weitermachte. Auch alles andere, was man ihr sagte, tat sie.
Die Gäste von Seiten des Bräutigams hatten das Festmahl gegessen und waren zum Aufbruch bereit. Die Brautgaben wurden in einen Lastwagen geladen und weggeschickt. Die Abreise von Braut und Bräutigam wurde vorbereitet. Firdaus war in ihrem Zimmer und umarmte ihre Mutter. Es dauerte lange, um sie dazu zu überreden aufzubrechen. Zwar hätten sich Mutter und Tochter noch viel zu sagen gehabt, aber sie konnten beide nur weinen. Als Firdaus Amina umarmte und weinte, war offensichtlich, dass sie nicht gehen wollte. Es war deutlich, dass sie sich sehr fürchtete.
Als sie am Abend allein in ihrem Zimmer gewesen waren, hatte Firdaus, sobald sie im schwachen Lichtschein Yusufs Gesicht gesehen hatte, gesagt: »Ich werde nicht mit dir leben. Rühr mich nicht an!«
Wenn sie daran dachte, war sie sogar jetzt noch schockiert. Wie hatte sie so etwas wagen können? Woher hatte ein Mädchen vom Dorf, wie sie eins war, nur den Mut nehmen können!
Die ganze Stadt war, so schien es, starr vor Schreck gewesen. Amina konnte kaum noch ihr Zimmer verlassen. Sie ging nur selten aus dem Haus. Sie weinte unaufhörlich und beschimpfte sich selbst dafür, dass sie ein so wildes und trotziges Kind hatte. Zohra gab ihrer jüngeren Schwester den Rat, nicht so vermessen zu sein, die Scheidung zu fordern.
»Was hilft dir nun deine Schönheit? Weißt du, dass dein Leben nun zu Ende ist?«
Firdaus hatte geantwortet: »Schwester, schon allein sein Gesicht stößt mich ab! Ich kann sein Wolfsgesicht und seinen ekelerregenden Körper nicht ertragen! Ich könnte niemals mit ihm leben. Eher würde ich mich umbringen.«
Amina hatte gesagt: »Ja, vielleicht wäre das sogar das Beste. Was du getan hast, ist wirklich ekelhaft!«
Firdaus war sich bewusst, dass nicht nur Yusufs Aussehen sie dazu veranlasst hatte, sich zu weigern, mit ihm zu leben. Außerdem hatte sie der Gedanke bis zum Wahnsinn gereizt, sie müsse ihren Schwager Karim dafür bestrafen, dass er gerade diesen Mann für sie ausgewählt hatte. Karim hatte nach dem Tod ihres Vaters die gesamte Verantwortung für die Familie übernommen und beherrschte seitdem alle. Er bestand darauf, dass sein Wort Gesetz sei. Nichts durfte ohne seine Erlaubnis geschehen. Alles, was geschah, geschah durch seine Gunst. Alles, was er tat, war richtig. Niemand sollte es in Frage stellen.
Kurz nachdem die Heirat arrangiert worden war, waren eines Tages Zohra und Karim oben in ihrem Zimmer gewesen. Da hatte Firdaus Zohra ihren Mann mit sanfter Stimme, die ihre Besorgnis verriet, fragen hören: »Warst du sicher, dass du den Mann mochtest, ehe du die Verabredung getroffen hast?«
